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Erinnerungen an Vergangenes (2) Auf verlorenen Pfaden

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Dis Dwalin Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
01.03.2020
09.05.2021
22
52.092
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Dieses Kapitel
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01.03.2020 2.540
 
Einen wunderschönen Guten Morgen, meine Lieben. Ehe es mit dem zweiten Teil der Geschichte weitergeht, bedanke ich mich ganz herzlich für weitere drei Empfehlungen, acht Favoriten, vier Aufnahmen in Offline Bibliotheken und eine weitere in ein Bücherregal, des abgeschlossenen ersten Teiles. Ganz besonderes habe ich mich über die wundervollen Reviews von Akkarya, Eselchen, KriegerinBoudicca, Aurora97, Luise Schwarzleser, Wali19, Marnie le Cat, Nelly123, meika, HtwwW, omafri, Ballin und Pethryn gefreut.

Natürlich ist mein Plan die Geschichte bereits fertiggestellt zu haben, nicht aufgegangen. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Aber ich werde trotzdem versuchen, – mehr oder weniger – regelmäßig alle zwei Wochen Sonntags ein Kapitel hochzuladen.
Jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim lesen.

                                   ***              

Abgekämpft starrte Vicky auf die Tür zu Dis' Arbeitszimmers, lange nachdem sie sich hinter der Zwergin geschlossen hatte.

Urplötzlich war ihr Leben, das sie sich nach etlichen Diskussionen mit Fili im Erebor so schön eingerichtet hatte, schrecklich kompliziert und unüberschaubar geworden. Das vertraute Knistern von Papier unter ihren Händen brachte sie wieder in die Gegenwart. Ihre zukünftige Schwiegermutter hatte ihr einen straffen, bis zur letzten Minute des Tages durchorganisierten Tagesablauf diktiert. Einen abgrundtiefen Seufzer ausstoßend zog sie das Pergament unter dem Hinterteil des getigerten Katers hervor, um es noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Dem Kater hatte sie den Namen Fafnir gegeben – seine Schwester Freyja war wohl auf Mäusejagd – und er hatte es sich, mit eingeschlagenen Pfötchen, leise schnurrend auf ihren Papieren gemütlich gemacht.

Auch nach mehrmaligem Lesen hatte sich nichts daran geändert. Vickys heiß geliebten Studien in der Bibliothek, in denen sie gemeinsam mit Ori begonnen hatte, den gesamten und völlig vernachlässigten Bestand an Büchern, Schriftrollen und Pergamenten des ersten Zeitalters zu katalogisieren, waren auf ein geradezu sträfliches Maß zusammengestrichen worden. Auch der Sprachunterricht in Sindarin ließ sich nicht mehr auf der Liste finden. Stattdessen prangten in Dis klar akzentuiert geschriebener Handschrift Lehrstunden wie Etikette bei Hof, Diplomatie sowie Rhetorik und Geschichte der Völker Mittelerdes, auf den Papieren. Dazu noch Haushaltskunde und Kochunterricht.
Ein Anflug von Panik überkam Vicky. Sie hatte keine Ahnung, wie sie das alles schaffen sollte. Ihr fehlte Mellis eiserne Entschlossenheit, deren Disziplin und Willen, den einmal gewählten Weg auf Biegen und Brechen bis zum Ende zu gehen.

Vor allem den letzten Punkt auf der Liste nahm sie übel. Sie konnte kochen! Und für das Desaster zuhause mit dem misslungenen Grießbrei, der beim überkochen ein sonderbares Eigenleben entwickelt hatte, sowie der darauffolgenden, von Melli vehement eingeforderten, einstündigen Putzaktion der Küche konnte niemand etwas. Und genau besehen war der Topf einfach von schlechter Qualität gewesen. Überhaupt hätte Anni sie nicht von einer derartig heiklen Aufgabe, wie Grießauflauf vorzubereiten, ablenken dürfen; schon gar nicht wegen einer Lappalie wie einer toten Ratte, ordentlich und gut sichtbar von Swiffer auf dem Badezimmervorleger drapiert, entsorgen zu müssen.

»Ich werde allen zeigen, dass ich kochen kann!«

Entschlossen schlug Vicky mit der flachen Hand auf den Tisch, was Fafnir dazu brachte sich ob der erneuten Störung ärgerlich fauchend auf einem der bequemen rot gepolsterten Stühle niederzulassen, die um einen runden Kirschholztisch verteilt standen.

»Entschuldige, Fafi. Aber nur, weil ich bisher noch keine Zeit dafür hatte, scheinen alle hier anzunehmen, dass ich keine Ahnung vom Kochen habe. Aber weißt du was, Katerchen? Ich werde diesen Zweiflern, und da allen voran Dis, das Gegenteil beweisen.«

Bei diesem Plan gab es nur eine kleine Schwierigkeit. Die Wohnräume, in denen sie und Fili lebten, waren zwar schon recht behaglich und mit allem Nötigen ausgestattet, aber die Küche war noch nicht fertiggestellt. Wohnungen für die jetzt in Scharen und aus allen Himmelsrichtungen ankommenden Zwerge einzurichten war wichtiger. Die Neuankömmlinge standesgemäß unterzubringen hatte absolute Priorität. Und so ließen, Fili und sie sich gemeinsam mit Kili, abwechselnd bei Melli oder Dis zum Essen einladen.

Waren beide Frauen mit wichtigen Angelegenheiten beschäftigt, was nicht selten vorkam, und hatten keine Zeit zu kochen, machten Fili und Vicky einen Abstecher zu Bombur und Roda, die beide mit eiserner Hand (beziehungsweise Suppenkelle) über die große Küche herrschten. Natürlich war das kein Zustand auf Dauer, aber aktuell konnten alle Beteiligten gut damit leben.

Melli hätte sicher nichts dagegen einzuwenden, wenn sie, Vicky, das geplante Abendessen an ihrem hochheiligen Herd zubereiten würde. Sie zu suchen könnte den halben Tag in Anspruch nehmen. Wo sich die Ältere, deren Arbeitstag straff durchorganisiert war, gerade aufhielt, konnte sie nur raten. An manchen Tagen sahen sich die Freundinnen erst mittags zum von Bilbo eingeführten Fünf-Uhr-Tee, den beide um nichts in der Welt verpassten und dem sich neuerdings auch Dis, Roda sowie gelegentlich auch Fina anschlossen. Vicky leckte sich in Vorfreude die Lippen, wenn sie an die für heute versprochenen Nussschnecken dachte, die Melli vorbereiten wollte.

Entschlossen griff sich Vicky einen Korb und machte sich auf den Weg zu Roda, um alle benötigten Zutaten zu organisieren. Unterwegs traf sie Kili, dem sie winkend und gestikulierend zu erklären versuchte, dass er zum Abendessen vorbeikommen sollte. Ihr zukünftiger Schwager zeigte sich begeistert, versprach Fili von der Einladung in Kenntnis zu setzen und war im selben Moment, einen gefährlich schwankenden Stapel Papier in den Händen balancierend, geschäftig um die nächste Ecke verschwunden.

In der Küche angekommen ließ sich Vicky die Zutaten für eine Hirschkeule samt Beilagen von Roda geben, die sofort einen Küchenjungen herbeizitierte und ihm auftrug umgehend ein Riesenstück Fleisch in den königlichen Räumen zu deponieren.

Den Korb gefüllt mit Rotkraut, Gewürzen und einem für den sofortigen Verzehr gedachten und dick mit Schinken belegten Brot ausgestattet, beschloss Vicky vorsichtshalber Thorin davon in Kenntnis zu setzen, dass sie heute Teile seiner Wohnung okkupieren würde; im selben Zug konnte sie ihn gleich für den Abend einladen.

Sie wusste von Fili, dass für heute schier endlose Besprechungen mit Vertretern der anderen Zwergenstämme im kleinen Sitzungssaal anberaumt waren. Vicky hatte Glück, offensichtlich platzte sie gerade in eine kurze Pause der Marathonsitzung hinein.

Kleine und größere Grüppchen von Zwergen standen oder saßen, Becher mit Met und Bier in den Händen und lautstark miteinander diskutierend in der Halle. Nicht alle Blicke, die ihr folgten, waren offen und freundlich. Sie entdeckte Thorin, der zusammen mit Balin und zwei weiteren ihr unbekannten Zwergen in eine offensichtlich hitzige Diskussion vertieft war.
Thorin wirkte angespannt, an seiner Schläfe pochte eine Ader. Aufsehend erkannte er Vicky, forderte mit einer herrischen Handbewegung seine unwilligen Gesprächspartner zum Gehen auf. Beide Männer waren sichtlich erbost, versuchten aber ihre Gesichtszüge zu glätten, als Vicky näher trat. Aus den Augenwinkeln konnte sie erkennen, dass sich in Windeseile eine Gruppe Zwerge um die Männer scharte, die sich, ihre Köpfe zusammengesteckt, leise, aber deutlich aufgebracht miteinander unterhielten. Gelegentlich sah einer zu ihr herüber, nur um seinen Blick gleich darauf wieder abzuwenden.

»Entschuldigung, ich wollte eure Diskussion nicht unterbrechen«, Vicky war immer etwas unsicher, wie sie mit Thorin umgehen sollte.
Der winkte ab: »Schon gut, du störst nicht, es wurde bereits alles gesagt.«
»Prima, ich bin auch nur gekommen, um dich und Melli für heute Abend zum Essen einzuladen. Dis hat mir unterstellt, dass ich nicht kochen könnte und ich würde ihr und euch allen gerne das Gegenteil beweisen.«
Wie jedes Mal, wenn Mellis Namen erwähnt wurde, veränderten sich Thorins strenge, gebieterische Gesichtszüge; wurden unmerklich weicher und er selbst ein wenig zugänglicher.
»Du willst kochen? Schön! Wir werden natürlich beide kommen.«

»Öhm, da gibt es nur noch eine kleine Schwierigkeit. Stört es dich, wenn ich eure Küche benutze? Ich hab doch noch keine und in die große mag ich nicht gehen.«
»Nein, das stört mich nicht. Meliâ hätte auch nichts dagegen, das weiß ich.«
»Super! Dann stürze ich mich mal auf die Töpfe. Bis heute Abend, und nicht vergessen«, Vicky wandte sich um und wollte schon aus der Halle eilen, da hielt sie Thorin zurück.
»Vidonia, auf ein Wort!«
In Erwartung einer weiteren Standpauke drehte sie mit einer Mischung aus Besorgnis und Trotz auf dem Absatz um.
»Du leistest gute Arbeit in der Bibliothek. Auch mit deiner mäßigenden Art auf Filis Temperament einzuwirken bin ich sehr zufrieden. Zu Beginn war ich skeptisch, ob ihr miteinander harmonieren würdet, immerhin seid ihr noch sehr jung, aber du hast meine Zweifel diesbezüglich zerstreut. Ihr habt meine Erlaubnis zu gegebener Zeit den ehernen Bund miteinander einzugehen.«

Perplex über dieses Lob und die anerkennenden Worte von Thorin stammelte Vicky und verknotete die Hände auf der Suche nach den richtigen Worten in ihrem Rock.
»Ich … äh … Wow. Ich danke dir für die freundlichen Worte. Es bedeutet mir viel, dass ich meinen Teil zu allem beitragen kann. Natürlich liebe ich die Arbeit, und ich möchte Fili selbstverständlich unterstützen, wo ich kann, auch wenn ich noch viel zu lernen habe.«

Mit einem leichten Nicken war sie entlassen und tänzelte daraufhin regelrecht durch den Berg. Ein Lob von Thorin wurde ungewöhnlich selten ausgesprochen und war demzufolge etwas Besonderes. Der König ging äußerst sparsam mit derlei Würdigungen um.

Schwungvoll bog Vicky um eine Ecke und stieß beinahe mit Elendur zusammen. Noch immer beflügelt von dem Gefühl alles richtig gemacht zu haben und endlich angekommen zu sein, überwand Vicky ihre Beklemmungen, die sie stets beim Anblick dieses Zwerges mit seinen tadellosen Manieren und Umgangsformen überkamen und welche sie, um ehrlich zu sein, weder nachvollziehen noch sich erklären konnte, holte tief Luft und wechselte ein paar höfliche Worte mit ihrem Gegenüber. Sie erkundigte sich, scheinbar besorgt, über einen ganz offensichtlich frisch verkrusteten Schnitt, der leuchtend rot quer über die Hand unter einem nur nachlässig angelegten und verschmutzten Verband hervor blitzte.

Auf Vickys Frage, was ihm da wohl geschehen ist, antwortete der Zwerg ausweichend, er hätte sich geschnitten und sei bereits auf dem Weg zu Oin, damit der Heiler einen Blick darauf werfen könne.

»So schwer war das jetzt wirklich nicht, vielleicht lerne ich das ganze Zeug mit der gepflegt manierlichen Konversation ja doch noch irgendwann«, klopfte sich Vicky verbal selbst auf die Schulter dafür, dass sie es geschafft hatte, die Etikette zu wahren und so etwas wie eine Unterhaltung mit Elendur zu führen.

»Melli? Irgendjemand zuhause?«, beherzt pochte sie schließlich an die Tür der Zimmerflucht, die Thorin und Melli bewohnten und trat, als von Innen niemand antwortete, in den schwach beleuchteten Flur. Und knallte mit der Hüfte als erstes an die prominente Ecke einer Kommode, von der sie wusste, dass Thorin dieses vermaledeite Ding, auf Mellis Wunsch hin, schon längst an einen anderen Platz hätte schieben sollen, denn wirklich jeder Besucher machte mehr als nur einmal schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Möbelstück.

»AUA! Echt Mann! Kann einen Berg regieren, ist aber nicht imstande eine einfache Kommode umzustellen!«
Wüste Flüche ausstoßend humpelte Vicky, die Hand auf die schmerzende Seite gepresst, in Mellis gemütlich eingerichtete Küche.

Das Herzstück des Raumes war ein riesiger Herd mit Kochstellen, zwei Backöfen und einem Wasserschiff, auf dem wie üblich ein gefüllter Flötkessel stand. Die Frontseite war mit hübsch bemalten emaillierten Kacheln verkleidet und an den Stangen, welche den Herd auf zwei Seiten umschlossen, hingen sorgfältig gefaltete Geschirrtücher zum trocknen. Rechts neben dem Herd schloss sich eine breite Eckbank, belegt mit etlichen bunt gemusterten Kissen an, während linker Hand ein Korb, gefüllt mit handlichen Holzscheiten, und ein gusseiserner Kohlekasten auf ihren Verwendungszweck warteten.

Mittig in der Küche stand ein von einigen nicht zusammenpassenden Stühlen umlagerter massiver Eichenholztisch, groß genug für eine mehrköpfige Familie oder gute Freunde, die gerne länger zum Essen, miteinander diskutieren und zwanglosem Geplauder blieben. Gewebte, bunte Teppiche auf dem Steinboden rundeten das Bild ab.
Notizen in Mellis Handschrift, ein Wetzstein und die umgeworfene Blumenvase, auf der Anrichte – ganz offensichtlich das Werk der Katzen – sowie eine zusammengeknüllte Tunika auf der Ofenbank und Mellis Reithose, die achtlos, wie in großer Eile abgelegt, über der Lehne eines Stuhles hing, taten ihr Übriges, dass der Betrachter sich sofort in dieser heimeligen Atmosphäre zuhause fühlen musste.

Enttäuscht stellte Vicky fest das Melli, ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten und Versprechen keine Nussschnecken, Plunderteilchen oder sonstige Leckereien für ihre nachmittägliche Teestunde vorbereitet hatte. Nicht einmal der obligatorische Teig stand zum Gehen neben dem Ofen. Die dafür benötigte irdene Schüssel thronte unberührt und definitiv leer hoch oben auf dem Küchenschrank.
Nun, vielleicht wollte die Freundin sie überraschen und sie, Vicky, sollte als Versuchskaninchen herhalten. Wenn Melli neue Rezepte ausprobierte, waren sie und Kili ihre bevorzugten Vorkoster.

Zaghaftes Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedankengänge. Vicky nahm sich einen Apfel von der Platte auf der Anrichte und öffnete. Von einem Zwerg, der Kochmütze nach zu urteilen ein Küchenjunge, war kaum mehr zu sehen als die Beine und eben besagte Kopfbedeckung, ob der riesigen Hirschkeule, die er keuchend wie ein Weiheopfer vor sich her trug.
»Super, mein Fleisch. Bring es gleich in die Küche. Hier entlang.«
Unter dem Gewicht des halben Hirsches leicht schwankend folgte der angehende Koch ihr, lud dann mit Schwung das Fleisch auf den Küchentisch.
»Dies soll ich Euch noch mit schönen Grüßen von Roda übergeben, meine Dame.«
Aus den Tiefen eines umhängenden Beutels zog der Zwerg ein halbes Dutzend Flaschen mit Rotwein. »Dieser Wein aus dem Keller des Düsterwaldes sollte wunderbar mit dem Wild korrespondieren.«
Unter Dankesbezeugungen und Grüßen an Roda, gab Vicky dem Boten einig Kupferpfennige und komplimentierte ihn schnellstmöglich aus der Wohnung. Machte sich dann mental eine Notiz nicht zu vergessen Mellis Kleingeldvorrat wieder aufzustocken.
Es war für höherrangige Zwerge üblich kleine Botengänge, die von Pagen, Lehrburschen und -mädchen im Auftrag ihrer Dienstherren erledigt werden mussten, mit einem entsprechenden Obolus zu entlohnen. Aus diesem Grund stand eine kleine, mit Messing- und Kupferpfennigen gefüllte, blau bemalte Schale auf der Kommode neben der Tür.

Ein Blick auf die Uhr bestätige, dass es höchste Zeit war sich um den Braten zu kümmern, wenn das Essen rechtzeitig fertig sein sollte. Entschlossen krempelte Vicky die Ärmel ihres Kleides hoch, hüllte sich in Mellis gelb gestreifte Schürze und entfernte mit spitzen Fingern das Tuch, in das die Hirschkeule eingewickelt war.
Dann bereitete sie das Fleisch vor, würzte und briet es in einer großen Form scharf an, löschte alles mit Rotwein ab, und vergaß auch nicht Mellis eiserne Regel: »Man nehme beim Kochen einen halben Liter Wein und schütte ihn in die Köchin«, griff nach einem Becher im Regal und genehmigte sich einen ordentlichen Schluck und verzog umgehend angewidert das Gesicht. Keine Ahnung, wie irgendjemand dieses herbe, nach Eichenholzfass schmeckende Gesöff herunterwürgen konnte. Schnell versuchte sie mit Apfelsaft, für den Melli neuerdings eine ungewöhnliche Vorliebe hegte, direkt aus dem Krug getrunken, den unangenehmen Geschmack des Weines aus dem Mund zu bekommen.

Während das Fleisch im Ofen vor sich hin schmorte, hobelte Vicky Blaukraut in feine Streifen und ließ es in einem Topf leise simmern, schälte die Kartoffeln und bereitete, in Erwartung, dass ihre Freundin jeden Moment mit leckerem Gebäck erscheinen würde, schon mal den Tee zu.
Eine Stunde später, himmlische Düfte durchzogen bereits die Küche, war der Tee kalt geworden und Melli noch immer nicht aufgetaucht. Diese Unpünktlichkeit war so untypisch für die Ältere, dass Vicky beschloss nach ihr zu suchen. Keine einfache Aufgabe in diesem riesigen Berg. Sie nahm das Kraut vom Herd, fuhr das Feuer im Ofen auf ein Mindestmaß herunter, schnappte sich ihr Schultertuch und machte sich auf den Weg in die Backstube. Wahrscheinlich wurde Melli dort wiedereinmal aufgehalten.

              ***

Ein ganz besonderes Dankeschön geht auch bei dieser Geschichte an Obsidiane. Treue Beta Leserin der ersten Stunde.
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