Show me love

von Luotisade
OneshotRomanze / P18 Slash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
14.02.2020
14.02.2020
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Stille,
wie jeden Morgen, den er sich mühsam aus dem Bett begibt, seine Seite glattstreicht und sich mit langsamen Schritten den Weg zur Küche bereitet. Wie jeden Tag in den vergangenen Jahren setzt er sich das Wasser für den Tee auf, genießt die Ruhe im Haus und verbringt zwei Stunden damit, in einem Buch zu lesen, welches aktuell seine Aufmerksamkeit besitzt. Die Dunkelheit der Nacht liegt noch immer auf der Landschaft und er starrt hinaus auf die Felder vor ihrem Haus. Unendliche Weiten aus Wiesen und Feldwegen, Wäldern am Rand und über ihnen der Himmel mit seinen nächtlichen Sternen. Es ist der Ausblick aus dem Küchenfenster gewesen, der ihn für den Kauf des Hauses überzeugt hat, das und die Gewissheit hier ungestört ihre Liebe ausleben zu können. Eine Liebe, die noch immer Verachtung findet, obgleich sich viele Dinge in der Gesellschaft zu verändern scheinen.
Das Pfeifen des Wasserdampfes auf dem alten Holzofen reißt ihn vom Anblick fern, lässt ihn wissen, dass es Zeit ist, die feinen Kräuter mit der heißen Flüssigkeit zu bedecken und sie ziehen zu lassen. Es vergehen weitere Minuten, die er damit verbringt, weitestgehend das Frühstück vorzubereiten, obgleich ihm jeder Schritt Schmerzen bereitet.

Teller, Besteck, Tassen und der Brotkorb haben ihren Platz auf dem Tisch gefunden. Während die grauen Augen prüfen, ob er alles zu seiner eigenen Zufriedenheit erledigt hat, ist er in Gedanken längst beim nächsten Schritt angekommen. Wissend, um welchen Tag es sich heute handelt, überprüft er alles mehrfach. Es ist idiotisch und die Geschäfte verdienen unlängst daran, doch für sie beide ist es mehr, als das, was die Gesellschaft gemeinsam auf der Welt feiert. Ein Lächeln schleicht sich auf die faltigen Lippen, als er an den frechen Jungen, mit den grünen Augen denken muss, der ihm seine Liebe eine Nacht vor dem Valentinstag gestanden hat. Der seitdem mit ihm das Leben teilt, die Höhen und Tiefen an seiner Seite verbringt und ihn, nach all der Zeit, noch ein Lächeln auf die Lippen zaubert, ganz gleich, wie schwer das Leben mit ihnen spielt.
Mühsam verlässt er die Küche, schleppt sich unter Schmerzen ins Bad und lässt sich ein Bad ein. Die Wärme wird die müden Knochen wieder in Schwung bringen und das Rheuma mildern, welches sich mit der Zeit im Körper eingenistet hat, wie ein unscheinbarer Parasit. Die einst schwarzen Haare sind weiß geworden. Die Falten haben sich in ihrer Anzahl erhöht, sind tiefer geworden und zeigen ihm deutlich, dass er ein Alter erreicht hat, welches ihn selbst erstaunt. Die Hände sind zittrig, können kaum Greifen und verlieren jeden weiteren Tag an Kraft, doch sein Gang ist aufrecht, ohne Gehhilfe und er wird sich weiterhin weigern, solche Geräte zu beanspruchen.

Während er im warmen Wasser liegt, seinen altersschwachen Körper betrachtet, kann er nicht glauben, dass sein Leben so ruhig verlaufen ist. Nach dem Krieg und all den Verlust an Kameraden und Freuden, ist es ein Wunder, dass er hier in der Wanne liegt und vermutlich an einem Herzinfarkt stirbt, als noch einmal auf dem Schlachtfeld zu stehen und würdevoll im Kampf zu sterben. Keineswegs vermisst er die Zeit, in die er um sein Leben fürchten musste. Eine Zeit, in der Blut auf seinen Wangen und seiner Kleidung, Bomben und Geschrei, Leichen und abgerissene Gliedmaßen seinen Alltag bestimmten. Die friedlichen Jahre erscheinen ihm beinah surreal und nicht zum ersten Mal fragt er sich, warum er dieses Leben verdient, was so vielen genommen und verwehrt wurde.
Tiefer taucht er in das Wasser, benetzt seine Haare vollständig und schließt die Augen, als sein Gesicht darin verschwindet. Wie immer, wenn er an Rheuma schweren Tagen das Bad aufsucht, lässt er seine Gedanken mit den Erinnerungen seines Lebens wandern. Er sieht all die glücklichen Momente, bevor der Krieg ausgebrochen ist, all das Leid und danach schwere Jahre des Wiederaufbaus und eine schicksalhafte Begegnung, die ihr Gleiches sucht.

Aus der Wanne aufgestanden, und den schönen Erinnerungen in seinen Gedanken entwichen, trocknet er sich ab und bindet sich das Tuch um die Hüfte. Ein kalter Windhauch lässt ihn wissen, dass sich die Tür für einen Augenblick geöffnet haben muss und wenige Sekunden danach, spürt er zwei Arme um sich und einen Körper hinter ihm, der sich näherdrückt. Sanft küssen ihn die Lippen auf die Wange, bevor sich der Kopf des Mannes auf seinen eigenen legt. Die unterschiedliche Körpergröße stört ihn nicht, hat sie nie getan, doch etwas versteht er nicht, hat er noch nie verstanden. Etwas, wofür er jeden einzelnen Tag dankbar ist und nicht weiß, was er ohne sie machen würde. Das Herz eines Mannes zu besitzen, dem er sein eigenes geschenkt hat.
„Guten Morgen“, wird ihm leise gewünscht. Die Stimme ist über die Jahre kratziger geworden, hat sich dem älter werdenden Körper angepasst und doch würde er sie unter tausenden erkennen. „Bist wieder seit vier wach, hm?“, wird er gefragt und er nickt. „Das Zeichen des Alters, zu wenig Schlaf.“ Ein leises Kichern ertönt und wärmt sein Herz. „Die paar Jahre.“, bekommt er zur Antwort und einen weiteren Kuss, diesmal auf die Lippen selbst. Die Augen schließend lässt er den Moment vorbeistreichen, in denen sie dastehen, sich aneinanderhalten und einen der wenigen längeren Küsse austauschen, die all ihre Gefühle offenlegen, die sie jemals und in Zukunft füreinander empfinden. „Zieh dich an, ich bin in wenigen Minuten wieder da.“
Erneut lächelt er und bestätigt die Aufforderung mit einem Nicken. Dass er jemals dieses Glück haben wird, wovon viele in ihren Büchern berichten und schwärmen, hätte er nicht zu träumen gewagt. Selbst die vielen kleinen Momente, in denen er dasteht und lächelt, sind eine Seltenheit und kommen dennoch mit dem Mann an seiner Seite so oft vor, dass er sie kaum zu zählen wagt. Wissend, wohin der Weg des Jüngeren führen wird, zieht er sich um. In zwanzig Minuten wird er ihm die Tür öffnen, weil er das Ziehen der Handbremse hört, wird in die grünen Augen sehen, die ihn immer noch wie zwei funkelnde Smaragde vorkommen, wird das Lächeln auf den Lippen sehen, welches nur ihm gilt. Wird die frisch gekauften und eingetüteten Brötchen an sich nehmen, während ihm gepflückte Wildblumen entgegengehalten werden.
Langweilig. Alltäglich, so beschreiben ihre Freunde das Leben der beiden. Fragen oft genug, ob sie an ihrer einstudierten Routine, die sich über die Jahre entwickelt hat, nicht etwas ändern wollen. Früher sollten sie die Welt bereisen, Kinder adoptieren, neue Dinge in der Ehe ausprobieren. Bei jedem Besuch sind neue Ratschläge gekommen, die sie mit einem Lächeln ignoriert haben. Heute werden sie nur noch belächelt. Sie mögen langweilig sein, versunken im Alltag und doch hat ihre Beziehung jeden weiteren Tag angehalten, während die der anderen sich immer mehr aufgelöst haben. Experimente machen Raum für Neues, schaffen jedoch auch Frustration. Er weiß, was er an dem Jüngeren hat, dass er sich auf ihn verlassen kann, obgleich er sich fragt, was der Mann an ihm findet, um es so lang mit ihm aushalten zu können.

Ein schweres Seufzen drückt sich durch die Lippen, während er den schmalen Flur entlang geht. Auf den Möbeln hat sich feiner Staub gebildet, der von den wenigen Sonnenstrahlen des Morgens beschienen wird. In der Luft sieht er die Körnchen tanzen und glitzern. Früher hätte er sich an ihnen gestört, hätte sie auf der Stelle mit einem Tuch aus dem Haus gejagt, nur, um das Spiel am nächsten Tag erneut zu beginnen. Mittlerweile weiß er, dass es wichtigere Dinge gibt, als den schweren Gegner Staub zu bekämpfen, der nie aufgeben will. Seine Augen richten sich auf die Bilderrahmen, sehen die Ereignisse ihrer Beziehung, festgehalten auf ein schwarz-weißes Bild. Ihre Hochzeit, die sie unter Freunden zelebriert haben. Die Geburtstagsfeiern der verwandten Kinder, die seine Cousine mit ihnen veranstaltet hat. Der Moment, indem sie zum ersten Mal das gekaufte Haus betreten. Unzählige Augenblicke, die einen Zeitstrahl bilden und nun die Wände dekorieren.
Nicht zum ersten Mal an dem noch jungen Morgen, drücken sich die erlebten Fotografien seiner Erinnerungen in seine Wahrnehmung. Er denkt an den ersten Kuss mit ihm, an das erste Mal, dass sie zusammen die Nacht miteinander verbracht und Sex gehabt hatten. An all die Tänze, den gemütlichen Abenden auf dem Sofa oder der Veranda, während draußen die Grillen zirpen. Er denkt an all die Streitereien, die sie wegen Kleinigkeiten gehabt haben. An all die Male, die sie ihre Liebe in sexuelles Verlangen umgewandelt haben. Denkt an unglückliche Tage, in denen er nicht wusste, ob ihre Beziehung weitergeht oder nicht. An die miserablen Kochversuche seines Mannes, die sich zum Glück verbessert haben. Gedanken und Erinnerungen. Ängste, die sie gemeinsam durchgestanden haben, wie die stürmische Nacht, in der seine Cousine ihr erstes Kind gebar.

Das Ziehen der Handbremse ertönt und er begibt sich zur Tür. Bilder tauchen vor seinem geistigen Auge auf, die ihm zeigen, wie der Brünette im Kartoffelfeld landet, beim ersten Versuch des Lernens. An die Fahrten durch das Land, die sie gemeinsam unternommen haben und von Pannen nicht verschont geblieben sind.
Die knarrende Holztür öffnet er vorsichtig, da seine Handgelenke dennoch schmerzen. Schnell macht er den brünetten Haarschopf in der schneebedeckten Landschaft aus. Obgleich die Haare ihr sattes Braun behalten, sind die ersten grauen Strähnen bereits sichtbar. Auch im Gesicht des Jüngeren haben sich im Laufe der Zeit Falten gebildet, obwohl sie beinah fünfzehn Jahre unterscheiden. In der Hand hält er die Brötchen und die Blumen. Wie jedes Jahr nimmt er ihn mit einem Kuss in Empfang, lässt ihn rein und bedankt sich für die kleine Aufmerksamkeit an Zuneigung. Die Haut des Größeren ist kalt, die Hände durch die Kälte gerötet. Nicht das erste Mal, fragt er sich, womit er den Jungen verdient hat, der es noch immer schafft, sein Herz zu erwärmen. Der den routinierten Alltag nicht langweilig erscheinen lässt. Der ihn nicht für jemand anderes verlässt, obgleich es Möglichkeiten gegeben hat.

In Gedanken versunken sieht er auf die blauen und weißen Blüten der im Februar blühenden Pflanzen, die sich durch die Kälte kämpfen, bevor es wärmer wird. Blickt auf sie herab, während er sie in eine mit Wasser befüllten Vase steckt und sie auf den Tisch stellt. Sie sind das erste, was er in Augenschein nimmt, nachdem er sich die Hände gewaschen und sich an den Tisch gesetzt hat. Sie reden nicht, wünschen sich nichts, sondern beginnen mit dem Frühstück.

Stille.
Nur das Zerteilen der Brötchen, die Geräusche von Metall auf Keramik, wenn das Messer den Teller berührt und die leisen Atemzüge des anderen, sind im Raum zu vernehmen.
Sie schenken sich nichts, haben es nie getan und sie wünschen sich auch nichts.  Das, was sie haben, kann ihnen keiner geben. Sie lassen nicht zu, dass materielle Dinge ein Preisschild an ihre Liebe hängen. Sie genießen die kleinen Dingen, die sie sich geben. Wenn er im Sessel einschläft, weil ihn der Schlaf übermannt und mit einer Decke auf seinen Beinen aufwacht, weiß er, dass die liebevolle Fürsorge seines Mannes nicht erloschen ist. Wenn sie abends gemeinsam ins Bett gehen, gibt es selten Zärtlichkeiten, die ein Vorspiel sein sollen und doch weiß er, dass er begehrt wird, schließlich haben sie den Sex nicht gänzlich aus ihrem Leben gestrichen, doch sie wissen, dass er kein notwendiger Bestandteil einer Beziehung ist, um sie lebendig zu halten. Es ist die Hand, die sich auf die seine legt, wenn sie einen Film sehen, die ihm sagt, dass er geliebt wird. Es ist das Lächeln, welches ihn am Morgen geschenkt wird. Die gemeinsamen Stunden des Kochens, des Backens. Schwerelose Stunden, die sie schweigend zu ihren Verwandten gemeinsam im Auto verbringen und Tage, die sie am Bett des anderen wachen, um eine Krankheit zu überstehen. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die sie schätzen und denen sie eine Bedeutung geben.
Statt sich Gedanken, um teure Geschenke zu machen, wiederholen sie ihren ersten, gemeinsamen Valentinstag jedes Jahr aufs Neue. In der Nacht zum vierzehnten Februar, vor beinah dreißig Jahren, hörte er zum ersten Mal die drei kleinen Worte, die er von da an nicht mehr missen muss. Schmeckte zum ersten Mal die Lippen des Brünetten, die ihn von da an regelrecht in den Wahnsinn treiben. Spürte Gefühle so intensiv, dass sie auch nach Jahrzehnten nicht gegangen sind, doch der Morgen danach, ist das, was sie an einander so schätzen. Die ersten Blumen zum Valentinstag.
Zärtlich spürt er, wie sich die warme Hand des anderen um die seine legt, während sie stumm ihre Getränke zu sich nehmen. Einzig die Gewissheit, dass auch diese Tage mit dem Tod ein Ende nehmen werden, trüben den Moment für einen Augenblick. Ein Augenblick, den der Brünette bemerkt und die Hand fester drückt.
„Es ist noch Zeit.“, hört er die Stimme seines Mannes und lächelt erneut. Wie es der Jüngere schafft in seinen Augen zu lesen, als wäre er ein offenes Buch, weiß er auch nach der Zeit ihrer Beziehung nicht. Eines, weiß er jedoch ganz sicher...
Dass er keinen einzigen Tag, seiner restlichen Lebenszeit, auf ihn verzichten will.
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