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Flammende Wut, schmerzende Trauer - Leere im Herzen

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
29.02.2020
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Heyyy!

Da ich finde, dass es hier noch viel zu wenig zu Sigurd gibt (ich kenne keine einzige Geschichte zu ihm, also…), lade ich mal eine hoch. Ich habe so das Gefühl, dass ich mir in der Serie Vikings immer die falschen Lieblingscharaktere aussuche, denn irgendwie sterben alle, die mir sympathisch sind. Da ich es unfassbar finde, dass Sigurd von seinem eigenen Bruder in einem Gespräch umgebracht worden war… hier mal ein Oneshot dazu. Für alle, die die letzte Folge in Staffel 4 noch nicht gesehen haben: Lesen auf eigene Gefahr! xD


Sigurd

sigr = der Sieg (Altnordisch); vardr = der Wächter, der Beschützer (Altnordisch)

Bedeutung / Übersetzung:
Sieger und Beschützer

Mehr zur Namensbedeutung
alter nordischer zweigliedriger Name, bekannt durch den Helden der 'Volsungasaga', einer nordischen Sage; der Name geht auf dieselben Wörter zurück wie der deutsche Name 'Siegward'
Quelle: Vornamen.com


„Wie die kleinen Schweinchen grunzen werden…


UBBE

Es kochte in Ivar. Es kochte gefährlich. Wut pulsierte an seinen Schläfen, ließ ihm die Röte ins Gesicht steigen. Er fühlte den Zorn. Er spürte ihn. Wie er in all seine Glieder kroch und sein Denken lähmte. Es war nicht das erste Mal, dass dies passierte. Er war wie ein Pulverfass; wie der Hammer Thors. Eine kleine Bemerkung reichte und aus dem Krüppel, der von jedem unterschätzt wurde, wurde eine Bestie. Eine jähzornige, wutentbrannte Bestie, der man sich nicht in den Weg stellen sollte.
Ubbe war der Erste der Brüder gewesen, der kapiert hatte, was Ivar wirklich war. Ubbe war der Erste gewesen, der schlau genug war zu erkennen, dass es besser war, ihn nicht zu sehr zu reizen. Ivar war ihr kleiner Bruder! – Eigentlich. Doch es fühlte sich nicht so an. Er benahm sich oft, als wäre er etwas Besseres. Er war derjenige gewesen, der Aslaugs ganze Liebe abbekommen hatte. Sie hatte sich nur um ihn geschert. Ihr Sorgenkind. Ihren missverstandenen Sohn. Hatte sie sich etwa gesorgt, als Ubbe und Hvitserk in den See gefallen waren? Als Siggy ertrunken war? Hatte sie sich Vorwürfe gemacht, als Björns Tochter gestorben war?
Ubbe wusste, dass man bei Ivar den Bogen nicht überspannen durfte. Auch wenn es irrsinnig war, sich vor ihm zu fürchten, oder ihm deshalb seinen Willen zu lassen – Ivar war das, was Sigurd immer schon behauptet hatte: Er war verrückt.
Ubbe hatte erkannt, um was es ging. Hvitserk hatte erkannt, um was es ging. Vielleicht hatte sogar Björn bemerkt, dass sein Halbbruder wahnsinnig war, auch wenn er das einzig richtige machte: Er ließ sich nicht einschüchtern. Doch Sigurd…? Sigurd war Sigurd. Als dritter Sohn von Ragnar und Aslaug hatte er es nie leicht gehabt. War praktisch von jedem übersehen worden. Von jedem. War es da falsch, wenn man sich deshalb nach Anerkennung sehnte? Nach Geborgenheit? Nach dem Gefühl, auch nur ansatzweise geliebt zu werden? Vielleicht war es das. Vielleicht war es das, in der Welt der Wikinger. Niemals durfte die Sehne des Bogens reißen. Bei Ivar spielte man mit dem Feuer – und doch war Feuer nicht ansatzweise so gefährlich wie er. Doch Sigurd, Sigurd hatte den Bogen schon lange überspannt. Schon viel zu lange. Ubbe hielt sich in Alarmbereitschaft. Er spürte, dass jederzeit etwas passieren konnte. Er sah von Ivar zu Sigurd. Von Sigurd zu Ivar. Er wollte einschreiten. Als die Sehne riss und der Bogen brach. Mit den letzten Worten von Sigurd, seinem kleinen Bruder, die er je sagen würde.
„…die Einzige, die dich je geliebt hat!“
Ivar’s Augen blitzten. Ein Ausdruck des Hasses und der blanken Wut schlich sich in sein Gesicht; er verzerrte den Mund. Seine Fingerknöchel wurden weiß, als er die Hand fest um die Axt schlang und bebend vor Zorn zu einer Faust formte. Dann holte er aus. Ohne Zögern. Und warf. Es war still. Komplett still. Dann zerschnitten Aufschreie die Luft, als die Waffe sauber und wie gezielt mitten in Sigurds Brust traf. Alle starrten sie den jungen Wikinger mit den blonden Haaren an. Ubbe hielt die Luft an und nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie sich Hivitserk neben ihm zusammenkrampfte. Sigurd schien wie geschockt. Langsam, fast schon bedacht, umfasste er den hölzernen Stiel der Axt und riss sie sich aus dem Oberkörper. Ohne zu zucken. Ohne zusammenzusinken. Ohne zu schreien.
Sein Blick war wie verschleiert. Als würde er nichts mehr sehen. Nichts außer Ivar. Mit schweren Schritten, die vorher noch so leicht und unbeschwert gewesen waren, bewegte er sich auf den Jüngsten von Ragnars Söhnen zu. Auf seinen Bruder. Nein. Auf jemanden, der behauptete er wäre sein Bruder. Würde ein Bruder das tun? Würde er? Sigurd näherte sich Ivar immer schneller und Ubbe glaubte, einen Ausdruck von Reue und Entsetzen in dem Gesicht des Knochenlosen lesen zu können. Seine Augen waren geweitet. Sigurd holte aus zu einem Schlag – und klappte in demselben Moment zusammen. Leblos. Nun war es endgültig vorbei mit Hvitserks Beherrschung. Ohne noch länger zu warten sprang der Wikinger auf und war mit wenigen Schritten bei Sigurd. Ubbe folgte ihm. Sein Blick glitt zu Ivar, während er durch das lange Haar seines toten Bruders strich, immer noch hoffend, dass er ein Zeichen des Lebens von sich geben würde.
Wie konntest du nur, Ivar! Was hast du getan?!


HVITSERK

Geschockt starrte Hvitserk seinen Bruder an. Wie er sich qualvoll Schritt für Schritt auf Ivar zubewegte. Einen unerklärlichen Ausdruck im Gesicht. Fast schon sah es so aus, als würde Sigurd sich für diesen Anschlag rächen. Als würde er mit der Axt, die er zuvor aus seiner eigenen Brust gerissen hatte, selbst zuschlagen wollen. Doch dann sackte er zu Boden. Als wäre auf einmal jegliche Energie und Zuversicht aus seinem Körper gewichen. Seine Knie schlugen hart auf dem Holz auf, dann folgte sein Oberkörper. Es ertönte ein dumpfer Klang, als sein Kopf am Grund zu liegen kam; seine Augen noch geöffnet. Hvitserk sprang von seinem Platz auf, achtete nicht mehr länger auf die Leute, die alle wie gespannt zu den Brüdern starrten. Er merkte nicht, wie Ubbe ihm folgte, als er langsam und wie in Trance auf den unbeweglichen Körper zuschritt. Als würde er sich an ein aufgescheuchtes Reh anschleichen wollen. Seine ungläubigen Augen strichen über Sigurd; suchten nach Anzeichen, dass der junge Wikinger noch lebte. Doch er fand nichts. Kein Atemzug ließ die Brust des Blonden heben und senken. Wie denn auch? Ein blutüberströmtes Loch klaffte mitten in seinem Oberkörper, die Axt lag schuldig neben seiner Hand.
„Nein…“, flüsterte Hvitserk und ließ sich langsam neben seinen Bruder sinken. Das Holz unter seinen Knien fühlte sich komisch an und ganz weich, als würde er sich auf unstabilem Untergrund befinden.
„Sigurd…“ Hvitserks Stimme war nicht mehr als ein Hauch, der vom Wind davon getragen wurde. Sanft, als könnte er den Jüngeren immer noch verletzen, legte er eine Hand auf seine Wunde. Ihn störte es nicht, dass sie dadurch mit warmem Blut überströmt wurde. Mit warmem, klebrigem Blut. Dann vergrub er sein Gesicht in den Haaren des Toten und konnte sich nicht mehr länger zurück halten. Stumme Tränen flossen im Einklang mit seiner überwältigenden Trauer seine Wangen hinab, tropften auf den leblosen Körper. Hvitserk bekam nicht mit, dass sich Ubbe neben ihn hockte und er zuckte erst zusammen, als er spürte, wie er die Hand behutsam auf seine Schulter legte. Im nächsten Moment wurde er von Ubbe in eine tröstende Umarmung gezogen, nicht achtend auf die murmelnden und raunenden Wikinger, die immer noch mit gemischten Gefühlen die Szene beobachteten und nicht genau wussten, was sie von all dem, das gerade geschehen war, halten sollten.
Als er wieder losgelassen wurde, fühlte Hvitserk, wie sich eine ungewohnte, schmerzhafte Leere in ihm ausbreitete. Es begann in seiner Brust, als würde etwas gierig an seinem Herz zerren und versuchen, es ihm herauszureißen. Er hob seinen Blick, zwang sich, Ivar anzusehen, und fixierte den Krüppel mit seinen blauen, eisblauen Augen. Kurz passierte nichts. Nichts außer Blickaustausch. Beide starrten sie sich an und es schien fast so, als würde Ivar seine Tat bereits bereuen. Doch Hvitserk wusste es besser. Ivar bereute nicht. Er handelte einfach. Er handelte, wie es ihm gerade passte. Und das erste Mal, seit Hvitserk denken konnte, spürte er heißen, brodelnden Hass in sich aufsteigen. Ubbe schien wohl gemerkt zu haben, dass etwas in seinem Bruder vorging, dass sich etwas in ihm veränderte, denn er stand auf und warf Björn, der bisher weder aufgestanden war, noch eine andere Regung gezeigt hatte, einen eindringlichen Blick zu.
Hvitserk stand auf und etwas Düsteres, etwas Schmerzvolles stand in seinen Augen, stand in Ragnars Augen.
„Das wirst du bereuen! Du wirst dafür büßen und wenn es durch meine eigene Hand sein wird! Das wirst du bereuen, Ivar der Knochenlose!“, stieß Hvitserk schließlich aus zusammengepressten Zähnen hervor. Seine Stimme zitterte vor Schmerz und unterdrückter Wut. Ubbe sprang auf, als sich sein Bruder nach der blutverschmierten Axt bückte.
„Nein. Wir hatten genug Blutvergießen!“ Nochmals warf er Björn einen Blick zu, der sich daraufhin endlich aus seiner Starre lösen konnte und aufstand. Ubbe hatte beide Hände auf Hvitserks Schultern gelegt und griff nun langsam nach der Axt, um sie ihm vorsichtig aus der Hand zu nehmen.
„Wir bringen ihn ins Zelt“, entschied Björn, seine Stimme kalt und gefühlslos. Ubbe nickte zustimmend, warf erst Hvitserk, dann Ivar einen prüfenden Blick zu, als könnte er nicht einschätzen, wie ihr Zustand gerade war.
Er ließ Hvitserk wieder los, der nur dastand, seinen eiskalten Blick auf Ivar gerichtet. Die Wut war aus seinen Augen gewichen, stattdessen glichen sie zwei leeren Löchern, die nichts mehr sahen, nichts mehr wahrnahmen. Ubbe nahm die Axt fest in die Hand und schlug das Beil dann mit Wucht in das Holz des Tisches, direkt vor Ivar.
„Vielleicht hatte Sigurd recht. Vielleicht bist du wirklich verrückt“, knurrte er in dessen Richtung, bevor er sich umwandte, Hvitserk vom Tisch wegstieß und sich neben Sigurds Kopf hockte. Gemeinsam mit Björn hoben sie den toten Körper hoch und trugen ihn an der gaffenden Menge vorbei in ihr Zelt. Hvitserk starrte ihnen nach. Er fühlte sich unglaublich schwer, als könnte er sich in dem Moment keinen Schritt bewegen.
Wie er es dennoch schaffte, zum Zelt zu gelangen, war er sich nicht ganz sicher. Er mied jedoch nicht die Armee von Wikingern, wie seine Brüder, sondern schritt mitten durch. Ein kraftloser und doch in gewisser Weise entschlossener Schatten seiner selbst. Die Leute wichen vor ihm zurück, ließen ihn ohne Worte vorbei. Neugierige und schockierte Blicke folgten ihm auf seinem Weg, doch er ignorierte alle, blendete sie einfach aus.
Als er im Zelt ankam erwartete ihn Ubbe, dessen Augen seinen eigenen Schmerz widerspiegelten. Sigurd war noch so jung. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich gehabt. Björn saß etwas weiter entfernt in einem Sessel, zusammengesunken und alles andere als kriegerisch.
„Das hätte nicht geschehen dürfen…“, murmelte er und starrte ins Leere, als würde er die Szene nochmal in Revue passieren lassen.
„Ich weiß“, antwortete Ubbe und warf dann einen Blick auf Sigurd. Auf den toten Sigurd. Hvitserks Gedanken rotierten, während er sich neben seinem jüngeren Bruder auf das Schaffell sinken ließ. Hatte man Sigurd überhaupt jemals gesagt, dass er geliebt wurde? Er konnte sich nicht daran erinnern.
Björn war schon immer der unangefochtene Star der Familie gewesen. Der älteste Sohn von Ragnar. Der, mit der meisten Kampferfahrung. Der, dem Tod bereits mehrmals in die Augen gesehen hatte. Ubbe war der Zweitälteste gewesen. Und das älteste Kind von Aslaug. Er hatte sowohl Ragnars Gunst als auch die seiner Mutter. Ivar dagegen hatte Aslaugs vollkommene Aufmerksamkeit schon immer beansprucht. Er, der kleine, unschuldige Krüppel. Der, der von jedem nur bemitleidet und ausgelacht worden war. Er war in jeder Hinsicht von Aslaug bevorzugt. Niemand hatte je ein Wort gegen ihn sagen dürfen – etwas, dass Sigurd nicht selten gemacht hatte. Er war eifersüchtig gewesen. Eifersüchtig auf die Liebe, die Ivar geschenkt worden war. Auf die Aufmerksamkeit, die er nie bekommen hatte.
Schuldgefühle überfluteten Hvitserk und erneut sammelten sich Tränen in seinen Augen, die er diesmal energisch versuchte, zu unterdrücken.
Ich hätte mehr für ihn da sein sollen! Ich hätte ihn spüren lassen sollen, dass er mir wichtig war. Stattdessen bin ich an Ubbe geklebt wie eine Klette. Irgendwo ist es auch meine Schuld, dass er sich ungeliebt gefühlt hatte. Es stimmte, als Kind waren er und Ubbe unzertrennlich gewesen. Sie hatten gemeinsam ihre Zeremonie absolviert und ihre Armreifen erhalten. Sie waren gemeinsam im Frankenreich gewesen. Wie schlimm musste das wohl für Sigurd gewesen sein? Wie allein musste er sich gefühlt haben?
„Ivar muss dafür bezahlen! Er kann nicht unbestraft bleiben!“, wendete sich Hvitserk in einem erneuten Anflug an Hass an Björn. Doch anstatt seines Anführers war es Ubbe, der zu ihm sprach.
„Und das wird er auch, Hvitserk. Er wird seine Strafe erhalten, das verspreche ich dir, doch bis dahin…“ Er sah den Jüngeren eindringlich an.
„…bitte ich dich darum, ihn nicht zu töten. Er ist immer noch dein Bruder.“
Hvitserk schnaubte verächtlich.
„Welcher Bruder ist er, der keine Ehrfurcht vor seinem eigenen Blut kennt!“
Björn, der bis dahin ausgesehen hatte, als würde er über etwas sehr angestrengt nachdenken, stand nun auf und stellte sich neben Ubbe.
„Ubbe hat Recht, Hvitserk. Ivar hat einen schweren Fehler gemacht und dafür wird er bezahlen, doch fürs Erste müssen wird entscheiden, was wir als nächstes tun. Wir sind hier mit einer riesigen Wikingerarmee inmitten Englands. Es wird nicht lange dauern, bis wir angegriffen werden.“
„Ich werde ihn nie mehr normal ansehen können, ohne daran zu denken, was er getan hat. Ich werde nie wieder normal mit ihm sprechen können!“, hielt Hvisterk dagegen. Ihm gefiel die Idee nicht, das Ereignis einfach zu verdrängen, als wäre nichts geschehen. Sie gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Und das musste du auch nicht. Das Einzige, um das es hier geht ist jetzt, die Wikingerarmee anzuführen. Um alles andere kümmern wir uns später. Sigurd wird eine Bestattung bekommen, wie er sie verdient hat“, versprach Björn und für einen kurzen Moment wurde sein Blick weich. Mitleid und Verständnis blitzten in seinen Augen auf, während er die beiden Brüder musterte. Ubbe nickte und selbst Hvitserk gab sich nun geschlagen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich geschlagen zu geben. Er hatte einen Bruder verloren und dabei hatte er ihn, während er mit Björn am Mittelmeer gewesen war, so lange nicht mehr gesehen. Stumm sah er zu Sigurds Gesicht und kurz blickte er in dessen leeren, ausdruckslosen Augen, bevor er es schaffte, seine Hand zu heben und sie mit den Fingern zu schließen.
Du bist jetzt in Walhalla, Sigurd, aber keine Sorge, Ivar wird seine Strafe bekommen. Und wenn ich es bin, der dich rächt, dann soll es so sein!

…wenn sie hören, wie der alte Eber leiden musste.
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