... weil ich dich liebe ...

von Amery
GeschichteRomanze / P12 Slash
Semi Eita Shirabu Kenjirou Sugawara Koushi Tendou Satori
06.03.2020
18.10.2020
33
107.406
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18.10.2020 3.328
 
"Ist was?", Kōshi wand sich auf seinen Platz. Er fühlte sich unwohl. Das passierte immer, wenn Kenjirō diesen ganz bestimmten Blick aufsetzte. Als sei er ein Studienobjekt. Wie ein Insekt unter dem Mikroskop.
"Īe", behauptete der Student, wandte den Blick wieder auf seine Reisschale und aß sein Frühstück weiter.
Doch es sollte nicht lange dauern und Kōshi fühlte sich wieder den forschenden Blicken ausgesetzt.
"Kenjirō, bitte", jammerte er. Erst gestern hatten sie ein so gutes Gespräch geführt, konnte sein Freund nicht einfach sagen, was los war?
"Wie hat er es gemacht?", Kenjirō kniff die Augen zusammen und fixierte ihn.
"Wie hat wer was gemacht?", Kōshi begann wieder nervös auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen.
"Tendō-san."
"Etwas mehr Kontext bitte", forderte der Ältere unbehaglich.
"Du hattest tagelang kaum etwas gegessen, egal, was ich versucht habe. Ich war kurz davor, dich wie ein Küken mit einer Pipette füttern zu wollen", er legte die Haschi zur Seite und stellte die Schale auf den Tisch, damit er forschend die Hände falten konnte. "Wie hat Tendō-san es also geschafft, einen ganzen Teller Yakisoba in dich reinzukriegen? Welchen Voodoo-Zauber hat er benutzt?"
"Voodoo-Zauber?", Kōshi lächelte vorsichtig.
"Lenk nicht vom Thema ab! Wie?"
Kōshi seufzte.
"Du hattest einfach die Wohnung verlassen und nicht einmal dein Handy mitgenommen. Erst dachte ich noch, dass du sauer auf mich wärst und schon wiederkommen würdest, wenn du dich etwas beruhigt hättest. Aber umso mehr Zeit verstrich, umso klarer wurde mir, wie viele Tage einfach so an mir vorbeigegangen waren und ich begann zumindest im Ansatz zu begreifen, wie das auf dich gewirkt haben musste. Als ich mir dann noch vorgestellt habe, wie ich mich in deiner Situation gefühlt hätte, wurde aus meiner Beunruhigung Angst. Du warst bereits seit über einer Stunde weg und ich hatte keine Ahnung, wo du bist und ob es dir gut geht. Du hättest ja auch einen Unfall gehabt haben können. Also habe ich angefangen herumzutelefonieren. Bei Kawanishi-kun hättest du noch nicht sein können, dafür war die Zeit zu knapp. Ob Eita überhaupt im Land war, wusste ich zu der Zeit noch nicht, also habe ich mit Satori angefangen. Macht ja sowieso keinen großen Unterschied, wen von ihnen ich anrufe. Die beiden haben sich wohl auch gleich auf den Weg gemacht und Satori hat mich so lange am Telefon beschäftigt, bis er hier war und aufpassen konnte, dass ich die Wohnung nicht verlasse."
"Die Geschichte hab ich mir schon selbst zusammengereimt", knurrte Kenjirō gereizt, obwohl es ihn beruhigte, dass er mit seinen Vermutungen ziemlich nah dran gewesen war. "Erzähl mir von dem Voodoo."
"Wenn er so etwas überhaupt benutzt hat, dann warst du der Voodoo-Zauber", ein zaghaftes Schmunzeln schlich sich auf Kōshis Gesicht.
"Wie meinst du das denn?", Kenjirō runzelte die Stirn.
"Es hat mich wahnsinnig gemacht, dass ich dich nicht selbst suchen durfte und Eita war zu dem Zeitpunkt ja auch noch erfolglos. Ich wollte, musste einfach irgendetwas tun. Satori hat mich dann irgendwann gefragt, ob es nicht etwas geben würde, womit ich dich zumindest etwas besänftigen könne. Tja, und als ich dann auf der Waage stand und gesehen habe, wie viel ich inzwischen abgenommen hatte...", Kōshi ließ den Satz ausklingen und sah verlegen zur Seite.
"Hast du einen ganzen Teller Yakisoba runtergewürgt", vervollständigte Kenjirō trocken. Kōshi nickte.
"Runtergewürgt ist der richtige Ausdruck", bestätigte er verlegen. "Die Portion erschien mir gar nicht so groß, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, als würde ich das Essen kaum bei mir behalten können."
"Weil du die letzten Tage fast nichts gegessen hattest und dein Magen nicht auf Arbeit eingestellt war."
Kōshi nickte unglücklich.
"Es tut mir leid", flüsterte er.
"Du hast diesen Satz in der Schule bestimmt viel zu oft gehört, aber du tust das nicht für mich, sondern für dich!", erinnerte ihn Kenjirō. Als er Kōshis Miene sah, räusperte er sich verlegen. "Okay, du tust das auch für mich, aber nur indirekt. Eigentlich geht es doch nur darum, dass du die Chemo erfolgreich überstehst und dafür brauchst du nun einmal Energie."
"Hai, weiß ich doch", sanft strich Kōshi Kenjirōs Pony zur Seite, froh darüber, dass er seinen Partner wieder berühren durfte, ohne sich als Eindringling zu fühlen.
"Vergiss es nicht", forderte Kenjirō während er einen Blick auf die Uhr warf. "Tendō-san und Semi-san kommen gleich, wir sollten fertig werden."


Genau wie am Vortag stellte Kōshi sich wieder ans Fenster und beobachtete Kenjirō dabei, wie er das Grundstück verließ und in Richtung Bahn ging.
Auf den ersten Blick schien es dieselbe Situation zu sein, doch etwas hatte sich grundlegend verändert.
"Ihr habt euch ausgesprochen, stimmts?", riet Satori hinter ihm, während er näher kam und Kōshi über die Schulter sah.
"Hai, haben wir", bestätigte der Student. "Es ist noch nicht alles geklärt und es wird wohl auch noch länger dauern, bis es so weit ist, aber zumindest sprechen wir wieder miteinander. Woher hast du es gewusst?"
"Ihr habt beide lockerer gewirkt, als wir gekommen sind. Außerdem hast du gelächelt", Satori knuffte ihn liebevoll. "Gestern schienst du dazu erst in der Lage zu sein, als wir uns das Spiel angesehen haben und du deinen Takara anhimmeln konntest."
"Hey, ich habe nicht-!", begann der Student aufgebracht, bevor er sich selbst unterbrach und dem Rotschopf einen vorsichtigen Blick zuwarf. "War es wirklich so schlimm?"
"Hai", Satori nickte nachdrücklich. "Aber ich weiß, wie es dir geht. Hast du Eitas Aufschläge gesehen?", schnurrte er.
"Hai, hab ich", Kōshi lachte. "Ich fand die damals schon beeindruckend."
"Vergiss nicht, dass er mir gehört", Satori drohte ihm spielerisch mit dem Finger.
"Keine Sorge, werd ich nicht", versicherte er glucksend.
"Was heckt ihr beiden schon wieder aus?", Eita war näher getreten und musterte sie misstrauisch.
"Nichts!", kam es im Chor.
"Ich glaube euch kein Wort", stellte der Blonde fest, bevor er tief seufzte. "Was habt ihr für heute geplant?"
"Ehrlich gesagt noch gar nichts", gab Kōshi zu. "Vielleicht für meine Kurse lernen?"
"Kannst du immer noch, wenn wir nicht da sind", Satori wedelte abwehrend mit der Hand. "Ich habe gehört, du stehst auf westliche Märchen?"
"Hai", Kōshi nickte überrascht.
"Sehr gut, damit werden wir den Tag problemlos rumkriegen!" begeistert klatschte Satori in die Hände und strebte auf seinen Rucksack zu, um mehrere DVDs herauszuholen.
Eita stöhnte unterdrückt, als er den bekannten Schriftzug, der auf den bunten Covern prangte, erkannte. Warum hatte er sich auch ausgerechnet in so einen komischen Kauz verlieben müssen?


Kenjirō schlenderte mit seinem Tee gemütlich durch die Mensa und warf den anderen Studenten neugierige Blicke zu. Er war früh dran und vertrieb sich jetzt die Zeit, bis er endlich in den Anatomiesaal gehen konnte.
Als er bekannte brünette Haare entdeckte, stutze er.
Was trieb die Schoko-Locke denn da?
Neugierig ließ er die Szene einen Moment auf sich wirken.
Yahaba hatte sich vor einem zierlichen blonden Mädchen, dass ihm merkwürdig bekannt vorkam, aufgebaut und schien eindringlich auf sie einzureden. Zwei weitere Mitglieder seines früheren Teams standen daneben.
Der eine, Kindaichi, wenn er sich recht erinnerte, beobachtete das Geschehen mit leuchtenden Augen und nickte immer wieder bestätigend.
Der andere, Kunimi, stand gelangweilt daneben und schien sich nicht einmal die Mühe machen zu wollen, genervt mit den Augen zu rollen.
Anscheinend studierten die beiden jetzt ebenfalls hier.
Und das Mädchen?
Kenjirō strengte seine grauen Zellen an, bis ihn die Erkenntnis traf.
Yachi Hitoka, eine frühere Managerin aus Kōshis Oberschul-Club.
Er musterte die Körperhaltung des Mädchens, warf noch einen Blick auf ihr Gesicht und seufzte dann, als ihm klar wurde, was er gleich würde tun müssen.
Vielleicht könnte er sich im Spiegel noch selbst in die Augen sehen, wenn er ihr jetzt nicht helfen würde, aber er könnte das wohl kaum Kōshi erklären, sollte sein Freund von der Situation Wind bekommen. Das Risiko die Fortschritte der letzten vierundzwanzig Stunden aufs Spiel zu setzen, erschien ihm einfach als zu groß.
Entschlossen ging er auf die Gruppe zu und wurde nur unwesentlich langsamer, als er an ihr vorbeirauschte.
"Yachi-chan, mitkommen!", befahl er, keinen Widerspruch duldend. "Wir haben etwas zu besprechen."
Die vier zuckten erschrocken zusammen und Yachi folgte ihm, nur minimal zögernd.
Er ließ sich an einen leeren Tisch fallen und bedeutete dem Mädchen sich zu setzen, während er wieder entspannt an seinem Tee nippte.
Eine ganze Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen.
Als Yachi sich schließlich vorsichtig räusperte, schnellte Kenjirōs Blick zu ihr.
"Wolltest-", sie schluckte, bevor sie flüsternd fortfuhr, "wolltest du etwas mit mir besprechen, Shirabu-san?"
"Du weißt, wer ich bin?", fragte er überrascht, die Tasse auf halbem Weg zum Mund innehaltend.
"Als unsere Teams das erste Mal gegeneinander gespielt haben, waren Shimizu-senpai und ich mit der Recherche betraut", gab sie leise zu. "Außerdem kennt man irgendwann die Stammspieler der stärkeren Teams."
"Īe, ich wollte nichts mit dir besprechen", erwiderte er. Dann grinste er schwach. "Aber Kōshi hätte es mir übel genommen, wenn ich dich da nicht rausgeholt hätte. Du hast ausgesehen, als würdest du gleich umkippen."
"So habe ich mich auch gefühlt", unbehaglich begann sie ihre Hände zu kneten. Dann fügte sie leise hinzu: "Ich mag es nicht, von solchen Riesen umgeben zu sein. Es macht mir Angst."
"Und dann bist du bei deiner Körpergröße ausgerechnet Managerin eines Volleyball-Teams gewesen?", verwirrt musterte er sie, während sie vorsichtig nickte. "Warum?"
"Es hat sich so ergeben. Shimizu-senpai hat mich damals angesprochen und die Jungs haben mich so nett aufgenommen und als ich sie dann kannte...", ihre Stimme verlor sich, während sie beschämt den Blick abwandte.
"Du hast sie kennengelernt und hattest dann keine Angst mehr", fasste Kenjirō zusammen.
Sie nickte wieder und schien dann all ihren Mut zusammenzunehmen.
"Wie geht es Sugawara-san?"
"Gut."
"Wirklich?"
"Warum sollte ich dich anlügen?"
"Ich... ich weiß nicht", verlegen begann sie nun den Saum ihrer Jacke zu kneten. "Ich dachte, also... der Krebs..."
"Welcher Krebs?", fragte er scharf. Die Blondine zuckte zusammen und sah erschrocken auf.
"Hat Sugawara-san keinen Krebs?", fragte sie schließlich eingeschüchtert.
"Wie kommst du darauf?", misstrauisch musterte er sie. Hatte sich etwa jemand verquatscht? Die Liste der Leute, die von der Situation wussten, war kurz, er würde schon herausbekommen, wer das Leck war!
"Na ja", verlegen kratzte sie sich an der Wange. "Wir sind uns vor dem Eingang des medizinischen Versorgungszentrums begegnet und da werden nur Patienten, die eine Chemo-Therapie erhalten, behandelt, der Gedanke liegt also nahe. Und da du hier bist und er nicht...", eingeschüchtert schielte sie zwischen den Fransen ihres Ponys zu ihm herauf, ohne wirklich den Kopf zu heben.
Er musterte sie einen Moment und dachte nach.
Egal, wie er es drehte und wendete, aus der Nummer kam er wohl nicht mehr heraus.
Wenn sie bereits so weit gekommen war, könnte er es leugnen so viel er wollte, sie würde wohl dennoch auf die richtige Lösung kommen. Der direkte Weg erschien ihm hier am logischsten, allerdings konnte er das nicht allein entscheiden. Seufzend holte er sein Handy heraus und begann eine Nachricht an Kōshi zu schreiben.

Kenjirō: bin gerade yachi-chan begegnet. sie scheint über den krebs bescheid zu wissen. was soll ich ihr sagen oder willst du lieber selbst mit ihr reden?

Kaum hatte er sein Handy wieder weggesteckt, begann es auch schon in Yachis Tasche zu brummen. Als sie ihr eigenes Telefon herausholte, wurden ihre Augen groß.
"Sugawara-san", hauchte sie.
"Was immer er dir auch erzählt, darfst du niemanden verraten, verstanden?", begann er ernst. Yachi nickte mit großen Augen.
Während das Mädchen das Gespräch annahm, nippte Kenjirō weiter an seinem Tee, bis die Tasse leer war.
Er sah erst auf, als ein Schatten auf ihn fiel.
"Wir müssen los", begann Yahaba, die Miene hart und unnachgiebig. "Der Kurs fängt gleich an."
Kenjirō nickte und stand auf, um seine Tasse wegzubringen und dann seinem Kommilitonen zu folgen.
Nachdem sie schon ein ganzes Stück schweigend nebeneinander hergegangen waren, warf Kenjirō dem Jüngeren einen Blick zu.
"Du kannst aufhören zu schmollen, sie wäre sowieso nicht mit dir ausgegangen. Oder zumindest nicht freiwillig."
"Was soll das denn heißen?!", explodierte Yahaba.
"Das, was ich gesagt habe", antwortete Kenjirō trocken.
"Das kannst du doch gar nicht wissen, nachdem du mir meine Chance kaputt gemacht hast!"
"Das war keine Chance, sondern ein Überfall. Ein Blinder sieht, dass Yachi-chan eher der ängstliche Typ ist und wenn du dann deine Freunde mitnimmst, muss das auf sie so wirken, als würde sie von drei Schränken umzingelt sein. Wie willst du da eine ehrliche Antwort von ihr bekommen?"
Yahaba blinzelte verblüfft. Er schien sich vorher nie Gedanken darüber gemacht zu haben, wie seine Körpergröße auf andere wirken könnte.
"Außerdem wirst du so nie ein Date kriegen", schob Kenjirō hinterher.
"Was? Warum?", Yahabas entsetzter Blick schoss zu ihm herüber.
"Weil du die Mädchen abschreckst", stellte Kenjirō gelassen fest.
"Wie?", fragte der Brünette, schon fast den Tränen nahe. Kenjirō hätte nicht erwartet, dass ihn das Thema so mitnehmen würde.
"Du bist zu verzweifelt, das wirkt nicht gerade attraktiv", Kenjirō verkniff es sich, belehrend den Finger zu heben. "Wenn jemand so verzweifelt nach einem Date sucht, scheint mit ihm irgendetwas nicht zu stimmen."
Yahaba dachte einen Moment über die Worte nach, bevor er schnaubend abwinkte.
"Woher willst du das wissen? Du bist kein Mädchen!"
"Īe, bin ich nicht", er machte eine Kunstpause. "Aber ich würde auch nicht mit dir ausgehen wollen."
Der Jüngere knabberte einen Moment nachdenklich auf der Unterlippe, bevor sein wütender Blick wieder nach oben schnellte.
"Das hat doch nichts zu bedeuten! Ich würde mit dir schließlich auch nicht ausgehen wollen!"
"Lass es mich anders formulieren", Kenjirōs Miene war unbewegt. "Ich würde nicht einmal mit dir ausgehen, wenn du mein Typ wärst."
"Was verstehst du schon davon", brummte Yahaba missmutig.
"Mehr als du ahnst", konterte Kenjirō gelassen. Er musste zwar vor sich selbst zugeben, dass eine Beziehung, die sich dazu noch in einer ziemlichen Krise befand, ihn nicht zum Experten machte, aber er wusste dennoch, um welche Art Mann er immer einen weiten Bogen gemacht hatte.
Und zu Yahabas Pech, stellte er aktuell das Sinnbild eines solchen dar: Verzweifelt nach einer Beziehung suchend und damit nicht nur vage andeutend, zu was für einer nervigen Klette er mutieren könnte, sollte es irgendwann so weit sein.
Als seine Onēsan erfahren hatte, dass er auf Männer stand, war sie begeistert gewesen und hatte mit ihm so viele "Mädchengespräche" geführt, dass es ihm locker für zwei Leben reichte. Aber aus eben diesen Gesprächen wusste er auch, dass er mit seiner Abneigung klettenden Partnern gegenüber nicht alleine dastand.
Wenn man gerne Zeit miteinander verbrachte, war das wunderbar, aber mit dem Gefühl, den anderen zu verletzen, wenn man auch nur ein bisschen Freiraum einforderte, war eine Beziehung einfach nur noch anstrengend und belastend.
Die Erkenntnis, die ihn gerade überrollte, ließ ihn innehalten.
"Oh", hauchte er überrascht. Kōshi machte mit ihm gerade genau das Gleiche durch.
Auch er selbst hatte sich zu so einer nervenden Klette entwickelt.
"Was ist?", Yahaba sah ihn schlecht gelaunt an. Kenjirō schüttelte den Kopf und bedeutete ihm, weiterzugehen.
"Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung", antwortete er zynisch. "Mir ist gerade klargeworden, dass ich nicht besser bin und in letzter Zeit jemandem wohl auch ziemlich genervt habe."
"Hast du nicht steif und fest behauptet, dass du keine Freundin hast?", misstrauisch kniff Yahaba die Augen zusammen.
"Habe ich auch nicht", wiederholte Kenjirō genervt seufzend.
"Und wen nervst du dann? Deine Okāsan?", kam es sarkastisch.
"Īe, natürlich nicht", er rollte mit den Augen. "Meinen Freund."
"Deinen- ", Yahaba schien einen Moment zu brauchen, bis das Wort bei ihm ankam. "Deinen Freund?!"
"Hai", Kenjirō nickte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Für ihn war es das schließlich auch.
"Aber", Yahaba schluckte hörbar. "Wenn du einen Freund hast, bedeutet das ja, also, dass", er hob eine Hand vor den Mund, als würde er ein Geheimnis verraten wollen, bevor er flüsternd fortfuhr, "du schwul bist!"
"Nicht zwingend, aber, hai, ich bin schwul", bestätigte Kenjirō gelassen.
Yahaba blinzelte überfordert, bevor sich ein harter Zug um seinen Mund bildete und er ihn wütend ansah.
"Wenn du denkst, dass du mich verarschen kannst-"
"Inwiefern würde es mich weiterbringen, wenn ich das tatsächlich tun würde?", unterbrach Kenjirō ihn. "Hör mal, ich hätte es abstreiten können, aber es ist mir im Großen und Ganzen egal, wer es weiß. Wenn du ein Problem damit hast, ist es genau das: Dein Problem und nicht meins."
"Beweis es!"
"Ich soll dir beweisen, dass ich schwul bin?", Kenjirōs Kopf kippte ungläubig zur Seite.
Yahaba nickte, wirkte inzwischen aber etwas unsicher.
"Wie stellst du dir das vor? Soll ich dich in die Besenkammer entführen und-"
"Īe!", der andere Student war inzwischen puterrot und wich entsetzt zurück, während er abwehrend mit den Händen wedelte.
"Keine Sorge, ich werde dich schon nicht zu unartigen Dingen zwingen", beruhigte Kenjirō ihn trocken. "Selbst, wenn ich Single wäre, wärst du, wie gesagt, nicht mein Typ."
"So hast du das gemeint", Yahaba nickte verstehend. "Du meintest, du hättest keine Freundin, aber hast dich dennoch so verhalten, als ob du in einer Beziehung wärst."
"Bin ich ja auch", bestätigte Kenjirō.
"Wie ist das so?", fragte Yahaba vorsichtig. Er schien sich inzwischen etwas beruhigt zu haben, hielt aber immer noch einen gewissen Abstand.
"Was meinst du?"
"Na, eine Beziehung mit einem Mann zu führen? Ist das anders, als mit einer Frau?"
"Keine Ahnung", er zuckte die Schultern. "Vermutlich, ich habe ja keine Vergleichsmöglichkeiten."
"Dann hattest du nie eine Beziehung mit einem Mädchen?", fragte Yahaba entsetzt.
"Du doch auch nicht", erinnerte Kenjirō ihn trocken, was seinem Gegenüber wieder die gerade erst etwas abgeflammte Röte ins Gesicht trieb. "Īe, ich hatte nie eine Beziehung mit einem Mädchen. Ich wusste schon, dass ich schwul bin, bevor ich an so etwas überhaupt Interesse hatte."
"Du hast gestern Blut gespendet!"
Kenjirō zuckte bei dem plötzlichen Ausruf zusammen.
"Und?", fragte er irritiert.
"Na, wenn du schwul bist, hättest du nicht spenden dürfen!"
"Ich schiebe das jetzt mal darauf, dass du momentan etwas durcheinander bist", Kenjirō atmete einmal tief durch. "Die Sexualität an sich, ist kein Ausschlusskriterium. Es besteht lediglich eine sechsmonatige Wartezeit nach Analverkehr. Für beide Geschlechter. Und auch dafür gibt es bei monogamen Paaren, die geschützten Sex praktizieren, keine wissenschaftliche Grundlage."
"Aber das heißt ja dann-", Yahaba brach mit großen Augen ab.
Kenjirō seufzte genervt. Warum hatte er nicht einfach seine große Klappe gehalten?
"Wir sind noch nicht so lange zusammen", nicht ganz wahr, aber auch nicht völlig falsch.
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