Auf der Suche

von Kleeblume
GeschichteDrama, Mystery / P16
Chief Jim Hopper Dr. Sam Owens Elf "Elfie" Jonathan Byers Joyce Byers Nancy Wheeler
21.02.2020
03.07.2020
20
49.986
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Dieses Kapitel
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21.02.2020 876
 
„Was wir verlieren, kommt am Ende immer zu uns zurück. Wenn auch oft nicht so, wie wir es erwarten.“

Luna Lovegood
Harry Potter und der Orden des Phönix. David Yates. UK/US 2007



Prolog

Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Oder wie viele Wochen er schon dort war. Sein Kopf schmerzte jeden Tag – oder zumindest jedes Mal, wenn er nach Schlaf, der ihm kaum Erholung brachte, die Augen wieder öffnete. Je mehr Zeit verging, desto mehr zweifelte er an seinen Erinnerungen. Den Dingen, von denen er glaubte, sie gesehen zu haben.
Monster, eine hinter einem Tor verborgene Schattenwelt, Zauberkräfte, Spione in den Uniformen der roten Armee … Das alles konnte gar nicht wirklich passiert sein. Oder doch?
Er hatte zu lange keine Tabletten mehr geschluckt, kein Bier mehr getrunken und keine Zigarette mehr geraucht.
Sein Verstand spielte ihm einen Streich, so wie damals, nach dem Tod seiner Tochter. Daran musste es liegen. Er war verrückt geworden. Schon wieder. Deshalb befand er sich hier in dieser Zelle oder was auch immer der nasskalte Raum ohne Fenster sein sollte.
Er rollte sich auf den Rücken und starrte in die Schwärze. War das tatsächlich die Wahrheit? Hatte seine Fantasie sich diese ganzen Hirngespinste nur ausgedacht?
Was war, wenn nicht? Es gab eine Sache, die ihn daran zweifeln ließ. Eine lange Zeit hatte er gedacht, nie wieder etwas empfinden zu können. Man konnte nicht sagen, dass er wirklich gelebt hatte, seit er in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Dennoch schaffte er es irgendwie, Tag für Tag zu überstehen, bis er auf der Couch vor seinem Fernseher einschlief.
Doch dann änderte sich etwas. Vorausgesetzt, er konnte seinen Erinnerungen trauen. Er hoffte, dass er ihnen trauen konnte. Sie waren alles, was er hier noch besaß.
Er hatte aufgehört, sich taub zu fühlen.
Dieses Mädchen war eines Tages im Winter einfach im Wald aufgetaucht. Jeder hatte gedacht, sie wäre in der Schattenwelt verschwunden. Oder tot.
Aller außer er, der sie versteckt und beschützt hatte, so gut es ging. Sie war nicht wie Sara. Niemand würde ihm je zurückgeben können, was er verloren hatte. Trotzdem hatte sie es geschafft, seine Seele wieder ansatzweise zu heilen. Sie hatte ihn wieder zu einem Menschen gemacht, der etwas empfinden konnte.
Der Gedanke an sie schmerzte. Ein gutes Zeichen. Solange er noch fühlen konnte, dachte er, gab es Hoffnung.
Ob die Kinder in Sicherheit waren? Er hatte versucht, sie zu beschützen. Es musste ihnen gut gehen. Joyce würde niemals zulassen, dass ihnen etwas passierte.
Joyce. Er unterdrückte ein Seufzen. Auch an Joyce zu denken tat weh. Sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass er noch lebte. Genauso wenig wie Elfie. Sonst hätte sie längst ihre Kräfte benutzt, nach ihm gesucht und ihm ein Zeichen zukommen lassen. Aber weder für sie noch für Joyce gab es einen Grund, nach ihm zu suchen.
Schritte rissen ihn aus seinen Überlegungen, begleitet von Stimmen auf dem Flur. Er nahm wenigstens an, dass es ein Flur war. Daran, hierhergebracht worden zu sein, konnte er sich nicht mehr erinnern. Zwischen der Schattenwelt und dem ersten Mal, dass er hier drinnen aufgewacht war, lag lediglich Schwärze.
In dem Wissen, was jetzt gleich geschehen würde, hielt er den Atem an. Es war immer dasselbe, jeden Tag. Zumindest vermutete er, dass es jeden Tag passierte. Hier gab es kein Tageslicht und sein Zeitgefühl hatte sich schon vor einer Weile verabschiedet.
Ein Streifen Licht kroch durch einen Spalt unter der Türe in seine Zelle. Er hörte, wie zwei Männer draußen miteinander sprachen. Das einzige Wort, dass er verstand, war „Amerikanski“. Vermutlich meinten sie ihn damit.
Aber sie liefen an seiner Zelle vorbei und in der Nähe flog eine Türe auf. Ein Mann flehte, bettelte und schrie auf Russisch.
Er schloss die Augen erneut und bedauerte diesen Mann im Stillen. Der Arme hatte keine Ahnung, was auf ihn zukam.
Die Rufe verstummten und das Licht erlosch.
Er wusste jedoch, dass es noch nicht vorbei war. Wenn er seinen Erinnerungen trauen konnte, wartete da unten etwas weitaus Schlimmeres als Gefangensein oder Folter. Etwas Blutrünstiges, das er bereits mit eigenen Augen gesehen hatte.
Der Schrei, den er nach einiger Zeit an seine Ohren drang, klang so leise, dass die meisten daran zweifeln würden, überhaupt etwas gehört zu haben. Er nicht. Denn so sehr er sich selbst misstraute, wusste er, dass er dieses Geräusch zusammen mit dem Anblick des Monsters niemals vergessen würde.
Und er konnte nur auf das Unmögliche hoffen. Dass Joyce sich ebenso so sehr weigern würde zu glauben, dass er tot sei wie damals, als ihr Sohn verschwunden war. Elfie und sie waren seine einzige Chance.
Sonst war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihn ebenfalls an den Demogorgon verfüttern würden.

~~~


Hallo liebe Leser,
man kann diese Geschichte als eine Art Fortsetzung zur dritten Staffel Stranger Things bezeichnen, deshalb warne ich euch vorsichtshalber vor Spoilern.  
Ich möchte euch gar nicht zu viel verraten, aber betonen, dass ich die Geschichte fertig geschrieben habe, bevor Netflix den Teaser zur vierten Staffel veröffentlicht hat.
Ich versuche, jeden Freitag ein neues Kapitel hochzuladen und freue mich wie immer über Favoriteneinträge und Reviews. Aber vor allem hoffe ich, dass die Geschichte euch die Wartezeit auf die vierte Staffel ein bisschen verkürzt und wünsche euch viel Spaß beim Lesen. :)
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