Invasion der Geister

GeschichteÜbernatürlich / P18
OC (Own Character)
19.02.2020
30.04.2020
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Zufrieden legte Asha den Pinsel beiseite. Die alte Wanduhr klickte und verriet, dass der Zeiger soeben die volle Stunde überschritt. Mitternacht. Doch die lange Arbeit hatte sich gelohnt.

Es war der größte Job seit Wochen. Keine winzige Illustration für irgendein schlechtes Zaubertrankbuch, das sowieso niemand las. Ihr Auftraggeber verlangte ein richtiges Gemälde! Asha rätselte noch immer, warum Dr. Donner sie ausgewählt hatte. Als Leiter der deutschsprachigen Magierschule war er im ganzen Land bekannt. Und wenn ihm das Kunstwerk gefiel, könnte sein Geldbeutel einen Teil der letzten Monatsmiete nachbezahlen. Hoffentlich warf der Vermieter sie bis dahin nicht raus. Vor einer Woche hatte er tatsächlich gedroht, den Strom abzudrehen!

Asha nahm die frisch bemalte Leinwand von der Staffelei und legte das Bild vorsichtig auf die ausgebreitete Zeitung am Teppichboden. Ein Träger der Latzhose hatte sich während der Arbeit gelöst und strich über ihren Ellenbogen. Sie schob den Jeans-Stoff beiläufig über ihre Schulter. Jetzt durfte nichts schief gehen. Es fehlte nur eine Kleinigkeit: Move-Pulver. Sie griff nach einer Bambusdose am Esstisch und öffnete den Korkverschluss. Die winzigen Körnchen daraus fielen auf ihre Handfläche.

Mist, schon wieder leer! Das Zeug kostete ein Vermögen. Jeffers Alchemieladen in München verdiente sicher ein Heidengeld an ihren Kunstwerken. Aber es war notwendig, die Kunden wollten magische Bilder. Bevor der nächste Auftrag kommen würde, musste sie in der Stadt neues Move-Pulver besorgen.

Asha konzentrierte sich wieder auf ihr Gemälde. Sie dachte angestrengt an das gewünschte Ergebnis. Dieser Moment, in dem es darum ging, dem Motiv Leben einzuhauchen, war immer der schönste und nervenaufreibendste zugleich. Sie bewegte die geschlossene Faust mit dem Pulver über das Bild. Wenn man zu früh damit begann, würde alles verschwimmen. Wenn man zu lange wartete, würde das Pulver kaum Wirkung zeigen. Natürlich konnte Asha als Squib die endgültigen Bewegungen nicht beeinflussen, darum war es immer wieder spannend, was durch Zufall entstand. Hoffentlich klappte es. Sie hielt die Luft an. Es gab nur einen Versuch. Gerade wollte sie den letzten Rest des Move-Pulvers über die Illustration streuen, da klopfte es an der Tür.

Asha zuckte zusammen. Ihre Finger lockerten sich abrupt.

Nicht jetzt!

Zu spät.

Die feinen Körnchen wirbelten bereits durch die Luft. Ein Teil landete wie gewünscht auf der nassen Oberfläche des Gemäldes. Der andere am Boden.

„Nein nein nein nein ...“, flüsterte sie.

Missmutig betrachtete Asha die ruinierte Arbeit von Stunden. Die Hälfte des Meeres setzte sich langsam in Bewegung. Das darüber gezeichnete Piratenboot sollte eigentlich sanft auf den Wellen dahingleiten und der Wind durch die Segel pfeifen. Stattdessen riss es entzwei und versank zur Hälfte im Ozean, während der andere Teil bewegungslos dalag. Zwei Seemöwen knallten gegen den nicht-magischen Abschnitt des Himmels und ein glänzender Fisch sprang aus dem Wasser. Er landete auf dem unbeweglichen Bereich des Gemäldes, wo er hilflos herumzappelte. Asha schnaubte genervt.

Wieder klopfte es.

Was sollte das denn? Es gab eine Türklingel! Und überhaupt, so spät hatte niemand zu klopfen! Sie streckte sich, um aus dem Fenster über der Küchentheke zu sehen. Neben der Mauer des angrenzenden Hauses parkte ein verrosteter Wagen, der sich seit ihrem Einzug noch nicht vom Platz bewegt hatte. Ein fremdes Auto konnte man unter den Straßenlaternen vor der Einfahrt nicht entdecken. Die Nachbarin, Frau Brunner, kam ihr in den Sinn und Ashas Ärger verflog. Die alte Dame wohnte unter ihr ganz allein im Erdgeschoss des Mietshauses und kümmerte sich um den winzigen Vorgarten. Eigentlich schien sie recht fit zu sein, aber vielleicht war ihr etwas zugestoßen?

Der Besucher ließ sich nicht abwimmeln, denn er klopfte ein drittes Mal.

„Ich komme“, murmelte Asha, um Mowgli nicht aufzuwecken. Sie balancierte über die Zeitung und öffnete die Eingangstüre.

„Ahoi, Frau Barkley.“ Vor ihr stand eine hochgewachsene Gestalt, so nah an der Schwelle, dass Asha instinktiv zurückwich.

Für einen Moment starrte sie ihn perplex an. Es handelte sich definitiv um einen Zauberer. Über dem weißen Hemd trug er eine Krawatte und einen ebenso weißen Umhang mit dunkelblauen Streifen umrandet. Das auffälligste war die Kapitänsmütze auf seinem Kopf. Bei jedem anderen hätte das Ding lächerlich ausgesehen, doch seine geschwungenen Augenbrauen darunter und der durchdringende Blick zeugten von großer Macht. Der auf fünf cm ordentlich zurechtgestutzte Bart am Kinn rundeten das Bild eins einflussreichen Mannes ab.

„Ich nehme an, Sie sind Frau Barkley“, vergewisserte er sich. „Ihre schwarzen, krausen Haare und die Hautfarbe ließen mich darauf schließen. Sie sehen ihrem Bruder ähnlich. Er besuchte vor einigen Jahren meinen Anatomiekurs. Leider habe ich lange nichts von ihm gehört. Ist er zurück nach Indien?“

„Nein, er sitzt in Askaban“, antwortete Asha automatisch und fuhr sich verlegen durch die schwarzen Haare. Askaban war ein Gefängnis für Hexen und Zauberer in der magischen Welt.

„Ach ja, Frau Langford erwähnte das. Bedauerlich.“

„Wer sind ... was wollen ... ahoi?“ Sie konnte sich nicht entscheiden, welche der Fragen sie zuerst stellen sollte.

„Sie wirken überrascht. Dr. Roland H. Donner ist mein Name. Ich nahm an, sie kennen mich. Die Brieftaube meiner Sekretärin ist angekommen?“

„Oh, ja klar, mit Ihrem Auftrag, vor drei Tagen.“ Asha begriff und ließ ihn eintreten. Sofort bereute sie es. Ein paar Steine lagen verstreut vor Mowglis Spielkiste in der Ecke. Auf der schmalen Küchentheke standen zwei Teller mit den verkokelten Überresten der Pizza vom Abendessen. Und ein Berg Wäsche wartete neben der Badezimmertür darauf, gewaschen zu werden.

„Dr. Donner, ich ... also ich hatte nicht erwartet, dass Sie persönlich vorbeikommen, noch dazu mitten in der Nacht.“ Beschämt schob sie einen Farbtopf beiseite und hob schnell einen bunten Regenumhang auf, der vom Haken der Garderobe gerutscht war.

„Ich hielt es nicht für angebracht, ein Muggelhaus tagsüber zu besuchen.“ Neugierig strich der Zauberer über einen alten Holzbalken an der Decke und blickte sich in der winzigen Dachgeschosswohnung um. In seiner gehobenen Kapitänsaufmachung wirkte er fehl am Platz. „Ist mein Energetiker nicht mehr hier?“ Die Unordnung schien ihn nicht im geringsten zu stören.

„Es war niemand hier.“ Asha schüttelte den Kopf. „Bitte sprechen Sie leise, meine Nichte schläft nebenan.“

„Verzeihen Sie, das ist mir unangenehm.“ Dr. Donner verzog den Mund. „Ich wollte Sie nicht so plötzlich überfallen. Er sollte eigentlich seit drei Stunden mit Ihnen die Einzelheiten besprechen. Das ist typisch. Dieser Professor bringt mich um den Verstand. Immer finde ich ihn an Orten, wo er nicht sein sollte und nie dort, wo man ihn hinbeordert.“

„Einzelheiten? Also wenn Sie wegen dem Bild meinen, ich muss noch einmal von vorne -“

„Ah, das Gemälde, ist es fertig? Das hier?“ Bevor Asha ihn aufhalten konnte, kniete sich Dr. Donner vor der Leinwand nieder und hielt sie empor. „Bei Merlin ...“ Eine neue Seemöwe kam ins Motiv geflogen und krachte gegen den nicht-magischen Teil des Himmels, fiel nach unten und blieb dort bei den ersten verunglückten Vögeln liegen.

Entschuldigend fuhr sich Asha durch die kurzen Haare. „Es ist nicht ... also ... es gab ein Missgeschick und -“

„Beeindruckend. Sie müssen nichts erklären, es ist perfekt!“

Irritiert hob sie die Augenbrauen. „Im Ernst?“

„Genauso habe ich es mir vorgestellt.“ Er stupste den zappelnden Fisch mit dem Finger in den beweglichen Bereich des Wassers zurück. Gebannt betrachtete er, wie das Tier wieder heraussprang und erneut auf dem trockenen Meer herumzappelte. „Das wird über meinem Schreibtisch hängen. Ich wusste, Sie sind die richtige für diesen Job.“

„Also Sie finden diese Schei... äh Malerei wirklich gut? Das heißt, Sie kaufen es?“ Asha konnte es nicht glauben.

„Natürlich. Ich habe noch nie etwas gesehen, das den Riss zwischen beiden Welten so hervorragend und tiefgründig darstellt, wie das hier.“

„Wow ... okay.“ Wenn dieser Direktor so problemlos zufriedenzustellen war, hätte Sie sich gar keine Sorgen machen müssen. Es wäre leicht, weitere solcher missgestalteten Werke herzustellen. „Wollen Sie ... ähm ... noch so ein Bild? Sie bekommen auch Rabatt.“

„Auf keinen Fall, ich möchte Ihre wertvolle Zeit nicht verschwenden, Ihre Arbeit hat mich bereits überzeugt. Und damit sind wir bei meinem eigentlichen Anliegen. Der Job war nicht dieses geniale Kunstwerk. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mir eine Ehre ist, es jetzt in meinem Besitz zu wissen.“

„Nicht? Aber ich habe den Auftrag erledigt“, sagte Asha lauter als beabsichtigt und blickte alarmiert auf die Tür des Schlafzimmers. Dann fügte sie etwas leiser hinzu. „Das Bild muss nur noch trocknen, Sie bezahlen mich doch, oder?“

„Gewiss.“ Dr. Donner legte sein Gemälde vorsichtig zurück auf den Boden. „Ich habe das Geld meinem Energetiker mitgegeben, immerhin war es seine Idee. Wenn Professor Trelawney noch nicht verpufft ist, was ich ihm durchaus zutraue, wird er Ihnen den Lohn überbringen.“

Der Name kam Asha bekannt vor, doch sie fragte nicht weiter nach, denn der Blick des Direktors bohrte sich unangenehm in den ihren.

Seine offenen Augen wirkten wie fixiert, als er weitersprach: „Bedauerlicherweise gab es vor einer Woche einen Unfall. Unsere Lehrerin für ‚magische Bilder‘ ist verstorben. Ihr Kurs erfreut sich großer Beliebtheit und ich möchte ihn ungern streichen. Das neue Schuljahr fängt in zehn Tagen an und es ist schwer, in so kurzer Zeit einen Ersatz zu finden. Glücklicherweise schlug Professor Trelawney Sie vor.“

Ungläubig öffnete Asha den Mund. „Mich.“ Unmöglich. „Ich soll unterrichten?“ Das war ein Scherz! „Auf einer magischen Schule?“ Nicht dass sie es nicht wollte, aber ... „Als Squib?“

„Keine Sorge, Sie wohnen natürlich nicht in der Schule unter den ganzen Hexen und Zauberern. Felsmass‘ Farm liegt direkt neben der Burg und Professor Trelawney meinte, eine der angebauten Hütten wäre frei.“

„Das geht nicht.“ Oder? Es ging nicht.

Er fuhr sich über den Bart und starrte sie weiter an. „Nun, es ist Ihre Entscheidung, Frau Barkley.“

Verdammt, erwartete er diese etwa sofort? Sie könnte das Geld gebrauchen. Aber darüber musste man nachdenken! Das ging viel zu schnell! Panisch holte sie tief Luft. Asha hasste Entscheidungen.

„Überlegen Sie, Sie könnten nebenbei ein paar Kurse belegen.“

Fassungslos riss Asha die Augen auf. Sicher hatte sie sich verhört.

„Nur die, in denen keine aktive Magie gebraucht wird, versteht sich.“

„Ich ... ich bin 30 Jahre.“

„Das ist kein Hindernis Frau Barkley. Unser Schulsystem richtet sich nicht nach dem Alter. Alle Kurse schließen mit einer Prüfung am Jahresende und sind frei wählbar. Sie bauen teilweise aufeinander auf und können jedes Jahr nach Interesse neu ausgesucht werden. Wir haben Schüler, die doppelt so alt sind wie Sie.“

Mowgli kam ihr in den Sinn. Asha wusste nicht, wie man Kinder großzog. Sie gestand sich ein, mit der Situation kaum zurechtzukommen, seitdem ihr Bruder die Kleine vor einem halben Jahr hier abgeladen hatte. Das Mädchen bei der Mutter zu lassen kam nicht in Frage. Die Frau hatte sich aus dem Staub gemacht, nachdem sie erfahren hatte, dass Benjamin ein Zauberer war.

„Ich kann hier nicht weg“, sagte sie schließlich. „Ich muss auf meine Nichte aufpassen. Ich habe das Sorgerecht, solange Benjamin in Askaban sitzt.“

„Sie dürfen das Kind natürlich mitbringen. Normalerweise nehmen wir Schüler erst ab 12 Jahren auf, aber in der englischen Schule auf Schloss Hogwarts machen sie das bereits mit 11.“

Zögernd schüttelte Asha den Kopf. „Ich weiß, Mowgli ist vorgemerkt für die Schule, sie ist magisch begabt. Aber sie ist erst neun!“

„Ihre Nichte kann mit den neuen Mädchen dieses Jahrgangs in einem Schlafsaal der Burg Donnerstein unterkommen. Sie wäre nur drei Jahre jünger als die anderen. Ich traf diese Entscheidung nicht leichtfertig. Und da Sie als Vormund in der Nähe sein werden, sehe ich hier keine größeren Probleme.“

Vormund klang gut, dachte Asha belustigt. Sie fühlte sich überfordert mit dem Mädchen. Und der Kleinen ging es ebenfalls nicht besonders gut. Mowgli gab zwar nicht zu, ihren Vater zu vermissen, aber sie zog sich mehr und mehr zurück. Das Kind verfrüht auf die magische Schule zu schicken und all den fremden Einflüssen auszusetzen, war sicher keine gute Idee. Andererseits hatte sich Asha ihr Leben lang gewünscht, Burg Donnerstein zu besuchen. Sie war mit den Erzählungen ihres acht Jahre älteren Bruders über den Unterricht aufgewachsen. Umso schmerzhafter war es für sie gewesen, nach ihrem zwölften Geburtstag keinen Einladungsbrief erhalten zu haben.

„Ich weiß nicht“, begann sie. „Ich meine ... ich habe mir das immer erträumt.“

„Sehr gut. Dann sehen wir uns in drei Tagen“, sagte Dr. Donner, bevor Asha weiter nachdenken konnte. „Die meisten Lehrkräfte reisen in der Woche vor Schulbeginn an. Vergessen Sie mein wundervolles Gemälde nicht. Professor Trelawney wird die weiteren Einzelheiten erklären. Sollte er in den nächsten drei Tagen nicht erscheinen, schicken Sie mir eine Brieftaube.“ Der Direktor wandte sich um und hob seine Hand zum Abschied. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Ahoi Frau Barkley.“

Die Tür fiel ins Schloss und Asha starrte ihm geschockt hinterher. Wie war das denn jetzt passiert? Wie konnte sie einen Lehrer-Job auch nur in Erwägung ziehen? Sie hätte ihm widersprechen sollen, oder? Asha streute doch einfach nur diese Zauberpulver auf ihre Bilder und hatte keine Ahnung, was dabei rauskam. Ohne Magie war es nicht möglich, das Ergebnis zu steuern. Wie sollte sie das den Schülern vermitteln? Und das ein ganzes Jahr lang! Woher bekam man so viel Unterrichtsstoff zusammen, um die endlosen Stunden zu füllen? Gedankenverloren verfolgte Asha eine Gruppe Seemöwen auf dem Gemälde. Sie prallten gegen das feste Himmelstück und rieselten auf den Haufen aus toten Vögeln, der sich mittlerweile am unteren Rand bildete. Ihr wurde übel. Sie hatte vergessen zu fragen, was das für ein Unfall war, an dem die Lehrerin für ‚magische Bilder‘ gestorben war.

„Fuck“, flüsterte Asha. „Was habe ich getan?“

Wieder klopfte es an der Eingangstür.

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* Squib = Nachkomme einer Zaubererfamilie, der selbst jedoch keine magischen Kräfte besitzt.

Anmerkung: Ich freue mich über jeden gefundenen Fehler sowie Meinungen zu Charakteren und Storyinhalt. Danke für's Lesen und viel Spaß euch allen mit der Geschichte! :)
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