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... weil ich dich liebe ...

von Amery
GeschichteLiebesgeschichte / P16 Slash
Semi Eita Shirabu Kenjirou Sugawara Koushi Tendou Satori
06.03.2020
29.11.2020
39
127.942
19
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22.11.2020 3.186
 
Er war zwar mal wieder viel zu früh dran, aber Kenjirō hatte auch keine Lust mehr, noch in die Mensa oder sonst wohin zu gehen, also schlug er den Weg zum Anatomiesaal ein und beschloss, solange auf dem Gang herumzulungern, bis der Kurs begann. Vielleicht hatte er ja Glück und irgendjemand mit Schlüsselgewalt würde sich seiner erbarmen und ihn früher hereinlassen.
Als er sich dem Raum näherte, stellte er fest, dass die Tür bereits offen zu sein schien.
"Ohayō", grüßte er beim Eintreten.
"Ohayō", kam es aus der letzten Ecke zurück.
Kenjirō reckte den Hals und versuchte seinen Gesprächspartner zu identifizieren, konnte ihn aber nicht entdecken.
"Darf ich schon anfangen oder müssen wir warten bis die Professorin da ist?", fragte er, zwischen Vorsicht und Hoffnung schwankend.
"Testat-Vorbereitung am Körper so viel du willst, aber noch nicht weiter präpen", wies die Person an, deren Stimme Kenjirō zwar inzwischen meinte zuordnen zu können, die er aber immer noch nicht sah.
"Ist gut", der Student lief zu den Spinden und verstaute seine Sachen, bevor er sich den Kittel anzog und seine Materialien in die Taschen stopfte.
"Ach, du bist es", ihr Tutor mit dem schrägen Humor stand inzwischen mitten im Raum und grinste ihn breit an, als er zurückkam.
"Hai, ich bin es", er nickte.
"Hab ich mir irgendwie schon gedacht, du siehst schon wie ein Streber aus", der Ältere lachte, als er Kenjirōs sich verfinsternde Miene sah. Dann wies er an ihren Tisch. "Ich habe meinen alten Atlas mitgebracht, den könnt ihr benutzen."
"Deinen Atlas? Mit dem du lernst?", fragte Kenjirō entsetzt. Er hütete seine Bücher wie seinen Augapfel und er konnte sich, bei aller Toleranz, nicht vorstellen, dass jemand unempfindlich genug war, ein Buch, das monatelang im Präpkurs gedient hatte, wieder zum Lernen zu nutzen oder sogar ins heimische Regal zu stellen.
"Hai, natürlich", das Grinsen wurde noch breiter. "Allerdings habe ich zwei. Einen für zu Hause und einen, den meine Gruppe damals gemeinschaftlich für den Kurs angeschafft hat und den ich dann übernommen habe. Warum in die Tonne schmeißen, wenn ihr ihn noch nutzen könnt?"
"Ach so", Kenjirō nickte begreifend und fragte sich im Stillen, warum er nicht auf die Idee gekommen war. Es hätte ja kein neuer sein müssen, dafür waren die Bücher schlicht zu teuer, aber im Antiquariat hätte er sich bestimmt ebenfalls einen zweiten Atlas für kleines Geld kaufen können.
"Ich habe ganz genau gesehen, was du dachtest, aber so verrückt bin ich dann doch nicht", sein Tutor lachte wieder, bevor er interessiert näher an den Tisch trat. "Welchen Bereich hast du gepräpt? Ich weiß es nicht mehr."
"Linkes Schienbein."
"Kannst du schon alles auswendig, was du freigelegt hast? Ich könnte dich abfragen", bot der Ältere an.
"Gerne", Kenjirō lächelte und zog seine Handschuhe an, während er ebenfalls näher an den Tisch trat und anschließend das besagte Bein aus den Tüchern schlug.


"Müssen wir das wirklich so genau wissen?!"
Kenjirō zuckte zusammen und sah überrascht auf, als er Yahabas entsetzten Ausruf hörte. Im Hintergrund hörte er ihren Tutor belustigt kichern.
Nachdem sie seinen Bereich durchgegangen waren, hatte der Ältere sich wieder zurückgezogen und ihn alleine an den anderen Extremitäten lernen lassen. Gerade war er dabei gewesen die Leitungsbahnen am linken Arm zu benennen und hatte dabei leise vor sich hingemurmelt.
"Īe, nicht so detailliert", er schüttelte den Kopf.
"Aber warum lernst du die dann?", misstrauisch kam der Jüngere näher.
"Weil-", Kenjirō brach ab und senkte verlegen den Kopf.
"Weil?"
Der Student seufzte.
"Ich überlege, ob ich mich für den nächsten Kurs als Tutor bewerben soll", gab er dann zu. "Anatomie ist unglaublich faszinierend und eine Gelegenheit, den menschlichen Körper so detailliert studieren zu können, werden wir in unserem gesamten Berufsleben nicht mehr bekommen. Außer natürlich, ich entscheide mich dafür Anatom zu werden, aber meine Begeisterung mich die nächsten Jahrzehnte um Studenten zu kümmern, hält sich, bei aller Faszination, dann doch in Grenzen", er verzog das Gesicht.
"Kann ich verstehen", Yahaba nickte.
"Wollen wir es zusammen noch mal durchgehen?", bot Kenjirō ihm dann an, sich an den Gefallen erinnernd, den ihr Tutor ihm gerade erst erwiesen hatte.
Yahaba nickte und wollte gerade nach dem ersten Muskel greifen, als Kenjirō ihn aufhielt.
"Wo sind deine Handschuhe?", fragte er stirnrunzelnd. "Es ist noch gar nicht so lange her, dass dich bereits der Anblick des Körpers aus den Socken gehauen hat und jetzt willst du ihn mit bloßen Händen anfassen?"
"Meine Hände fangen immer an zu schwitzen, wenn ich die Handschuhe so lange trage", gab der Jüngere unbekümmert zu. "Aber du musst dir keine Sorgen machen. Durch das ganze Formalin ist der Körper steril und wir können uns mit nichts mehr anstecken."
"Ich mache mir keine Sorgen, dass du dich mit irgendetwas anstecken könntest", protestierte Kenjirō. "Und das der Körper steril ist, weiß ich selbst. Was du aber anscheinend nicht bedacht hast, ist, dass Formalin krebserregend ist!"
"Nur, weil man mit krebserregenden Stoffen arbeitet, bedeutet das nicht, dass man auch Krebs bekommt", erinnerte ihn Yahaba.
"Ich mache keine Witze oder Experimente mit dem Thema. Hol dir Handschuhe!", herrschte Kenjirō ihn an.
"Aber-"
"Jetzt!"
Murrend trollte der Jüngere sich und holte sich das gewünschte Paar.
Als er wiederkam, drehte Kenjirō ihm die linke Hüfte zu.
"Greif mal in meine Kitteltasche."
"Dein Ernst?"
"Wie alt bist du?" Kenjirō verdrehte die Augen, was den anderen Studenten dazu animierte, zögernd in die Tasche zu greifen und eine kleine Tube herauszuholen.
"Was ist das?", fragend musterte er sie.
"Ein Antitranspirant für die Hände", informierte ihn Kenjirō. "Ein erbsengroßer Klecks, gut einmassiert, wird die Schweißbildung für die nächsten Stunden hemmen. Sobald die Creme eingezogen ist, kannst du die Handschuhe anziehen."
"Arigatō", misstrauisch schnüffelte Yahaba an der Creme, nachdem er einen kleinen Klecks auf der Handfläche hatte. Er sah erst auf, als er seinen Kommilitonen etwas von Schoko-Locke und Prinzessin murmeln hörte.
"Was sagst du?"
"Nichts", Kenjirō winkte ihn näher und wies auf den Körper vor ihm. "Also, wie heißt dieser Muskel?"
Es dauerte nicht lange und Kenjirō bemerkte, dass Yahaba bereits der Kopf zu qualmen schien. Dabei hatte der eigentliche Kurs noch gar nicht begonnen.
"Wollen wir eine kleine Pause machen? Ich würde gerne noch etwas trinken und die anderen kommen sicher auch bald", meinte der Jüngere schließlich vorsichtig.
"Hai, ist wohl keine schlechte Idee", Kenjirō seufzte und zusammen gingen sie wieder zu ihren Spinden.
"Sumimasen", murmelte Yahaba schließlich, während Kenjirō aus seiner Wasserflasche trank. Er warf ihm einen fragenden Blick zu, setzte das Glas aber nicht ab.
"Wegen", er zögerte kurz, "wegen gestern. Ich hab falsch reagiert, als du mir gesagt hast, dass du schwul bist."
"Was glaubst du denn, wie du hättest reagieren sollen?", fragte Kenjirō. Langsam drehte er den Deckel auf die Flasche und verstaute sie wieder in seiner Tasche.
"Weniger überrascht? Allgemein gelassener? Ich weiß nicht so genau", gab Yahaba zu. "Jedenfalls nicht so entsetzt."
"Schon gut", Kenjirō winkte ab. "Vermutlich habe ich dich einfach überfordert. Zuerst dachte ich ja, dass du übertrieben und ziemlich impulsiv reagiert hättest, aber mein Freund hat mich daran erinnert, dass so ein Geständnis eher ungewöhnlich ist, zumal wir uns ja auch nicht sonderlich nahe stehen."
"Arigatōgozaimashita", er verbeugte sich leicht, bevor er zögernd fortfuhr: "Was die Lerngruppe angeht..."
"Du bist echt hartnäckig, was?", Kenjirō schnaubte belustigt. "Ich kann dir nicht versprechen, dass wir uns so regelmäßig treffen können, wie du es vermutlich von anderen Gruppen gewohnt bist, aber hai, ab und zu wird sich mal Zeit finden lassen. Insbesondere bevor der Präpkurs anfängt."
"Warum hast du deine Meinung geändert?", fragte Yahaba überrascht.
"Egal, wem ich davon erzählt habe und wie sehr ich betont habe, dass ich das echt schräg finde, jeder hat mir erzählt, dass die Idee gut ist", er zuckte die Schultern. "Man könnte also sagen, dass ich überstimmt wurde."
"Ist das der Einfluss deines Freundes?", fragte Yahaba in einem bemüht gleichgültigen Ton, der seine Neugier nur schwer verbergen konnte.
"Auch", antwortete Kenjirō nach einem Moment des Nachdenkens. "Hai, vermutlich."
"Wie ist er so? Kenne ich ihn?"
"Du wirst ihn schon mal gesehen haben, aber kennen? Īe, nicht das ich wüsste", Kenjirō schüttelte den Kopf, während er Yahaba einen belustigten Blick zuwarf. "Er ist kein Medizin-Student und ich werde dir nicht sagen, wer er ist."
"Warum nicht?", Yahaba zog eine Schnute. Unbewusst, dessen war sich Kenjirō sicher.
"Du bist das Nesthäkchen deiner Familie, stimmts?", fragte er amüsiert.
"Stimmt, woher weißt du das?", Yahabas überraschter Blick war Gold wert.
"Geraten", er unterdrückte ein Grinsen, bevor er seufzend fortfuhr: "Die Gesamtsituation ist momentan nicht so einfach und ich habe ihn noch nicht einmal meinen Eltern vorgestellt." Nicht, dass Kenjirō damit rechnete, dass sich das in nächster Zeit ändern würde, sofern nicht der Zufall seine Finger im Spiel hätte, aber eine wunderbare Ausrede, die jeder nachvollziehen konnte.
"Oh", auf Yahabas Gesicht zeigte sich tatsächlich Verständnis. "Glaubst du, dass sie ihn mögen werden?"
"Sie würden ihn lieben", Kenjirō lächelte und wartete auf Yahabas vorsichtige Erwiderung, bevor er hinterherschob: "Nur nicht als meinen Partner."
"Warum? Was erwarten sie sich denn für dich?", Yahabas vorsichtiges Lächeln verschwand augenblicklich, nur die Unsicherheit blieb.
"Zuallererst? Eine andere anatomische Ausstattung."
"Okay, jetzt komme ich nicht mehr mit", gab Yahaba zu.
"Hab ich dich zu schnell abgefragt? Normalerweise bist du aufnahmefähiger und schalten tust du auch schneller", stellte Kenjirō fest, während er nach einem neuen Paar Handschuhe griff und sich in die Kitteltasche stopfte.
"Ein wenig", gab der Student zu, bevor er murmelnd hinzufügte: "Hatte was von einem Maschinengewehr."
"Meine Eltern erwarten, dass ich schnell die Karriereleiter hochklettere und nebenbei noch eine Frau heirate, die entweder ebenfalls beruflich erfolgreich ist oder sich sozial stark engagiert, am besten beides. Nebenbei stehen natürlich auch noch Kinder an, die ebenfalls brillieren sollen. Also eigentlich die ganz normalen Wünsche einer japanischen Durchschnittsfamilie."
"Hai, der Durchschnitt eben", Yahaba schluckte schwer.
"Und bei dir so?", fragte Kenjirō mit mildem Interesse.
"So ähnlich", der Jüngere lachte hilflos. "Vielleicht nicht ganz so detailliert. Īe, eigentlich ganz anders."
"Und wie sieht dieses anders aus?"
"Lehrer werden, wie meine Eltern", er zuckte mit den Schultern. "Aber ich interessiere mich für Medizin und mit den Noten hat es auch gepasst, warum also nicht Arzt? Immer noch bescheidene Arbeitszeiten, aber zumindest ein besseres Gehalt."
"Und du kannst dennoch mit Kindern arbeiten."
"Hai, kann ich", Yahaba lächelte vorsichtig. "Also, was ist dein Freund jetzt für ein Typ?"
Kenjirō starrte ihn an und schloss kapitulierend die Augen, während er schwer seufzte.
"Du hast es also nicht vergessen. Später, okay? Die anderen kommen gerade und der Kurs fängt an."


Kenjirō hatte sich nach draußen verkrümelt und setzte sich für seine Mittagspause unter einen Baum.
Er hatte sehr genau aufpassen müssen, um eine Gelegenheit zu erhalten, Yahaba zu entkommen. Dieser hatte sich nach dem Kurs anscheinend wie ein Kaugummi an seine Fersen heften wollen, um doch noch eine Antwort auf seine Fragen zu bekommen.
Allerdings sah Kenjirō keinen Grund, ihm irgendetwas über seine Beziehung zu erzählen. Oder zumindest nicht mehr, als sowieso schon.
Tatsächlich waren Taichi und Kimiko die einzigen gewesen, denen er sich freiwillig anvertraut hatte.
"Shirabu-san? Darf ich mich zu dir setzen?", ertönte plötzlich ein unsichereres Stimmchen neben ihm. Er sah auf.
"Hai, mach ruhig", er nickte Yachi zu, als sie sich niederließ. "Vor wem versteckst du dich?"
Erschrocken zuckte sie zusammen und starrte ihn ertappt an. Dann seufzte sie leise.
"Kindaichi-kun", gab sie zu.
"Yahaba-kun", antwortete er und deutete auf sich.
"Du versteckst dich auch?", in ihrer Miene spiegelte sich Überraschung.
"Hai, er stellt mir Fragen über meine Beziehung, die ihn einen Dreck angehen", brummte er.
"Was für Fragen?", sie warf ihm einen neugierigen Blick zu und schluckte schwer, als sie seine frostige Miene bemerkte. "Ich frage nicht nach den Antworten, nur nach seinen Fragen", erklärte sie mit schüchterner Stimme.
"Er will wissen, wie Kōshi so ist", Kenjirōs Miene verzog sich unwillig. "Hat mich sogar gefragt, wer er ist."
"Also ganz normale Fragen eigentlich", abwesend kramte das Mädchen seine Bentō-Box hervor.
"Hai, mag sein", gab der Student zu. "Allerdings kann ich niemandem die Entscheidung abnehmen, ob und wann er sich outet."
"Sugawara-san hat sich noch nicht geoutet?", überrascht sah sie auf.
"Hast du gewusst, dass er an Männern Interesse hat, bevor er es dir aus Eifersucht auf die Nase gebunden hat?"
"Īe, hab ich nicht", sie schüttelte den Kopf, bevor sie stutzte. "Aus Eifersucht?"
"Er hat befürchtet, dass du eine Schwärmerei für mich entwickeln könntest, weil ich dir in der Mensa einen Ausweg geboten habe."
"Wirklich?"
"Biochemische Prozesse hätten dich zwar tatsächlich zu dieser Annahme verleiten können, aber ich bezweifle es. Du wirkst auf mich so, als ob du dich schnell stressen lässt und wenn du dich jedes Mal gleich verlieben würdest, hättest du gut zu tun."
"Hai, es stimmt, ich lasse mich tatsächlich schnell stressen", betrübt ließ sie den Kopf hängen.
"Ein bisschen Selbstbewusstsein könnte dir nicht schaden", stellte er trocken fest, als er das Bild, dass das Mädchen gerade abgab, betrachtete.
"Ich dachte wirklich, ich hätte inzwischen welches entwickelt, aber seit ich an der Uni bin...", sie verstummte.
"Es ist neu und ganz anders, als alles, was du kennst?", vermutete Kenjirō. Sie nickte.
"Ich will ja selbstbewusster sein, aber wenn ich wieder das Gefühl habe, so in die Enge getrieben zu werden...", sie biss sich auf die Lippe.
"Kōshi hasst es, wenn ich das mache", merkte Kenjirō belustigt an. Überrascht sah sie auf.
"Vermutlich, weil Unsicherheit nicht so recht zu dir zu passen scheint. Wir haben bestimmte Vorstellungen von den Menschen, die wir lieben und wenn diese nicht erfüllt werden...", sie brach ab und senkte wieder den Kopf. Kenjirō beobachtete sie einen Moment.
"Hast du einen Talisman?", fragte er dann, scheinbar ohne jeden Zusammenhang.
"Einen Talisman?"
"Hai, einen Schlüsselanhänger oder ein Figürchen oder etwas anderes, was du normalerweise bei dir hast?"
"Hai, wieso?", fragte sie, während sie ihre Tasche in seine Richtung drehte und auf einen kleinen Krähen-Anhänger wies, der dort hing. Kenjirō war alles andere als überrascht.
"Meine Onēsan hat erzählt, dass sie ebenfalls ziemlich unsicher war, als sie noch zur Grundschule gegangen ist. Ich mag es kaum glauben, aber mein Nīchan behauptet, dass es stimmt."
"Und das hat sie mit einem Talisman in den Griff gekriegt?", fragte das Mädchen ungläubig.
"In gewisser Weise", Kenjirō zuckte die Schultern. "Als ich geboren wurde, war sie bereits zehn und sie hat sofort die Verantwortung übernommen. Immer, wenn unsere Okāsan mal wieder unterwegs war, hat sie auf mich aufgepasst und selbst, wenn sie es nicht gemusst hätte, hat sie sich um mich gekümmert. Etwas zu wissen und zu können, was ihre Freundinnen nicht wussten und konnten, war die Grundlage, hat ihr schon etwas Selbstvertrauen gegeben. Zusätzlich kam dann noch das Lob der Erwachsenen, wie toll sie das doch machen würde und was für eine wundervolle Onēsan sie doch sei."
"Und das hat ihr mehr Selbstvertrauen gegeben?"
"Hai, zumindest zu Hause, in der Schule war sie weiterhin schüchtern. Aber irgendwann gab es wohl mal eine Situation, wo sie ebenfalls unter Druck gesetzt wurde und sie hat durch Zufall eins meiner Spielzeuge in ihrer Tasche gefunden. Das hat sie daran erinnert, dass sie auch anders kann und es keinen Grund gibt, Angst zu haben. Der Grundstein für ihre nervige aber auch selbstsichere heutige Persönlichkeit war gelegt", fügte er lächelnd hinzu.
"Das hört sich so einfach an", murmelte Yachi.
"Ist es aber nicht", Kenjirō schüttelte den Kopf. "Die Unsicherheit ist einer deiner Wesenszüge, die wirst du nicht so schnell los. Aber wenn du daran arbeitest, kannst du dir bestimmt eine Strategie zurechtlegen, die dir Sicherheit gibt und das Problem zumindest in den Griff bekommen."
"Und dabei soll mir ein Talisman helfen?", fragte sie zweifelnd.
"Hai", er nickte. "Es geht ja nicht um den Gegenstand an sich, sondern darum, dass er dir Sicherheit gibt. Dass du etwas hast, woran du dich festhalten kannst."
"Festhalten", murmelte sie nachdenklich, während sie einen Blick auf den Anhänger warf. Dann machte sie ihn kurzentschlossen von der Tasche ab und befestigte ihn an ihrem Schreibetui. "Da kann ich ihn besser sehen, wenn ich im Kurs sitze", erklärte sie.
"Shirabu-kun? Hitoka-chan? Ich würde euch gerne um einen Gefallen bitten", erklang plötzlich eine fremde Stimme.
Überrascht sah Kenjirō auf. Eine unbekannte junge Frau hatte sich zu ihnen gesellt.
Īe, musste er sich korrigieren, nicht gänzlich unbekannt. Hatte sie nicht in dem Café gearbeitet, in dem er Kōshi kennengelernt hatte?
"Was können wir für dich tun, Misaki-san?", fragte die Blondine lächelnd.
Der Student sah sie überrascht an.
Die Studentin hatte sich nicht auf die Situation vorbereiten können und obwohl Misaki nicht allzu gut gelaunt aussah, klang Yachi ... entspannt? Es schien also auch darauf anzukommen, ob sie die Situation einschätzen konnte.
"Es geht um Sugawara-kun", Misaki sah sie eindringlich an.
"Was ist mit ihm?", fragte Kenjirō und versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
"Er ist zwar in den Kursen eingeschrieben, aber bisher nicht aufgetaucht. Da das die Dozenten nicht sonderlich zu stören scheint, ist es wohl abgesprochen, aber ich frage mich dennoch, was da los ist und ob es ihm gutgeht. Er soll sich mal bei mir melden, hai?", sie reichte dem anderen Mädchen eine Karte.
"Hai, wir richten es ihm aus", Yachi lächelte unverbindlich.
Misaki nickte, bedankte sich und wandte sich zum Gehen.
Als sie weg war, reichte die Studentin ihm die Karte.
"Du wirst Suga-san ja vor mir sehen", erklärte sie lächelnd.
Kenjirō nickte und verstaute die Karte in seiner Tasche.
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