Eine Krankheit ohne Heilmittel

von Saarkind
OneshotRomanze, Fantasy / P12
Genya Safin Nikolai Lantsov/Sturmhond Zoya Nazyalensky
24.02.2020
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Hallo, liebe Fans des Grishaverse und der Krähen-Duologie!

Ich gebe zu, Nikolai und Zoya haben es mir angetan. Die engl. Fassung dieses One-Shots findet ihr hier.

Über Feedback würde ich mich freuen. Ganz ehrlich.

Viel Spaß beim Lesen.

LG
Saarkind



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Eine Krankheit ohne Heilmittel


Zwingende Staatsgeschäfte und die schier endlos anmutende Aufgabe, die Erste Armee wieder aufzubauen, hielten Nikolai Lantsov auf Trab, doch sobald er eine freie Stunde fand, stattete er dem Kleinen Palast einen Besuch ab. Von früheren Aufenthalten wusste er, dass zu dieser Tageszeit Übungseinheiten bei den Grischamagiern angesetzt waren, die von keiner Geringeren als Generalin Nazyalensky beaufsichtigt wurden. Es war Nikolai nicht entgangen, dass ihr Name von Grischa-Novizen und Palastdienern gleichermaßen ehrfurchtsvoll geflüstert wurde. Die machtvolle Stürmerin, die wie keine zweite den Wind beherrschte. Eine Überlebende des verheerenden Angriffs der Nichevo'ya des Dunklen, der ein Großteil der Zweiten Armee zum Opfer gefallen war. Die anspruchsvolle und scharfzüngige Angehörige der Grischa-Triarchie, die von sämtlichen Grischa, gleich welchen Alters, nicht weniger als Perfektion verlangte.

Wann immer Nikolai Fragmente dieses Flüsterns auffing, musste er lächeln. Zoya Nazyalensky war erheblich mehr als ein Gerücht umfassen konnte – die ideale Ergänzung zu einem König, der von einem bösartigen und unberechenbaren Dämon besessen war und dringend einer Vertrauten bedurfte.

Als er die Übungshalle erreichte, hielt er Ausschau nach ihr. Das war eine der leichtesten Übungen, da Zoya dank ihrer atemberaubenden Schönheit und ihrer kunstvoll bestickten Aetheralki-Kefta unter den anwesenden Grischa wie ein Saphir inmitten eines Haufens Kieselsteine hervorstach. Er verharrte, bis sie seine Ankunft mit dem denkbar knappsten Kopfnicken registrierte. Danach begnügte er sich mit der Rolle eines Beobachters, der mit dem Auge eines kampferprobten Befehlshabers die Anstrengungen der Magierschüler verfolgte.

Zoya Nazyalensky war nicht die einzige Grischaanführerin, die an diesem Tag anwesend war. Genya Safin, die Meisterschneiderin, die ihren Widerstand gegen den Dunklen mit dem Verlust eines Auges bezahlt hatte, überwachte die Aktivitäten der Korporalki und Materialki unter den Studenten. Genya war nicht minder aufsehenerregend, aber im Gegensatz zu Zoya, die aus jeder Faser Kälte und Entschlossenheit versprühte, strahlte Genya herzliche Wärme aus.

"Euer neuester Schwung an Studenten scheint gut voranzukommen," bemerkte Nikolai, als Genya sich zu ihm gesellte.

"Wir hatten schon bessere aber auch schlechtere," antwortete Genya mit einem Lächeln auf ihrem vernarbten Gesicht. "Aber ja,  wir machen Fortschritte."

Nikolai nickte und sah zu Zoya hinüber, die gerade einen unglücklichen Schüler zurechtstutze. "Es scheint, als wäre Zoya mit dem Fortschritt weniger zufrieden."

"Könnt Ihr Euch ernsthaft einen Grischa-Studenten vorstellen, der in der Lage wäre, Zoya zufriedenzustellen?"

"Gibt es überhaupt jemanden, der Zoya zufriedenstellen kann?" antwortete er schmunzelnd.

Er spürte, dass Genya ihn intensiv betrachtete. Das Grinsen in ihrem Gesicht irritierte ihn.

"Was?" schnappte er.

"Nichts, Eure Hoheit. Es ist wirklich nichts. Ich habe mich bloß gefragt, was erforderlich wäre, um unsere liebe Zoya zufriedenzustellen."

"Ich schätze eine Truhe voller Juwelen, prunkvolle Kleider und natürlich ein Berg von, uhm, Heldentaten."

"Ihr scheint sie gut zu kennen", bemerkte Genya nach einem Moment des Schweigens.

"Dazu bedarf es keiner Meisterleistung. Sie wird ja selbst nicht müde, das aller Welt zu verkünden," antwortete er sofort. "Dabei könnte ich schwören, dass alles Gold der Welt Zoya nicht glücklich machen würde," fügte er leise hinzu, mehr zu sich selbst als zu Genya. "Ihre Bedürfnisse liegen ganz woanders..."

"Wie zum Beispiel?" fragte Genya neugierig.

"Einen Gefährten, der hinter ihre Wand aus Eis blickt und erkennt, welch wunderbarer Mensch sie ist. Willensstark, geistreich und fürsorglich. Obendrein außergewöhnlich loyal." Er musste lächeln, als er sah, wie Zoya angesichts des missglückten Versuchs eines Schülers, eine Wand aus Luft zu erzeugen, die Augen verdrehte. "Aber letzten Endes erwarten wir alle mehr vom Leben als eine Truhe voller Gold, nicht wahr?"

"Ihr werdet jetzt nicht von mir hören, dass Ihr danebenliegt."

Genyas Blick schweifte über die eifrig übenden Grischa hinweg. Einer sehr jungen Materialki-Schülerin, nach Nikolais Einschätzung kaum zehn Jahre alt, war der Versuch misslungen, eine kleine Steinkugel in Staub zu verwandeln. Genya gab ruhig und sachlich ein paar Hinweise, und nach drei weiteren Versuchen war die Schülerin erfolgreich.

Von der anderen Seite der Halle, wo die Aetheralki übten, hallte eine scharfe Reihe von Rufen wider. Ein Trio junger Stürmer versuchte, verschiedene Arten von Geschossen umzuleiten. Nach Nikolais Ermessen schlugen sie sich wacker, aber ihre Generalin war offenbar anderer Ansicht:

"Gib acht, Malina. Einen Hauch weniger Kraft hinter diesem Windstoß und dieser Stein hätte dich zerquetscht! Mikkel, du ...! Wie oft habe ich gesagt, dass ihr Pfeile entweder hoch oder weit weg zur Seite ablenken sollt. Du willst sie gewiss nicht in die Eingeweide der Grischa jagen, die neben dir kämpfen!“

Nikolai seufzte und wandte sich erneut an Genya: "Glaub' mir, ich weiß alles über die Schrecken und Unerbittlichkeit eines Schlachtfeldes, aber Zoya übertreibt es heute. Die drei geben ihr Bestes. Sie macht sie bloß nervös."

"Ich bezweifle, dass es an unseren Studenten liegt."

"Nicht?" Er drehte sich Genya zu.

"Nein." Genya zögerte kaum merklich. "Es liegt daran, dass Ihr sie nervös macht."

Nikolai runzelte die Stirn. Er benötigte einige Zeit, um diese Informationen zu verarbeiten. "Nun, das liegt an meinem Amt und meinem Scharfsinn. Eine – wie ich zugeben darf – brisante Kombination für eine Inspektion der Zweiten Armee."

Zuerst warf Genya ihm einen seltsamen Blick zu. Dann warf sie den Kopf zurück und lachte. "Oh, Nikolai. Warum sollte Zoya Nazyalensky sich sorgen, ob ihre Lehrfähigkeiten einer Inspektion unterzogen werden? Sie hat sich lange genug im Umfeld Eures Vorgängers behauptet, sie war die Favoritin des Dunklen und sie hat mehr Schlachten überlebt, als die meisten Berufssoldaten jemals erleben werden. Glaubt Ihr wirklich, dass Euer Titel sie beunruhigen könnten?"

Nikolai war genauso verwirrt wie einer der bedauernswerten Studenten auf dem Übungsplatz. "Aber wieso...?" begann er, ohne den Satz zu beenden.

Genya schüttelte sanft den Kopf. Nach kurzer Überlegung sagte sie: "Lieber Nikolai. Habt Ihr Zeit für eine kleine Geschichte?"

"Nur zu."

"Also", begann sie. "Erst vor ein paar Tagen erhielt ich Besuch von einer jungen Grischa. Sie vertraute mir an, dass sie an einer Krankheit litt. Ihr Magen schmerzte, ihre Brust schien sie zu beengen und nachts könne sie kaum schlafen. Ich fragte sie, ob etwas sie beunruhigt. Sie verneinte. Als Nächstes fragte ich, ob jemand sie in Unruhe versetzte ... und diesmal zögerte sie. Daraufhin teilte ich ihr mit, dass es für diese Art von Krankheit kein Heilmittel gibt ..."

Nikolai wartete, dass mehr kam, doch Genya ließ die unausgesprochenen Worte für sich selbst sprechen.

Nach einer Weile verließ Genya seine Seite, um sich um ihre Studenten zu kümmern. Nikolai blieb, wo er war, sein Blick auf der jungen Grischa-Stürmerin verharrend, die ihre Schüler wie Hühner durch die Übungshalle scheuchte. Ihre Miene war starr wie Stein, doch hin und wieder nahm er wahr, wie sie eine Strähne mitternachtsschwarzen Haars hinter ihr Ohrläppchen steckte. Er erhaschte sogar jene seltenen Augenblicke, in denen sie an ihrer Lippe nagte, und nach einiger Zeit realisierte er, dass ihr Blick überall zu sein schien – nur nicht bei ihm. Das schmerzte.

In diesem Moment begriff er, worin die von Genya beschriebene Krankheit bestand. Irgendwie hatte es ihn auch erwischt.

Ohne Umschweife richtete er seine Anzugjacke und durchquerte die Übungshalle, geradewegs durch die Grischa-Studenten und ihre stumme Verwunderung. Obgleich alle Augen auf ihn gerichtet waren, zählten nur die Saphiraugen seiner Grischa-Kommandeurin, die wie blaues Feuer leuchteten, bereit Blitz und Donner vom Himmel herab zu rufen. Doch alles, was er wissen musste, war das kaum sichtbare Zittern ihrer Lippen, als sie sich schließlich gegenüberstanden.

"Generalin Nazyalensky ... Zoya", proklamierte er, für jeden im Saal deutlich vernehmbar. "Du und ich – es ist höchste Zeit, dass wir ein ernstes Wort miteinander reden!"

Und in seinem Nacken spürte er Genya Safins Zustimmung.
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