Neuanfang (März)

von Ririchiyo
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
01.03.2020
29.03.2020
32
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Während des Abendessens hatten sie sich noch unterhalten, wobei allerdings Aljona kein einziges Mal erneut auf ihre Frage eingegangen war, und schließlich hatte Ryan sich doch verabschiedet. So sehr er den Abend auch genossen hatte, aber er konnte immerhin nicht ewig bleiben. Sicher, sie hatte es ihm irgendwie angeboten, aber er war wohl einfach noch nicht so weit. Es war eine Sache, ob er ihre Gesellschaft mochte und genoss, und eine völlig andere, ob er hier auch über Nacht Zuflucht vor seinen eigenen Problemen finden konnte.
     Oder wollte. Und in dem Moment hatte er nicht gewollt. Er hatte es zu schätzen gewusst, wie sie ihn von all seinen Problemen abgelenkt hatte, wirklich, und er hatte den Tag im Endeffekt auch als sehr angenehm empfunden, aber auch er war irgendwann der Meinung gewesen, sich doch wieder seiner eigenen Wohnung stellen zu sollen. Und am Ende hatte es auch recht gut funktioniert, und er war erstaunlich  zufrieden mit sich und allem gewesen. Der Sonntag hatte sich überraschend gut aushalten lassen, und am Ende des Tages standen sogar keine Umzugskartons mehr bei ihm herum, und zum ersten Mal wirkte die Wohnung nicht mehr wirklich leer, sondern tatsächlich … gemütlich.
     Letztendlich wunderte er sich doch sehr darüber, dass er nicht schon vorher auf den Gedanken gekommen war, sich besser einzurichten. Immerhin tat es wirklich gut. Es erleichterte ihn sogar, seine Wohnung so zu sehen, und irgendwie machte es auch glücklich. Vielleicht sollte er das nächste Mal eher daran arbeiten, eine Hürde zu überwinden, wenn sie sich vor ihm auftat. Oder er sollte wenigstens eher darüber nachdenken. Hier hätte es sicherlich auch nicht geschadet. Wer weiß, vielleicht würde es das nächste Mal ja auch einfach gut tun, wenn er sich seiner Situation stellen würde. Inzwischen konnte er es sich immer besser vorstellen.
     Vermutlich vor allem deshalb, weil seit dem letzten Samstag nun schon wieder eineinhalb Wochen vergangen waren, und er sich noch immer erstaunlich gut fühlte. Erstaunlich glücklich. Irgendwie viel  besser. Es war ein gutes Gefühl, nicht mehr alles so schwarz weiß zu sehen. Oder negativer als nötig. Nichts, was er absichtlich getan hätte, aber es war doch verdammt beruhigend, sich mehr mit Dingen auseinander zu setzen, und es war doch irgendwie entspannend, wieder mehr über alles nachzudenken, und auch wenn er seitdem keinen Anruf mehr von seiner Mutter bekommen hatte, hatte er zum ersten Mal seit Monaten auch wieder das Gefühl, dass er sich mit ihr unterhalten könnte, ohne dass es ihn all seine Energie kostete. Und das konnte doch nur ein gutes Zeichen sein, oder nicht? Schlecht war es jedenfalls nicht. Das Gegenteil nur. Und selbst wenn es nicht das Gegenteil war, wenn es nicht gut sein sollte, es war wenigstens besser. Und immer besser war doch auch schon ein enormer Fortschritt, wenn man ihn fragte.
     Dennoch kam er nicht umhin, diese Frage als vielleicht etwas zu großen Fortschritt zu empfinden. „Was?“, wollte er wissen. Aljona seufzte. Dabei sollte es wirklich nicht an ihr sein, zu seufzen. Er hatte gerade die Probleme!
     „Du hast eine Schwester, richtig?“, wiederholte sie.
     Langsam nickte er. Ja. Schon. Irgendwie. So würden viele es wohl nicht bezeichnen, aber … doch, ja. Sie war immer noch seine Schwester. Würde es auch irgendwie immer sein.
     Seine Kommilitonin schien ebenfalls zögerlich. Sie neigte leicht den Kopf, und atmete tief durch. Worauf genau wartete sie eigentlich? Oder was wollte sie? Was war es? Aber er stellte keine einzige dieser Fragen laut, und schließlich schien auch sie ihren Gedanken zu verwerfen, denn sie schüttelte den Kopf, und seufzte erneut, bevor sich ihre ganze Haltung etwas entspannte, und sie sogar wieder einmal zu lächeln begann.
     „Wie ist ihr Name?“, fragte sie dann. Noch immer war sie am Lächeln.
     Es wirkte irgendwie, als würde sie absichtlich eine so unbefangene Frage stellen. Aber selbst das war ihm schon beinahe zu viel. Also war er nicht wirklich enttäuscht davon. Er schloss für einen Moment die Augen, und atmete tief durch. „Hope“, antwortete er nach einem Augenblick, und konnte deutlich spüren, wie ein Kloß sich in seinem Hals bildete. Gott, wie er das hasste. Aber es war wohl etwas, an der er sich einfach gewöhnen sollte … „Ihr Name ist Hope.“ Oder war. War wäre das richtigere Wort, richtig? Aber andererseits hieß sie auch jetzt noch so, egal was Leute sagten, also-
     „Würdest du mir ein wenig von ihr erzählen?“, fragte Aljona weiter. Er hatte das unglaublich große Bedürfnis, ihr zu sagen, dass das niemals passieren würde. Aber vielleicht doch. Warum nicht? Hope war kein schlechtes Thema. Sie war toll. Und eigentlich sprach er gerne über sie. Oder hatte gerne über sie gesprochen. Doch jetzt?
     „Sie ist-“ Er schloss den Mund wieder. Jetzt fiel ihm nicht viel zu ihr ein. Oder doch, aber alles davon war so schwer zu formulieren. Sie liebte Bücher, und Filme, und war immer aufgeweckt, hatte einen Freund, verstand sich gut mit allen möglichen Leuten, mochte am liebsten Schokolade und schenkte ihm zu Weihnachten immer irgendein Buch, damit er es ihr vorlesen konnte. Sie liebte Partys und Freizeitparks und alles bei dem sie sich irgendwie körperlich betätigen konnte, und im Sommer war sie am liebsten irgendwie Wandern gegangen, oder wenigstens ein wenig aufs Land gefahren, um sich dort  entspannen zu können. Er hatte eigentlich verdammt viel zu sagen, und viel zu erzählen, und ihm würde ganz sicher so unglaublich vieles einfallen, um es alles mit Aljona zu teilen, aber das einzige Wort, welches ihm ununterbrochen im Kopf herumschwirrte, wann immer er an seine Kleine dachte, und welches sich immer wieder in den Vordergrund drängte, wann immer er ihr Bild im Kopf hatte, und das Wort, über das er wirklich am allerwenigsten nachdenken wollte, war tot. Sie war tot. Sie war toll, und sie war großartig, und sie war wundervoll, und seine Hope war fantastisch, und sie war tot.
     Er schüttelte einmal heftig den Kopf, fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, und räusperte sich laut, und dann versuchte auch er sich an einem lächeln. „Vielleicht ein andermal“, korrigierte er sich. Ganz sicher ein andermal. Bestimmt. Er konnte sich wirklich vorstellen, mit ihr darüber zu reden, aber jetzt nicht. Jetzt gerade war wohl die Zeit einfach noch nicht gekommen … vielleicht irgendwann später.
     Aljonas Lächeln bröckelte nicht einmal, sondern sie nickte nur kurz, und ihr Blick wanderte einen Moment weiter, irgendwo hinter ihn. Er war ihr erstaunlich dankbar dafür, dass sie ihn nicht weiter ihrem Blick aussetzte. Egal, ob es nun absichtlich war, oder nicht. Es war trotzdem ein gutes Gefühl, sich sammeln zu können, ohne dass jemand ihn beobachtete. Oder ihn direkt beobachtete. Falls sie es tat, tat sie es wenigstens diskret. Und darauf hinweisen würde sie wohl auch nicht. Was ihn wiederum zu der Frage brachte, was genau sie eigentlich dachte. Was glaubte sie, warum er so reagierte? Hatte sie längst erfasst, was Sache war? Oder ließ sie ihm einfach nur Zeit? Wie viel wusste sie? Oder wie viel glaubte sie zu wissen? Oder war es ihr einfach nur egal? Was genau war es?
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