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Sommerfinsternis

von Arvara
GeschichteAbenteuer, Drama / P16
OC (Own Character) Old Shatterhand Winnetou
01.03.2020
20.07.2020
14
43.299
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01.03.2020 3.367
 
Winter



Es war kalt, eisig kalt. Seit Tagen tobte ein erbarmungsloser Schneesturm, jeglicher Aufenthalt im Freien konnte den Tod bringen. Schon alleine der kurze Gang vor die Tür, um Holz aus dem Vorrat der früheren Bewohner der Hütte zu holen, genügte, um die Bärte der Männer mit Raureif zu bedecken und den Tropfen an der Nase gefrieren zu lassen. An Jagd war nicht zu denken, der Hunger wurde immer beißender. Das letzte Stück Fleisch hatten sie bereits vor zwei Tagen gegessen.

Mit dem größer werdenden Hunger wurde auch die Wut in Jackson immer mächtiger. Und heißer. Wie flüssiges Feuer brannte sie in seinen Adern, jede Kleinigkeit, sei es ein falsches Wort seiner Kumpane, das Rütteln des Sturmes an den Fensterläden oder auch nur das Knurren seines Magens ließ sie auflodern gleich einem Feuer, in das Schießpulver geworfen wurde.

Parker und Boyles hatten sich in eine Ecke der Stube gedrückt, sie wagten kaum eine Bewegung, zu groß war die Angst vor dem Zorn und der Unberechenbarkeit Jacksons.

Der saß in ein Fell gehüllt vor der spärlichen Flamme, die in dem Kamin züngelte und ersann immer neue Todesarten und Qualen, die er Winnetou und Old Shatterhand zugedachte. Doch der Tod der beiden wäre nicht genug, nein, sie sollten noch den Untergang ihrer Familie, ihrer Freunde, ihres Volkes erleben, ehe sie die Gnade des Todes erfahren dürften.

Sie alleine trugen die Schuld an dem Übel, dass ihm widerfahren war und immer noch widerfuhr. Es hatte nicht genügt, dass diese Hunde entkommen waren, nein, sie mussten ihm auch noch die Armee auf den Hals hetzen und sein seit Langem aufgebautes Lebenswerk zerstören. Alle seine Leute waren ergriffen worden und hatten sicher inzwischen den Tod am Strang gefunden. Obwohl er kein Mitleid mit ihnen empfand, machte ihn der Gedanke rasant, dass ihm seine Männer genommen worden waren und er hatte fliehen müssen, wie eine Ratte, die sich durch enge Gänge zwängte.

Sein Misstrauen gegen alles und jeden hatten ihn frühzeitig auf den Gedanken gebracht, einen Fluchttunnel bauen zu lassen. Nur seine engsten Vertrauten wussten davon, die Erbauer des Tunnels hatten ihr Wissen mit in ihr Grab genommen.

Doch er war nicht entflohen, ohne zu wissen, was geschah. Es war ihm gelungen, alle zu täuschen, selbst diese dreckige Rothaut, die nach ihm gesucht hatte, war an seinem Versteck, von dem aus er alles beobachtet hatte, vorbeigeritten. Das sollten berühmte Westleute sein? Fielen auf den Trick mit den Spuren von drei Pferden herein, ohne zu bemerken, dass eines der Pferde Steine in den Satteltaschen statt seiner trug, pah.

Aber nun saß er in dieser elenden Hütte fest, doch der Sturm würde irgendwann vorüber sein und dann würde er mit seinem sorgsam ausgeklügelten Rachefeldzug beginnen. Er knirschte mit den Zähnen, bis sein Kiefer schmerzte. Dann würde eine neue Zeit beginnen, eine Zeit ohne diesen Indianerfreund und seinen Blutsbruder und ohne dessen Stamm.

Ein Geräusch aus der Ecke, in der Parker und Boyles wie verschüchterte Weiber hockten, ließ ihn aufmerken. Sie hatten die Köpfe gehoben und lauschten und tatsächlich, es war still. Kein Heulen des Windes, kein Krachen abgebrochener Äste, kein Knarzen der Wände, es war still, der Sturm hatte sich gelegt.

Jackson stand auf, er warf das Fell ab und reckte sich, und die in seinem Körper pulsierende Wut verwandelte sich in eiskalte flammende Energie.





Sommer


Es war heiß. Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel herab und hüllte alles mit ihrer Hitze ein, legte sich wie zäher Schleim über jede Bewegung, machte sie beinahe unmöglich. Es war still in dem Dorf, kein fröhliches Kindergeschrei, keine lachenden Frauen, keine Männer, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen anspornten. Jeder hatte sich einen kühlen Ort gesucht und wartete auf die Erlösung, die der Sonnenuntergang bringen würde. Die Wände der Zelte waren hochgerollt, dass die Luft unter ihnen hindurch ziehen konnte, die Türen und Fenster des Pueblos waren mit Tüchern verhängt, um die Kühle innerhalb der dicken Lehmmauern zu bewahren.

Kathrin saß an ihrem Schreibtisch und kaute auf ihrem Stift. Sie versuchte, sich einen Plan über den Ablauf ihres Unterrichts zu machen. Seit ein paar Wochen unterrichtete sie einige Jungen und Mädchen in Lesen und Schreiben. Winnetou hatte sie darum gebeten, er wusste, wie wichtig es für seine Leute war, zu verstehen, was die Weißen sagten und schrieben. Kathrin selbst hatte bereits darüber nachgedacht, dem Stamm ihres Mannes mit dem zu dienen, was sie am besten konnte und das war nun mal der Umgang mit der Sprache. Sie würde nie mit den anderen Frauen der Mescaleros bei ihren Aufgaben mithalten können, dazu fehlte ihr nicht nur die Erfahrung, sondern auch das Interesse.

Doch neben ihrer Arbeit an ihrem Buch verspürte sie den Drang, sich nützlich zu machen, jetzt wo Kamali größer wurde und nicht mehr ihre ganze Aufmerksamkeit forderte.

Sie sah zu ihrer Tochter, die unbekleidet auf einer Decke saß und hingebungsvoll auf einer harten Wurzel kaute. Die Spucke rann ihr aus dem Mund und hinterließ Spuren in ihrem staubigen Gesichtchen. Kamali bekam einen neuen Zahn und diese Wurzeln, die sie von Maiara erhalten hatte, linderten den damit verbundenen Schmerz.

Und so war sie während ihres letzten Aufenthaltes in ihrem Haus auf der Farm mit Tom nach Santa Fé gefahren. Dort hatte sie, während Tom seine Einkäufe tätigte, ihre alte Lehrerin aufgesucht, die immer noch in der kleinen, zu der Schule gehörenden Wohnung lebte.

Mit Kamali auf der Hüfte hatte sie an die Tür geklopft, energische Schritte in dem Häuschen straften das wahre Alter der Lehrerin Lügen und die Tür wurde geöffnet. Miss Trempton schien um keinen Tag gealtert zu sein, seit Kathrin aus Santa Fé fortgegangen war und sie fühlte sich in die Zeit zurückversetzt, in der sie vor der Strenge und den scharfen, aber gerechten Beurteilungen der Lehrerin gezittert hatte.

Miss Trempton musterte ihre Besucherin, ihr Blick wanderte zu dem Kind und zu Kathrin zurück.„Kathrin“, sagte sie nicht unfreundlich, „das ist ja eine Überraschung.“

„Oh, Sie erinnern sich noch an mich“, staunte Kathrin.

„Selbstverständlich tue ich das. Ich erinnere mich an alle meiner Schüler, auch wenn nur wenige so viel wie du erreicht haben.“ Sie machte die Tür frei. „Komm doch herein, im Stehen spricht es sich nicht gut.“

Sie führte Kathrin in ihre Wohnstube, in der ein schweres Sofa und die dazu gehörenden Sessel um einen niedrigen Tisch gruppiert waren und hier in diesem kleinen einfachen Raum recht fehl am Platze wirkten, eher hätten sie in den Salon eines herrschaftlichen Gutshauses gehört.

Sie hieß Kathrin Platz nehmen und eilte in die Küche, um mit einem Krug mit Wasser und drei Gläsern zurückzukommen. Sie stellte alles auf das Tischchen und setzte sich gegenüber ihrer ehemaligen Schülerin in einen Sessel.

„Ich weiß ja nicht, ob deine Tochter schon aus einem Glas trinken kann“, sagte sie mit einem Blick zu den Gläsern, „es ist doch deine Tochter?“

„Ja, das ist meine Tochter Alice“, antwortete Kathrin und zog ihrer Kleinen das Häubchen von Kopf. Dichte schwarze Locken kamen zum Vorschein und machten zusammen mit ihren leicht schräg stehenden Augen und der hellbronzenen Hautfarbe deutlich, dass ihr Vater kein Weißer war.

Kamali saß ruhig auf dem Schoß ihrer Mutter und fixierte ihrerseits die alte Lehrerin aus ihren grünen Augen. Miss Trempton bemühte sich um ein Lächeln, doch war ihr anzusehen, dass auch sie nicht frei war von den üblichen Vorurteilen Mischlingen gegenüber.

Kathrin schwankte zwischen Angriff und Verteidigung, doch da sie ein Anliegen an ihre alte Lehrerin hatte, entschied sie sich für die simple Wahrheit, immerhin teilweise. „Ich bin mit einem Indianer verheiratet“, sagte sie daher schlicht.

„Das überrascht mich ein wenig“, sagte diese, „ich hatte gehört, du seiest nach Chicago gegangen und würdest dort für eine Zeitung arbeiten, was mich übrigens sehr gefreut hat, hast du doch immer die mit Abstand besten Aufsätze geschrieben.“

„Das ist richtig, ich habe in Chicago gearbeitet. Aber für eine Artikelreihe über den Westen habe ich meine Schwester besucht und dann meinen Mann kennengelernt. Nun lebe ich wieder hier und schreibe an einem Buch“, sie warf einen Seitenblick auf Kamali, „sofern sie mir die Zeit lässt.“ Die Kleine lutschte mittlerweile an ihrem Daumen, als gäbe es nichts Besseres auf der Welt.

„Darüber hinaus möchte ich den Kindern des Stammes meines Mannes Lesen und Schreiben beibringen. Deswegen komme ich zu Ihnen. Vielleicht gibt es in der Schule noch eine Tafel, die nicht mehr benötigt wird und die ich Ihnen abkaufen könnte.“

Miss Trempton zog ein Taschentuch aus dem Ärmel ihres Kleides und tupfte sich die Mundwinkel. Dann schüttelte sie den Kopf. „Du warst immer schon anders“, sagte sie, „nicht schlechter, eben besonders und besonders wild. Es wäre unsinnig zu erwarten, dass sich das geändert hätte. Also Indianerkindern Lesen und Schreiben beibringen?“

Kathrin nickte.

„Nun gut, im Schuppen hinter der Schule gibt es tatsächlich eine alte Tafel, die nicht mehr schön ist, aber zu schade zum Wegwerfen war. Ich denke, für deine Zwecke ist sie ausreichend.“



Und so war sie zu der Tafel gekommen, die nun eine Wand in dem großen Raum im Erdgeschoss des Adobebaus zierte und an die sie die Buchstaben und Wörter schrieb, die ihre Schüler lernen sollten. Diese wurden immer zahlreicher, waren zunächst nur einige wenige Jungen gekommen, wurden es nun von Mal zu Mal mehr Jungen und auch Mädchen, die sich, bewaffnet mit Holzbrettchen und farbigen Tonstückchen, zu den Unterrichtsstunden versammelten.

Sogar George kam seit Kurzem, sein Vater hatte ihm zwar alles Nötige für die Jagd und das Leben in der Wildnis beigebracht, Lesen und Schreiben hatten jedoch nicht dazu gehört. Kathrin hatte allerdings den Verdacht, dass dies nicht der alleinige Grund war, vielmehr glaubte sie, dass der wahre Grund für Georges Lerneifer Shenandoah, die hübsche Tochter Nekatames war.

Ihr war nicht verborgen geblieben, dass er jede Gelegenheit nutzte, um gefahrlos in ihrer Nähe sein zu können, und auch Shenandoah schien seine Gesellschaft zu suchen. Was der Schamane davon hielt, mochte sich Kathrin lieber nicht vorstellen. So sehr er die Verbindung zwischen Winnetou und ihr gutgeheißen und sie unterstützt hatte, hatte sie doch Zweifel, ob sich seine Unvoreingenommenheit auch auf seine eigene Tochter erstreckte.

Ein leises Quengeln riss sie aus ihren Gedanken. Ganz Indianerkind weinte oder schrie Kamali nicht laut, doch auch leise konnte sie immer besser ihre Bedürfnisse ausdrücken. Jetzt hatte sie auf die Decke gemacht und krabbelte aus dem Nassen zu ihrer Mutter. Die nahm sie hoch und reinigte sie, die Decke warf sie in einen Korb, in dem sich noch weitere Wäsche befand. Mit dem Kind im Arm setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl und entblößte ihre Brust. Gierig trank Kamali, doch schon bald war der erste Durst und Hunger gestillt und sie nuckelte mehr, als dass sie saugte. Kathrin genoss diese stillen Momente mit ihrer Tochter, die immer seltener wurden, Kamali nahm nun schon feste Mahlzeiten zu sich, ihre Milch wurde immer weniger wichtig.

Kamalis Köpfchen sank zur Seite, sie war eingeschlafen. Kathrin stand vorsichtig auf und legte sie auf ihrem Lager aus weichen Fellen ab. Für eine Decke war es viel zu warm, lediglich ein Tuch unter ihrem Po würde eine Verschmutzung der Felle verhindern.

Die Decke vor der Türöffnung wurde angehoben und Winnetou betrat den Raum. Kathrin musste bei seinem Anblick lächeln. Sein nackter Oberkörper glänzte von Schweiß, seine Hose war staubig, sein langes Haar zerzaust und nur noch notdürftig von dem Stirnband gebändigt.

„Hast du versucht, einen Büffel zu zähmen?“, fragte sie amüsiert.

Winnetou lächelte. „Die Jungen müssen lernen, auch bei der größten Hitze zu kämpfen“, antwortete er. „Ein Krieger lässt sich nicht von der Sonne aufhalten.“

„Offensichtlich“, sagte Kathrin und strich mit der Hand zärtlich über seine schweißnasse Brust.



Der hintere Raum, der ihnen als Schlafraum diente, hatte keine Fenster, sodass die Hitze des Tages keinen Einlass fand, dennoch war es auch dort warm. Kathrin und Winnetou lagen nebeneinander auf den Fellen und Decken ihres Lagers und nun war auch Kathrin schweißnass. Winnetou hatte sich zu ihr gedreht und betrachtete sie in dem schwachen Licht, das aus dem vorderen Raum hereinströmte. Ein Schweißtropfen hatte sich auf ihrer Stirn gebildet und rann langsam über ihre Schläfe. Winnetou beugte sich über sie und küsste ihn fort, sein Haar fiel wie eine schwarze Wand um ihre Gesichter.

Ein leises Geräusch ließ ihn aufblicken, Kamali war wach geworden und krabbelte zu ihnen. Winnetou hob seine Tochter hoch und legte sie zwischen sie. So lagen sie zu dritt, wie ein Rudel Wölfe ineinander verschlungen und genossen die Nähe ihrer Familie.

Kathrins Gedanken kehrten zu George zurück, der sich sicher auch eine eigene Familie wünschte und sich offenbar auch schon die Frau dafür ausgesucht hatte.

„George kommt jetzt auch zu meinen Unterrichtsstunden“, sagte sie.

„Er will der Tochter Nekatames nahe sein“, sagte Winnetou.

„Du weißt, was ihn bewegt?“, fragte Kathrin erstaunt, und dann auch wieder nicht, denn es gab wenig, was dem Häuptling verborgen blieb.

„Es ist schwerer, nicht zu bemerken, dass George Shenandoah begehrt. Er hat schon seit langem mehr Interesse an ihr, als ihm guttut.“

„Wie meinst du das?“

„Nekatame ist sehr wählerisch, er stellt hohe Ansprüche an den Krieger, der seine Tochter in sein Zelt führen darf.“

„Dann glaubst du, er würde George nicht erlauben, seine Tochter zu heiraten?“

„Dies ist nicht meine Frage, sondern die Frage Georges.“

Kathrin hätte dem Jungen gerne geholfen, nur deshalb hatte sie das Gespräch auf ihn gebracht. Im Stillen hegte sie die leise Hoffnung, Winnetou möge mit dem Schamanen sprechen, doch sie würde ihn nicht darum bitten. Sie war überzeugt, er wusste um ihren Wunsch.

„Wenn George ein Krieger sein und Shenandoah zur Frau nehmen möchte, muss er seinen eigenen Weg dahin finden“, sagte Winnetou.

Ja, dachte Kathrin, er hatte gewusst, was sie bezweckte, aber er hatte Recht, für seinen Stolz und seine Ehre musste der Junge seinen Weg selber finden und gehen.



George machte einen Schritt, dann hielt er inne. Er war noch nicht so weit. Seit Stunden schon lungerte er in der Nähe des Zeltes Nekatames, um den richtigen Moment abzupassen. Doch der wollte sich nicht einstellen. Wie sollte der auch aussehen? Etwa dass der Schamane aus dem Zelt trat, George erblickte und sagte, er habe sich schon immer einen weißen Schwiegersohn im Allgemeinen und ihn im Besonderen gewünscht? Ja, das wäre ideal, aber darauf zu warten vollkommen aussichtslos. Er würde wohl endlich seinen ganzen Mut zusammennehmen müssen und das Gespräch von Mann zu Mann suchen. Doch der Respekt, der dem Alten von Allen entgegengebracht wurde, machte es ihm nicht leichter. Nahezu jeder schien ein wenig Angst vor dem Schamanen zu haben und bis auf Winnetou wagte es niemand, sich ihm entgegenzustellen, und der war der Häuptling.

Er selbst dagegen war nur geduldet, nicht mal ein Apache, ein junger Mann, der in seiner Jugend, die noch gar nicht so lange her war, von einem brutalen Verbrecher geschändet worden war. Auch wenn er inzwischen einigermaßen darüber hinweg war, empfand er dies tief in seinem Innersten doch immer noch als einen Makel, der ihm anhaftete.

Und doch hatte er sich unsterblich in Shenandoah verliebt und seine Gefühle wurden erwidert, was in seinen Augen an ein Wunder grenzte. Schon als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, damals als er nach der Vernichtung von Jackson Bande mit Ahiga und Nantan in das Dorf der Mescaleros geritten war, war es um ihn geschehen gewesen. Seitdem hatte er sich und seinen Platz gesucht. Jetzt war er ein Mann geworden und hoffte, bei den Apachen eine neue Heimat gefunden zu haben, er wollte bei ihnen bleiben und einer von ihnen sein. Und er wollte Shenandoah zur Frau. Die Zeit schien ihm reif, wenn sie sich nicht weiter nur heimlich oder unter den Augen der anderen Schüler in Kathrins Unterricht treffen wollten, musste er endlich mit ihrem Vater sprechen, der eben leider auch der Schamane war.

Er seufzte tief, dann straffte er die Schulter und tat den nächsten Schritt und noch einen und noch einen, bis er vor dem Eingang zu Nekatames und Shenandoahs Zelt stand. Wegen der Hitze war das Eingangsfell zurückgeschlagen und erlaubte einen Blick in das Innere. Der Medizinmann war alleine, aber das wusste George bereits, er hatte gesehen, dass Shenandoah mit den anderen Frauen zum Fluss gegangen war.

Sein Schatten fiel ins Zelt und machte den Alten, der angestrengt Kräuter in einer großen Schale zerrieb, auf sich aufmerksam.

Nekatame winkte ihn herein und zeigte auf ein Fell. George setzte sich mit gekreuzten Beinen darauf und senkte ehrerbietig den Kopf. Es geziemte sich nicht, dass er als der Jüngere das Wort ergriff. Doch der Alte bearbeitete weiter seine Kräuter, als sei er nicht anwesend. Schließlich waren die Kräuter so fein zermahlen, dass sie nur noch ein Pulver waren, das der Medizinmann umständlich in ein Ledersäckchen umfüllte.
Doch wenn George gehofft hatte, dass er nun das Wort an ihn richten würde, sah er sich getäuscht. Der Schamane stand auf und holte aus einem großen ledernen Sack ein weiteres Bündel getrockneter Pflanzen heraus. Er hielt es einer Rute gleich in der Hand und schien abwägen zu wollen, was er damit anfinge. George, der immer noch gesenkten Blickes auf seinem Platz saß, sah aus dem Augenwinkel, dass Nekatame ausholte und dann traf ihn das Bündel am Kopf und überzog ihn mit Staub, Samen und trockenen Stängeln. Erschrocken wollte er aufspringen.

„Bleib sitzen!“, donnerte ihn der Alte an. „Glaubst du, ich sei blind? Ich würde nicht sehen, dass du meiner Tochter auf Schritt und Tritt folgst?“

„Äh“, machte George, weiter kam er nicht.

„Schweig!“ Der Junge zog den Kopf ein.

„Wer bist du, dass du es wagst, meine Tochter zu begehren? Ein Weißer, ein Nichtsnutz, du hast keine Familie, kannst nicht mal richtig den Tomahawk werfen, hast keine Stellung in unserem Stamm, der nicht der deine ist. Willst du sie zu einer weißen Squaw machen, die sich in einer ärmlichen Hütte um schreiende Kinder kümmern muss, verachtet von den anderen weißen Frauen, verdammt zu einem Leben in Armut und Einsamkeit?“ Nekatame steigerte sich immer weiter in seinen Grimm, seine Stimme wurde lauter und lauter.

Das war genug, George war zwar jung, aber er würde sich nicht länger von dem Alten anschreien lassen. So wie der sich aufführte, hatte er auch nichts mehr zu verlieren. Er erhob sich und richtete sich in voller Größe auf. So überragte er den Apachen um ein ganzes Stück.

„Ich werde dir sagen, wer ich bin, dass ich es wage, deine Tochter zu begehren“, sagte er mit fester Stimme. Seine Empörung gab ihm die Stärke, seine Vernunft die Ruhe. „Ich bin George Cooper und meine Familie ist tot. Aber ich habe Freunde, die meine Familie sind. Da sind Tom und Elli Hiddleston, die auf eurem Land leben und die ihr eure Freunde nennt, und da ist Kathrin, die Frau eures Häuptlings und meine Freunde unter euren Kriegern. Also sag nicht, ich hätte keine Familie, ich habe Freunde. Und ich mag den Tomahawk nicht gut werfen können, aber ich kann schießen, mit dem Messer kämpfen und vieles mehr. Mein sehnlichster Wunsch ist es, mit deiner Tochter zu leben und ein Mitglied des Stammes der Mescaleros zu sein. Sag mir, was ich dafür tun muss und ich werde es tun.“

Zu Georges größtem Erstaunen wurde die Miene Nekatames weich, war seine Zeterei vielleicht nur eine Prüfung gewesen?

„So“, meinte der Schamane, „du möchtest ein Mitglied unseres Stammes sein? Dann wirst du den gleichen Pfad gehen müssen, den jeder Mann gehen muss, ehe er ein Krieger wird. Bist du dazu bereit?“

„Das bin ich“, erwiderte George feierlich und staunte doch über den plötzlichen Sinneswandel des Alten.

„So nimm einen Bogen sowie zehn Pfeile, dein Messer und geh. Geh solange und soweit, bis du weißt, dass du jetzt ein Krieger bist.“

„Wohin soll ich gehen und wann?“

„Jetzt! Verlasse das Dorf und höre auf die Stimmen der Götter, sie werden dir sagen, wohin du gehen musst.“

„Danke“, sagte George.

„Danke nicht mir, sondern den Göttern, falls du als Krieger in unser Dorf zurückkehrst.“ Damit drehte sich Nekatame um und schenkte ihm keine weitere Beachtung.

George verneigte sich und verließ das Zelt. Er war beseelt von der Aufgabe, die auf ihn wartete. Die Anweisung war eindeutig gewesen. Er ging in das Zelt, das er bewohnte, nahm zehn Pfeile und seinen Bogen, sowie sein Messer. Sein Gewehr und alles andere ließ er zurück. Ohne sich umzudrehen oder mit jemandem zu sprechen, verließ er das Dorf und richtete seinen Weg nach Norden, denn dies erschien ihm richtig.
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