Gray Waves

GeschichteKrimi, Fantasy / P16
Waver Velvet
01.03.2020
06.10.2020
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01.03.2020 1.970
 
Es gab Tage, an denen Waver Velvet gar nicht erst das Haus verlassen wollte. Aus genau diesem Grund war er auch die längste Zeit des Morgens gescheitert, aus seinem Bett aufzustehen. Rückblickend war das wohl ein Schutzmechanismus seines Körpers gewesen, der dank einer rudimentären Veranlagung für prophetische Magie genau gewusst haben musste, dass der junge Mann diesen Tag lieber nicht erleben wollte.
Jetzt stand er zum zweiten Mal vor der Eingangstür und hatte es so eilig, zurück in seine eigenen vier Wände zu kommen, dass ihm der Schlüssel zum Schloss abrutschte und zu Boden fiel - zum dritten Mal. Aber er fühlte nicht einmal einen Hauch von Scham. Am Morgen war er mit hastigen Atemzügen und einer Scheibe Brot im Mund einer U-Bahn nachgejagt, die er dann knapp verpasst hatte. Noch vor der ersten Stunde hatte Svin ihm beim Zusammenstoß seinen Softdrink über den Ärmel geschüttet. Sein Lichtblick war ein Test über den Verlauf von Leylinien gewesen, von dem er sich einen Moment Ruhe versprochen hatte - bis Yvette plötzlich drauf und dran gewesen war, vor Wut das Klassenzimmer in Brand zu setzen, weil sie komplett ratlos vor den Fragen gesessen hatte. Mit einem gekonnten Wrestling-Griff hatte Luvia geistesgegenwärtig Schlimmeres verhindert, woraufhin seine Schülerin den Rest des Tages in einem Bannkreis verbracht hatte.
Der Tag hatte ihn so ausgelaugt, dass er in der Straßenbahn eingeschlafen war. Schlaftrunken war er hochgeschreckt und als er die fremde Umgebung gesehen hatte, hatte er gedacht, dass er geradewegs in eine magische Zwischenwelt gefahren war - nicht das erste Mal, dass ihm das auf einer Zugfahrt passierte. Als auf der Anzeige allerdings schon die Endhaltestelle angezeigt wurde, warf er seinen Kopf in den Nacken und versuchte, die neugierigen Blicke der einsteigenden Fahrgäste zu ignorieren, als er den gleichen Weg im gleichen Wagen auf dem gleichen Platz wieder zurückfuhr.
Jetzt, endlich am Ziel angekommen, wollte Waver einfach nur nach Hause, vorzugsweise unter seine Bettdecke mit einem guten Buch und einem Tee, um diesen katastrophalen Tag endlich hinter sich zu lassen.
Wie naiv von ihm, zu glauben, dass die Pechsträhne vor seinen vier Wänden enden würde.
Als hätte er mit der Tür gleichsam die Büchse der Pandora geöffnet, fand er das personifizierte Unheil auf seinem Sofa vor, eine Tasse Tee in der damenhaft erhobenen Hand und ein Lächeln auf dem Gesicht. Nichts sprach so deutlich von unvorstellbarem Verderben wie eine lächelnde Reines.
Waver wollte gerade fragen, auf welche Weise seine 'kleine Schwester' sich unerwünscht Zutritt verschafft hatte, als sein Blick auf Gray fiel. Sie saß auf dem Sofa gegenüber, mit dem Rücken zu Waver. Sie musste den mürrischen Blick auf ihrem Nacken gespürt haben, denn instinktiv zog sie die Kapuze noch tiefer ins Gesicht, als wäre jeder sichtbare Zentimeter Haut einer zu viel.
"Und deswegen sollte man niemals einfach die Tür aufmachen", murmelte Waver vor sich hin, während er seine Tasche neben den Eingang stellte und seinen Mantel von den Armen streifte. "Dann kommt nur Ungeziefer herein."
Reines stürzte sich natürlich begierig auf jede Lücke, die der Kommentar ihr bot. "Deine Schülerin weiß immerhin, wie man eine Lady empfängt und ihr einen guten Tee aufgießt - zwei Dinge, die gänzlich an dir vorbeigegangen sind", sagte sie schnippisch und nippte dann unbekümmert an ihrem Schwarztee.
"Das tut man ja auch nur, wenn man will, dass der Gast sich wohlfühlt", stellte Waver klar. Nach so einem Tag sägte jede Sekunde mit Reines an seinem dünn gewordenen Geduldsfaden. Nicht dass er sich daran erinnern konnte, bei ihrem Anblick jemals soetwas wie Freude empfunden zu haben, aber er hatte immerhin gelernt, wie man sie ertrug.
Plötzlich erhob sich Gray mit gesenktem Kopf und einem Rotschimmer um die Nase. Ihre Hände hatte sie so tief in die Taschen ihres Mantels gesteckt, dass die Ärmel Falten warfen. "Ich sollte jetzt besser gehen!"
Waver verzog das Gesicht. Er suchte gerade nach den passenden Worten, um klarzustellen, dass neckenden Aussagen nicht gegen sie gerichtet gewesen waren, doch Reines hatte ihre Stimme schneller gefunden.
"Nein, warte noch einen Moment", sagte sie und stellte sogar die Teetasse ab.
Wavers dunkle Vorahnung rückte wieder in den Vordergrund und seine Nackenhaare stellten sich auf. Die unglückliche Erbin war tatsächlich mit einem Vorsatz zu ihnen gekommen, der wichtig genug war, dass er einer ernsthaften Unterhaltung bedurfte. Instinktiv verschränkte er die Arme, als könne die Geste allein ihren Plan abblocken.
Reines zuckte nicht einmal mit der Wimper.
"Reines, wenn es wieder um das Unkraut in deinem Garten geht-"
Sie winkte ab und stoppte seinen Einwand mitten im Satz. "Ach, das könnt ihr erledigen, wenn ihr zurück seid."
"Wovon zurück?", fragte Waver misstrauisch und das reichte schon aus, um Reines' Lächeln noch weiter zu festigen.
"Ich wusste, du wärst daran interessiert", sagte sie und klatschte sogar in die Hände. "Setzt euch doch."
Waver wusste, dass dieses Gespräch nur zu seinem Nachteil ausfallen konnte, aber genauso sehr ahnte er, dass er keine Wahl hatte, als nach ihrer Pfeife zu tanzen. Sie war noch nicht einmal volljährig und hatte jetzt schon genug Hintermänner in der Hand, um mächtigen Leuten Schweißperlen auf die Stirn zu treiben.
Kaum hatte Gray neben ihm auf dem Sofa Platz genommen, begann Reines: "Warst du schon mal an der Südküste, großer Bruder?"
"Nein, Reines!"
"Klasse, also-"
"Reines, ich meinte das nicht als Antwort auf deine Frage, sondern als Nein zu dem unausgereiften Plan in deinem Kopf. Ich begebe mich doch nicht einfach auf eine Fahrt durch halb England, nur weil du mich wie eine Schachfigur bewegen willst."
Reines seufzte theatralisch. "Mein lieber Bruder, ich fürchte, du hast eine elementare Sache immer noch nicht verstanden: Hier geht es um mehr als deine Wehwehchen. Ich biete dir hiermit die Chance, den Namen deines alten Lehrers ein Stück zurück in seinen vorherigen Glanz zu rücken." Sie ließ die Worte bedeutungsschwer im Raum hängen und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass ihr großer Bruder sie sich einige Male durch den Kopf gehen ließ.
Misstrauisch beäugte er Reines. Sie würde vieles tun, um ihre Ziele zu erreichen und der Blutlinie der El Melloi wieder einen Platz in den Geschichtsbüchern zu verpassen - allerdings war ihm ebenso klar, dass sie vor wenig zurückschrecken würde. Wenn sie ihn vorschicken konnte, verstärkte sich diese Tendenz nur noch. Sie hätte keine Skrupel, ihn unbewaffnet in einen Raum mit einem dreiköpfigen Höllenhund zu sperren, wenn ihr die Belohnung angemessen schien.
Reines schien beinahe vor Aufregung über ihren Plan zu platzen, als sie fortfuhr: "Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder ungeklärte Fälle von vermissten Kindern in dieser Gegend. Erst als sich die Vorkommnisse in den letzten Jahren häuften, hat man größere Nachforschungen angestellt und eine Art Muster gefunden. Zwar gab es in einigen Fällen Verurteilungen, aber die Beweislast als lückenhaft zu bezeichnen, wäre noch geschönt gewesen. Entführungen, Mord, Unfälle beim Spielen, freiwilliges Weglaufen - es gab alle möglichen Erklärungen dafür, aber keine davon konnte man nachweisen. Die Kinder selbst sind nie wieder aufgetaucht."
Neben ihm blieb Gray der Mund offen stehen und sie vergrub die Hände zwischen ihre Knie. Er ahnte, was für Szenarien sie sich gerade vorstellte. Auch er hatte bei jedem Wort ein Bild im Kopf gehabt und erschauderte bei den Gedanken daran, was diesen Kindern passiert sein musste.
Waver atmete tief durch und bemühte sich, Reines weniger Angriffsfläche zu geben, während er sie aus zusammengekniffenen Augen ansah. Skepsis war eine passende Mimik, fand er. "Woher weißt du das alles? Ich hatte nicht den Eindruck, dass du dich für urbane Mythen oder Verschwörungen interessierst."
"Hm", machte sie und nickte. "Normalerweise hätte ich dazu 'leben und leben lassen' gesagt, aber das Ganze ist in den letzten Wochen komplizierter geworden. Wer - oder was - auch immer dahinter steckt, scheint sich das falsche Kind ausgesucht zu haben. Zu seinem Unglück gehörte es zur einflussreichsten Magifamilie im Umkreis." Reines griff sich an die Brust. "Und was wäre ich für ein herzloser Mensch, wenn ich ihnen nicht bereitwillig deine Hilfe anbieten würde?"
Waver seufzte. Irgendwie überraschte es ihn nicht mal mehr, dass für Reines das Wohl des Kindes nur Nebensache war. Trotzdem fragte er sich, ob das Bild einer kaltblütigen Machtsüchtigen nicht nur eine Fassade war, die sie zu lange aufgebaut hatte, um sie jetzt verwerfen zu können. Nicht einmal Reines konnte so ein Schicksal kalt lassen und wenn er sie richtig verstanden hatte, gab es dutzende von ihnen.
"Meister!", begann Gray und ein Blick in ihre flehenden Augen sagte ihm alles. Er verzog das Gesicht. Er wusste, dass es seine Schülerin war, doch für einen Moment sah er nur die stolze Königin, die sich ihnen vor 10 Jahren starrköpfig in den Weg gestellt hatte. Noch immer kam ihm dieser Anblick geradezu surreal vor. Die Saber, der er damals begegnet war, wäre aufgesprungen und hätte inbrünstig dem Bösen den Krieg erklärt, während sie all die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Ritterlichkeit aufs Übelste verteufelt hätte. Es überraschte ihn jedes Mal, dass jemand mit der Macht des sagenumwobenen Löwenkönigs sich so unterordnete und um Erlaubnis bat, statt ihre eigenen Ziele verfolgend voran zu preschen - und dann fragte sie ausgerechnet jemanden wie ihn. Nicht einmal an seinen besten Tagen würde Waver seine magischen Veranlagungen als herausragend betiteln. Seine Stärken lagen auf anderen Gebieten, allem voran sein logisches Denken und die Fähigkeit, dank seines Wissens hinter okkulte Phänomene zu blicken, die die meisten für unerklärlich hielten. Aber wenn er Reines richtig verstanden hatte, war es genau das, was hier gebraucht wurde.
Waver nickte.
"Wundervoll", sagte Reines und Sekunden später vibrierte sein Handy. Eine auffordernde Kopfbewegung seiner Schwester folgte und er öffnete die Datei, die sie ihm geschickt hatte. Sie beinhaltete die Route einer mehrstündigen Fahrt bis zu einer kleinen Pension, bei der Reines ganz offensichtlich alle unnötigen Kosten und Mühen gescheut hatte.
Waver ließ seine Schultern sinken. Ein Nein wäre von Vornherein keine gültige Option gewesen. Trotzdem kam ihm noch eine Sache in den Sinn, die seine Schwester bisher nicht abgedeckt hatte.
"Aber was mache ich mit meiner Schulklasse?", überlegte er laut.
Reines zuckte mit den Schultern. "Was jeder abwesende Lehrer auch tun würde: Du gibst ihnen eine absurde Menge an Material zum Lesen und lässt sie danach eine Präsentation darüber halten. Minimaler Aufwand, maximaler Gewinn an Leistungsdruck und öffentlicher Erniedrigung."
Waver schüttelte den Kopf. "Das wird nicht funktionieren. Ohne Aufsicht jagen die den Uhrenturm in die Luft."
Reines' Gesicht hellte sich auf. "Erprobung von Explosions-Magie, gefällt mir. Wenn sie das tatsächlich schaffen, kannst du wirklich stolz auf sie sein."
"Du weißt schon, dass ich dann meinen Job los bin?", fragte Waver und appellierte an den letzten Rest Mitgefühl in ihr. Neben ihm hatte Gray die Augen aufgerissen, als hätte er angekündigt, dass sie in der nächsten Stunde zu Studienzwecken eine Katze ausweiden und opfern würden.
"Spätestens dann hättest du den Namen El Melloi wahrhaftig in alle Munde gebracht - und mehr Zeit für Heldentaten zur Verfügung", sagte Reines nur, klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter - wofür sie sich trotz der hohen Schuhe strecken musste - und schritt auf die Tür zu. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Haus, wohl wissend, dass die Dinge genauso laufen würde, wie sie es geplant hatte.

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Willkommen zu meiner FF - die erste, bei der ich eine komplette Outline habe, wohlgemerkt. Besonders bei Detektivgeschichten ist es ja essentiell, dass man weiß, wo man hinmöchte. Wie sollte ich euch sonst all die Brotkrumen hinwerfen, die in den späteren Kapiteln zu finden sind? ;) Beste Voraussetzungen also, dass ihr Waver bis zum Ende seines Abenteuers treu bleiben könnt (was bei einer FF ja nicht immer selbstverständlich ist^^°). Ich hoffe, ihr hattet viel Spaß beim Lesen.
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