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FOOTSTEPS

OneshotDrama, Freundschaft / P12
Kelly Severide Leslie Shay Matthew Casey Otis Zvonecek Sylvie Brett
29.02.2020
29.02.2020
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3.599
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TITEL: FOOTSTEPS
INSPIRATION: Chicago Fire, Staffel 1-2, Leslie Shays Tod
PAIRING: Kelly Severide x Sylvie Brett
COVER: https://pin.it/2piS2dr
STATUS: abgeschlossen, korrigiert 08.03.2020

Hallo meine Lieben! Nach einer längeren Abwesenheit melde ich mich mit einem kleinen Projekt wieder bei euch allen. Dadurch, dass ich in letzter Zeit noch einmal die kompletten Staffeln von Chicago Fire, Chicago PD, Chicago Med gesehen habe, wird es vermutlich noch ein paar kleine und größere Projekte geben. Falls ihr Ideen oder Vorschläge habt, gerne per Kommentar oder Privatnachricht an mich. Vielleicht könnt ihr mich inspirieren!
Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen dieses kleinen Leckerbissens...persönlich bin ich ganz zufrieden mit dem One Shot.

Ich freue mich über eure Meinungen, Ideen, Inspirationen in den Kommentaren!

Viele Grüße, Aliana Trapp


F O O T S T E P S

Sylvie Brett mochte die Feuerwache 51, ganz besonders Kelly Severide, von ihrem ersten Tag an.

Wenn Sylvie ehrlich zu sich selbst war und in einer stillen Minute ihre Gedanken beruhigte und sortierte, schlug ihr das Herz bis zum Hals, weil sie sich zum ersten Mal geborgen und aufgehoben auf einer Wache fühlte. Sie konnte es selbst nicht vollends begreifen, aber es lag mit Sicherheit daran, dass es die Feuerwache 51 war und eben eine angesehene Wache und möglicherweise auch daran, dass Chief Boden zusah, der ihr diesen wahnsinnigen Vertrauensvorschuss gegeben hatte, aber am allermeisten lag ihre Aufregung daran, dass Kelly Severide zu Beginn ihrer ersten gemeinsamen Schicht zu ihr kam und sie aufmerksam und vielleicht sogar stechend musterte.

"Hallo, ich bin Kelly Severide. Du trittst heute in große Fußstapfen." Kelly hob den Arm und legte seine Hand auf den Türgriff der Fahrertür des Rettungswagen, wo in sauberer Schrift Leslie Elizabeth Shay aufgedruckt war. Für einen Moment flackerte Verletzlichkeit und aufrichtige Trauer in Kellys Blick auf, doch dann presste er die Lippen aufeinander und öffnete die Tür, damit Sylvie einsteigen konnte.

"Ja, ich freue mich, hier zu sein", antwortete Sylvie ein bisschen stolz, und dachte, dass Kelly von allen legendären Rettungssanitätern sprach, die auf der Feuerwache gedient hatten. Logen, Diaz oder Tay. Erst viel später erfuhr Sylvie, dass Kelly nur eine einzige Rettungssanitäterin meinte, und diese meinte er immer.

_ _ _ _ _

"Sie schaut zu dir auf, Kelly", murmelte Matt und unterschrieb den letzten Einsatzbericht der Schicht, um ihn Chief Boden vorzulegen.

Kelly hob eine Augenbraue und lehnte sich mit verschränkten Armen an die offene Tür von Matts kleinem Büro. Auf seinen Lippen lag ein kleines, vielleicht sogar überhebliches Grinsen, weil er diese Bewunderung genoss und sie ihn ablenkte. "Wer nicht?", antwortete Kelly mit einem selbstbewussten Grinsen auf den Lippen.

Matt stand auf, nachdem er den Bericht in eine Mappe geschoben hatte, und gab ihm im Vorbeigehen einen Schlag gegen den Oberarm. Kelly folgte Matt durch die Schlafräume, den langen Gang hinunter, dann durch den Aufenthaltsraum und schließlich zum Büro des Chiefs. Er lehnte sich erneut gegen den Türrahmen und wartete geduldig, bis Matt den Bericht abgegeben und ein paar Worte mit Boden gewechselt hatte, ehe er sich umdrehte und Sylvie dort stehen sah - und ihn anstarrte.

Kelly fiel ein, dass er beim Anlehnen an den Türrahmen die Arme vor der Brust verschränkt hatte, so wie zuvor in Matts Büro, dass es seine breite Brust und seinen Bizeps betonte, weshalb er sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte - er wusste, dass viele Frauen ihn attraktiv fanden.

_ _ _ _ _

"Warum fickst du sie nicht?"

Kelly verschluckte sich beinahe an seinem kühlen Bier, als sie zusammen nach einer langen Schicht im Molly's saßen und alle, besonders er, seinen Gedanken nachhing. Er setzte unwillkürlich die Flasche ab und hustete zuerst, dann räusperte er sich.

Capp hob verteidigend die Hände, in der rechten Hand seine eigene Flasche Bier. "Sorry, Mann. Ich wundere mich nur."

Kelly nahm einen weiteren Schluck aus seiner Flasche und runzelte die Stirn, zog die Nase ein wenig hoch und kniff für einen kurzen Moment, vielleicht waren es zwei oder drei Sekunden, die Augen zusammen, ehe er sie wieder öffnete. "Muss ich mit jedem schlafen, der auf mich steht?

"Du hast mit den Frauen von halb Chicago geschlafen, Kelly."

Er nickte klein, eher zu sich selbst, als zu Capp und grinste.

"Ich meine, sie sieht gut aus, ist scharf auf dich und wohnt um die Ecke - passt doch perfekt."

Kelly strich sich über das Nasenbein und blickte zum Tisch neben ihnen, wo die meisten der Drehleiter miteinander redeten und lachten. Sylvie stand neben Gabby und lachte über etwas, was er durch die Musik nicht verstehen konnte.

"Du kannst sie gerne haben, Capp. Ich trenne Berufliches von Privatem."

Capp hob vielsagend eine Augenbraue und seine freie Hand. "Also hat Reene Royce nicht hier gearbeitet?"

_ _ _ _ _

Kelly ließ sich Capps Worte ab und zu, vielleicht häufiger als ihm lieb war, durch den Kopf gehen, wenn er Sylvie dabei erwischte, wie sie ihn auf der Wache oder bei einer Übung beobachtete und danach errötete.

Einige Wochen nach dem Gespräch mit Capp kam ihm dabei der Gedanke, dass es vielleicht einen Versuch wert war und dass Sylvie seinen Schmerz betäuben könnte, solange bis er Leslies Verlust verarbeitet hatte. Sylvie sollte Leslie nicht ersetzen, aber vielleicht konnte sie ihn davon überzeugen, ihre Fußstapfen auszufüllen, nicht nur auf der Feuerwache, sondern auch bei ihm.

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Sylvie zitterte und bebte am gesamten Körper, als Kelly sie zum ersten Mal berührte, sie küsste, wirklich anfasste und dabei merkwürdig konzentriert aussah, weil die Stimmen in seinem Kopf so laut stritten, dass er sich gar nicht richtig entspannen konnte. Es war nicht wirklich überraschend, dass Sylvie die Arme um seinen Nacken schlang und seinen Hals mit Küssen bedeckte, weil Kelly wusste, was er tat und wie er sie erregen konnte. Doch als Sylvie ihre Hände über seine Schulterblätter wandern ließ und versuchte, ihn noch näher an sich zu ziehen, zögerte Kelly. Er stützte sich mit beiden Händen neben ihrem Kopf auf der weichen Matratze ab und richtete sich auf, sodass er Sylvie nicht mit seinem Körpergewicht erdrückte. Kelly sah sie lange und intensiv an, zu lange und als Sylvie ungeduldig die Hände wieder in seinen Nacken schob, um ihn zu küssen, drehte er den Kopf zur Seite.

"Was ist los?", fragte Sylvie leise, beinahe flüsternd und so einfühlsam, dass er sich am liebsten sofort aus ihrem Armen befreit hätte, weil Leslie auf einmal in seinem Kopf flüsterte und er sie so verdammt vermisste.

_ _ _ _ _

Leslie Shays Tod hatte ihn erschüttert, zutiefst verletzt, in Trauer und Einsamkeit begraben und doch fühlte er sich gerade in diesem Moment verdorben. Verdorben für alle anderen Menschen, für zwanglosen Spaß, fürs Trinken und Feiern und als er die Augen wieder öffnete und Sylvie ansah, erkannte er Leslie in ihren Augen. Er sah Leslie überall, wo Sylvie hinging, und das war das erste Mal, dass er Sylvie hasste, und vielleicht genoss er das Gefühl genau aus diesem Grund in vollen Zügen, als er Sylvie viel zu hart in den weichen Stoff der Matratze drückte.

Aber vielleicht war die zähe Wut in seinem Bauch ein guter Anfang, endlich.

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"Sie ist nicht so talentiert und instinktiv."

Nicht gut genug für die Feuerwache 51. Die ersten Übungen standen kurz bevor und Kelly stand gemeinsam mit Matt und Capp am offenen Tor der Wache. Sie alle sahen Sylvie und Gabby dabei zu, wie sie ehrgeizig und engagiert versuchten, die medizinischen Versorgungsabläufe zu trainieren und zu verbessern.

"Zu hohe Erwartungen", sagte Capp und trank einen Schluck Kaffee, ehe er die Arme vor der Brust verschränkte.

Matt sah Kelly von der Seite an, beobachtete ihn einen Augenblick lang und seufzte leise. "Zu viel Druck", sagte Matt und klopfte Kelly auf die Schulter.

Kelly senkte den Blick ebenfalls und presste die Lippen fest zusammen. "Zu große Fußstapfen."

_ _ _ _ _

"Ich verstehe nicht, wie mir dieser Fehler passieren konnte - normalerweise kann ich das im Schlaf."

Kelly brummte, unterdrückte ein Seufzen und küsste Sylvie stattdessen wieder, damit sie nicht länger redete, weil er sie nicht näher kennenlernen wollte. Er presste sie gegen die Schlafzimmerwand und schob den Stoff ihres Oberteils nach oben, so weit, dass er den Knopf ihrer Jeans öffnen konnte.

"Es tut mir leid. Das Mädchen hätte sterben können."

Ja, genau! Leslie wäre das nicht-

Kelly trat augenblicklich einen Schritt zurück und hinderte Sylvie daran, sich sofort wieder an ihn zu schmiegen. Er wollte fluchen, schreien, irgendwas kaputtmachen oder einfach nur auf die Knie fallen und weinen, bis die Stimmen in seinem Kopf endlich verstummten. Es war schon Monate her, so lange oder etwa nicht? Lange genug, um den Tod zu verarbeiten, und eigentlich konnte Kelly mit solchen Verlusten gut umgehen, doch es war anders, als bei allen, die sie verloren hatten. Hier ging es um Leslie, um seine Shay.

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Kelly und Matt kamen gerade aus dem Gericht, weil sie wegen der Brandstiftungsvermutung im vergangenen Monat aussagen mussten und als Kelly seine Krawatte löste, um sich umzuziehen, blieb sein Blick an der geschlossen Spindtür von Sylvie hängen, beklebt mit “BRETT“ und er runzelte augenblicklich die Stirn, während er von einem beklemmenden Druckgefühl in seiner Brust an Leslies Tod erinnert wurde.

So groß waren diese Fußstapfen nicht, weswegen es Sylvie gelingen musste, sie zu überschatten, sie zu übertreten und vielleicht sogar zu zertrampeln, damit er endlich Zeit finden konnte, um sich ehrenvoll an Leslie zu erinnern.

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In den folgenden Wochen ging Kelly diese Sache mit Sylvie ernsthafter an. Er lud sie zum Essen ein und hörte auf, sie zu ficken, sondern schlief mit ihr.

Wenn Sylvie auf der Feuerwache oder im Einsatz an Kelly vorbei lief, senkte er den Blick, weil er sie nicht mehr ansehen konnte, wie sie auf Leslies Platz im Rettungswagen saß.

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Kelly rieb sich träge über den Oberarm, langsam und irgendwie zögernd, bevor er in seine Schuhe schlüpfte und eine leichte Jacke vom Haken nahm, weil es langsam Herbst in Chicago wurde und beobachtete Sylvie, wie sie ihre Schuhe zuband. "Ich dachte mir, dass wir vielleicht etwas unternehmen könnten."

Sobald die Worte über Kellys Lippen gekommen waren, wandte er Sylvie den Rücken zu, damit sie seine zusammen gepressten Lippen und die nervösen, fahrigen Bewegungen seiner Hände nicht sehen konnte, und hielt die Luft an.

"Was möchtest du unternehmen?"

Sylvies Stimme klang so nah, zu nah und als er die angehaltene Luft wieder ausstieß und sich umdrehte, stand sie direkt vor ihm und schaute ihn von unten herauf an, weil er so viel größer war als sie. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Lächeln, was nach einigen Atemzügen einem Grinsen wich, während sie Kelly beobachtete.

Er zuckte mit den Schultern, irgendwie ausweichend und schnappte sich die Schlüssel von der Kommode, ehe er die Haustür öffnete und sie Sylvie aufhielt, damit sie beide endlich aus der Wohnung kamen. Obwohl Kelly nach Leslies Tod umgezogen war, spürte er ihre Anwesenheit jeden einzigen Augenblick in den Wänden der neuen Wohnung. Es fühlte sich an, als würde Leslie ihm überall hin folgen, um ihn zu beobachten und ja, vielleicht sogar zu schützen.

Gerade als Kelly die Haustür schloss, musste Sylvie sich beherrschen, ihn nicht zu einem kleinen und schnellen Kuss heranzuziehen. Sie führten keine feste Beziehung, aber sie führten irgendetwas und das war so viel mehr, als Sylvie sich jemals erhofft oder erträumt hatte.

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"Was zum Teufel ist das?", er klang verwirrt, irritiert und wütend. Kellys Blick geriet ins Stocken, als er Sylvies neue Halskette entdeckte, wie sie leicht und golden auf ihrer nackten Brust lag, nachdem er ihre Bluse geöffnet hatte.

"Was meinst du? Die Kette?", Sylvies Stimme klang leise, heiser vor Erregung und überfordert.

"Die Kette-"

Kelly biss sich auf die Unterlippe, um die Worte in seinem Hals herunter zu schlucken. Jedoch griff er nach dem kleinen, gravierten Anhänger auf ihrer nackten Haut und strich mit dem Daumen darüber. Er zog den Anhänger in die Höhe, bis der Verschluss der Kette unangenehm gegen Sylvies Nacken drückte und sie den Kopf anhob.

"Bist du wahnsinnig'?", fragte Kelly flüsternd und heiser zugleich. Für einige Atemzüge konnte er kaum atmen, so als würde er ersticken oder Rauch einatmen, doch dann sah er Leslie in Sylvies Augen.

Sie setzte sich unter ihm auf der Matratze auf und Kelly ließ die Kette aus seinen Fingern gleiten. Mit einem leisen Klirren fiel sie zurück auf Sylvies Dekolleté. "Was ist denn mit dir los? Es ist nur eine Kette, Kelly."

Kelly schloss kneifend die Augen, weil er wusste, dass Sylvie recht hatte und das es an der Zeit war sich zu beruhigen und durchzuatmen. Doch stattdessen zitterten seine Hände unaufhaltsam, weswegen er sie zu Fäusten ballte. Es war nur eine Kette mit einer eingravierten Zahl, der 61. Es war nur ein Anhänger, das war - nichts und doch löste es einen unaufhaltsamen Sturm in seinem Inneren aus, brachte seine Gefühlswelt ins Wanken und brachte das Boot seiner Emotionen zum Kentern.

Kelly atmete mehrmals langsam und zittrig ein und wieder aus, hielt die Luft für einige Sekunden an, um sich zu beruhigen, doch es half nichts. Er rollte sich neben Sylvie auf die Matratze, ehe er aufstand und das Gesicht in den Händen verbarg. Nachdem er mehrmals tief Luft geholt hatte, öffnete er die Augen wieder und begegnete Sylvies nervösen und besorgten Blick. Er war so unglaublich froh, dass sie keine Fragen stellte, und er sollte dankbar für ihr Schweigen sein, doch ein Teil von ihm wünschte sich, dass sie fragte und nachhakte, einfühlsam und bestimmt. Als Sylvies Unbehagen wuchs, ging er einen Schritt auf sie zu und nahm ihr Gesicht in die Hände, ehe er den Verschluss der Kette öffnete und den Schmuck auf den Nachtisch legte. Er versuchte es mit einem kleinen Lächeln, was er nur halbherzig zustande brachte und küsste sie.

"Alles in Ordnung."

Sylvie lachte leise, unsicher und verwirrt, doch sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und zeichnete unsichtbare Muster auf seine Haut. "Ich glaube, du bist der Verrückte von uns beiden."

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"Sie lernt schnell dazu", sagte Otis nach einer langen Schicht zu Kelly, doch dieser hörte die Worte nur gedämpft, weil er noch immer an Shay dachte und sie an endlosen Tagen wie diesen vermisste. So sehr, dass er kaum atmen konnte.

"Sie hat sich gut ins Team integriert, oder?", fragte Otis weiter.

Kelly zuckte mit den Schultern und umfasste den Griff seiner Tasche fester, sodass der raue Stoff an seinen Fingern rieb und es ein wenig brannte. Seit er den Blick nicht mehr auf die Fahrerseite des Rettungswagen und so selten wie nur möglich auf Sylvie richtete, funktionierte die Arbeit bei den Einsätzen einigermaßen.

_ _ _ _ _

Nach einer endlosen Schicht auf der Feuerwache und einem nächtlichen Hotelbrand, bei dem Sylvie ein Ehepaar falsch behandelt hatte und Kelly beinahe mit Capp im Haus abgestürzt war, schüttelte er nur stumm den Kopf, als Sylvie fragte, wann sie sich trafen.

"Heute brauch ich Zeit für mich."

Sylvie nickte kurz und klein, "Okay."

Immerhin akzeptierte Sylvie seine Entscheidungen und stellte keine unnötigen Fragen, wenn er alleine sein wollte. Sie versuchte nicht, ihn umzustimmen oder zu überreden, nein, sie ging einfach nach der Schicht nach Hause.

Während sich die Umkleide und die Duschen leerten, saß Kelly noch immer in Einsatzkleidung auf der Bank zwischen den Spinden und starrte, wie schon so oft, auf den Spind, wo vor so langer Zeit einmal Shay stand.

Nachdem Capp seine Tasche geschultert hatte, kam er herüber zu Kelly und klopfte ihm auf die Schulter. "Alles okay mit dir?"

"Klar", murmelte Kelly und grinste schief. Die Tage, in denen er nach so einer Schicht auf der Feuerwache getobt hatte, waren vorbei, er war zu alt für so etwas. Es war nur ein Fehler, eine Schicht. Boden würde alles klären.

Erschöpft rieb er sich über das Gesicht, als alle anderen außer Matt gegangen waren, der gerade seine Tasche packte. Als Kelly die Hände sinken ließ, fiel sein Blick auf den vollen Wäschekorb mit der schmutzigen Kleidung und dann wieder auf die geschlossene Spindtür, wo jetzt Brett und nicht mehr Shay stand. Er erhob sich von der Bank, ging zum Spind und legte seine Hand auf die geschlossene Tür, da wo Shay stand und jetzt Brett. Er strich mit der Handfläche über das Namensschild, wollte es abreißen, zerknüllen und wegschmeißen, weil es so sehr schmerzte.

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"Ich liebe dich, Kelly. Aber ich kann dir nicht dabei zusehen, wie du dich kaputtmachst. Du musst zu einem Arzt gehen."

Leslie starrte ihn eingehend und sorgenvoll an, ihre blauen Augen funkelten wie ein unruhiger Ozean vor dem bevorstehenden Sturm und er wusste, dass sie recht hatte, weil sie sich nur selten irrte und nickte.

"Ich weiß, Shay. Was wenn ich arbeitsunfähig werde?”, antwortete er heiser und brüchig.

"Oh, Kelly." Ihr Blick wurde weicher und als sie erst einen halben Schritt, dann einen ganzen näher kam, schloss Kelly sie in die Arme, schlang die Arme fest um ihre Schultern und presste seine Nase in ihre Halsbeuge.


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"Du solltest mit ihr sprechen."

Kelly zuckte zusammen, war so in seine Gedanken versunken, dass er Matt vergessen hatte. Er drehte den Kopf und sah Matt, der im Türrahmen stehen geblieben war und ihn aufmerksam musterte. Kelly räusperte sich und ging zu seinem eigenen Spind.

"War nicht ihre beste Schicht heute, Matt."

Matt nickte und lächelte aufrichtig und irgendwie seltsam. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem federleichten Lächeln, was so viele Sprachen sprach, so viele Geschichten erzählte und bevor er verschwand, blickte er Kelly noch einmal in die Augen. "Ich rede nicht von Sylvie, Kelly."

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"Du solltest ihr die Wahrheit sagen", sagte Matt, als es kurz vor Weihnachten war. "Du behandelst sie unfair."

"Wie bitte?"

Matt nickte zum Rettungswagen hinüber, wo Gabby und Sylvie gerade die Bestandsaufnahme durchführten. Als Sylvie die Fahrertür öffnete, sah Kelly ganz schnell wieder weg.

"Merkst du nicht, wie sie dich ansieht?"

Nein, weil er nicht darauf achtete und es ignorierte.

"Beende das, wirklich", sagte Matt ernst.

Ein Teil von ihm wusste, dass er es Sylvie sagen sollte und dass es zu Ende war, noch bevor es überhaupt angefangen hatte und doch hoffte er noch immer, dass sie es schaffte, die Fußstapfen zu übertreten. Sie verstand sich mit allen auf der Feuerwache blendend und auch Chief Boden schien zufriedener mit ihr. Sie war bei Einsätzen besser geworden. Sie handelte schneller und doch war sie nur eine tragische Rettungssanitäterin, die niemals auf der Feuerwache 51 gelandet wäre, wäre Shay nicht gestorben. Sie musste die Fußstapfen einfach übertreten und zertrampeln, besonders bei ihm, weil es schon so lange her war.

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"In Ordnung. Was soll ich ihr sagen, Matt?", fragte Kelly, direkt nach Neujahr, bevor sie auf der Feuerwache ankamen. Es ergab keinen Sinn, es noch weiter zu versuchen.

"Das musst du selber wissen. Sie ehrlich und vorsichtig, okay? Sie ist in dich verliebt, Kelly."

"Nein -", er schüttelte den Kopf. "Sie ist nicht - wirklich, Matt?"

Matt hob nur stumm eine Augenbraue und verschränkte die Arme vor der Brust. "Es geht nicht immer um Shay, Kelly. Es war tragisch und ich vermisse sie auch, aber du musst damit aufhören."

Doch, dachte Kelly, als Matt ihm den Rücken zuwandte und ihn mitten in der Fahrzeughalle stehen ließ.

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Er war nicht auf dem Friedhof gewesen, um mit Leslie Shay zu sprechen - aber er sprach mit Sylvie Brett.

Sylvie tobte danach, sie beschimpfte ihn, schrie und weinte bittere Tränen, während Kelly all die Worte über sich ergehen ließ und dabei an Leslie Shay dachte. Während sie um Fassung rang und auf die Toilette stürmte, gefolgt von Gabby, konnte Kelly nicht anders, als an Leslie Shay zu denken und sie zu vermissen.

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Nach der ersten Doppelschicht auf der Feuerwache setzte sich Kelly ins Auto und fuhr zum Friedhof, weil er das Vermissen nicht mehr aushielt.

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Als er vor Shays Grabstein stand, auf die Knie fiel und bittere, endlose Tränen der Freundschaft und der Einsamkeit weinte, ließ das Druckgefühl, welches gegen seinen Rippenbogen drückte, etwas nach. Er sah auf die bunten Blumen und dachte an Shays Parfüm, was nach Vanille und irgendwie nach Sommer gerochen hatte und daran, dass sie seine T-Shirts trug und darin so bezaubernd aussah, und daran, dass er sie so unglaublich geliebt hatte und sie noch immer im Herzen trug.

Er versuchte zu lächeln, "Ist doch keine Entfernung", flüsterte er mit bebenden Schultern. "Chicago und der Himmel. Ich habe nur 30 Minuten mit dem Auto gebraucht."

Kelly berührte mit der Handfläche den kühlen Stein und das kleine Foto auf der rechten Seite, direkt neben ihrem Namen und lächelte jetzt deutlicher, irgendwie freier.

"Shay", flüsterte er und ließ den Blick über das Foto wandern, prägte sich jeden Zentimeter ein und jedes Detail, weil er niemals vergessen, jedoch akzeptieren wollte.

Als er hinter sich Schritte im grünen Gras wahrnahm, drehte er den Kopf und entdeckte Matt, die Hände in den Hosentaschen. Er kam näher und legte seine Hände auf Kellys Schultern.

Es herrschte einige Minuten Stille, ehe Kelly sich räusperte. "Sie sind zu groß", sagte er mehr zu Shay als zu Matt, doch dieser drückte sanft seine Schultern. "Deine Fußstapfen sind zu groß, Shay. Vielleicht nicht für die Feuerwache 51, aber für mich."

Seine Hände zitterten ein wenig, als er sich von den Knien erhob, woraufhin Matt ihn augenblicklich in die Arme schloss und festhielt, so lange wie es nötig war.
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