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Bottle of wine

OneshotDrama / P16
Lance Corporal William Schofield
21.02.2020
21.02.2020
1
1.310
4
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Dieses Kapitel
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21.02.2020 1.310
 
Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte und besitze auch keine Rechte an allem, was aus dem Film 1917 übernommen wurde. Ähnlichkeiten zu lebenden (oder mittlerweile verstorbenen) Personen sind nicht beabsichtigt.
Der Titel ist auch hier ein Zitat von Lance Corporal William Schofield aus dem Film.

Kurzbeschreibung: [„1917“] Januar 1917: Der Frost hat die Schützengräben fest im Griff und die Soldaten, die dort ausharren, genauso. Es mangelt an allem, womit ein Mensch sich wohlfühlen könnte und die Gedanken werden merkwürdig, getrieben von Kälte und der Suche nach einem nicht ganz so unangenehmen Platz für die nächste Nacht… [Lance Corporal William Schofield][Spoiler!]

A/N: Es handelt sich hierbei um einen Oneshot und meine zweite Geschichte zu Sam Mendes’ Film 1917.
Die erste Geschichte zu 1917 findet ihr bei Interesse hier: Come back to us







Bottle of wine


Er rieb die Hände aneinander, obwohl ihm mittlerweile eigentlich klar geworden war, dass es nicht helfen würde. Die Kälte war überall, hatte sich durch sämtliche Kleiderschichten gefressen und saß ihm nun hartnäckig auf der Haut. Weder Decken noch die Nähe zu einer Feuertonne hatten daran etwas ändern können. Ein Platz in einem der Unterstände hätte das vielleicht, doch die… Die waren rar gesät und ohnehin den höherrangigen Offizieren vorbehalten. Alle anderen mussten eben zusehen, wo sie blieben und das hieß, sich irgendwo in den Gräben eine Ecke zu suchen, wo man sich hinsetzen konnte, im besten Fall neben einem Kameraden und etwas geschützt. Doch auch solche Ecken waren rar, weil sie schnell besetzt waren. Aber man musste sie ja aufgeben, wenn man seine Ration Essen haben wollte.

Letzte Nacht hatte er einen guten Platz gehabt, jetzt stand er jedoch an, um sich seine Ration dünne Suppe und Brot abzuholen. Es war besser als nichts und am besten, keine auszulassen, wenn man es vermeiden konnte. Die Monate an der Somme hatten das auch den letzten von ihnen gelehrt, sofern derjenige die Schlacht denn überlebt hatte. Die meisten schienen gestorben zu sein. In den Reihen seiner Kompanie kannte er heute kaum noch jemanden aus der Zeit vor der Somme. Nach und nach waren die meisten in Lazaretten und Massengräbern verschwunden und andere hatten ihre Stellungen in den Schützengräben eingenommen. Er schauderte und diesmal lag es nicht an der Januarkälte.

Wenigstens war die Suppe warm gewesen, warm, nicht heiß. Wäre sie heiß gewesen, hätte sie ihn vielleicht einen flüchtigen Moment lang auch von innen heraus gewärmt, so allerdings… So verschaffte sie ihm lediglich eine Erleichterung des Hungergefühls. Sie war auch nicht ganz so dünn gewesen, wie er insgeheim befürchtet hatte, sodass er das Stück Brot vorerst einfach eingesteckt hatte, anstatt es dazu zu essen. Wer wusste denn schon, wann es so etwas wieder gab oder wo er steckte, wenn die nächste Mahlzeit ausgegeben wurde?!
Er trottete durch den Grabenabschnitt, in dem er stationiert war, auf der Suche nach einem einigermaßen geschützten Platz für die Nacht. Doch heute schien er spät, zu spät dran zu sein. Die guten Plätze an den Feuertonnen, in den Ecken oder an den Eingängen zu Unterständen, aus denen manchmal etwas wärmere Luft heraus waberte, waren allesamt besetzt. Was ihm bevorstand, war also eine unangenehme, ruhelose Nacht und das selbst dann,  wenn die Deutschen keinen Angriff geplant hatten. Vielleicht, dämmerte es monoton in seinen Verstand, erfror er auch einfach und wenn schon nicht zur Gänze, dann nur die Finger und die Zehen. Womöglich würde es dann fürs Lazarett reichen, für ein paar Nächte in einem Zelt, auf einem Feldbett mit noch etwas mehr Glück, bis er den Platz wieder räumen musste, um Platz für die nächsten zu machen. Nein. Nein, es war besser, wenn er weiter herumlief, auch wenn das irgendwie jeder Vernunft zum Trotz den hoffnungsvollen Gedanken daran, es könne dazu beitragen, dass ihm wärmer wurde, neues Leben einhauchte. Doch selbst das war am Ende aller Dinge erstrebenswerter als Erfrierungen an Händen und Füßen, und vielleicht, wenn er Glück hatte, wurde irgendwo doch noch ein Plätzchen für ihn frei oder er… Verdutzt hielt er inne. War er tatsächlich so sehr in Gedanken gewesen, dass er nicht darauf geachtet hatte, wohin seine Füße ihn trugen? Es konnte ja gar nicht anders sein! Immerhin verirrte er sich hierher, an den Ausgang aus dem Graben nur höchst selten und doch… Doch stand er nun dort, sah sich plötzlich einem Mann in der Uniform eines französischen Offiziers gegenüber, der mindestens ebenso verdutzt zu sein schien wie er selbst; und für einen ewiglangen Moment sahen sie einander nur an, schweigend, fragend, abwägend. Auf ihn wirkte dieser Franzose schon irgendwie ein wenig unsicher und fehl am Platz, hielt er stumm fest, aber das wäre bei ihm selbst vielleicht nicht anders, wenn er auf einmal allein in einem französischen Graben stünde, also… Der andere trug eine Kiste, nicht sonderlich groß, aber grob und etwas höher als gewöhnlich zusammengezimmert und sichtbar mit Stroh und Lumpen ausgepolstert. Ganz so, als solle darin etwas ungemein Wertvolles transportiert werden, doch warum war es dann hier?! Hierhin nahm man keine Reichtümer mit! Hierher kam man zum Sterben und nicht, um die lebensmüden Leichenfledderer obendrein noch unfreiwillig zu bereichern! Und allein deswegen schon sollte man nicht…

„Was ist da drin?“

Die Worte rutschten ihm unwillkürlich über die Lippen und ohne, dass er vorher einen Gedanken daran verschwendet hatte, ob sein Gegenüber ihn überhaupt verstehen konnte, ob der Mann überhaupt ein paar Brocken Englisch zusammenbrachte. Doch der Franzose stutzte nur, ehe er mit etwas Verzögerung und unüberhörbarem Akzent erwiderte:

„Wein.“

„In Flaschen?“

Nicken.

„Wie viel für eine?“, hakte er nach. Wein… Eine ganze Flasche voll! Verlockend, ganz gleich, ob er nun gut schmeckte, der Alkohol würde ihm die Sinne für die Nacht benebeln und das…

„Was hast du?“

Er schluckte. Viel war es nicht und Geld… Geld war eine hier eine eher ungünstige Währung, um es vorsichtig zu formulieren, das hatte er längst verstanden. Aber… Instinktiv griff er in seine Brusttasche, zog die flache Blechdose hervor, öffnete sie und nahm den Orden heraus, den man ihm an der Somme verliehen hatte. Die Blechdose verstaute er wieder sicher.
Noch vor ein paar Wochen war so stolz gewesen – so stolz! –, hatte es sofort nach Hause geschrieben und nun?

Nun…

Ohne zu zögern hielt er ihn dem französischen Offizier hin.

Der Mann verzog nicht einmal verwundert das Gesicht, bedachte ihn mit keinem einzigen fragenden Blick! Stattdessen nickte er knapp, nahm das Stück Metall mit buntem Band an sich und steckte es wortlos ein, ehe er eine Weinflasche aus ihrem Strohpolster zog und sie ihm hinhielt. Er nahm sie mit einem Anflug von Erleichterung entgegen, denn nicht jeder Tauschhandel in den Gräben ging so reibungslos über die Bühne, und nickte dem Franzosen dieses Mal auch bloß zu.

Sie gingen auseinander ohne auch nur ein weiteres Wort gesagt zu haben. Der französische Offizier verließ den Graben mitsamt seiner Kiste, er hingegen blieb zurück, fragte sich insgeheim noch einen Wimpernschlag lang, wie der Mann überhaupt hierher geraten war und warum, dann verwarf er alle Fragen, denn sie waren bedeutungslos im Hier und Jetzt.
Hier und jetzt brauchte er irgendeinen Platz, an dem er sich niederlassen und trinken konnte, einen Platz, den er nach Möglichkeit für sich allein hatte, um niemandem aus reiner Höflichkeit einen Schluck anbieten zu müssen und nicht von einem seiner Vorgesetzten beim Trinken erwischt zu werden, denn Trunkenheit war… Nun, auch das spielte keine Rolle. Kälte und Tod holten sie alle, die Betrunkenen und die Nüchternen gleichermaßen.

Ein paar Yards weiter lagen ein paar Kisten zwischen vereisten Wasserlachen und noch etwas dahinter sammelte sich hartgefrorener Unrat. Er kannte die Stelle. Hierher kam man eigentlich erst dann, wenn wirklich alle anderen Plätze besetzt waren, doch bis es soweit war, dass außer ihm noch jemand herkam… Er musste die Flasche einfach nur schnell genug leeren, beschloss er. Dann würde auch das keine Rolle mehr spielen.



***

Bei Interesse findet ihr meine dritte Geschichte zu 1917 hier: Wrong hand
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