Geschichte: Fanfiction / Anime & Manga / Hetalia / DW

DW

von Merli
GeschichteAllgemein / P12
Amerika Kanada
17.02.2020
21.02.2020
2
9.086
 
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17.02.2020 4.683
 
Anmerkung:
Die Geschichte wird aus zwei Teilen bestehen und spielt in einem AU.


Teil 1.

"Hm, hätte nicht gedacht, dass es so einfach wird", man wand sich bei diesen Worten an seinen Begleiter, welcher zufälligerweise ein Eisbär war.

Dieser sah den jungen Mann kurz skeptisch an, rümpfte dann die Schnauze und antwortete in einer tiefen Stimme: "Du hast noch absolut gar nichts geschafft. Deinen Optimismus würde ich mir für später aufheben."

"Ja, ja, falls ich wieder auf den Boden der Tatsache kommen muss, werde ich dir Bescheid geben", und ohne auf eine Antwort zu warten, setze der Mann seinen Weg vor. Dabei zupfte er an seinem Outfit und versuchte herauszufinden, ob er genauso herausstach wie ein anderthalb Meter großer Eisbär. In diesem Moment trug er einen etwas zu weiten, roten Hoodie mit einem Ahornblatt vorne drauf und eine normale, dunkle Jeans. Nichts besonders und etwas, was er schon oft getragen hatte.
Seine Brille saß auch auf der Nase und ein Blick in ein Schaufenster bestätigte ihm, dass er immer noch dieselbe langweilige Frisur besaß wie seit Jahren.  

Er hörte wie hinter ihm der Eisbär leise schnaufte, ihm aber dennoch folgte. So kämpften sie sich zu zweit durch die Menschenmasse um sie herum und versuchten einen ersten Einblick dieses Ortes zu gewinnen.
Was dabei als Erstes herausstach, war die einfache Tatsache, dass sie niemand beachtete.
Keine Person- egal ob alt, jung, männlich oder weiblich, nahm sie wirklich war. Man ging an ihnen vorbei, entschuldigte sich, falls mal eine Schulter gestreift wurde, aber keiner blieb stehen, blinzelte und fragte sich: "Ist das wirklich ein Eisbär oder habe ich heute Morgen etwas zu mir genommen, was ich jetzt bereue?“

Keine Panik, wenn der Bär den Kopf hob, hier und da schnüffelte und sich unbeirrt fortbewegte.
Dabei war er der einzige Bär in dieser Gegend, die ansonsten nur aus einem großen Platz bestand, mit vielen Geschäften, einigen Cafés und einer Masse von Menschen. Diese war so dicht, dass die beiden durch sich hindurch gedrückt wurden und deren Fluss man kaum stören konnte. Nicht mal mit einer Masse von fast zweihundert Kilogramm.

Es war also gelinde gesagt, ein sehr, sehr seltsamer Ort.
Vor allem weil es trotz dieser Menschenmasse kaum Lärm gab. Niemand unterhielt sich, hörte Musik oder regte sich auf, weil jemand nicht so schnell ging wie man selbst. Es war die stillste Menschenmasse, die man je gesehen hatte.
Und es war nervenzerrend. Unbewusst spürte man, dass dieser Ort nicht normal war und das bemerkte auch der junge Mann, welcher immer näher zu seinem Begleiter rückte.  

"Kuma, wir scheinen wirklich am richtigen Ort zu sein", kommentierte Matthew, wobei man selbst seine leise Stimme als Schreien wahrnahm in dieser unnatürlichen Umgebung. Aus diesem Grund machte sich sein Begleiter gar keine Mühe, überhaupt leise zu sein.

"Glückwunsch. Können wir uns beeilen und hier wieder herauskommen? Dieser Ort ist einfach zu falsch."

"Weil es so still ist?"

"Ja, aber viel eher, weil es hier keinen Geruch gibt", demonstrativ schnüffelte Kuma die Luft und verzog danach die Schnauze. "Nein, nichts. Nicht mal deinen Schweißgestank erhasche ich."

Daraufhin wurde der Bär geboxt, was genauso bescheuert aussah, wie man es sich vorstellte. Aber Matthew nahm seinen Begleiter nicht als Bären wahr und handelte deswegen so, als würde ein Mensch neben ihm stehen.

"Haha, danke. Aber du hast recht, auch wenn es eine Sache ist, auf die ich selbst nie achten würde", dabei wirkte Matthew kurz nachdenklich, bevor er den Blick hob und sich die Geschäfte um ihn herum genauer ansah. Diese verursachten auch keine Geräusche, auch wenn es offensichtliche Lautsprecher an den Fassaden gab und der Geruch fehlte komplett- selbst in einer Rösterei oder Bäckerei.

Dafür waren die Preise und die Schriften für die Waren umso auffälliger.
Das Schild in einer Rösterei zum Beispiel hatte gleichzeitig alle verfügbaren Kaffeesorten auf einem normalen Plakat und man konnte jede perfekt lesen, da sich die Information automatisch vergrößerte, sobald der Blick dahinbewegte. Dieser Akt musste nicht mal bewusst geschehen, ein einfacher Gedanke reichte um das unmögliche Schild, welches sich veränderte, ohne sich wirklich zu verändern, anzupassen. Diesen Detailierungsgrad gab es auch bei den Preisen, wobei sich nicht nur die Größe der Schrift änderte, sondern auch die Zahlungsart mit den nötigen Schritten zum Bezahlen und sogar die Währung.

All diese Informationen wurden fließend gezeigt ohne eine merkbare Veränderung.
Diese Unmöglichkeit nahm Matthew einfach hin- es störte ihn auf einer unbewussten Ebene, weil sein Kopf ihn anschrie, dass was er sah nicht real sein konnte- aber er war freiwillig und viel wichtiger, mit einem Ziel hier. Deswegen versuchte er ein Gesamtbild zu erhaschen mit allen Informationen gleichzeitig, was nicht möglich war und ihm nur Kopfschmerzen bereitete.
Sich über die Augen reibend und merkend, dass sie den ganzen Platz schon einmal umzingelt hatten, versuchte er sich und Kuma zur Seite, aus dem sich immer im Kreis wandelnden Masse dieser Figuren, zu bewegen. Denn umso länger man sich zwischen diesen Menschen befand, welche nur das murmelten, was man erwarten würde, wenn man mit ihnen in Kontakt kam, wurde einem bewusst: das waren keine Menschen. Und auch das hier war kein Ort. Zumindest nicht in dem Kontext, in dem man diese Wörter normalerweise gebrauchte.

Mit etwas Mühe und einigen Ellbogenschlägen, welche nicht mal ein Schimpfwort provozierten, hatten sie eine kleine Ecke gefunden, in der sie ruhig stehen bleiben konnten.

"Und was ist dir jetzt aufgefallen?", Kuma hatte sich bewusst von dem Treiben abgewandt, seinen Blick auf einen Punkt fixiert, um nicht von der Informationsflut übermannt zu werden.

"Das Alfred nicht hier ist."

"Ach? Wir sind hier nur einmal durchgelaufen, wieso bist du dir so sicher?"

Matthew zögerte und versuchte seine Gedanken zu sortieren. Auch wenn sie sich nur seit kurzer Zeit an diesem speziellen Ort befanden, fiel es ihm immer schwerer nachzudenken, ohne sich von einem leckeren Latte Macchiato abzulenken, mit einem Schuss Karamellsirup und lactosefrei. Diesen konnte er sogar mit einer Kreditkarte aus China bezahlen, wobei es dort verschiedene Limitationen gab, welche...
Bewusst den Kopf schüttelnd und den pochenden Schmerz hinterm rechten Auge ignorierend, atmete er die stille, unmögliche Luft ein und konzentrierte sich auf seinen Freund. Dieser beobachte ihn gelangweilt, was ihn auf den Boden der Tatsache brachte.

"Weil es hier nichts Außergewöhnliches gibt, etwas was auf ihn schließen würde. Siehst du die Mitte des Platzes? Achte darauf, wenn mal zwei Menschen nicht versuchen miteinander zu verschmelzen."
Es dauerte, bis es eine Lücke gab die groß genug war, aber dann hörte er, wie Kuma überrascht grunzte. "Du meinst-?"

"Jep, diese riesige Ahornsirup-Werbung in Verbindung mit meinem Lieblings Eishockeyverein war am Anfang nicht da. Zumal ich mir sonst nicht erklären würde, warum die Werbepersonen Fische mit Eishockeystäben sind. Das war ganz bestimmt nicht meine Idee, denn ich finde Fische richtig widerlich."

"Huh, dass sie sogar unsere beiden Gedanken miteinander vermischen", beeindruckt versuchte Kuma auf dieses Monstrum zuzugehen, wurde aber durch die Wand der Menschenmasse verhindert. "Verdammter Mist. Sich hier zu bewegen ist so, als befände man sich in einem Sumpf."

„Das ist der Ort mit der größten Informationsdichte, also wundert mich das irgendwie nicht. Unangenehm ist es trotzdem. Dennoch, hast das was anderes Personalisiertes gesehen? Befände Alfred sich hier, könnten wir bestimmt mehr solcher…Werbung sehen. Oder was auch immer das darstellen soll. Vor allem, warum, hat einer der Fische Brüste?"

"Das ist deine Fantasie, nicht meine", kam die süffisante Antwort von Kuma, welcher aber sofort wieder ernst wurde. "Okay, dann lass uns von hier verschwinden. Ich mag es hier nicht."

Noch einen letzten Blick auf das Bild in der Mitte werfend, welches sich schon wieder geändert hatte, nickte Matthew zustimmend und gemeinsam verließen sie den Platz.
Und auch das plötzliche Verschwinden des jungen Mannes und des Bären, nahm niemand war. Die Masse der Menschen bewegte sich weiterhin im Kreis, vorbei an allen Informationen, die sie zum Kauf ihres persönlichen Glückes brauchten. Zinsfrei und sofort. Es war das Paradies. Wenn man sich nur traute.

// Manchmal glaubte Matthew zu träumen, auch wenn er wusste, komplett wach zu sein. Dann starrte er an die Decke, hörte seinem viel zu langsamen Herzschlag zu und merkte, wie sich Gedanken bildeten, die er selbst nicht nachvollziehen konnte, egal wie sehr er es versuchte. Deswegen wusste er nicht, ob diese Gedanken wirklich aus seinem Unterbewusstsein kamen, welches Sachen verarbeitete, die er vor fünf Minuten oder fünf Jahren gehört hatte, oder etwas anderes seine Finger im Spiel hatte. Wenn er sich dessen nicht mehr sicher war, wurden seine Hände schwitzig und sein Atem flacher. Er hasste es zu träumen. //

Man befand sich wieder auf dem Platz, auf dem man Matthew und Kuma zuletzt angetroffen hatte. An der Größe des Ortes hatte sich nichts geändert und auch der allgemeine Aufbau war gleichgeblieben. Eine flache Fläche, auf der sich Geschäfte befanden und über den man laufen konnte. Es gab auch wieder Menschen, welche sich aber diesmal nicht im Kreis bewegten, sondern fixiert ein Geschäft vor sich anschauten. Stillstehend betrachteten sie die Verkaufsfläche vor sich, ohne auch nur ein Wort miteinander auszutauschen. Geräusche und Gerüche fehlten ebenfalls, sie schienen hier einfach nicht wichtig zu sein.

Diese Lethargie spürt auch Matthew, als er versuchte, sich ein Geschäft näher anzusehen. Zwar wollte er einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber es schien, als müsste er gegen unsichtbare Mauern ankämpfen. Kuma- diesmal in der Form einer weißen Katze, welche sich gelangweilt putzte- versuchte es erst gar nicht.
Mit steigendem Fruste presste er härter gegen- die Luft?- als diese nachgab, und er mit einem Mal nach vorne fiel. Mit einem Satz sprang Kuma ihm hinterher, nicht mal einen Kommentar abgebend.

"Das ist doch echt-" Matthew stockte bei dem Klang seiner Stimme und ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Nach unten schauend, sah er, dass er es sich nicht eingebildet hatte.
"Im Ernst?", kam eine viel zu hohe Stimme für einen Mann Mitte zwanzig.

Das eine selbe, piepsige Stimme ihm antwortete, machte es nicht besser. "Wir sind jünger geworden", sagte ein kleines Kätzchen, welche vor einem Augenblick noch eine erwachsene Katze gewesen war.

"Wie alt schätzt du mich?", fragte Matthew resigniert, versuchend sich einfach weiterzubewegen. Dieser Ort- Orte?- würden ihn noch wahnsinnig machen.

"Geistig oder körperlich?"

"Ach leck mich."

Seinen kichernden Freund ignorierend, stellte Matthew erstaunt fest, dass er sich nun frei bewegen konnte. Zwar im Körper eines Zehnjährigen, aber immerhin. Zudem erschien der Ort auf dem ersten Blick erfassbarer zu sein als der gesamte Platz. Wo auch immer sie eingetreten waren- hier bewegte die Welt sich wieder. Menschen liefen in ihren, gleichen stillen Bahnen und auch die Geschäfte hatten wieder scharfe Formen angenommen. Oder besser gesagt das eine Geschäft, denn auch wenn hier mehrere Läden nebeneinanderstanden, mit unterschiedlichem Aussehen, handelte sich beim genaueren Hinsehen um dieselbe Firma.

Stirnrunzelnd schritt Matthew näher an das Schaufenster und sah, das die Waren wieder alle einen Preis hatten und einen Namen. Aber wurde er beim letzten Mal mit allen Informationen überschüttet, die es gab, war das hier nur eine schlichte Ansammlung von Gegenständen. Da diese ihn nicht interessierten, ging Matthew weiter. Es gab hier nichts Außergewöhnliches- also auch nicht seinen Bruder.

Der Übergang zum nächsten Geschäft war mit genauso großem Widerstand verbunden wie das Eintreten ins erste, aber mit genug Gewalt, schaffte er den Ortswechsel. Da dabei seine Perspektive immer schiefer wurde, ahnte er schon, was passiert war.
Und tatsächlich, als Matthew in ein Schaufenster blickte, war er nicht mehr dreizehn, sondern sieben Jahre alt. Kuma neben ihm, welcher recht schweigsam heute war, war nicht noch jünger geworden. Was auch recht schwer war, da er in diesem Moment nicht älter sein konnte als ein paar Wochen.

„Du siehst echt süß aus", konnte Matthew sich den Kommentar nicht verkneifen. Die einzige Antwort darauf war das pathetischste Knurren, was er jemals gehört hatte.

"Warum bist du so still?", sich an den Beinen der Menschen vorbei schlängelnd, versuchte er etwas zu finden, was nun, vielleicht noch seltsamer war als alles, was in den letzten Minuten passiert war.

"Ich finde es schwierig", Kuma stockte hier und schüttelte kurz seinen Kopf- "einen klaren Gedanken zu fassen. Machen dir diese Zeitsprünge nicht zu schaffen?"

"Hm", am Ende dieses Bereiches angekommen legte Matthew die Hand gegen die Wand, welche so fest und trotzdem mit einem kräftigen Schritt so leicht zu durchbrechen war. "Nicht so. Da empfand ich die ganze Werbung beim letzten Mal anstrengender.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich manchmal wirklich noch wie zwölf fühle und deswegen kann ich mich unbewusst an die Idee gewöhnen, es zu sein?“, hier stockte Matthew kurz überrascht über seine eigene Offenheit, aber Kuma schien sein Geständnis einfach hinzunehmen.
„Na ja, sag mir, falls es schlimmer wird. Denn bevor wir nicht alle Geschäfte abgeklappert haben, will ich hier nicht weg."

Hier lachte Kuma nur humorlos auf. "Und wie willst du das machen? Dieser Ort hier ist unendlich. Das letzte Mal befanden wir uns in einem Sammelbecken von ungefilterten Wünschen und Entscheidungen, aber diese konnte man voneinander abgrenzen.
Es waren viele- zu viele, nach deinen tagelangen Kopfschmerzen zu urteilen. Aber hier? Die Zeit ist so flexibel, dass es unmöglich sein wird, zu sagen, wann wir überhaupt fertig wären. Was ist deine Grenzen? In welchen Zeitraum möchtest du suchen? Von Anfang an? Okay, wann war das? In welcher Zeitzone? In welchem Intervall? Nach Minuten, Tagen, Wochen, Monaten oder vielleicht nach einem anderen Kriterium, welches eine Zeitspanne ist? Wir haben keinen Zeitpunkt, an dem wir uns orientieren können, denn wir wissen nicht wann Alfred genau verschwunden ist."

Am liebsten hätte Matthew gegen seinen Freund gefeuert, denn dieser dachte nur wieder an das Unmögliche und gab einem oft das Gefühl, keine Lust auf eine Sache zu haben. Aber erst mal wusste er, dass Kuma wirklich keine großartige Lust hatte ihm zu helfen, zweitens hatte er vollkommen recht. Auf den ersten Blick erschien es so leicht zu sagen, ungefähr einen Punkt zu suchen, aber er wusste nicht mal, wo sich dieser Punkt befand. Alfred war damals in einem Zeitraum von zwei Tagen verschwunden, denn so lange hatte man gebraucht, um zu merken, dass etwas nicht gestimmt hatte.
Zwei Tage erschienen nicht viel- aber an diesem Ort hätten es auch Jahrzehnte sein können.
In zwei Tagen wurden so viele Informationen gesammelt, das deren gesamte Auswertung doppelt so lange brauchen würde, resultierend in noch mehr Informationen. Es war ein Teufelskreis, der nur noch schlimmer wurde.

Es war so viel, dass Matthew sich auf einmal nicht mehr so wohl fühlte. Auf einmal erschien ihm dieser Ort zu groß und beengt gleichzeitig und seufzend schritt er zur nächsten Zone.

"Du hast recht", gab er zähneknirschend zu, auch wenn er genug Gegenargumente gefunden hätte, um eine lange, fruchtlose Diskussion zu führen. Aber keins würde die Wahrheit toppen, zumal Kuma wirklich geschwächt wirkte von den ganzen Zeitsprüngen.
"Aber ich werde so lange schauen, bis ich sicher sein kann, nichts Wichtiges übersehen zu haben. Einverstanden?"

"Falls es dich besser schlafen lässt“, war die resignierte Antwort.

Unbeirrt schritt Matthew daraufhin durch die verschiedenen Zonen und achtete nicht auf die Entwicklung seines Erscheinungsbildes. Mal war er in seinem tatsächlichen Alter, mal älter, mal jünger, mal schien es, als würde sich sein Körper nicht entscheiden können und einfach beide Zeitzonen gleichzeitig annehmen. Dann flackerte sein Erscheinungsbild und auch die Menschen um ihn herum flimmerten, was diesen Ort noch surrealer wirken ließ. Das war der Punkt, an dem Matthew auch wieder Kopfschmerzen bekam. Ob es aber an der Zeit lag, die sie an diesem Ort verbrachten oder an der Unmöglichkeit der Objekte um sie herum, konnte er nicht mehr einschätzen.

Nach Hunderten von Zeiten in unzähligen Geschäften, mit ihrer Informationsfülle und gleichzeitiger Informationsleere, spürte er, wie Kuma an seinem Hosenbein zupfte.

"Es reicht", waren die schlichten Worte und Matthew schüttelte den Kopf. Es reichte noch lange nicht, sie hatten noch so viel zu sehen, Zeitabschnitte zu besuchen, Punkte miteinander zu verknüpfen- aber als er das erste Mal stehen blieb, sah er, was sein Freund meinte.

Die am Anfang scharf voneinander abgegrenzten Zeitzonen der separaten Geschäfte hatten sich miteinander vermischt. Jetzt gab es nicht nur ein Geschäft zu einer Zeit- sondern das Geschäft zu jeder Zeit und der Versuch, alles auf einmal darzustellen endete in einem endlosen Durchlaufen der Informationen ohne jeglichen Kontext. Dadurch entstanden Bilder, die so verzerrt waren, dass man nichts mehr in ihnen erkennen konnte.

Den Blick schnell abwenden konzentrierte Matthew sich auf das, was an diesem Ort immer gleich blieb: sein bester Freund.

"Das ist meine Schuld, nicht wahr?"

"Diese Barrieren waren nicht umsonst da", kam die scharfe Antwort. Danach zupfte Kuma aber noch mal an seinem Hosenbein und fügte sanfter hinzu. "Lass uns gehen. Dieser Ort ist unbrauchbar und muss sich erst wieder reparieren. Wir werden noch eine weitere Chance bekommen."

Im Augenwinkel sah Matthew, wie die an der horizontalen Achse ausgerichtete Welt sich versuchte, auch in die Diagonale zu bewegen, und das war der beste Punkt, aufzuhören. Er wollte nicht wissen, was passierte, wenn er in der falschen Zeit geriet.  

"Ich hoffe, du hast recht."

// Matthew schlief nicht mehr richtig. Manchmal blieb er tagelang wach mit kleinen Nickerchen am Tag, aber keinem ruhig Schlaf, nichts wo sein Körper und vor allem Geist, zur Ruhe kam. Auf der anderen Seite schaffte er es, den ganzen Tag im Bett zu bleiben, kaum fähig, sich zu bewegen. Diese Phasen wechselten sich ab und in keiner schaffte er es, einen normalen Alltag zu führen. Also hatte er aufgehört, es zu versuchen. Niemand hatte es bemerkt. //

Als sie das nächste Mal den Ort betraten, war eine Woche vergangen.
Ihre letzte Wanderung durch die vom Ort selbst erstellten Hürden, welche sie irgendwann mühelos durchbrochen hatten, brauchten länger zum Reparieren, als die zwei gedacht hatten. Wobei es Matthew beunruhigte und Kuma erleichtert aufatmen ließ. Dennoch, der junge Mann gab nicht auf, also brachte er seinen besten Freund dazu, ihm wieder zu folgen. Dabei wirkte Kuma genauso begeistert wie beim ersten Mal, was er als gutes Zeichen interpretierte.
Denn Matthew wusste nicht, was er machen würde, würde er allein hier auf diesem Platz stehen. Wahrscheinlich sich langsam den hier vorhandenen Wahnsinn hingeben und seinen Kopf einfach abschalten. So wie er es sich immer allein bei sich zu Hause wünschte. Einfach gar nichts mehr fühlen.

Aber an diesem Punkt war Matthew noch nicht- also machte er den ersten Schritt auf diesen langsam verhassten Platz. Dieser war wie immer: voll von Menschen und zu vielen Informationen.
Die Idee, die Suche wieder an die Zeit zu koppeln, hatten die beiden von vornherein abgelehnt. Erst wenn sie ungefähr wussten, wo sie zu suchen hatten, würden sie dem wann folgen. Also versuchten sie wieder, in der größten Menge von Informationen, nur einen kleinen Hinweis zu finden.
Das hier war schon gar keine Nadel im Heuhaufen, sondern eine Nadel im Ozean. Es war eigentlich unmöglich. Dennoch hielt Matthew den Kopf hoch, als er an den ersten Menschen vorbeilief.

Oder er versuchte es, aber es gab zwei Probleme dabei: erst mal befanden sich um ihn herum keine Menschen mehr, sondern Eisbären. Dieser Fakt allein war schon so bizarr, dass Matthew versuchte, einen Schritt zurückzumachen. Zweitens stolperte er dabei über seine Hinterbeine, denn nicht nur die Menschen um ihn herum hatten ihre Form geändert, sondern er auch.
Zum ersten Mal in seinem Leben befand sich Matthew in einem Tierkörper und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.

Zu seinem Glück hatte er seinen besten Freund an seiner Seite, welcher nur gehässig auflachte.
"Was für eine Ansicht", grunzte Kuma, sichtlich amüsiert.

Den Kopf nach hinten nehmend und seinen Körper mitdrehend, weil Matthew seine Bewegungen auf vier Beinen noch nicht hundertprozentig verstanden hatte, sah er zu seinem Freund genervt hinauf.
"Lach nur", grummelte er zurück, den Mann vor sich ansehend.

Hatte Matthew immer angenommen, Kuma sei genauso alt wie er, sah er, dass er sich geirrt hatte. Wie immer. Viel mehr wirkte Kuma wie Mitte dreißig, mit verkniffenen Augen und einem schmalen Mund. Es war ein Gesicht, welches zu wenig ehrliches Lachen in seinem Leben erfahren hatte, aber umso mehr Zynismus.

"Das werde ich auch", kam die süffisante Antwort und Matthew spürte, wie man ihm auf den Hintern klopfte. Empört schnappte dieser nach Luft, wurde aber ignoriert.
"Komm, geh vor. Du weißt, wonach wir suchen."

Den Kopf schüttelnd und mehrmals über seine Pfoten stolpernd, kämpfte Matthew sich durch die weiße Masse an Körpern, welche wie beim ersten Mal surreal erschienen. Keine lauten Geräusche, Gerüche oder etwas, was diesen Ort nahbar machte. Selbst die Tatsache, in einer riesigen Masse an Bären zu sein, gab diesem Ort nichts Besonderes. Es war nur ein Detail, welches man ausgetauscht hatte und niemanden störte es. Es war nicht wichtig.

Von diesen Gedanken leicht genervt, versuchte Matthew mehr von seinem Begleiter herauszufinden. Immerhin interessierte es ihn schon, warum genau dieses Detail geändert worden war.

"Wieso Eisbären?", fragte Matthew, dabei bemerkend, dass seine Schnauze die Töne eigentlich gar nicht formen konnte, sie aber dennoch herauskamen. Klar, deutlich und in seiner Stimme. Es war beängstigend.

"Mag die wohl", zuckte der Mann über ihm die Schultern, wobei man sehen konnte, wie die Augenbrauen sich leicht zusammenzogen. Ein sicheres Zeichen, dass da noch mehr dahintersteckte. Und da sein Freund sich diesmal nicht hinter einem pelzigen Gesicht verstecken konnte, bohrte Matthew nach.

"Komm, sag es mir. Immerhin bin ich auch einer und diese Erfahrung habe ich nur dir zu verdanken. Was verbindest du mit diesen?"

"Ich wüsste nicht-", mit einem scharfen Blick sah man ihn an, aber dann nahm Kuma einen tiefen Atemzug. "Waren die Lieblingstiere meiner Schwester. Habe das wohl übernommen."

Auch hier gab es wieder so große Lücken, dass sie fast die winzige Wahrheit verschluckten, aber Matthew nickte nur verstehend. "Sind ja auch coole Tiere. Auch wenn ich nicht weiß, wie diese nicht andauernd über ihre langen Gliedmaßen fallen. Ich bin der Einzige, der damit gerade Probleme hat, oder?"
Einen Blick auf die sich perfekt bewegende Menge werfende war Antwort genug. "Mist."

"Das ist ein gutes Zeichen", beruhigte Kuma ihn, ihm sogar kurz über den Kopf streichelnd. "Das bedeutet, dass du noch weißt, dass du eigentlich kein Eisbär bist. Alles andere wäre besorgniserregend. Deswegen: vergiss dein Ziel nicht und lass uns diesen Ort so schnell wie möglich hinter uns bringen.“

Über seine einzige Hilfe grummelnd, weil Menschen undankbar waren, konzentrierte Matthew sich wieder auf seine Mission. Wie beim ersten Mal fiel es ihm schwer, durch die Masse der Körper einzelne Details zu erhaschen, aber nach einigen Runden voll unnatürlichem Schweigen, bemerkte er etwas, was ihm weiterhelfen könnte.
Mit zielsicheren Schritten und sich an fremden Bären vorbei drängelnd, kam Matthew in der Mitte des Platzes zum Stehen. In diesem befand sich diesmal keine Werbung, welche genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war, sondern gar nichts. Kein Bär, kein Schild, keine Information auf die es zu achten gab. Es war wie das Auge eines Hurricanes- jegliche Aktivitäten befanden sich um sie
herum.

"Hm", die Hände in den Hosentaschen steckend drehte sich Kuma in der kleinen Fläche im Kreis. "Interessant."

„Hast du so was schon mal gesehen?“, Matthew versuchte, nicht zu hoffnungsvoll zu klingen, aber es war schon fast ein Monat vergangen. Er war bei Weitem kein ungeduldiger Mensch, aber auch er kam langsam an seine Grenzen.

"Wahrscheinlich schon", kam die ernüchternde Antwort, aber Kuma fuhr ohne eine Pause fort. "Nur in diesem Abschnitt sollte das eigentlich nicht geschehen. Also entweder ist das ein Fehler im System oder-"

"Das mein Bruder immer noch hier ist, ist kein Fehler", keifte Matthew plötzlich mehr als gereizt, wobei er von dem heftigen Gefühlsausbruch genauso überrascht war wie Kuma. Dieser sah ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an.

"Alles in Ordnung mit dir?"

„Nein“, seine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle haltend, sagte er einfach das, was ihm in den Sinn kam. Es war wie dieser Ort: alles wurde preisgegeben, egal ob man es wollte oder nicht.
"Nichts ist in Ordnung. Wir haben hier schon wie viele Stunden verbracht und immer noch nichts gefunden? Es kotzt mich an. Die bemitleidenden Blicke aller Menschen um mich herum machen mich wahnsinnig und wenn sie erst ihren Mund öffnen- "

"Matthew."

"- es ist als würden sie mit allen Mitteln zu versuchen, die Sache noch schlimmer zu machen. Können sie mich nicht in Ruhe lassen? Mir nicht im Weg stehen? Ist das wirklich zu viel verlangt?"

"Matthew..."

"Wieso will mir jeder sagen, was ich zu fühlen habe? Wieso versucht man mich davon abzuhalten, meinen Bruder zu finden? Hat wirklich jeder so wenig Vertrauen in mir? Denkt jeder, nur mein Bruder hätte-"

"Matthew, atme tief durch und schließe deine Augen", kam der scharfe Befehl von Kuma, welcher gleichzeitig seinen Kopf nach unten drückte. "Ein und Ausatmen."

Mit all seine Kraft wollte er sich dem Befehl entgegenstellen- denn er war noch nicht fertig verdammt! - aber die entschlossene Hand auf seinen Kopf hielt ihn davon ab. Resigniert schloss er seine Augen und versuchte seine tiefsten Gedanken für sich zu behalten. Sie gingen niemanden etwas an und nicht mal Matthew wollte etwas mit diesen hässlichen Emotionen zu tun haben.

"Bevor du auf die Idee kommst dich entschuldigen zu wollen, verkneif es dir. Versuch stattdessen, an etwas Belangloses zu denken, egal was. Blumen, Schokolade, irgendeine Automarke. Verstanden?" Ein schwaches Nicken von Matthew ließ Kuma weiterfahren.
"Halt den Kopf unten und denke nur an diese eine Sache. Und bevor ich dir nicht sage, dass du aufhören kannst, machst du auch nichts anderes, okay?" Wieder ein Nicken, diesmal aber energischer.

Kurz ausatmend nahm Kuma dann die Hand von dem Kopf seines Freundes und sah eine kurze Weile zu, wie dieser weiterhin den Boden anstarrte und leise Sachen vor sich hersagte.
Wenn es ihn interessiert hätte, hätte Kuma raushören können, dass es ein Werbeslogan irgendeines Ahornsirups war. Hoffend, dass sein Freund weiterhin auf ihn hören wurde, verließ Kuma den leeren Ort und begab sich zielstrebig in die Masse. Obwohl diese ihm nur bis zur Hüfte ging, musste der Mann dem Weg folgen, den man ihm vorgab, denn es gab keine größere Kraft als pure Informationen. Den Blick überall hingleitend versuchte er, dann schlussendlich den Hinweis zu finden, den sie brauchten, um diesen Ort endlich verlassen zu können.  

Natürlich dauerte es länger, als Kuma lieb war, aber nachdem er bei einem Schild zum sechsten Mal alle Speisen in allen, für wirtschaftliche Prozesse, relevanten Sprachen gelesen hatte, sah er es endlich. Mit einem heftigen Stoß die zwei Bären vor sich trennend, ging er so schnell, wie es in einem Meer aus Weiß möglich war, zurück zu seinem Freund.
Dieser saß immer noch auf seinem Hintern, den Kopf zum Boden gerichtet und mit geschlossenen Augen. Zwar war ein Bärengesicht nicht so einfach zu lesen wie das eines Menschen, dennoch sah man, dass der junge Mann sich deutlich anstrengen musste.

"Matthew, wir müssen gehen."

"Huh?", aus seinem Mantra von stupidem, unwichtigem Wissen aus jahrzehntelangem Konsum von Werbung gerissen, wollte er fragen, was überhaupt los war- aber Kuma bedeutete ihm nur, ihm zu folgen. Immer noch mit einem viel zu vollen, und gleichzeitig viel zu leeren Kopf, stapfte er pflichtbewusst hinterher. Aber bevor sie den Ort verlassen wollten, musste Matthew noch eine Frage stellen, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. "Warum sind wir überhaupt hier?"

Die einzige Antwort war ein langgezogener, Seufzer und ein Gefühl, etwas Schlimmen entkommen zu sein. Nur wusste Matthew beim besten Willen nicht, was das gewesen sein könnte.

// An einem Tag hatte er sich alle Bilder aus seinem Leben angeschaut. Es waren die langweiligsten, nichtssagenden Momente, die er sich vorstellen konnte. Er liebte jeden Einzelnen davon.  //
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