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20.-26. Februar: Die vier Herumtreiber und der Kölner Karneval [by Missing Tales]

GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
James "Krone" Potter Peter "Wurmschwanz" Pettigrew Remus "Moony" Lupin Sirius "Tatze" Black
20.02.2020
26.02.2020
7
28.287
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20.02.2020 3.469
 
Titel der Geschichte: Die vier Herumtreiber und der Kölner Karneval
Kapitel 1: 22.02.1979: Weiberfastnacht
Tag der Veröffentlichung: 20.02.
Zitat: „Wo Freundlichkeit herrscht, gibt es Güte und wo es Güte gibt, da ist auch Magie.“ - Cinderella
Autor: Missing Tales
Hauptcharaktere: James Potter, Sirius Black, Remus Lupin, Peter Pettigrew
Nebencharaktere: Elena Eldritch (als Kind), Lily Evans (erwähnt), Severus Snape (in späteren Kapiteln)
Pairings: keine
Kommentar des Autors: Ein Karnevalsspecial aus dem Jahr 1979. Die vier Herumtreiber haben seit einem Jahr die Schule abgeschlossen, sind dem Orden des Phönix und dem Widerstand gegen Voldemort und seine Todesser beigetreten und doch muss es auch in ihrer finsteren Welt ein bissel wohltuende Erholung geben. Leider gibt J.K. Rowling wenig Informationen zu der Art und Weise, wie das magische Deutschland organisiert ist, daher könnte euch meine Herangehensweise etwas überraschen. Ich wünsche viel Spaß und ein fröhliches “Kölle Alaaf!”.





Ein Zug schlängelte sich unter gleichmäßigem „Rattatatamm, Rattatatamm“ durch die winterlich karge Landschaft. Die zahlreichen, noch immer brachliegenden Felder wurden langsam weniger, als der Zug in dichter besiedeltes Gebiet kam. Kleine, schnuckelige Ortschaften mit spitzen roten Dächern und der unvermeidlichen, kupfergekrönten Kirchturmspitze huschen vorbei, wurden spärlicher und schließlich zunehmend durch hohe, moderne Betonbauten ersetzt, schlicht und geradlinig und zweckmäßig.
Es war einer dieser neumodischen Großraumzüge, auch wenn die drei jungen Männer darin, sie alle waren in die gleichen knallig pinken Hemden gekleidet, sicher die Abgeschiedenheit eines Abteils bevorzugt hätten. Obwohl der Zug zum Bersten voll war, beanspruchten die drei mit ihren großen Koffern und ihrem raumgreifenden Gebaren, das an das Spiel junger Hunde erinnerte, gleich zwei Vierer-Sitzgruppen und den sie trennenden schmalen Gang dazu. Ihr Gejohle und Gerangel störte heute allerdings niemanden in diesem Zug, denn auch die anderen Fahrgäste waren ausgelassener Stimmung, lachten und feierten und stimmten in unregelmäßigen Abständen immer wieder in grölende Lieder ein.
Die Menschen in diesem Zug sahen weder so aus, noch verhielten sie sich wie jene Muggel, die die drei Gäste aus Old England gewohnt sein mussten. Sie waren, es ließ sich nicht anders beschreiben, bunt. Närrisch, verrückt und absolut bunt. Da trugen manche Perücken aus feuerrotem, gelocktem Haar oder mit futuristisch spacigen, blauen Helmfrisuren, andere Perücken mit fast gar keinem Haar, sodass sie aussahen wie glatzköpfige Wichtel in Streifenkostümen. Überhaupt war die Kleidung dieser Menschen, von den rotweißen, militärisch anmutenden Uniformen kombiniert mit verboten kurzen Rüschenröckchen bis hin zu regelrechten Lappenclown-Anzügen, der Inbegriff dessen, was im Zaubereiministerium als „unpassend unter Einhaltung des Geheimhaltungsstatuts“ deklariert worden war. Hier aber trugen nicht nur die Muggelkinder, nein, auch sämtliche Erwachsene die schillerndsten Kostüme.
Unruhig zupfte einer der drei Touristen, ein hübscher, dunkelhaariger Bursche von vielleicht 19 Jahren, an seiner biederen Krawatte herum, die in Kombination mit seinem schulterlangen, fast weiblich schön gepflegten Haar und dem knallpinken Hemd irgendwie fehl am Platz wirkte.
„Da hast du uns aber was eingebrockt, Moony“, knurrte er unzufrieden, „die Muggel in Deutschland scheinen das mit der Kleiderordnung ganz anders zu sehen als in England.“ Unbehaglich lockerte er den Knoten etwas. „Ich kann's ihnen nicht verübeln, ich würd' so ein Ding auch nie freiwillig tragen!“
„Lass das, Tatze!“, schimpfte der mit „Moony“ Angesprochene halblaut und schlug die Hand des Anderen weg. Dafür erntete er eine kurze, kräftige Kopfnuss, doch unbeirrt drohte er, nachdem er sich aus dem halbherzigen Schwitzkasten befreit hatte, mit einem Finger. „Wenn es sein muss, hexe ich dir das vermaledeite Ding an deinem Hemd fest! Es hat ewig gedauert, die Krawatte ohne Magie zu knoten! Und stör' dich nicht an denen da, das sind bestimmt nur Reisegruppen auf dem Weg zu einer der Kostümparties. Ich hab's euch doch erzählt: in Colonia Agrippina, die Deutschen nennen es Koellen, glaub' ich, soll es zu dieser Zeit an jeder Ecke diese Kostümparties geben!“
„Und warum sind wir dann nicht verkleidet?“, maulte der hübsche Junge mit dem seltsamen Namen „Tatze“.
„Sind wir doch! Als Muggel! Richtig, Krone?“
Sie wandten sich an den Dritten der Gruppe, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte. Er war in ihrem Alter und wie Tatze hatte er schwarzes Haar, seines aber wirkte, als kenne es die Begriffe „Kamm“ und „Bürste“ nur vom Hörensagen. Wild und unbändig standen ihm die kurzen Strähnen in allen Richtungen vom Kopf ab und die Gewohnheit des Jungen, gedankenverloren eine Hand durch diese Wildnis zu strubbeln, konnte diesen bejammernswerten Zustand der Frisurlosigkeit auch nicht gerade verbessern. Seinem Spitznamen zum Trotz trug er keine Krone, dafür aber ein pinkes Papphütchen, mit Gummiband unter seinem Kinn befestigt, auf dem zu lesen war: „Stag in Taming“.
„Hey! Krone? Haallo? Erde an James?“
Dass seine Freunde ihn mit in ihr Geplänkel einbezogen hatten, schien James gar nicht bemerkt zu haben, denn er hatte sich leicht aus seinem Sitz in den Gang hinaus gelehnt und spähte angestrengt durch die kreisrunden Gläser seiner Brille.
„Wo bleibt er nur?“, murmelte er ungeduldig, „wir sind gleich da!“ Suchend sah er den Gang auf und ab, doch seltsamerweise spähte er nicht über die Köpfe der vielen stehenden Fahrgäste hinweg, sondern suchte den Boden ab, wo der weite Schlag von Jeanshosen, teils mit Blumenstickereien verziert, über lackierte Stiefel in Gold oder Silber schlackerte, mit deren fetten Sohlen und besorgniserregend hohen, breiten Absätzen sich die Muggel beständig gegenseitig auf die Zehen traten.
„Würmchen kommt schon rechtzeitig“, beruhigte ihn Tatze und schlug James mit seiner Pranke auf den Rücken, als sei er ein übergroßer Welpe und kein Mensch. „Er findet immer einen Weg, weißte doch.“
James hustete durch den plötzlichen Schlag und fuchtelte fahrig abwehrend hinter sich. Er traf Moony an der beeindruckend großen Nase und erntete einen kleinen überraschten Schmerzensschrei. „Lass das, Sirius“, sagte er, „Er hätte längst zurück sein müssen. Im Ernst, wenn er so oft pinkeln muss, warum hext er sich nicht einfach 'ne Windel? Das wär' deutlich einfacher!“
Der hübsche Junge kicherte amüsiert. „Ich wüsste, wen wir da fragen könnten. Hat nicht Molly Weasley letztes Jahr Zwillinge bekommen? Die kennt bestimmt nen guten Windelzauber.“
„Da! Da ist er! Zauberstäbe raus!“ James setzte sich wieder aufrecht hin, als zwischen den dicht gedrängten Schuhen eine kleine, fette Ratte auftauchte, die sich fiepsend und quiekend in ihrem Vierer in Sicherheit brachte.
„Nonrecta videtis!“, murmelte er und tippte mit einem schlanken, langen Holzstab das Sitzpolster hinter ihm an.
Unter dem Schutz des Muggelabwendzaubers verwandelte sich die Ratte in einen aschblonden, dicklichen jungen Mann mit wässrigen Augen. Sein kurzes Kinn schien nahtlos in seinen Hals überzugehen und seine Augen standen so dicht beisammen, dass es fast aussah, als schiele er. „Schlange.... am Klo“, piepste er, ehe sich seine Stimme ganz normalisiert hatte. „Völlig... verdreckt.“
„Warum pinkelst du nicht einfach irgendwo in ‘ne Ecke? Als Ratte verwandelt kannst du ja nicht so viel Urin haben, Wurmschwanz, oder?“ James grinste ihn schelmisch an, als der dicke Junge nun verwirrt zu ihm hochblinzelte und sich zu fragen schien, ob sein Freund den Vorschlag ernst gemeint hatte.
„BOOOAH!“, hörten sie auf einmal eine Mädchenstimme rufen und als sie erschrocken herumfuhren, starrte ihnen ein weit aufgerissenes, braunes Augenpaar aus einem pausbäckigen Kindergesicht entgegen. „Mama, Mama, guck mal! Da schiebste nen Auge! Die haben eben eine Maus in einen Menschen verwandelt!“
„Elena! Red nicht wieder so einen Unsinn und setz dich ordentlich hin!“ Eine Frau mittleren Alters, das Gesicht zu einem lachenden Clown mit kreisrunden, roten Bäckchen geschminkt, zog das Mädchen wieder zurück auf den Sitz, ohne einen einzigen Blick zu den vier Zauberern von den Nachbarsitzen zu werfen. Der Muggelabwendzauber war also noch aktiv. Dennoch sahen sich die vier besorgt an und nervös biss sich Wurmschwanz auf den Finger.
Das blonde Mädchen ließ sich nicht beirren. Wieder tauchte sie über den Sitzen auf. Auf dem Kopf trug sie einen kleinen, pinken Zylinderhut wie jene, aus denen Muggelzauberkünstler gern so taten, als könnten sie Kaninchen herauszaubern.
„Seid ihr Zauberer?“, fragte sie unverblümt. „Ich bin nämlich eine Hexe und ich erkenne Magie, wenn ich sie sehe. Naja, inzwischen. Vor einem Jahr wusste ich es noch nicht, auch wenn schon immer irgendwie komisches Zeug passiert ist. Aber dann kam ja dieser Brief der Mirage-Schule für magische Ausbildung zu Köln und GOTT ich war sooo aufgeregt! Aber ihr wisst ja bestimmt ALLES über das Mirage, richtig? Ihr seid doch Zauberer?“
Als das Mädchen endlich Luft holte, hatte sich James als Erster von seinem Schrecken erholt. Mit gerunzelter Stirn und breitem, britischen Akzent begann er zur Verwunderung seiner Freunde auf Deutsch zu antworten: „So, du bist eine Hexe, ja? Ich bin James, von England, nett, dich zu meeten.“
Das Mädchen kicherte. „Du bist ja schräg! Gibt es in England auch eine Zaubererschule? Wie verwandelt man Mäuse in Männer?“
„Elena!“
„Was, Mama?“
Das Clownsgesicht von Elenas Mutter tauchte wieder auf. Der Abwendzauber musste inzwischen verflogen sein, denn sie sah James direkt an. „Sie müssen entschuldigen, junger Mann, please excuse me. Mein Mädchen erfindet gern...“
„You are a muggle, right? Du bist eine Muggel?“, unterbrach James sie und lächelte ihr freundlich zu.
„Eine was?“ Pikiert sah sie ihn an.
„Sie können nicht hexen.“
„Nein, natürlich nicht. Wer kann schon...“
„But your girl, Elena.“
Unsicher sah sie von James zu seinen Freunden und zurück. „Ich kenne Sie nicht...“, begann sie, doch da sprang Tatze schon ein. Mit einem breiten, gewinnenden Lächeln ergriff er ihre Hand und schüttelte sie kräftig, bevor er in einer übertriebenen britischen Verbeugung auch noch einen dicken Schmatzer auf ihren Handrücken presste. Elenas Mutter errötete selbst noch unter ihrer dicken Schminkschicht.
„Very nice to meet you, mother of the very sweet Elena! Very nice indeed! I am Sirius, seriously! But I'm not very serious.“ Er lachte dröhnend und erntete einen Knuff von James.
„Sirius, seriously? Behave! Entschuldigung, das sind meine Freunde. Sirius, Remus, und unser Kleiner hier ist Peter.“ James lehnte sich verschwörerisch zu Elena herüber. „Peter mag Ratten sehr gern. Er hat eine Haustierratte.“
„Ihh. Im Mirage sind Ratten als Haustiere nicht erlaubt. Nur Katzen oder Kröten oder Eulen. Ich hätte aber lieber einen Niffler, glaub ich. Habt ihr schon mal einen Niffler gesehen? In den Bergbauzechen und Stollen im gesamten Ruhrgebiet soll es sie haufenweise geben!“
James nickte. „Oh ja. Aber ein Niffler mitten in der Stadt ist sicher keine gute Idee. Nicht dass diese Stollen einbrechen, oder?“, gab er grinsend zu bedenken.
Elenas Mutter befreite ihre Hand aus Sirius' Überfallschütteln, doch auch sie schmunzelte jetzt. „Verzeihen Sie, dass ich so vorsichtig war“, sagte sie, „aber es klang alles so unheimlich wichtig in dem Brief, den die Schule uns geschickt hat. Über das Geheimhaltungsgedöns und so. Wir kennen uns da ja eher weniger aus, also...“
„No harm done, Madam. Es macht nichts, ich verstehe sehr gut“, nickte James. Er wusste nicht genau, wie stark die extremistischen Bestrebungen hin zu einer zaubererdominierten Regierung in Deutschland waren, aber gerade für muggelstämmige Hexen und ihre Eltern war es in diesen Zeiten unabdingbar, mit derlei Information wie mit rohen Eiern umzugehen. Was einem ein Kind wie Elena sicher nicht erleichterte.
Jemand zog James am Ärmel und er sah zurück zu seinen Freunden, die ihn völlig perplex anstarrten.
„Du kannst Deutsch sprechen?“, flüsterte Peter ehrfurchtsvoll.
„Mein Vater hatte Geschäftskontakte hier, bevor er seine Firma verkaufte“, erklärte James achselzuckend. „Er meinte, es könnte nützlich sein, wenn ich etwas Deutsch und Albanisch kann.“
„Albanisch???“
„Ja, Tatze, Albanisch! Transsylvanian Industries, größtes magisches Handelszentrum überhaupt? Klingelts?“
„Okay, okay, Angeber, ich gebs auf“, stöhnte Sirius, doch er zwinkerte amüsiert. „Und ich dachte immer, unser Moony hier wäre der Streber.“
Remus gluckste. „Wenn ihr mit 'Streber' meint, nicht zehnmal die Woche die Schulregeln gebrochen zu haben...“
„Genau DAS ist die Definition von 'Streber'!“, konstatierte Sirius.
Peter lachte über seinen Scherz. „Hihi, witzig, Tatze, wirklich witzig.“
Stolz schenkte Sirius ihm ein gönnerhaftes Lächeln.
„Ich kann auch schon ein bisschen Englisch.“ Elena sah wieder über die Sitze zu ihnen herüber. „Aber ihr redet zu schnell. Und was bedeutet 'Schtag in Tamming'?“ Sie zeigte auf James pinkes Hütchen.
James befingerte das alberne Pappding. „Oh, das. Stag in Taming.“ Er beugte sich gespielt ängstlich zu dem Mädchen. „Es bedeutet, dass ich werde entführt.“
Ihre Augen wurden groß und sie starrte unsicher von ihm zu den anderen. „Entführt?“, flüsterte sie schockiert und schlug die Hände vors Gesicht.
Offenbar erriet Sirius, um was es ging, denn er grinste breit und warf dazwischen: „Stag Party!“
James boxte ihn in die Seite. „Es bedeutet eine letzte Reise bevor ich werde heiraten“, erklärte er, „eine wunderbare, kluge, witzige, mutige Frau, mit der ich werde viele Kinder haben und sie werden wie du kleine Zauberer und Hexen auf unserer Zaubererschule in England.“
„Oh, eine Junggesellenparty!“ Elena nickte verstehend. „Auf so einer war meine Schwester auch mal. Dann bedeutet 'stag' Junggeselle?“
Verlegen kratzte James sich hinter dem Ohr. „Ja, so in etwa könnte man es sagen.“
„Wollt ihr dann zum Kölner Karneval? Dann müsst ihr euch aber noch besser verkleiden.“ Kritisch beäugte Elena die Kleidung der vier Männer. „Die pinken Hemden sind schon mal nicht schlecht, aber es fehlt noch etwas... hm... Pepp. Seht mich an, wegen der ollen Geheimhaltung kann man mein Kostüm auch noch gar nicht richtig sehen. Hier, schaut her!“ Sie nahm ihren pinken Zylinderhut ab und tippte ihn einmal an. Pink wurde zu Gold, der Zylinder rundete sich und zwei kleine Flügelchen kamen sirrend und flirrend aus den Seiten hervor.
„Ein Snitch-Hut!“, staunte James beeindruckt. „Magst du Quidditch?“
„Boah, ich fahr' voll drauf ab! Viel besser als das langweilige Fußball von Papa. UND bei den Quidditch-Weltmeisterschaften letztes Jahr wurde Deutschland Weltmeister!“
„Das stimmt“, gab James wehmütig zu. „Hätte das englische Team nicht gerade mit anderen Dingen zu kämpfen, hätten wir euch haushoch besiegt.“
„In deinen Träumen!“, konterte Elena lachend und streichelte zufrieden ihren Hut. „Ich wäre auch gern in der deutschen Nationalmannschaft. Das wäre echt dufte. Oder wenigstens im Schulteam. Ich würd echt hart trainieren, dann würden wir die Gammler der Blomberger Backfische aber so was von abbügeln!“
James verstand nicht die Hälfte von dem, was sie da in ihrer Begeisterung erzählte. „Was bitte... sind blomburger backfishes?“
Elena starrte ihn an, als hätte er gefragt, was ein Klatscher sei. „Na, das Team aus der Zaubererschule Blomberg von Westfalen, Dummie!“, sagte sie, als hätte sie ein ganz besonders begriffsstutziges Kind vor sich.
„So, das Mirage ist nicht die einzige Schule von Deutschland?“
„Aber nein! Natürlich gibt’s in JEDEM Föderationsland eine. Nordrhein, Hessen, Saarland, Westfalen, Mecklenburg, Deutsch-Elsass, und die Schulliga geht auch über alle Schulen, an denen Deutsch gesprochen wird, außer natürlich Schweiz, Luxemburg und Liechtenstein.“
„Elena! Das Elsass ist französisch! Und zwar demokratisch gewählt!“ Missbilligend sah Elenas Mutter auf ihre Tochter. Diese warf die blonden Locken in den Nacken. „Nicht in der Zaubererwelt. Brunhilde sagt, die Zauberergemeinschaft gibt nicht viel auf Zaulosenzankerei.“
„Soso, unsere Politik ist für diese Herren also Zaulosenzankerei? Und wer bitte nennt sein Kind heutzutage noch Brunhilde?“
„Boah, Mama, du bist so peinlich!“ Demonstrativ wendete Elena ihrer Mutter den Rücken zu und lehnte sich weiter über die Rücklehne ihres Zugsitzes.
„Meine Eltern sind Zaulose“, erklärte sie beinah entschuldigend.
James runzelte die Stirn. „Zaulose. Ich kenne nicht dieses Wort“, sagte er.
Halb ungläubig sah Elena ihn an. „Zauberkraftlose natürlich! Das weiß doch jeder!“, rief sie aus. „Jeder auf meiner Schule, jedenfalls. Habt ihr kein Wort dafür? Gibt es bei euch in England nur eine Zaubererschule? Habt ihr dann überhaupt Quidditchtuniere? Und dürfen bei euch auch Zaulose ins Quidditch-Team? Ahh, das wäre so BOMBE! ICH! Elena Eldritch! Im deutschen Quidditch-Nationalteam! Aber ich darf ja noch nicht mal ins Schulteam...“
James schwirrten von ihren vielen Fragen der Kopf und ihre Worte wurden für ihn zu einem unverständlichen Matsch deutschen Silbensalats. Aber etwas hatte er verstanden. „Wenn du so gerne ins Quidditchteam willst, dann mach das doch! Was hält dich ab?“
Elenas Gesichtszüge verloren ihr sorgloses Lächeln. Unruhig flackerte ihr Blick in Richtung Fenster. „Na, es ist, weil ich doch ein Schlammblut bin...“, flüsterte sie fast unhörbar und ganz im Kontrast zu ihren bisherigen Begeisterungsschüben plötzlich schamhaft schüchtern.
James keuchte auf. Dieses Schimpfwort war schrecklich in allen Sprachen und es aus dem Mund eines so kleinen Mädchens zu hören, machte ihn wütend auf die, die sie gelehrt hatten, sich dieses schmutzige Wort zu Eigen zu machen. „Nenn dich nicht selbst Schlammblut!“, sagte er heftiger als beabsichtigt. „Das ist ein ekelhaftes und rückständiges Wort. Wer hat dich so genannt?“
„Die Jungs aus meinem Jahr“, sagte sie, „sie sagen, ich wäre gar keine richtige Hexe.“ Groß sah sie ihn an. „Sie sagen, ich hätte meine Zauberkraft gestohlen, weil vorher keiner in meiner Familie zaubern konnte. Sie sagen, deshalb darf ich niemals Quidditch-Spieler werden oder im Ministerium arbeiten.“
„Das ist der allergrößte Unsinn!“, sagte James fest und nahm sie bei den Händen. „Elena, du darfst alles werden, was du willst und du BIST eine richtige Hexe. Lass niemals, niemals zu, dass solche Idioten dir so weh tun können, hörst du?“
Elena biss sich auf die Lippen und mied seinen Blick. „Aber was ist, wenn sie recht haben?“, presste sie heraus, „was, wenn ich meine Zauberkraft wirklich geklaut habe? Muss ich sie dann wieder zurückgeben? Kann ich dafür ins Gefängnis kommen?“
Um nicht frustriert loszuschreien, schloss James einen Moment die Augen und atmete tief durch. Immer und immer wieder die gleiche, abscheuliche Leier, egal in welchem Land. „Niemand kann Zauberkraft stehlen, wegnehmen oder abgeben“, sagte er ernst, „hat dir das niemand erklärt? Du bist eine Hexe und deine Zauberkraft ist deine ganz allein.“
„Aber, woher kommt sie dann? Wieso ich? Wieso nicht meine Schwester? Sie ist viel älter und viel klüger als ich, viel besser in allem. Wieso ich?“
Darauf wusste James keine Antwort.
Wissend sah Remus ihn an. „That's always the question, isn't it?“, murmelte er und fühlte gedankenverloren nach den längst verblassten Biss- und Krallennarben in seinem Gesicht. „Why me?“
Hilfesuchend sah James zu ihm. „Wenn du schon Deutsch verstehst, dann red du mit ihr! Sag ihr was!“, flehte er auf Englisch.
„No way!“ Abwehrend hob Remus die Hände. „My kind should stay away from children. She's your friend, not mine.“
„Don't look at me!“ Sirius sah alarmiert von James zu Elena und zurück. „Whatever it is.“
Lily würde wissen, was zu sagen war. Lily wusste immer das Richtige zu sagen. Lily!
„Elena, ich hab dir doch von meiner Verlobten erzählt, richtig?“
Sie nickte.
„Lily ist wie du. Keiner ihrer Familie konnte zaubern, sie aber konnte es. Und sie war in der Schule eine der Besten ihres Jahrganges. Eine junge Hexe, der die ganze Welt offen steht. Sie hat mir etwas Wichtiges beigebracht.“ James suchte nach den richtigen Worten und hoffte, er würde den Spruch nicht gnadenlos verhauen.
„Wo Freundlichkeit herrscht, gibt es Güte und wo es Güte gibt, da ist auch Magie.“
Verständnislos sah Elena ihn an. „Was heißt das?“
„Magie ist überall um dich herum, Elena. In deinem tollen Snitch-Hut, selbstverständlich. Aber auch in einem Lächeln, einem freundlichen Wort zu einem Fremden. Einer neuen Begegnung im Zug. In der Liebe deiner Eltern zu dir steckt Magie. Und in dir, ganz tief in dir drin, da ist auch Magie. Du kannst sie nur auf eine ganz andere Art spüren und nutzen, als deine Eltern und deine Schwester es können. Und darum kann sie dir auch niemand nehmen, verstehst du?“
Langsam nickte sie. „Also haben die Jungs gelogen?“, fragte sie mit aufkeimender Hoffnung.
Er lächelte. „Jungs in diesem Alter sind unausstehlich“, sagte er, „ich muss es wissen, ich war selbst einer.“
Ihr helles, befreites Kinderlachen wurde übertönt von einer Lautsprecherdurchsage in breitem Kölner Dialekt.
„Seeeehr geehrte Fahrjäste, in Kürze erreichen wir Köln Hauptbahnhof. Dieser Zug endet hier, wir wünschen allen Fahrjästen eine jecke Zeit in Köln. Dier Pässenschers, plies rememba tu exit. Happy colonia. Sänk ju for träweling Deutsche Bahn.“
Elena sprang auf. „Oh! Gleich da! Jetzt muss ich euch auch mal etwas erklären!“ Ihr geschminktes Gesicht lächelte spitzbübisch, als sie mit einer Hand in eine verborgene Tasche ihres Kostüms griff und mit der anderen James an seiner Krawatte zu sich heranzog und ihm links und rechts ein Küsschen auf die Wangen schmatzte. „DAS nennt sich bei uns 'Bützje'“, sagte sie, „und DAS...“, triumphierend hielt sie den abgeschnittenen Zipfel seiner Krawatte empor, „nennt sich Weiberfastnacht. Willkommen in Köln!“
Lachend lief sie mit ihrer Beute davon und der Zug rollte in den Bahnhof ein. Die vier Herumtreiber klebten an der Fensterscheibe und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das würde ja was werden!





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Der erste Teil eines Mehrteilers! Ich bin echt gespannt, was Tales mit den insgesamt sieben Zitaten anstellt. Den Anfang fand ich schon mal gut und das Zitat war super eingebaut. Es hat mir viel Spaß gemacht dieses Kapitel zu lesen und ich freue mich auf die weiteren.

Eure lula-chan
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