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Das Zweigesicht

von Nemain
SongficThriller, Tragödie / P18
03.03.2020
03.03.2020
1
2.329
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3 Reviews
Dieses Kapitel
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03.03.2020 2.329
 
Genre: Thriller/Tragödie/Drama

Rating: P18

Typus: Songfiktion

Titel: Das Zweigesicht (Harpyie)

Disclaimer: Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Orten und Personen sind zufällig. Der Song „Das Zweigesicht“ stammt aus der Feder der Band Harpyie. Die Songfiktion enthält außerdem auch Andeutungen von Gewalt und psychischen Missbrauch an und von Kindern. Man sei hiermit gewarnt, sie nicht zu lesen, wenn es triggern könnte.

Kurzbeschreibung: Und die Farben sind aus Feuer, mit jedem Bild entsteht ein Schrei.

Anmerkung der Autorin: Seit mehreren Jahren trage ich diese Geschichte jetzt mit mir herum und kam aus vielerlei Gründen nicht dazu, sie zu Papier zu bringen. Hiermit wage ich nun den zweiten Versuch. Obendrein bedanke ich mich, wieder einmal, bei Rín, die mein Gedöns auf Herz und Nieren überprüft und das Beste herausholt.

Das Zweigesicht

Weißt du, ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von einem Jungen, der es in seinem Leben nie leicht hatte. Der hart kämpfen musste. Dem nichts, aber auch wirklich gar nichts geschenkt wurde. Dem das Schicksal übel mitgespielt hat. Aber der sich nie hat unterkriegen lassen. Ich will dir meine Geschichte erzählen. Oh, du musst keine Angst haben, wirklich nicht. Ich möchte nur, dass du zuhörst und diese Geschichte auf dich wirken lässt. Ich will, dass du die Grausamkeit begreifst, aus der dieser Künstler, dieses Genie entstand, der so erfinderisch, geistreich und grandios seine Schöpfung, seine Kunstfertigkeit zum Ausdruck bringen kann. Ich will, dass du weißt, dass eine Tragödie nicht immer mit dem Ende des Hauptcharakters enden muss. Durch die Kunst werde ich unsterblich. Doch beginnen wir da, wo alles begann. Und zwar mit dem Anfang.

Ich stamme aus einer Familie aus dem unteren Teil der Stadt. Unsere Räume waren nicht groß, es war alles beengt und wir konnten das Treiben der Nachbarn hören. Der über uns verprügelte stets und ständig seine Frau, die neben uns durfte ich weder ansehen noch ansprechen, weil sie jeden Abend mehrere Männer zu Besuch hatte. Da achtete meine Mama penibel drauf. Und auf der anderen Seite gab es nur den alten Herrn. Netter Mann, aber stank immer so fürchterlich nach Alkohol. Das fand ich damals nicht so schön. Meine Eltern waren liebe Eltern. Ja, doch wirklich. Sie hatten nicht viel, aber was sie hatten, das gaben sie mir. Ich war ihr einziger Sohn. Mein Bruder starb, da war ich fünf. Grippe, sagte meine Mama. Danach war sie immer bei mir. Achtete darauf, dass es mir gut ging. Sie hatte immer ein Auge auf mich. „Tu dies nicht, tu das nicht. Das kannst du nicht. Dafür bist du zu klein. Warte, Mama macht das für dich.“Ja, meine Mama wusste, dass ich für niedere Arbeiten nicht gemacht bin. Schon damals wusste sie, dass ich für Größeres bestimmt bin, das kannst du mir ruhig glauben. Doch irgendwann war ich wirklich, wirklich unvorsichtig. Ich habe nicht auf meine Mama gehört und meine Mama hatte Recht. Der liebe Gott bestraft die Sünden sofort. Du fragst dich jetzt sicherlich, was ich meine. Warte kurz, ich komme ein wenig näher ins Kerzenlicht, damit du mich sehen kannst.

Jetzt schrei doch nicht so! Das tut mir in den Ohren weh. Und du weißt doch, was passiert, wenn ich gereizt bin. Du hast doch sicherlich meine Kunstwerke schon bewundern können. In der Zeitung, den Gesprächen der Menschen. Meine Gefühle drücke ich mit jedem Pinselstrich aus. Ich weiß, ich weiß, das hätte ich dir nicht sagen sollen. Nicht so sagen sollen. Aber weißt du was? Ich werde dir erklären, wieso. Doch nicht jetzt. Später. Lass uns lieber darüber reden, wieso ich so aussehe, wie ich aussehe. Sag mir nicht, ich wäre hässlich. Das verletzt mich. Das hast du auch nicht getan, als wir uns auf der Straße begegneten. Das sagst du jetzt nur, weil dein ach so toller Freund nicht hier ist. Doch du gehörst ihm nicht, jawohl! Du gehörst mir! Mama sagte zwar auch immer, dass das die Strafe für das Gaffen bei der Hure war, aber das stimmt nicht. Und wenn, habe ich nur ganz kurz durchs Fenster geschaut, als sie einmal dieser schmierige Metzger bestieg, der die Straße runter sein Geschäft hatte. Nein, ich glaube mittlerweile, dass ich nicht ohne Grund ein Zweigesicht wurde. Dass ich nicht ohne Grund zu nah am Ofen spielte und mich diese Wärme, diese Hitze so unsagbar faszinierte und einnahm. Dass mich nicht ohne Grund das Feuer zu sich rief und sich in meinem Gesicht verewigte. Sieh doch nur, wie schön es ist! Und jetzt sag mir nicht, ich wäre ein Monster. Das bin ich nämlich nicht! Mich hat die heilige Flamme getroffen und mir ihre Schönheit gezeigt, die ich nun in die Welt hinaustragen soll und werde. Das Feuer spricht zu mir. Doch, das tut es. Versuch nicht, mir etwas anderes einzureden. Ich dachte, wenigstens du würdest mich verstehen. Du, die doch wenigstens immer ein nettes Lächeln für mich übrighatte.

Weißt du, Mama war untröstlich, als sie sah, was mit meinem Gesicht passiert ist. Sie hat die Hände vor das Gesicht geworfen und ist hysterisch geworden. Später sagte mir mal Papa, dass es schlimm um mich gestanden haben muss. Dass ich fast gestorben wäre. Doch der Tod selbst soll mich so hässlich gefunden haben, dass er mich nicht wollte. Ich frage mich, ob das stimmt, oder ob das Feuer noch mehr mit mir vorhat. Seit dem Kuss des Feuers war mein Papa anders zu mir. Er wollte nicht mehr mit mir spielen und ansehen wollte er mich auch nicht mehr. Es täte zu sehr weh, sagte er. Meine Mama aber saß jeden Tag an meinem Bett und hat mich gepflegt, hat mein Gesicht heilen lassen. Seitdem durfte ich dann aber nicht mehr aus dem Haus. Und wenn, dann nur noch nachts. Sie sagte, sie wolle mir die mitleidigen und herablassenden Blicke ersparen. Mittlerweile glaube ich, dass sie mich für sich alleine wollte. Oder sie hat sich für mich geschämt. Ich weiß es nicht mehr so wirklich. Manchmal, wenn Besuch kam, dann versteckte sie mich im Keller und sagte, ich wäre in der Schule. War ich nicht. Als hätten wir uns eine Schule leisten können. Das ist etwas für die Reichen. Die Reichen, oben in der Stadt. Ob sie von meiner Kunst schon gehört haben? Ob sie über mich reden? Ob sie Lobhymnen über mich schreiben? Ob ich Eiferer habe? Oh, natürlich habe ich die. Ganz bestimmt sogar. Wie könnte man auch nicht über mich reden? Ich muss einfach das Gesprächsthema der Stadt sein. Ich bin berühmt! Ach ja, richtig. Ich schweife ab. Meine Liebe, wieso sagst du mir denn nicht, dass ich mich in meiner Glorie verliere? Du muss doch aber alles verstehen? Du, meine Muse. Du, die mich vor einigen Wochen so unsagbar verzaubert hat. Du hast mich doch gesehen. Du hast mich doch aus dieser Lethargie befreit.

Sieh mich nicht so fragend an. Du bist so unsagbar lieblich, so wunderschön. Das ganze Gegenteil zu meinem einmaligen Gesicht. Du hast mir doch erst gezeigt, dass ich ohne diese Ketten der Gesellschaft wahrlich das sein kann, was ich bin. Du, die – an jenem schicksalhaften Abend – in mich hineinlief und zu mir aufsah. Du, die mich zaghaft berührte und fragte, ob ich in Ordnung sei. Mich! Ausgerechnet mich! Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, wollte nicht mehr leben, wollte mich endlich dem Tod ergeben, weil ich niemandem mein Elend zeigen wollte. Ich wollte nicht, dass jemand auf mich herabsieht. Denn ich habe gelogen und wenn Mama das wüsste, wäre sie unglaublich wütend auf mich. Denn manchmal, in dunkelster Nacht, habe ich mich aus dem Keller geschlichen – wenn Mama mich vergessen hat – und habe dann versucht dazuzugehören, ohne mein Gesicht zeigen zu müssen. Ich habe nämlich erst nicht begriffen, was an mir so furchtbar ist und als ich dann die Reaktionen der Menschen bemerkte, dann … Ja, dann fragte ich mich, ob das alles einen Sinn ergibt. Doch das Feuer flüsterte immer wieder, dass es noch Größeres für mich bereithielte. Und dann kamst du und hast mir gezeigt, wie ich mein wahres und erhabenes Genie mit der Welt teile. Noch kennt mich niemand. Noch weiß niemand, wer sich hinter dieser Kunst, dieser Schönheit verbirgt. Aber bald, ja ganz bald werden alle sehen und hören, welcher aufgehende Stern in ihrer Stadt wandelt. Natürlich habe ich mich niemandem sonst gezeigt, nachdem ich dir begegnet war. Dir allein gebührt diese Exklusivität. Nun zieh doch nicht dein Gesicht von meiner Hand weg. Das verletzt mich. Ich habe dir nichts getan, außer dich hierherzubringen. Ich möchte mich nur mit dir unterhalten und dir von meiner Geschichte und meiner Kunst erzählen. Ich will dir sagen, was für ein unbeschreibliches Glücksgefühl mich durchströmt, wenn ich des nachts durch die Straßen laufe, mich inspirieren lasse und mir die nächste Staffelei aussuche. Die nächste Wand, die nächste Skulptur, mit der ich arbeiten kann. Was schreist du denn so, dass du nicht wüsstest, wer ich bin? Redet man wirklich nicht von mir? Tuschelt man nicht aufgeregt meinen Namen? Bin ich der heiligen Flamme wirklich so ein schlechter Eiferer? Das will mir nicht in den Kopf. Und dabei gebe ich schon mein Bestes. Doch offensichtlich muss ich mich noch mehr anstrengen. Noch mehr Herzblut in meine Gemälde stecken und noch mehr Farben sprechen lassen. Du fragst mich, wo meine Farben sind? Wo die Pinsel? Du willst wissen, wo meine Staffelei, meine Gemälde sind? Meine Leinwände voll reinster Poesie? Meine Figuren und Formen? Oh Liebes, du hast ja wirklich keine Ahnung. Ich hatte gehofft, ja gefleht, dass du meine Faszination für das heilige Feuer, für die Ästhetik verstündest. Ich hatte gehofft, dass du meine Leidenschaft zu dieser Kunst verstehen und akzeptieren würdest, um sie dann gleichermaßen zu teilen. Doch du weißt ja noch nicht einmal, wovon ich rede. Das macht mich untröstlich und zeigt mir, dass du nicht soweit bist und es schmerzt mich sagen zu müssen, dass du es wahrscheinlich nie sein wirst. Doch ich möchte versuchen dir zu sagen und zu zeigen, was meine Kunst ausmacht. Was mich ausmacht. Und lass uns beide beten, dass die heilige Flamme, das heilige Feuer auch zu dir spricht.

Auch wenn es dir schwerfallen mag, du musst verstehen, dass es wichtig ist zu begreifen. Dass es wichtig ist, dass ich gehört werde. Dass ich gesehen werde. Viel zu lange blieb mein Talent unentdeckt. Viel zu lang wurde ich unterschätzt und nicht wertgeschätzt. Meine Mama und mein Papa haben immer stärker versucht mich zu beschützen, je älter ich wurde. Vor allem meine Mama. Immer öfter hat sie vergessen mich aus dem Keller zu holen, was mich unglaublich wütend gemacht hat. Ich hätte Mama nie im Keller vergessen! Ich weiß, dass sie es nicht bös gemeint hat, doch ich habe viel geweint. Und als es keine Tränen mehr gab, kam da diese unglaubliche Wut und Trauer in mir auf und nur das heilige Feuer hat mich davor bewahrt, gänzlich dem Wahnsinn zu verfallen. Meine Mama und mein Papa haben das zu spüren bekommen. Letzten Endes, als allerletzter Abschiedsgruß von ihnen, haben sie meiner Kunst gedient. Wurden ein Teil davon. Haben mein erstes Bild vollkommen gemacht. Verstehst du denn immer noch nicht? Die Flammen, das sind meine Pinsel und die gesamte – unfassbar große – Stadt ist meine Staffelei. Weißt du, was ich darauf alles malen kann? Was ich daraus fertigen und formen kann? Weißt du, wie unglaublich froh es mich macht, wenn ich sehe, wie sie über meine Leinwand tanzen? Wie die Schreie nach dem ersten Pinselstrich aufkommen? Wie diese Schreie immer hektischer werden, wenn man Rauch und Qualm und das erste Knacken des ächzenden Gebälks hört? Dieser Ausruf erweckt in mir die reinste und pure Euphorie. Dieses einstimmige und dann zu einem Kanon anschwellende „Feurio!“ gibt mir einen Platz in dieser Gesellschaft. Lässt mich in das Zentrum der Stadt treten. Wie hektisch das Treiben dann ist, um meine Kunst nicht auf die anderen Häuser übergehen zu lassen, kränkt mich schon ein wenig, denn dieser warme Schein im Gesicht, der die Haut mit einem feinen Orange überzieht ist unglaublich reizend für all meine Sinne. Es lässt mich glücklich und entzückt zurück und es lässt mich hoffen, dass dieser Augenblick beim nächsten Mal viel länger anhält. Vielleicht ist auch einmal das Glück auf meiner Seite ist und vielleicht brennt sogar ein ganzer Straßenzug für mich! Nur für mich! Deshalb lässt mich der Widerstand dieser Kunstbanausen auch kalt. Sie werden meine Kunst nicht untergraben können. Niemals! Ich werde daran wachsen und noch großartiger werden und noch stilvollere Gemälde malen. Ich tüftle schon an einer perfekten Mischung aus Zunder und Benzin, Terpentin und Alkohol. Lampenöl und Spiritus haben allerdings auch ihren Reiz. Was meinst du, Liebling?

Oh, warum ich dir das alles erzähle? Ich erwähnte doch bereits, dass ich hoffe und bete, dass du das Wesen des heiligen Feuers verstehst und dass dich sein Licht und seine Wärme umhüllt, ausfüllt und dich zu mir geleitet. Leider ist dem nicht so. Meine Mama und mein Papa haben das auch nie verstanden. Die bekamen Angst vor mir, als ich begann an der Nachbarskatze zu probieren, wie schön Schmerzensschreie klingen können. Doch das Feuer sprach zu und mit mir, unterstützte mich in meinem Handeln und forderte mich auf, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich wollte doch nicht als verkannter Künstler sterben. Also habe ich Mama und Papa gezeigt, was es heißt, Teil meiner Kunst zu sein. Und weißt du was? Es war wundervoll. Mama und Papa passten einfach wunderbar ins Szenario und gaben dem Bild einen gewissen Charme. Oh, sieh mich nicht so an. Was soll ich denn tun? Das Feuer will es so. Das Feuer will, dass ich noch mehr gebe, damit mich diese Stadt endlich anerkennt. Dass mich die Menschen endlich sehen, wie ich bin. Was ich bin. Und du wirst mein neuestes Projekt vollständig machen. Mit dir wird es das ultimative Bild. Dann werde ich das perfekte Kunstwerk erschaffen. Vielleicht wirst auch du allein das Kunstwerk sein?

Nun schrei doch nicht schon wieder so. Du hast doch großes Glück, dass du ausgerechnet mir Genie begegnet bist.

Immerhin mache ich dich unsterblich.
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