Und über uns der Mond

SongficRomanze / P12
James Jessie
14.02.2020
14.02.2020
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Songfic zu „I (Who have nothing)“ von Shirley Bassey

„Ich kann das nicht“, kaum waren die leise geflüsterten Worte von Jessie zu hören. Die junge Frau blickte mit einem ängstlichen Gesichtsausdruck auf das große, herrschaftliche Gebäude vor sich. Das weiße Haus strahlte eine kaum übersehbare Autorität aus, die anscheinend selbst Pokémon spürten, denn nirgendwo war eines zu sehen. Jeder bemerkte, dass hier reiche und einflussreiche Leute wohnten, die dich mit einem Fingerschnippen deiner Existenz berauben konnten. „Los jetzt“, sagte ein genervt aussehendes Mauzi und schob seine Teampartnerin ein Stück nach vorne. „Ich kann das nicht!“, flüsterte Jessie wieder und sträubte sich gegen die Bemühungen ihres Freundes. Leicht panisch blickte sie das stattliche Herrenhaus an. Mit einem entnervten Seufzer gab das Katzenpokémon auf, Jessie zum Gehen zu bewegen. Einen sehr strengen Gesichtsausdruck zur Schau tragend, trat es vor sie. „Jetzt hör mal zu, Jessica!“, fing es sehr bestimmt an zu reden. „Du kannst nicht nur dorthin gehen, du musst auch noch! Denk an ihn. Denk an James. Dort drinnen wartet dein Schicksal, Schätzchen. Und du bist nicht der Typ, der einfach aufgibt. Jedenfalls habe ich immer diese Meinung über dich vertreten!“ „Ich…“, fing Jessie an, brach den Satz aber ab. Ein leicht unsicherer Ausdruck war in ihr Gesicht getreten, der so gar nicht zu der sonst immer so autoritären Person passte. Mauzis Miene wurde weicher. „Ich weiß, du hast Angst. Ich habe es ehrlich gesagt auch, obwohl ich gar nicht in diesen komischen Schuppen rein muss! Aber nur du kannst ihm helfen! Er wird sich bestimmt freuen, dich zu sehen. Glaub einem weisen Mauzi!“ Immer noch leicht zweifelnd sah Jessie zu dem herrschaftlichen Gebäude. Dann straffte sie ihre Schultern und hob den Kopf. Mit Freuden bemerkte Mauzi den entschlossenen Ausdruck in ihren blauen Augen, der den unsicheren abgelöst hatte und der auch viel besser zu seiner Teampartnerin passte. „Du hast recht. Und wenn er mich nicht will, dann… habe ich es wenigstens versucht!“, sprach Jessie mit überzeugender Stimme. Mauzi klatschte begeistert in die Pfoten. „Bravo! So kenne ich meine Jessie! Und jetzt hopp! Wenn du noch länger hier stehst, kannst du nur noch Opa James retten, der allein in seinem Ledersessel versauert!“ Das entlockte selbst Jessie ein kleines Lächeln. „Okay, ich bin bereit“, sie setzte erst langsam, dann immer entschlossener einen Fuß vor den anderen, bis sie schließlich die große Tür, die den Eintritt in das Haus versprach, erreicht hatte. Sie hob den Türklopfer, der eine Tonne zu wiegen schien und ließ ihn gegen das massive Holz fallen. Bumm. Sie wartete ein paar Sekunden, bevor sie erneut ansetzte und das schwere Metall gegen die Tür fallen ließ. Bumm. Es war so laut, dass man es bestimmt im ganzen Haus hören konnte. Jessie lauschte angestrengt und vernahm auf einmal leise Schritte, die sich schnell näherten. Mit einer flüssigen Bewegung wurde die Tür aufgemacht und ein weißhaariger Butler erschien auf der Bildfläche. „Sie wünschen?“, fragte er mit leicht nästelnder Stimme. Er rückte sein Monokel zurecht und betrachtete sie genauer. Verlegen strich Jessie ihren Rock glatt und wünschte sich das unübersehbare rote „R“, das auf ihrer Brust prangte, irgendwohin nur weit weg. Sie war so sehr in Eile gewesen, dass sie sich nicht noch… standesgemäßere Kleidung anziehen hatte können. Nicht, dass sie etwas gehabt hätte, das dem herrschaftlichen Anwesen gerecht hätte werden können. Die Augen des Butlers weiteten sich leicht, als er sie erkannte. „Verzeihen Sie, Miss Jessica. Ich habe Sie nicht erkannt. Treten Sie ein, ich geleite Sie in den Teesalon. Die gnädige Frau wird in ein paar Minuten zu Ihnen stoßen“, mit diesen Worten trat der Butler – dessen Namen Jessie entfallen war – einen Schritt zurück und ließ sie eintreten. „Ich… ähm – Danke“, stammelte sie hilflos und warf einen letzten verzweifelten Blick in Richtung Mauzi, konnte ihn aber nirgends entdecken. Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss und Jessie ergab sich seufzend ihrem Schicksal. Das Haus war von innen sogar noch viel beeindruckender als von außen. Staunend betrachtete sie den Salon, der mehr einer Halle glich als einem einfachen Teesalon. Allein von der Vase auf dem Kaminsims könnte sie ein Monat lang sich und Mauzi ernähren. Sie machte es sich auf dem ausladenden Sofa bequem und wartete auf die „gnädige Frau“.
Nach weniger als drei Minuten kam eine völlig aufgelöste Frau in den prächtigen Salon gerauscht. Aus ihrem sonst so kunstvoll hochgestecktes Haar hatten sich einzelne Strähnen gelöst, die wie gewollt ihre Verzweiflung unterstrichen, die Frisur aber dennoch nicht entstellten. Jessie hätte ihr monatliches Gehalt darauf verwettet, dass sie diese Strähnen mit voller Absicht und professioneller Hilfe an ihren Ort gebracht worden waren. „Oh, Jessica, wie gut, dass Sie da sind! Bitte, Sie müssen mir helfen!“, flehend nahm die Frau Jessies Hände in ihre. Jessie unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. Das hier war so offensichtlich geschauspielert – und dazu noch so schlecht –, dass es beinahe weh tat. Mit großen, kummervollen Augen blickte Jessiebelle sie an. Jessie bekam fast einen Brechreiz. Wie konnten Mauzi und James nur finden, dass sie dieser, dieser… Person nur ähnlich sah?! Selbst ohne teure Kleidung fand sich Jessie viel hübscher. Und natürlicher. Und besser. „Was ist denn das Problem?“, fragte Jessie dennoch. Je eher sie das hier hinter sich brachte, desto eher konnte sie James sehen. Auch wenn ihr verräterisches Herz bei diesem Gedanken einen kleinen Salto machte. Verständnislos blickte Jessiebelle sie an. „Entschuldige Liebes, könntest du das vielleicht noch einmal wiederholen? Du hast so genuschelt, ich habe kein Wort verstanden“, sie klimperte unschuldig mit ihren falschen Wimpern. Jessie sah sie ungläubig an. Sie hatte sich doch bestimmt verhört?! Wie kam diese Person auf den Gedanken, diese Frechheit, sie so vorzuführen?! Zumal sie doch ihre Hilfe brauchte, nicht umgekehrt! „Ich habe gesagt“, wiederholte nun Jessie überdeutlich ihre Worte. „Was. Ist. Das. Problem?“ „Oh, ach so Schätzchen, sag das doch gleich!“, Jessiebelle kicherte leise. „Das Problem ist James. Er will nicht mehr aus seinem Zimmer kommen. Und das seit 48 Stunden!“, sie blickte Jessie entrüstet an, als wäre das etwas Weltbewegendes. Jessie unterdrückte ihren genervten Seufzer. Wenn sie nicht bald hier rauskam, würde sie für nichts mehr garantieren können. „Wir haben alles versucht. Du verstehst, mit Geschenken, mit liebem Zureden, mit Drohungen, aber nichts hat geholfen!“ In Gedanken schlug sich Jessie gegen den Kopf. James war doch kein Kind mehr! Er war erwachsen und nicht mehr Mamas kleiner Schatz – falls er das je gewesen war. „Nun ja, jedenfalls meinte seine Mutter, dass vielleicht seine alten… Freunde-“, bei diesem Wort blickte sie Jessie ganz komisch an. „-ihm helfen könnten. Das war wirklich unsere letzte Notlösung“ Na, vielen Dank auch. Jetzt war Jessie also schon eine Notlösung. Unauffällig bohrte Jessie ihre Fingernägel gegen ihre Handballen, um sich zusammenzureißen und nicht eine ihrer berüchtigten Jessie-Wutanfälle zu bekommen. „Ich war damit allerdings nicht einverstanden, nur das du das weißt. Ich hätte James bestimmt auch so überzeugen können“, jede gespielte Freundlichkeit war auf einmal aus Jessiebelles Gesicht gewichen. Nun sah sie fast wachsam aus. Misstrauisch. Und Jessie verstand. Sie hätte beinahe laut aufgelacht. Jessiebelle sah in ihr eine Art Konkurrentin. Schließlich war sie James beste Freundin… gewesen. Sie hatten fast ihr ganzes Leben zusammen verbracht und waren Teampartner gewesen. Während Jessiebelle diese Zeit allein in James´ Elternhaus verbracht hatte, nicht wissend, wann oder ob ihr Verlobter wieder nach Hause zurückkehren würde. Verlobter. Dieses Wort erstickte das kleine, aufkeimende Lachen in ihrer Brust sofort. Jessie schluckte schwer. Da war ja was. „Nun gut, dann können wir ja wohl nach oben gehen, ja? Mal sehen, ob du ihn herauslocken kannst“, Jessiebelle erhob sich und ging, oder eher tänzelte anmutig, aus dem Zimmer. Jessie folgte ihr weniger gut gelaunt. Angst und Vorfreude fochten einen harten Kampf in ihrem Bauch aus. Mit mulmigen Gefühl kam Jessie oben an und sah James´ Mutter vor seiner weißen Zimmertür knien. „Bitte James, Schatz, komm raus. Es wird doch alles halb so wild sein! Ich verspreche es dir. Schau doch, ich ruiniere mir doch noch mein Kleid, wenn ich hier länger vor deiner Tür hocken bleibe!“, flehte sie herzzerreißend. Jessie unterdrückte wieder einen aufkommenden Brechreiz. Die war mindestens genauso falsch wie ihre Tränen, die unablässig über ihre Wangen strömten. James´ Mutter wartete einen kleinen Augenblick mit ihrem Gesicht in ihren Händen, lauernd, ob ihr Sohn die Tür nicht doch noch öffnen würde. Als dies nicht geschah, raffte sie ihr Kleid auf und stand auf. Mit einem letzten anklagenden Blick in Richtung Tür wandte sie sich um und sagte: „Oh, na schön, dann bleibe doch für den Rest deines Lebens da drin! Komm dann aber nicht angekrochen, wenn dir langweilig ist, du Hunger oder Durst hast! Ich bin fertig mit dir!“ Mit erhobener Nase trat sie von dem Zimmer weg. Es bleib kurz still dann ertönte eine gedämpfte Stimme aus dem Zimmer: „Lieber verhungere ich, als wieder rauszukommen!“ Empört schnappten sowohl James´ Mutter als auch Jessiebelle nach Luft. Jessie hingegen konnte sich nicht zwischen einem Lachen oder einem Weinkrampf entscheiden. Seit etwa einem halben Jahr hatte sie diese Stimme nicht mehr gehört. Es war ihr so viel länger erschienen. „Ich… du – Ah! Kindchen, gut, dass du da bist! Du musst uns helfen! Er sollte noch heute sein Zimmer verlassen, wenn es geht, ja? Es ist wichtig. Das Geschäftliche besprechen wir dann später, in Ordnung?“, plapperte James´ Mutter munter los, sobald sie Jessie erblickt hatte. „G-Geschäftliche?“, fragte die magentahaarige Frau überrumpelt. James´ Mutter zwinkerte ihr zu. „Na, dein Honorar!“ Sofort verschloss sich Jessies Miene. „Ich nehme kein Geld, wenn es darum geht, einem Freund zu helfen“, erwiderte sie kühl. Jessiebelle kicherte leise. „Freund? Soweit ich weiß, hat er dir deine Freundschaft gekündigt. Und das Geld könntest du sicherlich gebrauchen, wenn ich mir dich so ansehe…“ Ohne Scham ließ sie ihren Blick über das Gewand des Team Rocket Mitgliedes schweifen, bis sie schließlich an ihrer Frisur hängen blieb. Jessie ballte ihre Hände zu Fäuste und musste sich mit aller Gewalt davon abhalten, Jessiebelle diese nicht in ihr perfektes Gesicht zu schlagen. Bloß nicht die Ruhe verlieren, sonst konnte sie sich das Gespräch mit James abschminken. Seinetwegen musste sie ihr Temperament zähmen. „Könnte ich vielleicht jetzt…?“, brachte sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Aber natürlich“, mit liebenswürdiger Geste ließ Jessiebelle Jessie vor die Tür treten. „Wir warten unten im Salon, ja? Klingel einfach, wenn du was brauchst. Wir kommen später wieder rauf“, zwitscherte James´ Mutter und folgte ihrer zukünftigen Schwiegertochter die Treppen hinunter. Nachdem sich Jessie davon überzeugt hatte, dass die beiden schrecklichen Frauen tatsächlich gegangen waren, wandte sie sich mit klopfendem Herzen wieder der Tür zu. Sie schloss die Augen und holte tief Luft. In Gedanken versuchte sie sich selbst Mut zu machen. „Alles Gut, da ist nur James. Und er mag dich… hoffentlich. Oh, heiliger Arceus, komm schon, du schaffst das!“, sie öffnete ihre Augen und wollte gerade anfangen zu reden, als eine vertraute, misstrauische Stimme ihr dies abnahm: „Wer ist da?“

I, I who have nothing
I, I who have no one
Adore you and want you so
I´m just a no one, with nothing to give you but oh
I love you


„I-Ich“, kam es ganz leise aus Jessies Mund. „Jessie“
Es blieb still hinter der Zimmertür und Jessie wartete mit angehaltenem Atem. Sie wollte so viel mehr sagen als das. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn brauchte. Dass sie ihn liebte, doch nichts kam über ihre Lippen. Sekunden, Minuten, Jahre verstrichen, ohne, dass etwas geschah. Dann, endlich, erbarmte sich James: „Warum bist du hier?“ Seine Stimme klang so viel kälter als in ihrer Erinnerung. Jessie schloss ihre Augen. Was hatte sie anderes erwartet? Sie hatte ihn verletzt. Mehr als das. Sie hatte sein Herz gebrochen. „E-Es tut mir so, so unendlich leid, James“, flüsterte sie. Halb erwartete sie, dass er sie nicht verstanden hatte, doch er schien jetzt näher zu seiner Tür herangetreten zu sein, denn er antwortete: „Warum? Du hattest recht. Es ist viel besser so. Für uns alle“
Ihr Herz fühlte sich an wie mit einem Messer durchbohrt. Seine Stimme klang so gefühllos. Unbeteiligt, als würde ihn all das nichts angehen. Sie schüttelte störrisch den Kopf, die Tatsache ignorierend, dass er sie ja gar nicht sehen konnte. „Nein, James, ich hatte unrecht. Bitte, vergib mir“ Es sah der taffen, jungen Frau gar nicht ähnlich, einen Fehler zuzugeben, geschweige denn, um Verzeihung zu bitten. Doch sie hatte sich in dem letzten halben Jahr gewandelt. „Wie geht es dir?“, erkundigte sie sich leise. Ein Kloß hatte es sich in ihrem Hals gebildet, der es ihr unmöglich machte, lauter zu sprechen. „Wie soll es mir schon gehen? Ich lebe seit einem halben Jahr, bei meiner Familie, die mich nur verheiraten will und sich nicht um mich kümmert. Ich lebe weit weg von meinen Freunden, weit weg von Team Rocket und weit weg von… egal. Also, um deine Frage zu beantworten: Mir geht es ganz wunderbar, danke der Nachfrage“, erwiderte er ironisch. „Oh, James. Was ist mit dir passiert?“, fragte Jessie bekümmert. Sie setzte sich vor die Tür, da sie den leisen Verdacht hatte, dass sie ihre Füße nicht mehr lange würden tragen können. „Wer hat dich holen lassen. Mutter? Oder Jessiebelle? Und warum? Damit ich aus meinem Zimmer komme?“, er lachte bitter auf. „Und da fragen sie ausgerechnet dich?! Hast du überhaupt eine Ahnung, warum du hier bist?“ „Ich…“, wollte Jessie antworten, doch James hatte sich jetzt in Rage geredet. „Verdammt, Jessie, du weißt nicht was heute für ein Tag ist, oder? Sie haben dich nur aus einem Grund holen lassen: Es ist mein Hochzeitstag, ich heirate heute Jessiebelle!“, rief er wütend aus. Jessie zuckte kurz zurück. Es passierte selten, dass James sich so aufregte und wenn, war er mit Vorsicht zu behandeln. „James, ich…“, fing sie wieder an, doch James unterbrach sie. „Geh einfach Jessica. Es wäre für uns alle das Beste. Bitte. Es ist doch ohnehin schon egal. Ich habe noch andere Sachen zu tun. Ich muss jetzt das Diamantencollier für meine Zukünftige putzen“, endete er kraftlos.

You, you buy her diamonds
Bright, sparkling diamonds
But believe me, dear, when I say
That she can give you the world
But she´ll never love you the way
I love you


So langsam regte sich wieder die alte Jessie in ihr. Sie spürte einen Klumpen Wut in ihrem Innersten, der hauptsächlich aus Verzweiflung bestand. Die Verzweiflung, dass das hier nicht James war und sie ihn vielleicht so gemacht hatte. „Jetzt hör mir mal zu! Es reicht mir jetzt! Ich hatte jetzt lange genug Mitleid mit dir! Es ist mir egal, dass du mich hasst! Und es ist mir egal, dass du dich in deinem Zimmer verkrochen hast! Aber was mir nicht egal ist, dass du nicht mehr du bist. Wo ist der James, den ich mag, den ich schon mein ganzes Leben lang kenne? Wo bist du? Und ja, ich weiß, dass du heute heiraten sollst, und ich weiß auch, dass deine Mutter mich deswegen herbestellt hat. Aber weißt du, was ich nicht weißt? Warum du nicht aufgegeben hast, dich deswegen zu wehren. Denn wenn es dir wirklich egal wäre, würdest du bereits jetzt schon vor dem Traualtar stehen!“, Jessie keuchte ein wenig nach dieser Ansage. Ein paar Tränen des Frustes hatten sich aus ihren Augenwinkeln gestohlen und bedeckten nun ihre Wangen. Gleichzeitig war sie so wütend wie noch nie. Sie war wütend auf Jessiebelle, auf sich, auf James´ Mutter und ja, auch auf James. Was fiel ihm eigentlich ein, sich so hängen zu lassen? Wie konnte er sich nur so aufgegeben haben? Das durfte er nicht! Das erlaubte sie ihm nicht! „Warum bist du wirklich hier, Jessie?“, fragte James leise, doch er klang nicht mehr ganz so unbeteiligt wie gerade eben. Das gab Jessie den Mut, den sie brauchte, um weiterzusprechen. „Ich will dich hier rausholen. Ich möchte, dass es dir gut geht, auch wenn es mir nicht so geht. Ich möchte dich glücklich sehen, James. Mehr als alles andere auf der Welt“
Er lachte kurz auf, doch es klang traurig. „Damit kommst du ein bisschen spät, oder? Es gab nur eine Person, die mich je glücklich gemacht hat, doch diese Person hat mir vor einem halben Jahr ganz klar gesagt, was sie von mir hält. Wieso also jetzt, Jessie, wieso jetzt?“
„Ich…“ Jessie schloss die Augen und atmete tief durch. „Weil ich dich nicht glücklich machen würde. Ich besitze nichts, kein Geld, kein Haus, nicht mal Essen! Bei Jessiebelle bist du wenigstens gut versorgt. Sie kann dir so viel mehr bieten als ich. Und selbst wenn du mich jetzt hasst, ich würde dich trotzdem zu deinem Glück zwingen. Weil… Weil ich dich gern habe, James. Sogar sehr, sehr gern“

You can take her any place she wants
To fancy clubs and restaurants
But I can only watch you with
My nose pressed up against the window pane


Jessie biss sich auf die Lippen und lehnte ihren Kopf gegen die Zimmertür. Es war raus. Jetzt lag es an ihm, sie hatte alles gesagt. Es blieb lange still auf der anderen Seite der Tür und Jessie fragte sich schon, sie schon wieder mal alles kaputtgemacht hatte. Wie immer. „I-Ich…“, seine Stimme brach und Jessie wusste, dass sie es geschafft hatte. Er klang endlich wieder wie er selbst, ohne diese Mauer, die er um sich gebaut hatte. Trotzdem wartete sie mit angehaltenem Atem auf seine Antwort. „Ich mag dich auch sehr, Jessie. Schon immer“ Erleichtert entkam ein halber Schluchzer über ihren Mund. „Aber das weißt du ja schon“ Sie konnte spüren, wie er sich hinter der Tür ein Lächeln verkniff. „Du bist so ein Idiot, James. So ein dummer… Ich hasse dich“, sagte sie während sie trotzig lächelnd ihre Tränen abwischte. „Gerade eben hast du noch gesagt, dass du mich sehr, sehr gern hast, oder habe ich mich verhört?“, zog er sie auf. „Du hast dich ganz sicher verhört. Niemals würde ich etwas derartiges behaupten“ Sie erhob sich, als sie das Geräusch eines sich umdrehenden Schlüssels im Schloss vernahm. Die Zimmertür ging leise auf, die den Blick auf einen lilahaarigen jungen Mann freigab, der schief lächelnd auf der Schwelle stand. Ein Blick in seine strahlend grünen Augen genügte und Jessie fand sich plötzlich in seinen Armen wieder. Er drückte sie überraschend sanft an sich und legte seinen Kopf auf ihre Haare. Früher als sie eigentlich wollte löste sie sich wieder von ihm. Sie war ja immer noch Jessie, der Kopf ihres Teams und sie hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. „Also…“, sie räusperte sich etwas verlegen. „Was machen wir jetzt mit deiner Mutter und Jessiebelle?“ Er zog eine Grimasse, als würde diese Frage ihm körperliche Schmerzen bereiten und sah dabei so niedlich aus, dass Jessie ihn am liebsten schon wieder umarmt hätte. Dann leuchteten seine Augen plötzlich auf und er blickte sie mit einem zugleich unsicheren und entschlossenen Gesichtsausdruck an. „Was?“, fragte Jessie verwirrt. „Was hast du?“ „Vielleicht eine Idee“, sagte er immer noch mit diesem irritierendem Gefühlschaos in seinen Augen. „Vielleicht?“, echote sie und zog die Augenbrauen zusammen. „Du wirst schon sehen“ Bevor Jessie noch nachhaken konnte, was genau er damit meinte, nahm er sie schon an der Hand, was ihr einen kleinen Schauer über den Rücken jagte, und führte sie die imposante Treppe hinunter. Er dirigierte sie sanft in den kleinen Teesalon, in dem vorher Jessie auf Jessiebelle gewartete hatte. Nun saß ebendiese dort, die kleine Teetasse vornehm in der Hand mit dem abgespreizten, kleinen Finger und blickte mit erstaunten Augen auf das Paar, das unangekündigt in den Salon schneite. James´ Mutter saß ihr gegenüber in einem großen, grünen Ohrensessel, der sie fast verschluckte und nippte ebenfalls an einer Tasse Tee. Sie sah auf, als ihr Sohn und seine ehemalige Teamkameradin vor ihr zu stehen kamen. „James, ich mein Liebling ich freue mich sehr dich wieder zusehen. Hast du endlich dieses aussichtslose Unterfangen aufgegeben, dich in deinem Zimmer zu verstecken und hast eingesehen, was das Beste für dich ist?“, fragte ihn seine Mutter und stand zufrieden lächelnd auf, ihr feines Kleid dabei glattstreichend. „Ja, das habe ich, Mutter“ Jessie sah ihn fragend an, doch er starrte nur weiter seine Mutter mit diesem entschlossenen Blick an, den sie so selten an ihm gesehen hatte. „Wunderbar! Die Trauung wir in zwei Stunden stattfinden, mach dich schon mal fertig, in diesem Gewand kommst du mir nicht vor den Traualtar“ „Oh, das wird auch nicht nötig sein, Mutter“ „Was meinst du damit, mein Liebling?“, fragte sie etwas verwirrt lächelnd. „Ich meine damit, dass ich erst gar nicht in die Kirche gehen werde. Ich werde auch sonst nie wieder irgendwohin gehen, wo du willst. Ich werde aus diesem Haus gehen und nie wieder zurückkommen. Ich werde mit Jessie und Mauzi weiter zusammenleben, bei einer Arbeit, die mir Spaß macht. Und ich werde auch nie Jessiebelle heiraten. Wenn ich jemals heiraten sollte, dann die Frau, die ich liebe“ Er drückte Jessies Hand leicht. „Und das wird immer nur eine sein“ Jessie sah ihn sprachlos an, während seine Schultern nach dieser Rede erleichtert absackten, als würde ein großes Gewicht von ihnen genommen werden. Ein höchst undamenhafter Huster kam vonseiten Jessiebelles. „Bitte?“, fragte sie krächzend. „Das kannst du doch nicht ernst meinen! Du möchtest dein Leben wegwerfen, um mit der da-“ Jessiebelle bedachte die magentahaarige Frau mit einem tödlichen Blick. „-zusammenzuleben, die dir nichts, aber auch gar nichts bieten kann, während du hier eine wunderschöne Verlobte hast, die dich glücklich machen würde?“ James wollte etwas erwidern, doch Jessie kam ihm zuvor. „Wie bitte, Jessiebelle? Kannst du das noch einmal wiederholen, ich habe dich wegen deinem Nuscheln nicht verstanden?“ Entsetzt schnappten sowohl Jessiebelle als auch James´ Mutter nach Luft, während James sie warm anlächelte. „Willst du noch etwas sagen, James, oder können wir gehen? Ich habe nämlich langsam Hunger“ „Ich bin fertig“ Jessie nickte nur und sah die beiden Frauen an, deren Münder immer noch wie Fische offen standen. „Auf Wiedersehen. Oder nein, besser nicht. Ich hoffe, Ihre Visagen nie wieder sehen zu müssen“ Jessie und James drehten sich um und wandten sich zum Gehen. „Und Jessiebelle, mach den Mund zu, Süße, sonst verfaulen noch deine Zähne und das willst du doch nicht, oder?“, fragte Jessie mit zuckersüßer Stimme. Sofort klappte Jessiebelle den Mund zu und schluckte geräuschvoll. Jessie hakte sich bei James ein und zusammen verließen sie das herrschaftliche Haus. Hoffentlich für immer.

Am Abend, die Sterne waren schon aufgegangen und leuchten gemütlich durch das dichte Blätterdach des Waldes, unter dem Jessie und James lagen, unterhielten sich die beiden noch leise, neben sich das schon leise schnarchende Mauzi. „Na, vermisst du schon dein gemütliches Bett zu Hause?“, neckte Jessie ihn flüsternd, schon ein wenig müde von dem anstrengenden Tag. James lachte leise, ehe er seufzte und sagte: „Ob du´s glaubst oder nicht, ich habe genau dieses unbequeme Schlafen am Waldboden mit euch vermisst“ Jessie lächelte in sich hinein. Sie hatte ihn auch vermisst. Und wie. „Und was machen wir morgen?“, fragte sie, sich mit vor Müdigkeit geschlossenen Augen an James ankuschelnd. „Ach, vermutlich das übliche. Weiter erfolglos Jagd auf Pokémon machen, den Knirpsen hinterherjagen und wieder mal kolossal versagen“ Jessie zog zufrieden einen Mundwinkel nach oben. Alles war wie früher. Nein, sogar noch besser. Doch dann kam ihr etwas in den Sinn, dass sie noch einmal die Augen aufschlagen ließ. „Danke, James“, sagte sie etwas verlegen. „Wofür?“, der lilahaarige blinzelte verwundert. „Dass… Also, ich weiß ja, dass es dir nicht leichtgefallen ist, mit deiner Familie zu brechen und sie zu enttäuschen. Und dass du das irgendwie auch für mich gemacht hast… Also, das ist schon irgendwie… süß“ Ein leichter Rotschimmer legte sich auf ihre Wange und sie wich seinem Blick aus, als James sie überrascht lächelnd ansah. „Na dann, gute Nacht. Auf einen weiteren erfolgreichen Arbeitstag morgen“, Jessie räusperte sich und drehte sich auf die James abgewandte Seite. Sie atmete einmal tief durch. Gefühle zuzugeben war ihr schon immer schwergefallen. James verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf und lächelte zu den leuchtenden Sternen hinauf. „Für dich würde ich mich sogar mit dem gesamtem Team Rocket anlegen, sollten sie je versuchen uns zu trennen“ Jessie erwiderte nichts und tat so, als ob sie eingeschlafen wäre. Doch bei diesen Worten von James breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das es sogar mit dem runden Vollmond aufnehmen könnte, der sein sanftes Licht auf die beiden Liebenden scheinen ließ und sie nach und nach sanft in den Schlaf wiegte.

I, I who have nothing
I, I who have no one
Must watch you, go dancing by
Wrapped in the arms of somebody else
Darling it is I

Who loves you

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Frohen Valentinstag! :D Auch an alle Single-Pringles auf dieser Welt, vergesst nicht, dieser Tag ist dazu da, allen euren Lieben zu danken und sie zu feiern. Zur Ehre dieses Tages gibt es eine kleine Rocketshipping Geschichte von mir, die zwar nicht den Valentinstag als Thema hat, aber trotzdem dazu passt, oder? :)) Dann wünsch ich euch noch einen schönen Tag und vielleicht liest man sich bald wieder!
- Eure Chaos
PS: Ja, ich weiß, dieses Lied hat nicht nur Shirley Bassey gesungen, sondern zum Beispiel auch Tom Jones, aber ich hatte die ganze Zeit ihre Interpretation des Liedes im Kopf, als ich das geschrieben habe :))
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