Vertrauen

von Laurent
OneshotDrama, Romanze / P12 Slash
Lan Huan
02.03.2020
02.03.2020
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1.053
 
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Lan Xichen schlug die Augen auf. Er wusste genau wie spät es war, ohne lang darüber nachdenken zu müssen. Sein Körper war auf die strengen Regeln seiner Sekte eingestellt und diese beinhalteten ebenso feste Schlaf- wie Aufstehzeiten. Eines war sicher, seine innere Uhr würde sich nicht täuschen lassen, auch wenn er in letzter Zeit häufiger die Nächte anders verbrachte als er es zuhause gewohnt war.
Ein paar Vögel zwitscherten in der Nähe des Gasthauses. Neben Singvögeln konnte man sogar das Gackern einiger Hühner hören, die ebenfalls bereits das junge Tageslicht genossen und sich vergnügt der Futtersuche widmeten. Langsam richtete  sich Xichen auf und erblickte den schlafenden Jin Guangyao, der es sich auf dem Bett auf der anderen Seite des Raumes bequem gemacht hatte. Der so friedlich ruhende Mann war nicht unschuldig an dem vermehrten Regelbeugen, nicht  nur der Schlafgewohnheiten, des Lan Clans. Auch wenn es der Anstand gebot sich den Riten ganz anzuvertrauen, um auf dem rechten Weg zu bleiben, würden kleinste Ausnahmen außerhalb des Clansitzes sehr wahrscheinlich nicht zur Katastrophe führen. Schließlich gehörten einige verbotene Dinge zum guten Ton anderer Clans, so der gemeinsame Alkoholkonsum.
Lautlos stand Xichen auf, um sich neben Yao zu setzen und ihn zu beobachten. Wecken wollte er ihn noch nicht.  Die Ruhe gab ihm Raum um nachzudenken. Wie kam sein Bruder Lan Wangji und dessen Vertrauter Wei Wuxian nur darauf, Yao hätte böse Absichten oder sei gar verantwortlich für schreckliches Leid? Er konnte es sich nicht vorstellen, ganz gleich welche Beweise gegen ihn sprechen würden. Yao war die Person, der er wohl am meisten Vertrauen schenkte. Schon damals, als er ihn das erste Mal sah, wusste er instintkiv, wie außergewöhnlich Yao war. Selbst als unbedeutender Diener des Nie Clans war er durch seine Intelligenz, seine Höflichkeit und Liebenswürdigkeit aufgefallen. Er ertrug dabei jegliche Form von Schikane und Herabwürdigung ohne das geringste Zeichen des Hasses. Xichen verstand nicht, wie ein so geistreicher junger Mann von jemandem mit Absicht schlecht behandelt werden konnte, nur weil dessen Herkunft keiner glorreichen Linie entsprang. Das uneheliche Kind des Jin-Clanoberhauptes zu sein, das allein reichte für eine Degradierung. Xichen sah stets mehr in ihm als das.
Er musste lächeln. Sein Freund lag auf der Seite, mit dem Gesicht zu ihm gewandt. Dabei fiel eine Haarsträhne über dessen Wange und Nase, bewegte sich bei jedem Atemzug mit. Vorsichtig strich er ihm die sich verirrten Haare hinter das Ohr und noch während er es tat, öffnete Yao verwundert seine Augen, starrte noch verwirrter ins Gesicht des anderen. Es dauerte einige Sekunden, doch dann verstand der Erwachte und antwortete mit einem lieben Lächeln, wobei seine Grübchen scharf hervorstachen. Das machte Xichen verlegen. Um die Situation zu retten, flüsterte er deshalb: „Guten Morgen. Verzeih... ich habe dich nicht wecken wollen.“
Guangyao lächelte nun noch breiter. „Es gibt keinen Grund für Entschuldigungen zwischen uns. Insbesondere nicht, wenn euer Anblick das erste ist, das mich beim Augenaufschlag erwartet.“
Noch bevor er endete, nickte das Lan-Clan Oberhaupt und machte sich daran aufzustehen. „Schlaf weiter, es ist früh...“, fügte er im Gehen hinzu, doch spürte schnell, wie ihn etwas zurückhielt. Yao hatte sich Xichens äußerst rein gehaltenen hellblauen Ärmel geschnappt und zog leicht daran. „Bleibt... bitte.“, verlangte Yao in einem weichen, schmeichelnden Ton. Der andere konnte diesen Wunsch nicht abschlagen und setzte sich erneut vor das Bett.
Es folgte eine lange Pause, in der Yao zu schlafen und  Xichen zu meditieren versuchte, doch schließlich war die Zeit gekommen für eine Frage, die nicht mehr warten konnte.
„Yao? Hast du Geheimnisse vor mir?“
Diese Frage verblüffte den Angesprochenen, aber er musste nicht überlegen. Elegant setzte er sich auf und ergriff die Hand seines Freundes, welche er fest mit seinen eigenen Händen umschloss. Ohne seine Haube wirkte er so anders, fiel Xichen auf. Kaum einer sah ihn mehr ohne dieses Symbol und das er zu den Wenigen gehörte, die es doch taten, machte ihn überglücklich.
„Mehr als jedem Menschen auf dieser Welt vertraue ich dir. Ihr könntet mir im Zorn ein Schwert auf die Brust legen, ich würde mit Freuden meine Augen schließen und mein Schicksal in eure Hand legen. Ich hoffe, eure Gefühle mir gegenüber sind von eben solcher Natur. Ihr seid seit unserer ersten Begegnung das Licht meines Lebens, ich würde niemals etwas tun, das euch schaden könnte.“
Xichen zögerte, was Yao unter einem schmerzlichen Seufzen feststellte. Es war keine rechte Antwort auf die Frage.
„Sprecht bitte frei heraus! Nichts liegt mir mehr am Herzen als ihr und euer Wohlergehen.“, fügte Yao hinzu und zog seinen Freund nahe zu sich. Ihre Nasenspitzen waren kaum mehr eine Handbreit voneinander entfernt.
„Es ist nichts. Auch ich vertraue dir. Blind. Wir sind mit Hilfe des jeweils anderen gewachsen und ohne einander wären wir heute andere Menschen, denkst du nicht auch? Ich könnte mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen. Diese Frage war nur ein Gespinst.“, erklärte sich Xichen.
Sie lächelten einander liebevoll an. Ohne es sagen zu müssen, war ihnen bewusst, dass sie eine ungemein tiefe Freundschaft verband, die es in jeder Lebensspanne nur einmal geben konnte. Sie kamen dem am nächsten, was man in der Literatur wohl als Seelenverwandte bezeichnen würde. Ihre Bedürfnisse, Wünsche und Ängste konnten sie verstehen, ohne auch nur ein Wort zu wechseln.
Nun war es Yao, dem etwas auf der Zunge brannte.
„Was denkt ihr über mich?“, puffte es aus ihm heraus und er wirkte sichtlich beunruhigt.
Man konnte förmlich hören, wie Xichen nach den richtigen Worten suchte.
„Ich denke, in dieser Welt brauche ich niemanden so sehr wie dich. Auch ihr seid der Antrieb meines Lebens.“
Guangyao löste die Umklammerung von Xichens Hand und strich nun stattdessen sanft über dessen Wange. Langsam beugte sich Xichen nach vorne, wodurch sich ihre Gesichter noch näher kamen. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, erstarrte er jedoch. Er wollte sichergehen, dass er nicht zu weit ging. Doch Yao schloss die Lücke zwischen ihnen und legte mit geschlossenen Augen seine Lippen auf die des anderen Mannes.
Es war unschuldig und ehrlich. Schnell ließen sie wieder voneinander ab. Es war nicht der richtige Zeitpunkt für das Fortführen ihrer Intimitäten, das wussten sie beide. Tief berührt musterte Guangyao Xichen, wobei seine langen, schwarzen Wimpern den letzten Schlaf hinweg wischten. Seine Liebe spiegelte sich in seinen glänzenden braunen Augen wider.

„Das wollte ich schon immer für euch sein... Xichen.“
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