Der Teufelskreis

KurzgeschichteRomanze, Tragödie / P12
01.03.2020
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Wie kann sie mir bei meinem Entgegenkommen nur einen solchen Mangel an Aufmerksamkeit unterstellen. Kristallklar! Von Madame Nörgel, wem sonst. Ich stieß die Tür meines Schlafgemachs auf und befand mich im Treppengebäude, wo die Schatten dem rötlichen Scheinkegel der Kerzen wichen. Verdrossen, überlegte ich mir, ob noch ein paar gesellige Landsleute in der Schenke, die, in vergnügter Stimmung, ein oder zwei Met mit mir heben würden. Die dunkle Gestalt meines Schattens huschte an den Leinwänden vorbei, während ich die Stufen hinuntertrabte und die gefangenen Feuer wirbelten nacheinander in den Dochten der Wachskerzen, die Dielen knarzten und mit einer Hand am Ornament des Geländers, passierte ich Stock um Stockwerk. Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass ich bereits hinreichend Treppen passiert haben sollte. Ich guckte, mein Haupt schräg nach oben, wo das helle Licht meiner Öllampe aus dem Schlafgemach schien. Ich kreidete es dem Durcheinander in meinem Kopf an, das mich scheinheilig Glauben einschenkte, ich sei zwölf Treppen gelaufen, wenn es in Wahrheit bloß drei waren. Meine Beine fühlten sich dennoch mürbe und gezerrt an. Vielleicht mein stures Rheuma? Ich wagte einen Ausblick zwischen das Treppengeländer, aber in dem warmen, jedoch kraftlosen Schein der Kerzen, lagen nur die Stufen. Alles war flüchtig zu deuten, nicht konkret. Mit dem umgedrehten, das Licht des Schlafsaals gerichteten Blickes, ging ich noch mal zwei Treppen hinab. Dann noch einmal zwei, dann blieb ich stehen. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich mich dem Licht entfernt. Wie war das möglich? Halluzinierte ich etwa schon …? Es gab lediglich einen Weg dies herauszufinden.
„Cécile?!“, schrie ich auf. „Cécile …! Hörst du mich?!“
Doch niemand antwortete. Auch als ich die Namen meiner Pagen und Knappen ausrief, kam niemand zu mir geeilt. Als ich mich umsah, trat mir eines der Bilder unter die Augen, die Cécile hatte aufhängen lassen: eine einsame Frau am Ufer eines zugefrorenes Sees. Sie fand es faszinierend. Es war ihr fehlendes Spiegelbild, das diesem Bild Wirkung verlieh. Ich nahm mir die nächste Wachskerze mit der bloßen Hand und jäh fluchte ich, als das zischende Weiß auf meiner Haut zu kochen begann.
„Au! Argh … Scheiße.“
Ich rüttelte die versehrte Hand in meinen Ärmel und umwickelte so den Kerzenstil in den überstehenden Saum. Das Bild ward durch den Schein erwärmt, der den düsteren Wintermorgen zu einem melancholischen Herbstmittag machte. Ich stapfte die Treppen zurück, wobei mir jeder Schritt schmerzte. Als ich ein Stockwerk wieder passiert hatte, leuchtete ich auf dieselbe Stelle an der Wand. Ich war außer mir: es war dasselbe Bild. Dieselbe Frau. Auf jedes einzelne ihrer schwarzen Haare gleich, auf jede Schliere der zugefrorenen See.
„Schatz?!“, stieß ich aus meinem Mund. „Cécile! Bitte, Cécile! Etwas stimmt hier nicht! Komm bitte!“
Niemand antwortete mir. Ein Impuls meiner Hand, zerschellte das Bild gegen die Wand. Es zerbrach – klappernde Stille.
„Das kann doch unmöglich ein Traum sein … Das ist ein schlechter Scherz!“
„Na, na. Schlecht ist er nicht. Hoho!“
Eine gemeine, kühle, aber fast wie die eines Hofnarren johlende Stimme, gewährte sich Einlass in meine Ohren.
„W-Wer ist da …? Zeig dich! Unter welchem Unfug lässt du mich hier leiden, du unbescholtener Dämon, oder was auch immer du bist!“
„Ein Kobold, wenn ich bitten darf. Mein Herr schickt mich aus der Unterwelt - nachts versteht sich -, um Schabernack mit schlechten Menschen zu treiben.“
„Scher dich zum Teufel! Ich bin kein schlechter Mensch!“
„O-hoho!“, gackerte der Kobold. „Diese Überzeugung. Doch leider, kann ich dich erst nach einem abgeschlossenen Handel wieder gehen lassen.“
Meine Zähne begannen zu knirschen und ich sog mehrfach Luft durch die Zwischenräume ein.
„Und der sieht wie aus? Was willst du von mir? Mich töten? Meine Krone?“
„Igitt, igitt. Dich töten doch nicht. Diese Entscheidung werde ich euch überlassen. Wo bleibt sonst der Spaß?“
Mir reichte es. Ich hatte die Nase gestrichen voll von diesem Kasperletheater und diesem Hampelmann. Während ich nach unten humpelte, fluchte und schimpfte ich, auf das sich ein guter Seemann für mich schämen würde. Unerwartet, schoss mir ein schmerzvolles Gift, wie beißende Säure durch meine Adern und riss sie auseinander - ich fiel schlussendlich – mein Kopf war gegen die nächste Holzleiste geknallt, und gab ein lautes Knacken von sich.
„Gottverdammte Scheiße!“
Da lag ich am Boden. Der Kobold lachte und gackerte, als wäre er vom Teufel besessen. Sein Gelächter suchte das ganze Treppengebäude heim und toste nach Jux und Tollerei.
„Weh! Weh! Wehe dem unartigen Kätzchen, o-hoho! Deinem Glück nach zu urteilen, bist du wohl eine Pechmietze, wie?“
„Verschwinde!“
„Oh? Möchten wir nun doch unsere jungfräulichen Gedanken zu einem erwachsenen Handel reifen lassen? Es wäre sehr vernünftig.“
Seine Stimme klang von überall und nirgendwo. Es gab kein Entrinnen. Ich hatte mich aufgerichtet und meine Hände umklammerten das Geländer.
„Du dreckiger Wicht! Entlasse mich in die Freiheit!“
„Hüte deine Zunge! Sonst werde ich sie dir rausschneiden müssen. Deine Freiheit … also? Die könnte ich dir gewähren, aber natürlich möchte ich auch etwas im Gegenzug von dir bekommen …“
„Was? Meine Krone? Mein Gold? Mein Fort?“
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„Nein. Cécile … deine Frau.“
„C--", stammelte ich, „Cécile …?“
„Richtig, goldrichtig. Das klingelt doch nach einem fairen Tausch, nicht wahr? Deine Frau, die dich nicht interessiert, gegen deine Freiheit, die mich nicht interessiert. Was könnte es da noch zu mosern geben …?“
„Du kannst mir nicht meine Frau stehlen!“
„Welch' wechselhaftes Wesen du doch bist. Warst du nicht vor ihr weggelaufen, hast die beschimpft und warst gerade auf dem Weg dich mit Met beträufeln zu lassen? Das Band eurer Gefühle und Verfehlungen ist wahrhaftig eng. Also … deine Freiheit und dein Leben oder dein Tod und deine Frau?“
„In deinen Händen wäre sie verdorben!“
„Kich-kich-kich …“, gackerte der Kobold. „Und doch besser behandelt als von ihrem abwesenden Trunkenbold von Graf.“
„Willst du mir eine Lektion erteilen?! Ist es das? Spielst du deshalb diesen Schabernack mit mir? Wegen eines Fehlers?“
„Natürlich. Dieser Fehler wird ewig währen. Jaja. Wie ein Teufelskreis, und jede Umrundung könnte das Damoklesschwert niederschnellen. Kopf ab, und nichts gelernt. Wenn du dich nicht entscheidest, werde ich dich in diesem Fegefeuer kummervoll zurücklassen. Was wählen wir nun, kleiner Graf?“
„D-Die Freiheit, bitte. Ich nehme die Freiheit.“
Seit einigen Zeitintervallen, war die Stimme verschwunden. Ich zog mich, meine Hände am Ornament des Geländers umklammert, die Treppen aufwärts, Stufe um Stufe kämpfend. Cécile konnte nicht weg sein. Ich schaffte eine der letzten Stufen, ehe meine Beine unter dem Gewicht versagten und meine Hände entglitten mir des Halts. Mein Brustkorb zerschellte förmlich auf der scharfen Kante der Stufe und ein Schmerz wie von Nähnadeln stach tausendfach durch mein Herz. Tränen strömten aus dem Quell meiner Augäpfel, die die schier unmögliche Aufgabe versuchten sich aufzurichten. Das salzige Nass entrann meinen Wangen wie kleine Barken auf Flüssen, und fiel am Rande der Erde hinab in das trostlose Dunkel. Ich lag einige Zeit und weinte vor mich hin. Als würden meine Gebete erhört, vernahm ich Schritte von irgendwo …
„Cécile …“ – ein leises Klacken – „Céci--“
„Ja, mein Schatz", erklang die helle Frauenstimme in meinem Ohr, „ich bin es, Cécile. Deine Geliebte …“
„O-O-Oh Gott!“, jauchzte ich, fast bewegungslos. „G-Gott sei Dank …“
Meine Tränen flossen stärker. Sie sammelten sich wie das Tau auf der Mulde eines Blattes und ich sah verwässert auf die Klippe der hohen Stufe hinauf, mein Nacken zitternd bis zum Anschlag gekrümmt.
„Cécile. Ich habe Schreckliches getan …“
Der zartblaue Saum eines mit Garn verwebten Rüschenkleides stieg zu mir hinab. Ich konnte es kaum sehen, doch es war das Kleid unserer Hochzeit gewesen. Cécile streichelte über meine salzige Wange wie über die Farbe eines feuchten Ölgemäldes und verwischte den Fluss meiner Tränen. Ihre Hand war das kleine warme Stück Land, auf dem man sich sicher und geborgen fühlen konnte. Etwas schien sogar am Firmament zu glitzern. Etwas Silbernes, was nicht die Reue meiner Tränen war, auch kein ferner Stern, aber wie einer aussah. Ich spürte ein Zwicken in meiner Kehle, wie das Glitzern hinabfiel und verschwand, und plötzlich wurde meine Welt ganz düster. Ein Woge unter roter Gischt sprenkelte die Grabtafel, wie die Brandung einer nassen Klippe.
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