Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Twins

von Mirochagi
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
22.02.2020
13.10.2020
5
11.822
 
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
22.02.2020 1.915
 
"Hmmm... Schoko oder Vanille?"
Mit schräg gelegtem Kopf wippe ich auf meinen Fersen vor und zurück, während ich den Inhalt der Tiefkühltruhe vor mir anstarre.
"Hm. Jamie? Welche Sorte willst du?", rufe ich dann in Richtung Küche, um hoffentlich Hilfe bei dieser Entscheidung zu bekommen.
"Mir egal, such das was aus.", schallt die Stimme meiner besten Freundin zurück, woraufhin ich genervt seufze, dann aber nach einer der Eispackungen greife und den Tiefkühler schließe.

"Du bist mir ja ne tolle Hilfe.", grummele ich sie an, als ich durch die Terrassentür nach draußen trete, durch die sie eben grinsend und mit zwei Löffeln in der Hand verschwunden war. Im Garten finde ich sie auf einer karierten Decke sitzend auf der großen Rasenfläche vor.
"Ich vertraue dir halt, dass du die richtige Wahl triffst.", antwortet sie, immer noch grinsend, nur dass mir dieses Mal die Zunge zeigt und die Augen leicht zukneift, da sie um mich anzusehen auch direkt in die Sonne schaut, die hinter mir am blauen Himmel steht. Dann schnappt sie mir fast schon gierig die Eispackung aus den Händen, puhlt den Deckel ab und steckt sich einen Löffel voll direkt so in den Mund.
"Mhmmmm... Scho lecker..."  Fast sofort lockert sie ihre gesamte Körperhaltung und lehnt sich leicht nach hinten, hat ihr Augen nun genießerisch geschlossen und nicht mehr, weil die Sonne sie blendet.
"Jup. Und jetzt gib mir was ab!", antworte ich und ziele mit meinem Löffel auf die Eispackung in ihrem Schoß.

Kurz bevor mein Löffel in der Eiscreme versinkt, zieht sie die Packung zur Seite,  unterbindet auch jeden weiteren Versuche meinerseits, an das kühle Gericht zu kommen. Nach einigen Minuten bin genervt genug davon, um ihr sachte in die Seite zu piksen. Meine beste Waffe gegen sie, da sie unglaublich kitzlig ist.
Anstatt mich allerdings wie sonst immer kichernd abzuwehren, stößt sie einen gellenden Schrei aus, hält sie die Rippen fest und kippt zur Seite.
"Jamie? komm schon, stell dich nicht so an... So doll war das nicht...", murmle ich genervt, werde aber doch von leichter Beunruhigung gepackt, als meine Freundin nicht wirklich aufhört zu schreien, sondern kreischend auf dem Boden herumwälzt und sich nicht wirklich zu beruhigen scheint.
Von einem Augenblick auf den anderen bleibt sie dann aber doch regungslos liegen, das Gesicht von mir abgewandt.
"Jamie?", frage ich leise. Am Rande registriere ich, dass alles um uns herum düsterer wirkt, als wenn sich die Sonne plötzlich hinter einer dicken Wolkendecke versteckt hätte.
"Jamie?" Noch einmal, dieses Mal lege ich nach der ausbleibenden Reaktion meine Hand auf ihren Arm und drehe sie zu mir, schrecke zurücke,  als unsere Blicke sich kreuzen.

Kaum, dass sie mich ansieht, beginnen wieder diese markerschütternden Schreie, die eigentlich von keinem menschlichen Wesen produziert werden können. Und sie sieht auch alles andere als menschlich aus. Ihre Wangen sind eingefallen, ihr Körper abgemagert, ihre Hände zu dürren Klauen geworden. Von ihren Augen war nur das Weiße zu sehen, während ihr Mund weit aufgerissen war und sie mir diese schrecklichen Schreie entgegen warf.
Ich konnte mich nicht rühren, als ich plötzlich fiel. Und die Welt um mich herum mit mir.




Dass mein Kopf fast unter meinem spontanen Hochschrecken und direkt darauf folgendem Aufspringen von meine unteren Teil des Doppelstockbettes gelitten hatte, interessierte mich doch eher wenig. Denn sobald mein Gehirn die Quelle der Schreie geortet hatte, war es meine höchste Priorität, meine Zimmernachbarin zu beruhigen, um nicht auch noch den Rest dieser ach so sozialen Einrichtung aufzuwecken.
Nach einem kleinen Kletter- und Balanceakt, um die viel zu kleine Leiter auf das obere Bett hoch zukommen kniete ich über Jamie und versuchte, zuerst wenigstens ihren Körper zur Ruhe zu zwingen, indem ich mit meinem Gewicht ihr Becken leicht belastete und denn mit meinen Händen ihre Arme in die Matratze neben ihrem ihrem Kopf drückte.
"Jamie, wach auf. Du hast einen Albtraum.", versuchte ich sie zu wecken. Nach mehreren Versuchen sie anzusprechen, verpasste ich ihr eine leichte Ohrfeige, auf die nur dadurch reagiert, dass sich ihr Körper einmal stärker aufbäumte und sie mich fast von ihrem Bett schmiss. Normalerweise ihr gutes Recht, aber eben nur normalerweise.
Jetzt gab ich ihr nur eine weitere Ohrfeige, mit dem Gedanken daran, dass sie sich dafür wahrscheinlich ebenfalls mit einer Klatsche revanchieren würde.

Meine Handfläche kribbelte, als sie erschlaffte und ihre Augen aufschlug. Ihre Hand, die ich losgelassen hatte, wanderte zu ihrer Wange. "Hast du mich gerade geschlagen?!"
Mit roten Wangen nickte ich. "Du hattest einen Albtraum und bist nicht wach geworden. Du hast rumgeschrien wie blöd. Ich hab mir Sorgen gemacht..."
"Wegen meiner Träume? Es ist lange her, dass es letztes Mal so schlimm war, oder?", murmelte sie und versuchte sich an meinem aufmunterndem Lächeln. Dann schubste sie mich von sich runter und lehnte sich neben mir an die Wand. "Das letzte Mal ist inzwischen wirklich lange her..." Gleichzeitig stießen wir beide ein müdes Seufzen aus, sie ließ ihren Kopf auf meine Schulter fallen.
"Entschuldige, dass ich dich aufgeweckt habe." Ihr leises Murmeln war kaum hörbar, bevor sie etwas lauter sagte "Aber wehe du scheuerst mir nochmal eine. Nächstens Mal kommst du mir nicht so einfach davon."
"Aber besser ich wecke dich auf, als dass du da alleine durch musst.", antwortete ich leise. Dann richtete ich mich auf und kletterte wieder von ihrem Bett herunter, blieb noch kurz auf der Leiter stehen und sah sie an.
"Denkst du, du kannst wieder schlafen? Es kann noch nicht lange nach Mitternacht sein und wir müssen morgen wieder früh raus."
Sie nickte und legte sich zögerlich hin und mummelte sich wieder in ihre Decke. Ich beobachtete sie noch dabei, dann öffnete ich die Tür. "Ich geh mir nochmal kurz was zu trinken holen, bin gleich wieder da." Schnell huschte ich auf den Gang und schloss die Tür hinter mir.



Einige Minuten später stand ich in der Küche des Heims, in dem wir lebten und fischte in einem der Schränke nach einem Glas, um mir etwas Wasser zu nehmen. Mit dem gefüllten Glas lehnte ich dann neben der Spüle an die Arbeitsfläche und ließ meine Gedanken wandern.
Jamie und ich waren etwa zur gleichen Zeit im Heim gelandet, beide noch als Babies. Und seit dem waren wir unzertrennlich. Laut einigen der Mitarbeiter hier hatten wir einfach geklickt. Wir hatten uns von Anfang an verstanden und zusammen funktioniert. Es hat nie wirklich etwas gegeben, was zwischen und stand. Bis auf ihre merkwürdigen Träume. Sie hatte, als wir kleiner waren, im Schlaf schon Angstattacken gehabt, als wir noch nicht mal erahnen konnten, was sowas überhaupt war. Und laut den Mitarbeitern, die uns seit Kindesalter großgezogen hatten, war ich ihr "Heilmittel". Sobald ich mitbekommen hatte, dass es Jamie schlecht ging, bin ich einfach zu ihr ins Bett gekrabbelt und sie entspannte sich fast augenblicklich.
Das hat zumindest am Anfang so funktioniert, innerhalb von wenigen Jahren hatte sich das aber soweit gesteigert, dass sie von der Welt um sich herum nichts mehr mitbekam. Zum Glück flauten diese Attacken allerdings nach ihrem dreizehnten Geburtstag schlagartig ab. Seitdem war nichts mehr gewesen.
Wahrscheinlich hatte es mich deshalb so viel Zeit gekostet, zu realisieren, dass sie wieder in ihrer persönlichen kleinen Hölle gefangen war.

Stumme Tränen flossen übre meine Wangen, als ich daran dachte, dass sie wegen meiner langsamen Reaktionen nur länger in den dunkelsten Ecken ihres Kopfes verbringen musste. Was konnten wir auch so dumm sein zu glauben, das etwas, dass die für zehn Jahre gequält hatte, einfach so verschwand?
Ich hatte sie einmal gefragt, ob sie mir beschreiben könnte, was sie gesehen hatte, aber sie brach in Tränen aus und versteckte sich den Rest des Tages vor mir, bis ich sie in unserem geteilten Kleiderschrank fand. Damals waren wir sieben. ich hatte sie nur besänftigen können, indem ich ihr ein Stück Schokoladenkuchen zuschob, dass ich verbotenerweise aus dem Esszimmer geschmuggelt hatte.
Wieso war es jetzt so plötzlich wieder aufgetaucht?

Geräusche auf den Flur ließen mich innehalten und aufhorchen. Leise, schwere Schritte, die Richtung Treppenhaus verschwanden.
Hektisch stellte ich das Glas in die Spülmaschine und zischte in die andere Richtung über den Flur. Ich ging davon aus, dass die nächtlichen Kontrollrunden schon gelaufen waren. Wenn ich über die andere Treppe schnell genug nach oben kam, würde ich in unserem Zimmer sein, bevor es vom wachhabenden Mitarbeiter kontrolliert wurde.
Nach einem kurzen Sprint die Treppe hoch, horchte ich oben nochmal nach den Schritten. Sei waren schon viel zu schnell viel zu nahe!
Im Schatten der Möbel, die vereinzelt auf dem Flur herumstanden, bewegte ich mich weiter auf unser Zimmer zu, nur um zu sehen, wie kurz bevor ich sie erreichen konnte, ein Mann vor unser Tür stand.
Aber irgendwas an ihm war komisch... Allein seine Kleidung... Er trug schwere Stiefel und dunkle Klamotten, die aussahen, als wären sie aus festerem Stoff gefertigt. Und an seinem Gürtel baumelte etwas, dass ich erst genauer erkennen konnte, als er unsere Tür öffnete und durch diese etwas Licht fiel, dass durch unsere offenes Fenster schien.
Den kurzen Schreckenschrei, als ich eine Waffe erkannte, konnte ich geradeso unterdrücken. Dann verschand er durch die Tür in das Zimmer, dass ich mir mit meiner besten Freundin teile, die eventuell gerade in Lebensgefahr schwebte.


Zitternd schlich ich zur Tür und sah durch den kleinen Spalt, den sie auf stand, in den Raum. Ich hatte das Bett im Blick, konnte aber vor allem nur den Rücken des Mannes sehen, der näher an ebenjenes herantrat. Gespannt darauf, was jetzt passieren würde, hielt ich den Atem an. Rühren konnte ich mich sowieso nicht.  
Voll stummen Schreckens beobachtete ich, wie er aus einer kleinen Tasche etwas herausholte, was einer Spritze ähnelte und es Jamie an den Hals hielt. Wenige Sekunden später trat er etwas vom Bett weg. Im nächsten Augenblick bäumte sich Jamie's Körper auf und sackte dann leblos in sich zusammen, wurde aber von dem Mann aufgefangen, der sie sich über die Schulter warf und nun wieder auf die Tür zu kam.
Panisch wich ich zurück, stieß dabei versehentlich eine Blumenvase um, die mit einem lauten Klirren auf dem Boden zerschellte. Das Geräusch schien den Mann zu alarmieren, denn statt auf den Flur zu kommen, dreht er sofort ab und stieß das Fenster weit auf, schwang sich hinaus. Ich hört nur seinen dumpfen Aufprall auf dem Asphalt in der Gasse, in der er gelandet war.

Kaum dass der Mann aus meinem Sichtfeld verschwunden war, kehrte das Gefühl in meinen Körper zurück. Ich stürzte zum Fenster und sah hinaus, sah wie der Mann mit ihr um eine Straßenecke verschwand. In einer akrobatischen Aktion, die ich wahrscheinlich kein zweites Mal hinbekommen hätte, kam ich irgendwie von meinem Fenster zur Feuerleiter des gegenüberliegenden Gebäudes und kletterte dies hastig hinab, folgte dem mann, der mir meine beste Freundin weggenommen hatte. Aber als ich auf die Straße trat, war er verschwunden. Und von Jamie keine Spur.


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Ähm, ja. Das hier ist mehr oder weniger die Neuauflage einer Geschichte, die ich vor einigen Jahren schon begonnen habe hier zu veröffentlichen. Da die ursprüngliche Version aber ja jetzt schon seit zwei Jahren etwa auf Eis liegt (shame on me), versuche ich jetzt mit etwas aktuellerem Schreibstil und auch etwas regelmäßiger zu veröffentlichen.
Wenn ihr Lust hat, mehr über Tamara und Jamie zu hören, meldet euch gerne in Form eines Reviews oder so.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast