Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Gedankentagebuch einer Halbelfe

von Stellaria
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
OC (Own Character)
18.02.2020
20.01.2021
111
278.218
4
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
14.01.2021 2.147
 
Eigentlich wollte ich mir nach dem Aufwachen sofort wieder die Kugel von Emeria ausleihen, doch ein lautes Rumpeln veranlasste die anderen, alle nach oben an Deck zu laufen, wo wir Leif entdeckten, der wohl in einer Öllache vor seiner Küche ausgerutscht war. Obwohl meine Aufmerksamkeit Emeria galt, bemerkte ich auf Ilaros Gesicht ein verräterisches Zucken, sodass mir der Gedanke kam, er sei dafür verantwortlich.
Doch bevor ich nach der Kugel fragen konnte, trat Goldblatt zu uns und nachdem er alle gewarnt hatte, den Streit mit dem Koch nicht eskalieren zu lassen (da dann die ganze Crew darunter leiden musste), verkündete er, vor uns läge das Splitterriff und eine Entscheidung – ob wir hindurch oder drumherum segeln wollten.
Mitten hindurch sei die schnellere Variante, bei der wir es in einem Tag auf die andere Seite schaffen und Sturmbart damit vermutlich zugleich einholen würden. Wenn wir hingegen den langen Weg wählten, würden wir an der Spitze des Riffs nahe am Punkt ohne Wiederkehr vorbeikommen und außerdem vermutlich einigen Monstern begegnen (die allerdings auch im Riff lauern konnten).
Da der Navigator Karl Robin sein Okay für die Passage gab und auch Emeria zuversichtlich wirkte, fragte ich Goldblatt ein wenig provozierend, ob er die Mutter der Porzellankiste oder ein echter Zwerg sei – worauf er aber nicht wirklich einging, sondern nur erklärte, wenn wir den längeren Weg wählten, würde er die Zeit von der Wette abziehen.
Wir beratschlagten uns kurz und entschieden uns dann für den direkten Weg ins Riff, das tatsächlich bereits vor uns lag. Leider bedeutete das auch, dass keine Zeit mehr für die Kugel blieb, denn Emeria marschierte schnurstracks den Mast hinauf, um Karl Robin zu helfen (Mordai flog schon ein Stück vor dem Bug), und auch ich wurde sogleich zum helfen an Deck eingeteilt.
Den ersten Teil des Tages gelang es Goldblatt tatsächlich, das Schiff ohne allzu viele Schrammen (zumindest kamen Sigurd Schuster und Guinney schnell genug mit den Reparaturen hinterher) durch die Untiefen des Splitterriffs zu steuern, doch am Nachmittag tauchten plötzlich vier Boote zwischen den Felsen auf und zugleich zog um uns her ein unnatürlicher Nebel auf.
Sogleich sprangen Smerdis und Vonda an die Ballisten und ich sah gerade noch, wie Smerdis auch tatsächlich eines der Boote traf, während es Vonda irgendwie gelang, ihren Ballisten zu zerstören.
Ich selbst wandte mich der anderen Seite zu und schleuderte einen Feuerball hinaus in den Nebel, dorthin, wo ich kurz zuvor noch ein Boot hatte sehen können. Es tat sehr gut, endlich mal wieder meiner Magie freien Lauf zu lassen und als schließlich fünf Boote ganz in der Nähe aus dem Nebel auftauchten, schleuderte ich einen weiteren Feuerball und setzte damit eines von ihnen in Brand.
Erstaunt bemerkte ich, dass auf zwei der anderen Boote (es waren eigentlich auch eher kleine Schiffe) die Steuermänner völlig ausflippten und einen halsbrecherischen Kurs einschlugen, womit sie sich faktisch selbst versenkten.
Doch leider spürte ich, wie auch unser Schiff erneut an einem Felsen entlang schrammte, denn durch den Nebel konnte Goldblatt nicht wirklich sehen, wo er hinsteuerte, und musste sich ganz auf die Zurufe von Emeria und Karl Robin verlassen.
Prompt hörte ich auch von unten Guinney rufen, sie bräuchten Hilfe. Also machte ich mich auf den Weg unter Deck, als mir plötzlich etwas merkwürdiges ins Auge fiel – auf einem der Piratenschiffe schien die Entercrew völlig verrückt geworden zu sein, denn statt sich zum Entern bereit zu machen, schlugen sie aufeinander ein.
Ich schaute einen Moment zu, doch dann hörte ich wieder Guinney rufen und da Vonda und Smerdis wieder zum schießen bereit waren schien es besser, wenn ich unter Deck bei der Reparatur der von den feindlichen Schiffen und den Felsen geschlagenen Löcher half.
Zu meiner Bestürzung sah es gar nicht gut aus, denn das Wasser hatte bereits angefangen einzudringen und den untersten Teil zu füllen. Ich half, so gut ich eben konnte, und kurz darauf kam auch Ilaro nach unten um zu helfen, doch gelang es uns nicht, genauso viele Löcher zu flicken, wie neue dazu kamen.
Als auch ein Großteil der Crew nach unten kam (da wir langsam aber sicher das Sinken anfingen), meldete sich auch Emeria via Ohrring und leitete uns zu den größten Problemen (woher auch immer sie davon wusste, immerhin war sie immer noch oben an Deck). Dennoch stieg das Wasser noch höher und schließlich, nachdem ich Guinney Lisels alte Zeltplane gegeben hatte, um ein besonders großes Loch notdürftig abspannen zu können, nahm ich meine Magie zu Hilfe, um mir Kiemen und Schwimmhäute wachsen zu lassen, bevor ich nach draußen tauchte, um von außen Bretter gegen das einströmende Wasser besser festhalten zu können.
Immerhin schienen keine weiteren Bolzen einzuschlagen und endlich gelang es uns, wieder die Oberhand über das Wasser zu gewinnen und unser Schiff zu stabilisieren.
Als ich schließlich wieder auf der Wasseroberfläche auftauchte, wurde ich von Emeria mit dem Teppich eingesammelt, auf dem auch schon ein frustriert ins Wasser starrender Smerdis saß, der erklärte, er sei durch einen Schritt durch den Nebel auf eines der Piratenschiffe gelangt, wo er einen Magier entdeckt hätte, der wohl den merkwürdigen Nebel kontrolliert hatte, der ihm jedoch leider entkommen sei.
Zurück auf dem Schiff halfen wir zunächst noch dabei, das Schiff zumindest soweit in Stand zu setzen, dass wir ziemlich sicher nicht doch noch sinken würden, dann wandte Smerdis sich den wenigen Gefangenen zu, die aus dem Wasser gefischt worden waren.
Ich selbst ging zu Emeria, die ich erneut um die Kugel bat, denn nun, da die Aufregung für den Moment vorbei war, wollte ich unbedingt wissen, ob meine schlimmsten Befürchtungen sich als wahr herausstellen würden.
Während ich mich mit Emeria, die unbedingt bei mir bleiben wollte, in eine ruhigere Ecke des Schiffes zurückzog, um mich auf die Kugel einzustimmen, begann Smerdis sein Verhör der drei Menschen und des Halb-Orks, die immer noch pitschnass und ziemlich unglücklich aussahen.
Wir schauten ihm nur mäßig interessiert zu, als plötzlich einem der Gefangenen der Kopf wie einer überreifen Kirsche zerplatzte. Gleich darauf wurden die verbliebenen drei hoch und in Richtung Mast gezogen, wo man sie wohl zunächst einmal festbinden wollte, doch kam es nicht so weit, denn dem, der von Smerdis jetzt offenbar in die Mangel genommen wurde, platze kurz darauf ebenfalls der Kopf.
Ich konzentrierte mich einen Moment wieder mehr auf die Kugel und bekam so nicht richtig mit, was als nächstes passierte, doch plötzlich hatte der Halb-Ork Gnyfaldir in der Hand. Doch statt das Schwert gegen den überrascht aussehenden Smerdis zu richten, stürzte er sich selbst darauf und brach auf den Planken zusammen.
Emeria neben mir war aufgestanden, doch ich spürte endlich die schon vertraute Verbindung zur Kugel und ließ ihre Magie durch mich hindurchfließen. Wieder riss es mich nach oben und durch Schlieren von Farben fort, bis die Fahrt wieder stoppte und mein Blick auf die Terrasse des Herrenhauses in Kranichsfeld fiel, eben jene Terrasse, wo ich Georg schon bei meinem ersten Besuch gesehen hatte.
Und tatsächlich saß in einem der Sessel eine Gestalt in dem gelben Gewand mit dem Kranich, tief über ein Buch gebeugt. Eine vorsichtige Erleichterung machte sich in mir breit, doch zusammen mit dem abflauenden Adrenalin des Kampfes machte es mich so konfus, dass ich kaum etwas anderes wahrnahm.
Erst, als der Zauber sich schon dem Ende zuneigte, bemerkte ich an der Terrassentür einen Schatten und glaubte, gedämpfte Stimmen wahrzunehmen, doch bevor ich richtig hinschauen konnte, riss es mich bereits zurück auf das Schiff, wo Emeria mich wachsam ansah und dann, als ich keine Anstalten machte, in Feuer zu explodieren, die Kugel wieder einsteckte, ehe sie zu Smerdis und dem selbstmörderischen Halb-Ork hinüber ging.
Kurz darauf folgte ich ihr, um wenigstens ein bisschen abgelenkt zu werden. Sie untersuchte zunächst den toten Halb-Ork, auf dessen Brust sie ein recht kunstvolles Tattoo eines Fisches und ein sehr viel einfacheres in seinem Nacken entdeckte, das aus zwei Kreisen mit gleichem Mittelpunkt bestand, die durch vier gerade Striche miteinander verbunden waren.
Als sie sich danach dem letzten überlebenden Gefangenen zuwandte, der sich als Justus Kirstein vorstellte, entdeckte sie auf seiner Brust ein kunstvoll tätowiertes Schiff auf See und das gleiche Symbol wie beim Halb-Ork auch in seinem Nacken.
Nach allem, was wir von ihm und von Smerdis' missglückten Befragungen erfuhren (oder zusammenreimten), hatte der Magier alle der Piratencrew mit diesem Symbol ausgestattet, das ihnen angeblich Schutz bieten sollte, ihnen jedoch den Kopf sprengte, wenn sie irgendetwas über ihn oder das Versteck verrieten.
Emeria erfuhr außerdem, dass Justus in der Kunst magischer Tattoos bewandert war, die er von seinem Vater erlernt hatte, und so kaufte sie Goldblatt den Gefangenen ab, um von ihm in dieser Kunst unterrichtet zu werden. Als sie also unter seiner Anweisung begann, die Haut des toten Halb-Orks mit zunächst sehr einfachen (und dennoch manchmal recht misslungenen) Symbolen zu verzieren, machte ich mich auf den Weg in die Schiffsküche, denn da die Reparaturarbeiten immer noch auf Hochtouren liefen, würde Leif sicher Hilfe brauchen, um die hungrigen Mäuler am Abend mit genug Schinken stopfen zu können.
Zwar funkelte er mich bei meinem Eintreten ein wenig misstrauisch an, doch als ich mich ohne große Worte an die Arbeit machte, schien er ein wenig besänftigt und schweigend bereiteten wir ein großes Abendessen vor.
Als wir es schließlich an Deck brachten, war Emeria gerade dabei, den Rücken eines besonders alten und faltigen Seemanns mit einem (laut dem danebenstehenden und das Lachen kaum unterdrückenden Smerdis) Selbstportrait zu verzieren, wobei sie offenbar eine große Hautfalte übersehen und einfach mit eintätowiert hatte.
Nach dem Essen forderte Smerdis von Goldblatt seinen Gewinn aus der Wette, da wir es nicht geschafft hatten, binnen einer Woche die Sprühende Kraken einzuholen. Ein wenig mürrisch händigte Goldblatt die Summe von 1000 Goldmünzen aus, forderte Smerdis dann aber zu einer Doppelt-oder-Nichts-Wette im Armdrücken heraus, die Smerdis (ganz ungewohnt) jedoch ablehnte.
Während Guinney sich gleich wieder Sigurd Schuster anschloss, um weiter letzte Hand an die Reparaturen zu legen, schloss ich mich ziemlich erschöpft den anderen an, die sich in ihre Hängematten verkrochen (die immerhin wieder trocken waren).

Alles um mich her ist schwarz. Doch vor mir taucht ein schimmernder Weg auf, den ich so schon einmal gesehen habe. Ich folge ihm wie eine Marionette. Der Weg endet, ich schaue hinauf.
Ich schaue hinab auf ein Schiff, sehe ganz vorne im Bug eine Gestalt mit schwarzen Haaren, die Augen nach oben gerichtet – die Augen, die keine Pupille, keine Iris mehr haben, die ebenso und noch schwärzer als das Haar sind.

Der brennende Schmerz einer Ohrfeige ließ mich auffahren und unwillkürlich die Magie aus meinen Händen entfesseln. Erst, als die Flammen wieder erloschen waren, erkannte ich Guinney, die mich ziemlich erschrocken anschaute und wohl gerade noch so mit einem Rückwärtssalto meiner reflexartigen Vergeltungsaktion entkommen war.
Nachdem wir uns beide ein wenig verwirrt entschuldigt hatten (sie für die Ohrfeige, ich für die gegen sie gerichteten Flammen), fragte sie mich, ob ich häufiger Schlafwandeln würde. Als sie außerdem erklärte, ich hätte vollkommen schwarze Augen gehabt, hatte ich das Gefühl, das Herz würde mir zusammengeschnürt.
Wie hatte der Dämon physisch Besitz von mir ergreifen können? Ich hatte die Karte nicht mehr eingesetzt, seit ich für Emerias Rettung den zweifachen Ebenenwechsel genutzt hatte. Und was hatte er gewollt? Wieder ein Portal öffnen?
Ich erklärte Guinney, wenn sie mich je wieder in so einem Zustand bemerken würde, solle sie mich unbedingt wieder wecken (und sich dabei auf weitere Flammen einstellen), denn nicht ich sei es, die da schlafwandle, sondern ein Dämon, der wach sei.
Sie schien ziemlich besorgt, doch ich wimmelte sie rasch wieder ab, ließ sie bei irgendwelchen Reparaturen zurück (beeindruckend, dass sie immer noch dabei war und nicht wie wir – oder besser, die anderen – die Sache der Crew überließ) und kehrte in meine Hängematte unter Deck zurück, wo ich nach kurzem Zögern die Tarotkarte aus dem Beutel zog.
Sie hatte sich verändert. Auf der Vorderseite erkannte ich eine mir unheimlich bekannte Szene: eine Gestalt in Kapuzenmantel im Bug eines Schiffes, den Blick scheinbar nach oben gerichtet. Offenbar hatte sich die Karte selbst aktiviert und zeigte mir hier den Blick auf die kürzliche Gegenwart, was bedeutete, dass mir die Rückseite einen Blick auf die Zukunft bringen sollte.
Mit schalem Geschmack im Mund drehte ich die Karte um.
Die Rückseite zeigte die gleiche kapuzenverhüllte Gestalt, diesmal jedoch kniend und eine weitere Gestalt in langen, silbernen Roben in den Armen haltend, vor dem Hintergrund eines bunten Glasfensters, wie man sie in einigen Tempeln fand.
Verwirrt steckte ich die Karte wieder ein. Wer war die Gestalt mit der Kapuze? Sollte ich das sein? Aber ich war zuvor immer als schwarze Gestalt mit Drachenkopf dargestellt worden, warum hätte sich das ändern sollen? Dann vielleicht der Dämon in mir, der Gute Samariter? Bedeutete dies, er zeigte mir seine endgültige Machtübernahme meines Körpers? Oder könnte es diesmal auch ein Blick in seine Vergangenheit gewesen sein?
Weiter und weiter drehten sich meine Gedanken und während sie immer weiter kreisten versank ich erneut in Schlaf.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast