A soldier's look.

GeschichteAbenteuer, Humor / P12
15.02.2020
08.04.2020
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15.02.2020 2.032
 
1.     Kapitel

Heute ist wieder mal einer dieser „Ich hasse meinen Job“ Tage. Seit sechs Stunden räume ich nun schon die Regale dieses ekelerregenden Geschäfts ein. Ich zwänge mich an den konsumgeilen, vom Einkaufsstress vor Schweiß triefenden Menschenmassen vorbei. Ich mag keine Menschen und mein grundsätzlich misanthropisches Wesen lässt mich täglich darüber nachdenken, wieso man mir nicht schon lange gekündigt hat. Vermutlich liegt es daran, dass meine Chefin keine Lust hat sich mit mühsamer Kundschaft herum zu schlagen. Sieht sie unwillkommene Gäste in die Einfahrt einbiegen, stellt sie mich jeweils einfach an den Haupteingang und besagte Zielobjekte verlassen rückwärts den Discounter. Manchmal rede ich immer noch wie damals… Lustig. Ja, es ist leider wahr. Ich arbeite in einem Discounter. In einem von jenen Läden, welche mit Billigprodukten von unterirdischer Qualität vollgestopft sind, in denen oft übergewichtige Familien aus den Unterschichten auf Schnäppchenjagd gehen und noch beim Ausgang denken, sie hätten gerade tatsächlich Geld gespart. Ich nenne sie, die: Low-budget-Läden. Ist das zynisch? Ja, ist es, doch so bin ich momentan nun mal. Ich sage bewusst ‚momentan‘, denn ich bin der Meinung, dass jeder Mensch die Pflicht hat sich stehst zu verbessern. Und die Menschen in meinem Umfeld sind der Meinung, dass mein Zynismus ein Makel ist, den es zu beheben gilt. Zumindest denkt das das Umfeld meines jetzigen Lebens. Die Menschen aus meinem früheren Leben haben meinen Zynismus gemocht. Glaube ich zumindest… Egal! Was ich damit eigentlich sagen wollte, ist, dass ich, seit ich mich erinnern kann, zynisch bin. War so, ist so, ob’s so bleibt, kann sein, muss aber nicht. Nachdem ich also zum dritten Mal heute das Regal mit Eutersekret aufgefüllt habe, (so nenne ich das Milchregal in unserer Filiale, denn in meiner Freizeit betreibe ich gerne dieses sogenannten ‚Veganismus‘), stelle ich mich vor die Uhr und sehe dem Sekundenzeiger zu wie er die nächsten zehn schwarzen Striche überwindet. 12 Uhr. Zeit für die Mittagspause. Kurz was spachteln, danach noch zwei Stunden arbeiten und dann heißt es für mich さようなら. (Japanisch Sayonara für bye). Mein Beileid für all jene, welche den Abendverkauf handlen dürfen. Ich pflanze mich also mit meinem Salat auf meinen gewohnten Platz in unserem bescheidenen Pausenraum. Ich bevorzuge es eigentlich zu stehen, doch hat sich das Fenstersims so schön als Sitzplatz angeboten. Nun sonne ich mich hier also fast täglich für einige Minuten, esse meinen Salat und gönne mir meine Dosis Musik, die sich aus so vielen verschiedenen Musikrichtungen zusammensetzt, dass ich keine Lust habe sie alle aufzuzählen. Meinen erster Arbeitstag liegt nun schon bald fünf Jahre zurück und ich bin immer noch hier. Unkraut verdirbt eben nicht. Nach einer Weile setze ich mich zu den fast 20 anderen Nasen an den Tisch und versuche mich noch ein wenig zu bilden in dem ich Zeitung lese. Ich liebe mein Leben bei diesen Menschen. Sie sind so simpel. Sie verstehen mich nicht, ich muss sie nicht verstehen. In meinem Job reicht es wenn nur eine meiner Hirnhälften aktiv ist. Das einzige womit ich mich beschäftigen muss, ist, wer bei Bachelor oder Bachelorette ne Rose gekriegt hat und wer nicht. Das gehört hier zur Grundbildung. Nun versuche ich also schon zum dritten Mal den Text über das Dreamdate des Bachelors zu lesen, doch der Lärm lenkt mich heute besonders ab. Draußen schäppert es als würde gerade eine Delegation Humvees auffahren. Lange her seit ich einen von diesen grauen Klötzen gesehen habe. Ob sie wohl inzwischen die Browning m2 darauf installiert haben? … Moment mal… Was tue ich da gerade? Solche Gedanken sind verboten. Mein Leben begann vor fünf Jahren, als ich mit 20 hier her kam und entschied, ein Leben zu führen, das den Intellekt eines Steins benötigt. Davor war nichts. Während ich so dasaß und versuchte meine Gedanken zu ordnen, sah ich es. Ich sah es kommen, obwohl ich es nicht hätte kommen sehen dürfen, denn ich bin ja jetzt ein ganz normaler Mensch, mit dem Intellekt eines Steins. Doch gegen Instinkte und Sinne, die man knapp 20 Jahre lang trainiert und geschärft hat, kann man nichts machen. Ich sah in der Glaswand vor mir die Messerkling aufblitzen. Sie flog direkt auf meinen Hinterkopf zu. Es war ein SOG Kampfmesser. Seine Hauptschneide besteht aus einem etwas längeren glatten Vorderteil und einem kürzeren, leicht gezackten, hinteren Teil. Auf dem Rücken des Messers befindet sich eine weitere Schneide, welche eine leichte Pyramidenform hat. Die Klinge ist aus Adamantium, der Griff aus Stahl. Diese Messer werden von einer Special Force benutzt. Ich kenne dieses Messer, denn ich habe sechs davon.
Ich kippte meinen Kopf zur Seite. Das Messer flog an meinem Ohr vorbei und blieb in der Mitte meiner Zeitung im Tisch stecken. Während ich auf das Messer vor mir starrte, sah ich im Augenwinkel wie eine meiner Haarsträhnen langsam neben das Zeitungspapier vor mir segelte. Genervt sah ich auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Arbeitskolleg*innen wie Wachsfiguren auf ihren Stühlen saßen und auf etwas hinter mir starrten. Ich glaube die letzten fünf Jahre haben meine Hirnzellen tatsächlich etwas einrosten lassen, denn ich saß da und sah meine Kolleg*innen einfach nur an. Auf einmal fing jemand hinter mir zu klatschen an. Etwas zu theatralisch für meinen Geschmack. „Schnell wie eh und je“, raunte eine Männerstimme hinter mir.

Sasha Sokolow: Russischer Milliardärssohn, sein Vater ein hohes Tier im Militär, seine Mutter Anwältin, keine Geschwister. Er wurde, seit er das Licht der Welt erblickt hatte, auf seine Militärische Karriere vorbereitet. Er gehört der Russischen Spezialeinheit FSIN (Sondereinheiten des föderalen Strafvollzugdienstes) an und ist ein Mitglied von JURKC (Kürzel der Vereinigung: Japan, USA, Russland, Korea, China).

„Lange ist’s her, Tiger.“
Diesen Namen habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Nicht mehr seit ich damals JURKC verlassen und meine gesamte militärische Vergangenheit aus meinem Lebenslauf gestrichen habe.
„Was willst du hier, Sokolow?“, fragte ich, während ich von meinem Stuhl aufstand und mich ihm zuwandte.
„Auch schön dich zu sehen. Ich hoffe du genießt deine Ferien.“
Ich glaube ich verstehe langsam warum sich manche Menschen über meinen Zynismus aufregen. Ich hasse Sasha! Ich zog eine Augenbraue hoch und stieß ein leises, gehässiges Lachen aus. Er weiss genau, dass ich nicht in den Ferien bin. Er will mich provozieren und das schlimme daran ist, dass es funktioniert. Doch lasse ich mir selbstverständlich nichts anmerken. Diese Genugtuung gönne ich diesem kleinen Teufel nicht. Also fasse ich mich kurz. “Bis vor kurzem ganz passabel, danke. Also, sag schon, was willst du hier?“
„Der Chef lässt dich auf Ende dieser Woche einziehen. Du gehst nach Astron. Dein Ferienort wird also etwas nach Osten verlegt.“
Das soll wohl ein Witz sein. Der hat sie doch nicht mehr alle. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, meldet sich meine Chefin zu Wort und will wissen, was hier vor sich geht. Tja, tut mir leid, aber das weiss ich selber auch nicht so genau. Instinktiv habe ich ein ungutes Gefühl. Als würde diese ganze Sache hier hässlich enden. Ich bat also meine Chefin, den Eindringling und mich kurz zu entschuldigen. Danach wandte ich mich Sasha zu. Ich zeigte abwechselnd zuerst auf ihn, danach auf mich und dann auf den Ausgang und sagte: „Du, ich, raus hier.“ Wir verliessen den Pausenraum und liessen meine inzwischen zu Stein gewordenen Arbeitskolleg*innen zurück. Als wir draussen standen, wirkte Sasha auf einmal ernster. Ich fröstelte. Obwohl es Sommer war, lies mich die Sommerbrise erschauern. Während ich verloren in den Himmel starrte und einem Flugzeug zusah, meldete sich Sasha zu Wort. „Das war kein Scherz, Sofia.“ Mein Magen zog sich zusammen und ein riesiger Kloss bildete sich in meinem Hals. Das Atmen fiel mir auf einmal schwer. Nun wusste ich, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte. Denn, wenn sogar Sasha meinen richtigen Namen verwendet, verheisst das meistens nichts Gutes. Damals im Militär nannte mich praktisch niemand bei meinem richtigen Namen. Alle nannten mich Tiger. Ursprünglich war das ja mein Deckname, den ich auf Missionen hatte, doch mit der Zeit nannte man mich nur noch so und alle kannten mich nur noch als Tiger. Eigentlich dachte ich mein Geburtsname sei längst in Vergessenheit geraten.
Meine Gedanken kreisten, dennoch hatte ich das Gefühl mein Kopf sei leer. Ich konnte nicht atmen, nicht schlucken, nicht denken, nicht reden, also starrte ich vor mich hin. Da ich nach wie vor schwieg, startete Sasha einen neuen Versuch. „Was ist denn los mit dir? Du bist doch sonst nicht so leicht einzuschüchtern, um nicht zu sagen, überhaupt nicht. Was ist aus der Elitesoldatin von JURKC geworden?“ Ich drehte mich langsam um, sah ihm in die Augen und entgegnete: „Ich tat, was ich mit den 1000 anderen Menschen vorher auch getan hatte. Ich tötete sie.“ Er sagte nichts. Wir sahen uns einfach nur schweigend an. Nach einer gewissen Zeit meinte er:“ Das glaub ich dir nicht.“ Ich ging vor dem Eingang auf und ab während sich Sasha auf die Bank hinter mir setzte. In meinem Kopf brodelte es. Was passiert hier gerade? Und wovor habe ich denn eigentlich Angst? Seit meinem Austritt vor fünf Jahren, bin ich kein Mitglied des Militärs mehr, also habe ich nichts mehr mit diesen Leuten zu schaffen.
„Wie auch immer. Ich habe dir deine Uniform in dein Auto gelegt. Ich werde dir morgen einen Konvoi schicken, der dich abholt. Ach ja, und übrigens…“, „Okay stopp“, unterbrach ich ihn. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich zurückkommen werde?“ „Nun, ich fürchte, du hast keine Wahl. Der Befehl kommt immerhin von ganz oben“, entgegnete er. Sasha klang allmählich so ernst, dass ich ihn fast nicht wiedererkannt hätte. „Ich bin kein Mitglied des Militärs mehr. Aus dieser Ecke erteilt mir niemand mehr Befehle. Egal wie viele Sterne die auf ihren Schultern tragen.“ Ich versuchte meine Anspannung so gut wie möglich zu verbergen, denn lange konnte das nicht mehr dauern. Sasha gehört nicht gerade zu den Menschen, die besonders ausdauernd sind. Doch irgendwie schien er noch nicht aufgeben zu wollen. Wenn das so ist, muss ich wohl meine Strategie wechseln. „Hör mal, Sasha“, begann ich und setze mich vor der Bank ins Gras. „Du musst das nicht machen. Ist doch Zeitverschwendung. Warum lässt du dich überhaupt zum Botenjungen machen? Das ist deiner nicht würdig.“ Ich sah ihn erwartungsvoll an. Doch er schwieg. Er ist wohl doch nicht mehr so leicht anzustacheln wie früher. Ein wenig tut es mir fast schon leid, dass ich gerade versuche, ihn gegen die anderen auszuspielen, doch momentan stehen bei mir alle Zeiger auf ‚So schnell wie möglich abwimmeln‘. „Wie können sie dich nur so viele Kilometer reisen lassen, um eine Aufgabe mit solch geringen Erfolgschancen zu erfüllen? Dieser Verein wird auch immer dekadenter. Und ausserdem…“ Auf einmal fiel er mir ins Wort. „Mich hat niemand geschickt.“ „Hä? Was soll das denn heissen?“ „Bitte was?“ Bin ich die einzige, die gerade auf dem Schlauch steht? „Die hohen Militärs wissen nicht, dass ich hier bin.“ Hat er nicht vorhin gesagt der Befehl mich einzuziehen käme von ganz oben? Und jetzt sagt er, dass ihn niemand geschickt habe? Das macht ja wohl mal so gar keinen Sinn. „Kannst du bitte mal etwas konkreter werden?“ Er zögerte. Was zum Geier ist hier los? Er stand von der Bank auf und stellte sich vor mich hin. „Es ist wahr. Die Generäle lassen dich einziehen. Doch denen ist natürlich bewusst, dass du nie im Leben freiwillig zurückkommen würdest. Also haben sie entschieden, dich holen zu lassen.“ Oh Mann, haben die denn nichts Besseres zu tun? „Also bist du doch hier, um mich zurück zu holen?“ Plötzlich packte er mich am Arm und schüttelte mich. „Verdammt nochmal, Tiger. Hör auf dich dumm zu stellen. Ich will dich zurückholen bevor sie es tun.“ Sasha drückte meinen Arm so fest, dass ich merkte, wie meine Hand langsam taub wurde. Er verhält sich als ginge es ihm gleich ans Lebendige. Er will mich zurückbringen bevor es die anderen tun? Wo liegt da denn bitte der Unterschied? „Kommt doch aufs selbe raus. Oder bist du einfach scharf auf den Ruhm und die Ehre, wenn du es schaffst mich zurück zu holen?“ Eine andere Erklärung kann’s dafür ja nicht geben, oder?


Fortsetzung folgt... (Ca. 2 Wochen )

Ich würde mich über einen kurzen Kommentar (auch kritische) sehr freuen.

Lg Tashi Yen Tiger