Wattebauschkind

von xAnn
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
01.03.2020
05.07.2020
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Dieses Kapitel
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30.06.2020 3.585
 
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Zu sagen, ich wäre nervös, wäre weit untertrieben. Meine Finger waren zittrig und kribbelten, als ich mich am Freitag von Mom verabschiedete, ausstieg und über den Schulparkplatz zur Tür ging, um dort meine Freunde zu treffen.
Normalerweise war ich kein Mensch von Nervosität. Es gelang mir immer, rational zu denken und die Nervosität beiseite zu schieben, mir klarzumachen, dass es keinen Grund dafür gab, doch heute gab es einen Grund und deshalb ballte ich die Hände jetzt zu Fäusten und schob sie in die Jackentasche, damit niemand das Zittern mitbekam.

Unbewusst hielt ich nach Brody Ausschau, dabei kam der immer kurz vor knapp, da würde heute auch keine Ausnahme bilden.
„Hey!“ Laurie hatte mir von hinten die Arme um den Hals geschlungen und drückte mich fest an sich. „Bist du blind heute, oder was? Ich stand die ganze Zeit da, und du bist einfach an mir vorbeigegangen.“

„Oh, wirklich? Tut mir leid.“ Ich drehte mich zu ihr und lächelte sie entschuldigend an. „Ich hab dich wohl übersehen.“
„Ja, offensichtlich. Hast du denn jemanden gesucht?“
Ich schüttelte schnell den Kopf, vielleicht etwas zu schnell, zu meinem Glück war Laurie nicht so skeptisch wie Hannah. Die sah ich jetzt ebenfalls auf uns zukommen, wir umarmten einander und als dann Freddie kam, wurden wie immer Erlebnisse ausgetauscht und die nächsten Stunden durchgesprochen. Ich war erleichtert, dass niemandem auffiel, wie unruhig ich war, verhältnismäßig.


„Hey.“ Laurie schnippte vor meinem Gesicht herum und grinste mich amüsiert an. „Seit wann tust du denn tagträumen?“ Ich blinzelte und wich vor ihr zurück, das Kinn noch immer in eine Hand gestützt. „Tut mir leid“, murmelte ich, immer noch leicht abwesend. Bis eben noch hatte ich die Mittagspause damit verbracht, in Richtung Tür zu starren, in der Hoffnung, dort Brody zu sehen, doch wie erwartet war er nicht aufgetaucht. Seufzend drehte ich meine leere Trinkflasche zwischen den Fingern und stand auf. „Ich hol mir was zu trinken. Noch jemand?“ Die anderen schüttelte die Köpfe, also ging ich allein zum Automaten, um mir ein Wasser zu kaufen.

Irgendwie musste mich dieser Automat hassen, denn wie schon vor ein paar Wochen klemmte er jetzt, obwohl er eigentlich nie klemmte. Ein wenig genervt schlug ich mit der flachen Hand dagegen, war jedoch nicht stark genug: Die Flasche rührte sich keinen Millimeter.
„Brauchst du Hilfe?“ Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich die tiefe Stimme leise an meinem Ohr hörte. Aber es war nur Brody, der wie aus dem Nichts neben mir aufgetaucht war und mich jetzt amüsiert musterte.

„Vielleicht“, murmelte ich, verschränkte die Arme vor der Brust und zog mir die Ärmel des dunkelgrünen Stickkleids über die Handgelenke. Wir waren heute mehr oder weniger im Partnerlook, denn er trug auch wieder den dunkelgrünen Pullover, der denselben Ton hatte wie mein Kleid.
Nachdem er gegen das Glas geschlagen hatte, rutschte die Flasche sofort heraus und ich wollte sie mir schon nehmen und zurück an meinen Platz gehen, da hielt er mich unauffällig zurück und fragte mit gesenkter Stimme: „Alles okay? Du siehst nicht so aus, als ob du dich wohlfühlst.“

Ich hob die Schultern und warf einen Blick über die Schulter zu den anderen, die jedoch nicht in unsere Richtung schauten. „Alles gut … ich habe dich nur gesucht vorhin, und jetzt bist du hier. Ich bin mir nur nicht sicher, wie ich jetzt mit dir umgehen soll. Hier, in der Öffentlichkeit.“
Stirnrunzelnd schaute er zu mir runter, mit einer Hand an den Trinkautomaten gelehnt. Die Lässigkeit wollte nicht so ganz zu dem Gespräch passen, vermittelte allerdings einen guten Eindruck für Außenstehende. „Wieso denn? Einfach so wie vorher. Oder …“ Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe, als er erkannte, was ich meinte. „Du hast mich doch verstanden. Gestern.“
Kein fester Freund in der Öffentlichkeit.

„Ja, habe ich. Genau deswegen ja … demnach sollten wir nicht so lange hier zusammen herumstehen, allerdings waren wir zusammen auf diesen Partys und deine Jungs fragen sich bestimmt, was da jetzt los ist … meine Freunde im Übrigen auch.“ Hannah hatte mich in Literatur nach Brody gefragt, ich hatte es glücklicherweise geschafft, sie abzuwimmeln und ihr weiszumachen, dass da nichts Ernstes war. Und eigentlich war das ja auch keine Lüge: Das Ganze war mehr als nur ernst.

„Ich habe gesagt, dass wir es langsam angehen müssten. Unsere Grenzen ausprobieren … darunter fällt nicht, dass wir in der Öffentlichkeit diese … Beziehung zeigen, wenn es denn überhaupt eine ist. Noch nicht zumindest.“
Noch nicht?“ Aufmerksam geworden schaute ich zu ihm auf, doch da hatte er sich schon vom Automaten abgestoßen und schlenderte so unpassend lässig zu Daniels Tisch, während ich für einen kurzen Moment nur dastehen und ihm nachsehen konnte, ehe auch zu meinen Freunden zurückkehrte.



Ich war überrascht, als ich eine Nachricht von Brody erhielt, während ich gerade meine letzten Hausaufgaben machte. willst du kaffee?
Ich wusste nicht so recht, was er damit meinte; ob ich zu ihm kommen sollte oder ob er zu Patty's wollte, vermutete jedoch ersteres. Mit einem Blick auf die Uhr entschied ich, dass ich vor dem Essen noch zu ihm fahren könnte, aber erst einmal sollte er mir sagen, warum er mich überhaupt gefragt hatte. Gerade, als ich eine Frage tippen wollte, kam die Erklärung: sorry wegen heute in der schule, ich war nicht sonderlich nett. ich dachte, so mach ichs wieder gut?

Seufzend legte ich den Kugelschreiber beiseite, beschloss, die restlichen Aufgaben auch noch morgen machen zu können, und schrieb zurück, ich wäre auf dem Weg. Meine Eltern waren schon zu Hause, daher würde ich hoffentlich das Auto bekommen und musste nicht wieder das Rad nehmen. Natürlich könnte ich mit dem Bus auch fahren, doch bis der nächste kam, dauerte es noch eine Weile und ich wollte nur ungern so lange warten.

„Mom?“ Meine Mutter saß mit Maisie am Esstisch, beide malten mit Wasserfarben. Maisie hatte eine Zeichnung von Rosie angefertigt, die erstaunlich gut war, wenn man ihr junges Alter bedachte, Mom hatte mehrere bunte Blumen zu Papier gebracht. Als sie mich sah und hörte, hob sie den Kopf und schaute mich fragend an. „Feli?“

„Kann ich das Auto haben? Ich will zu … ich meine, Hannah, Freddie und ich wollen uns noch treffen vor dem Essen.“ Ich musste gut genug gelogen haben, denn Mom nickte nur lächelnd, bevor sie sich wieder ihrem Bild widmete. Einzig Maisie schaute mich skeptisch an, war jedoch so klug, nichts zu sagen.


So hielt ich ein wenig später vor dem Haus, klingelte und fand mich in Brodys Wohnung wieder. Ein wenig skurril war mir das Ganze immer noch, trotzdem versuchte ich, mich zu entspannen, während er Kaffee machte. Er selbst jedenfalls sah entspannt aus, mit ganz lockerer Miene und Haltung stand er an der Küchenzeile bei der Kaffeemaschine, die wie beim letzten Mal angestrengt ächzte, und schaute zu Hailee hinüber, die auf dem Wohnzimmerteppich spielte; ein leichtes Lächeln zeichnete sich um seinen Mund ab.

Hailee wollte gerade einen letzten Bauklotz auf ihren Turm setzen, da stieß sie mit dem Fuß dagegen und der ganze Turm fiel zu Boden. Glücklicherweise verletzte sie sich nicht dabei, fing jedoch zu jammern an und rief entsetzt: „Turm! Mein Turm!!“
„Warte, ich helfe dir“, sagte ich und hatte mich zu ihr gesetzt, bevor Brody reagieren konnte. Ich wusste nicht, ob das gut war, ob er das von mir erwartete oder ob ich hätte sitzen bleiben sollen, aber jetzt saß ich schon unten und meinte sanft: „Komm, wir bauen einen neuen. Einen, der noch viiieel höher ist als der letzte.“

Besänftigt wischte Hailee sich eine Locke aus den Augen und setzte einen bunten Stein auf den anderen, während ich den Turm sicherte, der immer höher wurde, bis er größer als Hailee war und schließlich war nur noch ein roter Stein übrig. „Komm, den kannst du noch drauf setzen.“ Ohne darüber nachzudenken hob ich sie hoch, damit sie an das obere Ende des Turms rankam und den letzten Stein ablegen konnte. Ich konnte förmlich spüren, wie sie den Atem anhielt, und als sie in lautes Gejubel ausbrach, nachdem sie es geschafft hatte, musste ich sie einfach an mich drücken und freudig rufen: „Super! Schau nur, der ist sogar viel größer als du!“

Erst, als ich Brodys Blick auf uns spürte, wollte ich sie wieder runterlassen, allerdings klammerte sie sich so fest an mich, dass es mir beinahe unmöglich war, ohne sie etwas gewaltsamer anzufassen. Brody schüttelte kaum merklich den Kopf und so ließ ich sie auf meiner Hüfte und ging mit ihr zusammen zu Brody, um ihm mit dem Kaffee zu helfen.
„Is will auch trinken“, verkündete Hailee und deutete auf die dampfende Kaffeetasse. Schmunzelnd schob Brody ihre Hand weg und drückte ihr in die andere eine Kinderflasche mit Wasser. „Da, das ist für dich. Für Kaffee bist du noch zu klein.“

„Is bin nich klein“, protestierte sie zwar, fing aber sofort an, aus der Flasche zu trinken. Brody trug derweil unsere beiden Tassen an den Tisch und ich wollte mich zu ihm setzen und Hailee jetzt wieder runterlassen, aber sie wollte immer noch nicht von meiner Seite weichen. Ein wenig geschmeichelt fühlte ich mich dadurch ja schon, zudem erinnerte ich mich wieder an Kleinkindmaisie, die auch am liebsten auf meinem Schoß gesessen war, und ich spürte, wie es in meinem Herzen ganz warm wurde.

„Hailee kann auch wieder runter gehen oder in ihren eigenen Stuhl“, sagte Brody mit einem Blick auf uns. Ich schüttelte den Kopf, winkte ab und nahm einen Schluck Kaffee. „Nein, kein Problem. Sag mal … was machst du eigentlich jetzt mit ihr, wenn du in der Schule bist? Die Nanny hat sich doch verletzt, oder?“

„Ja.“ Er nickte mit finsterer Miene und fuhr sich mit einer Hand über das Kinn, dem eine Rasur wohl nicht schaden würde. „Was meinst du, warum ich die ersten Stunden immer zu spät komme? Ich fahre Hailee in der Früh immer zu Elle und hole sie nach der Schule wieder ab. Elle hat zwar auch angeboten, hier zu bleiben, aber ich weiß genau, dass sie sich in ihrer eigenen Wohnung wohler fühlt und überhaupt, das wäre zu kompliziert, und Hailee soll nicht ihre Zeit woanders als zu Hause verbringen … wenigstens kümmert es meine Eltern momentan wenig, wo ich nachts schlafe, weil sie selbst wegen der Arbeit kaum zu Hause sind.“

Für mich klang eher kompliziert, wie sie es momentan lösten, aber ich sagte nichts dazu. Es musste gut genug funktionieren und hatte mich im Endeffekt nichts anzugehen. „Hast du nicht mal an eine Kinderkrippe gedacht?“ Kaum, dass ich diesen Gedanken ausgesprochen hatte, fiel mir auf, wie dumm er war. Natürlich war es ihm nicht möglich, sie in einer anzumelden, er war selbst noch minderjährig und es würden Fragen kommen, die er nicht beantworten konnte oder wollte. Meine Einsicht musste sich wohl in meiner Miene abgespielt haben, denn Brody nickte nur düster und nahm einen großen Schluck Kaffee.

„Du musst sagen, wenn ich dir irgendwie helfen kann. Ich habe zwar morgens kein Auto, aber egal, was es ist, ich bin da, Brody … das habe ich dir mittlerweile versprochen und du hast es akzeptiert.“
Er nickte, rieb sich den Nasenrücken und stützte den Kopf in eine Hand. „Ja, das habe ich … oh, da ist aber jemand müde.“
Tatsächlich hatte Hailee sich gegen meine Brust gelehnt und gähnte gerade einmal ausgiebig, dann rieb sie sich die Augen und kuschelte sich noch enger an mich.

„Um die Zeit ist sie momentan immer müde“, erklärte Brody. „Es ist ein sehr verspäteter Mittagsschlaf … ich bringe sie auch oft ins Bett, damit ich lernen kann oder so … keine Ahnung, ob Schlaf um diese Uhrzeit so gut ist, aber anders komme ich nicht klar … vielleicht sollte ich sie jetzt auch schlafen legen. Hailee, bist du müde?“
Hailee schüttelte zwar den Kopf, sagte jedoch: „Ja. Bisschen.“
Schmunzelnd kam Brody um den Tisch herum und streckte die Arme nach ihr aus, sie erwiderte die Geste und ließ sich von ihm hochheben. Er war schon fast im Gang, da fiel ihm ein, dass ich auch noch da war, und er drehte sich kurz nochmal um. „Willst du … warten? Dableiben? Momentan schläft sie recht schnell ein.“

Ich nickte und er ging in Hailees Zimmer, die Tür fiel ins Schloss und ich hatte Gelegenheit, mehrmals tief durchzuatmen. Es war so einfach, Zeit mit den beiden zu verbringen, beinahe zu einfach, und das machte mich nervös. Ich hatte mittlerweile beschlossen, mich einfach auf das Ganze einzulassen, nur war ich mir nicht sicher, wohin mich das bringen würde, und ich wollte auch nicht wirklich darüber nachdenken.

Seufzend stützte ich den Kopf auf meinen ineinander verschränkten Fingern ab und schloss für einen Moment die Augen. Gestern hatte ich wieder mal nicht einschlafen können, entsprechend müde war ich jetzt und weil Brody die Tür geschlossen hatte, war es angenehm ruhig. Die Stille tat so gut, dass ich tatsächlich so mit geschlossenen Augen halb sitzen, halb liegen blieb, bis ich hörte, wie Brody aus Hailees Zimmer kam und sich wieder zu mir setzte. Ich hob den Kopf und schaute zu ihm: Seine Haare waren zerzaust, ich vermutete, dass er sich zu Hailee gelegt hatte, um sie zum Einschlafen zu bringen. Ich könnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, seit die beiden gegangen waren.

Als er nichts sagte, sondern mich einfach nur ansah, meinte ich zögerlich: „Soll ich wieder gehen? Jetzt schläft Hailee ja, da bin ich dir keine große Hilfe mehr …“
„Unsinn.“ Er winkte ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, nur um sich kurz darauf seufzend mit den Ellbogen auf dem Tisch abzustützen und sich laut ausatmend die Schläfen rieb.
„Alles okay?“

Zuerst nickte er, dann schüttelte er den Kopf und hob schließlich die Schultern, so dass ich im Endeffekt gar keine Antwort auf meine Frage bekommen hatte. „Du hilfst mir immer noch“, sagte er schließlich leise und ohne mich anzusehen. „Allein schon mit deiner Gegenwart … weißt du, was auch schlimm ist, ich meine …“ Für einen kurzen Moment verstummte er wieder, so als müsste er erst überlegen, wie er das Folgende ausdrücken konnte. „Ich meine, ich habe Hailee und ihre Gesellschaft, ihre Gegenwart, das ist mir das wichtigste überhaupt … aber abgesehen von ihr bin ich manchmal verdammt allein. Ich tue das hier gerne, natürlich, ich würde alles für Hailee tun, aber … du hilfst mir gerade einfach nur durch deine bloße Gegenwart. Wenn du wüsstest, wie viele Stunden ich allein mit ihr in dieser Wohnung verbracht habe, wie lange ich sie schon beim Schlafen beobachtet habe, wie oft ich ihr die wenigen Bücher, die wir haben, vorgelesen habe … ich tue es gerne. Es klingt so falsch, ich würde es immer und immer wieder tun, für Hailee, aber …“

Beruhigend griff ich über den Tisch und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Schon gut, Brody … ich weiß, was du meinst.“ So aufgeschlossen und liebenswürdig Hailee auch war, Brody musste wirklich sehr einsam sein manchmal. Ein Kleinkind war einfach nicht dasselbe wie ein Erwachsener, Hailee konnte ihm nie dieselbe Gesellschaft geben. Ich verstand auch, dass er sich schlecht fühlte wegen dieser Gedanken, doch ihm musste klar sein, dass er nichts dafür konnte.
Er griff mit seiner freien Hand nach meiner und drückte sie fest. „Danke.“

„Nichts zu danken.“ Unwillkürlich hielt ich die Luft an, als er meine Hand wieder losließ, nur um mit den Fingern Kreise auf meinem Arm zu ziehen, der durch die hochgekrempelten Ärmel nackt war. Zuerst waren es nur kleine Kreise, die dann immer größer wurden, bis er nur noch sanft über meinen Unterarm strich, schon diese kleine Geste brachte mich zum Erschaudern und ich strich meinerseits über seinen Arm, auch wenn der noch vom Pullover bedeckt war.
„Das ist ein bisschen unbequem“, merkte er nach einer Weile an und ich wollte mich schon zurückziehen, da schüttelte er den Kopf und schmunzelte. „Damit meinte ich nicht, dass du aufhören sollst … außer, du willst natürlich.“

Eilig schüttelte ich den Kopf, natürlich wollte ich nicht aufhören, ich wollte, dass er weitermachte, ich wollte selbst weitermachen. Noch war es nicht allzu spät, meine Eltern erwarteten mich noch nicht. Brody stand, immer noch das Schmunzeln um die Lippen, auf, ging langsam um den Tisch herum und kam leicht versetzt hinter mir zum Stehen. Gerade wollte ich mich umdrehen, da hatte er eine warme Hand an meinen Nacken gelegt, schob meine offenen Haare über eine Schulter und beugte sich hinab, um meinen Hals zu küssen: Zuerst am Haaransatz, dann wanderte sein Mund über meine linke Schulter, während er mit der Hand über meine rechte strich, dabei schob er leicht meinen Ärmel zurück, bis er mit der Hand an meiner nackten Rückenhaut war, immer noch sanft darüber streichend, so unglaublich zärtlich, wie ich es ihm nie zugetraut hätte.

Ich ließ das Ganze eine Weile über mich ergehen, genoss es in vollen Zügen: Seine Lippen auf meiner Schulter, seine Hand an meinem Rücken, bis ich nicht mehr stillhalten konnte; ich drehte mich zu ihm um und schlang die Arme um seinen Hals, zog ihn zu mir nach unten und holte tief Luft, atmete seinen Geruch nach Duschgel ein und ließ mich von ihm an sich ziehen. Durch meine Bewegung war seine Hand wieder aus meinem Kleid gerutscht, so dass er jetzt mit beiden Händen unter meinen Hintern greifen und mich hochheben und auf den Tisch setzen konnte, damit der Höhenunterschied zwischen uns nicht mehr so groß war. Ich beugte mich ihm entgegen, die Arme immer noch um seinen Hals geschlungen, während er eine Hand von meiner Hüfte aus an der Außenseite meines Oberschenkels entlanggleiten ließ, die andere lag wieder an meinem Hals und streichelte ihn zärtlich.

Unsere Lippen hatten sich bis jetzt noch nicht berührt, wir strichen einander nur über Hals und Oberschenkel, jetzt jedoch wanderte er mit seinem Mund von meinem Hals über mein Kinn, an meine Wange, meine Mundwinkel. Meine Lippen begannen zu kribbeln und schließlich legte er die seinen auf die meinen und wir verschmolzen miteinander: Sein Mund war so unglaublich weich, ich stöhnte leise auf, doch der Laut war nicht zu hören, wurde erstickt von Brodys Mund. Wie von selbst wanderten meine Hände von seinem Nacken zu seinem Rücken, griffen in den glatten Stoff und vergruben sich darin, während er immer noch meinen Oberschenkel entlangfuhr und mit der anderen Hand an meinem Hals war, jetzt wanderte die in meine Haare und er zog mich noch enger an sich. Ich ließ ihn gewähren, genoss seine Berührungen überall an meinem Körper und hatte gleichzeitig die Einsicht, dass die unschuldige Felicity Harper weg war; sie war ohne einen Abschied fort und hatte mich, die sich nach Brodys Berührungen sehnte, zurückgelassen.

Als er jedoch am Ende meines Oberschenkels angekommen war und den Saum meines Kleids hochschieben wollte, der ohnehin schon nach oben gerutscht war, verspannte ich mich und er unterließ es, mit der Hand unter mein Kleid zu fahren. Stattdessen hielt er inne und schaute mich prüfend an.
„Tut mir leid“, flüsterte ich gegen seinen Mund, denn soeben hatte die brave Felicity Harper beschlossen, doch nochmal zurückzukehren, um mich daran zu hindern, zu wollen, dass Brody weiter mit mir ging.

„Schon gut“, flüsterte er zurück, sein Gesicht noch immer so nah an meinem, dass ich seinen Atem spüren konnte. „Wir haben alle Zeit der Welt … hoffe ich zumindest.“
„Ja, hoffe ich auch.“ Hinter verschlossenen Türen. Ich ließ zu, dass er mich ein wenig von sich weg schob und von mir abließ, und stützte mich mit den Handflächen hinter mir auf dem Tisch ab.
„Hat es dir bis jetzt wenigstens gefallen?“ Aufmerksam musterte er mich und ich musste mir auf die Lippe beißen, um das aufkommende Grinsen zu unterdrücken, als ich gestand: „Und wie.“
„Dann kann ich vielleicht hoffen, dass wir uns morgen wieder sehen?“

Ich wollte schon nicken, da fiel mir ein, dass morgen Granny und Grandpa zu Besuch kommen wollten und Mom sicherlich nicht gern hatte, wenn ich nicht da war. Daher schüttelte ich bedauernd den Kopf und sah dabei zu, wie er unsere Finger ineinander verflocht. „Morgen nicht, meine Großeltern kommen zu Besuch … aber vielleicht am Sonntag, bei den Senioren.“
Jetzt schüttelte Brody den Kopf. „Ich muss auf Hailee aufpassen, ich kann nicht kommen.“
„Nimm sie doch einfach mit.“ Unserer Finger waren so eng wie möglich ineinander verschränkt. Irgendwie gefiel mir dieser Anblick.

„Das geht nicht … du weißt, dass sie aussieht wie ich. Alte Leute sind nicht so dumm, wie manche immer meinen.“
„Das weiß ich doch, aber … du kannst Hailee doch nicht einsperren. Ich kann wieder sagen, dass ich sie babysitte, wie beim Krankenhaus … das ist kein Problem für mich.“

Brody zögerte für einen Moment, es sah wirklich so aus, als würde er es sich überlegen, dann aber schüttelte er vehement und endgültig den Kopf und ich drängte ihn nicht weiter. Stattdessen schaute ich auf die alte Küchenuhr und stellte fest, dass die Zeit doch ganz schön vergangen war.
„Musst du gehen?“ Er war meinem Blick gefolgt und sah vielleicht ein klein wenig enttäuscht aus, als ich nickte. „Ja … wir sehen uns spätestens in der Schule wieder … Dienstag fahren wir ja dann schon los.“

In der Schule. Ich fragte mich, was dort zwischen uns sein würde: Vermutlich nichts, doch ich wollte nicht, dass da nichts war. Das würde bedeuten, dass das zwischen uns weniger real war, und ich wünschte mir mittlerweile sehr, dass es echt war.
Dienstags würde es auch schon los gehen, zum Skifahren. Ich freute mich darauf, auch wenn ich mich fragte, was Brody derweil mit Hailee anstellen würde. Weil es eine offizielle Schulfahrt war, konnte er nicht einfach zu Hause bleiben.

„Bis dann.“ Er beugte sich noch einmal zu mir nach unten und küsste mich auf die Stirn, bevor ich vom Tisch rutschte, mein Kleid zurecht zupfte und zur Tür ging, mit wild klopfendem Herzen und rasendem Puls.
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