... weil ich dich liebe ...

von Amery
GeschichteRomanze / P12 Slash
Semi Eita Shirabu Kenjirou Sugawara Koushi Tendou Satori
06.03.2020
09.08.2020
23
71.945
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02.08.2020 3.677
 
Kōshi hatte sich erst etwas geschämt, weil er einfach nicht aufhören konnte zu grinsen und ihn sogar Watanabe schon darauf angesprochen hatte, aber als er feststellte, dass es Kenjirō ebenso zu gehen schien, hatte ihn das beruhigt.
Oder zumindest hatte er diesen Eindruck bekommen, als sein Freund ihn abgeholt und nach Hause gefahren hatte.
Jetzt standen sie vor der Tür ihrer Wohnung und Kōshi wartete darauf, dass Kenjirō die Tür öffnete.
"Irgendjemand hat hier gekocht", stellte er überrascht fest, als er ein letztes Mal im Hausflur schnupperte.
"Du tust ja gerade so, als ob das ungewöhnlich wäre", stellte Kenjirō belustigt fest.
"Hier im Haus? Īe. Auf dieser Etage? Hai, definitiv", er nickte. "Eigentlich bin ich hier der Einzige, der relativ regelmäßig kocht. Richtig kocht. Die anderen ernähren sich hauptsächlich von Tiefkühlgerichten und dem Lieferdienst."
"Dann würdest du Tiefkühlgerichte nicht als kochen bezeichnen?", hakte Kenjirō nachdenklich nach.
"Nicht wirklich", Kōshi schüttelte den Kopf, während er ihm in die Wohnung folgte. "Eher als aufwärmen. Moment mal! Hast du etwa gekocht?"
Kenjirō spürte, wie er rot wurde, als sein Freund wieder neugierig in der Luft schnupperte und den Weg in die Küche einschlug.
"Scheint auch schon fertig zu sein, riecht zumindest so. Irgendwas mit Kartoffeln?"
"Hai, ein Auflauf", gab er zu, während er seinem Freund folgte. "Taichi meinte, der sei wirklich idiotensicher."
Als er den zweifelnden Blick seines Freundes bemerkte, zog er leicht den Kopf ein.
"Nicht, weil man nichts falsch machen könne, sondern weil es meistens noch eine Möglichkeit der Rettung gibt", gab er zu. "Er meinte, wenn was schiefgeht, soll ich ihn anrufen."
"Hm, sollte dein Akku platt sein, kannst du mein Handy nehmen", murmelte Kōshi, nachdem er einen Blick durch das Fenster des Backofens geworfen hatte.
"Wieso?", fragte der Jüngere erschrocken und sprang selbst an den Ofen.
"Ein bisschen dunkel", meinte sein Freund entschuldigend. "Gomen, das ist meine Schuld. Ich wusste nicht, dass du kochen wolltest und habe getrödelt."
"Bist du nicht und hast du nicht", Kenjiro schüttelte den Kopf, während er auf die fast schon schwarze Masse blickte. "Ich war doch derjenige, der sich mit Watanabe-san noch so lange unterhalten hat. Geh am besten schon mal baden und ich sehe, was sich noch machen lässt", Kenjirō seufzte, während er sich die Hände reinigte und anschließend nach den Topflappen griff.
Kōshi nickte bedrückt und verließ die Küche.


"So einfach?", Kenjirō sah überrascht sein Handy an. Hatte er sich gerade verhört?
"Was hast du denn gedacht? Pul die Briketts runter, schmeiß Käse drauf und schieb das Teil wieder in den Ofen", Taichi hörte sich leicht ungeduldig an. Klar, er war im Umzugsstress. Aber selbst schuld, Kenjirō hatte ihm mehrfach Hilfe angeboten - und die Vehemenz, mit der abgelehnt wurde, irgendwann persönlich genommen.
"Und wie lange?"
"Hängt vom Fettgehalt des Käses und dem Ofen ab", brummte sein Freund.
"Hilfreich."
"Hör mal, wenn ich meine Glaskugel finde, kann ich es dir auf die Sekunde sagen, aber bis dahin musst du so klarkommen." Eindeutig genervt. "Frag doch deinen Freund, ob er den Ofen im Blick behält", fügte er dann etwas versöhnlicher hinzu, bevor Kenjirō sich äußern konnte. "Er wird seinen Ofen ja sicher am besten kennen und das einschätzen können."
"Ist noch in der Wanne."
"Dann fang mit fünfzehn Minuten an und sieh danach alle fünf Minuten nach, bis du die Verantwortung in erfahrenere Hände legen kannst."
"Manchmal hasse ich dich", brummte er.
"Arigatō, ebenfalls."
"Was hab ich denn gemacht?"
"Mich zwei Jahre lang genervt, dass ich meine Socken nicht überall rumliegen lassen soll?"
"Du konntest mir in diesen zwei Jahren nicht ein einziges Ordnungssystem nennen, in dem es üblich ist oder sogar Sinn macht, dass die Socken neben der Wäschebox landen", erinnerte ihn Kenjirō.
"Ordnungssystem", brummte Taichi. "Du hörst dich an, als ob das eine Glaubensfrage sei. Manchmal sind Socken einfach nur Socken."
Kenjirō schnaubte.
"Gehst du deinem Freund damit eigentlich auch so auf den Zeiger?"
"Muss ich nicht. Kōshi wirft seine Klamotten gleich in den Wäschekorb. Vorsortiert", betonte er nachdrücklich.
"Was für ein Hauptgewinn", er konnte förmlich hören, wie Taichi die Augen verdrehte. "Hör mal, ich muss jetzt Schluss machen und meine restlichen Sachen zusammenpacken. Ich meld mich, wenn ich in Tōkyō bin, okay?"
"Okay. Taichi?"
"Hai?"
"Dir ist schon klar, dass ich dir beim Packen hätte helfen können?"
"Hai, das ist mir klar, aber völlig unnötig. Ich nehme lediglich zwei Taschen mit und bereite ein paar Dinge vor, die meine Eltern mir schicken können, sollte ich sie doch schon brauchen, bevor ich das nächste Mal nach Hause komme. Es ist nicht so, dass ich deine Hilfe nicht zu schätzen wüsste", doch, war es und sie wussten es beide, "aber ich wäre schon mit Packen fertig, bevor du überhaupt hier bist."
"Wenn du meinst", brummte Kenjirō.
"Mein ich", bestätigte Taichi. "Und jetzt schmeiß den Käse auf das Essen, mach den Ofen wieder an und kümmere dich um deinen Freund."
"Hai, Otōsan", Kenjirō salutierte grinsend. Sein Freund mochte es nicht sehen können, aber er wusste, dass der frühere Mittelblocker es heraushören würde. Der gespielt strenge Ton hatte einfach nach einer entsprechenden Erwiderung verlangt.


Kenjirō klopfte kurz an, bevor er ins Bad trat.
"Findest du das nicht etwas übertrieben? Gerade nach letzter Nacht?", fragte Kōshi, bevor er sich ein T-Shirt über den Kopf zog.
"Vielleicht was die nackte Haut angeht", gab er zu, als der Kopf seines Freundes wieder auftauchte und weißer Stoff ihm die Aussicht ruinierte. "Ich will aber auch nicht, dass du dich erschrickst, weil ich plötzlich in der Tür stehe."
"Werd ich schon nicht", der Ältere grinste und kam mit einem eindeutigen Funkeln in den Augen näher.
"Stopp", abwehrend hob er die Hände. "Ich bin noch nicht sauber. Aber du kannst mir einen Gefallen tun und das Essen im Auge behalten, während ich mich wasche. Taichi konnte mir nicht sagen, wie lange es noch muss."
"Du hast den Auflauf wieder in den Ofen geschoben?", fragte Kōshi überrascht.
"Hai, Briketts runter pulen, Käse drauf, Ofen", wiederholte er brav, während er begann sich selbst auszuziehen.
"Macht Sinn", Kōshi sah nachdenklich aus. Dann konzentrierte er sich wieder auf seinen Partner. "Lass dir Zeit, ich hab ein Auge auf den Ofen."
"Arigatō."


Als Kenjirō wenig später wieder die Küche betrat, sah er gerade noch, wie Kōshi sich die erste Gabel Auflauf in den Mund schob und nachdenklich zu kauen begann.
"Wie schlimm ist es?", fragte er, böses ahnend.
"Probier selbst", auffordernd hielt sein Freund ihm eine volle Gabel hin.
Kenjirō ließ sich den Bissen in den Mund schieben und kaute vorsichtig. Er wusste, dass seine Geschmacksknospen nicht allzu anspruchsvoll waren, sofern es nicht gerade um Kaffee oder Shirasu ging, aber er fand, dass sein Werk gar nicht mal so übel schmeckte. Allerdings hatte Kōshi ziemlich emotionslos ausgesehen, so, als ob er ihn nicht enttäuschen wolle. Fast schon verzweifelt kaute er weiter, versuchte etwas zu finden, was den Auflauf als Mahlzeit disqualifizieren würde. Er wusste, dass er auch mit Jahren der Übung nicht so gut würde kochen können, wie Taichi oder Kōshi, aber hatte er wirklich so sehr versagt? Was hatte er bloß falsch gemacht?
"Du solltest dein Gesicht sehen", Kōshi lachte leise und stellte den Teller auf die Anrichte. Dann ging er zu Kenjirō, schlang die Arme um ihn und vergrub die Nase in dessen Halsbeuge. "Ein bodenständiges Gericht, das sättigt und genügend Gestaltungsspielraum bieten wird, sollte man es doch einmal zu oft machen wollen. Der Auflauf ist dir wirklich gut gelungen, Dārin."
"Wirklich?"
"Hai", Kōshi nickte und küsste ihn auf die Wange. "Gomen, das ich so merkwürdig reagiert habe, aber ich war einfach erleichtert." Er lächelte.
"Wieso erleichtert?"
"Es ist naiv zu denken, dass wir immer zusammen essen, ich immer für dich kochen kann und werde. Nicht mehr lange und wir werden drei Wochen getrennt sein. Zu lang, um für jeden Tag etwas vorzubereiten. Und so sehr du an meinen Essgewohnheiten auch herumnölst, deine sind im Prinzip noch schlimmer. Zumindest, wenn ich dir freie Hand lasse", schob er hinterher.
"Ich esse genug."
"Hai, aber zu den unmöglichsten Zeiten und das Falsche. Du kannst das Frühstück nicht durch einen großen Kaffee ersetzen und dann diesen stark verarbeiteten Industrie-Kram in dich reinschaufeln."
"Bis jetzt hat es mir nicht geschadet."
"Dārin, ich hab deine Zeugnisse gesehen", erinnerte er seinen Freund. "Alles recht große Schulen, die eine eigene Mensa gehabt haben dürften. Sprich, du wirst wenigstens einmal am Tag etwas Vernünftiges gegessen haben. Als du noch im Studentenwohnheim warst, warst du doch sicher auch öfters in der Mensa, oder?"
"Hai, aber Mensen haben nicht unbedingt den besten Ruf."
"Mach dir da bei unserer mal keine Sorgen, die kochen tatsächlich noch selbst", Kōshi winkte ab.
"Wirklich?", damit hätte Kenjirō nicht gerechnet.
"Hai. Teller?"
Der Jüngere nickte, während er das Porzellan entgegennahm und füllte. Dann folgte er seinem Freund ins Wohnzimmer.
Mit seinem Liebsten alleine, fernab der Eltern, zu wohnen, war wirklich ein Luxus, an den er sich schnell gewöhnt hatte. Natürlich saßen sie normalerweise am Tisch, wenn sie essen wollten, dafür saß ihre Erziehung zu tief. Aber an manchen Tagen war das Bedürfnis nach Nähe einfach stärker und dafür bot sich das Sofa nun einmal eher an.
Er setzte sich auf das Möbel und rutschte nah an seinen Freund heran. Auch bei diesem schien das Bedürfnis nach Nähe heute groß zu sein, denn er überbrückte sofort die restlichen Zentimeter, nachdem Kenjirō sich nicht mehr rührte.
"Schon komisch", murmelte er belustigt.
"Was denn?", fragte Kōshi, bevor er sich noch eine Gabel Auflauf in den Mund schob.
"Welchen Einfluss du auf mich hast und wie ich mich in den letzten Wochen verändert habe", er lächelte, während er blicklos ins Leere starrte. "Bei meinen Affären hatte ich es absolut nicht mit Nähe. Sobald der Sex vorbei war, sind wir voneinander abgerückt. Wir haben zwar nicht fluchtartig das Zimmer verlassen, aber mit kuscheln war da nichts. Währenddessen kleben wir beide aneinander wie Kaugummi", sein Lächeln vertiefte sich, bevor ihm etwas auffiel, er erschrocken zusammenzuckte und Kōshi entschuldigend ansah. "Gomen! Du wolltest doch nicht-"
"Īe, schon gut", unterbrach Kōshi ihn und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. "Tatsächlich würde ich dir gerne eine Frage zu dem Thema stellen. Nur wenn ich darf, natürlich."
"Welche?", fragend legte Kenjīro den Kopf schief.
"Wie war das damals?", er zögerte kurz. "Also, dein erstes Mal", präzisierte er, bevor er hinzufügte: "Ich will natürlich keine Einzelheiten, aber du meintest, dass du noch keine wirkliche Beziehung geführt hättest und es immer nur um das Körperliche gegangen sei. Wie bist du auf deinen Partner aufmerksam geworden? War das nicht auch ein ganz schönes Risiko?"
"Weil sie vermutlich versucht hätten, mich von der Schule zu werfen?"
"Auch", Kōshi nickte.
"Erst heute Vormittag hat mich Taichi ebenfalls auf das Thema angesprochen", er schüttelte leicht den Kopf. "Bevor ich dir antworte, würde ich dir auch gerne eine Frage stellen: Warum hast du deine Meinung geändert? Es ist noch gar nicht so lange her, dass du meintest, dafür noch nicht bereit zu sein. Weder für diese Art von Gespräch, noch für den körperlichen Aspekt unserer Beziehung."
"Ich habe in den letzten Tagen viel über uns nachgedacht", gedankenverloren stellte Kōshi seinen leeren Teller auf den Kotatsu. "Erst nur über das Thema Eifersucht und wie unberechenbar dieses Gefühl für mich ist. Und später eben auch darüber, wovor ich Angst habe und was passieren müsste, damit ich diese besiegen kann."
"Und was ist dabei herausgekommen?", fragte der Jüngere vorsichtig, während er sein eigenes Geschirr wegstellte. Kōshi lachte leise und zog seinen Freund in eine Umarmung.
"Dass ich keine Angst mehr habe", gab er zu. "Für diese Erkenntnis habe ich erschreckend lange gebraucht, aber mir ist auch klargeworden, dass ich dir in allen Aspekten unseres Lebens bedingungslos vertrauen kann und das schließt das Bett eben mit ein. Egal, was gerade passiert, du würdest sofort aufhören, wenn es zu viel für mich wird und dieses Wissen gibt mir unglaublich viel Sicherheit."
"Und wieder wälzt du die ganze Verantwortung auf mich ab", brummte Kenjirō gespielt unwillig.
"Gomen", Kōshi lachte leise und küsste seinen Freund auf die Schläfe.
"Es war also kein spontaner Entschluss, als du mit mir schlafen wolltest?", hakte er nach.
"Doch, in gewisser Weise schon", gab Kōshi zu. "Als wir gekuschelt haben, musste ich wieder an das Thema denken und habe mir überlegt, wie und wann wir daraus etwas Besonderes machen könnten."
"Und das ist dabei herausgekommen?", fragte Kenjirō ungläubig. Er hätte seinem Freund etwas mehr Phantasie zugetraut. Und erwartet, dass seine romantische Ader deutlich ausgeprägter wäre.
"Īe", wieder ein leises Lachen. "Aber mein Otōsan meinte mal zu mir, dass das erste Mal mit einem neuen Partner praktisch immer furchtbar wäre und ich es bloß schnell hinter mich bringen solle. Die hohen Erwartungen und romantischen Gesten solle ich mir für das zweite Mal aufheben."
"Und? War es furchtbar? Also, mal abgesehen davon, dass wir noch nicht wirklich miteinander geschlafen haben."
"Wenn du das wirklich fragen musst, frage ich mich gerade, ob du nur körperlich anwesend warst. Oder ob es dir nicht gefallen hat", er hatte den Kopf gedreht um seinem Partner in die Augen sehen zu können. Es zerriss Kenjirō fast das Herz, als er den Funken Unsicherheit in Kōshis Blick sah.
"Doch, es hat mir gefallen. Sehr", betonte er, bevor er seinem Freund einen Kuss auf die Lippen hauchte. "Dennoch hat dein Otōsan gar nicht mal so unrecht, das Risiko, dass die Nummer nach hinten losgeht ist tatsächlich ziemlich hoch. Auch wenn es mich überrascht, dass ihr euch über so etwas unterhalten habt."
"Ich hätte mir für meinen Oberschul-Abschluss auch eine andere Weisheit gewünscht, die er mir mit auf den Weg gibt, aber er hat sich nun mal für diese entschieden", seufzte Kōshi. "Aber damit wären wir wieder bei meiner Ursprungsfrage."
"Hai", Kenjirō nickte. "Allerdings fürchte ich, dass ich dafür etwas ausholen muss." Er setzte sich etwas anders hin und zog seinen Freund wieder an sich. Kōshi seufzte leise, als er den Kopf auf Kenjirōs Schulter legte und entspannt die Augen schloss.
"Ich habe dir ja schon erzählt, warum ich unbedingt auf die Shiratorizawa wollte", Kōshi nickte leicht, obwohl es keine Frage gewesen war. "Allerdings habe ich die Situation, zugegebenermaßen, ziemlich unterschätzt. Natürlich wusste ich, dass mich im Club viele starke Spieler erwarten würden. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass nicht nur die Turnier-Mannschaft sehr stark war, sondern auch viele der Spieler, die es gar nicht erst in den Kader geschafft haben. Das hat mich ziemlich runtergezogen. Aber irgendwann kam ich mit den anderen Erstklässlern des Teams ins Gespräch. Da waren wir gerade in der Bibliothek beim Lernen und Taichi und Yunohama hatten ein Problem mit ihren Unterlagen."
"Und natürlich konnte der kleine Streber ihnen aushelfen", merkte Kōshi leise kichernd an.
"Soll ich die Geschichte jetzt erzählen, oder nicht?"
"Doch, sollst du, gomen", Kōshi rieb seine Nase entschuldigend über Kenjirōs Halsschlagader und verschränkte ihre Hände miteinander.
"Ich war selbst überrascht, aber wir haben uns ziemlich gut verstanden", sein Ton war nachdenklich geworden und er lehnte seinen Kopf gegen Kōshis. "Und als wir uns dann beim nächsten Training aufwärmen sollten, ist Taichi auf mich zugekommen. Das war sozusagen der Startschuss, danach ging es endlich bergauf und als es beim Training besser lief, kehrte auch langsam mein altes Selbstbewusstsein zurück. Ich weiß, es ist albern, es nur darauf zu gründen, aber-"
"Stopp", Kōshi drückte die Hand seines Freundes. "Du hast es geschafft, als Spieler, von dem nichts erwartet wurde, in den Kader zu kommen. Hai, du hast dir sogar einen Stammplatz erkämpft und das alles innerhalb eines Jahres. Das ist mehr, als die meisten anderen von sich behaupten können. Auch und gerade an einer Schule, wie der Shiratorizawa. Sei einfach Stolz auf deine Leistung und versuche nicht, sie kleinzureden, okay?"
"Okay", das Lächeln kehrte in Kenjirōs Stimme zurück und er entspannte sich. "Jedenfalls konnte man den Erfolg wohl auch meiner Körperhaltung ansehen. Als wir damals aus dem Camp im Sommer zurückgekommen sind, hat mich Sechiro-san angesprochen. Utsui Sechiro-san war ein Meister des Kyūdō und der beste Schütze den sie hatten, wenn auch nicht der Kapitän des Clubs. Ich weiß bis heute nicht, woher er wusste, dass ich schwul bin, ich hatte ja keinerlei Erfahrung und ihn nicht einmal bemerkt, bevor er mich ansprach. Jedenfalls meinte er zu mir, dass er mich schon seit ein paar Wochen im Blick hätte, er aber niemanden im Bett haben wollen würde, der kein Selbstbewusstsein hat, egal, wie süß er auch sein möge. Das hat er wirklich gesagt, süß", Kenjirō schnaubte wieder, dieses Mal aber eindeutig nicht belustigt.
"Du bist süß", merkte Kōshi grinsend an.
"Deine Meinung", er küsste Kōshi auf die Schläfe. "Aber das ist nicht unbedingt etwas, was man als Oberschüler hören will."
"Mag sein", Kōshi lachte leise. "Warte mal, warum hast du erwähnt, dass er nicht der Kapitän war? Wart ihr nicht in einem Jahrgang?"
"Īe, Sechiro-san war schon in der Dritten."
"Oh."
"Problem?"
"Na ja, ich bin mir nicht sicher", schnell rekapitulierte Kōshi im Geiste seine Beziehungen zu den Kōhais und Senpais, die er an der Oberschule gehabt hatte. "Mir kam der Altersunterschied erst etwas groß vor für das Alter, aber das hängt wohl auch von der geistigen Reife ab."
"Dein erster Gedanke war, dass er seine Rolle als Senpai missbraucht und mich ausgenutzt hat, hai?"
"Hai", gab der Ältere nach kurzem zögern zu. "Mir ist klar, dass uns auch ein Jahr-"
"Elf Monate."
"Trennt, aber-", er brach ab, wusste nicht so recht, wie er den Satz beenden sollte.
"Aber die Initiative ging meistens von mir aus", erinnerte Kenjirō ihn. "Außerdem hättest du mich nie zu etwas gedrängt, was ich nicht will. Was Sechiro-san angeht", er dachte kurz nach, bevor er langsam fortfuhr, "hai, man könnte ihm vorwerfen, dass er mich ausgenutzt hätte. Aber ich habe auch etwas von der ganzen Sache gehabt und er hat immer mit offenen Karten gespielt. Von Anfang an, hat er klargestellt, dass er sich die Arbeit nur machen würde, wenn ich an mehr als einem One-Night-Stand interessiert wäre. Wobei er auch hier klargestellt hat, dass die Affäre spätestens mit seinem Abschluss enden würde, er aber sowieso nicht glaubt, dass er es so lange bei mir aushält, weil er sich schnell langweile."
"Arbeit?", Kōshi rümpfte die Nase, während Kenjirō lachte.
"Hai, nicht alle Männer stehen auf Jungfrauen. Manche empfinden es einfach als anstrengend und nervig.
"Und du?", fragte Kōshi leise, vorsichtig.
"Ich hatte für sowas bisher auch keinen Nerv, was ich inzwischen als echten Nachteil empfinde."
"Wieso?", Kōshis Körper spannte sich vor Überraschung kurz an.
"Weil ich", er stockte und biss sich auf die Lippen. "Ich habe überhaupt keine Erfahrungen auf dem Gebiet. Was ist, wenn ich etwas falsch mache und dir den Spaß am Sex verleide? Ich habe schon darüber nachgedacht, mit Tendō-san oder Semi-san über das Thema zu sprechen, aber ich glaube eigentlich nicht, dass das die richtigen Ansprechpartner sind. Sechiro-san hätte ich ebenfalls gerne um Rat gefragt, aber das fühlt sich alles so falsch an."
"Ich muss gestehen, dass ich das auch nicht so witzig gefunden hätte", murmelte Kōshi. Er spürte, dass seine Wangen inzwischen glühten. Allein die Vorstellung, dass Kenjirō mit seinen Senpais, oder, noch schlimmer, seinem Ex, über ihre Aktivitäten im Schlafzimmer sprach! "Meinst du nicht, dass wir das auch alleine hinkriegen?"
"Und wenn ich einen Fehler mache?", fragte Kenjirō leise. "Auch wenn es nur rein körperlich war, waren meine ersten Erfahrungen wundervoll. Ich will, dass es bei dir genauso ist."
"Das wird es sein", Kōshis Stimme klang beruhigend. "Ich habe natürlich keine Vergleichsmöglichkeiten, aber ich denke, dass wir gut harmonieren und ich bin mir sicher, dass wir das schon hinkriegen werden."
"Wenn du meinst. Es ist schließlich dein erstes Mal, dass in echter Gefahr ist, ruiniert zu werden", er zuckte leicht mit den Schultern, wollte seinem Freund, der immer noch den Kopf auf eben jenen hatte, nicht wehtun.
"Lass das mal meine Sorge sein", murmelte Kōshi. "Und selbst wenn, wir haben doch ein Leben lang Zeit um zu üben und es besser zu machen, nicht wahr?"
"Hai", brummte Kenjirō, während er zu ihren verschränkten Händen hinuntersah und begann, kreisend mit dem Daumen über Kōshis Handrücken zu fahren.



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Kyūdō => japanische Form des Bogenschießens. Die auffälligsten Unterschiede zur westlichen Variante sind der lange, asymmetrische Bogen, die traditionelle Kleidung und der zeremonielle Ablauf des Schießens.
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