Vom Fallen und aufgefangen werden

von lunanara
OneshotAllgemein / P12 Slash
Elrohir
24.02.2020
24.02.2020
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Elrohir ließ einen letzten prüfenden Blick über die Lichtung schweifen. Der Soldat neben ihm verdrehte die Augen, wagte es sich jedoch nicht etwas zu sagen. Zufrieden nickte Elronds Sohn, die Krieger hatten jegliche Spuren, die sie über Nacht hinterlassen hatten sorgfältig verwischt.

Grimmig bestieg der Halbelb sein Pferd. Seine Begleiter taten es ihm gleich. Die edlen Tiere scharrten ungeduldig mit den Hufen, die Anspannung der Soldaten färbte auf ihre Rösser ab. Als der Dunkle schließlich, nach einem weiteren Blick zurück, das Zeichen zum Aufbruch gab, flogen die Tiere nur so voran. Ihre beschlagenen Hufe schienen den Boden nicht zu berühren.

Die Rüstungen klimperten leise, was die Tiere noch mehr anzuspornen schien. Binnen weniger Minuten hatten sie eine große Strecke zurück gelegt. Schweiß lief an den Pferden herab, als Elrohir schließlich die Faust hob. Sogleich wurden die Tiere gezügelt und die Soldaten sahen sich aufmerksam um.

,,Lasst die Pferde hier. Die Heiler sollen bei ihnen bleiben. Der Rest kommt mit mir."
Schweigend wurde der Befehl des Halbelben ausgeführt.
Lautlos pirschten die Krieger durch den Herbstwald. Schon von weitem hörten sie die Orks. Es hatte sie beinahe eine Woche gekostet zu ihnen aufzuschließen, doch die Spitzohrigen hatten die Zeit kaum wahrgenommen, so fokussiert waren sie auf ihr Ziel gewesen.

Elronds Sohn koordinierte den kommenden Angriff nur noch mit Handzeichen. Unbemerkt wurden die Orks umstellt. Der frische Wind fehlte durch das Lager der stinkenden Kreaturen, nahm einige wirbelnde Blätter mit sich, trieb den Rauch des Feuers in die Augen der Anwesenden.
Elrohir wischte sich hastig eine Träne von der Wange, wie sooft verabscheute er die menschliche Schwäche, welche in seinen Genen schlummerte. Der Kriegerin zu seiner Rechten war nichts anzumerken. Wie sehr er sie um ihr reines Blut beneidete.

Der Blick aus den stahlgrauen Augen glitt über die Orks. Etwa zwei Dutzend, nichts womit sie nicht würden fertig werden. Viel mehr sorgte ihn der Anblick einer gebundenen Gestalt. Die zerrissenen Kleider klebten blutig am Körper des Bewusstlosen. Sie durften nicht länger Zögern!
Der Halbelb spannte seinen Bogen, seine Begleiter taten es ihm gleich. Eine handvoll Elben trat hervor. Pfeile surrten in der kühlen Luft. Jedes der tödlichen Geschosse fand ausnahmslos sein Ziel.

Noch ehe die erschrocken schreienden Orks reagieren konnten, folgte eine zweite und dritte Salve. ,,Schwärmt aus! Sucht Überlebende, tötet auch sie!" Der Dunkle drehte sich zu der Frau neben sich. ,,Hole die Pferde und die Heiler." Die Kriegerin deutete eine Verneigung an und verschwand im Unterholz. Der Elbenprinz beeilte sich, zu der noch immer regungslos am Boden liegenden Gestalt zu kommen.

Das hübsche Gesicht starrte vor Dreck und Blut, doch die schmale Brust hob und senkte sich. Eine schwere Last viel von Elrohir ab. Er kniete sich neben den jungen Mann und durchtrennte die groben Seile. Sie hatten die blasse Haut aufgerieben. Liebevoll strich der Halbelb über die Wange des jungen Mannes, darauf bedacht keine der tieferen Wunden zu streifen.
Die Schritte der Pferde kündigten die Heiler an. Die beiden jungen Frauen beeilten sich. Rasch hatten sie den Bewusstlosen stabilisiert und die schlimmsten Verletzungen notdürftig versorgt.

,,Wir müssen ihn nach Imladris bringen, er braucht ein Bad und ein sauberes Bett." Die Beiden hatten zeitgleich gesprochen. Der Halbelb runzelte die Stirn. Er würde sich wohl nie an die Zwillinge gewöhnen.
,,Das ist zu weit weg. Eine Stunde ritt von hier ist ein Dorf der Menschen. Reicht das?", fragte der Dunkle leise. Die Blonden nickten synchron.

,,Herr." Einer der Krieger war zu der kleinen Gruppe zurück gekehrt und war nun respektvoll auf die Knie gesunken. Erst als der Halbelb ihn anblickte, begann er leise zu berichten. ,,Es gibt keine Überlebenden. Die Umgebung ist sicher, wir haben Späher ausgeschickt. Sollen wir die Orks durchsuchen und verbrennen?"
,,Keine Zeit. Ruf deine Männer zusammen. Wir reiten weiter", befahl der Dunkle nüchtern.

Keine Stunde später traf die Gruppe in dem kleinen Dorf ein. Elrohir ließ einen seiner Soldaten von ihrer Lage berichten und um Hilfe bitten, sich für sein schlechtes Westron verfluchend.
,,Sie können einen Stall für uns und die Pferde und ein Zimmer mit Bett für euch entbehren", fasste der Krieger schließlich zusammen, ehe er seinem Herrn den Verwundeten aus den Armen nahm, damit der Dunkle absteigen konnte. Sogleich forderte der Halbelb den Körper zurück. Stumm folgten er und die Zwillinge einer jungen Frau, welche sie in ein verhältnismäßig großes Haus führte.

Das Zimmer, welches sie ihnen zeigte war hell und sauber. Gegenüber befand sich ein kleiner Raum mit Waschzuber. Ohne zu zögern legte der Krieger den Verwundeten ab und begann damit die Wanne zu füllen, während eine der Heilerinnen heißes Wasser kochte.
Die Sonne war am untergehen, als der junge Elb erwachte. Seine Wunden waren versorgt, die Kleider ausgetauscht und die noch feuchten Haare eingeflochten.

Sein müder Blick huschte durch den mit rötlichem Licht gefüllten Raum und blieb an seinem Herrn hängen, welcher mit besorgter Miene am Fenster stand.
,,Elrohir.. es tut mir leid", wisperte der junge Elb.
,,Ehadrion", wisperte der Halbelb erleichtert. Liebevoll lächelnd ließ er sich neben dem Bett des jungen Mannes auf die Knie fallen. ,,Wie geht es dir? Woran erinnerst du dich?"

,,Es geht. Noch wirkt das Schmerzmittel, dass ihr mir zweifelsohne gegeben habt, doch die Taubheit weicht langsam dem Schmerz. -Ich weiß nicht. Ich war auf meinem Posten. Es ging alles so schnell. Ein Licht in der Dunkelheit. Ich wollte Alarm schlagen, aber es war zu spät. Sie haben mich hinab geschossen. Ich habe versagt. Sind sie ..tot?" Tränen funkelten in den Augen des Kriegers. Elrohir schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln.

,,Dich trift keine Schuld Ehadrion. Ja, als wir kamen fanden wir ein Blutbad vor. Es sah aus wie in einem Schlachthaus der Menschen. Guck nicht so, sei froh, wenn du noch keines sehen musstest. Wir haben sie begraben und bemerkt, dass sie nicht vollzählig waren. Bei den Valar, ich dachte ich hätte dich verloren. Wir sind ihrer Spur gefolgt, lass dich von dem Gedanken trösten, dass alle Orks tot sind."

Abfällig schnaubte der junge Elb, nur um gleich darauf schmerzerfüllt zu stöhnen. ,,Tot, genau wie die Kameraden, die sich, auf mich verlassend, schlafen legten." Der Halbelb wollte seinem Geliebten einen Kuss auf die Lippen hauchen, doch jener drehte den Kopf weg und räusperte sich leise.
,,Mein Herr, ich erbitte eine Versetzung an die westliche Grenze." Der Dunkle runzelte ungläubig die Stirn, ehe er bedächtig nickte.
,,Du weißt, das das bedeutet, dass wir uns nicht mehr sehen werden?"
,,Elrohir, sei nicht so kindisch!", schalt ihn der Jüngere, ,,Natürlich sehen wir uns dann nicht mehr. Ich muss etwas in meinem Leben verändern, aber das geht erst, wenn mein Herz nicht mehr mit deinem verwoben ist. Sobald sich mir die Möglichkeit ergibt, werde ich Bruchtal verlassen."

Der Halbelb erhob sich und kehrte ans Fenster zurück. Der volle Mond beschien das beschauliche Dorf der Menschen mit seinem hellen Licht. Elronds Sohn würde den jungen Mann nicht missen. Das Liebesgeständnis des Kriegers hatte ihn beinahe etwas abgestoßen. Er hatte nicht nach ihm gesucht, weil er etwas für ihn empfand, sondern weil Elrohir, als Herr der Wache verpflichtet war auf die ihm unterstellten Soldaten zu achten und sie zu schützen.

,,Wir brechen auf, sobald es dir besser geht. Ehadrion, ich bereue nichts."
,,Ich ebenfalls, mein Herr", wisperte der junge Elb verschmitzt.

Traurig den Kopf schüttelnd sah Elronds Sohn wieder auf das Schriftstück vor sich hinab, die Erinnerungen an den jungen Mann verdrängend erhob er sich. Es hatte einen Vorfall an der westlichen Grenze gegeben. Ein einziger Krieger hatte sein Leben gegeben, um seine Kameraden zu schützen. Allein war er dem Warg entgegen getreten, er hatte das Geschöpf besiegt, war jedoch seinen Verletzungen nur wenig später erlegen.

Nur eine letzte Bitte hatte er geäußert, man solle Elrohir ausrichten, dass er das Vergangene versucht hatte wieder gut zu machen und Vergebung ersuchte.
Mit tränennassen Augen stand der Halbelb an einem der großen Fenster und blickte hinab in seine Heimat. Der volle Mond tauchte das Tal in sein silbriges Licht und wurde von den unzähligen Wasserläufen reflektiert. Ein einziges rotes Blatt tanzte im kühlen Herbstwind vor der Scheibe und der Krieger schluckte hart.

Dankbar ließ er sich gegen den warmen Körper hinter sich fallen, als sich starke Atme um ihn schlossen. Sein Bruder hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und lehnte dann seinen Kopf auf die Schulter seines Zwillings. ,,Jetzt ist er in Valinor", wisperte Elrohir.
,,Möge er dort glücklich werden", erwiderte Elladan, nicht lauter. Noch lange standen die Zwillinge in dieser Nacht am Fenster und blickten schweigend hinaus.
Als die Sonne am folgenden Tag das Tal in ihr warmes Licht tauchte, konnte der Krieger wieder lächeln. Endlich würde sich auch Ehadrion vergeben können.
Manche Dinge konnte nur der Tod lösen. Hoffentlich würde Ehadrion nun endlich den Frieden finden, den er verdiente.
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