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Let's Play - Jagd nach dem Arkenstein

von Calmacil
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
06.03.2020
18.03.2021
20
60.665
6
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.07.2020 3.143
 
Hallöchen liebe Leser. Vielen Dank für einen weiteren Favo-Eintrag. Ich freue mich über euer Interesse und jeden einzelnen der mitliest. Und natürlich ein großes Dankeschön an die liebe Hexe1177 für die Reviews :)
Und damit verdünnisiere ich mich, denn was Vin und Thorin anstellen ist vermutlich interessanter. Viel Spaß beim Lesen :)




Draußen war es tatsächlich frisch. Typisches Frühlings-, wenn nicht sogar Aprilwetter. Die ganze Woche schon schien das Wetter sich nicht entscheiden zu können. Den einen Tag wurde man auf Sparflamme gegrillt, den nächsten schüttete es wie aus Eimer. Doch das kleine Restaurant war ganz in der Nähe und es sah nicht nach Regen aus. Und für den Abend war ja wohl schon genug schiefgelaufen. Außerdem war Corvinna zu faul und zu hungrig, um nochmal mit dem Fahrstuhl nach oben zu fahren und sich eine Jacke zu holen. Sie hatte Thorin direkt nach ihrem überraschenden Angebot gesagt, wo sie hinwollte. Es sollte ja tatsächlich vorkommen, dass Leute kein chinesisches Essen mochten. Doch er kannte es sogar. Zwar hatte er noch nie dort gegessen, fehlte ihm in seinem Beruf einfach die Zeit dafür, aber er war oft genug daran vorbeigefahren. Und ein Gutes hatte die kühle Luft tatsächlich. Sie half dabei einen klaren Kopf zu bekommen. Denn es fiel Beiden immer noch schwer zu realisieren, dass eine erwachsene Frau sich dermaßen peinlich aufgeführt hatte.

Es war erstaunlich ruhig draußen. Bei den Beiden kam der Lärm von unten nicht an, bei geöffneten Fenstern sogar nur gedämpft. Allerdings herrschte tagsüber auf den Straßen reger Verkehr und selbst abends rauschte das ein oder andere Auto noch durch. Heute scheinbar nicht. Außer dem Flackern einer Straßenlaterne und weit entferntem Verkehr war nichts zu hören. Genau das richtige, wenn einem der Kopf schon beinahe platzte. Doch sie waren keine fünf Meter weit gekommen, da klingelte ihnen ein ohrenbetäubendes Geheul in den Ohren. Man hätte es ebenso gut für eine Banshee halten können, so grässlich klang es. Selbst die Sirenen eines Rettungswagens, der direkt neben einem herfuhr klingelten nicht so nach. Die Wahrheit war grässlicher. Ein Blick am Haus entlang zeigte im Vierten Stock Licht und ein offenes Fenster. Beide tauschten einen Blick, doch ihnen fehlten dazu einfach die Worte. Langsam wurde es lächerlich. „Vielleicht irre ich mich ja.“ Sie wollte ihn ein bisschen aufmunternd und versuchte sich an eben so einem Lächeln, aber es war eher gequält. „Aber vielleicht erinnert sie sich morgen früh an alles und so peinlich wie ihr das ist zieht sie von alleine aus.“ Die Chance dafür war schwindend gering. Aber man durfte schließlich noch träumen.

Thorin schnaubte nur amüsiert über die kleine Wunschvorstellung von Corvinna. „Sollte das der Fall sein, dann trage ich ihr eigenhändig die Möbel aus der Wohnung.“ Zu schön war die Vorstellung, dass er endlich Ruhe vor dieser Frau haben würde. Für immer. „Da wäre ich vorsichtig. Sonst versteht sie das wohlmöglich noch falsch und meldet die neue Wohnung auf Beide Namen an.“ Ein böser kleiner Scherz. So wie er das Gesicht verzog stellte er sich das wohl vor. Dabei wollte sie ihn ablenken und nicht weiter quälen. „Entschuldigung.“ Sie grinste ihn leicht an und nickte dann die Straße entlang. Sie wollte verschwinden, bevor ihr von dem ganzen Geheul noch die Ohren klingeln würden. Denn da oben schien der nächste Heulkrampf einzusetzen. Und ihr Magen machte sich schon mit einem leisen Grummeln bemerkbar. „Schon gut.“ Ihm war es lieber darüber Witze zu machen, als mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Er bemerkte aber, dass Corvinna wenn sie mit geschlossenen Augen lachte oder grinste scheinbar die Nase ein wenig kraus zog. Irgendwie sah das niedlich aus.

„Belästigt sie dich schon lange? Oder hat das erst vor kurzem angefangen?“ Sie fragte vorsichtig nach. Jeder war bei so etwas anders. Aber so wie er reagiert hatte ging sie davon aus, dass das schon ein paar Wochen lang so ging. Die tiefe des Seufzers klang allerdings eher nach Monaten. „Das fing an kurz nachdem ich eingezogen bin. Das erste Mal war sie noch recht normal. Aber jedes Mal, wenn ich sie danach getroffen habe wurde sie aufdringlicher.“ Ein wenig bitter lachte er danach auf. „Es muss aber auch sein Gutes haben, wenn man regelmäßig Überstunden macht. So oft ist sie mir zum Glück nicht über den Weg gelaufen.“ Kurz hatte sie sich von dem Klang seines Lachens ablenken lassen. Genau wie seine Stimme war es eher tief und es klang unglaublich angenehm in ihrem Ohr. Das würde Vin ihm so einfach allerdings nicht verraten. Ganz sicher nicht. Unweigerlich musste sie an ihre liebste Nervensäge denken. Der hatte auch eine ziemlich tiefe und melodische Stimme. Vermutlich mochte sie es deshalb so. Sie klangen sich nur komischerweise überhaupt nicht ähnlich. Und das war gerad eher nebensächlich.

„Bürojobs sind eben doch nicht so ätzend, wie alle sagen. Also hat sie dir noch nicht irgendwo aufgelauert“? Thorin war ein wenig schockiert, was Corvinna dieser Frau zutraute. Auf der anderen Seite, nach diesem Abend konnte man ihr wohl einiges zutrauen. „Nein. Nein, das glaube ich nicht. Das wäre aber auch schwer, so unregelmäßig wie meine Arbeitszeiten sind. Die Mühe stundenlang am Aufzug zu warten macht sich doch keiner.“ Zumindest wollte er das hoffen. Er versuchte zurückzudenken, wann er diese Frau getroffen hatte, doch es waren immer nur zufällige Begegnungen gewesen. Für einen Augenblick hatte sie ihm mit dieser Schnapsidee tatsächlich Sorgen gemacht. „Außerdem wäre das dem Portier sicher aufgefallen, wenn sie stundenlang am Aufzug herumlungert.“ Vin nickte langsam und spielte dabei mit dem Schlüssel in ihrer Hand herum. „Stimmt. Das hätten sie dann doch bemerkt. Unauffällig ist nicht gerad ihre Stärke.“ Da war viel Wahres dran, aber sie spielte immer noch mit dem Schlüssel in ihrer Hand herum. Nervös wirkte Vin allerdings nicht. Eher nachdenklich, so wie sie die Stirn runzelte. Und Thorin wollte nicht wissen, was er unbewusst mit den Sachen auf seinem Schreibtisch machte, wenn er im Büro nachdachte. Dwalin hatte mal so lange mit einem Stift rumgespielt, bis er im Kaffee gelandet war. Und der hatte nicht mal gemerkt, dass er es war, der den Stift in der Tasse versenkt hatte.

„Aber ich hoffe nach deiner ziemlich deutlichen Rüge lässt sie mich in Ruhe. Vorausgesetzt sie erinnert sich daran.“ Prustend und ein wenig verlegen sah sie weg, bevor sie das erste Mal um die Ecke bogen. Die Seitenstraßen waren gleich ein wenig spärlicher belichtet. Die Straßen waren hier generell schmaler. Deswegen durfte man hier auch nur äußerst langsam fahren. Auch die Bürgersteige boten hier gerade noch genug Platz für zwei Menschen nebeneinander. Unweigerlich liefen sie dichter nebeneinander her. „Das wäre ja wünschenswert. Nicht?“ Irgendwie schaffte sie es mit vollen Händen ihre Haare zurückzuschieben. Wobei das nichts weiter als reine Übungssache war. „Das war nicht das erste Mal, dass du jemanden zu angefahren hast, oder?“ War es nicht. Das hatte man gehört, denn sie hatte ihre Stimme viel zu sehr im Griff gehabt. Wenn man das erste Mal platze, dann überschlug sich die eigene Stimme, man wurde gehässig, persönlicher oder ausfallend. Dem eigenen Ärger kontrolliert und sachlich Luft zu machen war schwerer, als man dachte. Und ganz so perfekt funktionierte es immer noch nicht. Aber sie war auf einem guten Weg was das anging. „Nein, war es nicht. Ich vermeide es zwar gerne, aber jetzt am Freitag war es im Büro mal wieder fällig. Die haben doch tatsächlich die Akten verlegt und kurzzeitig hieß es, sie wären aus Versehen geschreddert worden.“ Autsch. Er kannte das Problem schließlich selbst. An solchen Tagen brach die Hölle los. „Und das Chaos war natürlich grandios. Als hätte jemand einem Haufen Hühner zu viel Kaffee gegeben. Immerhin sind die Akten am Ende wieder aufgetaucht, aber meine armen Nerven. Das war so eine Verschwendung von Zeit und Energie...“  

Thorin schmunzelte leicht, hatten er jetzt keine Probleme mehr damit sich vorzustellen, wie seine Nachbarin einen Haufen Anzugträger zusammenschiss. Die zitterten vermutlich wie Hühnchen vor einem großen bösen Wolf. „Das Hühnerstallphänomen kenne ich. Und dabei entsteht oft noch mehr Chaos.“ Sie nickte zustimmend und schien sich regelrecht in diese Sache rein zu steigern. „Ich meine, was ist denn so schwer daran Dinge dahin zu legen, wo sie hingehören und nicht dreißig Sachen auf einmal anzufangen? Das macht doch nur noch mehr Stress.“ Irgendwie beruhigte ihn das. Manchmal dachte er sowas konnte nur ihm passieren. Doch die Probleme waren scheinbar überall die gleichen. „Schön wird es auch, wenn die Leute sich gegenseitig beschuldigen, anstatt erst einmal nach diesem Papierstapel zu suchen.“ Sie nickte nur aber in ihrem Blick lag einfach diese Verständnislosigkeit. Ihm wollte das auch nicht in den Schädel. „Ich bin selbst nicht perfekt, das weiß ich selber. Ich vergesse auch mal was. Aber keine Akte, von der abhängt ob wir einen…“ Sie unterbrach sich selbst und grinste leicht verlegen vor sich hin. „Naja. Was genau drin steht darf ich dir natürlich nicht sagen.“ Schlaues kleines Ding. Nicht das er das wissen wollte, er wusste ja nicht mal, wo sie arbeitete. Aber selbst erfahrene Geschäftsleute konnten sich mal verplappern.  

„Keine Sorge. Ich dürfte dir auch nicht sagen, was wir gerade für ein Projekt beendet haben. Aber warst du deswegen so geknickt? Wegen dem ganzen Stress?“ Das wäre besser als seine Theorie. Und sie war noch jung. Das machte ja selbst ihn manchmal fertig. Vin zog die Lippen kurz zusammen, bevor die Luft geräuschvoll auspustete. „Unter anderem.“ Einen Moment überlegte sie, aber immerhin war etwas ähnliches vor ein paar Minuten im Foyer passiert. „Ein Kerl aus dem Team, der eventuell morgen eine hübsche Kündigung, aber zumindest eine Abmahnung auf den Schreibtisch hat, war der Meinung seinem Kollegen über seine kranken Fantasien unterrichten zu müssen. Dabei hat er nur nicht gemerkt, dass ich hinter ihm stehe. Ich erspare dir die Details. Abgesehen davon, dass so etwas generell nichts am Arbeitsplatz verloren hat war es einfach nur peinlich und ekelig.“ Also hatte er doch recht gehabt. Sein Kiefer krampfte schon beinahe, so fest presste er ihn aufeinander. So etwas war in seinen Augen einfach widerlich und armselig. „Aber dir ist, abgesehen davon, nichts passiert?“ Sie schüttelt den Kopf. Immerhin das. „Ich meine, ich fand es schon dreist, unangebracht und unangenehm so etwas zu hören, aber so jemanden will die Firma auch nicht.“ Er nickte. Allzu verständlich. Bei so einem Widerling.

„Wo genau arbeitest du? Eure Personalabteilung scheint ja ziemlich schnell zu arbeiten.“ Sie hatte eh überlegt, wie sie ihm das geschickt beibringen konnte, aber so bot es sich. Kaum verließ der Name der Firma ihren Mund ließ sie ihn nicht aus den Augen. Wenn er jetzt schon an die Decke ging, dann käme sie wenigstens ohne die große Peinlichkeit heraus, dass die Firma ihrem Vater gehörte. Doch viel tat sich nicht in seinem Gesicht. Er zog kurz die Augenbrauen zusammen, als würde er überlegen. Mehr nicht. Und bevor sie auf die Straße ließ guckte sie lieber wieder geradeaus. Sie waren fast da. Zweimal abbiegen war auch nicht sonderlich schwer. Der kleine Laden leuchtet durch die Lampen schon gut erkennbar, alle anderen Fenster waren nämlich dunkel. Zum Teil waren es Wohnhäuser oder nur kleine Läden, die erst wieder am nächsten Tag öffnen würden. Über dem Eingang hing ein helles Holzschild, auf das mit schwarz der Name des Restaurants stand. Die schwarzen Schriftzeichen wirkten auf dem Holz sehr viel authentischer als diese Neonschilder, bei denen regelmäßig mal ein Buchstabe ausfiel. Beleuchtet wurde das Ganze von außen mit zwei schlichten Lampions. „Das ist die Firma von Fisher, richtig?“ Sie nickte und wandte ihm wieder ihre volle Aufmerksamkeit zu. Sie wollte doch nur eine kleine Reaktion. Einen winzig kleinen Anhaltspunkt. War das denn zu viel verlangt?

Scheinbar war es das. Denn ihr Handy löste ein regelrechtes Erdbeben aus. „Willst du nicht nachgucken?“ Das war auch so eine Sache. Wer im Büro arbeitete, wusste das um diese Uhrzeit auch gerne nochmal jemand aus der Firma anrufen konnte. War nur dieses Mal nicht der Fall. Lucien. Der schickte ihr eine Nachricht nach der anderen. Ausgerechnet jetzt! Der neugierige kleine Mistkerl. Konnte der nicht mal warten? Wobei sie ihm nur gesagt hatte, dass sie aufgehalten wurde. Das sie mit Thorin unterwegs war wusste der ja gar nicht. „Entschuldigung.“ Je mehr sie las, desto mehr verengten sich ihre Augenbrauen und sie zog erneut die Nase kraus. „Kann ja wohl nicht dein Ernst sein.“ Er ging stark davon aus, dass sie die Person meinte, die ihr die Nachrichten geschickt hat. Doch ihr bester Freund wollte natürlich wissen, durch was und vor allem durch wen sie aufgehalten wurde. Manchmal hatte er wirklich etwas von einem Hund, dem man das liebste Spielzeug vor die Nase hielt. Flink tippte sie irgendetwas ein und schickte eine Nachricht ab. Wenn der so aufgedreht war konnte der ruhig noch etwas warten und Zeit ihn zurückzurufen hatte sie gerade nicht.

„Probleme?“ Sie lachte gekünstelt und sperrte den Bildschirm wieder. „Kennst du das Gefühl, wenn du deinen besten Freund erschlagen willst?“ Im Moment kannte er das Gefühl sehr gut. Der Glatzkopf sollte ihm nur in die Finger kommen. Der hatte das mit seinem Zwangsurlaub sicher gewusst und er würde sich entsprechend für die nicht ausgesprochene Warnung bedanken. Dementsprechend schadenfroh und verständnisvoll fiel sein Grinsen aus. „Ja, doch. Geht mir regelmäßig so.“ Sie seufzte und griff nach der Tür, in der anderen wackelte sie mit dem Handy. „Neugierde in Person.“ Tja. Er würde ja gerne sagen so waren Frauen eben, aber sollte er Frerin und Dwalin davon berichten, würden sie ihn auch nicht in Ruhe lassen bis er auch das letzte noch so kleine Detail ausgespuckt hatte. Ganz zu schweigen von dem Verhör, dass seine Schwester vorbereiten würde. „Um die Uhrzeit sage ich nur immer bescheid, ob und wohin ich gehe, damit jemand weiß ob ich auch sicher nach Hause komme. Und wenn ich nicht antworte kommt dementsprechend die Kavallerie.“ Das war gar nicht so dumm. Als Frau musste sie draußen immer mehr aufpassen, abends ganz besonders. Bevor er ihr allerdings die Tür aufhalten konnte zog sie die Glastür selbst auf.  

Sofort schlug einem die warme Luft mit Unmengen von Gerüchen entgegen. Was auch immer gerade gekocht wurde roch unglaublich gut. Es war klein, gemütlich und authentisch. Hier stand nicht an jedem freien Flecken die typische billige pseudo chinesische Deko herum. Die Wand war mit hellem Holz vertäfelt, an vereinzelten Stellen standen kleine Vasen mit einigen knospenden Zweigen darin und alles hielt sich eher in Erdtönen. Man wurde nicht direkt von Deko erschlagen und es gab nur eine Handvoll Tische. An einem saßen zwei Studenten, erkennbar unter anderem an ihren Augenringen, den Büchern und Laptops, die bei einem späten Essen vermutlich versuchten, eine Abgabefrist einzuhalten. Die Zeiten vermisste er nicht wirklich. Ansonsten war es leer. In der halboffenen Küche standen zwei Köche, vom Altersunterschied vielleicht sogar Vater und Sohn. Hinter den Beiden war noch eine Tür, die vermutlich in eine größere Küche führte. Durch die Glaswand konnte man zusehen, wie der Ältere in voller Konzentration Gemüse hackte. Und das in einer Geschwindigkeit, bei der man Angst um seine Finger bekam. Der Jüngere sah auf und lächelte über die halbhohe Wand, die gleichzeitig als Theke diente. Er wirke unglaublich freundlich, doch er verstand kein Wort von dem was er sagte. Corvinna dagegen lächelte zurück und antwortete in der fremden Sprache. Mit einem kleinen Lachen nickte der Mann nur und sah ihn dann direkt an. „Schönen guten Abend. Setzen sie sich, wo sie möchten.“ Also sprach er doch ihre Sprache. Das hieß Corvinna war so oft hier, dass er sie sofort erkannt hatte und sie unterhielt sich scheinbar in der anderen Sprache mit ihnen.

Noch bevor sie richtig am Tisch saßen sprang ihm die Frage direkt aus dem Mund. „Du sprichts chinesisch?“ Eine ziemlich dumme Frage im Nachhinein. Offensichtlich tat sie es. Aber das war immer noch besser als sie peinlich anzuschweigen. Zumal sie tatsächlich mit einem kleinen Zwinkern nickte und verschmitzt vor sich hin grinste. „Wie kam es dazu? Interesse?“ Es war doch recht ungewöhnlich. „Nun, eigentlich nicht. Meine Eltern dachten es wäre eine gute Idee, wenn ich schon als Kind eine weitere Sprache lerne. Ich hatte Unterricht noch bevor ich zur Grundschule gegangen bin.“ Das klang in seinen Ohren wie ein absoluter Alptraum. Natürlich, schaden konnte es in der heutigen Zeit nicht, aber als Kind hatte man andere Dinge im Kopf. „Hattest du auch noch Geigenunterricht oder so was?“ Eigentlich sollte das ein Witz sein, aber so wie sie ihn ansah hatte er damit genau ins Schwarze getroffen. Klasse. „Knapp daneben. Es war Klavierunterricht. Aber so schlimm war das gar nicht.“ Es war immerhin besser als den ganzen Tag allein zuhause zu sein. Bevor das Gespräch allerdings zu unangenehm wurde, tauchte zu ihrer Rettung eine kleine ältere Dame auf. Kurzes langsam ergrauendes Haar, eine Brille auf der Nase, aber die Augen dahinter waren wach und trotz der eher kompakten Figur schien die Frau vor Kraft nur so zu strotzen. Allerdings reichte sie ihnen Beiden nur mit einem höflichen Lächeln auf den Lippen eine kleine Karte und wuselte wieder davon. Vin sah ihr lächelnd nach. Eine bessere Möglichkeit das Thema unter den Tisch fallen zu lassen gab es nicht.

Allzu großen Hunger hatte er eigentlich nicht, aber es roch verdammt lecker aus der Küche. Und nach so einem Abend konnte man auch Nervennahrung gebrauchen. Kaum berührte die Karte den Tisch war die kleine Frau wieder da. Vin hatte nicht einmal rein gesehen. „Was darf ich ihnen bringen?“ Dabei sah sie ihm genau in die Augen und auch wenn sie freundlich wirkte, er würde schätzen diese Frau würde jemanden auch mit einem Nudelholz durch die Gegend jagen, wenn man sie verärgerte. Wieso wusste er nicht, es war einfach nur ein Bauchgefühl. Seine Bestellung notierte sie und dann sah sie zu seiner Nachbarin. „Und was darf es heute sein? Das Übliche?“ Ihre Stimme wurde ein wenig weicher während Vin ihr freundliches Lächeln erwiderte. „Ja, aber heute bitte drei Körbe.“ Sie nickte, doch dann blitzte etwas in ihren Augen auf. Neugierde. Auch sie verfiel nun in die andere Sprache und stellte ihr wohl irgendeine Frage, denn Corvinna wurde dezent rot. Bei ihrer Haut fiel das sofort auf. Er verstand kein Wort, aber dafür konnte er auf den Tonfall und ihre Körpersprache achten. Geradezu verlegen antwortete sie und die Frau verschwand mit einem herzlichen Lachen, während Vin ihren Kopf so hängen ließ, dass ihre Haare ins Gesicht fielen. „Kann ich davon ausgehe, dass du hier Stammgast bist?“ Das trockene Lachen war Antwort genug und hinter dem Vorhang aus Haaren linsten ihre grauen Augen hervor. Trotzdem war deutlich erkennbar, dass sie reichlich Farbe im Gesicht bekommen hatte. „Will ich wissen, was sie über mich gesagt hat?“ Den Spott konnte er sich für Corvinnas Geschmack auch gerne sonst wohin stecken. Aber es war offensichtlich, dass sie eine Bemerkung über ihn gemacht haben musste. Vin schüttelte ihren Kopf und versteckte ihr Gesicht nun auch noch in den Händen. „Themawechsel. Bitte!“ Was hatte diese Frau denn nur gesagt? So sehr ihn das auch interessierte, er entschied sich nicht weiter nachzufragen. Fürs erste.
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