Prinzessin Rabenhaar

GeschichteHumor, Romanze / P16
05.03.2020
29.03.2020
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Als er wieder zu sich kam, fand er sich in der Gasse wieder, in die sie ihn geschleppt hatten und fühlte sich wie von einer Kutsche überrollt. Einige Minuten blieb er so sitzen und versuchte wieder zu Kräften zu kommen.
Atmete tief ein und aus. Dabei kam die Erinnerung zurück und ein eisiger Ring legte sich um sein Herz. Drückte es zu. „Nehmt alles, was er bei sich hat!“
In Lore wallte Entsetzen auf und er suchte hastig seine Taschen ab.  Sein Entsetzen wurde größer als er bemerkte, dass seine Taschen leer waren. Das wenige Geld, was er noch bei sich hatte, war weg. Das Geld für die kommenden Wochen. Was nun?
Zu Sada wollte er nicht.  Es wiederstrebte ihm, ihn wieder um Geld zu bitten.
Zumal es seine eigene Schuld war. Er hätte vorsichtiger sein sollen. Sich nicht von der aufgelegten Bewunderung hätte täuschen lassen dürfen.  Nun hatte er aber das Nachsehen und wusste nicht, was er machen sollte.
Eigentlich wäre es das vernünftigste nachhause zu gehen. Aber etwas in Lore weigerte sich. Es war nicht die Angst, ihr gegenüber zu treten und zu erzählen, was passiert war.  Sie würde Verständnis dafür haben.
Daran hatte er keine Zweifel. Es war die Scham, die ihn zögern ließ.  Scham, dass er sich so hinter Licht führen und sich auch noch ausrauben ließ. Er hatte immer gedacht, er sei mit der Zeit zu einem vernünftigen Mann geworden. Jemand, der wusste, was er tat und vor allem das Richtige.
Die Erkenntnis, dass er sich in sich selbst getäuscht hatte, traf ihn wie einen Hammerschlag. Noch schlimmer als Roskas Schläge. Mit einem schmerzlichem Gesicht erhob er sich und trat aus der Gasse.
Lief ziellos durch die Strassen. Vorbei an den Menschen, die ihn nicht beachteten.
Wohin er gegen sollte, wusste er selber nicht. Er wusste nur eins: Er wollte hier weg! Soweit seine Füße ihn trugen.
Jedoch hielt er es für das Beste erstmal auf einen anderen Weg die Stadt zu verlassen.
Vielleicht hatte er Glück und einer der Viehkarren würde ihn mitnehmen. Ein Versuch war es wert.
„Verzeiht, werter Herr. Aber hättet Ihr die Güte, mich mit zu nehmen?“, fragte er gleich den erstbesten.
Der Mann auf dem Bock runzelte die Stirn. Nickte aber. „Sicher! Wohin soll es denn gehen?“
Lore biss sich auf die Unterlippe. „Soweit wie Ihr fahrt. Ich werde Euch auch dafür aus zahlen!“
Erneut sah der Mann ihn an. Schien ihn förmlich zu mustern.
Und Lore tat es ihm gleich. Er sah wirklich erbärmlich aus. Die Kleider zerrissen und sein Gesicht zerschunden. Es fühlte sich zumindest so an.
In den Augen des Mannes, vor ihm, musste er wie ein armer Trinker oder Spieler aussehen, der sich mit den falschen Leuten angelegt hatte.
Das musste er denken, denn er winkte ab. „Lass gut sein. Wer bin ich, wenn ich von einem armen Kerl Geld haben will, was er nicht hat!“, sagte er. „Spring auf!“
Lore ließ sich das nicht zweimal sagen.
Doch als er auf den Karren kletterte, hielt er inne und schaute über die Schulter. Er würde diese Stadt nie wieder sehen. Und auch Laru nicht. Laru!
Er würde sie schrecklich vermissen. Aber er konnte nicht mit dieser Schmach zu ihr gehen.
Er konnte es einfach nicht.
Mit einem schweren Seufzen und einem noch schwererem Herzen, stieg er auf.
Der Mann ließ die Peitsche knallen und der Karren setzte sich in Bewegung.
Polternd und rumpelnd fuhr der Karren über die Strasse.
Durchquerte ein wesentlich kleineres Tor und ließ die Stadt hinter sich.
Lore konnte nicht den Blick davon lassen. Mit dem Verlassen der Stadt, verließ er nicht nur Laru. Sondern auch Sada.
Den lieben und geduldigen Sada.
Bei dem Gedanken an den herzensguten, alten Mann, schmerzte ihm das Herz genauso sehr. Er war wie ein Vater für ihn und hatte seine Fehler verziehen. Egal was er auch getan hatte.
Was würde er nun von ihm denken, wenn er nicht mehr zur Arbeit kam.
Sicherlich wäre er am Boden zerstört. Musste feststellen, dass er ihn ebenso enttäuschte wie der Lehrling vor ihm.
Lore presste die Lippen hart aufeinander und kämpfte gegen die Tränen an.
Sein Herz sagte ihm, dass er runterspringen und nachhause gehen sollte.
Aber sein Verstand sagte wieder rum, dass ihm keine andere Wahl blieb.
Sei vernünftig. Es ist besser so, sagte es immer wieder, während sein Herz wie unter Qualen schrie.
Lore konnte es nicht länger ertragen und verhindern. Stumm ranen ihm Tränen über die Wangen.

„Ich mache mir auch Sorgen um den Jungen. Er ist heute morgen nicht auf die Arbeit gekommen. Das wundert mich schon. Er war doch immer sehr zu verlässig. Das er auch nicht bei dir war, lässt mich das Schlimmste befürchten!“
„Mich auch!“, sagte Laru.  „Ich werde mich später umhören. Vielleicht hat ja einer meiner Freunde ihn gesehen!“
„Danke, Sada. Und ich werde zu Jardo gehen. Hoffentlich ist er bei ihm!“
Sada lächelte tröstend. Tätschelte ihre Hand. „Sicher geht es ihm gut!“
„Ich hoffe es!“, flüsterte sie. Sag mir sofort bescheid, wenn du was von ihm gehört hast!“
„Das auf jeden Fall!“
Laru wandte sich zum gehen. Doch bevor sie aus der Tür trat, hielt Sada sie auf.
Dabei wirkte Sada selbst, als würde er sich nicht gerade wohl in seiner Haut fühlen.
„Ich weiss, dass dein Mann es dir eigentlich geben wollte. Aber ich denke, er wird nichts dagegen haben!“
Mit diesen Worten stellte er ein kleines Kästchen auf den Tresen und schob es Laru hin.
Larus Gesicht wurde zu einer bitteren Grimasse als sie das hörte. Sada klang so, als wäre Lore tot.
Eine schreckliche Vorstellung.
Dennoch wollte sie sehen, was Sada für ihren Mann aufgehoben hatte.
Mit zitternden Händen nahm sie das kleine Kästchen.
Sie hatte so eine Ahnung, was sich darin befand und ihre Sorge und Kummer nur noch größer werden ließ.
Sie war den Tränen nahe, als sie nun den Laden verließ.
Schmerzlich blickte sie in den Himmel hinauf. „Wo bist du nur, Lore?“

Der Fuhrmann hatte ihn soweit außerhalb gebracht, wie es ihm möglich war und hatte ihn dann an einer Weggabelung abgesetzt. Bevor er weiterfuhr, wünschte er ihm alles Gute.
Lore dankte ihm.
Der Mann fuhr dann weiter und Lore ging den anderen Weg. Er wanderte Tag ein und Tag aus. Immer den Weg folgend. Wie lange er lief, wusste er nicht.
Er hatte aufgehört, die Tage zu zählen.
Aber er wusste, dass er bald etwas zu essen brauchte. Sein Magen schien lauter und lauter zu knurren.
Und er merkte wie er immer schwächer wurde.
Mit einem Stöhnen ließ er sich auf einen Stein nieder und ruhte sich ein wenig aus. Atmete tief ein und aus.
Merkte dabei wie der Hunger und die Erschöpfung, die ihn durch das lange Wandern, ereilte, immer stärker wurden.
Die Knochen schwer machten und seinen Blick trübten. Wenn er nicht bald etwas aß…
Er konnte nicht weiter nur rasten.
Lore schaute den Weg, der noch vor ihm lag, entlang.
Überlegte, ob er diesem weiterhin folgen sollte. Vielleicht würde der Weg ihn in das nächste Dorf führen. Oder zu einem Hof.
Lore konnte sich nicht vorstellen, dass soweit kein Hof oder eine Farm ist.
Mit diesem Glauben raffte er sich auf und ging weiter.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, als Lore in der Ferne den Umriss und die Lichter eines Hauses sah.
Er dankte dem Himmel und beschleunigte seine Schritte.
Kaum das er am Haus angekommen war, klopfte er auch sogleich an die Tür.
Schritte waren sogleich zu hören und wenige Wimperschläge später, wurde die Tür geöffnet.
„Ja, bitte?“, fragte eine feine Stimme und Lore musste blinzeln, da das Licht, welches aus dem Haus drang, ihn kurz blendete. Verschwommen sah er eine kleine Gestalt vor sich stehen. Mit langen schwarzen Haaren.
„La-Laru?“
War es die Erschöpfung und der Hunger?
Oder das Hoffen, das er doch noch irgendwie zu seiner Frau zurückgefunden hatte.
Auch wenn er wusste, dass er nun Rede und Antwort stehen musste, war er dennoch froh, dass er wieder bei ihr war.
Als er dann aber sah, dass es nicht Laru war, die vor ihm stand, hatte er das Gefühl, als würde man ihm den Boden unter den Füßen weg ziehen.
Das Mädchen sah ihn verwirrt an, machte einen Schritt zurück und wollte die Tür wieder schließen.
„Nein, bitte!“, rief Lore flehend. „Verzeiht! Ich wollte Euch nicht erschrecken!“
„Und was wollt Ihr dann?“
„Nur etwas zu essen. Ich…ich bin schon ein Weile unterwegs!“
„Wer ist da, Sina?“, erschol nun eine zweite Stimme und ein Mann, im vor ran geschrittenen Alter tauchte neben idem Mädchen auf.
Lore machte sofort einen Schritt zurück und nickte dem Mann höflich zu.
„Bitte entschuldigt, wenn ich Euch zu so später Stunde störe, aber…ich wollte fragen, ob Ihr mir etwas zu essen geben könnt?“
Der Mann runzelte die Stirn. Sina sah wiederum an. „Wir können ihm dich etwas Wurst, Brot und Käse geben, oder Ado?“, fragte sie.
Sie schien sich von ihrem Schrecken erholt zu haben. Nun wollte sie ihm etwas zu essen geben. Nur würde Ado damit einverstanden sein?
„Nein!“, sagte er und Lore zuckte zusammen.
„Sieh ihn dir doch an. Du glaubst doch nicht, dass das ausreichen wird?“
Dann wurde das Gesicht des Mannes weicher. „Der Arme Kerl ist am Ende seiner Kräfte. Außerdem sieht er so aus als brauchte er eine Unterkunft!“
Lores Hunger schien größer zu sein, als er bisher gedacht hatte.
Kaum hatte Sina etwas zu essen aufgedeckt und ihm etwas auf den Teller getan, stürzte er sich wie ein wildes Tier darauf.
Ohne an sich zu halten, stopfte er sich förmlich das Essen hinein und leerte einen Becher Wasser nach dem anderen.
Sina sah ihn mit großen Augen an, während Ado ein Grinsen nicht verbergen konnte. Mit einem wohligen Stöhnen lehnte Lore sich zurück. Konnte nicht verhindern, dass er aufstieß.
Schnell hielt er sich die Hand vor dem Mund. „Bitte entschuldigt!“, sagte er verlegen.
„So ausgehungert wie Ihr wart, ist es nur nachvollziehbar!“, winkte Ado ab. „Ich bin da nicht anders!“
Sina kicherte. Sah Lore dann mit einer Mischung aus Sorge und Neugier an. „Was macht Ihr soweit außerhalb der Stadt?“, fragte sie. „Seid Ihr auf der Flucht?“
Sinas Direktheit ließ Lore den nächsten Bissen im Halse stecken. „Sina, sei nicht so neugierig!“, ermahnte Ado sie.
Lore schüttelte den Kopf. Versuchte den Bissen runter zu zwingen.
Als er wieder reden konnte, sagte er:„ Nein. Nicht wirklich! Das…das ist schwer zu erklären!“
„Habt Ihr Schulden? Ist der Vater einer Frau hinter Euch her, weil Ihr ihr das Herz gebrochen habt?“
„Sina!“
Lore musste verlegen lächeln.
„Ihr müsst verzeihen. Aber meine Nichte hat nun mal eine grenzenlose Neugier. Außerdem hat sie eine ausgeprägte romantische Ader!“, entschuldigte sich Ado sogleich und warf ihr einen scharfen Blick zu.
Lore nickte verständnisvoll. Sina hingegen wirkte peinlich berührt.
„Warum auch immer Ihr in diese entlegene Gegend gekommen seid. Ihr hattet sicher einen guten Grund!“
Lore sagte dazu nichts.
Jetzt wo er darüber nachdachte, kam er sich nun ziemlich dumm vor.
Er hatte sich benommen wie ein Feigling. Aber zurück konnte er auch nicht mehr.
Er hatte nicht auf den Weg geachtet, wohin er seine Füße gesetzt hatte.
Wenn er Pech hatte, würde er sich verlaufen. Dann wäre er mit Sicherheit dem Tode geweiht.
„Wie weit ist es noch bis zur nächsten Stadt?“
Sina und Ado sahen sich kurz an.
„Es kommt keine Stadt mehr nach uns!“, sagte Ado und Lore ließ die Schultern hängen. „Aber wenn Ihr den Weg einige Tage folgt, kommt Ihr in das nächstgelegene Königreich!“
Besser als nichts, dachte Lore. „Ich danke Euch!“

Als Lore fertig gegessen hatte, richtete Sina ihm in einer kleinen Kammer ein Lager her. Lore beschwerte sich nicht. Er war froh, dass man ihm überhaupt ein Dach über den Kopf gab. „Ich hoffe, dass ist Euch recht genug!“, sagte Sina.
„Das ist es. Nochmals danke!“, bekundete Lore seine Dankbarkeit. Sina wurde rot. Wünschte ihm dann eine gute Nacht und eilte aus der der kleinen Kammer.
Ado tauchte nun in der Tür auf und sah mit einem amüsierten Lächeln seiner Nichte nach. „Ihr müsst verzeihen. Ihr seid der erste Mann, der vor unsere Tür steht. Ansonsten sieht sie nur Männer, wenn wir in dem Schloss unseres Herrn arbeiten. Und diese sind nicht gerade ansehnlich!“
Lore nickte. „Wie kommt es, dass Ihr so weit weg lebt?“
„Wir lieben die Abgeschiedenheit. Außerdem ist es nicht gerade billig, in der dortigen Stadt zu leben!“
„Habt Ihr nicht Angst, dass Ihr überfallen werdet?“, fragte Lore. „Was wenn ich Euch angegriffen hätte?“
Ado lachte. „Zwei Dinge sah ich sofort, als ich Euch sah. Erstens: Du siehst nicht gerade aus, als könntest du jemanden angreifen und überwältigen. Dazu bist du zu schmächtig. Und Zweitens…!“, statt etwas zu sagen, pfiff er und ein großer schwarzer Hund erschien an seiner Seite. Liebevoll streichelte Ado den Kopf des Tieres. „…Haben wir ja noch unseren guten Rena!“
Lore nickte. Dass der Hund so manchen Räuber und Angreifer in die Fluch schlagen würde, bezweifelte er nicht.

Am nächsten Tag, nachdem Lore die Nacht in der Kammer verbracht hatte, fühlte er sich um einiges stärker als gestern, um den Weg weiter zu gehen.
Bevor er jedoch ging, drückte Sina ihm ein Bündel in die Hand. „Damit Ihr nicht verhungert!“
Lore war gerührt. „Ich wünschte ich könnte mich erkenntlich zeigen!“
Sina wurde rot.
„Das müsst Ihr nicht!“, sagte Ado an ihrer Stelle. „Das Schicksal scheint es nicht wirklich gut mit Euch gemeint zu haben!“
Lore biss sich auf die Unterlippe.
Das Schicksal hat nichts damit zutun, dachte er bitter. Ich habe mich allein in dieses Fiasko gebracht.
„Gebt gut auf Euch Acht!“, sagte Ado.
„Ihr auch!“, erwiderte Lore und verabschiedete sich von den beiden.
Wie Ado ihm gesagt hatte, folgte Lore dem Weg.
Die Aussicht, dass er bald in ein Königreich kam, ließ ihn schneller werden. Vielleicht würde er dort Arbeit finden und eine neue Bleibe finden.
Dabei kreisten seine Gedanken immer wieder um Laru und Sada und seine Schritte wurden wieder langsamer.
Selbst wenn er dort sich ein neues Leben aufbauen könnte, würde es dennoch kein richtiges Zuhause sein. Seine Frau fehlte und seine Freunde.
Nein, er würde nie wieder das Gefühl empfinden, welches man spürte, wenn man dort ist, wo das Herz ist.
Er war ein Heimatloser.
Nicht wissend wohin mit sich selbst. Genauso gut könnte er hier auf der Strasse leben.
Doch seine Vernunft weigerte sich, es so hin zu nehmen und ging weiter.
Machte wann immer sich sein Magen bemerkbar machte, eine kurze Rast und aß.
Dann setzte er seinen Weg fort.
Irgendwann führte ihn sein Weg ihn in einen Wald. Ohne zu zögern, trat er in diesen.
Die Baumkronen über seinen Kopf schlossen sich zu einem einzigen Blätterdach. Ließen nur etwas Tageslicht hindurch.
Doch es reichte aus um ihn sehen zu lassen, wohin er seine Schritte lenken konnte.
Der Wald schien unendlich zu sein.
Wann immer er dachte, dass er schon bald das Ende des Waldes erreicht hatte, musste er feststellen, dass es mit nichten zu ende mit dem Wald war.
Lore seufzte, ging aber weiter.
Blickte dabei hoch und versuchte ein zu schätzen, wie weit der Tag vergangen war.
Aber durch das dichte Blätterwerk konnte er es nicht wirklich sehen.
So sah er nicht, wie sich dicke Wolken am Himmel bildeten und wenige Minuten es noch finsterer wurde.
Doch es reichte aus, um ihn genug sehen zu lassen, wohin er treten konnte.
Der Wald schien unendlich zu sein.
Wenn er immer dachte, dass er schon bald das Ende des Waldes erreicht hatte, musste er feststellen, dass es mit nichten zu ende mit dem Wald war.
Lore seufzte, ging aber weiter.
Blickte dabei hoch und versuchte ein zu schätzen, wie weit es noch zum Abend  war.
Aber durch das dichte Blätterdach konnte er es nicht wirklich sehen.
So sah er nicht, wie sich dicke Wolken am Himmel bildeten und wenige Minuten es noch finsterer wurde.
Er bemerkte es erst, dass sich etwas über seinem Kopf anbahnte, als er das Donnergrollen hörte und zusammen zuckte.
„Auch das noch!“, dachte er und seine Schritte wurden schneller.
Bei einem Unwetter durch einen Wald zu laufen, war alles andere als ungefährlich.
Daher suchte er nach einem Unterstand.
Das wurde jedoch schwer, da es nun rasend schnell dunkler wurde und Lore schon bald nicht mehr die Hand vor Augen sehen konnte.
Fast schon blind schritt er weiter und zuckte zusammen, wann immer es blitzte und donnerte.
Durch die Blitze, die den dunklen Wald in ein kurzes, gleißendes Licht tauchten, konnte er nur für einen flüchtigen Moment sehen, wo er hinlaufen konnte.
Er versuchte sich so gut wie es ging an den Weg zu erinnern, bevor es dunkel geworden war.
Setzte einen Fuß vor den anderen. Versuchte dabei ruhig zu bleiben.
Doch die immer häufiger auftauchenden Blitze und die lauter werdenden Donner schlugen in ihm eine Saite an, die seine Angst heraufbeschwor.
„Wenn ich nicht bald einen sicheren Ort finde, werde ich noch vom Blitz getroffen!“
Ihm lief es kalt den Rücken hinunter, auch ohne das kalte Regenwasser, was sich durch die Blätter bahnschlug und auf ihn nieder fiel. Ihn durchnässte bis auf die Knochen.
Nass wurde auch der Boden unter seinen Füßen.
Er konnte spüren, wie er zu rutschen begann. Umso vorsichtiger wurde er nun und ging langsamer.
Aber da rutschte er mit dem Fuß zur Seite weg und ehe er es verhindern konnte, stürzte er.
Rollte einen Abhang hinunter. Dabei war es sein Glück, dass er sich nicht den Kopf anstieß.
Als er unten ankam, blieb er einige Augenblicke liegen, dann raffte er sich auf.
Schaute sich um, um zu sehen, wo er nun war. Um ihn herum war alles in tiefster Dunkelheit getaucht.
Er hätte überall sein können. Wo sollte er hin?
Hier bleiben konnte er nicht. Es war zu gefährlich.
Wie als habe man nun seine Gedanken erhört, tauchte ein weiterer Blitz den Wald in sein Licht und in dieses Mal fand er das, was er suchte. Eine Höhle!
Erleichtert sprang er auf die Füße, schnappte sich seinen Beutel mit dem Proviant und lief schnell in die Höhle und hoffte, dass sie nicht schon bewohnt war.
Erschöpft und auch froh darüber endlich Schutz vor dem Unwetter gefunden zu haben, lehnte er sich an die schroffe Höhlenwand. Ruhte sich aus. Dann wollte er etwas essen und griff daher in seinen Beutel.
Doch er musste feststellen, dass kaum noch etwas darin war. Er musste das meiste bei dem Sturz verloren haben.
Großartig, dachte er. Einfach großartig!
Die ganze Nacht hatte das Unwetter getobt und hielt Lore lang wach.
Er musste ständig an Laru denken. Hoffte dass das Unwetter nicht auch bei ihr tobte.
Er konnte sich gut vorstellen, was für Ängste sie nun durchstehen musste.  Vor allem weil sie nicht wusste, wo er war. Was musste sie für Todesängste seinetwegen durchstehen?
Wiedermal wünschte sich Lore sich zu ihr zurück. Nicht nur weil er ihr dann beistehen konnte.
Sondern weil er auch wusste, dass er mit seiner Flucht sie allein gelassen hatte.
Er hatte nicht die Zweifel, dass sie auf sich aufpassen konnte.
Jedoch fürchtete er dass sie an ihrem gebrochenem Herz sterben würde.
Und er war es gewesen, der es ihr gebrochen hatte. Er hatte sie ins Unglück gestürzt!
Lore kämpfte erneut gegen die Tränen. Schaute hoch in den schwarzen Himmel.
„Bitte…verzeih mir, Laru!“

Laru stand am Fenster und schaute in die Nacht hinaus.
Die Angst vor dem Unwetter war nichts im Vergleich zu der Angst um ihren Mann.
Als Jardo ihr sagte, dass Lore nicht in seiner Gaststätte genäschtigt hatte und auch nicht wusste, wo er sein könnte, fühlte sie, wie ihr Herz in tausend Teile zerbrach. Sie machte sich schreckliche Sorgen um ihn.
Sie wollte sich nicht ausmalen, was ihm da draußen passieren könnte.
Außerhalb der Stadt gab es nichts. Nur Felder und die lange Strasse, die in den Wald führte. Der Wald!
Laru durchfuhr es eiskalt. Hoffentlich war er bei diesem Unwetter nicht im Wald.
Er durfte es einfach nicht.
Der Gedanke, dass er von einem von einem Blitz getroffenen Baum erschlagen wurde, war unerträglich und ließ sie noch mehr zittern.  Arna saß am Küchentisch.
Als Laru aus der Stadt zurück war, wusste sie nicht, was sie noch tun sollte.
So war sie zu Arna gegangen und hatte sie gebeten, ihr etwas Gesellschaft zu leisten.
Sie fühlte sich schrecklich allein. Arna war zuerst erstaunt gewesen und hatte sie nach Lore gefragt.
Laru hatte ihr mit gebrochenem Herzen erzählt was geschehen war.
Zuerst war Arna überrascht, dann fassungslos und dann entrüstet.
„Was ist nur in diesem Dummkopf gefahren?“, zeterte sie dann. „Ich dachte wirklich, er hätte mehr Verstand im Kopf. Hielt ihn sogar für einen ehrbaren Mann!“
Laru hatte nichts dazu gesagt, wobei sich sich wünschte, nichts gesagt zu haben.
Arna schimpfte immer weiter. Auch jetzt noch, während Laru am Fenster stand und hinaus schaute.
„Hör endlich auf, in die Schwärze raus zu schauen!“, ermahnte sie sie. „Selbst wenn du die ganze Nacht dastehst: Er wird nicht zurückkommen!“
Laru sagte immer noch noch nichts. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass Arna Recht hatte.
Sie waren nie auf der anderen Seite, außerhalb der Stadt gewesen. Und daher war sie sich sicher, dass er sich verlaufen hatte. Nur warum war er fortgelaufen?
Was hatte ihn dazu getrieben?
Nach all der Zeit hatte sich zwischen ihnen ein Band entwickelt, dass zuerst schwach war, aber dann immer stärker geworden war. Und das drohte nun zu zerreißen.
Laru konnte förmlich spüren, wie ihr Herz, das ohne hin schon gebrochen war, noch weiter zu Staub zermalmt wurde. Fragte sich erneut, was Lore dazu gebracht hatte.
Dabei wusste sie, dass sie darauf keine Antwort bekommen würde.
Seufzend wandte sie sich dem Fenster ab und ging zu Arna.
„Ich verstehe das nicht. Ich dachte, ich kenne ihn!“
Arna winkte ab und schnaubte verächtlich.
„Männer kann man nicht kennen! Sie sind wie ein Buch mit sieben Siegeln. Hast du eins geöffnet, kommt ein weiteres!“, sagte sie. „Aber enttäuscht bin ich auch ein wenig. Er schien sich wirklich zum Guten verändert zu haben!“
Laru nickte. Das hatte er. Und nun das!
Mit traurigen Augen blickte sie auf den Ring an ihrem Finger.
Als sie ihm das erste Mal gesehen hatte, hatte sie gedacht:„ Du unmöglicher Kerl!“
Und irrwitzigerweise dachte sie, wie viel der gekostet haben musste. Dann aber wurde ihr Herz schwer.
Ihre Gedanken schlugen eine schmerzliche Richtung ein. Was, wenn das das einzige war, was ihr von Lore geblieben war?
Was wenn dieser Ring ein Abschiedsgeschenk war?
Laru versuchte diesen Gedanken aus ihrem Kopf zu bekommen. Doch er wollte sich nicht vertreiben.
Geisterte unaufhörlich in ihrem Kopf herum und beschwor die schlimmsten Bilder hervor.
Erneut begann sie zu weinen. Arna ging sofort zu ihr und umarmte die aufgelöste Frau.
Sie konnte sich gut vorstelle, wie sich Laru fühlte und versuchte sie so gut es ihr möglich war, sie zu beruhigen.
Doch Laru war zu sehr in ihrer Verzweiflung und Trauer gefangen, als das sie sich trösten lassen könnte.
Immer wieder fragte sie:„ Wo bist du nur, Liebster?“

Zuerst hatte es nicht so ausgesehen, dass Lore jemals ein Auge zu machen könnte.
Mehr als einmal, sobald er die Augen schloss um zu schlafen, blitzte und donnerte es und ließ ihn hochschrecken. Aber dann musste er doch eingeschlafen sein, da er sich nicht erinnern konnte, wann das Unwetter aufgehört hatte.
Abgesehen von dem Platschen der Regentropfen, die von den Blättern hinunterfielen und auf dem aufgeweichten Waldboden fielen, war es still.
Lore hatte sich zusammen gerollt und seinen Mantel eng um sich gewickelt.
Doch dieser vermochte es nicht, ihm die nötige Wärme zu geben, die er brauchte.
So fror er nur noch mehr, sodass er am ganzen Körper zitterte. Dennoch hatte er das Gefühl als würde er verbrennen. Er fühlte sich schwach und ausgelaugt. Wusste nicht, ob er wachte und träumte.
Aus weiter Ferne glaubte er etwas zu hören.  Das Erschallen eines Jagdhorns und das Bellen von Hunden.
Konnte das wahr sein?
Oder spielte ihm sein geschwächter Geist einen Streich?
In Lore regte sich etwas, auch wenn er wusste, dass das eine Täuschung sein konnte.
Hoffnung. Hoffnung, dass er gefunden und auch gerettet wird.
Sei nicht dumm, wer sollte sich hierher verlaufen, sprach die Skepsis in ihm.
Aber er wollte nicht darauf hören und versuchte sich bemerkbar zu machen.
So richtete er sich auf und wollte aus der Höhle treten. Doch kaum das er einen Schritt machen wollte, sackte er in sich zusammen und fiel gegen die Höhlenwand.
Mit einem Stöhnen, der auch gut ein Fluch hätte sein können, schaute Lore hoch und meinte nun auch das Schlagen von Hufen zu hören.
Und sowohl das Bellen als auch das Hufgetrappel wurde lauter. Fast schon zu laut, als das Lore es ertragen konnte. Er presste sich die Hände auf die Ohren, während er den Mund öffnete und rief:
„ Ich bin hier! Bitte! Helft mir!“
Trotz dass er sich die Ohren zu hielt, hörte er wie die Jagdgesellschaft über ihn hinweg ritt und dann leiser wurde.
Nein, schrie es in ihm. Kommt zurück!
Lore glaubte in ein tiefes schwarzes Loch zu stürzen.
Was hatte er getan, dass das Schicksal ihm so übel mitspielte?
Gerade wollte er sich damit abfinden, dass er hier sterben würde, als er sah, dass etwas den Abhang hinunterkletterte und dann vor dem Eingang der Höhle auftauchte. Ein großes, hundeähnliches Tier, das schnüffelnd hin und her lief. Instinktiv wich Lore zurück und drückte sich an die Wand. Wollte sich so unsichtbar machen.
Doch dem Geruchssinn des Tieres konnte er sich nicht verbergen. Mochte es an einem Laut liegen, den er unbeachtet von sich gegeben hatte oder an dem Geruch von kalter Haut und Schweiß?
Lore wusste es nicht, aber als er sah, wie das Tier nun den Kopf hob und in seine Richtung schaute, wurde ihm noch kälter.
Wollte weiter nach hinten rutschen. Doch er hatte nicht mehr die Kraft. So blieb ihm nichts anderes übrig, als zu zu sehen, wie das Tier näher kam.
Langsam und vorsichtig trottete das Tier zu ihm und er konnte es nun genauer sehen und erkennen.
Er glaubte ihm  würden tausend Steine vom Herzen fallen.
Er kannte das Tier. Oder vielmehr den Hund, der da auf ihn zuging. „Bosto!“
Auch wenn es nur ein Flüstern war, konnte der Hund ihn hören. Seine Ohren zuckten hoch und nun wedelte er hektisch mit seinem Schwanz.
Stürmte zu ihm und schleckte sein Gesicht ab. „Bosto!“, rief er nun heiser und umarmte den Hund.
Nach einigen Minuten war dann auch zu hören, wie jemand nach dem Hund rief.
Bosto spitzte die Ohren, huschte dann nach draußen und bellte. Rief nach den anderen.
Nun kamen auch die anderen Hunde. Einer nach dem anderen rutschte den Abhang hinunter und hechelte zu Lore.
Lore war nun von Hunden förmlich begraben. Er konnte nicht anders, als zu lachen und und die Hunde zu umarmen. Sie zu streicheln und an sich zu drücken. Dabei störte es ihn nicht, dass sie entsetzlich nass rochen. Er stank sicher genauso schlimm.
Durch das Gebell und Winseln der Hunde, hörte er nicht, wie nun jemand die Böschung hinunter kam und im Höhleneingang erschien.
„Ich habe sie gefunden! Was…? Da ist jemand!“
Mit einem Pfiff rief er die Hunde zurück. Alle, außer Bosto, gehorchten ihm. Treu blieb er bei Lore sitzen und winselte.
Der Mann, der die Hunde zurück gerufen hatte, schritt nun langsam auf ihn zu und kniete sich vor ihm hin.
Sein Blick glitt fragend und auch suchend über Lores hin und her. „Lore? Prinz Lore?“
Lore blinzelte etwas. Versucht nun das Gesicht des Mannes vor ihm zu zu ordnen.
Das musste sein Gegenüber bemerkt haben.
Er schüttelte den Kopf. Dann rief er:„ Kommt schnell!“
Nun kamen auch die anderen Mitglieder der Jagdgesellschaft. Und jedem war das Erstaunen an zu sehen.
„Das kann doch nicht sein!“, sagte einer. „Helft mir ihn hier raus zu schaffen!“, sagte nun der andere und seine Kumpane halfen ihm.
Gemeinsam wuchteten sie ihn auf eines ihrer Pferde und ritten zurück in das Schloss von Lores Vaters.