Narben der Liebe

von Catweazle
GeschichteDrama, Romanze / P16
02.03.2020
26.03.2020
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Hallo,

hier ist ein weiteres Kapitel für euch!

Danke an JayJillsKleineWelt, SunriseAve66, Kylja, sr999, Palomita, Kaffeetante, CoCochansWorld, Mubaerin, Bella-2017 und an die Mail-Reviewerin. Wahnsinn, ich freue mich unglaublich, auch über den Favo.
Auch an alle anderen Leser ein Dankeschön!
Liebe Grüße, Cat
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Kapitel 8:


„Na? Gut geschlafen?“ Brummend setzte ich mich auf, rieb mir den Nacken.
„Diese Couch ist die Hölle“, stöhnte ich, den Oberkörper jetzt leicht hin und her bewegend.
„Findest du? Ich habe recht gut geschlafen. Hast du geträumt, Mikko? Du warst sehr unruhig.“
Ich merkte wie ich sofort in meiner Bewegung erstarrte.
„Ich habe Mist geträumt, das ist alles. Und ich habe einen Bärenhunger“, legte ich die Hand auf meinen Bauch.
„Nicht fündig geworden, letzte Nacht? Du hast mir doch geschrieben, dass du etwas zu essen besorgen willst. Das war aber gar nicht so, oder?“, musterte sie mich aufmerksam.
„War 'ne scheiß Aktion“, gab ich zu. „Anouk, ich lade dich zum Essen ein, dann erkläre ich dir alles. Einverstanden? Ähm ... Würdest du fahren? Mein Auto ...“
„Natürlich. Hast du einen bestimmten Wunsch? Ein spätes Frühstück, oder lieber ein warmes Mittagessen?“, erhob sie sich bereits von der Couch, auf der sie bis jetzt im Schneidersitz gesessen hatte.
„Was Warmes“, bat ich. „In Vaasa werden wir ja wohl ein Restaurant finden. Ich möchte mich nur eben waschen und was Frisches anziehen, dann können wir los.“ Ich ging zum Auto, um meine Tasche hereinzuholen, dann verschwand ich im Bad. Anouk nutzte die Gelegenheit, um sich ebenfalls umzukleiden und die alten Jeans, samt der Bluse, gegen ein Kleid zu tauschen. Offensichtlich war sie ebenso wie ich darauf vorbereitet gewesen, dass wir uns nicht ausschließlich in dem Haus aufhalten würden. Nur wenig später kam ich auch wieder nach unten. Blaues Hemd, dunkle Hosen. In der Hand hielt ich paar schwarze Schuhe.

„Hübsch“, nickte ich, als ich Anouk erblickte. Das Kleid, ihre glänzenden Haare. In meinen Augen war sie wirklich eine sehr attraktive Frau.
„Danke. Du siehst auch nicht schlecht aus“, gab sie zurück.
„Ebenfalls Danke. Aber ich habe mich nicht extra rasiert wie du siehst.“ Ich ließ mich auf einer Treppenstufe nieder und zog mir die Schuhe an. „Ich bin froh wenn das hier vorbei ist“, erklärte ich. „Nicht wegen dir, nur weil ich endlich Ruhe vor dem haben will was sich so schön meine Ehe  genannt hat. Urlaub, ich habe in zwei Wochen Urlaub. Vielleicht fahre ich in die Toskana, da wollte ich immer schon hin. So“, stand ich auf, „wir können los.“
„In die Toskana?“, scherzte sie. Meine Augen verharrten für einen Moment in ihrem Gesicht.
„Ja, warum nicht?“, rutschte es mir einfach so heraus. Anouk wurde rot. Schnell drehte sie sich um und öffnete die Haustür.

Ein Restaurant war schnell gefunden und nachdem wir Getränke und Essen gewählt hatten begann ich mit meiner Beichte.
„Ich habe nicht nachgedacht“, endete ich schließlich. „Das alles hat mich ganz schön aus der Bahn geworfen. Leea wollte mich als Zuchthengst benutzen, das hat mich schon etwas sehr geschockt. Zusätzlich zu dem was sowieso war. Sie ... sie wollte jemanden aus mir machen der ich nicht war, aber das wollte ich nicht wahrhaben. Vielleicht hätte ich damals einen Schlussstrich ziehen sollen, aber ich konnte es nicht. Sie ... Leea war hübsch“, fuhr er fort während ich auf meine Finger schaute die an der Serviette knibbelten, „gebildet und kultiviert. Attraktiv. Alle haben mich um sie beneidet und ich war auch stolz darauf, dass sie sich für mich entschieden hatte. Leea hat mir nie Steine in den Weg gelegt, sie hat mich dabei unterstützt meine Pläne durchzuziehen. Dafür bin ich ihr selbstverständlich dankbar, auch wenn das alles im Nachhinein natürlich einen sehr bitteren Beigeschmack bekommt. Aber ich erzähle nur von mir“, lächelte ich sie an, „jetzt plaudere du mal aus dem Nähkästchen.“ Ich lehnte mich entspannt zurück.
Anouks Hände umfassten ihr Glas, drehten es hin und her.
„Was soll ich sagen? Ich war jung und verliebt. Juliuus hat mich verwöhnt. Er war immer lieb, aufmerksam und rücksichtsvoll. Eigentlich hat er mich wie eine Göttin behandelt.“ Anouk setzte ihr Glas ab, beugte sich ein wenig vor und winkte mich heran, sodass ich ebenfalls meinen Oberkörper über den Tisch beugte. „Weißt du was ich denke, Mikko? Ich war seine Heilige und sie ...“
„... die Hure“, ergänzte ich. „Schau mich nicht so schockiert an. Genau das war sie doch! Übrigens, mir ist eine Idee gekommen. Wir könnten fragen, ob jemand Leea und Juliuus gekannt hat. Vielleicht waren sie hier auch zu Gast und irgendjemand erinnert sich noch an sie.“
„Schon möglich.“

Höflich warteten wir ab bis die Bedienung uns die Getränke und das Essen serviert hatte.
„Entschuldigen Sie bitte“, begann ich meine leicht lädierte Serviette zu entfalten, „aber könnten Sie uns eine Auskunft geben? Es geht um ein Paar das bis vor anderthalb Jahren in dem Haus an der Työssikkukanusa gelebt hat.“
„Tut mir leid“, schüttelte die junge Frau den Kopf, „ich arbeite erst seit einem Jahr hier, aber ich werde meinen Chef fragen, ob er Ihnen behilflich sein kann.“
„Danke, das wäre nett.“ Ich hob mein Wasserglas und prostete mir mit Anouk zu. Während wir aßen sprachen wir über mein angestrebtes Urlaubsziel, die Toskana, und Anouk erzählte mir, dass sie als junges Mädchen mal mit ihren Eltern in der Toskana gewesen war.
„Wenn man über Italien redet gehört eigentlich ein Wein dazu“, fand ich und gab die Bestellung auf. Diesmal war es der Chef persönlich der uns den guten Tropfen servierte.

„Moi“, wurden wir gegrüßt. „Neue Gäste, das freut mich. Herzlich willkommen. Ich habe gehört, dass ihr etwas über Leea und Juliuus erfahren wollt?“ Der Mann, Anfang vierzig, wirkte sehr aufgeschlossen. „Ich bin Jannik, Jannik Littkanen, der Besitzer dieses Restaurants.“ Freundlich reichte ich ihm die Hand.
„Du kanntest die Beiden gut? Leea und Juliuus?“ Jannik hob die Achseln an.
„Kennen wäre sicherlich übertrieben, sie haben sehr zurückgezogen gelebt, aber sie waren hier einige Male zum Essen. Freundliche Leute. War 'ne tragische Sache, dieser fürchterliche Unfall.“
„Was weißt du noch über die Beiden?“, erkundigte ich mich. Jannik zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.
„Der Mann, Juliuus, hatte irgendetwas mit Immobilien zu tun. Glaube ich jedenfalls, aber das interessierte hier keinen. Er und seine Frau haben uns in Ruhe gelassen, also haben wir sie auch in Ruhe gelassen. Warum wollt ihr das eigentlich wissen?“ Ein misstrauischer Blick traf uns.
„Oh, Entschuldigung, wie unhöflich von mir, wir haben uns noch nicht einmal vorgestellt. Das ist Anouk und ich bin Mikko. Anouk hat das Haus geerbt und will es nun verkaufen.“
„Ah.“ Jannik zwirbelte in seinem rötlich schimmernden Vollbart. „Verwandtschaft?“
„Kann man so sagen“, nickte ich. „Sag mal ... Waren die Beiden eigentlich verheiratet?“
„Leea und Juliuus?“ Erstaunt zog Jannik eine Augenbraue hoch. „Das nehme ich doch stark an. Immerhin trugen sie Eheringe. Ich denke ihr seid Verwandtschaft, und dann wisst ihr das nicht?“
„Eben drum“, antwortete ich und setzte hinzu: „wir haben uns nicht besonders gut gekannt. Dürfte ich jetzt zahlen? Es hat übrigens hervorragend geschmeckt.“ Der Gesichtsausdruck des Restaurantbesitzers erhellte sich.
„Das freut mich. Einen Augenblick, Marie wird gleich zum Kassieren kommen.“ Ich schob meinen Teller beiseite nachdem Jannik gegangen war.

„Und? Hat das jetzt was gebracht?“, forschte Anouk nach.
„Vermutlich nicht“, seufzte ich, „aber jetzt wissen wir, dass sie in der Öffentlichkeit den Anschein erwecken wollten, dass sie verheiratet waren.“
„Was sie ja auch waren. Nur nicht miteinander“,  traf Anouk den Nagel auf den Kopf. „Darf ich dich mal etwas fragen, Mikko?“
„Natürlich.“ Neugierig sah ich sie an.
„Als du geschlafen hast, da wurdest du plötzlich sehr unruhig. Offensichtlich hast du etwas geräumt. Du hast um dich geschlagen und nein, Leea, nein,  gerufen. Kannst du dich an den Traum erinnern? Ich war schon drauf und dran dich zu wecken, weil es so angstvoll klang.“
„Es war ein Traum“, wich ich aus und war froh, als Marie mit der Rechnung ankam.

Nachdem ich den Betrag beglichen hatte fuhren wir zurück. Wir wollten noch die restlichen Papiere durchsehen und nachschauen, ob es noch etwas Wertvolles im Haus gab. Schmuck vielleicht. Wenn, dann sollte Anouk alles nehmen. Sie konnte es verkaufen und den Erlös einem Kinderheim spenden oder ähnliches. Und mit den Bildern so zu verfahren wäre wohl ebenfalls sinnvoll, dachte ich.
Aus den weiteren Papieren die ich durchsah erfuhr ich nichts Neues und ich war froh, denn das was ich erfahren hatte das reichte mir auch vollkommen.

                                                                                     *

„Mikko? Ich glaube ich weiß wann und wo Leea und Juliuus sich kennengelernt haben.“
Anouk reichte mir ein Foto auf dem sie selbst mit Juliuus zu sehen war. „Das war auf einer Vernissage. Junge Künstler die ihre Bilder präsentierten. Ich weiß noch, dass Juliuus von der einen Künstlerin sehr begeistert war und sie unbedingt persönlich kennenlernen wollte. Ich habe mich an diesem Abend nicht gut gefühlt und bin auf das Hotelzimmer gegangen.“
„In Turku?“, riet ich.
„Ja.“
„Wunderbar“, kam es ironisch von mir. „Das war die erste Ausstellung auf der Leea einige ihrer Bilder präsentiert hat. Ich war mit ihr dort und erinnere mich noch sehr gut daran, wie überglücklich sie war, dass es einen Interessenten für eines ihrer Gemälde gab. Es wurde gleich ein Treffen vereinbart, aber ich musste weg, weil es mit einem Künstler den ich damals betreute Schwierigkeiten gab.“ Ich reichte Anouk das Foto zurück. „Das war an Leeas 31. Geburtstag, kurz vor unserem ersten Hochzeitstag. Sie war ziemlich sauer auf mich, weil ich weggefahren bin, aber ich hatte mich nun mal vertraglich verpflichtet mich bei etwaigen Problemen persönlich um alles zu kümmern.“ Ich stand auf, ging mit schnellen Schritten durch den Raum, griff mit den Händen in meine Haare. „Schon kurz darauf kam das Kinderthema auf. Sie wurde schwanger und den Rest kennen wir beide ja.“
„Dann vermute ich mal“, sagte Anouk leise, „dass mein Mann der Kaufinteressent war und sie sich an diesem Abend in Turku kennengelernt haben. Wären wir beide an diesem Abend bei unseren Ehepartnern gewesen, dann ...“

„Anouk!“ Mit wenigen Schritten war ich bei ihr, ging vor der Couch auf der sie saß in die Hocke. „Anouk, sieh mich an!“ Ihr unsicherer Blick richtete sich auf mich.
„Das war nicht unsere Schuld. Weder deine Unpässlichkeit noch die Tatsache, dass es mit meinem Schützling Schwierigkeiten gab. Jeder Mensch hat sein eigenes Leben, auch wenn man ein Paar ist. Man muss auch nicht alles gemeinsam machen. Normalerweise sollte eine Ehe stark genug sein damit so etwas wie das was in unseren Ehen passiert ist nicht geschieht, aber das war offensichtlich nicht der Fall. Ob Leea und Juliuus sich Hals über Kopf verliebt haben, oder ob da lediglich eine starke Anziehungskraft war die dann so groß wurde, dass sie einander nicht widerstehen konnten das weiß ich nicht, aber was auch immer die Beiden verband, es war stärker als das was wir ihnen zu bieten hatten, das müssen wir uns eingestehen.“

Es tat mir in der Seele weh als ich den traurigen Blick in Anouks Augen sah. So wunderschöne Augen. Leise seufzend erhob ich mich, trat ans Fenster und sah hinaus. Die Sonne war gerade im Begriff unterzugehen, man konnte ihr Herabsinken direkt verfolgen und mit jeder Sekunde wurde es dunkler. Nachdenklich legte ich meine Hand auf den Oberarm, spürte die kleinen Narben die das Tattoo verbarg.
Versteckt vor den Augen der Welt, aber sichtbar für meine Seele.
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Ich weiß, dass die Story gerade etwas schwermütig rüber kommt, ich hoffe sie gefällt auch denjenigen die eigentlich auf etwas mehr Romantik stehen. Bleibt dabei.
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