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Gray Waves

GeschichteKrimi, Fantasy / P16 / Gen
Waver Velvet
01.03.2020
03.01.2021
11
53.857
2
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08.04.2020 4.042
 
“Ich packe meinen Koffer”, kam es Gray in den Sinn und für einen Moment hielt sie inne, einen sauber gefalteten, grauen Rock in den Händen, und blickte einfach nur auf die Sachen, die sie bereits eingepackt hatte. Sie war gut in dem Spiel gewesen, obwohl es in ihrem Dorf Kinder mit viel besseren Noten als ihren gegeben hatte. Aber Gray hatte schon damals verstanden, was der Trick an diesem Spiel war. Es reichte nicht nur, die Sequenz im Kopf zu wiederholen und bei jedem Teilnehmer selbst mitzudenken. Man brauchte Bilder dazu, eine ganze Geschichte, wie die Einzelteile am Ziel benutzt werden würden. Nur zu gerne hatte sie sich ganze Geschichten ausgedacht, selbst wenn das Spiel schon längst vorbei gewesen war. Vielleicht hatte ihr Verstand schon im zarten Alter von 7 gewusst, dass ihre Zukunft nicht an einem Ort lag, wo Menschen sie als Mittel zum Zweck benutzten, und jede Möglichkeit zur Flucht aus der Realität genutzt - auch wenn es nur ein Kinderspiel gewesen war.
Sie wusste nicht, ob jemand es mitbekommen hatte, aber bei Reines’ Vorschlag hatte sie tatsächlich gelächelt. Das Meer… Schon beim Spielen hatten sie als einfältige Kinder immer das eingepackt, von dem sie glaubten, dass es bei einer solchen Reise von Nöten sein würde. Sonnencreme, Badeanzug, Handtücher, eine Sonnenbrille... All diese Dinge hatten sie auch so besessen, wenn sie einen Ausflug an einen nahegelegenen See unternommen hatten, doch dafür zu packen, hatte nie die gleiche Faszination in Gray ausgelöst. Das war ein Tagestrip gewesen, um ein paar Stunden etwas Besonderes zu erleben. Es war keine Reise an einen Ort, wo das Wasser ebenso blau und weit wie der Himmel war und die Füße im warmen Sand versanken. Ein Ort, für den man strahlendes Blau und sonniges Gelb benutzte und nicht die mit grau und grün getränkten Farben, die Grays Dorf in ihrer Erinnerung gehabt hatte.
Doch jetzt, wo Gray allein in ihrem Zimmer war und Zeit hatte, sich darüber Gedanken zu machen, war ihre Euphorie verflogen. Die Bäume hatten noch nicht einmal damit begonnen, auszutreiben, und nur langsam waren die kurzen Tage nicht mehr in das schmutzige Grau des Winters getaucht. Es würde nichts gemeinsam haben mit dem, was sie sich früher ausgemalt hatte. Doch sie würde den kindischen Vorstellungen nicht nachtrauern. Schon jetzt waren die Tage viel heller, als sie damals je gewesen waren.
Ehe sie sich versah, summte sie sogar eines der Klavierstücke, die ihr Meister in den letzten Tagen noch gehört hatte, während sie weiterhin ihre Kleidungsstücke im Koffer platzierte.

Als sie ins Wohnzimmer trat, tigerte ihr Meister bereits durch die Räume, um sicherzugehen, nichts vergessen zu haben. Zum dritten Mal prüfte er, ob der Herd nicht an war, die Topfpflanzen sie bei ihrer Rückkehr als Mumien begrüßen oder die Lebensmittel im Kühlschrank mit einer grünen Pelzschicht überzogen sein würden. Sie kannte seine nervöse Routine vor jeder längeren Abreise und blätterte in einem der Bücher auf dem Wohnzimmertisch, während sie immer wieder über den Rand schielte. Mit einem Schmunzeln, das mit genug Zeit in Ungeduld umschwingen würde, verfolgte sie seine routinierten Bewegungen, die immer wieder von plötzlichen, dringenden Einfällen unterbrochen wurden.
Sie hatte bereits das zweite Kapitel erreicht, als er die Hände auf die Hüften stemmte, seinen Rücken durchdrückte und einen letzten Blick über die Inneneinrichtung schweifen ließ. Sein Nicken kam ihr wie eine Erlösung vor. "Okay, bereit zum Aufbruch."
Gray schlug das Buch zu, legte es auf den Tisch zurück.
"Was hast du denn da?"
Gray lächelte flüchtig. Hatte er etwa schon vergessen, mit welchem Buch er gestern so lange auf der Couch zugebracht hatte, dass er am nächsten Morgen darauf aufgewacht war?"
"Die Legende von Camelot", las sie vom Einband vor.
Waver schüttelte den Kopf. "Das meine ich nicht", sagte er und deutete auf die Hand, die sie geistesabwesend auf das Buch gelegt hatte.
"Ach das." Hätte er sie nicht darauf hingewiesen, hätte sie schon wieder ganz vergessen, dass der weiße, dünne Stoff um ihre Hand gewickelt war. "Ich habe gestern eine Tasse aus dem Schrank fallen lassen, als ich Tee gemacht habe, und als ich die Scherben aufsammeln wollte, habe ich mich geschnitten - ich werde sie aber auf jeden Fall ersetzen!", fügte sie hastig hinzu. Kaum zu glauben, dass sie ihrem Meister das noch nicht gebeichtet hatte, wo doch die Schuldgefühle ihm gegenüber ihr erster Gedanke gewesen waren.
"Schon gut. Wir haben sowieso viel zu viele in dem Schrank. Kein Wunder, dass sie herausfallen." Sein Blick war immer noch auf ihre Wunde gerichtet, als könne er durch den Verband hindurchsehen, wenn er ihn lange genug betrachtete. "Tut es noch weh?"
"Es hat ein bisschen geblutet, aber jetzt stört es nur noch, wenn ich es berühre. Ist eine recht ungünstige Stelle, aber es sollte mich nicht allzu sehr beeinträchtigen." Sie hätte ein Pflaster darauf geklebt, aber da es sich an der Handinnenfläche befand, wellte es sich bei jedem Griff so, dass die Wunde wieder freigelegt wurde. Zu viel Aufwand um so eine kleine Sache, aber sie schien eine geradezu instinktive Furcht vor möglichen Infektionen zu haben. Im Zeitalter der modernen Medizin war das zwar weit von einem Todesurteil entfernt, aber sie wollte das nicht länger als nötig mit sich herumtragen.
"Wie du meinst", sagte er und drehte sich zur Tür. "Lass uns gehen."
Sie griff nach ihrem kleinen Koffer. Ihr Meister hatte einen ähnlichen, wenn auch viel größer. Sie hatte so eine Ahnung, was sich darin befand. Wo andere Menschen doppelt so viele Klamotten einpackten, wie sie tragen konnten, hatte ihr Meister einen ganzen Vorrat Bücher dabei. Gray schmunzelte abermals. So viel Spaß, wie es ihm machte, die Fälle zu lösen, so unruhig wurde er, wenn er bei seinem abendlichen Tee kein Buch in der Hand hatte - zur Not eines, das er aus der privaten Hausbücherei seines Gastgebers entwendet hatte. Er war nicht einmal davor zurückgeschreckt, ein Tagebuch zu überfliegen. Sie hatte mit pochendem Herzen neben ihm gesessen, in stetiger Angst, dass die Tür auffliegen und der Hausherr erscheinen würde. Aber die Minuten waren ohne besondere Ereignisse ins Land gezogen.
Der neue Tag war bereits angebrochen, als ihr Meister das Buch mit einem Lesezeichen auf den Tisch und sich mit einem zufriedenen Lächeln auf das Sofa gelegt hatte. Noch vor dem Frühstück hatte er den Fall aufgelöst - was ein folgenschwerer Fehler gewesen war. Nach dieser spektakulären Schlussfolgerung, (basierend auf einem Zaubertrank, der im Tagebuch verschlüsselt beschrieben worden war), war die Mahlzeit in Vergessenheit geraten und sie hatten aus Höflichkeit die Heimfahrt mit einem leeren Magen angetreten.
Doch auch Gray hatte ihre eigenen Fehler begangen. Vielleicht war es die Aufregung, oder die Worte, die ihr Meister im Schlaf gemurmelt hatte, aber ihrem Gefühl nach hatte sie nur die Augen geschlossen gehabt, während ihr Verstand die Schwärze mit seinen unzähligen, unnötigen Gedanken gefüllt hatte. Wie ein trotziges Kind, das nicht schlafen wollte, weil es der Meinung war, dass es noch so viel Besseres zu tun gab. Alles, was sie von der Schlussfolgerung noch wusste, waren Momentaufnahmen, während sie ihrem Körper mit der Vehemenz des Mantras eines verunglückten Polarforschers gesagt hatte, dass er auf keinen Fall einschlafen durfte. Eine Szene zu machen, weil sie plötzlich scheinbar ohnmächtig zusammensackte, hätte wohlmöglich dem enttarnten Mörder erlaubt, in der Aufregung das Weite zu suchen.
Seit sie sich im Auto angeschnallt und den Kopf gegen die Stütze gelegt hatte, fehlten ihr alle Erinnerungen bis zu dem Punkt, wo sie schon längst daheim in der Auffahrt gestanden hatten. Auf ihrem Schoß hatte eine Tüte mit belegten Brötchen gelegen und in der Halterung neben ihr ein Thermosbecher gestanden, aus dem ein Faden mit einem Schild für Kräutertee gebaumelt hatte. Genau aus dem Grund liebte sie Autofahrten und die Abgeschiedenheit, die es mit sich brachten. Es war wie ein kleines, fahrendes Zuhause, in dem man sich ungestört unterhalten konnte, oder einfach nur die vorbeifliegende Landschaft betrachtete - oder eben die ganze Fahrt verschlief.
Nur leider hatte sie einen Meister, der, wenn er die Option hatte, jederzeit den Zug vorziehen würde. Trotz der Menschen um sie herum reichte ein Blick in ein Buch und er tauchte in jede Welt ab, die ihm geboten wurde. Manchmal musste Gray ihn aus seiner Starre reißen, woraufhin er seine verstreuten Habseligkeiten in Windeseile in seine Tasche schmiss, bevor beide zum Ausgang hasteten und sich dort durch den Strom an herein tretenden Menschen zwängen mussten.
Trotz dieser Unannehmlichkeiten beneidete sie ihn um diese Fähigkeit. Sie schreckte hoch, sobald jemand an ihren Sitzplätzen vorbei lief, und senkte ihren Blick daraufhin noch etwas tiefer. Manchmal hörte sie Fetzen einer Unterhaltung, wie die Kommentare, warum sie selbst bei den 20 Grad im Abteil noch ihre Jacke samt Kapuze trug. Irgendjemand hatte sie sogar als "Lolita" bezeichnet, zusammen mit einem abschätzigen Blick zu ihrem Meister, den sie sich nicht hatte erklären können. Sie hatte sich nichts bei diesem unbekannten Wort gedacht, bis sie Wochen später den Titel auf einem Buch gelesen hatte. Neugierig hatte sie durch die Seiten geblättert und als ihr klar geworden war, wovon es handelte, hatte sie es zugeschlagen, eilig ins Regal gestopft und war mit hochrotem Kopf aus dem Laden geeilt. Die Leute mussten sie für eine Diebin gehalten haben, als sie den ganzen Weg bis zur Bahn gerannt war, aber dieser Gedanke hatte kaum Platz in ihrem Kopf gehabt.
Nein, mit dem Zug zu fahren, war für sie das weitaus ungünstigere Szenario. Außerdem schien ihr Unterbewusstsein jedes Mal an ihr Abenteuer von vor ein paar Wochen zu denken, weshalb sie gerade so viel aß, dass man ihren Magen nicht hören würde, damit sie ihr Frühstück auch ja nicht zweimal sah.
Da die Strecke zu diesem entlegenen Ort mit den öffentlichen Verkehrsmitteln allerdings doppelt so lange dauerte, war es nicht wirklich eine Wahl gewesen. Trotzdem fühlte es sich wie ein Sieg an, auch wenn sie nichts dafür hatte tun müssen, um ihn zu erringen.
Sie blickte zu ihrem Meister, als er die Tür hinter ihnen zuschloss. Sie wollte ihn mit einem nett gemeinten Scherz aufheitern, vielleicht, dass er immer noch ein Hörbuch genießen konnte, doch er schien nicht besonders verstimmt zu sein. Gray lächelte. Auch sie fühlte die Schmetterlinge in ihrem Bauch, wenn sie zu einem neuen Abenteuer aufbrachen.
Dann drehte ihr Meister sich zum Fahrzeug und alles änderte sich. Schlagartig fielen seine Mundwinkel bis zum Kinn und seine Augen verengten sich, als hätte er ein Insekt gesehen, das er am liebsten mit einem Zauber in Brand gesetzt hätte, würde sich dieser Zustand nicht auch auf die Wohnung ausbreiten. In diesem Fall schien ihm die Selbstkontrolle noch schwerer zu fallen. "Eine Warnung wäre das Mindeste gewesen!", rief er, während er zum Parkplatz vor dem Haus ging. Ein paar Passanten drehten sich um, doch er kümmerte sich nicht darum. Sein Blick war starr auf die kleine Lady gerichtet, die es sich auf der Motorhaube im Damensitz bequem gemacht hatte und bei der Ankunft ihres Bruders elegant vom Metall glitt. "Oh bitte, wir wissen doch beide, dass du mich dann niemals mitgenommen hättest", sagte sie mit einem Lächeln, das ihre Gerissenheit zeigte und wie stolz sie drauf war.
Waver hingegen massierte sich mit den Fingern den Nasenrücken, als würde er einen Test benoten, bei dem er selbst beim besten Willen nicht über 0 Punkte herauskam. Er murmelte ein paar Worte, die Männer erfahrungsgemäß in Grays Anwesenheit zu vermeiden versuchten, doch schien sich schlussendlich mit der Endgültigkeit der Situation abgefunden zu haben. "Woher wusstest du überhaupt, wann wir fahren?"
"Dafür reicht dein Scharfsinn wohl nicht, hm?", erwiderte Reines.
Mit Schrecken nahm Gray zur Kenntnis, dass ihr Meister sich sofort zu ihr drehte. Stammelnd und mit hochrotem Gesicht knickte sie sofort ein. "Es tut mir leid. Ich wusste nicht, was sie vorhat!", quiekte sie und versuchte, sich zu verteidigen, obwohl sie ihren Meister so hintergangen hatte.
Dieser seufzte nur. "Schon gut. Hättest du das nicht gemacht, hätte sie unsere Wohnung verwanzt."
Reines lächelte nur, als wolle sie sagen "Was bringt dich dazu, zu glauben, dass ich das nicht schon längst getan habe?", doch Waver hielt sich nicht mehr mit ihr auf. Routiniert öffnete er den Kofferraum, schmiss sein Gepäck hinein und ging dann auf die Fahrerseite zu. Sobald er aufgeschlossen hatte, tat Reines es ihm gleich und nahm hinter ihm Platz, als wäre sie in die Limousine eines Chauffeurs eingestiegen.
Gray hatte die böse Vorahnung, dass diese Fahrt anstrengender werden würde, als jede Reise mit dem Zug je sein könnte, doch erst einmal musste sie sich daran machen, ihr eigenes Gepäck zu verstauen. Zum Glück war das Auto groß genug.
Mühelos hob sie ihren Koffer an und legte ihn neben die Box, in die Trimmau sich auf Reisen verwandelte. Gray machte nicht den Fehler, sie zu berühren. Zwar war Reines' Dienerin so formbar wie Wasser, doch die Box wog mehrere dutzend Kilo, sogar für sie zu viel, und hatte die Angewohnheit, jemanden bei einer falschen Bewegung mit einem Würgegriff zu Boden zu drücken. Also schulterte sie nur ihren Rucksack, in den sie all ihre Beschäftigungen für die Fahrt eingepackt hatte. Schnell überprüfte sie, ob sie auch alles hatte. Normalerweise würde ihr Meister bei der nächsten Gelegenheit anhalten, wenn sie noch etwas brauchte, aber sie hatte das Gefühl, dass er gewillt war, eine Handvoll Tickets zu kassieren, wenn es die Fahrt schneller beenden würde.
Sie ging zur linken Seite des Autos und blieb unschlüssig zwischen den Türen stehen. Normalerweise saß sie vorne neben ihrem Meister, aber jetzt, wo sie Reines dabei hatten, wäre das doch schrecklich unhöflich. Bestimmt würde sich diese einen Gesprächspartner wünschen. Prüfend schaute sie ins Fahrzeug. Reines schenkte ihr ein Lächeln, während ihr Meister ungeduldig mit seinen Fingern auf das Lenkrad trommelte. Die Bewegung war ihr so unangenehm, dass sie in Windeseile die Tür aufmachte und sich neben Reines auf den Sitz fallen ließ. Kaum rastete der Anschnallgurt mit einem Klick ein, setzte sich der Wagen mit so einer Beschleunigung in Bewegung, dass Grays Magen vor Überraschung einen Satz machte. Vielleicht wären sie doch lieber mit dem Zug gefahren…

Einzig und allein Wavers Mitleid mit seinem Auto (oder eher die Tatsache, dass er für ein neues einen weiteren Kredit aufnehmen musste, während er den seines besten Freundes schon nicht bedienen konnte), hielt ihn davon ab, versehentlich den Rückwärtsgang einzulegen und die hintere rechte Seite in einen Baum oder eine Hauswand zu rammen. Dank dieses Status Quo allerdings erfreute die unliebsame Parasitin sich noch immer bester Gesundheit. Vermutlich wusste sie genau über Wavers Beweggründe Bescheid, während sie seelenruhig in einem Magazin blätterte und ab und zu Gray anstieß, um ihr etwas Interessantes zu zeigen. Waver war froh, dass seine Schülerin die Aufmerksamkeit wie ein Blitzableiter auf sich zog. Würde Reines konstant von ihm Interesse fordern, hätte er schon längst einen Unfall gebaut oder sie an der nächsten Raststätte ausgesetzt. Trotzdem drangen von Zeit zu Zeit ein paar der sarkastischen Kommentare an seine Ohren. Manchmal biss er die Zähne zusammen oder verkrampfte die Hände um das Lenkrad, aber mittlerweile hatte er gelernt, diese einfach zu ignorieren. Es brachte nichts, sich darüber aufzuregen und somit ihr genau zu geben, was sie wollte. Immerhin würden sie noch die nächsten Tage miteinander auskommen müssen - da hatte er genug Zeit, es ihr heimzahlen zu können!
Erst jetzt merkte er, dass es verräterisch still hinter ihm geworden war. Ein prüfender Blick verriet ihm, dass Gray ihren Kopf gegen die Fensterscheibe gelegt und die Augen geschlossen hatte. Neben ihr, auf der Mitte der Rückbank, lag Reines' Magazin.
Waver schluckte. Ihm schwante Böses.
Reines ließ ihn nicht lange warten. "Hast du schon mal von der Familie Astrea gehört?"
Waver nickte und durchforstete sein Gedächtnis, während er an einem Kombi vorbeizog. Er war noch nicht so weit, dass er an Altersschwäche litt, aber er hatte den Namen nur einmal im Uhrenturm gehört und da war er einer von vielen gewesen. "Spezialisiert auf Naturgeister, wenn ich mich nicht Irre. Hat mal das Haupt der Abteilung für Spiritismus gestellt, aber das muss gut über 100 Jahre her sein. Mittlerweile haben sie sich ziemlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zumindest hört man kaum noch etwas über sie."
Reines seufzte. "Also wirklich, du musst ja ein sehr langweiliges Leben haben, dass in deinem Hirn für so etwas Platz ist", sagte sie kopfschüttelnd, während er wusste, dass sie nur verstimmt war, weil sie ihm ihr Wissen nicht unter die Nase reiben konnte.
Waver entschied sich, die Stichelei unkommentiert an sich vorbeiziehen zu lassen. Nicht einmal er selbst hatte erwartet, tatsächlich noch so viele Informationen über die Familie zu haben. Er hatte noch nie mit ihnen zu tun gehabt, geschweige denn sie persönlich getroffen. Hätte sein verstorbener Lehrer sie nicht alle Vorstände der Abteilung des Uhrenturms bis über 20 Generationen auswendig lernen lassen, würde er vermutlich nicht einmal ihren Namen kennen. Damals hatte er mehrere Abende nur über diesem einen Buch gesessen und verzweifelt versucht, sich die Namen und Daten in den Kopf zu hämmern. Dieses Trauma war der Hauptgrund, warum er versuchte, den Fokus seines Unterrichtes nicht darauf zu legen, die Dinge auswendig zu lernen, sondern die Zusammenhänge zu verstehen. Fakten vergaß man nur allzu schnell wieder, aber Verbindungen konnte man sich herleiten. Allerdings hatte dies dazu geführt, dass das Wissen seiner Schüler im Bezug auf die großen Familien bestenfalls lückenhaft war und sie schon Schwierigkeiten hatten, zu wissen, wer gerade im Amt war - was ihm die alteingesessenen Magier bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieben. Von einem Emporkömmling mit nur 3 Generationen magischer Begabung konnte man ja auch kein Verständnis für die Bedeutung von Familientradition erwarten. Dass Waver abschätzen konnte, was ihre Ahnen mittels der Magic Crests vererbt hatten und wie ihre Magie funktionierte, ließ er vorsichtshalber unter den Tisch fallen. Er hatte kein Problem damit, wie sie ihn kleinhalten wollten, weil es für sie unvorstellbar war, dass jemand so Durchschnittliches es an den Uhrenturm geschafft hatte. Viele lachten darüber, dass er sich mit fremdem Geld eingekauft hatte - während ihr Urururururgroßvater das Gleiche getan hatte, nur eben vor so langer Zeit, dass es bereits in Vergessenheit geraten war. Diese Haltung war einer der Gründe, warum er seine Schüler spüren ließ, wie wenig er auf ihre Nachnamen gab. Die einzige Konstante der Machtverhältnisse war ihr stetiger Wandel. Wenn sie nicht bereit waren, für ihren Platz in der Welt zu kämpfen, waren sie in der falschen Klasse.
Waver schmunzelte. Nicht dass seine Klasse ihm wirklich großen Grund zur Sorge gaben. Schon jetzt war er stolz auf das, was sie jeden Tag leisteten.
Vielleicht hatte Reines sein Lächeln bemerkt, oder ihr wurde die Pause allmählich zu lang. Was auch immer es war, für sie war es Zeit, zum eigentlichen Thema zurückzukehren: "Eigentlich ist es die Familie gar nicht wert, dass wir so einen Aufstand um sie machen. Außer ihrem Namen haben sie nichts mehr, was ihren Rang in der Gesellschaft festigt. Seit Jahrzehnten haben sie nicht einmal nennenswerte Fortschritte mit ihrer Magie gemacht!" Reines verstummte und ein Blick in den Rückspiegel verriet ihm, dass sie den Kopf darüber schüttelte. "Die Familie hat keinerlei Ambitionen, keine Pläne für die Zukunft. Es ist, als hätten sie vergessen, was es bedeutet, ein Magier zu sein. Also wirklich, wie konnten sie nur so verkommen?", fragte sie rhetorisch.
Diesmal gab Waver seinem Drang nach: "Jetzt mach aber mal einen Punkt, Reines! Nur weil sie sich an einen ruhigen Ort zurückgezogen haben, heißt das noch lange nicht, dass sie schlechte Menschen sind. Vielleicht haben sie sich aus freien Stücken der Vereinigung der Magier entzogen."
"Genau mein Gedanke", sagte Reines und Waver hätte vor Überraschung beinahe einen LKW gerammt. Undenkbar, dass sie seiner Meinung sein würde! "Keine Familie, die noch ganz bei Trost ist, würde in ein verschlafenes Dorf an der Küste ziehen, wenn sie nicht etwas zu verbergen hätte."
Waver schnaubte. "Reines, nicht jede Familie, zu der wir fahren, hat ein dunkles Geheimnis und einen Berg Leichen im Keller."
"Und doch scheinst du solche Fälle geradezu magisch anzuziehen. Bei einem hat es sogar für ein ganzes Mausoleum voller Opfer gereicht", sagte sie mit einem Zwinkern. Wenn ihre Augen nicht so schlimm reagiert und der Ort ihr nicht konstant die Magie entzogen hätte, würde Reines vermutlich immer noch durch die Gänge der unterirdischen Höhle streifen, um auch den letzten Winkel zu erforschen. Sie würde irgendwas über die Macht von Informationen sagen, aber da dies sein Spezialgebiet war, wusste er, dass sie damit weitaus weniger anfangen konnte und viel eher von einer persönlichen Neugier getrieben wurde.
Waver zuckte mit den Schultern. "Nun, es ist ja auch nicht so, dass wir ohne begründeten Verdacht hingefahren wären. In diesem Fall allerdings geht es um eine Familie, die unschuldig in Not geraten ist, falls du das bei deiner Sensationslust vergessen haben solltest. Gut möglich, dass du dieses Mal nicht fündig werden wirst. Vielleicht will sie einfach nur in aller Ruhe ihr eigenes Leben führen." Und wer könnte es ihnen verdenken? Noch hatte Waver keine Ambitionen, sich zur Ruhe zu setzen und eine Familie zu gründen (er hätte ja noch nicht einmal jemanden dafür im Sinn, auch wenn eine seiner Schülerinnen täglich ihre gemeinsame Zukunft plante). Aber wenn er vor die Wahl gestellt werden würde, solch ein Leben zu führen oder in einem stetigen Kampf mit den anderen Familien um Ruhm und Ehre zu stehen, wüsste er, für was er sich entscheiden würde. Für Reines wäre er als Magier da mit Sicherheit unten durch, aber er wusste sowieso, dass seine Begabung nicht auf diesem Gebiet lag. Die Durchbrüche in dieser Kunst, ja vielleicht das Erreichen der Wurzel, nach der alle strebten, würde er großzügig ihnen überlassen. Viel zu lange war er der aus Verzweiflung geborenen Vorstellung hinterher gejagt, dass er sein großes Vorbild noch einmal treffen musste. Er war sogar bereit gewesen, sein Leben noch einmal in einem Krieg auf's Spiel zu setzen, den er bereits beim ersten Mal nur durch glückliche Fügungen überlebt hatte.
Nein, der Heilige Gralskrieg war nicht der Weg zu seinem Glück. Er würde einfach nur den Wunsch nach Abenteuern in seinem Herzen bewahren und dorthin gehen, wo es ihm beliebte. Es gab noch so vieles zu erleben, so viel zu sehen. Da würde er doch nicht seine Zeit mit dem Versuch zu verschwenden, Leute zu beeindrucken, auf deren Meinung er keinen Pfennig gab.
"Nicht jeder strebt nach Macht und Ehre. Manche von uns Magiern haben sehr viel weltlichere Ziele."
Reines schnaubte. "Da sieht man mal wieder, dass du keine Ahnung hast, wie es ist, in einer richtigen Magierfamilie aufzuwachsen. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was sie erreichen können? Ein einziger Magier könnte nicht einmal hoffen, in seinem Leben die Kräfte zu erreichen, die einem anderen in die Wiege gelegt werden. Manche geben sogar ihre Kinder an andere Familien ab, um ihr magisches Potential voll auszuschöpfen."
"Glaub mir, das weiß ich", antwortete Waver, warf einen Blick in den Rückspiegel und atmete tief ein, als er sah, dass Gray schlief. Es war geradezu grausam, dieses Gespräch zu führen, während ihre eigene Mutter sie genau aus diesem Grund geopfert hatte. Wie verblendet musste diese Gesellschaft sein, dass man sein eigenes Kind hergab, um einen legendären Helden in dessen Körper ziehen zu lassen? Noch dazu hatte er Saber kennengelernt und sie schien ihm nicht wie jemand, der ein solches Verhalten billigen würde. Vermutlich würde sie eigenhändig die Verantwortlichen mit ihrem Schwert zur Rechenschaft ziehen, wenn sie davon erfuhr, zu welchem Preis sie beschworen worden war.
Reines schnaubte. "Wie kann jemand wissen, wie es sich anfühlt, wenn einem etwas weggenommen wird, das er noch nie besessen hat?", fragte sie, wohl wissend, dass er darauf keine Antwort hatte. In diesem Punkt konnte er sich nur ansatzweise vorstellen, was dies für sie bedeutete. Reines' Familie war nur noch ein Schatten ihrer früheren Herrlichkeit. Sie hatte keinen Rang, kein Ansehen und kein Vermögen. Selbst von ihrem Magic Circuit, dem wertvollsten Besitz einer Magierfamilie, war nur noch ein Bruchstück über. Sie war die Erbin einer Ruine.
Wohl wissend, dass seine Worte hier mehr Schaden als Nutzen bringen würden, schluckte er sie herunter und ließ ein ausgedehntes Schweigen den beengten Raum füllen.
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