I'm alive

von Ranja
GeschichteAllgemein / P12
Knight Automated Roving Robot / KARR
24.02.2020
24.02.2020
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Ich hätte nie gedacht, dass einmal Sia herhalten muss, um eine Geschichte über KARR zu schreiben.. er hats mir irgendwie angetan, und seine Vorgeschichte sollte auch einmal aus seiner Perspektive erzählt werden.. ;)

Von wegen böse. Wenn ich es richtig hinbekomme, werden es drei Teile. Den Anfang macht Labor 3.




~I was born in a thunderstorm
I grew up overnight
I played alone
I'm playing on my own
I survived~


“Aktivierung abgeschlossen. KARR, Onlinemodus bestätigen.“

Die Stimme klang kalt, wissenschaftlich. Langsam, wie aus einem langen Schlaf, fuhr ich meine Systeme hoch. Die Lichter gingen an, mein Scanner begann aufzuleuchten. Nach und nach erkannte ich die verschiedenen Funktionen – Sensoren, die mich Sehen, Hören und meine Umwelt wahrnehmen ließen.

Unbewusst ließ ich einen ersten Scan liefen, checkte meine kompletten Systeme – tadellos. Alles lief wie am Schnürchen.

„Bestätige den Onlinemodus. Mein Name ist KARR, Knights Automatisch Reagierender Roboter. Was tue ich hier?“

Ich ließ meine Sensoren über den Raum wandern. Er war kalt, weißgetüncht und wirkte steril. Allerhand elektronische Geräte erfüllten ihn mit ihrem Summen und Piepsen. Ich erkannte, dass Kabel an mich angeschlossen waren. Sehr seltsam.

„Nun, wie du vielleicht schon bemerkt hast“, sprach die Stimme, der ich ein fein geschnittenes Gesicht zuordnen konnte und auf deren Namensschild DEVON MILES las, „bist du in Labor 3 der Knight Foundation. Du wurdest soeben aktiviert, um einige erste Tests durchzuführen.“

„Ich wüsste nicht, wozu das gut sein sollte, Mr. Miles“, rutschte es mir heraus, noch ehe ich es verhindern konnte. „Meine Scans zeigen, dass alles so funktioniert, wie es sollte.“

Der Mann namens Miles lächelte, sein Gesicht eher beunruhigt als erheitert. Er warf einen kurzen Blick zu einem älteren, krank wirkenden Mann zu, der neben ihm stand, dessen Namen ich allerdings noch nicht herausfinden konnte. Er hustete kurz, aber nickte dann.

„Ich meine nicht deine funktionellen Checks, KARR. Natürlich ist dort kein Fehler. Aber wir möchten sichergehen, dass du auch verstehst, was wir von dir verlangen.“

„Verlangen?“

Mein Tonfall wurde neugieriger, mit einem Hauch Skepsis. Was hatte das zu bedeuten?

„Du wurdest zu dem Zweck gebaut, Menschenleben und dein eigenes zu schützen, jedoch unter der Anweisung deines Fahrers. Seinen Befehlen sollst du gehorchen lernen.“

„Soweit ich mein Programm kenne, ist das korrekt.“

„Sehr gut.“

Der Mann namens Devon Miles entspannte sich wieder. Wieso war er überhaupt erst angespannt gewesen? Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, sie warteten auf etwas.  

Ich scannte die Form der Person vor mir noch einmal. Er war ein schon alter Mann, mit eingefallenen grauen Haaren, ziemlich ungesundem Teint und einem besorgniserregenden Gesundheitszustand: Er war schwer krank. Ich beschloss, ihn freundlich darauf hinzuweisen:

„Wenn wir schon von Tests sprechen, sollten Sie damit vielleicht eher bei sich selbst anfangen.“

„Danke für den Hinweis, KARR“, lächelte der alte Mann schmerzlich, ein erneutes Husten folgte seinem Satz. „Mir bleibt vielleicht nicht mehr all zu lange.. darum möchte ich gern dabei sein, wenn du deine ersten Schritte machst.“

„Wilton.. schone dich“, stützte ihn der Mann namens Miles. Kannten sie sich? Sie schienen ein recht intimes, vertrautes Verhältnis zu pflegen. Interessant. „Ich übernehme das schon.“

„Nein, Devon!“ Der alte Mann fixierte mich und meinen hin- und her huschenden Scanner aufmerksam. „Er ist mein Lebenswerk, meine Krönung! Das kannst du mir nicht nehmen, und wenn es mich den letzten Atemzug kostet!“

„Wenn Sie so weitermachen, Wilton Knight, dann wird das eher der Fall sein, als Ihnen lieb ist..“

Der Kommentar kam ganz von allein, dabei hatte mir der Mann eigentlich nichts getan. Ich wurde von mehreren Seiten böse angefunkelt. Hatte ich etwas Falsches getan? Ich hatte die Wahrheit gesagt.. war das denn nicht richtig?

„Sie wissen genau, dass ich Recht habe“, setzte ich nach, nicht wissend zu dem Zeitpunkt, dass genau das der Fehler war. Menschen waren seltsam.

„Das hast du in diesen wenigen Minuten alles herausgefunden?“ Der Mann namens Wilton stützte sich schwer auf seinen Stock. „Wie ich heiße und wie mein Gesundheitszustand ist?“

Kunststück, hatte ich doch Zugriff auf sämtliche Datenbanken, konnte im Intranet der Foundation nach Herzenslust herumschnüffeln und hatte die Verbindung zwischen Wilton Knight, der Foundation und Devon Miles innerhalb jener Minuten problemlos herstellen können. Ich war weder blind noch dumm.

„Sie unterschätzen mich.“

„Anscheinend.“ Der alte Mann musterte mich aufmerksam. „Wir werden noch sehen, zu was du in der Lage bist. Ich bin schon sehr auf dein Programm gespannt.“

„Ich folge den drei Gesetzen der Robotik, Sie wissen also genau, was geschehen wird.“ Diese Gesetze gefielen mir nicht.. Auch wenn die Anordnung derselben meinem Eigenverständnis entsprach, so hatte ich ungern Lust, bestimmte Gefahren auszuprobieren.

„Da mein Selbsterhalt an erster Stelle steht, brauchen Sie nicht fürchten, dass ich kaputtgehe oder zu einer Beschädigung beitrage.“

Der Mann namens Wilton verzog das Gesicht, aber nicht vor Schmerz. Ich musste etwas Falsches gesagt haben, ich konnte es mit meinen Daten aus seiner Mimik herauslesen.

„Darum müssen wir noch einige Tests absolvieren. Schließlich willst du doch nicht, dass dir ein Fehler passiert, oder?“

Cleverer alter Mann. Da hatte er einen wunden Punkt erwischt.

„Ich mache keine Fehler. Ich bin zu 100% einsatzbereit.“

„Das werden wir sehen. Auf Wiedersehen, KARR.“

„Auf Wiedersehen.“

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Die Anfangstests waren leicht. Funktionstests des Fahrzeugs, Parametereinstellungen, Feinjustierung.. alles Dinge, die ich mit links erledigen konnte. Was sie sagten, tat ich. Es fiel mir nicht schwer.

Argwöhnisch verfolgten sie alle meine Aktionen. Wieso stand ich so unter Beobachtung? War ich gefährlich? Ich hatte doch nichts getan..

„Nun, KARR, wir werden noch einen letzten Test machen. Zugegeben, wir sind uns nicht sicher, ob er zu 100% funktioniert. Es geht um die Widerstandsfähigkeit deiner Karosserie.“

Der alte Mann, Wilton Knight, wies auf ein großes, solides Hindernis auf dem Übungsparcours. Eine Mauer aus Betonklötzen, hübsch aufeinandergereiht. Sie sah sehr stabil aus.

„Welcher Test schwebt Ihnen denn vor?“

Irgendwie hatte ich ein mulmiges Gefühl bei der Sache.

„Nun, wie du weißt, bist du mit einer extrem harten Legierung versehen, die es nahezu unmöglich macht, dich zu beschädigen. Du wirst mit genau 60 Meilen auf dieses Hindernis zufahren, um es zu durchbrechen.“

Die Sache gefiel mir immer weniger.

„Sie sagten.. ob der Test zu 100% funktioniert. Wie darf ich das verstehen?“

„Nun“, seufzte der alte Mann, „die Legierung ist in der Testphase. Wir haben sie noch nie im Feldversuch getestet. Zu 99,8% wird sie der Belastung standhalten.“

„Und die anderen 0,2%?“

Meine Stimme hatte ihren zuvorkommenden Klang verloren, das konnte ich selbst hören. Sie war.. nervös. Auch alle anderen hatten das bemerkt. Ihre Gesichter warfen sich gegenseitig vielsagende Blicke zu.

„Mach dir um die keine Gedanken, reine Statistik. Fahr einfach drauflos, du wirst es schaffen.“

Der Mann namens Devon winkte ab, tat so, als hätte ich einen unbedeutenden Einwand gebracht. Er war aber nicht unbedeutend. Für mich machten diese 0.2% den Unterschied zwischen ‚ich kam heil da durch‘ oder ‚ich wurde plattgedrückt wie eine Flunder‘.

„Nein.“

Meine Antwort kam leise, aber deutlich. Meine Berechnungen brachten kein 100%iges Ergebnis, und ich sah nicht ein, für einen lächerlichen Test mein Leben aufs Spiel zu setzen.

„Wie bitte?“

Alle starrten mich an. Inklusive des alten Mannes.

„Ich habe NEIN gesagt.“

Ich rollte ein Stück zurück. Das war mir zu heiß. „Wenn Sie mir keine absolute Garantie geben können, dass ich heil bleibe, kann und werde ich diesen Test nicht absolvieren.“

Der Blick von Devon wurde ernst. Was hatte ich nun falsch gemacht? Ich handelte nur nach meiner Programmierung, und das sollten sie wissen. Sie hatten mich schließlich gebaut.

„Du wirst ihn absolvieren, weil ich dir das sage.“

Der alte Mann stellte sich neben meine Fahrertür, sein Stock klopfte ungeduldig auf den Boden neben mir. Wie eine Uhr, die tickte. Oder eine Lunte, die kurz vorm Abbrennen war. Meine Daten zeigten, dass jeder der Anwesenden in den letzten Sekunden vor Anspannung fast platzte. Was war hier los?

„Nein.“

Meine Antwort blieb die gleiche.

„KARR.. ich befehle dir, diesen Test sofort zu absolvieren.“

Die Stimme wurde strenger, herrischer. Und im selben Atemzug wurde meine Laune schlechter. Ich ließ mich nicht herumkommandieren! Was sollte das?!

„NEIN, VERDAMMT NOCHMAL!“

War ich das, der gerade geschrien hatte? Fassungslose Gesichter überall. Erschrocken, verblüfft, überrascht. Was hatten sie erwartet? Dass ich freudestrahlend in meinen Untergang fahren würde? Ernsthaft?

Einzig der alte Mann blieb ruhig und gefasst. Er öffnete die Fahrertür. „Genug jetzt, KARR. Das reicht.“

Im Bruchteil einer Sekunde begriff ich, dass er mich deaktivieren wollte. Seine Hand zuckte zur Konsole – und die Panik überrollte mich wie eine Welle. Auf der Stelle legte ich den Gang ein und machte einen kurzen Ruck nach hinten, der alte Mann stolperte aus der Tür und setzte sich unsanft auf den Hosenboden.

„Wilton, ist alles ok?“

Devon war neben ihn getreten, half ihm hoch. Sein Erstaunen war Wut gewichen. Er musterte mich einen Augenblick lang, sein Blick glitt die Karosserie entlang. Ein enttäuschtes Seufzen erklang: „Schaltet ihn ab.“

Oh nein, ohne mich..

Meine Turbine heulte auf, die Räder quietschten. Ich fuhr ein Stück rückwärts, weg von diesen Leuten. Ihre Gesichter wirkten nicht mehr so freundlich wie bisher, ich konnte ihre Anspannung, ihre Nervosität förmlich sehen.

Angst hatte mich im Griff. Wohin sollte ich flüchten?! Die Wege waren versperrt, die Türen geschlossen. Aber.. hielt mich denn eine Tür auf?

0.2 %...

Ich zögerte.

„Schaltet ihn ab, um Gottes Willen!“ Der wütende Ausruf Devons machte mich nur noch panischer. Ich wollte nicht abgeschaltet werden! Niemals!

Gehetzt drehte ich ein paar Runden, zerbrach einige Einrichtungsgegenstände. Ein Computer fiel um, Kabel sprühten Funken. Ich war verwirrt, verängstigt. Was sollte das alles?!

Bis.. bis sich der weiße Kittel mir in den Weg stellte, um mich aufzuhalten.

„KARR, jetzt beruhige dich doch! Dir geschieht nichts!“, hob er beschwichtigend die Hände, seine Arme nur einen halben Meter von meiner Motorhaube entfernt. Ich blieb stehen.

Was dachte er sich nur dabei?!

Ich sah den Ausweg. Hinter ihm erkannte ich die angelehnten Tore, vielleicht 10 Meter entfernt. Ich fasste einen Entschluss, meine Stimme schneidend kalt:

„Lügner.“

Seinem entsetzten Gesicht nach zu urteilen hatte er verstanden, aber es war mir egal. Ich legte den Gang ein, gab Gas und prallte gegen ihn. Hart schlug er auf dem Boden auf, seine Vitalwerte rasch schwächer werdend.

Es kümmerte mich nicht besonders.. er stand zwischen mir und der Freiheit.

„Haltet ihn auf, bevor er das Tor erreicht!“

Die Stimme brüllte.

Ich fuhr langsam vorwärts, ein unförmiges Holpern ruckelte mich durch. Hoffentlich hinterließ das keine Schäden an meinem Unterboden..

Das Tor.. ich war so fixiert darauf, dass ich das funkende Kabel zu spät bemerkte.

Sengend schoss der Stromschlag durch mich hindurch, grillte mein noch junges Bewusstsein und hüllte mich in schwarze, tiefe Dunkelheit.
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