Topf, Deckel oder Waffeleisen

OneshotRomanze / P12
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München FC Schalke 04 OC (Own Character) VfL Bochum
15.02.2020
15.02.2020
1
3952
4
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
„Leon, wo fahren wir hin?“. Mein Freund hat mich schon vor Stunden ins Auto gescheucht und zwei vollgepackte Taschen in den Kofferraum geschmissen.
„Geduld“. Das einzige, was ich seit wir losgefahren sind, von ihm hören.
„Mensch, ich hab Mama versprochen, dass wir Weihnachten mit ihr und Papa verbringen. Und deiner Mama hab ich gesagt, dass wir sie am zweiten Weihnachtsfeiertag besuchen und ich hab mich schon mega auf das Essen von deiner Oma gefreut“. Ich maule vor mich hin. Vielleicht funktioniert diese Taktik. Ich hab‘s schon mit Flehen versucht, aber das wurde auch nichts. Und ihn zu nerven hat auch nichts gebracht.
„Unsere Mütter wissen Bescheid“. Aha, das ist auf jeden Fall eine neue Info.
„Über was?“. Innerlich drücke ich die Daumen, dass der Trick funktioniert, aber Leon lacht nur leise.
„Geduld“. Argh.
„Fabi hat gesagt, er muss mir was zeigen. Du willst doch nicht, dass ich den big reveal meines Bruders verpasse?“. Fabi deutet schon seit Wochen an, dass er irgendwas ausheckt. Wahrscheinlich hat er irgendein Mädchen geschwängert. Und ich kann nicht mit gossipen. Mann ey.
„Fabi hat gesagt, er wartet und erzählt es dir, wenn wir wieder da sind“. Er hat schon eine Engelsgeduld, mein Freund. Ich aber nicht.
„Von wo wieder da sind?“, versuche ich es erneut. Leon schüttelt grinsend den Kopf und legt mir eine Hand auf den Oberschenkel.
„Geduld“, wiederholt er. Ich verdrehe die Augen und seufze. Und gebe auf. Ich krieg es partout nicht aus ihm raus. Scheiß Sturkopf. Er weiß ganz genau, wie sehr ich Überraschungen hasse. Aber das hat ihn noch nie aufgehalten. Und bisher hab ich seine Überraschungen eigentlich immer geliebt – bis auf die Überraschung, bei der er mir eröffnet hat, dass er zu Bayern wechselt. Gut für ihn, dass ich zu dem Zeitpunkt gerade meinen Bachelor fertig hatte und den Master sowieso wo anders machen wollte. Also bin ich mit ihm mit nach München und bereut hab ich es bisher nicht, also war die einzig schlimme Überraschung irgendwie auch nicht so wirklich schlimm. Trotzdem hasse ich Überraschungen.
„Hast du aufgegeben?“. Ich sehe zu Leon. Er grinst nach wie vor und sieht immer wieder zu mir.
„Konzentrier dich auf die Straße“, schimpfe ich ihn und schuldbewusst dreht er den Kopf wieder zurück und schaut auf die Straße. Draußen wird es immer dunkler und vor allem immer verschneiter. Ich werfe einen Blick auf die Uhr und stelle fest, dass mein ‚seit Stunden‘ eigentlich erst relativ genau zwei Stunden sind. Es kommt mir schon viel länger vor, aber das liegt wahrscheinlich an meiner Ungeduld. Es ist ja immer so, wenn man sehnsüchtig auf etwas wartet, dann dauert es umso länger, um es zu erreichen.
„Okay, gib mir einen Tipp. Wie lang fahren wir noch?“. Leon grinst wieder.
„Jetzt entspann dich mal“. Ja wow, als ob mir das irgendetwas bringt. Ich will Antworten! Ich seufze und beschließe dann eine Runde, die Augen zu zumachen.

Es kommt mir vor, als hätte ich gerade einmal eine Viertelstunde vor mich hingedöst, da spüre ich, wie das Auto stehen bleibt und Leon den Motor abschaltet.
„Wir sind da“, murmelt er und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Sofort bin ich hellwach.
„Na endlich!“. Ich springe fast aus dem Auto und stelle zu spät fest, dass das ein großer Fehler war, denn schon sitze ich auf meinem Hintern. Aha. Anscheinend ist es glatt. Gut deduziert, Sherlock Emmy.
„Alles klar bei dir?“. Leon hält mir süffisant grinsend eine Hand hin und hilft mir auf.
„Ja, alles paletti. So steige ich immer aus dem Auto aus, das weißt du doch“, versuche ich ihm zu erklären, aber da muss ich selbst lachen. „Also sind wir jetzt endlich da?“. Leon nickt und lächelt.
„Weihnachtsüberraschung“, sagt er leise und gibt mir einen Kuss auf die Wange.
„Du weißt, dass ich keine Überraschungen mag“. Ich schmolle ein wenig, aber Leon durchschaut mich.
„Die wirst du mögen. Vertrau mir“. Und er schmeißt sich die eine Tasche über die Schulter, nimmt die Andere mit der Hand auf und hat offenbar noch genug Energie und Balance, um seinen freien Arm um meine Hüfte zu winden.
Während er mich durch die Dunkelheit führt, lasse ich den Blick schweifen, erkenne aber nicht wirklich irgendetwas. Und neunzig Prozent meiner Konzentration liegen sowieso darauf, nicht wieder auf meinen Hintern zu fallen.
Endlich geht vor uns ein Licht an und ich blicke auf… ein kleines Holzhaus. Und alles, was der Bewegungsmelder sonst noch erleuchtet, ist jede Menge Schnee und wenn ich mich umdrehe, kann ich gerade noch so Leons Audi ausmachen.
Mein Freund stellt die eine Tasche ab und kramt in seiner Hosentasche, zieht etwas heraus, was eigentlich nur der Schlüssel für dieses kleine Häuschen sein kann. Und ich habe recht, denn er sperrt die Tür auf und bittet mich mit einer Handbewegung und einem Lächeln, voran zu gehen.
Als ich die Hütte betrete, schwingt mir ein warmer Luftzug entgegen. Es riecht… es riecht wie in dem alten Bauernhaus meiner Großeltern, nach Holzlasur, Rauch und ein bisschen weihnachtlich.
Ich stehe in einem hellen, einladenden Flur und direkt gerade aus blicke ich in die Küche. Rechts gehen zwei Türen weg und links eine. Wow. Okay, vielleicht ist das wirklich eine Überraschung, die ich mögen könnte.
„Hey, geh mal aus dem Weg“. Leons Worte und der leichte Schubser, den er mir gibt, reißen mich aus meiner Trance und ich gehe einen Schritt auf die Seite, damit Leon an mir vorbei kann. Ich folge ihm mit dem Blick, wie er eine der Türen rechts öffnet und mit den Taschen verschwindet. Und beschließe, mich auch nützlich zu machen und fange damit an, die Hüttentür zu schließen und meine Schuhe auszuziehen und sie vor allem auf die Plastikwanne zu stellen, die dort steht, denn sie tropfen. Kein Wunder, bei all dem Schnee da draußen. Und, wenn ich mal so überlege, wie sind wir überhaupt hierhergekommen ohne Schneeketten? Egal, Gedanken für später.
Stattdessen gehe ich in Richtung des Zimmers, in dem Leon verschwunden ist. War offenbar das Schlafzimmer, denn der Großteil des Raumes wird von einem Doppelbett eingenommen. An der einzig freien Wand, wo genug Platz ist, steht ein großer Schrank, in demselben Holzton gehalten wie Bett und Wände.
„Wow“, entfährt es mir und fast andächtig lasse ich mich auf das Bett fallen. Es ist so schön weich und die Bettwäsche so flauschig, dass ich vermutlich nie wieder aufstehen wollen würde. Doch Leon hält mir die Hand hin. Aber ich drehe den Spieß um und ziehe ihn zu mir aufs Bett. „Wow“, sage ich nochmal und mein Freund grinst.
„Hab dir doch versprochen, dass es dir gefällt“, murmelt er und küsst mich kurz.
„Du alter Romantiker. Mietest eine Hütte irgendwo im nirgendwo für einen gemeinsamen Weihnachtsurlaub. Wer hätte damit gerechnet?“. Ich kuschele mich an ihn, atme tief ein. Leon war noch nie der große Romantiker. Noch nie. Ich kenn ihn immerhin jetzt schon lange genug, um das sagen zu können. Das romantischste, dass er vor diesem Trip jemals für mich getan hat, war, als er mir im Kindergarten eine Gänseblümchenkrone geflochten hat und gesagt hat, ich sei seine Prinzessin. War natürlich nur Spaß. Hin und wieder hat er schon seine Momente, aber so große romantische Gesten sind wirklich nicht seins. Meins auch nicht, um ehrlich zu sein. Aber zwischendurch ist es durchaus schön.
„Freu dich halt einfach“. Er klingt ein bisschen eingeschnappt. Armer Kerl.
„Tu ich doch, ich ärger dich doch nur“. Ich kann mir das Augen verdrehen nicht verkneifen, bereue es aber sofort wieder, als Leon uns so dreht, dass ich unter ihm liege. „Oh nein!“. Doch meine Drohung nützt nichts, denn er kennt meine Schwachstellen und er nutzt sie gnadenlos aus: Er kitzelt mich.
Als ich schließlich nur noch japse und fast keine Luft mehr bekomme, hört er auf und ich atme tief durch.
„Das ist gemein“, erkläre ich ihm, aber mein Freund zuckt nur mit den Schultern.
„Ja mei“. Ich verdrehe erneut die Augen. Das mach ich viel zu oft.
„Jetzt klingst du schon wie ein richtiger Bayer“. Jetzt ist Leon der, der die Augen verdreht. „Ja mei“, äffe ich ihn nach. „Ja mei. Du bist gemein. Ja mei. Das Internet ist tot. Ja mei. Die Welt geht unter. Ja mei. Das ist echt die Antwort auf alles in Bayern. Überall sonst ist die Antwort auf alles 42, aber Bayern braucht wieder eine Extrawurst“. Leon schnaubt und öffnet den Mund, aber ich unterbreche ihn: „Sag jetzt bloß nicht ja mei“. Schuldbewusst grinst er und auch ich muss grinsen. Doch bevor ich noch mehr plappern kann, drückt mir mein Freund einen Kuss auf die Backe und steht auf.
„Komm, wir räumen den Schrank ein und dann schauen wir uns den Rest von dieser Hütte mal an, oder?“. Das klingt doch nach einem Plan.

Nachdem wir den Schrank eingeräumt und die beiden Taschen verstaut haben, führt mich Leon zuerst in die Küche, die ich vorher schon bewundert habe und dann öffnet er die Tür im Flur links, die in ein großes Wohnzimmer führt. Jetzt weiß ich auch, wo die Wärme herkommt, denn hier steht ein großer Holzofen, in dem ein Feuer brennt.
„Wenn wir mal Haus bauen, will ich so einen Ofen haben“, ist das erste, was mir einfällt und Leon lacht laut auf.
„Soll ich jetzt daraus lesen, dass wir endlich Haus bauen sollen oder dass du das Haus planen willst oder dass das dein einziger Wunsch für ein potentielles Haus ist?“, schmunzelt er und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Die ersten zwei“. Ich lehne mich gegen Leon, spüre sein Lachen mehr als dass ich es höre und genieße einfach. Es ist schön warm, es riecht weihnachtlich, ich habe meinen Freund hier. Er hatte recht, die Überraschung ist ihm wirklich gelungen.
Irgendwann löse ich mich von Leon und sehe mich ernsthaft in dem Zimmer um. Bis auf den Holzofen im Eck ist es ziemlich modern eingerichtet. An einer Wand steht eine große Couch, an der gegenüberliegenden Wand hängt ein großer Flachbildfernseher. Und neben der Couch steht ein kleiner Weihnachtsbaum, dessen Lichterkette in einem einladenden orange leuchtet.
„Wow“, entfährt es mir erneut und ich drehe mich zu meinem Freund um, der mich mit einem leicht amüsierten Lächeln beobachtet. „Okay, was habe ich in den letzten paar Monaten nettes getan, dass ich das verdiene?“. Leon verdreht die Augen.
„Ich dachte nur, bevor du voll loslegst mit der Masterarbeit, ist vielleicht ein kleiner Ausflug zum Entspannen gar nicht so schlecht“. Ich seufze. Kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich diesen Kerl liebe. Schon immer, auf die ein oder andere Art und Weise. Stattdessen sage ich nur „Du bist so süß“ und stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen sanften Kuss zu geben.
„Nur süß? Nicht sexy? Oder unglaublich heiß? Oder zumindest hübsch?“. Es klingt Verzweiflung in seiner Stimme mit, aber ich weiß ganz genau, dass er das nur spielt. Ja, so viel zum Thema, kein Romantiker. Er hat es mal wieder bewiesen.
„Kannst du nicht einmal den Moment genießen?“. Ich verdrehe lächelnd die Augen und Leon zuckt mit den Schultern. „Ich wollte sagen… Du bist süß und das hier ist unglaublich und ich liebe dich und ich bin froh, dass ich dich habe. Und ich hab Hunger“. Das letzte wollte ich jetzt nicht unbedingt sagen, aber mein Mund war wie so oft schneller als mein Gehirn und es stimmt. Ich bin auch kein Romantiker. Passt schon mit Leon und mir. Wäre ja auch schlimm, wenn nicht.
„Dem kann ich abhelfen“. Mein Freund wackelt mit den Augenbrauen und zieht mich zurück in die Küche, wo er den Kühlschrank aufmacht, der überraschenderweise voll ist. Auf meinen fragenden Blick sagt er: „Hey, ich hab das auf AirBnB gefunden und der Host hat angeboten, den Kühlschrank noch aufzufüllen. Und es ist ja nicht so, als hätte ich kein Geld, also hab ich ja gesagt“. Achja, das Geld. Will gar nicht wissen, wie viel diese Hütte pro Nacht kostet. Und um diesen Gedanken ganz nach hinten in meinen Kopf zu schieben, werfe ich einen genaueren Blick auf den Kühlschrank und finde Butter und Marmelade. Und neben dem Kühlschrank in einer luftverschlossenen Box Brot. Ideal. Damit bin ich ja schon zufrieden. Und auch wenn es dann eher Frühstücks-Vibes abgibt, gieße ich mir noch ein Glas O-Saft ein. Leon beobachtet mich amüsiert.

Als ich mein Abendessen fertig verputzt hab, kommt er mir zuvor und stellt das Geschirr in die Spülmaschine und hält mir dann erneut die Hand hin. Was gibt‘s denn noch zu zeigen? Das Klo. Wow.
Aber ich werde eines besseren belehrt, denn als Leon die Tür zum Bad öffnet, fällt mir die Kinnlade herunter. Klar, ein Klo und ein Waschbecken ist da auch, aber den Großteil des Raumes nimmt eine Badewanne ein, die aber eher aussieht wie ein Whirlpool. Und in eine Ecke gedrängt ist noch eine kleine Dusche, aber die ist mir egal.
„Wow“, entfährt es mir heute zum dritten Mal und Leon lacht.
„Dein Lieblingswort heute?“. Ich zucke mit den Schultern.
„Wir testen diese Badewanne aber jetzt gleich aus, ja?“. Mein Freund nickt. Perfekt.
Und während wir darauf warten, dass die Badewanne voll läuft, setze ich mich auf den Boden vor den Holzofen und wärme mich. Ich liebe das. Meine Großeltern hatten einen solchen Ofen, aber nicht so modern, sondern eher 50 Jahre älter und ich habe jeden Winter damit verbracht, davor zu sitzen oder zu liegen und zu lesen. Links von mir ein Bücherstapel, rechts von mir Omas alter Schäferhund Bella und irgendwo dazwischen eine dampfende Tasse heißer Schokolade. Wie ich es geliebt habe.
„Badewanne ist fertig“. Langsam stehe ich auf und gehe zu Leon ins Bad. Mein Freund sitzt schon in dem Whirlpool und hat die Pseudo-Massagedüsen auch schon angemacht. Ich ignoriere seinen Blick, als ich langsam aus meinen Klamotten und zu ihm in die Wanne steige. „Hallo“, sagt er anzüglich und ich muss mir das Lachen verkneifen.
„Hallo schöner Mann, bist du öfter hier?“. Ich wackele mit den Augenbrauen und Leon hustet, doch dann bricht das Lachen doch aus ihm heraus.
„Nein, ich bin nicht öfter hier“, grinst er und zieht mich zu ihm. Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und seufze. Zum ersten Mal heute fühle ich mich komplett entspannt.
„Ich liebe dich“. Ich strecke mich ein wenig und küsse Leon auf die Wange. Er lächelt.
„Ich dich auch“.

Am Weihnachtsmorgen werde ich mit Frühstück am Bett geweckt. Und dann schickt mich Leon etwas bestimmend ins Bad, denn wir hätten wohl heute viel vor. Ich würde zwar am liebsten einfach den ganzen Tag im Bett bleiben, aber Leon hat einen Plan und ich vertraue ihm.
Als ich aus dem Bad komme, warten im Schlafzimmer eine Schneehose, Handschuhe und eine Mütze auf mich.
„Wir gehen Skifahren!“, eröffnet mir mein Freund. „Du hast gesagt, du warst schon ewig nicht mehr, also let‘s go. Ich darf aber nur blaue Piste fahren und ehrlich gesagt bin ich, glaub ich, seit ich acht war, nicht mehr auf Skiern gestanden, also musst du wohl auf mich Anfänger warten“. Er grinst.

Und tatsächlich, Leon ist ein totaler Anfänger. Wenn ich zusehe, wie er im Pflug die einfachste der einfachen Pisten runterschleicht, muss ich mir das Lachen verkneifen und ein ums andere Mal umkurve ich ihn und versuche, ihm den Parallelschwung beizubringen. Ich bin zwar auch schon ewig nicht mehr Ski gefahren, aber meine Eltern haben mit mir früher immer Skiurlaube gemacht, bis ich siebzehn oder achtzehn war, und so blöd es klingt, es ist tatsächlich wie Radfahren – man verlernt es nicht.
„Komm, mach‘s mir nach, es ist echt nicht so schwer!“, motiviere ich Leon, aber er schüttelt den Kopf.
„Bloß weil du hier einen auf Felix Neureuther machst, heißt das nicht, dass ich auch muss“, erklärt er mir. Oh Mann, das ist langweilig. Doch Leon kennt mich gut genug, um auch unter Skihelm, Skibrille und Tuch zu erkennen, was in meinem Kopf vorgeht. „Komm, fahr, ich weiß, dass es dich in den Fingern juckt. Ich setz mich einfach hier unten ins Gasthaus und schau dir zu, okay? Hab eh viel zu viel Schiss“, gibt er dann zu.
„Wenn das okay für dich ist…“. Ich dachte, wir machen das, um Zeit miteinander zu verbringen. Aber auf der anderen Seite juckt es mich halt wirklich in den Fingern, zumindest die rote Piste mal runterzujagen und die Waldpfade und die Buckelpiste. Hätte nie damit gerechnet, dass ich Ski fahren tatsächlich so vermisst habe.

Als ich mich schön langsam ausgepowert habe, ist es schon weit nach Mittag und die Pisten füllen sich langsam, aber sicher mit Fahrern und die wenigsten haben mein Tempo, also macht es eh keinen Spaß mehr, weil ich auf so viele Leute achten muss.
Also suche und finde ich Leon und wir packen zusammen, geben die Leihskier und Schuhe ab und machen uns auf den Weg zurück zu unserer Hütte. Irgendwer – vermutlich eine Putzkraft – hat die Hütte einmal durchgekehrt und das Feuer im Ofen angezündet. Leon erklärt mir kurz, dass das so abgesprochen ist und macht sich dann auf den Weg in die Küche.
„Geh du duschen und ich kümmere mich ums Essen. Und dann können wir eh schon fast Geschenke austauschen“. Geschenke. Scheiße. Leons Geschenk liegt noch… doch mein Freund unterbricht meinen Gedankengang und grinst. „Ich hab dein Geschenk für mich eingepackt, es liegt noch im Auto. Ich bin doch nicht blöd. Da stand dick und fett mein Name drauf“. Er rollt die Augen in meine Richtung. Ich strecke ihm die Zunge raus. „Geh duschen!“. Und weil ich verschwitzt bin, stinke und mich ziemlich eklig fühle, tue ich ausnahmsweise mal, was er sagt und hüpfe unter die Dusche.

Es riecht schon nach Essen, als ich die Dusche wieder verlasse. Verantwortungsvoll öffne ich das Badfenster einen Spalt, um Schimmel vorzubeugen und schlüpfe dann in einen der Bademäntel, die an der Tür bereit hängen und in ein Paar flauschige Hausschuhe. So leise ich kann, schleiche ich mich an Leon an und schlinge dann meine Arme um seinen Bauch.
„Was gibt es denn?“, frage ich unter seinem Arm hindurch. Ich werde mit einem amüsierten Blick gewürdigt.
„Hackfleisch-Eintopf nach Omas Rezept. Ich weiß, dass du den liebst“. Oh ja. Mir läuft bei dem Geruch und dem Blick auf das Essen fast das Wasser im Mund zusammen. Oma Elfriede ist eine Göttin, wenn es ums Kochen geht. Als wir in der Grundschule waren, sind wir jeden Freitag zu ihr zum Essen und sie hat immer groß gekocht, nur für uns zwei kleinen Kiddies. Gott, wie ich es geliebt habe. Das Essen ist eine von wenigen Dingen, die ich in München wirklich vermisse.
„Ich mag ihn nur, wenn du ihn auch so hinkriegst wie Oma Elfriede“. Meine dritte Omi, sozusagen. Oma und  Oma Maria, Mamas Mama und Papas Mama und Oma Elfriede – Leons Oma.
„Ich hab‘s mit ihr geübt, als ich im Sommer in Bochum war“, erklärt mir mein Freund stolz.

Überraschenderweise schmeckt es tatsächlich fast so gut wie daheim in Bochum. Leon hat sich wirklich Mühe gegeben. Während ich in der Dusche versumpft bin, hat er den Tisch gedeckt, sogar Kerzen angezündet und von irgendwoher seine JBL-Box hergezaubert und lässt im Hintergrund leise Weihnachtsmusik laufen. Es ist einfach wunderschön.
Und als wir fertig sind mit Essen und alles aufgeräumt haben, ist es auch schon dunkel draußen. Leon steckt die Lichterkette an, während ich nochmal nachheize. Die Box haben wir mitgenommen und jetzt sitzen wir im Wohnzimmer auf der Couch.
„Wie wär‘s mit Bescherung?“. Ich halt es nicht mehr aus. An Weihnachten bin ich immer noch so ungeduldig wie als Kind und Leon weiß das, deswegen nickt er und ich springe auf, um sein Geschenk zu holen. Dieses Jahr war ich kitschig. Aber mit Recht. Immerhin haben wir an Neujahr Jahrestag und nicht nur irgendeinen – zehn Jahre sind Leon und ich dann schon zusammen. Fast mein halbes Leben. Meine Mama sagt immer, sie wusste es von Anfang an, dass wir füreinander gemacht sind und sie hat recht. Unsere Mütter waren im gleichen Schwangerschaftsvorbereitungskurs, wir waren beim gleichen Babyschwimmen, in der gleichen Kinderkrippe, im gleichen Kindergarten, in der gleichen Grundschule und erst da haben sich unsere Wege getrennt, denn Leon ist aufs Fußballinternat und ich durfte ‚nur‘ aufs normale Gymnasium. Aber das hat uns auch nicht auseinander gebracht. Und jetzt sind es zehn Jahre. Also habe ich ganz tief auf diversen Festplatten und in Fotoalben gegraben und habe jedes verdammte Foto von uns beiden vervielfältigen lassen und ein Fotoalbum erstellt. Die Leon und Emmy-Story. Ein dickes Fotoalbum.
Als ich zurück ins Wohnzimmer komme, wartet Leon schon, doch ich sehe kein Geschenk. Egal. Jetzt bin ich erstmal dran.
„Hier“. Ich überreiche Leon das dick verpackte Album. Ich hoffe, er mag es. Es ist echt ziemlich kitschig. Und wirklich romantisch ist ja keiner von uns.
„Wow“. Jetzt ist es Leon, der das sagt. Fast andächtig streicht er über den Einband, auf dem ein aktuelles Selfie von uns zu sehen ist und unser Jahrestag dick und fett steht. 01.01.2011. Wow, ist das lang her. Ich kann mir das Lächeln nicht verkneifen, als ich zusehe, wie Leon langsam das Buch aufschlägt. Ich sehe seine Mundwinkel bei dem ersten Bild zucken: Unsere Mütter, beide hochschwanger, stehen Bauch an Bauch da und grinsen in die Kamera. Das erste Bild von uns Beiden habe ich drunter geschrieben. Nach und nach werden wir älter und die Bilder neuer.
Unser Einschulungsbild – Leon mit einer Fußballschultüte und ich mit einer Astronautenschultüte.
Leon und ich mit einem Pokal nach irgendeinem Fußballturnier – als Leon noch einen Topfschnitt hatte und ich Pippi-Langstrumpf-Zöpfe.
Leon und ich, aneinander gekuschelt bei Oma Elfriede auf der Couch, nach einer Faschingsparty, so wie es aussieht.
Leon und ich wieder mit einem Pokal.
Leon und ich, wie wir uns küssen. Da waren wir gerade frisch zusammen.
Leon und ich bei meinem Abschlussball. Da hatte ich einen Bob. Und Leon auch noch.
Leon und ich bei meinem Abiball. Da hatte ich wieder lange Haare und Leon war den Topfschnitt endlich losgeworden.
Leon und ich auf dem Rasen der Veltins-Arena.
Leon und ich im Reha-Zentrum.
Leon und ich mit dem Confed Cup-Pokal.
Leon und ich auf dem Rasen der Allianz Arena.
Und noch hunderte mehr. Ich hab versucht, jedes zu beschriften und einen dummen oder lustigen Kommentar darunter zu schreiben.
Am Ende, auf der letzten Seite, habe ich einen kleinen Liebesbrief geschrieben, den Leon jetzt liest. Ich beobachte ihn aufmerksam. Er beißt sich auf die Lippe und blinzelt.
„Wow, Emmy, das… wow“, sagt er mit rauer Stimme. „Du bist unglaublich“. Vorsichtig legt er das Album neben sich auf die Couch und zieht mich dann in eine Umarmung. Er schnieft ein wenig und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. Mit einem unendlich liebevollen Blick nimmt er mein Gesicht in seine Hände, streicht mir mit dem Daumen über die Wange und küsst mich dann so unglaublich sanft. Und dann auf einmal steht er von der Couch auf und geht vor mir auf die Knie. Oh mein Gott. Ich meine, ja!, und wir haben da ja auch schon mehrfach drüber geredet, aber darauf bin ich gerade nicht gefasst.
„Emmy… Emmy, ich liebe dich. Schon mein ganzes Leben. Seit ich denken kann, bist du an meiner Seite. Du bist mit mir nach Gelsenkirchen, nach München, nach Rio, nach Sankt Petersburg und nach Moskau. Du bist immer bei mir und ich weiß, ich kann mich immer auf dich verlassen. Ich liebe dich, seit ich dich kenne und wenn wir nicht füreinander gemacht sind, dann weiß ich auch nicht. Was ich weiß, ist, dass ich den Rest meines Lebens mit dir verbringen will. Ich will dich heiraten, mit dir Haus bauen, Kinder kriegen und mit dir alt werden und ich hoffe, du willst das auch. Emmy, willst du meine Frau werden?“. Ich bin ein wenig sprachlos. Und als Leon den Ring hervorzieht, bin ich noch sprachloser. Aber dann finde ich seinen Blick und mein Mund macht sich selbstständig und spricht die Worte aus, die mein Gehirn gerade nicht formen kann: „Ja, ich will“. Und als Leon den Ring auf meinen Finger schiebt und mich küsst, muss ich an etwas denken, was Oma Maria mal gesagt hat: „Manche sind wie Topf und Deckel, aber Emmy und Leon sind eher wie ein Waffeleisen, fest zusammen“. Ich grinse in den Kuss und Leon löst sich von mir, sieht mich fragend an.
„Wir sind ein Waffeleisen“, sage ich kichernd.
„Ja, und jetzt sogar ganz offiziell“. Mit einem leisen Lächeln streicht er über den Ring an meinem Finger. „Ich liebe dich, Emmy“.
„Ich dich auch“.
_________________________________________________

a little domestic Leon x OC :)
Es ist vielleicht ein bisschen kitschig, aber mir egal. Leon und Emmy sind ein eingespieltes Team, kennen sich in und auswendig und doch schafft es Leon, Emmy zu überraschen ;)
Joah, ich hoffe, es gefällt und ich freu mich auf euer Feedback!

LG, die Ela :)
Review schreiben