Erstens kommt es anders

OneshotHumor, Freundschaft / P12
18.02.2020
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Es war der 11. November, 8:14 Uhr, und Fyodor Dostoyevsky stand am Rande der Verzweiflung.

Er wusste nicht, wann zuletzt etwas nicht nach Plan gelaufen war. Genau genommen wusste er nicht, ob überhaupt schon einmal etwas nicht nach Plan gelaufen war; es war seine angeborene Gabe, eine Intelligenz, die es nicht zuließ, dass irgendein ansatzweise logisch denkender Mensch an ihm vorbeikam, ohne dass Fyodor es hätte vorhersagen können. Logik war ein Muster, und solange man wusste, wie es funktionierte, konnte man es zu seinem Nutzen einsetzen.

Leider hatte Fyodor jedoch noch nie bedacht, was passierte, wenn es nun um einen Menschen ging, für den Logik ein absolutes Fremdwort war.

Er hatte sich noch nie mit Feinden auseinandersetzen müssen, die nicht die gleichen Waffen verwendeten wie er. Und mit diesen Feinden konnte er umgehen; schließlich war er hierbei der weitaus bessere Kämpfer, und wenn er es darauf anlegte, würde nicht einmal Dazai, der ihn beinahe sein ganzes Leben kannte, gegen ihn ankommen.

Dazai folgte ihren Spielregeln. Jeder, gegen den Fyodor bis jetzt gespielt hatte, hatte das getan. Deshalb wusste er auch nicht, was er tun sollte, wenn jemand auftauchte, der weder Logik noch Regeln kannte.

Es war der 11. November, 8:14 Uhr, und Nikolai Gogol hätte nicht glücklicher sein können.

Sicher, der Weg dorthin, wo er jetzt war, war kein einfacher gewesen. Nikolai wartete seit Monaten auf diesen Tag, und seit Monaten hatte er sich auch schon darauf vorbereitet. Und diese Monate Zeit hatte er auch gebraucht!

Immerhin war es nicht schwierig gewesen, den richtigen Tag herauszufinden. Nikolai hatte zwar jetzt keine Ahnung, was Fyodor über ihn wusste, aber er war sich vollkommen sicher, dass es diese Information wert gewesen war.

Der erste Schritt war der einfache Teil der ganzen Sache gewesen. Das, was danach kam, war eindeutig anspruchsvoller gewesen- sehr, sehr viel anspruchsvoller. Nikolai hatte mitgezählt. Es waren 18 Pläne gewesen, die er nach vollkommener Ausarbeitung verworfen hatte. Er hatte wirklich jeden einzelnen Tag dieser Monate gebraucht, aber das war die Sache eindeutig wert gewesen.

Das alles hatte vor etwa einer halben Stunde begonnen.

Fyodor hatte sich auf diesen Tag gut vorbereitet gehabt. Im Krieg der Fähigkeitenorganisationen herrschte schon eine Weile lang Ruhe; seine Feinde würden in der nächsten Zeit vermutlich keine Angriffe wagen, die Todesmale des Engels verhielten sich ebenfalls relativ ruhig, es war der perfekte Zeitpunkt für seine eigene Organisation, zum Zug zu kommen.

Nur leider hatte der Tag schon nicht ganz so gut begonnen, wie er es eigentlich hätte tun sollen. Anscheinend war Fyodor in der Nacht irgendwann eingeschlafen, und Ivan hatte ihn am nächsten Morgen natürlich nicht geweckt, deshalb hinkte er mit seinem Zeitplan bereits jetzt schon hinterher. Rückblickend betrachtet hätte ihm das vermutlich bereits eine Warnung sein sollen.

Nachdem er die letzte Besprechung des Plans jedenfalls sehr verspätet abhielt, kam die zweite Unterbrechung; und zwar eine, die Fyodor nicht nur keineswegs erwartet hatte, sondern von der er von Anfang an wusste, dass das lange dauern könnte.

„Alles Gute zum Geburtstag, Dos-kun!“

Puschkin fiel beinahe von seinem Stuhl, Ivan machte einen kleinen Sprung zur Seite, Fyodor zuckte nur kurz zusammen und schloss die Augen. Das konnte… das durfte doch nicht wahr sein. Es war nicht so, als hätte er Nikolai jemals erzählt, wann er Geburtstag hatte; es war nicht so, als hätte er irgendjemandem je erzählt, wann er Geburtstag hatte. Verflucht sei Sigmas Fähigkeit. Aber gut, das erklärte wenigstens die scheinbar vollkommen unnützen Fakten über Nikolai, die er plötzlich kannte.

„Geburtstag?“, wiederholte Ivan und Fyodor stöhnte leise. Natürlich, der würde sich nicht mit den unwichtigen Details aufhalten, wer zur Hölle dieser Clown war und wie er hierher gekommen war. „Stimmt das, mein Herr?“ Er sah zwischen Nikolai und Fyodor hin und her.

„Natürlich stimmt das!“ Nikolai antwortete, bevor Fyodor die Möglichkeit dazu hatte, aber eigentlich hatte er auch nicht vorgehabt, Ivan darüber aufzuklären. Spätestens jetzt wären alle Versuche, seine Pläne noch zu retten, vergebens. Bei Nikolai hatte er ja noch gehofft, ihn irgendwie abwimmeln zu können, aber jetzt, wo Ivan es erfahren hatte… war dieser Tag offiziell vorbei.

„W-warum habt Ihr das nicht gesagt?“ Ivan blinzelte. „Warum weiß er das und ich nicht?“

Fyodor ersparte sich eine Antwort.

Und wie bereits erwartet, schien Ivan das überhaupt nicht zu bemerken. „Egal! Ich werde sofort etwas backen!“ Mit diesen Worten lief er aus dem Raum, bevor Fyodor dazu kam, etwas dagegen zu sagen.

„Und ich hol den Vodka!“ Damit war auch Puschkin verschwunden.

Einen Augenblick lang sah Nikolai den beiden mit gemischten Gefühlen nach. Einerseits hatte er nicht erwartet, dass es so einfach werden würde, die Ratten loszuwerden, andererseits passte es ihm nicht ganz, dass sie nun ebenfalls feiern wollten. Schließlich hatte er alles vorbereitet! Vielleicht hätte er doch warten sollen, bis sie von allein gingen? Aber er war doch so aufgeregt gewesen. Und außerdem wäre er vermutlich aufgefallen, wenn er zu lange vor dem Gebäude gestanden wäre.

Nikolai beschloss, sich einfach darauf zu verlassen, dass die beiden schön lange beschäftigt wären und in dieser Zeit bei Fyodor zu bleiben.

Dass der alles andere als begeistert aussah, fiel Nikolai sogar auf, aber er machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Sobald Fyodor erfuhr, was Nikolai für heute geplant hatte, würde er sich bestimmt darauf einlassen.

„Alles Gute zum Geburtstag, Dos-kun“, wiederholte er freudig, diesmal, während Fyodor auch tatsächlich zuhörte und die anderen beiden aus dem Raum verschwunden waren. „Weißt du denn schon, wie du feierst?“ Das war eine rhetorische Frage. Nikolai hatte keine Ahnung, was passieren würde, sollte Fyodor mit „ja“ antworten.

„Keine Ahnung“, murmelte Fyodor, ohne ihn dabei anzusehen.

Nikolai störte sich nicht weiter daran. „Großartig! Ich nämlich schon!“ Er klatschte in die Hände wie ein kleines Kind, und in Fyodors Augen traf diese Beschreibung gerade sehr gut auf seinen Kameraden zu. Wie kam der auf die Idee, Geburtstag zu feiern? Und dann auch noch den von ihm. Fyodor hätte es schon befremdlich gefunden, wenn der Clown seinen eigenen Geburtstag feierte, aber…

Geburtstagsfeiern waren wirklich das kindischste, was sich Fyodor in diesem Moment vorstellen konnte. Oder wenigstens dachte er das… Kinder feierten doch Geburtstag, oder? Fyodor selbst hatte noch nie so etwas erlebt. In den frühesten seiner Erinnerungen war es eine Seltenheit, wenn sein Geburtstag überhaupt erwähnt wurde. Wofür denn schließlich die Existenz eines Befähigten feiern, noch dazu mit einen mit einer Fähigkeit wie seiner? Absolut unvorstellbar.

Fyodor hatte seinen Geburtstag noch nie gefeiert, das war schon so eine Tradition geworden. Er hatte schließlich auch noch nie jemanden gehabt, der es für nötig befunden hätte. Wenn er ehrlich war, bis zu Nikolais Überraschungsbesuch hatte er selbst überhaupt nicht darüber nachgedacht, welcher Tag heute war.

Natürlich bis auf ein perfekter Tag für einen Angriff, aber die Hoffnung, dass daraus heute noch etwas werden könnte, hatte inzwischen den Nullpunkt erreicht.

„Komm mit!“ Nikolai ließ sich von Fyodors Schweigen nicht beirren. „Ich habe alles vorbereitet! Du musst dich um nichts mehr kümmern!“ Er wedelte mit einer Hand, doch zu seiner Enttäuschung machte Fyodor keine Anstalten, aufzustehen. Aber gut, hatte er das wirklich erwartet? „Komm! Es wird dir bestimmt gefallen!“

Fyodor schloss kurz die Augen. „Hör auf damit, Gogol. Schlimm genug, dass Ivan und Puschkin jetzt in den nächsten Stunden nicht zu gebrauchen sein werden.“

Bei diesen Worten schoss ein kleiner Stich durch Nikolais Brust. „Aw, Gogol?“, wiederholte er mit bewusst gespielter Enttäuschung in der Stimme. „Seit wann nennst du mich bei meinem Nachnamen? Was ist aus Kolya geworden?“

Nein, Fyodor hatte sich eindeutig geirrt, wenn er Nikolai mit einem kleinen Kind verglichen hatte. Dieser Mann war ein verdammtes Baby. „Wenn du mich jetzt in Ruhe lässt“, bot er angespannt an, „nenne ich dich, wie auch immer du willst. Aber ich habe heute noch etwas zu tun! Du warst hier, ich weiß es, also kannst du jetzt wieder gehen.“

Leider hatten seine Worte keinerlei Effekt auf seinen Kameraden. „Du willst doch nicht wirklich an deinem Geburtstag arbeiten, oder? Komm schon, ein freier Tag wird doch nichts machen…“

„Doch! Das ist nicht irgendein freier Tag. Es geht hier wirklich um etwas wichtiges, und nur, weil ich zufällig heute geboren bin, will ich das nicht verschwenden.“ Er sah Nikolai an, doch in dessen Auge lag bereits ein Ausdruck, der Fyodor zeigte, dass jedes Reden hier umsonst wäre.

„Ich klau deine Ushanka.“

„Wenn du das tust, bring ich dich um.“

Daran zweifelte Nikolai nicht und er hatte auch keine andere Reaktion erwartet, aber einen Versuch war es wert gewesen. Außerdem gingen ihm jetzt langsam die Ideen, wie er Fyodor überzeugen sollte, aus. Bis auf… „Bitte, Dos-kun!“ Nikolai ließ sich auf die Knie fallen und sah Fyodor mit dem flehendlichsten Blick an, den er aufbringen konnte. „Nur eine Stunde! Ich wette, bis dahin gefällt es dir so gut, dass du gar nicht mehr gehen willst! Ich werde auch…“

Nikolai sprach noch weiter, aber Fyodor hörte nicht mehr zu. Es war nicht schön, das zuzugeben, aber: Es gab keine Möglichkeit, diese Situation noch irgendwie zum Guten zu wenden. Nicht nur, dass er die Ratten so gut wie vergessen könnte, dieses jammernde Riesenbaby auf dem Boden vor ihm würde mit Sicherheit nicht freiwillig gehen, bis Fyodor mit ihm kam. Er könnte Nikolai zwar hinauswerfen, aber mit seiner verdammten raummanipulierenden Fähigkeit würde das sowieso nichts nützen. Nikolai einfach ignorieren, ging auch nicht, immerhin war er kein Mitglied dieser Organisation und hatte hier nichts zu suchen, schon gar nicht, wenn es um die Besprechung einer Mission ging. Ganz abgesehen davon, dass sich Fyodor mit dieser weinerlichen Stimme im Hintergrund nicht konzentrieren konnte.

Egal, wie er es drehte und wendete: Er hatte, kurz gesagt, keine Wahl.

Mit einem Seufzen stand er auf, was Nikolai sofort zum Schweigen brachte. Fyodor sagte nichts, aber im Gesicht des Clowns war ganz klar zu sehen, dass er wusste, wer hier gewonnen hatte. „Du wirst es ganz bestimmt nicht bereuen!“, versicherte er ihm mit eindeutig zu viel Enthusiasmus in der Stimme und sprang wieder auf. „Komm!“ Er hielt seinen Umhang auf und sah Fyodor auffordernd an.

„Ja, das… kannst du vergessen.“

„Komm schon!“ Und schon wieder dieser klagende Tonfall. Fyodor konnte nicht glauben, dass hier wirklich ein Massenmörder und einer der gefährlichsten Befähigten in dieser Stadt vor ihm stand. Auf jeden Fall schien Nikolai Gogol die mentale Reife eines Vierjährigen zu besitzen. „Das macht keinen Spaß, wenn du nicht mitmachst!“

Das sollte Spaß machen? Das war Fyodor neu. Aber so wenig Lust er auf diese Sache auch hatte, vermutlich würde es das ganze am ehesten abkürzen, wenn er einfach mitspielte. Weiter als bis auf die Straße vor dem Gebäude würde The Overcoat sowieso nicht reichen. „Meinetwegen…“

Beinahe schon erstaunt stellte Fyodor fest, dass er sich wenige Sekunden später wirklich nur unweit von seinem ursprünglichen Standpunkt entfernt auf der Straße wieder fand. Wenigstens eine Sache, die er an diesem verdammten Tag kalkulieren hatte können.

„Hast du Lust auf ein Quiz?“ Einen Augenblick später tauchte Nikolai neben ihm auf, in seiner Stimme und seinem sichtbaren Auge lag die gleiche fröhliche Begeisterung, die er schon den ganzen Tag gezeigt hatte.

Fyodor blieb still. Er hatte das starke Gefühl, dass er an seiner Situation nicht das Geringste ändern könnte, egal, was er darauf sagte.

Wenigstens in diesem Punkt sollte er Recht behalten.

„Wohin gehen wir jetzt?“ Nikolai lief einige Schritte voraus und Fyodor folgte ihm mehr oder weniger freiwillig, ohne eine Antwort zu geben.

Es war der 11. November, 8:14 Uhr, und zwei der gefährlichsten Befähigten, die sich gerade in Yokohama aufhielten, gingen einfach nur nebeneinander durch die Straßen, als wäre es das normalste auf der Welt. Während einer von ihnen quasi ununterbrochen redete und der andere so aussah, als würde er ihn am liebsten von der nächsten Brücke schubsen.

Fyodor hatte nichts gegen Nikolai, wirklich. Er war nicht dumm, ein geschickter Kämpfer und wusste mit seiner Fähigkeit umzugehen. Er war auf jeden Fall kein schlechter Verbündeter, aber in diesem Moment wünschte sich Fyodor einfach nur, er wäre heute nie aufgetaucht. Es sollte der Tag werden, an dem die Ratten im Haus des Todes vielleicht einen bedeutenden Schritt in diesem Krieg machen würden, nicht der Tag, an dem er seinen Geburtstag mit einem Mitglied der Todesmale feierte.

Fyodor fühlte sich mehr als unwohl, als er hinter Nikolai ein ganz gewöhnliches Hochhaus betrat. Sich so offen zu zeigen… hatte Nikolai den Verstand verloren? Selbstverständlich unter der Vorraussetzung, dass hier noch irgendetwas übrig war, was er hätte verlieren können. Vermutlich war das auch die plausibelste Erklärung.

„Also…“ In Nikolais linkem Auge konnte Fyodor bereits das unheilvolle Glitzern erkennen, das ihm eine ungefähre Idee gab, was jetzt wohl kommen würde. „Willst du laufen, oder…“ Er sprach nicht weiter, aber das Rascheln seines Umhangs nahm ihm jede weitere Erklärung ab.

„Gibt es keinen Aufzug?“

„Ist kaputt.“ Das Grinsen auf Nikolais Gesicht machte es sehr schwer, nicht anzunehmen, dass er auf die eine oder andere Weise dahinter steckte. Das, wiederum, war etwas, das Fyodor ihm jederzeit zutrauen würde.

Er überlegte kurz. Dass Nikolai ihn an irgendeinen völlig unwillkürlichen Ort brachte, konnte er aufgrund der räumlichen Einschränkung von dessen Fähigkeit immer noch ausschließen, aber sobald Ivan und Puschkin mit ihren eigenen Vorbereitungen fertig waren, würden sie ihn vermutlich von hier abholen kommen wollen… in diesem Fall müsste Fyodor wissen, in welchem Zimmer sie sich genau befanden. Andererseits würde ihm die Lage und Aussicht aus den Fenstern genug Aufschluss darüber geben, und ganz abgesehen davon hatte er einfach keine Lust, jetzt eine ungewisse Anzahl an Treppen hinaufzusteigen. Sollte er wirklich noch dazu kommen, seine ursprünglichen Pläne für diesen Tag umzusetzen, würde er seine Energie für wichtigeres brauchen.

Fyodor seufzte. „Na gut.“ Er schloss die Augen und drehte den Kopf langsam zur Seite, um Nikolai seine Zustimmung zu signalisieren.

Und auch diesmal funktionierte die „Zusammenarbeit“ allem Anschein nach sehr gut; wenigstens schien Fyodor sich noch im gleichen Gebäude zu befinden, im zweiten Stock (diese Distanz hätte er auch laufen können), in einer Wohnung mit ungerader Nummer. So viel konnte er wenigstens herausfinden, bis Nikolai nachkam. „Setz dich nur schon hin!“ Er lief sofort zu einem Tisch am anderen Ende des Raumes hin und zog einen Stuhl zurück.

So seltsam sich diese Situation für Fyodor auch anfühlte, er ging langsam hinüber und setzte sich hin, während Nikolai zur Küche (oder wenigstens beschloss Fyodor, die Schränke und Vorrichtungen ihm gegenüber so zu bezeichnen) zurückkehrte und mit bewundernswerter Zielsicherheit begann, Töpfe und Geschirr aus den einzelnen Schubladen auszuräumen.

Zwar war Fyodors Sichtfeld durch die Theke etwas eingeschränkt, aber sein Kamerad schien ziemlich sorgfältig und konzentriert zu arbeiten. Fyodor war dieses Verhalten ein Rätsel. Natürlich, Nikolai war ein allemal ernst zu nehmendes Mitglied der Todesmale des Engels und er hatte selbst schon gesehen, wozu dieser Clown fähig war, und eigentlich wäre es ihm auch niemals eingefallen, an Nikolai zu zweifeln, allein schon deswegen, weil der ihm nie einen Anlass dazu gegeben hatte. Bis heute jedenfalls, und Nikolai war auf dem besten Weg, Fyodors Meinung zu ihm auf ganzer Linie zu ruinieren.

Eine Zeit lang blieb es still, keiner sagte etwas und alles, was zu hören war, waren Nikolais Vorbereitung in der Küche. Fyodor war im weitesten Sinne allein mit seinen Gedanken; nicht, dass es ihn unter normalen Umständen gestört hätte, im Gegenteil, eigentlich hatte er es genau so gern, aber heute würde er sich sowieso auf nichts Nützliches konzentrieren können. Auch, wenn er versuchte, es zu vermeiden, so gut es ihm möglich war, irgendwie kehrten seine Gedanken immer wieder dazu zurück, was in dieser Sekunde wohl gerade wäre, wäre dieser Tag auch nur annähernd nach Plan verlaufen.

Mehr, um sich davon abzulenken, als weil es ihn wirklich interessierte- um alles in der Welt, er wollte es überhaupt nicht wissen- fragte Fyodor schließlich halblaut: „Und was hast du heute noch alles vor?“ Dabei war er sich der Tatsache, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde, mehr als bewusst.

Aber der Clown schaffte es, Fyodors nicht vorhandene Erwartungen zu unterbieten. Was ihn inzwischen auch nicht mehr überraschen dürfte. „Das wirst du schon noch sehen!“ Er drehte sich um und kam wieder zum Tisch zurück, eine Tasse in der Hand, die er vor Fyodor abstellte. „Was wäre das denn für ein Geburtstag, wenn ich dir alles verrate, was heute passiert?“

„Keine Ahnung“, murmelte Fyodor. Eigentlich hatte er mehr zu sich selbst gesprochen, und er hatte auch gar nicht erwartet- oder gewollt-, dass Nikolai ihn hörte, aber anscheinend hatte seine Antwort seinen Kameraden wirklich interessiert oder er hatte einfach nur zu laut gesprochen; egal, welche von diesen Optionen zutraf, das Ergebnis blieb das gleiche.

Nikolai blinzelte erstaunt. „Wie, keine Ahnung?“, wiederholte er. „Kennst du keine Überraschungen? Funktionieren Geburtstage nicht so?“

Nun, das erklärte so einiges. Diesmal jedoch gab Fyodor keine Antwort mehr, weil er wenig Lust darauf hatte, mit Nikolai über Geburtstagstraditionen zu sprechen. Stattdessen schloss er nur kurz die Augen und drehte den Kopf zur Seite.

Für Nikolai schien diese Diskussion damit ebenfalls beendet. „Egal. Du solltest den Tee trinken, bevor er kalt wird. Ich habe auch Kuchen, warte kurz…“ Mit diesen Worten lief er zurück ans andere Ende des Raumes.

Fyodor nippte an dem Tee und verfolgte mit den Augen Nikolais Bewegungen. Ein bisschen nervös machte es ihn doch, seinen Kameraden so in der Küche herumlaufen zu sehen, als ginge es bei dieser Sache um sein Leben, aber hatte das Gefühl, das Geschehen sowohl um Nikolais als auch seiner selbst Willen beaufsichtigen zu müssen. Dass Nikolai ihn vergiften wollte, bezweifelte er zwar, aber ganz vertrauenswürdig erschien sein Werken in der Küche nicht. Sicher war sicher.

Erst, als Nikolai mit zwei Stück Kuchen zurückkam und sich ihm gegenüber an den Tisch setzte, ließ Fyodor die Tasse wieder sinken. Diese Sache musste er Nikolai lassen; er hatte sich wirklich Mühe mit diesem Tag gegeben. Und unter allen anderen Umständen hätte er sich vermutlich sogar darauf einlassen können, aber nicht so- nicht heute. „Und wenn ich das esse, lässt du mich gehen?“

„Das klingt ja so, als wärst du gar nicht freiwillig hier.“

Fyodors Blick sprach Bände, aber Nikolai schien nicht das geringste Problem dabei zu haben, diese Botschaft auf ganzer Linie zu ignorieren. Und Fyodor fragte sich, warum er es überhaupt noch mit diesem Clown versuchte.

Bewusst auf eine verbale Antwort verzichtend, nahm Fyodor vorsichtig einen Bissen von dem Kuchen.

Sein erster Impuls wäre es gewesen, ihn direkt wieder auszuspucken. Fyodor hustete und schaffte es in diesem Zustand irgendwie, den Kuchen zu schlucken, bevor er den Teller von sich weg schob. „Hat…“ Er schluckte einige Male und wartete, bis er sich wieder gefangen hatte, bevor er weiter sprach. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du nicht backen kannst?“

„Och…“ Nikolai blinzelte, verteidigte sein Werk jedoch nicht. Fyodor schlussfolgerte, dass dieses Verhalten darin begründet lag, dass sein Kamerad inzwischen den Kuchen selbst ebenfalls gekostet hatte. „Bis jetzt noch nicht. Aber es ist der Wille, der zählt, oder?“

Nein. Und vor allem nicht in diesem Fall. Fyodor setzte dazu an, Nikolai das auch zu sagen, doch bevor er dazu kam, ertönte eine Melodie, die ihn anfangs ein wenig erschreckte, bevor er sie als seinen Klingelton identifizieren konnte. Fyodor holte das Telefon aus seiner Tasche, doch bevor er abheben oder auch nur die Nummer lesen konnte, erschien Nikolais Hand neben ihm und nahm ihm das Handy weg.

Diese Fähigkeit begann wirklich zu nerven.

„Ah, Dos-kun…“ Nikolai schaltete das Handy anscheinend aus und legte es- wieder mithilfe seiner Fähigkeit- auf das Sofa. „Ausnahmsweise nicht heute! Du hast doch gesagt, du arbeitest nicht, oder?“ Er blinzelte.

Fyodor atmete einmal tief durch. Das hier war ein anderes, ein wichtiges Mitglied der Todesmale des Engels, einer Organisation, die nicht unter seiner Führung stand, und Kamui würde es mit Sicherheit nicht gefallen, sollte Nikolai heute sterben. „Ich habe das nie gesagt, Gogol“, murmelte er kalt. „Ich bin nur hier, weil du mir keine andere Wahl gelassen hast. Wahrscheinlich ist das sowieso nur Ivan, der wissen will, wo ich bin, was ich ihm im Übrigen auch nicht verdenken kann. Also, darf ich jetzt mit ihm sprechen?“

Jeder andere hätte den Tonfall des Dämons als allerletzte Warnung erkannt, bevor sie seine Fähigkeit zu spüren bekommen würden. Jeder. Aber natürlich saß vor Fyodor der einzige Mensch auf dieser Welt, den diese unausgesprochene Drohung völlig kalt ließ. „Och, bitte, Dos-kun.“ Nikolai lehnte sich ein Stück nach vorne und stützte den Kopf in eine Hand. „Nenn mich Kolya und ich gebe es dir zurück.“ Er grinste.

Fyodor musste sich sehr zusammenreißen, keinen Umweg zu Nikolais Platz zu machen und damit sein Todesurteil zu unterschreiben, als er aufstand, um das Handy selbst zu holen.

„Nein! Das ist gemein! Du bist gemein! Das darfst du nicht!“ Nikolai beschwerte sich zwar lautstark über diese Entwicklung, aber immerhin blieb er sitzen und Fyodor versuchte, das Telefon so zu halten, dass Nikolai es auch mit seiner Fähigkeit nicht erreichen könnte, ohne ihn dabei zu berühren. Das war zwar ein wenig umständlich, aber es gelang ihm, das Gerät wieder einzuschalten und die Nummer- die anscheinend tatsächlich zu Ivan gehörte- zurückrief, während er insgeheim betete, dass der auch abhob und ihn am besten gleich abholen kam.

„Mein Herr? Wo seid Ihr?“ Es war eine der seltenen Situationen, in denen Fyodor ganz dankbar war, dass sich Ivan nicht mit irgendwelchen unnützen Details aufhielt. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber leider war Ivan schneller- und da waren auch die lästigen Eigenschaften, die ihm nach der Operation geblieben waren. „Der Kuchen ist fertig! Und- lass das, Puschkin, der ist für später- entschuldige- der Vodka auch.“

Den würde er brauchen. „Wunderbar“, kommentierte Fyodor mit aller Begeisterung, die er aufbringen konnte. „Kannst du mich abholen?“ Trotz Nikolais Protest im Hintergrund kam er so weit, Ivan den Weg zu beschreiben und wieder aufzulegen.

„Das war keine Stunde!“, jammerte Nikolai, sobald Fyodor das Handy sinken ließ. „Das Beste ist noch nicht einmal passiert! Warum willst du jetzt schon gehen?“

Fyodor seufzte und schloss die Augen. „Das wundert mich wenig, bei dem ganzen Spielraum nach oben, die diese Sache noch hat“, murmelte er. „Aber wie gesagt: Ich habe heute Besseres zu tun, als den ganzen Tag hier zu sitzen, Puschkin hat Vodka und ich wage zu behaupten, dass Ivan besser backen kann als du.“ Fyodor war sich ziemlich sicher, dass er besser backen könnte als Nikolai, beschloss aber, das nicht laut auszusprechen.

Nikolai senkte den Kopf. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Fyodor absolut keine Lust hatte, hier zu sein, dabei hatte er sich doch so auf diesen Tag gefreut. Er hatte noch so viel mehr vor! Aber wenn Fyodor nicht von sich aus bleiben wollte, wäre so oder so alles vorbei.

Natürlich bemerkte Fyodor, wie enttäuscht sein Kamerad aussah, aber es kümmerte ihn, kurz gesagt, ziemlich wenig. Er, Fyodor, hatte schließlich von Anfang an gesagt, dass er nichts von alldem, was Nikolai geplant hatte, wollte. Selbst Schuld, ganz objektiv betrachtet.

Trotzdem konnte er aus irgendeinem Grund nicht verhindern, dass er sich ein wenig schlecht fühlte. Es war nicht stark und Fyodor wusste nicht, woher es kam, aber einem Teil von ihm gefiel es nicht, den Clown so zu sehen.

Mit einem kurzen Kopfschütteln kehrte Fyodor zu seinem Platz zurück und setzte sich wieder hin. Nikolai hatte keine Ahnung von Kuchen, aber der Tee war überraschend gut- vielleicht sogar besser als der von Ivan.

„Wieso ist dir das eigentlich so wichtig?“, murrte Fyodor leise zwischen zwei Schlücken. Den Blick hielt er dabei auf die Tasse gesenkt. „Geburtstag. Und noch nicht einmal dein eigener.“ Diese Frage wirklich ernst gemeint gewesen, aber Nikolai murmelte nur etwas, das Fyodor nicht verstehen konnte. Und die Energie und Willen, weiter nachzufragen, hatte er nicht. So neugierig war er auch nicht.

Natürlich spürte Fyodor, dass Nikolai ihn ansah. Es war ein ganz grundlegendes Talent, noch dazu schien sein Kamerad sich nicht unbedingt Mühe zu geben, seinen Blick zu verbergen. Vermutlich war das irgendeine Botschaft, aber Fyodor entschloss sich, diese einfach nur aus Prinzip heraus zu ignorieren. Er musste sich dafür nicht rechtfertigen.

Erst, als es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich klingelte, drehte er den Kopf wieder zu Nikolai hinüber; jetzt wäre wohl Fyodor an der Reihe mit der Botschaft. Denn obwohl er es nicht als selbstverständlich hinnehmen wollte, dass Nikolai auf das Geräusch reagieren würde, hatte er selbst keine Ahnung, wie dieses System in Hochhäusern funktionierte, und war so in gewisser Weise auf Nikolai angewiesen. Fyodor hoffte inständig, dass er das nicht bemerken würde, denn er war sich mehr als nur sicher, dass der Clown diese Schwäche ohne zu zögern ausnutzen würde.

Doch glücklicherweise- und beinahe schon zu Fyodors Überraschung, nach allem, was heute schon falsch gelaufen war- stand Nikolai ohne jeden Protest auf, ging zur Tür hinüber und drückte auf einen Knopf. Erst, als er sich wieder umdrehte, hielt er kurz inne und sah Fyodor an. Sein linkes Auge schimmerte. „Willst du es dir nicht vielleicht doch noch überlegen, Dos-kun…“

Fyodor seufzte nur und stand auf, was offensichtlich Antwort genug war. Mit gesenktem Blick schlich Nikolai zu seinem Platz zurück, wo er sich wieder hinsetzte und deprimiert in seinem Kuchen herumstocherte.

Fyodor beachtete ihn nicht weiter. Stattdessen öffnete er einfach die Tür; auf dem Gang hörte er bereits Ivans und Puschkins Stimme und entspannte sich ein Stück. Ja, er hatte sehr viel Zeit verloren, aber so würde er aus diesem Tag immer noch irgendetwas hinausholen können, das ihm auf kurz oder lang nützlich werden könnte. Wenn er die beiden gut genug anwies, könnten sie die Mission genauso gut auf morgen verlegen, oder vielleicht…

Fyodors Überlegungen wurden unterbrochen, als die beiden Ratten, die inzwischen aufgehört hatten, zu sprechen, in seinem Blickfeld erschienen und die letzten Stufen zur Wohnung hinaufstiegen.

Als er die Tüten, die Ivan trug, sah, kam Fyodor bereits der Verdacht, dass die Sache nicht ganz so ablief, wie er sich das vorgestellt hatte. Doch leider verpasste er die Chance, darauf zu reagieren.

Ohne überhaupt noch etwas zu sagen, marschierte Ivan an ihm vorbei in die Wohnung hinein und Puschkin folgte ihm in einer schrecklichen Selbstverständlichkeit. Es dauerte einige Sekundenbruchteile, bis Fyodor die Situation erfasste und sich wieder umdrehte, und spätestens jetzt wurde ihm bewusst, dass seine Kameraden etwas andere Pläne für den Rest des Tages hatten als er. Puschkin saß bereits am Tisch, während Ivan begann, den Inhalt der Tüten auszuräumen, und Nikolai- nun, zusammenfassend sah Nikolai nicht weniger überrascht aus als Fyodor, allerdings wirkte er deutlich glücklicher über diese Wendung als der.

„Wartet!“ Fyodor wurde langsam etwas unruhig. „Ich habe gesagt, ihr sollt mich abholen, nicht herkommen! Warum hört mir hier keiner zu?“

Puschkin blinzelte. „Jetzt isses doch schon passiert“, murmelte er. „Und ich hab Hunger.“

Dass Puschkin seinen Wünschen nicht ganz zustimmte, hatte Fyodor vermutet. Wahrscheinlich war es auch seine Idee gewesen, diese „Feier“ überhaupt hierher zu verlegen. Von Ivan erwartete Fyodor eigentlich mehr Gehorsam, aber zum zweiten Mal an diesem Tag machte Nikolais Reaktionsgeschwindigkeit ihm einen Strich durch die Rechnung. „Das ist gut so! Dos-kun denkt das auch. Oder?“

Fyodor warf Nikolai einen kalten Blick zu, aber der lächelte nur weiter.

So ungern er den Gedanken akzeptierte, Nikolai hatte es geschafft, die Geschehnisse an diesem Tag um 180 Grad von den ursprünglichen Plänen abzuwenden. Vielleicht war es an der Zeit, aufzugeben…

Dieser Entschluss fühlte sich einfach falsch an.

„Setz dich doch wieder hin!“ Nikolai klopfte mit einer Hand auf den Tisch vor Fyodors leerem Stuhl. Dabei warf er den Teller mit dem Kuchenstück hinunter, schien das aber nicht einmal zu bemerken. Für Fyodor war das ebenfalls kein großer Verlust.

Seufzend schloss er die Tür und ging zurück zum Tisch. Dabei bemühte er sich, so zu tun, als würde er das Leuchten in Nikolais sichtbarem Auge nicht bemerken. Nicht, weil er seinem Kameraden keine Bestätigung geben wollte oder das Gefühl, dass er der Entwicklung dieses Tages zugeneigt war, auch, wenn dieser Prozess ebenfalls durch seine Gedanken gegangen war. Der wahre Grund, warum er Nikolai so gut wie möglich ausblendete, war, dass es sich irgendwo richtig anfühlte, sich wieder an den Tisch zu setzen. Nikolai war glücklich darüber, und das allein machte es zu einer guten Sache…

Vollkommen verrückt. Hatte er Fieber?

Fyodor legte probeweise eine Hand auf seine Stirn, die sich tatsächlich etwas warm anfühlte, aber das schob er auf den Umstand, dass es in der Wohnung trotz der Jahreszeit ziemlich heiß war und er sich geweigert hatte, seine Ushanka und seinen Umhang auszuziehen. Er hätte gerne Ivan nach dessen Meinung zu seinem Gesundheitszustand gefragt, aber obwohl Fyodor sich ziemlich sicher war, dass dieser ihn jederzeit berühren würde, sollte Fyodor es befehlen, war es taktisch gesehen ein schlechter Zeitpunkt, seine rechte Hand zu verlieren. Außerdem konnten tote Männer sowieso nicht sprechen, also würde er nicht einmal das Ergebnis dieser Untersuchung erfahren und Ivan wäre umsonst gestorben.

Vielleicht sollte er sich angewöhnen, entbehrlichere Mitglieder seiner Organisation um sich zu behalten?

Während Ivan begann, seinen Kuchen zu verteilen (Nikolai, der immer noch sein eigenes Werk vor sich stehen hatte, ging dabei leer aus, was Fyodor ein wenig amüsierte) trank Fyodor den letzten Rest seines Tees aus und war fast ein wenig enttäuscht, als die Tasse leer war. Einen Moment lang musste er sich davon abhalten, Nikolai nach mehr davon zu fragen. Der brauchte keine Bestätigung, und schon gar nicht das Gefühl, dass Fyodor diese Situation tatsächlich mochte. Was ja auch nicht der Fall war. Oder?

Allen Zweifeln und jedem Versuch, das zu ändern, zum Trotz, bemerkte Fyodor, wie er sich langsam immer mehr auf diesen freien Tag… diese verdammte Feier einließ. Vielleicht lag es daran, dass Ivans Kuchen tatsächlich nach Essen schmeckte, oder dass Nikolai ihm ganz von selbst mehr Tee gebracht hatte, oder vielleicht auch einfach nur am Vodka (die Erklärung, welche Fyodor momentan am liebsten hatte, obwohl er eigentlich selten Alkohol trank), aber schlussendlich war es unwichtig, wie genau es dazu gekommen war. Der Gedanke an die eigentlich geplante Mission rückte mehr und mehr in den Hintergrund. Egal, warum- Fyodor kümmerte es nicht mehr ganz so sehr, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war, bis Ivans Kuchen zu großen Teilen aufgegessen war und der Rest für später verpackt und auch der Vodka leer war (was hauptsächlich auf Puschkins Rechnung ging) und wenn er sich ganz ehrlich war, war Fyodor wirklich froh darüber, denn inzwischen neigte sich der Nachmittag bereits dem Ende zu und hätte er sich noch nicht mit der Situation abgefunden, wäre er inzwischen höchstwahrscheinlich verrückt geworden.

„Also gut.“ Mit einem ungewöhnlich ernsten Gesichtsausdruck stand Nikolai schließlich von seinem Platz auf und ging einige Schritte näher zu Fyodor hin. „Dos-kun, darf ich annehmen, dass dir diese Party gefällt?“

„Darfst du nicht“, murmelte Fyodor ohne zu zögern. Die Mühe, darüber nachzudenken, ob diese Antwort gelogen war oder nicht, machte er sich nicht.

Und, wie bereits erwartet, Nikolai war das sowieso vollkommen egal. „Ich wollte nämlich eigentlich heute etwas ganz anderes machen-“

„Ich auch“, unterbrach Fyodor ihn leise, aber Nikolai ignorierte ihn.

„-aber es gibt noch eine Sache, die ich noch gerne mit dir tun würde.“ Er sah Fyodor direkt an, und da war wieder dieses bettelnde Schimmern in seinem linken Auge.

Ivan stand ebenfalls auf. „Das klingt wenig vertrauenswürdig“, merkte er an.

Mit einem Schlag kehrte Nikolais fröhliche, viel zu impulsive Persönlichkeit zurück. „Das ist schon in Ooordnung!“ Er wedelte mit einer Hand in der Luft herum und legte den freien Arm um Ivans Schulter. „Das wird lustig! Richtig, Dos-kun?“

Fyodor seufzte. „Habe ich eine Wahl?“ Aber seine Stimme klang nicht mehr ganz so angespannt wie noch am Morgen, und Nikolai schien das ausnahmsweise sehr wohl aufzufallen. „Nein!“, antwortete er fröhlich und ließ Ivan wieder los.

„Mein Herr-“ Er machte einen Schritt nach vorne, doch Fyodor hob eine Hand und er brach sofort ab. „Wirklich?“

Fyodor blinzelte langsam. „Wirklich“, bestätigte er. „Ihr beide könnt meinetwegen nach hause gehen oder hier aufräumen, wenn ihr wollt. Gogol, du kannst zu mir kommen.“

„Komm schon!“ Nikolai ging zu ihm hinüber, aber sehr glücklich hörte er sich nicht an. „Was muss ich tun, damit du mich wieder Kolya nennst?“

Statt zu antworten, öffnete Fyodor die Tür und trat nach draußen. Nikolai folgte ihm, schien jedoch nicht bereit, dieses Thema einfach so ruhen zu lassen. „Bitte! Bist du immer noch böse auf mich? Das gefällt dir doch auch, oder? Komm schon-“ Mit der wieder ins Schloss fallenden Tür wurde die Stimme wieder leiser.

Eine Weile lang rührten sich Ivan und Puschkin nicht. Ivan beobachtete die Tür, bis ihm auffiel, dass sein Kamerad ihn ansah und er den Kopf fragend zu ihm drehte.
Puschkin zog die Augenbrauen hoch. „Bist du gar nicht eifersüchtig?“

„Sei still und hilf mir aufräumen.“

***


„Und warum genau sagst du mir nicht, wo wir hingehen?“ Diese Geheimnistuerei von Nikolais Seite war in Fyodors Augen nicht nur gänzlich sinnlos, es machte ihn auch ein wenig nervös. Sicher, Nikolai wäre nicht schlau genug, damit irgendwie ernsthaften Schaden anzurichten, aber der Clown war unberechenbar, und das hatte er an diesem Tag schon mehrmals bewiesen.

Doch aus irgendeinem Grund schien es ihm dennoch ein großes Anliegen zu sein, ihr Ziel geheim zu halten. „Weil es sonst keine Überraschung ist“, antwortete er fröhlich.

Fyodor stöhnte leise. „Ich hatte heute eindeutig genug Überraschungen“, murmelte er und verschränkte die Arme auf dem Rücken. Aber auch, wenn er es Nikolai im Leben nicht sagen würde, gegen den Spaziergang an sich hatte er nichts. Je länger sie unterwegs waren, desto weniger Leute schienen draußen zu sein und Fyodor entspannte sich mehr und mehr. Er erwischte sich sogar bei dem Gedanken, dass es eigentlich ganz schön war, einfach nur neben Nikolai herzugehen, ohne irgendeinen Sinn.

Erst nach einer ganzen Weile, als sie auf dem Weg waren, die Stadt endgültig zu verlassen und eine neue Richtung einzuschlagen, empfand es Nikolai für angemessen, Fyodor schließlich auch aufzuklären. „Wir sind zwar ein bisschen früh dran“, meinte er, „aber ich dachte, wir könnten zum Meer gehen?“ Die Tatsache, dass er es als Frage formulierte, amüsierte Fyodor ein wenig. Als ob er etwas anderes akzeptieren würde.

„Aber dass wir gesuchte Verbrecher sind, weißt du schon noch, oder?“

„Ja.“

„Und du willst einfach am Meer spazieren gehen wie ein Liebespaar.“

„Ja.“

Fyodor konnte nicht verhindern, dass er bei diesem Gedanken lächelte. Nikolai und er, ein Liebespaar, ausgerechnet. Und trotzdem, in diesem Moment fühlte es sich aus irgendeinem Grund genau danach an, und Fyodor störte es nicht. Und, sollte Nikolai das genauso empfinden, hatte er, seinem zufriedenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, auch keine Probleme damit.

Eine Weile lang gingen sie einfach nur nebeneinander her, ohne etwas zu sagen. Fyodor genoss die Stille, von der er heute schließlich bis jetzt viel zu wenig bekommen hatte. Nein, ruhig war dieser Tag wirklich nicht gewesen, und er hatte nichts von dem geschafft, was er sich eigentlich vorgenommen hatte, aber der Gedanke fühlte sich irgendwie nicht mehr so schlimm an wie noch am Morgen. Die anderen Organisationen würden sich höchstwahrscheinlich die nächsten Tage ebenfalls ruhig verhalten, und rückblickend betrachtet war der Tag heute gar nicht so schlimm gewesen, wie Fyodor gedacht hatte.

Er wusste nicht ganz, wie viel Zeit vergangen war, bis Nikolai stehen blieb und ihn ansah. „Und?“ Seine Stimme klang schon wieder eindeutig zu aufgeregt, aber er fuhr fort, bevor Fyodor reagieren konnte. „Ich habe doch gesagt, das Beste kommt noch, und-“ er drehte sich kurz weg und schien etwas unter seinem Umhang hervorzuholen, „- ich feiere deinen Geburtstag nicht, ohne ein Geschenk für dich zu haben.“ Mit einem breiten Lächeln streckte er Fyodor ein in violettem Papier etwas unbeholfen verpacktes Paket entgegen.

Etwas zögerlich nahm Fyodor es ihm ab. Es war nicht sehr schwer, aber er war sich nicht ganz sicher, was jetzt von ihm erwartet wurde. Fyodor hatte noch nie ein Geburtstagsgeschenk bekommen.

Glücklicherweise war Nikolai mindestens so aufgeregt, wie Fyodor es hätte sein sollen, und erklärte es ihm somit mehr oder weniger absichtlich. „Mach es auf, mach es auf!“ Sein sichtbares Auge leuchtete.

Immer noch vorsichtig riss Fyodor das Papier weg, sich der Tatsache, dass Nikolai ihn gerade beobachtete, als wären sie wirklich ein Liebespaar, vollkommen bewusst. Aber er kam nicht dazu, sich darüber zu beschweren.

Unter dem Papier zum Vorschein kam ein kleines, in dunkelgrauem Leder gebundenes Buch mit einem Verschluss an der Seite. Fyodors Augen wurden ein wenig größer, als er es vorsichtig aufschlug und durchblätterte. Die Seiten waren gelblich, liniert; die meisten von ihnen waren leer, aber auf manchen standen an den Rändern kleine Sprüche und Witze, Regeln der japanischen Grammatik oder sogar einige erstaunlich kunstfertige Zeichnungen. Auf der letzten Seite stand noch einmal groß der Satz, von dem Fyodor gedacht hatte, dass er den heutigen Tag endgültig ruinieren würde. Alles Gute zum Geburtstag, Dos-kun!

„Und?“ Nikolai klang, als würde er es keine Sekunde mehr aushalten, in der er nicht wusste, was Fyodor von diesem Geschenk hielt. „Gefällt es dir?“

Fyodor antwortete nicht. Er starrte einfach nur auf das Buch in seinen Händen. Das Buch, das ihm diese verdammte Nervensäge neben ihm geschenkt hatte… sein allererstes Geburtstagsgeschenk.

„Dos-kun?“ Nikolai machte einen Schritt nach vorne und legte den Kopf schief, sodass er Fyodor besser ansehen konnte, machte aber einen kleinen Sprung, als er dessen Gesicht sah. „Dos-kun! Alles in Ordnung?“

Jetzt erst bemerkte Fyodor die einzelnen Tränen, die über seine Wangen liefen und auf die aufgeschlagene Seite tropften. In diesem Moment wusste Fyodor nicht, was mit ihm los war, aber es interessierte ihn auch nicht. Es war gut so, wie es war, und alles andere war unwichtig.

Er lächelte. „Danke, Kolya.“

Nikolais Herz machte einen kleinen Sprung, doch er sagte nichts darauf. Stattdessen erwiderte er einfach nur das Lächeln, wohl wissend, dass Fyodor ihn nicht einmal ansah. Aber es war auch nicht nötig.

In diesem Tag steckten Ewigkeiten der Vorbereitung, sowohl von Nikolais als auch Fyodors Seite, und für keinen der beiden war es nach Plan gelaufen. Aber spätestens jetzt waren sie beide sich absolut sicher, dass es genau so hatte kommen sollen, so und nicht anders.
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