Das Studium von Gott und der Welt

von Virtulina
GeschichteHumor / P12
14.02.2020
14.02.2020
1
1841
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
 
Guten Tag. Mein Name ist Virtulina und ich studiere im wahrsten Sinne des Wortes Gott und die Welt.
Ich studiere katholische Theologie und Geographie.

Hier wäre jetzt der geeignete Moment, um Ihren* Vorurteilen gegen meine freakartige Existenz Ausdruck zu verschaffen und den Saal (hier in Form eines Textes) zu verlassen. Sie wären nicht die ersten, die auf mein Studienfach-Commingout hin das Gesicht verziehen, aus Unverständnis und Verachtung die Stirn runzeln, und sich ohne ein weiteres Wort von mir abwenden. Ich habe mich daran gewöhnt ein Alien zu sein, nur weil ich die Kirche noch nicht aufgegeben habe und mich für meinen Glauben interessiere.

Wenn Sie nicht zu diesen Menschen gehören, die mich wegen meiner Interessen als dämlich abstempeln, dann möchte ich Sie dazu einladen überspitzten Schwänken aus meinem wunderbaren und geistreichen Leben als theologische Geographin zu lauschen. Spoiler: Es könnte tangential lustig werden.

Heute soll es vor allem um das bereits angesprochene Thema „Vorurteile und Klischees“ gehen. Ich stelle Ihnen nun Vorurteile vor, die gegen uns Theologie- und Geographiestudenten in der Gesellschaft existieren.

So. Wie erkläre ich jetzt am besten, was viele Leute denken was Theologiestudentinnen ausmacht, ohne dass es zu schockierend wird?
[Eine Ewigkeit später (was auch immer eine Ewigkeit genau ist).]
Ich glaube es kann nur schockierend werden.
Der gemeine gemeine (nein, das ist keine ungewollte Doppelung) Bürger scheint katholische Nachwuchstheologen gerne mit unwissenschaftlichen, pädophilen, homophoben, weltfremden, naturwissenschaftsfeindlichen, Mittelalter-Gutmenschen zu assoziieren, die fehlenden Verstand und Vernunft mit blinder Gottesanbetung zu kompensieren versuchen, die mit Rosenkranz, Bibel und Kruzifixhalskette ihre Jungfräulichkeit verteidigen und jeglichen Freuden des Lebens entsagen. (Nur im Keller darf mal kurz gelacht werden, aber der liegt ja auch schon fast in der Hölle. Sittenverfall ist da also kein Wunder. lol xD)
Kurz gesagt und auf die Spitze getrieben: Man wird teilweise als vernunftloser Vollidiot abgestempelt.

Dass meinem Fach die Wissenschaftlichkeit aberkannt wird, finde ich fast noch das Schlimmste. Wie stellen sich diese Menschen mein Studium bitteschön vor? 5 ECTS-Punkte für die Prüfungsleistung „Neun Stunden Rosenkranzgebet ohne Unterbrechung, kniend vor Maria in ewiger (hier ist „ewig“ gleichzusetzen mit neun Stunden) Anbetung beten“, so was gibt es nicht. Wir bekommen auch keine Noten auf das Formulieren von frommen Gebeten oder das Gottloben Kraft göttlicher (fast schon blasphemischer) Singstimme. Wie man Exorzismen durchführt lernen wir leider auch nicht, sonst hätte ich das beim nächsten Menschen mal ausprobiert, der die Klischee-Kanone auspackt.
Wir bekommen Noten auf das Lernen von geschichtlichen Fakten, das Lernen von ethisch-moralischen Argumentationsstrategien, von theologischen Denkmodellen, von Religionskritiken, von Kirchenrecht, usw.. All das Wissen spielt sich zu 100% im Wissensbereich, nicht im Glaubensbereich ab. Es sind harte Fakten. Auch nicht-Katholiken können bei Interesse katholische Theologie mit Erfolg studieren, sie werden nur auf ihr Wissen reduziert werden. Die innere Glaubenseinstellung und Frömmigkeit wird in den Prüfungen nicht abgefragt.

Das Klischee der Naturwissenschaftsfeindlichkeit kann ich in gewisser Weise nachvollziehen. Ich meine, welcher biblisch gebildete Mensch glaubt schon an die Evolutionstheorie? Richtig: Jeder (weil jeder gebildete Mensch an fundierte Wissenschaft glaubt). Hätte man aus dem vorangegangenen Satz allerdings das Wort „gebildet“ entfernt, wäre die Frage „Welcher biblische Mensch glaubt an die Evolutionstheorie?“ und diese Frage ist eindeutig mit „keiner“ zu beantworten, weil es damals diese Theorie noch nicht gab.
Das führt natürlich zu Verwirrung und die Entstehung dieses seltsamen Vorurteils gegen Theologen.

Das mit der Pädophilie ist einfach Rassismus auf oberstem Niveau. Und nur zur Klarstellung: Nein, ich bin nicht pädophil, ich steh mehr so auf Männer und wortwörtlich eigentlich nur auf dem Boden.
Auch homophob und unmündig der Kirche linientreu ist man als Theologe nicht zwingend. Dem Mensch ist nämlich ein sogenanntes Gehirn gegeben, mit dem man Lehrmeinungen der Kirche durchaus hinterfragen kann und sollte. Schlussendlich ist man seinem Gewissen und Gott verpflichtet. Und meinem Gewissen traue ich mehr authentische Interpretation des Gotteswillens zu als der teilweise historisch tradierten Lehrmeinung einer Institution bestehend aus vielen FEHLBAREN Menschen. Ich muss mich für mein Handeln verantworten, ich muss also auch nach meinem besten Wissen und Gewissen Entscheidungen treffen.
Und ich habe mich dafür entschieden, dass ich fast nichts mit der derzeit bestehenden Sexualmoral der katholischen Kirche anfangen kann. Und damit stehe ich nicht alleine da, wie der synodale Weg vermuten lässt.

Kraft meiner spontan durch das sich anbietende Wortspiel aufkeimenden Egozentrik und Selbstverliebtheit muss ich auch sagen, dass zumindest auf mich das Klischee des Gutmenschen nicht zutrifft, ich bin ein Bestermensch.
Weltfremdheit, Mittelaltertum und fehlenden Verstand kann ich bei den meisten meiner Kommilitonen ebenfalls nicht erkennen. Kaum einer läuft als Knochengerippe durch die Uni. Die Gehirne sind meist noch nicht verrottet und können noch Leistung erbringen.

Dem Geographentum haften da eindeutig weniger Klischees an. Um genau zu sein, ist mir eigentlich nur eines bekannt: Geographen wissen ganz genau wo jedes Land der Welt zu lokalisieren ist. Auch die Verortung von jedem Gebirge und jedem Gewässer muss ein Geograph beherrschen.
Dem ist nicht so, das ist nicht Inhalt des Studiums. Wenn mich jemand fragen würde wo Panama liegt, dann wäre mir mein Unwissen nicht als Geographin peinlich sondern als allgemein gebildeter Mensch. Ich aber sage Euch, sollte jemand Fragen zur Verortung der Zugspitze haben:
Gleis 11, Abschnitt A.


Und um diese Klischees nochmal in einem Gedankenexperiment deutlicher werden zu lassen, fingiere ich Ihnen nun, wie ein typisches Smaltalkgespräch mit einer mir fremden Person ablaufen könnte. Stellen wir uns also vor, ich sitze chillig abends in einer Bar und trinke einen leckeren Cocktail.
(Jesus, mein Glaube und die Kirche erlauben mir zwar bis 22:33 Uhr feiern zu gehen, ich persönlich habe aber aus freien Stücken und meiner Individualität heraus keine Lust auf Partys und Bars, sodass dieses Gedankenexperiment wohl niemals in meinem Leben tatsächlich Realität werden wird. Wenn man sich das Experiment anschaut ist es wohl auch besser, dass ich niemals in diese Situation kommen können werde.)
Jedenfalls sitze ich eben in einer Bar und da ich (Achtung, jetzt wird es ganz abgedreht) nicht wie eine Nonne aussehe, spricht mich irgendwann ein heißer Typ an. (Natürlich ist er nur aufgrund der zwanzig Wärmflaschen heiß, die er mit sich trägt. Als ich mich für Theologie an der Uni eingeschrieben habe, habe ich nämlich meine ganze Sexualität gleich mit dem Anmeldeformular mit abgegeben. Ihr habt doch hoffentlich nicht wirklich gedacht, dass ich Menschen vor der Ehe attraktiv finden könnte, oder?! xD lol)

Er sagt also: „Hey, ist hier noch frei?“
Ich so: „Klar, meinen imaginären Freund, der normalerweise leere Plätze neben mir belegt, habe ich heute daheim gelassen.“ (Wenn man nen seltsamen Humor hat sollte man den, meiner Meinung nach, von Anfang an direkt offen kommunizieren.)
Er setzt sich also leicht (und mit „leicht“ meine ich eher stark) irritiert auf den Platz neben mir (wahrscheinlich hat er Angst, dass ich ihn bei einem Fluchtversuch töten würde).
Ich weiß nicht wie, aber irgendwie kommen wir ins Gespräch, als ich frage: „Warum trägst du zwanzig Wärmflaschen mit dir rum?“
„Sondersale, ich bin Student und brauche das Geld, das ich als Sparfuchs quasi „generieren“ kann.“
Ich frage ihn nach seinem Studium und bekomme erklärt, dass er Mathe und Bio auf Gymnasial-Lehramt studiert.
Nach seinem Monolog bleibt die Zeit kurz stehen, ehe ich anschließend die Sekundenbruchteile zähle, die unser Gespräch noch unbeschwert bleibt. Mein Puls beschleunigt sich, mein Atem geht schnell und flach. Ich weiß was jetzt kommt:
„Was studierst du?“ Das Ticken der imaginären Zeitbombe in meinem Gehirn mündet in einem ohrenbetäubenden Knall, ehe ich betont ruhig antworte:
„Theologie und Geographie.“
Von ihm kommt eine dreisekündige Sekunde keine Reaktion, ehe er ein nüchternes „Oh.“ hervorbringt. Ich sehe, wie es hinter seiner Stirn arbeitet, er weiß nicht, wie er reagieren soll.
Einige Sekunden später kommt dann die nächste Standardfrage:
„Also auf Lehramt oder wie?“
„Nö, ich mach nen ganz normalen Bachelor. Ich weiß, die Kombi ist komisch, aber dafür interessiere ich mich. Ich bin echt glücklich mit dieser Fächerwahl.“
„Mmh, aha.“
Er lacht beschämt, als er mir verbal ein Standardkompliment macht: „Du siehst gar nicht so aus.“
Ich tue so, als wüsste ich nicht, auf was er hinaus will: „Wie meinst du das?“
„Naja, du siehst gar nicht aus, wie diese komisch... wie diese religiösen Menschen.“
Ich beschließe, seine tendenziell törichte Aussage mit Humor zu nehmen: „Achso, ja, ich habe mir auch schon überlegt meine zu weibliche Oberweite an den Schöpfer zurückzuschicken und mich in verstaubt-mausgrau zu hüllen. Tut mir Leid für deine Irritation, aber du trägst ja auch kein Karohemd. Ein Auge hast du auch noch nicht auf mich geworfen, wie mein Biolehrer damals. Also zumindest kein Schweineauge zum Sezieren. Ich denke, wir sind also quitt.“
Er sieht mich verständnislos fragend an.
„Was lernt man denn da eigentlich?“
„In Theologie?“
„Ja.“
Ich erkläre ihm also die wissenschaftlichen Inhalte des Theologiestudiums.
„Aha, ich steh ja mehr so auf Logik und Wissenschaftlichkeit.“
„Ähm, ja.“ Ich weiß nicht, was ich auf die fehlende Stringenz seinerseits sagen soll. Irgendwie untergräbt selbige nämlich seine Aussage...
„Und du hast dann auch tatsächlich keinen Sex vor der Ehe?“
„Ähm, was?!“ (Bin ich versehentlich in einem Puff gelandet, oder welche Tatsache legitimiert eine solche Frage?) „Ich denke nicht, dass dich mein Sexleben etwas angeht. Man sollte nicht von sich auf andere schließen, wobei deine Taktlosigkeit hoffentlich eine Ehe verhüten möge. Guten Abend.“

Mich bekreuzigend spreche ich dem Typen einen Abschiedssegen zu, ehe mir mein Heiligenschein wächst und ich meines Theologenstandes würdig aus der Bar schwebe.


Und wissen Sie, was die Höhe der Flachheit bei diesen ganzen Klischees darstellt? Dass es in der Gesellschaft die Klischees nicht gibt, die Realitätsbezug und damit Berechtigung hätten. Welche Stereotypisierungen das aus meiner subjektiven Sicht sind, das erfahren Sie beim nächsten Mal.

Bis dahin schreiben Sie mir gerne Vorurteile mit denen Sie sich in Bezug auf Ihr/Ihren Studium/Hobby/Beruf konfrontiert sehen in die Reviews.


* Sieh, sie siezt Sie! #LifeGoalAlliteration (Gerne können Sie das „Sie“ durch ein „Du“ ersetzen und so den ff.de-Umgangsformen Ihren Respekt zollen. xD)
Review schreiben