Patronenmädchen: Ödland

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
Engel & Dämonen Zauberer & Hexen
23.02.2020
26.03.2020
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Nach einem längeren Marsch verbreiterte sich der Weg und wurde schließlich zu einer riesigen Grotte. Sie war in ihren Ausmaßen bei Weitem nicht so gewaltig, wie die, durch die sie bereits gegangen waren, aber dennoch groß genug, um die große Halle von Jamesport darin unterzubringen. Im Schein der Lampen warfen die Stalaktiten und Stalagmiten (Lyn konnte die nie auseinanderhalten) unregelmäßig gezackte, tanzende Umrisse auf die dahinterliegende Höhlenwand. In den Wänden glitzerten die Spuren von verschiedenen Metallen in unterschiedlichen Schattierungen von Silber und Grün. Es sah wunderschön aus. Am Boden der Höhle hatte jemand einen Weg in den Stein gehauen. Nein, nicht gehauen, wie Magda fasziniert feststellte. Hier waren tatsächlich Fliesen verlegt worden, die ein filigranes Muster ergaben. Auch wenn teilweise unter dem beständigen Bombardement von Wassertröpfchen Kalkablagerungen aus dem Gestein darüber gewuchert waren, so ließ sich ganz zweifelsohne ein hoher künstlerischer Anspruch erkennen. Für diejenigen, die einst hier unten gelebt haben mussten, hatte dieser Ort eine besonders wichtige Bedeutung besessen, soviel stand fest. „Magda, sieh mal!“ Lyns aufgeregte Stimme riss sie jäh aus ihren Gedanken. Das Mädchen stand vor einem großen, rechteckigen Felsblock, den jemand neben den Weg gestellt hatte. Als Magda nähertrat, bemerkte sie, dass es sich mitnichten um einen Felsblock handelte, sondern um ein Behältnis. Es mochte, so schätzte sie, etwa ein- bis zwei Meter lang und genau so breit sein und war mit schlichten Wellenmustern verziert.

Eigentlich hätte es sich genauso gut um einen bearbeiteten Felsblock handeln können, aber vor langer Zeit war ein Stein aus der Decke gestürzt und hatte eine Ecke zertrümmert, sodass man mühelos hineinsehen und -greifen konnte. Im Schein von Magdas Lampe blitzte etwas auf. Sie steckte ihre Hand in das Loch und zog den Gegenstand heraus. Es handelte sich um ein Beil. Die Waffe war schlank, beinahe elegant, und hatte einen leicht gebogenen Stiel, der nahezu perfekt in der Hand lag. Das Blatt war schmal und rechteckig, wobei sich die Schneide an einem der schmaleren Enden befand. Ganz offensichtlich handelte es sich um eine einhändig geführte Hiebwaffe, und um eine ungemein wertvolle noch dazu, denn sie schien aus wie aus einem Guss gefertigt, da Magdas scharfes Auge keine Befestigung des Blattes, oder etwas in der Art ausmachen konnte. Die Waffe glänzte und funkelte im Licht, so als bestünde sie aus reinem Silber, wofür sie allerdings viel zu leicht war. „Gottvater!“, murmelte das Patronenmädchen andächtig. „Woraus ist die gemacht? Ist das Silber?“, fragte Lyn. Magda schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nein, dafür ist es zu leicht.“, sagte sie und schwang die Axt einige Male probehalber. Lyn war begeistert. „Oh Mann! Das sieht toll aus! Bestimmt ist das eine legendäre Waffe oder so, die mal einem berühmten Krieger gehört hat.“, rief sie. Magda nickte. „Durchaus möglich. Ich kann mir gut vorstellen, dass da eine interessante Geschichte hinter steckt. Eine faszinierende Arbeit. Möglicherweise von einem Schmied der Tall.“, sagte sie. „Was ist ein Tall?“, fragte das Mädchen. Magda steckte sich die Waffe an den Gürtel. Dabei lächelte sie etwas. Insgeheim machte es ihr Spaß, Lyns Fragen zu beantworten. Das Mädchen lief mit offenen Augen und durchaus wachem Verstand durch die Welt und das gefiel ihr.

„Die Tall sind ein Volk, das in Städten unter der Erde lebt. Sie sind leidenschaftliche Bergleute und hervorragende Handwerker. Meine Revolver wurden auch von ihnen angefertigt. Sie verstehen sich darauf, Metall und Stein zu bearbeiten und Dinge daraus hervorzubringen, wie es ein Mensch unserer Zeit vermutlich niemals könnte. Außerdem graben sie lange Stollen und erschaffen unterirdische Reiche.“, erzählte sie. Inzwischen hatten sie eine kleine Rast eingelegt und aßen etwas. Vor Lyns innerem Auge entstand das Bild der liebenswerten Zwerge aus Schneewittchen, wie sie, fröhlich singend, Edelsteine aus dem Berg holten. „Haben die das hier alles gebaut?“, fragte sie. Magda zuckte mit den Achseln. „Möglich. Es sieht zwar nicht aus, wie eine Stadt der Tall, aber das bedeutet nicht, dass es keine ist. Wenn sie allerdings eine ist, dann wurde sie schon vor langer Zeit verlassen.“, sinnierte sie.

Das Mädchen sah sich um. Sie versuchte sich vorzustellen, wie dieser Ort ausgesehen haben mochte, bevor seine Bewohner ihn aufgegeben hatten und was der Grund dafür gewesen sein mochte. Sie hatte mal gelesen, dass die Pest im Mittelalter manche Dörfer entvölkert hatte. Gab es so etwas wie die Pest in dieser Welt? Sie spürte die beklemmende Angst wieder aufsteigen und kämpfte sie mühsam nieder. Sollte hier unten eine Krankheit gewütet haben, so war diese mit Sicherheit schon längst verschwunden, genau wie ihre Überträger. Das zumindest hoffte sie. Es war wohl besser, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. „Ob das Ding wohl einen Namen hat?“, fragte Lyn nach einer Weile des Schweigens. Magda blickte fragend. Lyn deutete auf die Axt. „Nun, ich glaube, besondere Waffen in Legenden haben immer Namen, oder?“, fügte sie hinzu. Das Patronenmädchen musterte die Waffe. „Na, ich schätze, wenn es einen Namen gab, so ist er verloren gegangen. Die Axt wird sich neu beweisen müssen, denn Namen müssen verdient werden. So ist es Brauch.“, erklärte sie. Nach Beendigung ihrer Rast setzten sie ihren Weg fort. Der Untergrund wurde zunehmend ebener und bald gelangten sie an eine Treppe, die nach unten führte. Es handelte sich nicht um eine brüchige, ausgetretene Stiege, wie die, denen sie bisher begegnet waren, sondern eine breite, mit Fresken verzierte Anlage. Das Leuchten war nun unmittelbar vor ihnen. Es schälte Mauern und fein verzierte, steinerne Bögen aus dem Halbdunkeln und enthüllte mehrere Reihen steinerner Sitzbänke darüber. Von oben herab hingen eiserne Ketten. „Wohin auch immer wir gegangen sein mögen, ich glaube, es liegt vor uns.“, sagte Magda. Lyn blickte sich um und betrachtete das, worauf das Licht den Blick freigab. „Das ist eine Arena!“, stellte sie überrascht fest.

Langsam schritten sie die große Freitreppe hinab, vorbei an Dutzenden von Sitzreihen. Magda runzelte die Stirn. Hier stimmte irgendetwas nicht. Sie war nur noch nicht in der Lage mit dem Finger darauf zu deuten. Schließlich wurde ihr Weg von einer kniehohen Mauer gebremst, hinter welcher der Mittelpunkt und möglicherweise Kampfplatz der Arena in mehreren Metern Tiefe lag. Der Boden schien eigenartig uneben zu sein, zumindest soweit Magda das im Schein des diffusen Lichtes sagen konnte. Was mochte die bloß für ein Ort sein? Sie wusste, dass es in manchen Teilen der Welt Tradition war, Schaukämpfe abzuhalten. Manchmal mit bezahlten Kämpfern, manchmal mit Sklaven, denen auf diesem Wege die Freiheit winkte. Bevor sie ihren Gedanken gebührend zu Ende denken konnte, fiel ihr plötzlich auf, was an diesem Ort nicht stimmte. Über allem lag dieses blasse, geisterhafte Leuchten, aber, so sehr sie auch danach suchte, sie konnte keine Lichtquelle ausmachen. „Wie seltsam.“, murmelte sie, mehr zu sich selbst, als zu ihrer Begleiterin. Sie empfand deshalb keine Beunruhigung, da sie schon sehr viel Seltsameres gesehen hatte, aber eine gewisse Faszination ließ sich, bei aller Erfahrenheit, nicht leugnen. Bevor sie jedoch etwas dazu sagen konnte, bemerkte sie Lyns Gesichtsausdruck und folgte ihrem Blick. Auf dem Boden vor ihnen, lag eine Hand. Ihre Haut war dunkelgrau und faltig, aber es war ganz eindeutig eine Hand. Eine menschliche Hand.

„Magda, wieso liegt dort eine Hand?“, fragte Lyn, mehr verblüfft, als wirklich angeekelt. Magda wusste es nicht. „Vielleicht ist die von einem der Arbeiter aus der Mine? Möglicherweise sind sie bis hierhin vorgedrungen.“, mutmaßte sie. In diesem Augenblick begann die Hand, sich zu bewegen. Lyn zuckte zusammen. Von jenseits der Mauer ertönte ein seltsames, schabendes Geräusch, so als ob sich just in diesem Augenblick Tausende und Abertausende von winzigen Beinen in Bewegung setzten. Lyn warf einen Blick in die Mitte der Arena und schreckte zurück. Was sie eben noch für bloße Unebenheiten auf dem sandigen Boden gehalten hatte, war nun in huschende Bewegung geraten. „M-Magda!“, schrie sie, wobei sich ihre Stimme überschlug, als sie sah, was sich dort unten bewegte. Es waren Hände, und zwar viele. Sehr viele. Sie wanden sich und krabbelten übereinander, wie riesige Insekten. Magda hatte die Panik in der Stimme des Mädchens gehört und kam herbei. Dieser Anblick entsetzte allerdings auch sie. Mit einem kurzen Blick in Richtung des Ausganges stellte sie fest, dass dieser Weg für sie beide nicht infrage kam. Auch von dort kamen die Hände. Es blieb also nur ein Ausweg, der weiter hinein in dieses rätselhafte Gebäude unter der Erde führte. Sie schnappte sich kurzerhand ihre Begleiterin und zog sie mit sich. Die beiden rannten zwischen den steinernen Sitzreihen entlang, auf der Suche nach so etwas wie einem Hinterausgang. Den fanden sie zwar nicht, dafür aber eine Treppe, die nach oben führte. Immerhin, weg von den Händen, deren Geräusche nun, da diese erwacht waren, immer lauter und lauter wurden. Lyn hatte nicht gewusst, wie schnell sie rennen konnte, bis es an der Zeit dafür war. Die Stufen unter ihr waren nicht besonders hoch, dafür aber sehr breit und tief. Zu ihrer Linken befanden sich weitere Sitzreihen aus Stein, rechts von ihnen, dort, wo das Zentrum der Arena lag, wurde der Aufstieg von einem zierlichen Metallgitter und einigen Steinsäulen begrenzt. Sie blickten sich nicht um, bis sie das obere Ende des Weges erreicht hatten.

Hierbei musste es sich um eine Art Ehrenloge handeln, denn sie war geräumig und die Sitzmöglichkeiten darin sehr viel großzügiger, als im Rest der Arena. Zudem waren die Wände mit kunstvollen Fresken bedeckt. Was für die beiden Fliehenden allerdings viel wichtiger war: Es handelte sich um eine Sackgasse. Magda stieß einige kunstvolle Flüche aus, und blickte sich, die Revolver in den Händen zu ihren Verfolgern um. Da waren jedoch keine. Lyn war so außer Atem, dass ihr der ganze Körper wehtat, als wolle er jeden Augenblick zerbersten. Nach Luft ringend lehnte sie sich an das Gitter. Magda staunte nicht schlecht. Die Hände hatten sie überhaupt nicht verfolgt. Sie hatten sich in der Mitte des Kampfplatzes versammelt und bildeten nun einen gewaltigen, ekelhaften Wust aus kleinen, krabbelnden Körpern und unruhiger Bewegung. Solch ein Schauspiel hatte sie noch nie gesehen. Gebannt starrte sie darauf. Was dann geschah, geschah so schnell, dass Magda keine Möglichkeit hatte, zu reagieren. Eine Art langer, grauer Zunge schoss daraus empor und traf die Loge mit großer Kraft. Die Zungenspitze durchschlug das fragile Gitter und umschlang Lyn. Einen einzelnen, herzzerreißenden Augenblick trafen sich ihr Blick und der Magdas, dann verschwand sie in der Tiefe.
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