Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt...

von finngirl
GeschichteAllgemein / P12
15.02.2020
01.07.2020
32
132.859
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30.06.2020 4.539
 
Daaaaankeschön für direkt so schnell so viele Kommentare :*
Ihr müsst ja nicht immer und ständig und viel schreiben, aber... ach, wie immer ärgern mich die ewigen Schwarzleser, die NIE was dalassen... *grummel* Ihr anderen... ihr seid toll... :*
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„Erstmal nicht. Nein. Ich will…“
„Andere Männer kennen lernen?“, stockte Henry der Atem.
„Ich weiß nicht. Aber ich will dich nicht als einzige Alternative für mein Leben im Moment sehen. Das kann ich gerade nicht. Zuerst muss… zuerst müssen wir diesen alten Hass, dieses Misstrauen loswerden.“
„Freunde werden?“
„Unsere emotionalen Grenzen ändern.“, nickte Ruby.
„Wieso liegst du hier bei mir?“
„Weil… ich nicht ohne dich sein will. Aber ich kann auch nicht mehr. Das ist mir jetzt klar.“
„Wir haben also eine Chance?“
Ruby nickte. „Irgendwann, Henry. Irgendwann.“
„Ich werde keine andere Frau…“
„Psst. Darüber denke ich gar nicht nach.“ Schnell war ein Finger an Henrys Lippen gewandert und hatte ihn abgehalten weiter zu sprechen. „Solange wir… nicht ganz klar ein Paar sind… hat keiner Ansprüche zu stellen.“
„Aber…“
„Nicht mehr. Nein. Wie ich sagte: vorerst nicht als Paar.“ Ruby weinte, sprach dabei leise, wusste aber, dass das wohl die einzige Möglichkeit wäre, diese Situation zu bereinigen. „Und wie es weiter geht… wird sich zeigen.“
Henrys Arme schlossen sich enger um Ruby, er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Sei dir meiner Gefühle gewiss. Ich werde warten und geduldig sein.“, versicherte er flüsternd. „Aber wenn du Abstand brauchst…“
„Du auch.“
„Ja. Aber du hast es erkannt.“ Henry atmete tief durch. „Ich verstehe es und… trage es. Weil ich dich will, Ru.“
„Ruby. Bitte.“
„Tu mir das nicht an.“
„Also gut.“ Kurz lächelte Ruby.
Und auch Henry lächelte. Erleichtert. Das war immerhin ein Punkt, auf den er aufbauen könnte, wenn alles andere schon wieder den Bach runter ging.
„Morgen nach der Arbeit komme ich wieder hierher. Versprochen. Und am Abend möchte ich Sightseeing machen. Wenn du Zeit hast, würde ich mich freuen, wenn du mich begleitest. Als bester Freund meines Bruders.“
Henry nickte kurz. „Okay. Schlaf jetzt, Ru.“, flüsterte er dann. Er schluckte, wartete, bis sie eingeschlafen war und drehte sich dann auf den Rücken, noch immer einen Arm unter ihrem Körper. Was war passiert?! Sie hatten sich also doch getrennt. Sie waren doch tatsächlich nicht wirklich zusammen gewesen und schon wieder auseinander. Weil er einfach… er hatte es verkackt. Vorsichtig zog er seinen Arm unter Rubys Körper raus und wartete einen Moment, ob sie aufwachte, aber sie schlief weiter. Also stieg er aus dem Bett und zog leise die Schlafzimmertür zu, bevor er sein Handy ansah und Coreys Nummer wählte.
„Henry? Weißt du eigentlich nicht, was es heißt Menschen mal in Ruhe zu lassen?“, seufzte der direkt ins Telefon. „Ich bin gerade mit Kollegen unterwegs, was gibt’s?“
„Ach so… ich dachte… ach, alles gut. Ich melde mich morgen. Oder wenn du Ruhe und Zeit hast.“, murmelte Henry, öffnete die Terrassentür und trat ins Freie.
„Was ist los?!“, stöhnte Corey sofort, murmelte dann was – scheinbar den Kollegen zu – und räusperte sich. „Okay, ich kann reden und bin alleine. Was ist los? Ruby sollte seit gestern bei dir sein!“
„Das ist sie. Sie schläft.“
„Um die Zeit sollte sie das auch? Ist sie krank?“
„Corey…“ Henry seufzte, hatte keine Ahnung, wie er es sagen sollte.
„Nein! Henry, sag nicht…“
„Doch, Cor. Ich hab’s versaut. Noch bevor wir überhaupt wirklich angefangen haben, hab ich es schon kaputt gemacht.“ Henry ließ sich auf die Sitzbank im Garten sinken und stützte seine Stirn auf die freie Hand. „Ich hab… wir hatten mal wieder eine unserer dummen Diskussionen und am Ende ist sie aus dem Auto gestiegen, hat sich zu Fuß auf den Rückweg gemacht und… sie wollte in ein Hotel, hat aber mein Friendensangebot weitgehend angenommen. Aber trotzdem… Sie hat sich vor einer halben Stunde von mir getrennt, Cor.“ Henry wurde erst mit dem Aussprechen dieser Worte wirklich bewusst, was passiert war. „Ich hab… wir haben… Ich soll sie nicht mehr küssen, sie will nicht als Paar auftreten, sie will… selbst die Möglichkeit andere Männer treffen zu können, schließt sie nicht aus. Wir haben keinerlei Ansprüche aufeinander und… Ich hab sie verloren, Corey.“
Corey saß in London und spürte Henrys Verzweiflung. Und zugleich war er wütend auf seinen besten Freund. „Am liebsten würde ich sagen: ich hab es ja gewusst, aber… dazu liebe ich euch beide zu sehr. Wie geht es Ru?“
„Sie liegt in meinem Bett und schläft. Sie hat den ganzen Abend nur geweint.“
„Aber… sagtest du nicht…“
„JA! SIE hat diesen Entschluss gefasst. Sie will auch die restliche Zeit hier wohnen, aber im Gästezimmer und… morgen mit mir Sightseeing machen. Ich bin der beste Freund ihres Bruders, sagte sie.“
„Oh Mann.“, stöhnte Cor. „Was kann ich tun?“
„Zuhören. Vor allem ihr, denke ich. Ich komm schon klar.“
„Ach Henry, hör doch auf! Ich kann doch hören, wie scheiße du dich fühlst. Immerhin! Wenn du dir den Arsch nicht aufreißt, um Ruby noch glücklich zu machen, tu ich das.“ Corey hoffte, dass Henry lachen würde und wie immer antwortete, dass das IHN, Corey, sowieso am glücklichsten machen würde, wenn er in diesen Genuss kommen dürfte. Aber nichts dergleichen passierte. „Okay… ich merk schon… es ist richtig ernst. Soll ich kommen?“
„Nein…“ Dennoch überdachte Henry diese Option. Was würde das bringen? Ruby hätte jemanden, zum Reden, zum Anlehnen, um ihm aus dem Weg zu gehen. „Ich weiß nicht.“
„Du hoffst, wenn ihr zu zweit seid…“
„Ein wenig. Ja. Und zugleich will ich ihr ihren Willen geben und mich fügen.“
„Oh Cavill. Wenn du nicht der Richtige für Ruby wärst, würde ich dich windelweich prügeln.“, schimpfte Corey jetzt.
„Bitte was?“ Henry richtete sich ein wenig auf.
„Ich würde dich windelweich prügeln! Natürlich, sie ist meine kleine Schwester!“
„Nein, ich meinte das davor, Cor.“, keuchte der Engländer.
„Dass du der Richtige für Ruby bist?“
„Ja, wieso… wie kommst du darauf?“
Corey lachte nur. „Das weißt du wirklich nicht, Henry?“
„Nein. Vor knapp zwei Wochen wolltest du mir das alles noch ausreden…“
„Und dann hab ich gesehen, wie gut ihr zwei zusammen passt und… wie sehr sie dich… sie mag dich wirklich sehr, Henry, sie… sie braucht dich.“
„Du hast mir schon zugehört, oder? Sie hat sich vorhin von mir getrennt, bevor wir richtig zusammen sein konnten.“, fauchte Henry jetzt. „Und, so wie ich das Ganze sehe… werden wir uns demnächst einfach wieder anfauchen, während du zwischen uns sitzt.“, stöhnte er dann und atmete kurz durch. „Hör mal, es tut mir leid.“
„Was genau?“
„Dass ich es verbockt habe. Was denn sonst?!“
„Dass du mich um die Uhrzeit anrufst, wenn ich eigentlich gerade auf Tour bin…“, feixte Corey. „Weißt du, es würde mich viel mehr ärgern, wenn du alles verschweigen und nicht mit mir reden würdest, nur, weil ICH es bin und weil es Ruby betrifft.“, erklärte Corey. „Kommt ihr wirklich klar? Wenn ihr mich braucht, kann ich morgen früh den ersten Flieger nehmen.“, versicherte der Amerikaner seinem Freund jetzt noch mal.
„Vielleicht… vielleicht solltest du mit Ruby reden und sie fragen.“
„Darf ich ihr sagen, dass du mich angerufen hast?“
„Natürlich. Wieso sollten wir ihr das verschweigen?!“
„Okay, dann… wann muss sie aufstehen?“
„Sie steht so gegen halb neun auf, glaube ich.“
„Okay, dann melde ich mich dann bei ihr.“
„Kann sie sich dann noch auf ihren Job konzentrieren?“
„Ziemlich gut sogar. Unter Belastung arbeitet sie wie ein Tier. Wie ein kreatives, künstlerischen uns ziemlich pedantisches Tier.“, lachte Spears ins Telefon. „Dann wird sie noch genauer und eifriger, in der Hoffnung, dass der Tag schneller vorbei geht.“, versicherte er. „Also ruf ich sie an… bist du dann noch im Haus?“
„Nein. Ich muss vorher los.“
„Prima. Dann… haben wir mehr Luft. Du weißt schon…“
„Ja ja… ohne mich ist sie scheinbar besser dran.“
„Geh wieder zu ihr.“
„Ich werde nicht… ich sollte auf dem Sofa oder in einem anderen Zimmer schlafen.“, schüttelte Henry den Kopf.
„Doch wirst du! Wenn SIE entschieden hat, dass sie dich heute Nacht braucht… neben sich, bei sich, dann wirst du deinen Arsch in dieses Bett schwingen und für sie da sein! Wenn sie mir morgen was anderes erzählt, dann reiß ich dir die Eier ab!“, schimpfte Corey jetzt. „Verstanden?!“
„Ja. Verstanden.“, seufzte Henry. „Cor?“
„Hmm, was noch?“
„Danke. Danke, dass du noch immer mein bester Freund bist.“
„Immer, Cavill. Immer.“, murmelte Corey.
Henry schwieg.
„Und du wirst irgendwann wieder Rubys Freund sein. FREUND, nicht nur Freund. Versprochen. Ich helfe euch.“
„Mhh.“ Henry schluckte. „Ich sollte ins Bett.“
„Ja. Trink vorher einen Schluck. Dann kannst du auch einschlafen.“
„Ich will…“
„Sie anstarren?! Die ganze Nacht?! Was bist du denn für einer?“, lachte Corey. „Na los… schlaf gut, Henry. Und vielleicht sehen wir uns die Tage.“
„Ja, ich schick dir morgen die Adresse, falls du kommst. Danke, Cor.“
„Für euch beide tu ich fast alles. Schlaf gut.“
„Du auch.“ Henry legte auf, atmete tief durch, rief Kal ins Haus und schloss die Terrassentür, bevor er leise ins Schlafzimmer schlich, Ruby anständig zudeckte und sich neben sie legte.
Sie schien zu bemerken, dass er wieder da war, rutschte näher, murmelte Unverständliches und vergrub dann ihr Gesicht an seiner Brust.
Kurz hielt er den Atem an, strich ihr dann ein paar Haare aus dem Gesicht und legte seinen anderen Arm um sie, bevor er sich selbst auch zudeckte und noch eine ganze Weile so liegen blieb, bis er tatsächlich irgendwann einschlief.

Leise schlich Henry nach dem Duschen und Anziehen aus dem Schlafzimmer. Ruby schlief noch immer. Er war schon mit Kal draußen gewesen und wollte noch ein kleines Frühstück vorbereiten, bevor er los müsste. „Kal, komm jetzt raus.“, flüsterte er und Kal trabte zu ihm. Gerade wollte er die Tür zu ziehen, als Ruby kurz hustete.
„Henry?“, murmelte sie.
Der Schauspieler hielt die Luft an. Vielleicht schlief sie ja direkt wieder ein.
„Musst du schon los?“, kam es vom Bett und Ruby richtete sich auf. Ihr Gesicht war noch immer gerötet und sie sah beinahe krank aus. So schlimm, dass Henry schlucken musste.
„Ja, ich muss in einer Stunde los und wollte noch frühstücken.“, antwortete er dann doch. „Du kannst noch schlafen.“, murmelte er und wollte die Tür endlich zu ziehen.
„Bist du… böse auf mich?“ Ruby saß im Bett und sah ihn an. „Ich…“
„Ruby.“ Henry seufzte und ging wieder ins Zimmer. „Wie könnte ich böse auf dich sein? Du hast… das getan, was für dich das Beste ist. Das, was vielleicht die einzige Lösung für uns ist, wenn wir beide das wollen, was… was wir schon dachten zu haben.“ Wieder schluckte er und fühlte seinen Herzschlag. „Selbst, wenn du heute Abend nicht hierher zurück kommen würdest, wäre ich nicht böse auf dich, Ruby.“, versicherte er. „Ich… bin aufgewühlt, verunsichert und… traurig. Ja. Aber nicht böse. Und ich habe mit Corey gesprochen, weil ich jemanden brauchte, der mich kennt, mich versteht… ich hoffe, darüber bist du nicht böse…“
„Er weiß es?“
Henry nickte.
„Oh Mann.“
„Er war ziemlich verständnisvoll. Für uns beide. Obwohl ich es vermasselt habe.“
„Das warst du nicht alleine.“ Dennoch widersprach Ruby ihm nicht. „Soll ich…“
„Er will dich später anrufen. Er weiß, wann ich weg bin. Und… er hat gefragt, ob er vorbei kommen soll.“
„Und?“
Kurz lächelte Henry. Am liebsten hätte er sie einfach geküsst. „Das ist deine Entscheidung. Ich habe hier Kollegen, einen zeitaufwändigen Job, dieses Haus… ich denke… Nein, ich habe ihm gesagt, dass du das entscheiden musst. War das okay?“
Ruby nickte. „Mhh.“
„Okay… dann… geh ich jetzt frühstücken und dann bald los.“ Henry nickte kurz und griff wieder zur Tür, um sie hinter sich zu schließen.
„Henry!“, rief Ruby.
„Ja?!“
„Heute Abend… Sightseeing?“, hoffte Ruby.
Kurz presste Henry die Lippen aufeinander. „Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann, Ruby. So viel Zeit mit dir zu verbringen ohne… ohne… du weißt schon.“, gab er dann leise zu. „Frag mich einfach, wenn du wieder da bist und… wir schauen weiter. Okay?“, bat er und war froh, als Ruby nickte.
„Okay. Kann ich verstehen.“, versicherte sie. „Dann… trotzdem einen guten Tag.“
„Dir auch. Danke. Wenn etwas sein sollte… du kannst mich jederzeit anrufen oder anschreiben.“ Henry zog die Tür zu und eilte in den Küchenbereich, wo er erstmal den Kopf an den Kühlschrank lehnte und tief ein- und wieder ausatmete. „Verfluchte Scheiße.“, flüsterte er und schüttelte den Kopf. Er wollte nicht nur EIN Freund sein und gleichzeitig wollte er nicht KEINEN Kontakt haben. Die Situation würde ihn wahnsinnig machen. Dazu kam, dass sie ihn jetzt beinahe näher haben wollte, als zuvor! Am liebsten hätte er den Dreh abgesagt und sich den ganzen Tag um Ruby gekümmert, aber das würde auch nichts bringen. Noch einmal atmete er tief durch, als er die Schlafzimmertür hörte. Schnell fing er an Kaffee zu kochen und holte ein paar Früchte, um sie zu einem Obstsalat zu verarbeiten. Er wusste, dass Ruby Obstsalat mochte, sie hatte ihn in London bei Corey gemacht und gegessen, auf La Palma, in der Zeit, als er in London viel bei ihr gewesen war und auch schon früher. Außerdem hatte er noch Blaubeeren im Kühlschrank. Gerade, als er eine Handvoll davon zum Waschen ins Waschbecken legte, trat Ruby neben ihn.
„Obstsalat?“
Er nickte. „Das Obst wird nicht besser, wenn es noch länger im Kühlschrank liegt.“
„Du hast es frisch gekauft, Henry. Machst du den Obstsalat, weil ich ihn gern mag?“
Kurzzeitig war Henry von Rubys direkter Art genervt, dann fiel ihm ein, dass er genau das ja auch so mochte: Direktheit, Ehrlichkeit, Ruby. Also schnaufte er und nickte. „Ja, Ruby. Ich versuche trotz der Situation irgendwie…“
„Ist okay. Danke. Ich weiß das zu schätzen, Henry, weißt du? Hast du selbst gefrühstückt?“
„Ich war mit Kal draußen, duschen und… dann bist du aufgewacht.“
„Komm. Lass uns zusammen frühstücken.“
„Nein, Ruby. Nein. Ich… ich hol mir unterwegs was. Bitte versteh das nicht falsch, aber… ich muss Luft zwischen uns kriegen. Sonst dreh ich durch.“ Henry bemerkte, wie Ruby sich versteifte. „Nicht, weil du da bist, sondern… weil du nicht mehr… ach, Ru!“ Wütend und verzweifelt warf er das Messer in die Spüle. „Ich will das nicht! Ich will nicht… hier bei dir sein und…“
„Dann gehe ich in ein Hotel.“, beschloss Ruby. Sie verschwand neben ihm und er hörte, wie sie die Treppe nach oben ging.
Kurz darauf hörte er ihr Handy im Schlafzimmer. „RUBY! DEIN HANDY!“, rief er, holte es und lief ihr entgegen.
Wortlos nahm sie es ihm ab. „Corey.“, murmelte sie und ging ran, während sie wieder nach oben eilte. „Corey!“
„Ru… hey… du klingst… oh nein, bitte nicht. Nicht weinen.“, seufzte Corey, als er Ruby leise schluchzen hörte. „Soll ich kommen? Ich kann in zwei Stunden in einen Flieger steigen, wenn du das willst.“
„Ich…“
„Okay, ich komme.“ Corey eilte durch seine Wohnung und warf Kleidung, Rasierer und andere Sachen wild in einen Koffer. „Ich habe Henrys Adresse. Wenn ich den Flieger in zwei Stunden bekomme, bin ich gegen Mittag da.“
„Da arbeite ich noch.“, murmelte Ruby.
„Musst du…“
„Ja. Ja. Das lenkt mich ab. Und außerdem habe ich Termine. Aber ich kann am Nachmittag zurück kommen. Wobei… Henry will mich nicht…“
„Er will dich nicht verlieren, Ruby.“
„Gerade sagte er, dass… er mich nicht hier haben will.“
„WAS?! Das klang heute Nacht noch anders.“
„Ja. Und dann haben wir ein paar Stunden geschlafen.“, flüsterte Ruby. „Er hat es sich scheinbar doch anders überlegt.“
„Aber… DU wolltest doch…“
„Ja, aber ich wollte nicht… DAS, Corey.“
„Okay… pass auf. Ich schreib dir, wenn ich bei Henry im Haus bin.“
„Du hast keinen Schlüssel.“
„Versteck deinen irgendwo, mach davon ein Foto und schick es mir.“
„Okay.“
„Wenn ich dort bin, melde ich mich auch bei ihm…“
„Er ist normal vor mir zu Hause.“
„Gut. Und du kommst nach der Arbeit einfach zum Haus.“, befahl Corey. „Alles Weitere klären wir dann. Zu dritt, zu zweit… mal schauen.“
„Ich wollte heute Abend Sightseeing machen. Mit ihm, aber er hat es abgesagt. Wahrscheinlich zumindest.“
„Das ist okay. Dann machen wir Sightseeing. Ich kenne mich gut aus.“ Corey schloss seinen Koffer, überprüfte seine Reisepapiere und schloss alle Fenster, nachdem er die Stecker gezogen hatte. „Ru… ich steige jetzt in ein Taxi und mache mich auf den Weg zum Flughafen. Sonst verpasse ich den Flieger garantiert.“
„Ja. Melde dich kurz, wenn du da bist.“
„Versprochen. Und du… mach schönen Schmuck.“
„Ja.“ Ruby legte auf, sah sich kurz um und schloss die Augen. Der Tag würde hart werden. Aber sie kannte sich: Ablenkung war immer das Beste für sie. Sie würde weiter an ihren Erststücken arbeiten. Den ganzen Tag. Und vermutlich die ersten Stücke auch schon in Fertigung durch die Manufaktur sehen und überprüfen. Es wartete viel Arbeit auf sie. Mal abgesehen von den geschäftlichten Zeiten, die auch schon eingeplant waren. Mit einem Ruck stand sie auf, horchte nach unten und ging wieder in die Küche, wo Henry gerade seine Kaffeetasse leerte und in die Spülmaschine räumte.
Als er sie bemerkte, sah er sie mit ernstem Blick an. „Du musst nicht gehen, Ruby. Das meinte ich nicht. Es geht eher um mich. Ich muss mich einfach in den Griff kriegen. Du hast mich heute Nacht überrumpelt, als du wieder kamst und… ich muss es für mich etwas klarer trennen. Verstehst du?“
„Okay.“ Ruby versuchte einsilbig zu bleiben. „Corey kommt heute Mittag an.“
„Okay.“ Henry nickte. „Wie kommt er…“
„Ich verstecke meinen Schlüssel. Er hat sich für mein Sightseeing angeboten. Du musst dir darum keine Gedanken machen.“ Ruby fröstelte. Die Kluft zwischen ihnen war spürbar. „Ich will nicht, dass du das Gefühl hast, ich stoße dich von mir, Henry.“
„Ganz logisch gesehen, hast du das getan. Aber ich verstehe die Gründe, Ruby. Ich muss jetzt damit arbeiten. Aber… vor allem muss ich jetzt zur Arbeit.“
„Du hast noch zwanzig Minuten Zeit.“
„Du solltest um die Zeit noch schlafen.“
„Du bist nicht mehr im Bett gewesen.“
„Du hast dich gestern von mir getrennt.“ Henry setzte den Schlusspunkt der kleinen Auseinandersetzung und Ruby verstummte. Sofort tat es Henry leid, aber er musste sich jetzt abgrenzen. „Ich fahre jetzt los. Das Obst habe ich in den Kühlschrank. KAL! Bis später.“ Er schnappte sich eine Tasche, Schlüssel und Leine und verließ das Haus ohne weiteres Wort.
Fassungslos stand Ruby in der Küche und versuchte ihren Puls und ihren Herzschlag zu kontrollieren, bevor sie wütend aufstampfte und einen kurzen Schrei ausstieß, um die Anspannung los zu werden, die sich aufgebaut hatte.
Sie riss den Kühlschrank auf und zog die kleine Schüssel mit dem Obstsalat raus, um den komplett im Abfalleimer zu entsorgen. Danach eilte sie nach oben, holte sich Sportklamotten aus dem Wirrwarr ihrer Kleidung und schlüpfte in Laufschuhe. Mit dem Schlüssel bewaffnet ging sie Laufen, solange ihr Fuß es erlaubte, musste die Wut in Energie umwandeln, bevor sie Henry anrufen und schlimme Dinge an den Kopf werfen würde. Eine Stunde später kam sie ausgepowert und leicht humpelnd wieder an, duschte und trauerte tatsächlich dem Obstsalat hinterher, während sie sich einen Apfel schnappte und nebenbei ein Müsli löffelte. Und trotzdem… nein, diese Genugtuung würde sie Henry nicht gönnen. Mit seinem Spruch hatte er sie herausgefordert. Zumindest fühlte sie sich so. Kurz darauf klingelte Beno und brachte sie in die Firma, wo sie sich den gesamten Tag über ihrer Arbeit widmete, die Gedanken über Henry einfach abschaltete und sogar Coreys Nachricht nicht wahrnahm, sondern erst den Anruf von ihm, kurz, bevor Beno sie wieder zum Haus bringen würde.
„RU! Ich dachte, es ist was passiert! Wieso hast du nicht…“
„Ich hab gearbeitet. Tut mir leid. Bist du gut angekommen?“ Es tat ihr wirklich leid. Schließlich war er nur wegen ihr da. „Ich werde jetzt heim gefahren und bin so in einer dreiviertel Stunde da. Soll ich was mitbringen?“
„Nein. Es ist alles da… inklusive eines wütenden Engländers… Was hast du getan? Gestern war er noch verzweifelt.“
„Ich hab nichts… oh. Er hat den Obstsalat entdeckt.“
„Obstsalat?!“
„SIE HAT IHN EINFACH WEGGEWORFEN!“, hörte Ruby Henry im Hintergrund laut schimpfen. Dann knallte eine Tür, vermutlich die unter der Spüle, wo der Abfalleimer war.
„Bist du sicher, dass du herkommen willst?!“, murmelte Corey. „Ich bin verwirrt über den Stimmungswandel.“
„Bis gleich, Cor.“ Ruby legte auf. „Hallo Beno, hatten sie einen schönen Tag?“ Sie versuchte sich ihren Groll nicht anmerken zu lassen.
„Danke, ja sehr schön. Und ihr Tag? Sie sehen frischer aus, als heute Morgen.“
„Ja, die Arbeit tut mir gut. Ich habe fast alle Erststücke fertig gestellt und Versandwege sind nun geklärt. Ein wirklich erfolgreicher Tag. Danke.“ Ruby stieg ein und unterhielt sich mit Beno noch eine Weile über diverse Schmuckstücke. Es war interessant für sie zu hören, welche Schmuckstücke Männer seiner Meinung nach mochten und oft trugen.
Als er sie absetzte, versprach er am nächsten Tag wieder pünktlich zu sein und Ruby trat nervös an die Haustür, wo sie auf einmal wieder die Anspannung spürte. Während des Telefonats mit Corey hatte sie einen Hauch der alten Überlegenheit gespürt, wenn sie mit Henry im Clinch lag, jetzt war es Furcht, Nervosität und Anspannung ohne Ende. Sie klingelte, hörte Kal bellen, Henry rufen und eilige Schritte Richtung Tür. „Hi.“
„Ach, du bist es bloß.“ Henry sah sie ausdruckslos an und drehte sich um, nachdem sie eingetreten war.
Rubys Mund war trocken. Früher waren solche Begrüßungen wünschenwert gewesen, Standart, jetzt war es reine Folter. Folter, die sie sich selbst auferlegt hatte. Sie zog die Schuhe aus und stellte die Tasche an die Garderobe. „Cor?“, rief sie leise.
„RU!“ Eilig kam er die Treppe runter, wo er scheinbar sein Gästezimmer bezogen hatte. Er umarmte sie und sofort bemerkte sie den Tadel in seinem Blick. „Willst du dich umziehen, bevor wir losziehen? In zwanzig Minuten kommt ein Taxi und bringt uns in die Stadt.“
„Ehm…“
„Ru!“ Corey schob sie zur Treppe.
„Ja, okay… ich beeil mich.“ Leicht verwirrt eilte Ruby hoch, zog sich um und kam nach unten, wo Henry und Corey in der Küche gerade diskutierten.
„Sie hat umgeschaltet, Cor… einfach… WIE FRÜHER! Von jetzt auf gleich? Ach komm…“, fauchte Henry gerade.
„Henry… sie… ich weiß doch auch noch nicht so genau was da vor sich geht, aber… du hast heute Nacht fast geheult am Telefon. Du kannst doch jetzt nicht…“
„Schaff sie mir heute Abend einfach vom Hals. Vielleicht ist morgen schon wieder… alles anders, aber heute…“
„Du willst wirklich nicht mit?“
„NEIN! Ich will heute Abend… ich will die Bettwäsche wechseln, ich will…“
Ruby schnaubte wütend und trat mit verschränkten Armen in den Küchenbereich. „Echt jetzt? Du wechselst die Bettwäsche, in der wir heute Nacht noch Arm in Arm…“
„DU HAST DICH VON MIR GETRENNT, Ruby. Du hast… eine einfache, nette Geste, einen frisch geschnittenen Obstsalat KOMPLETT ENTSORGT, als wäre ich giftig! Was erwartest du?! Ich quäle mich nicht noch mit der Bettwäsche, die noch nach dir riecht. Ich mag momentan leiden, ja, aber ich bin nicht masochistisch veranlagt. Kein bisschen.“, unterbrach Henry Ruby wütend. „Und bevor du noch mal fragst: NEIN, ich werde diese Sightseeingtour nicht mit euch machen.“ Damit ließ er Ruby und auch Corey stehen und knallte laut die Schlafzimmertür zu.
„Ruby!“ Corey sah sie entsetzt an. „Was hast du mit meinem Henry gemacht?!“ Dann lachte er los. „Der ist ja völlig außer sich! Wegen einem Obstsalat?!“
Ruby verdrehte die Augen. „Willkommen in der guten alten Zeit, Corey.“, fauchte sie. „Lass uns draußen warten, bitte.“
Corey schnappte sich seine Sachen, warf Ruby den Hausschlüssel zu, den er gefunden hatte, und zog die Tür leise ins Schloss. „Okay, ich hab ein Touri-Taxi gerufen. Der Fahrer bringt uns zu den wichtigsten Punkten und wenn wir keine Lust mehr haben, steigen wir einfach dauerhaft aus und gehen irgendwo was Essen und Trinken. Zurück kommen wir mit einem normalen Taxi.“
Unterwegs erzählte Ruby dann von den beiden Tagen zuvor und von ihrem Entschluss, diese Beziehung mit Henry aufs Eis zu legen. Und von dem befriedigenden Gefühl, welches sich in ihr breit machte, weil er sich über sie ärgerte. „Es ist ein bisschen wie früher und… es scheint mir, damit könnte ich besser umgehen.“
„Und… deine Trauer?“
„Die ist noch da, aber damit will ich nicht umgehen müssen.“, murmelte Ruby.
Mittlerweile saßen sie in einer Bar und hatten schon ein paar Cocktails getrunken.
Dann seufzte Ruby. „Und im Grunde will ich wirklich nicht, dass wir… für immer getrennte Wege gehen, Cor. Es war doch so gut und… hat sich richtig angefühlt. Nur die letzten Tage…“
„War er zu eifrig?“, mutmaßte Corey.
„Ich glaube schon. Und zu harmonisch. Es war viel zu harmonisch zwischen uns. Zu geklärt und…“
„Wisst ihr, ihr müsst niemandem die große Harmonie vorspielen. Wer euch kennt, weiß, dass ihr euch zoffen müsst.“, lachte Corey. „Oh Mann… wie soll ich das wieder hinbiegen, Ru?“
„Gerade weiß ich nicht, ob es wirklich wieder hinzubiegen geht.“, murmelte die Amerikanerin und trank ihr Glas aus. „So einen noch. Dann sollten wir gehen.“
Corey nickte, bestellte noch zwei Cocktails und gerade, als die gebracht wurden, verschluckte er sich, weil Henry die Bar betrat.
Der kam nicht alleine, sondern in Begleitung einiger Kollegen und Kolleginnen. Und er hatte sich rausgeputzt, wie er es nur machte, wenn er bereit war, auch jemanden aufzureißen.
Ruby folgte lachend Coreys Blick, bis sie Henry entdeckt hatte. „Was macht er hier?“, grummelte sie.
„Sich ablenken?“, seufzte ihr Bruder und beobachtete argwöhnisch, wie Henry einer der Frauen zuvorkommend Platz neben sich machte und sie anlächelte. „Scheiße.“
„Scheiße? Was meinst du damit, Corey?“ Ruby konnte ihren Blick nicht von der Gruppe nehmen und spürte, wie ihr Herz anfing wütend zu rasen. „COR!?“, drängte sie.
„Er ist… also…“
„Kennst du sie?“
„Wen?“
„SIE, die neben ihm sitzt und um die er gerade sorgsam seinen Arm legt.“, fauchte Ruby und trank zügig an ihrem Cocktail. „Ich muss hier weg.“
„Ich kenne sie nicht. Nicht wirklich. Eine Kollegin aus dem Serienteam. Aber…“
„ABER WAS?!“ Ruby hatte so laut gefragt, dass man sie durch die halbe Bar gehört hatte.
Auch die Gruppe um Henry. Die erkannten Corey und winkten dem und seiner Schwester zu.
Sofort verdüsterte sich Henrys Blick, als er die beiden sah und sein Arm verschwand um die Schulter der Kollegin.
„HEY! Kommt rüber! Corey!“, freuten sich die, die Corey von früheren Besuchen noch kannten.
„NEIN, Corey.“, bat Ruby.
„Wenigstens mal Hallo sagen.“ Corey nahm ihr das Glas weg und zwang sie so beinahe schon, mit ihm zu kommen. „Hey, lange nicht mehr gesehen. Was treibt euch hierher?“ Er warf Henry einen düsteren Blick zu. „Und… wolltest du heute Abend nicht… deine Ruhe haben?“
„Hatte ich. Bis jetzt.“, giftete Henry, lächelte dabei aber in Schauspielmanier, als Ruby gerade zu ihnen stieß.
Die stand mit verschränkten Armen neben Corey, musterte die Frau neben Henry und versuchte ihn dagegen zu ignorieren. Ja, sie war eifersüchtig. War es für Henry so einfach, sie zu verdrängen? Ihre Zeit zu vergessen? Hatte er wirklich schon wieder umgeschwenkt und brachte ihr nur noch Hass und Missgunst entgegen, wie früher?
„Corey, lass uns gehen.“, bat sie auf einmal leise und ließ die Arme fallen.
„Nein, setzt euch! Einen Drink.“, bat jemand und Corey sah zwischen Henry und Ruby hin und her.
„Nein, Ruby und ich gehen zurück.“, murmelte er dann.
„Und Ruby ist?“, wollte Henrys Sitznachbarin wissen.
„Da, wo du niemals hinkommen wirst. Auf Henrys Radar.“, knurrte Ruby, knallte ihr halbvolles Glas, welches Cor ihr wieder gereicht hatte, auf den Tisch vor Henry und drehte sich ab, um die Bar zu verlassen.
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