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James Potter und der leere Zauber

von DearMe
GeschichteAngst, Fantasy / P18 / Div
James Sirius Potter OC (Own Character)
02.03.2020
10.06.2021
19
222.629
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10.06.2021 11.028
 
In dieser Nacht träumte James von Hogwarts. Kardz hatte ihm den fürchterlichsten Traum seit Wochen geschickt, weil er ganz genau wusste, was dies mit James machte.
  Hogwarts ging in Flammen auf. Und James stand mitten drin. Er befand sich in der großen Halle, wo die dunklen Flammen um ihn herum tanzten. Alles brannte, die Tische, die Stühle, Flammen so hoch wie ganze Gebäude fegten um ihn herum. Nur ihn selber wagten sie nicht zu berühren. Es war, als wollten sie ihm zeigen – die Flammen gehören zu dir – du bist verantwortlich für diesen Zauber. Darum tun sie dir nichts – Du machst das.
  James wollte gar nicht weiter gehen, er wollte nur aufwachen, und dem hier endlich entkommen. Der Traum hielt eine Ewigkeit an und er dachte schon gar nicht mehr ans Aufwachen, bis plötzlich Kardz vor ihm stand.
  Persönlich, in ordentlichen Kleidern und viel zurechtgemachter, als vorher. Ganz und in Person, wie er leibt und lebt. Mit diesem finsteren Grinsen und schwarzen Augen, als würde ein Dämon Besitz von ihm ergreifen.
  Und James stand da vor ihm, im Pyjama, ohne Zauberstab, machtlos, verängstigt und wütend. Kardz wollte den Mund aufmachen, um mit ihm zu sprechen. Aber James wollte davon nichts hören. Aufgebracht ballte er die Fäuste und schrie: >>Lass mich in Ruhe!<<
  Für einen Moment war sein böses Ich völlig überrascht und gefasst, er hatte nicht damit gerechnet, dass James ihm zuvor kam. Offenbar war dies vorher nicht passiert. Er hatte etwas verändert.
>>Hol dir jemand anderen, den du tyrannisieren kannst. Ich mach da nicht mehr mit! Lass mich. IN. RUHE!<<
  Für einen kleinen Augenblick wirkte Kardz ratlos und nachdenklich. Dann grinste er wieder – das hatte ihn auf eine viel bessere Idee gebracht. Er grinste verschmitzt.
  >>Wie du willst.<< Dann wurde er von den Flammen verschlungen und auch James wachte auf, als wäre er mit untergegangen.
  Seine Haut war heiß, als hätte er gebrannt und sein Herz schlug rasend schnell. Für einen Augenblick hatte er gedacht, dass er auch hier geschrien hatte. Aber alle seine Freunde im Jungenschlafraum schliefen tief und fest und ließen sich gar nicht anmerken, dass James soeben schlecht geträumt hatte.
  Er setzte sich auf und strich sie die verschwitzten Haare aus der Stirn. Leichte Panik kam in ihm auf – was meinte Kardz damit: wie du willst?
  Warum hatte er sich so einfach beschwichtigen lassen – das war ja beinahe viel zu leicht gewesen … es war so, als hätte er ihn auf eine Idee gebracht, die noch schlimmer war. Als wüsste er nun, wie er ihn viel besser quälen konnte.
  James versuchte zu atmen, damit er nicht völlig ausrastete und beruhigte sich nach langer Zeit. Als er sich hinlegte und auf die Seite drehte, beobachtete er Thomas, wie er dicht eingekuschelt unter der Decke wie eine Schnecke schlief und seine langen Haaren seine Augen verdeckten.
  Er sah immer wieder zu ihm – die ganze Nacht über – oder das, was davon übrig geblieben war und sah auch, wie die ersten Sonnenstrahlen sich pünktlich zu Charlies Wecker blicken ließen. Es klingelte und rauschte und berstete in ihrem Zimmer und im selben Moment öffnete Thomas müde seine Augen und schloss sie direkt, als er begriff, dass ein neuer Morgen begonnen hatte.
  Schulwoche 8. Und James hatte heute Nacht wieder nicht geschlafen. Aber nun war plötzlich hellwach und voller Adrenalin, also setzte er sich auf und rieb sich die Augen. Alle anderen murrten und zuckten, aber blieben noch fünf Minuten liegen, bis der Wecker erneut durch die Decke ging und Charlie ihn mit der Hand zu Boden schlug.
  Mit lautem Poltern fiel er zu Boden und zerbrach in drei Teile – das setzte dem Wecker ein Ende – und dem Schlaf der Jungs auch, denn nun schreckten sie alle vor Panik hoch. Bis sie begriffen, was wirklich passiert war, dauerte es einen Moment und James grinste, wie sie die drei zerbrochenen Teile müde anschauten.
  >>Ich glaube, nun hat des Weckers letzte Stunde geschlagen<<, kam von Eric, bevor er sich müde rücklings ins Bett fallen ließ.
  >>Ich schätze mal, das wurde auch Zeit<<, sagte James und erschreckte etwas über den Ton seiner Stimme. Er sah vielleicht wach aus, aber er war in Wirklichkeit todmüde.
  >>Warte, ich hab's gleich<<, sagte Charlie und griff nach seinem Zauberstab.
  >>Nein, warte – STOPP!<<, riefen noch alle anderen Jungs, aber da war es schon passiert. Charlie bewegte seinen Zauberstab und murmelte:
  >>Reparo!<<
  Und schon stand da ein neuer, glänzender Wecker auf dem Boden, dem nie Leid wieder fahren war – dem aber Leid widerfahren sollte und Charlie blickte erschrocken in die Gesichter seiner Freunde. >>Was denn?<<
  Freddie sah ihn an. >>Du hast echt keinen Plan von Menschenwürde,
oder?<<
  Im Bett neben James' raschelte es. Thomas hatte sich aufgesetzt und gähnte. Seine Haare standen in alle Richtungen ab, aber er sah aus, als hätte er selig geschlafen. Sein Blick fiel auf James.
  >>Guten Morgen<<, murmelte er.
  >>Morgen<<, antwortete dieser.
  Dann blinzelte Thomas und schaute James mit einer müden Ernsthaftigkeit ins Gesicht. >>Wie lange hast du geschlafen?<<
  Das brachte James zum Gähnen. Ehrlich gesagt konnte er gar nicht sagen, wie lange er schon wach war.
  >>Weiß nicht, hab nicht mitgezählt.<<
  Das brachte einige in diesem Zimmer zu lachen, bevor sie sich anzogen und zum Essen herunter gingen.
  An diesem Tag ging es James nicht so gut. Sogar Riley fiel dies auf, der James über den Weg lief, als sie sich zum Frühstücken sammeln wollte und er riss die Augen auf.    
  >>Was ist dir denn über die Leber gelaufen?<<
  >>Schlecht geschlafen.<<
  Thomas verharrte wie ein Stein neben James – was war denn mit dem?
  >>Das kommt häufiger vor, oder?<<
  James nickte müde und gähnte, als wunderbare Untermalung für seine Aussage.
  >>Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll<<, gestand Riley und lachte unsicher, dann grinste er Thomas an. >>Hi, Tom.<<
  Thomas rührte sich neben James und war wieder wach. >>Hi.<<
  Dieser Tag war absolut erschöpfend und ermüdend. Der Unterricht lief natürlich auch dementsprechend und Clifford nahm ihn beiseite und fragte, was nun eigentlich los war. Scarboro zeigte kein Erbarmen, aber das hatte James auch nicht von ihm erwartet.
  Dann erlebten sie einen Wandel. Am Mittwoch war wohl irgendwas mit Thomas passiert. Es war, als hätten die beiden einen Wechsel erlebt.
  Nun war es Thomas, der unruhig geschlafen hatte und übermüdet aussah. Er hatte Augenringe und war noch stiller, als normalerweise. Dieses Mal hatte er nicht einmal guten Morgen gesagt, was er sonst immer tat, oder er grinste nicht über Emmas blöde Witze, sondern schaute gedankenverloren auf sein Frühstück.
  James war dies erst gar nicht so aufgefallen, aber als sie dann in Kräuterkunde saßen, schien Thomas immer mehr und mehr abzubauen. Glasige Augen starrten ausdruckslos auf seinen Dad, der vorne ganz normal unterrichtete und gar nicht bemerkte, wie es den Jungs ging – oder wie es seinem Sohn ging. Als James es irgendwann nicht mehr aushalten konnte und die Neugier Besitz von ihm ergriff, stupste er ihn sanft an und riss Thomas augenblicklich aus seiner Trance.
  >>Geht's dir nicht gut?<<, fragte er. Es kam nun schon häufiger vor, dass Thomas nachdenklich schien, nachdenklicher und stiller und abwesender als vorher. Etwas beschäftigte ihn und James machte sich aufrichtig Sorgen um ihn.
  Thomas wandte den Blick wieder nach vorne.
  >>Weiß nicht<<, hauchte er, damit sein Dad sie nicht beim Plaudern erwischte. >>Weiß ich nicht.<<
  Das beriet James aufrichtig Sorgen, denn normalerweise war dies nicht Thomas' Art. Er sagte oft offen heraus, was er sagte, obwohl er ein ruhiger Typ war. Und heute verschloss er sich ganz vor ihm – das passte nicht zu ihm.
  James misstraute ihm und zog die Augenbrauen zusammen. Ein wenig beugte er sich vor und erwischte Thomas dabei, wie er unmerklich nach hinten zurück wich, als wollte er Nähe meiden. Das kränkte James aus irgendeinem Grund.
  >>Irgendwas hast du doch<<, sagte er leise, >>das kannst du mir nicht sa-<<
  >>James!<<
  James zuckte zusammen und fuhr gerade in seinem Stuhl hoch. Neville hatte sie nun erwischt und direkt angesprochen. Thomas spannte seine Schultern an – sie wurden noch nie beim Plappern erwischt. Oder zumindest nicht von Neville zusammen gepfiffen.
  >>Ich möchte, dass du aufpasst<<, waren seine Worte. Und James schmollte.
  >>Aber Thomas-<< Geht es nicht so gut, wollte er sagen, aber Thomas hatte ihm schon das Wort abgeschnitten.
  >>Geht mit gut. Hab nicht aufgepasst. 'Tschuldigung.<<
  James sah ihn misstrauisch an, aber Neville war zu sehr im Unterricht vertieft um darauf zu reagieren. Vielleicht würde er sie beide später noch einmal ansprechen, oder er dachte nur, sie passten schlicht nicht auf. Aber das Thomas verblüffte ihn noch den ganzen Tag. Natürlich war er mal ruhiger, er war gelassener und hatte ab und zu diesen Ausdruck im Gesicht, als würde er nicht folgen können oder war einfach nicht daran interessiert, aber heute viel es ihm viel mehr auf als üblich und er fragte sich, woran das wohl liegen konnte.
  In der Mittagspause entschuldigte er sich einmal, um kurz auf die Toilette gehen zu können und James hatte seine Chance genutzt. Er hämmerte fast schon seine Handflächen auf den Tisch und beugte sich zu den Mädels vor. Emma und Emely schauten ihn völlig gefasst an, als hätte er den Verstand verloren und hoben verwirrt die Brauen.
  >>Habt ihr bemerkt, dass was mit Thomas ist?<<, fragte er sie offen heraus und es machte Klick in Emely. Das konnte er in ihren Augen sehen. Die Zahnräder in ihrem Gehirn arbeiteten auf Hochtouren und innerhalb weniger Sekunden hämmerte sie ihre Handflächen ähnlich auf den Tisch, wie James eben und beugte sich auch vor.
  >>Ja, der verhält sich anders, nicht?<<
  James nickte. Gott sei Dank war es noch jemandem aufgefallen. Emma schaute überrascht zwischen den beiden hin und her. Sie hatte das also nicht bemerkt, oder nicht darauf geachtet.
  >>Ich finde, er ist ausgewechselt – noch nachdenklicher als vorher<<, fuhr James fort und runzelte die Stirn. Emma tat es ihm nach.
  >>Ach, echt?<<
  >>Ja, echt.<<
  Sie legte ihre Stirn noch weiter kraus. >>Der ist halt ein komischer Kauz, aber so war der doch schon immer.<<
  >>Ja, aber nicht so<<, sagte auch Emely und schaute nachdenklich auf die Tischplatte, >>er war immer ruhig, aber das ist jetzt … verschlossen.<<
  >>Okay …<<, machte Emma nur langsam.
  >>Achte mal darauf<<, wies James sie hin.
  >>Vielleicht hat er schlecht geschlafen?<<
  James überlegte. Hatte er schlecht geschlafen? Er wusste wohl, dass Thomas nicht nicht unglaublich gut geschlafen hatte – aber dass er sich direkt durch die Müdigkeit so sehr veränderte? Das stand selbst ihm nicht.
  >>Hast du ihn darauf angesprochen?<<, fragte Emely. >>Habt ihr darüber in Kräuterkunde sprechen wollen?<<
  Pfiffig, das Mädchen. James nickte zustimmend.
  >>Und was sagt er?<<
  >>Weiß nicht.<<
  >>Du weißt es nicht, was er gesagt hat?<<, fragte Emma und zog nur eine Augenbraue hoch. >>Das hast du dir aber gut bis hierhin gemerkt, Watson.<<
  James schüttelte grinsend den Kopf.
  >>Nein, Thomas sagt: Weiß nicht.<<
  >>Thomas weiß selber nicht, warum es ihm nicht gut geht?<<
  Irgendwie schon. Aber wie sollte er das den anderen erzählen? Wie sollte er Thomas darauf ansprechen? Das war schwierig.
  >>Immerhin hat er erkannt, dass er etwas hat …<<
  Emely nickte, aber wirkte nicht überzeugt. >>Vielleicht muss ihn noch jemand anders ansprechen. Naja … um halt zu zeigen, dass die Menschen sich um ihn sorgen und dass er sich dann vielleicht traut uns mehr zu erzählen.<<
  Das war eine Idee, aber vermutlich wäre Thomas dadurch noch verschlossener geworden.
  >>Ich kann mir vorstellen, dass er dann nur noch mehr in sich hinein geht und erst recht nicht spricht – das ist Thomas.<<  
  Emely sank in ihrem Stuhl zurück. >>Kann auch sein, stimmt – was schlägst du vor?<<
  James zuckte ratlos mit den Schultern. >>Ich spreche ihn nachher noch mal in Ruhe an, wenn wir alleine sind. Vielleicht traut er sich dann wieder.<<
  Aber es dauerte fast den ganzen Tag bis er so eine Chance wieder hatte. Erst wollte er ihn in der Selbstlernstunde bei Flitwick darauf ansprechen, aber dann waren sie so darin vertieft den Muffliato-Zauber zu üben, dass sie sich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnten. Und Thomas war gut in Zauberkunst – hätte James ihn ausfragen wollen, hätte er eh nichts verstanden, denn Muffliato ist ein Zauber, der ein Störgeräusch in den Ohren aller Personen in der Nähe erzeugt, die gerade nicht nebenbei zuhören müssen. Nur war dieser Zauber direkt auf James gerichtet.
  Nach der Schule setzten sie sich alleine nach draußen in den Garten. Emma und Emely hatten den beiden Jungs die Möglichkeit gegeben alleine reden zu können, darum zog sie eine sich wehrende und zappelnde Emma mit sich mit, die nicht so schnell verstand, warum sie mit in den Garten durfte.
  Es war vermutlich einer der letzten schönen Tage im Jahr – die Sonne schien nicht so kräftig, wie die Wochen zuvor, aber immerhin konnte man noch ohne Jacke draußen sitzen und seine Hausaufgaben machen. Sie hatten sich unter einen Baum auf eine Bank gesetzt und ausgebreitet – James hatte seine Verteidigungshausaufgaben sofort heraus geholt, bevor er Ärger bei dem blöden Scarboro bekam und fing an den Aufsatz über Ghule zu schreiben.
  Thomas erledigte Kräuterkunde derweil in völliger Ruhe und Konzentration, dass James sich wunderte, ob er überhaupt ernsthaft darüber nachdenken musste, oder die Antwort so flüssig aus ihm heraus sprudelten, dass er gar nicht nachdenken musste.
  >>Schon fertig?<<, fragte er verblüfft, als er die Pergamentrolle einrollte und Thomas nickte.
  >>Das war nicht schwer<<, sagte er still. Das war wieder typisch Thomas, so eine monotone Stimmlage und das nichtssagende Gesicht dabei, aber etwas drückte ihm auf seine Seele. James ließ es sich gefallen, wie der kühle Herbstwind ihnen die Umhänge erfrischte und seine Haare nur noch zotteliger machte, atmete tief ein, sodass er seine ganze Lunge mit frischer Luft füllte und atmete durch den Mund wieder aus. Sein Herz raste ohne ersichtlichen Grund – das passierte häufiger in letzter Zeit und er konnte nicht sagen, warum – vielleicht er sich Sorgen um Thomas machte.
  >>Möchtest du darüber reden, was du hast?<<, fragte er ihn schließlich.
  Thomas starrte ihn stumm an.
  >>Ich habe nichts.<<
  >>Du bist ruhig geworden.<<
  >>Ich bin immer ruhig.<<
  Das hatte er noch nie gesagt. Das wusste James, das wusste Thomas auch selber. Und er wusste und spürte, dass James sich mit dieser Antwort nicht zufrieden gab. >>Soll ich laut sein?<<
  >>Nein, du … du sollst – wieder du sein.<<
  James wusste nicht, wie er es erklären sollte – Thomas sollte so sein, wie vorher, er sollte ihm erzählen, was ihm auf dem Herzen lag.
  >>Und wie bin ich normalerweise?<<
  Das wusste James auch nicht. Er wusste nicht, wie er es erklären sollte. Er wollte ihn auch nicht verletzen, indem er etwas falsches sagte. Er wollte seinem Freund helfen, aber er wusste nicht wie – die einzige Möglichkeit, die ihm einfiel war die, dass er darüber reden musste. Das hatte James geholfen, also vielleicht würde es Thomas auch helfen?
  Aber immerhin hatte Thomas sich getraut und war etwas aus sich heraus gekommen und ließ sich überhaupt auf ein Gespräch ein. Das war besser. Das war ein Schritt in die richtige Richtung. >>Weiß nicht … aber das gefällt mir besser.<<
  Lange Zeit dachte Thomas nach und James ließ ihm die Zeit, da er erkennen konnte, dass sein Gehirn arbeitete. Aber er brauchte ein wenig länger, bis er die richtigen Worte gefunden hatte und selbst als er sprach, wusste er immer noch nicht, wie er es erklären sollte.
  >>Ich – weiß nicht, wie ich das sagen soll.<<
  >>Also hast du was?<<
  >>Ich … weiß es nicht – ob es was ist. Es ist … etwas passiert.<<
  James gab ihm Zeit, doch als er gar nicht antwortete, hakte er nach: >>Wann ist es passiert?<<
  >>Im Sommer … da … ist was passiert.<<
  Oh, so wie bei James, also? So ähnlich? Über so etwas hatten sie schon einmal gesprochen.
  >>Meinst du … was du mir letztens gesagt hast – wir wären alle
verkorkst?<<
  Thomas nickte nicht, aber er ging darauf ein. Also war das nicht das gewesen, das er meinte.
  >>Mag sein, dass wir das sind. Ich war es schon immer und das weiß ich besser, als du.<<
  James fühlte sich nicht angegriffen oder so, als er das sagte. Es gab bestimmt einiges, das sie auch nicht über sich selber wussten. Aber vielleicht mussten sie auch nicht alles über sich wissen, was es da gab. Vielleicht sollten manche Dinge erstmal Geheimnisse bleiben.
  >>Du hattest nicht so viele Freunde vorher, auf einer anderen Schule?<<, sagte James leise. Auch Thomas spürte, dass er eine Feststellung, als eine Frage war.
  >>Hast du das erraten, oder gewusst?<<
  >>Ein bisschen von beidem.<<
  Stille. Thomas schaute ihn lange an.
  >>Wer hat geplappert?<<
  >>Ich habe deinen Dad reden hören … du wärst halt ein wenig anders, als die Kinder in deinem Alter und du hättest vor Hogwarts keine Freunde gehabt. Und du würdest große Gesellschaften meiden.<<
  >>Hast du ihn noch mehr sagen hören?<<
  >>Nein. Wieso? Ist da noch mehr?<<  
  Thomas schüttelte schnell den Kopf. >>Nein.<<
  James schaute auf seine Verteidigungshausaufgaben und überlegte, was er sagen könnte, um Thomas wieder aufzumuntern. Aber er wusste nicht, wie er jemanden dazu bringen konnte Emotionen zu zeigen, der sonst auch kaum Emotionen zeigte.
  >>Glaubst du mir, wenn ich dir sage, du bist auch mein erster richtiger Freund?<<
  >>Nein.<<
  James grinste über seine Antwort. >>Aber so ist es.<<
  >>Dir fällt es nicht schwer mit den Menschen zu reden. Fiel es nie<<, Thomas' Stimme klang gekränkt und verletzt, als wäre das etwas schlechtes.
  >>Doch<<, erwiderte James, >>Aber ich … glaube, ich konnte das gut verstecken.<<
  >>Ich kann es nicht.<<
  >>Ich weiß.<<
  Thomas schaute weg, mied den Blickkontakt. Auch James wurde heiß und er wusste beinahe nicht mehr weiter. Gott sei Dank, erhob Thomas wieder seine Stimme.
  >>Offensichtlich. Man mochte mich nicht so auf der Schule und ich hatte immer eine Sonderstelle bei den Lehrern. Sie mussten extra einen andern Lehrer für mich beauftragen – er hat mir immer die Hausaufgaben erklärt. Das nennt sich Integrationshilfe.<<
  Dieses Wort hatte er noch nie gehört, aber er fragte nicht danach, was er bedeutete. Es hatte Thomas eh bereits viel gekostet, dass er es überhaupt heraus gekriegt hat.
  >>Das beschäftigt dich seit dem Sommer?<<
  Thomas schüttelte den Kopf.
  >>Nein, etwas anderes.<<
  >>Was denn?<<
  Thomas holte tief Luft und schüttelte sich, als erhoffte er sich davon, dass das Thema wie ein Blatt im Wind verfliegt.
  >>Können wir bitte die Hausaufgaben fertig machen. Ich will nicht darüber reden.<<
  Und James spürte, dass es alles war, was Thomas bereit war zu erzählen. Zumindest im Moment; und wenn es ihm reichte, dann war es auch für James genug.


Hogwarts, Schulwoche 10; 02. November – 08. November.
  An diesem Wochenende stand ihr erstes Hogsmeade Wochenende an. Leider hatte Sawyer im letzten Moment abgesagt, obwohl er anfänglich versprochen hatte zu kommen. Er schrieb Donnerstag, dass ihm etwas dazwischen gekommen war und dass er vor Ort bleiben musste. Hoffentlich war da drüben nichts passiert, das ihn in Schwierigkeiten gebracht hatte. Hatten die Lehrer Wind davon bekommen, dass sie sich schrieben und darum Sawyer verboten zu kommen? Aber dabei schrieben sie doch auch über nichts neues, alles wurde auf irgendeine Art im Tagespropheten genannt?
  James hatte den Brief enttäuscht gelesen und sein Herz war gesunken. Er hatte sich auf dieses Treffen gefreut und auch den anderen beim Quidditch hatte er ja schon vor langer Zeit davon erzählt. Nun musste er dorthin gehen und ihnen die enttäuschende Nachricht übermitteln. Vor allem Marnie, die sich mehr freute, als alle anderen und die sowieso ihr allererstes Hogsmeade Wochenende überhaupt erlebte.
  Sofort spukten die Gedanken in James' Kopf umher. Verdammt – wieso sollte und wollte Sawyer mich nicht sehen?
  Mochte er mich nicht mehr? Hat er doch Misstrauen? Mag er mich nicht und hat Angst vor mir? Vielleicht ist unsere Zusammenarbeit eh nicht so gut? Woraus besteht unsere Zusammenarbeit sowieso, aus ein paar Teeniebriefen, die sich zwei Jugendliche schreiben, wie zwei bescheuerte Verliebte? James war bescheuert zu glauben, dass er kommen würde, weil er sich aufrichtig mit ihm treffen wollte – bestimmt mochte er ihn nicht und bestimmt wollte er nicht mit ihnen arbeiten und Zeit verbringen. In Wirklichkeit hasste er ihn bestimmt.
  Die bedrückte Stimmung ließ er sich natürlich anmerken, auch wenn er es nicht wollte. Aber während sie da so im Drei Besen saßen mit dem Quidditchteam und sich über angeregte Themen überlegten, war James ganz woanders. Man merkte ihm sofort an, dass er dadurch am meisten trauerte. Er hatte sich auf eine gelungene Zusammenarbeit und Freundschaft mit Sawyer gefreut und nun hatte er Angst, dass Sawyer alles hinwerfen würde – was hätte es eh gebracht? Sie schrieben sich doch eh nur Briefe, oder?
  Ein wenig früher, als alle anderen verließ er das Dorf, ohne sich bei den Lehrern abzumelden und lief hinauf zum Schloss – Richtung Quidditchfeld. Er wollte dort oben auf der höchsten Tribüne die Luft genießen, die immer kälter und angenehmer wurde – seine Gedanken sprangen nicht mehr so herum wie vorher, als er seine Winterjacke enger um sich zog und tief einatmete. Sein Verstand klarte etwas auf, aber trotzdem waren die Gedanken da – sie plagten ihn, belasteten sein Herz und stachen so deutlich in seine Brust, dass er das Gefühl hatte ertrinken zu müssen.
  Er schaute von der Tribüne herunter – ganz schön hoch – wenn er oben am Himmel flog, war es noch höher – was würde passieren, wenn er fallen würde?
Noch nie zuvor hatte er das Gefühl gehabt, ausgeschlossen zu sein, er hatte sich ja selber ausgeschlossen und hatte seine Freunde verlassen, ohne ihnen zu sagen, wo er abgeblieben ist. Sie suchten ihn sicherlich nicht und dachten nur, er wolle Aufmerksamkeit dadurch erzielen. Besser wäre es, wenn er keinem davon erzählte und versuchte für sich selber eine Lösung zu finden. So wie er auch selber Kardz besiegen musste. Das musste er alleine machen – vielleicht übertrieb er auch gerade einfach? Aber er war im Moment über emotional und konnte nicht anders – er wollte sich hassen und er wollte alle anderen hassen, obwohl es ihn traurig machte, alles und sich selber zu hassen. Er wollte alleine sein, aber er wollte nicht einsam sein.
  An manchen Tagen war er komplett erschöpft und bekam nichts auf die Reihe gestellt und nachts war er dann wach und ärgerte sich über die Dinge, die er nicht geschafft hatte. Er hatte zwar den Wunsch nach Weiterleben, aber auch, dass es endlich aufhörte, dass er nicht mehr gegen sich selber und mit sich selber kämpfen musste. Als säßen da zwei Teufel auf seiner Schulter. Der eine sagt, er durfte nicht fühlen, er fühlte eh nichts und dass es ihm egal war. Der andere wies ihn an, an alles zu denken und sich über alles zu sorgen. Und er kämpfte gegen beide Teufel an.
  Manche Tage waren ja auch okay, an manchen konnte er nicht funktionieren. Und beide Tage waren immer da. Er hatte das Gefühl, er hatte zwei gebrochene Beine. Er wollte aufstehen, aber er konnte nicht.
  Er schloss die Augen und kämpfte gegen die Tränen an. Nein, nicht weinen, das machen nur Feiglinge – dir geht es gut. Wenn er sich nicht bemühte, dann würde es ihn einnehmen. Er will nicht, dass es seine Träume einnimmt.
  Seine Hände zitterten und ein Schwall Sorge glitt durch seinen Körper wie ein Anflug von Gänsehaut.
  Er wollte von den andern gemocht werden und Freude haben. Aber in Wirklichkeit war er nicht gut darin. Also musste er überlegen, was er tun könnte. Er entschied sich also dafür versuchen, andere zu mögen. Es wurde immer leichter, nur so zu tun. Wenn man nur so tut, dann fühlt es sich irgendwann echt an. Menschen tun schließlich alles mögliche, um sich zu ermutigen, nur damit sie kriegen, was sie wollen.
  Je dunkler es wurde, desto düsterer wurden seine Gedanken. Und desto kälter wurde ihm. Also schlich er in der Dunkelheit ins Schloss zurück, hinauf in den Gemeinschaftsraum. Dort brannte der Kamin.
  Es war warm.
  Es war hell.
  Und seine Freunde saßen dort und schienen hellaufgebracht zu sein. Neville war da. McGonagall war da – warum waren sie alle da? Wieso hatten sie sich alle versammelt? Und wieso sprachen sie so laut durcheinander? Und wieso hörten sie abrupt auf, als sie James sahen, der mit roten, aber dafür kalten Wangen herein kam und sie wie ein Bahnhof anschaute?
  Er schaute zum Kamin, sah das Feuer – erinnerte sich. Hier hatten sie sich damals geschworen für immer Freunde zu sein. Hatten sie ihn gesucht? Hatten sie sich doch Sorgen gemacht? Vielleicht waren sie deswegen so aufgeregt? Hatten sie nach ihm sehen wollen? Er hatte geglaubt, keiner würde sich dafür interessieren, wo er im Moment war – aber vielleicht stimmte das ja gar nicht.
  Er war nicht immer alleine, auch wenn er sich das manchmal einredete. So durfte er gar nicht erst anfangen. Er hatte alles und er war unglaublich dankbar. Lange Zeit sagte keiner mehr was, dann stand Emely vom Sofa auf und lief langsam auf James zu.
  >>James?<<
  Er schaute sie an, weg vom Kamin, in ihr gerötetes Gesicht – vor Aufregung, nicht vor Kälte. Sah fürsorgliche blaue Augen.
>>Alles in Ordnung?<<
  James machte eine Pause, schaute sie an. Und statt Kälte spürte er nun die Hitze hinter seinen Wangen – die Tränen kamen – und er schüttelte den Kopf. Emely schaute ihn an, fast weinte sie mit ihm.
  Dann überwand sie den letzten Meter mit einer fließenden Bewegung und umarmte ihn. Und er legte seine Lippen auf ihre Schulter, legte seine Arme um sie, hatte Angst sie zu zerdrücken, aber die Emotionen überwältigen ihn … und die Tränen kamen einfach so. Er weinte.
  Und Emely hielt ihn im Arm. Und ließ ihn weinen.
  Nein, es ging ihm nicht gut. Aber das war nur ein Tag von vielen – vielleicht sollten wieder bessere Tage folgen.
  Keiner sagte etwas, aber es wusste eh keiner, was er sagen sollte.


Hogwarts, Schulwoche 12; 16. November – 22. November.
  Samstag, 21. November: Das erste Quidditchspiel stand bevor. Gryffindor gegen Ravenclaw und James hatte für seine Aufregung ausgesprochene gute Laune – aber nur, weil er wusste, dass er funktionieren musste. Alle schauten heute nur auf ihn und jeder erwartete, dass sie wieder eine gute Show hinlegen würden. Weil bei Gryffindor immer was los war, also musste ja schließlich jedes Mal etwas spannendes bei einem Gryffindorspiel passieren.
  Als er morgens in die große Halle kam, hingen über den Tischen der jeweiligen Teams bereits die Banner in den Hausfarben und präsentierten alle sieben Quidditchspieler, die sie heute sehen würden. Über dem Gryffindortisch schwebte ein rotgoldenes Banner, das Konfetti und Luftschlangen versprühte, die aber aus Zauberhand verschwanden, bevor sie unten auf den Tisch und mitten ins Essen fielen.
  Die sieben Teamitglieder wurden so wie jedes Mal auf einzelnen Momentaufnahmen verewigt und James entdeckte jeden Einzelnen von ihnen, wie sie in irgendeiner coolen Pose zu sehen waren. Die Jäger waren die ersten, die er sah, als er herein kam. Er erkannte Will, wie er ohne Probleme beim letzten Spiel in einen der Ringe traf und dann triumphierend den Arm hoch warf. Danach folgte Matt – von ihm sah man eine Sequenz aus dem Training – dort sieht man, wie er eine Faultierrolle macht und danach anschließend präzise einen Ring trifft.
  Dann war da noch Emma – sie sah man natürlich auch, wie sie beim letzten Spiel mehrere Ringe hintereinander traf und ihre Künststückchen auf dem Besen vollführte – sie war einfach viel besser als sie alle zusammen. Sie sollte Kapitänin werden.
  Anschließend folgten die beide Treiber – Toby und Marnie. Und dann Maggie – von ihr wurden mehrere Momentaufnahmen hintereinander eingeblendet – wie sie beim Training einen Quaffel nach dem nächsten hielt und locker zurück warf, als wäre es nichts.
  Und dann war da James, wie er sich aus großer Höhe mit dem Besen fallen ließ um dann dem Schnatz hinterherzujagen – es sah aus, als würde er vom Besen fallen, aber er hatte sich unter Kontrolle und wusste genau, was er dabei tat. Kurz darauf sah man ihn schon, wie er den Schnatz in der Hand hielt.
  Er lief mit Besen und Schulumhang auf seine Mitspieler zu um ihnen viel Glück zu wünschen. Marnie fiel ihm um den Hals und fing an mit ihm zu tanzen.
  >>Du bist ja gut gelaunt<<, stellte er amüsiert fest, und sie fing an zu singen. Das brachte ihn zum Lächeln.
  >>Wir werden das heute gewinnen, oder?<<
  >>Na klar<<, versprach James und bereute es im selben Moment, er wollte keine leere Versprechungen machen. Was, wenn sie das Spiel verloren? Er schaute zum Ravenclawtisch rüber und stellte fest, dass dort eine ebenso ausgelassene Stimmung war, wie bei den Gryffindors. Deren Quidditchteam waren ebenso umgeben von vielen Fans und Glückwünschern, sodass James immer mehr und mehr Angst hatte, dass sie verlieren würden. Er schluckte und spürte einen Arm um seine Schultern.
  >>Keine Sorge<<, versprach ihm Will, >>du hast uns gut vorbereitet. Wenn wir verlieren, dann verlieren wir als Team.<<
  James wollte ihm nicht zustimmen, aber innerlich dachte er, dass er ein wenig Recht hatte. Und doch sagte ein Teil von ihm: Du bist für den Sieg verantwortlich. Du bist der Trainer und der Kapitän. Wenn ihr verliert, bist du Schuld, weil du sie nicht darauf vorbereitet hast.
  Sie setzten sich zum Essen an den Tisch. James neben Thomas und Will, gegenüber von Matt, Emma und vielen anderen. Die ganze Zeit kamen irgendwelche Gryffindors um ihnen Glück zu wünschen und ihnen ein gutes Spiel zu wünschen und James nahm alles dankbar an. Es beruhigte ihn nicht wirklich, wenn alle so auf ihn setzten. Es machte ihm nur noch mehr Panik.
  Er fuhr sich über die Augen und holte tief Luft.
  >>Du musst lockerer werden<<, hörte er Thomas' Stimme neben ihm und nickte. Aber das war nicht so einfach. Und wo steckte überhaupt Emely?
  Gerade als sie sich bereit machten um nach draußen zum Feld zu gehen, hatte er sie gefunden. Dort war sie, neben ihrem Dad und ein paar anderen Leuten. Emma war an ihm vorbei gerannt und in die Arme ihres Dads gefallen und wurde herzlichst begrüßt – Emely stand daneben und grinste. Sie winkte James zu, aber im selben Moment hatte er seine Aufmerksamkeit schon auf jemand anderen gerichtet, der neben ihr stand. Jemand mit feuerroten Haaren und einem breiten Lächeln.
  James beschleunigte seine Schritte und lief genau in die Arme seiner Mutter hinein. Sie war hier. Sie war hier! Sie war zum ersten Mal seit langem wieder zu einem seiner Spiele gekommen! Auch sie drückte ihn fest an sich und James hätte beinahe seinen Besen fallen lassen.
  >>Hallo, Überraschung<<, sagte sie.
  James umarmte sie noch fester. Nach den letzten Tagen war sie wie Balsam auf der Seele.
  >>Ich hab dich auch vermisst<<, sagte sie, als sie spürte, dass er sie nicht los ließ. >>Dir geht es in letzter Zeit wieder schlechter, oder?<<
  Er trennte die Umarmung und richtete seinen Umhang. Sie hatte ihn lange nicht mehr so gesehen, in seiner roten Robe, das Gesicht glühend vor Aufregung. >>Neville erzählt es uns hin und wieder. Du machst dir wieder viele Gedanken.<<
  Er wollte den Mund aufmachen, aber sie wurden beobachtet – dort standen noch andere Menschen um sie herum. Während Emma und Emely aufgeregt mit ihrem Dad sprachen, standen da zwei Männer in sportlichem Outfit und Umhang, die die ganze Zeit Klemmbretter in ihren Händen hielten, als würden sie dokumentieren, was hier abging – waren das Auroren? James war sich sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben.
>>Wieso sagst du nichts?<<
  Ach ja, seine Mum.
  >>Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.<<
  Seine Mutter schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln.
  >>Es wird alles gut werden. Ich freue mich dich spielen zu sehen – ich habe dir lange nicht mehr zugesehen.<<
  >>Ist Dad nicht da?<<, fragte er, obwohl er die Antwort von vorneherein schon wusste. Offensichtlich war er nicht da – er stand nicht bei ihnen.
  >>Nein, er musste arbeiten.<<
  James ließ sich seine Enttäuschung etwas mehr als gewollt anmerken, trotzdem lächelte er zurück.
  >>Danke, dass du da bist.<<
  >>Das lasse ich mir nicht entgehen – ich habe gehört, das Team von Gryffindor soll seit letzten Jahr Favorit des Propheten sein?<<
  James runzelte die Stirn. >>Ach ja?<<
  >>Ja, das steht zumindest so geschrieben – und diese Seite habe ich nicht verfasst – also behaupte nicht, das steht da nur, weil ich deine Mutter bin!<<
  >>Ich würde mich niemals mit dir anlegen.<<
  Darüber lachte sie, denn sie wusste, dass es stimmte. Sie nahm ihn noch einmal in die Arme und sagte: >>Ich hab dich so vermisst. Dad wollte auch kommen, aber ihm kam etwas dazwischen.<<
  Sie ließ ihn los.
  >>Ich möchte euch mit jemandem bekannt machen.<< Nun sprach sie zu James und zu Emma und richtete ihren Arm auf die beiden Männer, die neben Mr. Freeman standen. >>Das sind Mr. Connor Graham und Petrus Ailynburgh – sie sind Quidditchscouts für die Jugendmannschaften von England und sie bieten alle paar Jahre für eine Hand voll Schüler von der fünften bis zur siebten Klasse Trainingseinheiten an.<<  
  Aha, sieh an. James änderte sofort seine Statur und stellte sich gerade hin.
  >>Sie werden euch heute beobachten und dann eventuell einige von euch oder keinen – man weiß es ja nie – zu Trainingsstunden einladen. Sie möchten bis Ende 2025 ein Jugendteam aufstellen, das professionell trainiert wird.<<
  Mr. Graham nickte zustimmend und drückte sein Klemmbrett an seine Brust – dann waren das offenbar die Akten der Spieler, die sie heute sehen würden.
  >>Richtig. Und wir werden uns natürlich unsere Notizen machen. Wir haben unsere Favoriten, auf die wir ein besonderes Augenmerk legen möchten, aber wir sind auch neugierig, auf die neue Aufstellung von Gryffindor – zwei neue Spieler, ist das richtig?<<
  James nickte. >>Ja. Tobias Roling und Matt-<<
  >>Christensen<<, beendet Mr. Aylinburgh, >>so habe ich es hier stehen. Und natürlich auch Miss Freeman. Miss Freeman, wir verfolgen Ihre Aktivitäten schon sehr, sehr lange und wir freuen uns auf ihr Spiel.<<
  Emma war wie ausgewechselt. Sie war kein lästiges Kind mehr, sie war höflich und zuvorkommend und nickte freundlich, als sie angesprochen wurde.
  >>Das freut mich. Ich bin auch aufgeregt.<<
  James hob belustigt eine Braue über sie und sie machte eine Grimasse in seine Richtung, als wolle sie sagen: Halt den Mund.
  >>Auch Mr. Potter ist uns nicht unbekannt – darum möchten wir Sie in Aktion erleben. Man sagt, Sie sind ein sehr begnadeter Flieger.<<
  James starrte die beiden Herren an, die voller Aufregung auf seine Antwort warteten. Oh ja, oh ja, sicher – sie kannten ihn bestimmt nur daher – sonst war da kein Hintergedanke – bloß nicht. Sei nett, sei nett und sei authentisch.
  >>Das ist dem Donnerschlag zu verdanken<<, sagte er.
  >>Auch bescheiden.<<
  >>Nein, eigentlich nicht.<<
  >>Wir freuen uns auf jeden Fall – Miss Freeman, Mr. Potter – überraschen Sie uns.<<
  Vielleicht war das ja James' Chance zu zeigen, dass mehr hinter ihm steckte, als nur ein böses Ich und er nickte freundlich.
  >>Ja, kommst du, Emma?<<
  >>Aufi.<<
  Danach sprinteten sie hinunter zum Feld und trafen sich mit ihrem Team zum Aufwärmen in der Umkleide. Emma leitete das Aufwärmtraining an und ließ sie vor dem Spiel mehr schwitzen, als überhaupt jemals zuvor und danach sammelte James sie alle auf den Bänken und besprach die Strategie mit ihnen.
  >>Wir machen es so, wie beim Training. Keine Überraschungen und keine Improvisationen<<, verkündete er. >>Denkt an das Training und vertraut einander. Ravenclaw ist zwar stark und hat einige erfahrene und ältere Spieler, aber das bedeutet nicht, dass sie besser sind, als wir. Sie haben einen Erstklässler als Jäger, macht ihm das Leben schwer.<< Er dachte an den kleinen Erstklässler, den er immer bei Jonathan Butler, dem Sucher und Kapitän von Ravenclaw gesehen hatte, der diesen offenbar als neuen Schützling aufgenommen hatte. Und gleichzeitig kam ihm Toby in den Sinn, dessen Herz vor Aufregung aus der Brust zu springen schien.
  >>Der Sucher ist schnell – wenn er im Inbegriff ist den Schnatz zu fangen, werde ich ihm zuvor kommen und ihn eher fangen. Ich versuche ihn aber so lange in Schach zu halten, bis wir bei hundert Punkten sind. Ich verlasse mich auf euch drei<<, dabei sah er zu Emma, Matt und Will und sie alle nickten ernst. >>Maggie, denk an das Training – Konzentration. Schau nicht auf die Arme des Werfers, sondern auf die Besenspitze – in die Richtung, in die der Stiel zeigt, das wird die Wurfrichtung sein. Marnie – übertreib es nicht. Toby, wie beim Training, ohne Gnade, fest. Halt den Arm gerade und halt den Schläger fest, sonst schleuderst du eierig.<<
  Alle nickten. James schaute Emma an. Sie wusste, was sie zu tun hatte.
  >>Du wirst von Anfang an alles geben – halte dich nicht zurück – sie wissen eh schon alle, was du kannst. Also bist du keine Geheimwaffe mehr.<<
  Das brachte sie zum Lachen. >>Schade.<<
  >>Außerdem gibt es Neuigkeiten<<, verkündete er weiter. >>Heute sind Scouts anwesend. Sie sind von irgendeinem Quidditchjugendprogramm und bieten Trainingseinheiten für gute Spiele an. Das bedeutet, jeder von uns wird heute beobachtet.<<
  Und sofort herrschte eine andere Stimmung hier in der Umkleide. Während das Getrappel der sich füllenden Tribüne über ihnen immer lauter wurde und die Stimmen immer mehr und mehr durcheinander sprachen, starrte ihn sein Team stumm an – sogar einem Matt hatte es da die Sprache verschlagen. Emma blinzelte verwundert.
  >>Aber sie suchen nur nach Leuten ab fünfzehn Jahren?<<
  >>Nein, also … vielleicht. Sie wollen bis Ende 2025 ein neues Quidditchteam aufstellen. Die meisten hier anwesenden sollten bis innerhalb der nächsten zwei Jahre Fünfzehn werden. Also denke ich, dass sie auch die Jüngeren gut beobachten werden und vielleicht auch in den nächsten zwei Jahren die Entwicklung. Also, Marnie und Maggie. Ihr seid auch gefragt.<<
  Jetzt meldete sich Matt zu Wort.
  >>Und sie beobachten uns?<<
  >>Sie haben Klemmbretter dabei. Das sind zwei Männer – sie werden uns eventuell nach dem Spiel ansprechen – wenn wir sie beeindruckt haben.<<
  >>Okay, was müssen wir tun?<<
  Alle starrten James erwartungsvoll an und er hatte im Moment vergessen, dass er Kapitän war und das Wort hatte. >>Das habe ich bereits gesagt. Wir geben unser Bestes. Das schaffen wir. Wir haben gut trainiert. Und Ravenclaw wird sich wundern.<<
  Sie nickten alle einverstanden, sammelten sich das letzte Mal alle in der Mitte um sich Glück zu wünschen und Emma sagte: >>Wir schaffen das und sollte einer in Schwierigkeiten geraten, sucht den Blickkontakt zu einem anderen Spieler – ruft nach jemandem, wir werden euch helfen – selbst wenn wir nicht gewinnen – es geht ums Team. Das gehört auch zum Quidditch dazu. Teamfähigkeit und die haben wir.<<
  Danach liefen sie gemeinsam auf das Feld hinaus und wurden von lauten Fans, Jubel und Gekreische begrüßt. Es war nicht besonders warm heute und windiger, als die letzten Male beim Training, aber hoffentlich sollte das das Spiel nicht ganz so beeinträchtigen. Außer wenn der Wind vielleicht an der Wurfrichtung der Bälle mitspielte …
  >>Wir müssen fester werfen<<, verkündete Emma sofort an die anderen Jäger, sie hatte es auch bemerkt, >>es ist windig – Marnie, Toby, fester als sonst schlagen!<<
  James positionierte sie alle korrekt nach ihren Nummern, Maggie als einzige alleine bei den Ringen, dann warteten sie auf das Ravenclawteam – sein Herz schlug ihn bis zum Hals. Das ganze Stadion war mit Schülern, Lehrern, Eltern und anderen Leuten gefüllt, die ihnen zuriefen, Banner schwangen und Konfettikanonen platzen ließen. Er wollte in der Menge seine Mutter ausfindig machen, aber da waren so viele Leute, dass er keine Chance hatte. Er wusste auch nicht, wo die beiden Scouts saßen und von wo aus sie zusahen. Sein Herz schlug immer schneller und schneller und seine Gedanken wirbelten herum. Ein Schauer der Sorge glitt wie Gänsehaut über seinen Körper und seine Hände fingen an zu zittern.
  Bevor er die Flucht ergreifen konnte, war Emma bei ihm und hielt seine Hände.
  >>Beruhige dich<<, sagte sie leise, sodass nur er es hörte. >>Sie schauen alle zu – sortiere deine Gedanken.<<
  >>Ich weiß … nicht – w-wie.<<
  >>James, atme … du schaffst das. Du hast alle gut vorbereitet und wir sind alle vorbereitet und du hast einen guten Besen und bist schnell. Wenn wir es nicht schaffen, dass als Team nicht – keiner wird Schuld sein.<<
  Aber es ging nicht mehr nur ums Verlieren – hier waren so viele Leute. Es war einengend und laut – und sein Verstand riet ihm wegzulaufen.
  >>James, konzentrier dich. Schau mich an.<<
  Und er schaute sie an und sie drückte seine Hände fest. >>Du schaffst das. Wir stehen alle hinter dir.<<
  Seine Hand mit den vier Fingern schmerzte auf einmal, dort wo der Fluch ihn getroffen hatte, aber Emmas Worte hatte eine beruhigende Wirkung. >>Die ersten paar Minuten werden die schlimmsten sein, aber sobald du ins Spiel gefunden hast, wirst du alles andere um dich herum ausblenden und am Sieg arbeiten. Glaub mir. Verlasse dich nicht auf denen Kopf, sondern auf deine Intuition.<<
  Er holte tief Luft und atmete – mehr Zeit hätte er eh nicht gehabt zum beruhigen, denn das Ravenclawteam trat aus der Umkleide und wurde mit einem ebenso lautem Jubel empfangen.
  >>Okay<<, sagte er. Er holte tief Luft, nochmal und nochmal, bis seine Lunge gefüllt war. Emma legte eine Hand an sein Herz und schaute ihn besorgt an.
  >>Wenn es dir nicht gut geht, dann sag mir Bescheid. Ich werde bei dir sein, sollte etwas passieren. Vergiss nicht zu atmen. Wenn du gleich oben an der Luft bist, dann wirst du dich besser fühlen.<<
  Er nickte und holte tief Luft. Kopf aus, Intuition an. Ja, das war vielleicht richtig. Er wollte vergessen, dass ihnen so viele Menschen zusahen und dass seine Mutter da war und dass die Scouts ein besonderes Augenmerk auf ihn gerichtet hatten – er wollte vergessen, dass Jonathan Butler sich gerade mit seinem Team aufstellte und dann auf James zuging, aber das ging nun nicht mehr. Denn nun mussten sie sich die Hand schütteln und ein gutes Spiel wünschen.
  Anschließend stellte er sich auf seine Position und machte sich bereit zum Fliegen. Der Verband an seiner Hand löste sich doch nicht, oder? Hoffentlich wurde er nicht mitten im Spiel lockerer und erschwerte ihm das Festhalten des Besenstils.
  >>Nun denn<<, Madam Hooch stellte sich in die Mitte beider Teams und schaute beide Parteien an, >>Sie kennen die Regeln und Sie kennen mich. Erlebe ich, dass ein Foul ausgespielt wird oder jemand die Regeln bricht, dann kennen Sie die Konsequenzen. Ich wünsche Ihnen allen ein gutes Spiel.<< Sie steckte sich die Trillerpfeife in den Mund und holte den Quaffel aus der Ballkiste heraus. Die Jäger hinter ihm machten sich bereit, sie wussten, was zu
tun war, sobald der Quaffel in der Luft war und das Spie begann.
  Die Pfeife ertönte und der Quaffel wurde hochgeworfen.
  Das Spiel begann!
  James duckte sich, denn Emma sollte so tief wie möglich an ihm vorbei fliegen, damit sie sich als Erstes den Quaffel holen konnte und mit Matt und Will, die in die Höhe gehen sollten, einen Vorteil vor den Ravenclaws holen musste. Diese waren natürlich völlig überrascht und bewegten sich einige Sekunden gar nicht, bevor Jonathan Butler rief: >>Los, in die Luft, Leute!<<
  Aber es war schon zu spät. Das Team von Gryffindor hatte sich schon lange in die Höhe begeben, bevor Ravenclaw auch nur im Ansatz daran dachte. James war hoch oben in der Luft und sah währenddessen gelassen zu, wie Emma den ersten Ring im ganzen Spiel erzielte, noch bevor Christa Freeman ihre erste Ansage machen konnte.
  >>Willkommen zum zweiten Spiel der Saison! Mein Name ist Christa Freeman und wir erleben direkt zu Anfang einen Treffer für das Team von Gryffindor – das ging ganz schön schnell!<<
  James war auch schon das letzte Mal aufgefallen, dass die Freemans immer die Kommentatorrollen übernahmen und fand das ganz unterhaltsam, denn Christa hatte so wie Michael und Jack ihre Eigenarten und erzählte auch oft frei heraus, was ihr durch den Kopf ging, als wirklich auf das Spielgeschehen einzugehen.
  >>Wir begrüßen das Team von Ravenclaw und stellen eben die Spieler vor. Auf der Position des Hüters finden wir Theodora Hills, Co-Kapitänin und Siebtklässlerin und schon alteingesessener Hase. Auf Position zwei und drei, die Treiber, da haben wir Marlene Woods, Drittklässlerin und Benjamin Wodd, Viertklässler – nicht miteinander verwandt – hey, was würde passieren, wenn die beiden heiraten? Wie würden sie heißen? Wood-Woods? Sorry – auf Postionen Vier bis Sechs haben wir die Jäger. Scott Richard, Siebtklässler und Abigail Blake, Sechstklässlerin mit neuster Erstklässlerunterstützung Frederic Dickson – viel Erfolg für dein erstes Spiel, Frederic! Auf der Position Nummer Sieben und Sucher haben wir Jonathan Butler, der seine letzte Saison als Kapitän beginnt – er war schon Jahre davor im Team und leistet seitdem gute Arbeit, auch als Kapitän – wünschen wir ihm für sein letztes Jahr alles Gute – ebenso Theodora und Scott! Das Team von Ravenclaw!<<
  Während Christa da so erzählt hatte, waren einige Dinge passiert:
1. James merkte, dass er in Bewegung bleiben musste, denn die Treiber, die Wood-Woods, hatten es auf ihn abgesehen. Es war nicht zu übersehen, dass James den besseren Besen als Jonathan hatte und darum würde er den Schnatz schneller fangen als er. Also musste er logischerweise ausgeschaltet werden. Das hatten sich die beiden gegnerischen Treiber gedacht und James hatte einmal laut aufgeflucht, als der erste Klatscher ihn beinahe unvorbereitet getroffen hatte. Marnie ließ ihn seitdem nicht mehr alleine und James flog immer wieder mehr Runde als notwendig, damit sie eine schlechtere Chance für einen Treffer hatten.
2. Toby hatte es sich zur Aufgabe gemacht Frederic Dickson die Hölle heiß zu machen, denn die Ravenclaw wollten immer wieder Porskoff-Täuschung anwenden. Das war Emma aufgefallen. Das ist ein sehr bekanntes Manöver, benannt nach der russischen Jägerin Petrowa Proskoff. Der Jäger im Besitz des Quaffels steigt in die Höhe, um die gegnerischen Jäger glauben zu machen, er wolle ihnen entkommen um einen Treffer zu landen, wirft dann jedoch den Quaffel hinunter zu einem Jäger seiner Mannschaft (das war Frederic), der schon auf den Ball wartete und dann reinmachte. Und Tobys Aufgabe war es zu verhindern, dass Frederic Chancen bekam an den Ball herein zu kommen, denn wenn er derjenige war, der werfen durfte, dann musste er für einen Erstklässler ausgesprochen gut werfen. Sonst wäre er ja nicht im Team. Tobys Pässe waren gerade und sicher und sehr hart und Frederic musste einige Male von seinen Teamkameraden aufgeholfen werden, weil er sich vom Besen gerollt hatte.
3. Maggie flog so viel wie möglich um die Ringe herum und beobachtete die Besenspitzen aller Spieler mit so einer Präzision, das sie tatsächlich die ersten zwei Quaffel (die auch Manöver und Tricks waren) hielt. Und das wie eine Eins.
4. Will und Matt hatten bereits in Teamarbeit den zweiten Ring getroffen un Theodora Hills hatte sich zu Tode geärgert.
5. Jonathan Butler rückte James immer wieder auf die Pelle, was ihn aber auch in Schussrichtung des Klatschers brachte – aber dem war er sich bestimmt bewusst.
  Das war's.
  >>Meine Güte, das Spiel ist schon in vollem Gange! Das waren nochmal zehn Punkte für Gryffindor. Es steht Zwanzig zu Null! Apropos Gryffindor, wir begrüßen die neue Hüterin, Maggie Wright – Drittklässlerin, die bisher jeden Quaffel gehalten hat. Auf Positionen der Treiber spielen Marnie Jacobs, Drittklässlerin und Tobias Roling, Viertklässler, auch ein Neuling – Marnie beschützt James vor den Angriffen und Tobias macht es Frederic ziemlich schwer – da schon wieder! James, ducken!<<
  Er hatte den Luftzug auch gespürt und gehört und ließ sich mit seinem Besen aus der Luft fallen, denn schon zischte über ihm erneut ein Klatscher davon und er ärgerte sich, dass er gar keine Chance hatte das Spiel richtig zu verfolgen oder den Schatz zu suchen, aber was wollte denn Jonathan Butler immer bei ihm? Wieso jagte er ihm hinterher?
  Marnie hatte ihn außer Atem erreicht, ihr Zopf hatte sich gelöst.
  >>Du bist zu schnell – man kann dir gar nicht das Leben retten!<<
  Noch hatte er es ja auch selber geschafft, aber wie lange würde das noch so weiter gehen? Würden sie ihn irgendwann doch treffen? James musste immer die Treiber im Auge behalten – auch ihre Spezialität war die Treiber-Doppelverteidigung, wie es schien.
  >>Auf der Positionen der Jäger haben wir Neuling, Matt Christensen, Sechstklässler! Herzlich Willkommen – dann unseren alten Hasen, der ebenfalls seine letzte Saison beginnt, Will Swan, Siebtklässler und meine nervigste Schwester, Emma Freeman. Die ist in der Fünften, ich weiß auch nicht, wie sie das geschafft hat.<<
  James lachte herzlichst darüber, während Marnie einen Klatscher aus dem weg schlug, der sie beide fast geköpft hatte.
  >>Alter!<<, rief sie beleidigt und funkelte die Wood-Woods an, die sie grinsend ansahen. >>Ich glaube, ich breche mir mein Handgelenk, wenn ich so weiter mache!<<
  >>Emma ist auch seit kurzem Co-Kapitän! Und der Kapitän und Sucher dieses Teams ist James Potter, ebenfalls Fünftklässler, der gerade einfach nur versucht zu überleben.<<
  Das war gut ausgedrückt. Denn er musste schon wieder viel zu viele Runden um das Feld fliegen, damit er nicht erreichbar wurde. Immer wenn er gerade anhalten wollte und dem Spiel zusehen wollte, da kam ein Klatscher angeschnellt und wollte ihn köpfen und Marnie konnte nicht immer mit ihm mithalten, ihr Besen kam nicht gegen seinen an. Also musste er weiter ausweichen, andauernd und die ganze Zeit – so konnte er nicht wirklich zeigen, was er konnte – sondern war die ganze Zeit auf der Flucht vor den Ravenclaws – was wohl die Scouts darüber denken mussten?
  Ihm blieb nichts anderes übrig, als so weiter zu machen und einfach dem Spielverlauf zuzuhören. Es stand mittlerweile vierzig zu dreißig für Gryffindor und er wusste nicht, wie es dazu gekommen war, aber er war so mit ausweichen beschäftigt gewesen, dass er verpasst hatte, wie Maggie letztendlich doch auf einen Trick herein gefallen war und den Quaffel einige Male herein gelassen hatte.
  Er hatte auch verpasst, wie Emma den Quaffel mit einer Schraube rein gemacht hatte und wie Tobias Frederic beinahe wirklich vom Besen gefegt hatte.  
  >>Und nochmal zehn Punkte für Ravenclaw!<<
  Was? James riss den Kopf herum, nur um zu sehen, dass ein Klatscher voll aus ihn zugerast kam – er verschwand hinter einer Tribüne und wich dem Todesschlages damit aus, aber das bedeutete nicht, dass der nächste bald bevor stünde.
>>Es steht nun vierzig zu vierzig, wir haben Gleichstand! Ravenclaw hat herausragend schnell aufgeholt! Swan ist im Quaffelbesitz, er wirft zu Matt, Matt passt zu Emma, Emma zu Matt – Matt zu – Emma – Matt – Will – Matt – Emma – ach, ihr kennt das ja – die Gryffindors werfen den Quaffel einander zu und fliegen dabei auf die Ravenclawringe zu – die Ravenclawjäger nähern sich und wagen einen Angriff – Emma ist im Quaffelbesitz und sie – passt an Matt – Matt an Will und Will – macht ihn rein! Habt ihr das gesehen! Wie er sich in der Luft gedreht und vorher angetäuscht hat – es steht fünfzig zu vierzig für Gryffindor!<<
  Jonathan Butler hatte aufgehört James zu verfolgen und hatte sich daran gemacht den Schnatz zu suchen – das hätte James ab jetzt auch schon getan, aber er hatte noch gar keine Chance – denn die beiden Treiber machten ihm jede Möglichkeit zur Nichte. Man müsste eigentlich die Treiber aufhalten – vielleicht mussten sie mal sehen, wie das war, wenn man keine Ruhe für das eigene Spiel hatte – und dann hatte er die Idee.
  >>Marnie!<<
  Er flog zu ihr, denn bei ihr fühlte er sich auch sicher, da konnte er kurz mit Ausweichen aufhören. Sie traf sich mit ihm in der Mitte des Feldes.
>>Schleuder die Quaffel nicht von mir weg, schleuder sie auf die Treiber zurück – Tobias! Ignoriere Frederic! Geht voll auf die Treiber!<<
  Das hatten die beiden sofort verstanden – James musste einmal noch einem fiesen Klatscher ausweichen, dann war es plötzlich vorbei.
  >>Die Gryffindors haben offenbar mitten im Spiel ihre Taktik verändert, denn wie es scheint haben die Treiber von Potter neue Anweisungen bekommen – anstatt nun auf die Jäger zu gehen, gehen die Treiber nun – auf die Treiber der Ravenclaws. Clever, James, clever, clever.<<
  Und es sollte nicht so aus, als würde er nur seinen eigenen Hintern retten wollen, aber so konnte er sich konzentrieren und mitbekommen, was hier abging. Blöderweise waren auch gleichzeitig die Ravenclawjäger nicht mehr in der Schusslinie und konnten so ohne Probleme einen Ring nach dem nächsten treffen, sodass sie bald bei Siebzig waren und Gryffindor gerade mal bei Fünfzig!
  >>Matt Christensen im Quaffelbesitz, sie fliegen nah am Boden und gehen nun in die Höhe – aber die Ravenclaws bauen sich wie eine Blockade vor den Ringen ihrer Hüterin auf und werden sicherlich keinen Quaffel mehr hindurch lassen – Will Swan kommt von der linken Seite – Pass zu Will – Pass zu Matt – Emma kommt von unten – was … sie haben den Quaffel nach unten
geworfen!<<
  James lachte – nun nutzten die Gryffindorjäger die Strategie der Ravenclaws gegen sie selber. Gut mitgedacht.
  >>Emma fängt den Quaffel – sie fliegt an der Blockade vorbei! ZEHN PUNKTE FÜR GRYFFINDOR!<<
  In dem Moment hatte James den Schnatz entdeckt – Jonathan Butler raste ihm hinterher, aber das Spiel war fast gerade erst gestartet. Der Schnatz war noch nicht bereit gefangen zu werden, also hatte Jonathan es ziemlich schwer. James beobachtete ihn angestrengt und überlegte, ob sich ein Einschreiten lohnte, schließilch entschied er sich um ihn herum zu fliegen. So konnte er schnell das Ruder an sich reiße, sollte Jonathan nur in die Nähe des Schnatzes kommen.
  >>Ravenclaw im Quaffelbesitz. Richards ist auf dem Weg zu den Ringen – Blake ist auch dabei und Frederic fliegt genau unter ihnen. Es sieht aus, als wollen sie wieder ihr Manöver anwenden – Pass zu Blake, dann wieder zu Richards – da kommen die Gryffindorjäger – sie lassen sich den Sieg doch nicht nehmen, oder? Pass zu Blake und sie lässt ihn fallen, Frederic Dickson fängt ihn und … er macht ihn rein! Zehn Punkte für Ravenclaw. Es steht nun Sechzig zu Achtzig – Ravenclaw liegt in Führung! Und Emma erhält den Quaffel, sie passen sich ihn einander zu – Matt – Emma – Will – Matt – Will – Emma – Will – Matt und so weiter und so fort. Sie formieren sich … aber die Ravenclawblockade baut sich wieder vor den Ringen auf. Sie fliegen alle nebeneinander, ob Gryffindor da erneut durchkommt?<<
  James sah dasselbe, was Christa auch sah. Die Ravenclaw würden nicht zum zweiten Mal auf denselben Trick herein fallen, also überlegten sich die Gryffindors etwas anderes.
  >>Emma! Du musst hoch fliegen!<<
  Emma hatte ihm eine Sekunde ihre Aufmerksamkeit geschenkt und dann warf sie den Quaffel zu Matt und gewann an Höhe. Matt und Will und schaute ihr hinterher, aber sie hatten verstanden. Wenn sie die Blockade nicht von unten überwinden konnte, mussten sie es von oben. Matt passte zu Will, Will zu Matt und dann warf dieser den Quaffel in die Höhe, kurz bevor sie die Blockade erreichten und der Quaffel sollte von Emma gefangen und in den Ring geworfen werden – sollte. Natürlich funktionierte es nie, wie sie es sich vorgenommen hatten, denn Emma flog zu hoch und sie erreichte den Quaffel nicht mit ihren Händen, aber das hatte sie früh genug bemerkt, also rollte sie sich vom Besen, sodass sie sich nur noch mit einer Hand am Besenstiel fest hielt und kaum hatte der Quaffel sie erreicht … schoss sie ihn – und sie traf einen Ring.
  >>Zehn Punkte für Gryffindor! Was war das denn!<< Christas Lachen hörte man durch das ganze Stadion. Matt und Will konnte nicht mehr aufhören zu lachen und Emma flog tänzelnd davon, flog an James vorbei und klatschte mit ihm ab, bevor James fast vom Klatscher getroffen wurde und auf dem Besen hin und her wackelte.
  >>Pass auf dich auf!<<, hörte er Emmas Stimme, dann düste sie davon.
  >>Jonathan Butler hat den Schnatz entdeckt und jagt ihm hinterher!<<
  Und James wusste, dass er sich nun einmischen sollte, denn Jonathan war ausgesprochen nah an dem Schnatz dran. Rasend schnell flog er auf ihn zu und überholte ihn ohne Probleme. Er achtete gar nicht mehr darauf, was um ihn herum geschah, sondern nur noch auf den Schnatz vor ihm – achtete nicht darauf, dass Ravenclaw noch Punkte erzielte und auch nicht mehr, dass Gryffindor keine mehr erzielte, aber das war nicht mehr wichtig, er hatte gleich den Schnatz gefangen. Jonathan Butler wurde immer kleiner hinter ihm, auch er spürte, dass er gegen James keine Chance hatte, aber langsamer würde er nicht mehr werden, er würde trotzdem unbeugsam weiter fliegen, bis einer den Schnatz wirklich gefangen hatte. Vorher war nicht an Aufgeben zu denken.
  Emma hatte Recht gehabt – sobald er im Spiel war, hatte er keine Angst mehr – er hatte alles ausgeblendet und war mitten drin – er war so konzentriert, dass er gar nicht darauf achtete, dass die Treiber sich nicht mehr gegenseitig angriffen.
  >>Zehn Punkte für Ravenclaw!<<
  Der Schnatz jagte James über die Tribünen hinter zu den Ringen, um die Stangen herum und schließlich nur einen Meter oder zwei Meter über dem Rasen – das war James' Chance – gerade Strecke, Rückenwind, seine Chance, seine Chance. Mit aller Kraft die er hatte, umfasste er den Besenstiel mit der linken Hand, legte sich mit seinem ganzen Körper auf den Besen und streckte seinen rechten Arm aus.
  >>Nochmal zehn Punkte für Ravenclaw!<<
  Das war der Moment – jetzt oder nie!
  James riss den Arm nach vorne und umklammerte den kleinen goldenen Ball fest mit der rechten Hand. Im selben Moment wollte er ihn hochreißen und das Spiel damit beenden, aber es kam, wie es kommen musste.
  Die Wood-Woods waren natürlich auch noch da und selbst im Auge des Verlustes hatten sie den Klatscher mit der Treiber-Doppelverteidigung auf ihn geschleudert. Dass Marnie und Tobias gerade woanders war, war nicht ihre Schuld – James hätte genauso gut aufpassen können, denn das hatte er nicht getan. Und wo traf er ihn? Natürlich. Wo denn auch sonst?
  Genau dort an dem rechten Arm, der soeben noch den Schnatz gefangen hatte. Und es gab ein lautes KNACK!
  Voller Schmerzen schrie James auf und ließ sich vom Besen fallen, der davon zischte und dann ebenfalls zu Boden krachte. Den Schnatz fest umklammernd, zog James den gebrochenen Arm zu sich, umklammerte ihn schützend und rollte sich auf dem Boden ab – Gott sei Dank, war er nicht weit über dem Boden geflogen, nur eineinhalb Meter etwa, sodass der Aufprall auf dem Rasen nicht ganz so schmerzhaft war. Dieser war trotzdem laut und polternd und erschütterte James' ganzen Körper – er rollte und rollte und rollte sich ab, bis er zum Stillstand kam.
  Auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt lag er da und im Stadion wurde es lauter und dann leiser, wie ein Radio. Ihm wurde schwarz vor seinen Augen und dann sah er den blauen Himmel, dann Dunkelheit, dann wieder den Himmel – die Jubelrufe oder die entsetzen Rufe nur noch als dumpfes Radio in seinem Ohr – dann wieder Dunkelheit, das Pochen in seinem Arm war so durchdringend, dass er sich nur noch auf die großen Schmerzen konzentrieren konnte – sie aber gleichzeitig ausblenden wollte.
  >>Ich hab ihn!<<, rief er voller Schmerzen aus, damit das Spiel endete. Aber er konnte seinen Arm nicht heben, stattdessen nahm er mit seiner linken Hand den Schnatz aus seiner rechten Hand, der Arm, der eindeutig gebrochen war – die Richtung in die er schaute, sah nicht gesund aus.
  Wieder Himmel über ihm, aber mittlerweile hatten sich einige Quidditchspieler in sein Blickfeld gebahnt – Jonathan Butler, die Treiber von Ravenclaw und Emma – Marnie war auch da und Tobias, dann noch ein paar Ravenclaws und irgendwann alle von Gryffindor und schließlich auch Madam Hooch.
  James keuchte, als jemand ihm hoch helfen wollte – ihm schmerzte sein Körper. Er konnte sich nur noch auf die Schmerzen konzentrieren, auf nichts anderes mehr. Und sein Arm pochte so höllisch, dass er glaubte, er war an mehreren Stellen, als nur einer gebrochen.
  >>James!<<
  Das war Will, der ihm hoch geholfen hatte. Ganz behutsam packte er ihn unter den Schultern und zog ihn in eine aufrechte Position, damit er atmen konnte. James stattdessen starrte in das Gesicht von Jonathan Butler, der vor ihm stand, als wollte er nicht glauben, was geschehen war. Sein Mund war buchstäblich ein Kreis, den er nicht mehr schließen konnte.
  >>Alter!<<, kam nur aus ihm heraus. Will nahm James rechten Arm und hielt ihn hoch, damit ihn nicht weiter belasten musste und er keuchte vor Schmerzen auf.
  >>Ich weiß, sorry<<, sagte dieser sofort.
  James schaute auf sein Team, schaute in ihre Gesichter. Enttäuschte Gesichter. Dieses Mal wollte er es nicht so lange hinaus zögern – er wollte ihnen zeigen, dass sie gewonnen hatten. Dann öffnete er seine linke Hand und der müde Schnatz mit müden, erschlafften Flügeln bewegte sich darin, bevor er ganz den Geist aufgab und die Flügel fallen ließ.  
  >>Ich hab ihn.<<
  Stille.
  Piepen auf seinem Ohr.
  Dunkelheit – James driftete wieder ab, dann wurde er zurück geholt, als sein Team um ihn herum in lautem freudigem und begeistertem Geschrei ausbrach. Eine Trillerpfeife holte ihn vollständig in die Realität zurück, Madam Hooch pfiff das Ende des Spiels ab und rief: >>Gryffindor gewinnt! James Potter hat den Schnatz gefangen!<<
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