Taktgefühl

von v i r i a
KurzgeschichteHumor, Romanze / P16
Denki Kaminari Kyoka Jiro
14.02.2020
14.02.2020
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Schule ist wie rodeln.

Ohne Schnee und ohne Spaß, aber es geht bergab.

Es ist ein ungeschriebenes Naturgesetz. Eine Tatsache, die zum Glück nur manchmal greift. Aber wenn, dann richtig. Kyoka Jiro hatte das Glück eben jenen bitteren Schlag der Realität kennen lernen zu dürfen. Schonungslos. Mit voller Breitseite.

Jeder passionierte Musikliebhaber hat diese eine Band,  die sich für alle Ewigkeit einen gewissen Platz im Herzen reserviert hat. Für die man schon seit dem ersten Ton Feuer und Flamme ist und die einen inspiriert wie keine andere. Manchmal kann sie sogar der ausschlaggebende Grund sein, weswegen man eine Vorliebe für ein gewisses Genre entwickelt. Für Jiro ist Deep Dope genau diese Band. Die Schülerin ist als eine pragmatische und gefasste Person bekannt aber wenn es um ihre Leidenschaft geht kitzelt das ihre versteckte Mädchenseite hervor – eine, die sie dazu veranlasst, zum wandelnden Inbegriff eines aktiven Social Media Followes zu werden. Wenn hier einer in Bezug zu dieser Band Up-To-Date ist, dann wohl sie. Jiro hat noch nie irgendwas von ihnen verpasst, erst recht kein Konzert. Kein einziges!

Dementsprechend ist sie aus allen Wolken gefallen, als sie wegen dem Prüfungsstress den Ticketverkauf ihrer Lieblingsband verpasst hat.

Die große Ankündigung der Tour hat sie damals noch mitbekommen. Der Hype hatte sie sofort im Griff. Ihre Freude war so immens, dass selbst ihre coole Fassade haltlos in sich zusammenbrach und ihre ich-bin-so-glücklich-das-ich-gleich-durchdrehe  Ausstrahlung binnen Millisekunden den gesamten Klassenraum dominierte. Jede einzelne Ecke, jeden Zentimeter, wirklich nichts blieb verschont. Es war eine Kunst für sich, dass es ihr trotz allem noch irgendwie gelang, keinen peinlichen Quietscher zutage kommen zu lassen. Abgesehen davon, dass die letzte Tour schon eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt, hat Deep Dope letztens das beste Album seit langem veröffentlich. Diese Tour schreit  regelrecht nach Jiros Namen!

Doch irgendwas hat andere Pläne mit ihr. Irgendeine höhere Macht. Gott, Karma, vielleicht sogar Schicksal. Sie weiß es nicht. Der ganze Lernstoff hat sie jedenfalls derartig beansprucht, dass sie gar nicht mitbekam, wie der Verkauf bereits eröffnet wurde. Ehe sie sich versah waren auch schon alle Tickets vergriffen. Momo hat ihr bestes gegeben, um sie einigermaßen aufzumuntern. Nur ihr ist es zu verdanken, dass Kyoka den Rest des Tages nicht als niedergeschlagenes, Trübsal blasendes Häufchen Elend verbringen musste. Dafür wirst du gute Noten haben  und Es wird bestimmt nicht die letzte Tour gewesen sein  sind ihr Mantra, mit dem sie sich halbwegs darüber hinwegtrösten kann.

Bzz.

Flatternd öffnen sich die trägen Lider des eben noch schlafenden Mädchens. Müde, dunkelviolette Iriden huschen vage durch das halbdunkle Zimmer. Huh? War da nicht eben noch dieses Geräusch…? Egal. Leise grummelnd drückt sie ihr Kissen auf die Ohren. Ihre Motivation, heute das Bett zu verlassen, befindet sich auf den Nullpunkt.

Bzz.

Da, schon wieder! Sie blinzelt sich wach. Die Mittagssonne scheint bereits das Firmament erklommen zu haben, da sich jene gleißenden Strahlen intensiver als sonst durch ihre zugezogenen Gardinen kämpfen. Kyoka ist normalerweise kein Langschläfer. Selbst an Samstagen wird sie durch ihre innere Uhr relativ früh geweckt. Das ist okay, so hat sie wenigstens mehr vom Tag. Normalweise geht sie dann immer in die untere Etage des Wohnheims und schaut nach, ob noch jemand anderes zur frühen Stunde aus dem Bett gefallen ist. Die üblichen Verdächtigen sind Momo, Todoroki und Ojiro, mit denen  sich eigentlich immer recht entspannt in den Tag starten lässt. Koda auch, aber der verbringt sonnige Morgende am liebsten in der Natur bei den Tieren. Manchmal auch Katsuki, aber der sitzt die ersten Stunden des Tages vorzugsweise in seinem Zimmer ab. Was vielleicht auch besser so ist. Sollte er Todoroki über den Weg laufen und dann auch noch schlechte Laune haben wäre es um die friedliche Ruhe geschehen…

Doch heute hat sie einfach nur das starke Bedürfnis, sich in einem Kokon aus ihrer eigenen Decke einzurollen und die Realität auszuschließen. Versuchen, zu verdrängen, dass heute Nacht das Konzert ihres Lebens stattfindet und sie kein Teil davon sein kann. Ihr entweicht ein resignierter Seufzer. Natürlich würde es alles nur noch schlimmer machen, wenn sie heute Abend mit ihren Gedanken alleine ist. Sie sollte wenigstens versuchen, sich irgendwie abzulenken...

Bzz.

… zum Glück könnte genau das einwandfrei funktionieren. Wer auch immer sie mit Nachrichten bombardiert: er oder sie scheint nicht vorzuhaben, in absehbarer Zeit damit aufzuhören. Nicht, dass es sie stören würde – Jiro liebt und schätzt ihre Freunde. Trotzdem ist dieses zuspamen für jeden von ihnen untypisch, weswegen sie ein mulmiges Gefühl beschleicht. Ist möglicherweise irgendwas passiert? Sofort richtet sie ihren schlaffen Oberkörper etwas auf, stützt diesen mit ihren Ellenbogen und tastet noch etwas orientierungslos nach ihrem Mobiltelefon. Als dieses erspäht und aufgehoben wird, kneift sie ihre Augen etwas zusammen. Grell und unnachgiebig strahlt ihr das Licht ihres Displays ins Gesicht, reizt ihre empfindliche Bindehaut. Es braucht eine Weile, bis sie sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hat. Aber als sie sieht, von wem die paar Nachrichten sind, werden ihre zartrosa Lippen von einem benommenen Lächeln umspielt. Denki.

Ne.

Moment.

Nicht nur einpaar   Nachrichten.

Sondern gefühlt… zehntausend?!

Kyoka kneift ihre Augen erneut zusammen, um ihre verschwommene Sicht zu schärfen. Reflexartig hält sie sich ihr Handy daraufhin dichter vor die Nase als nötig. Mit ihrer schläfrigen Sicht ist es alles andere als leicht, die kleinen Buchstaben aus einer gewissen Entfernung zu lesen. Doch als sie das Chaos auf ihrem Display erblickt, ist sie mit einem Schlag hell wach und zieht verwundert die dunkellila Brauen kraus. Als hätte man einen Energieschalter betätigt fährt ihr Oberkörper sofort in die Senkrechte, irritiert wischt sie einem über den Bildschirm, um ihn zu entsperren, und scrollt die Textwand einmal nach ganz oben. Denn was zur Hölle?! Und seit wann ist die Dumpfbacke so früh wach?!

[08:30]  Ich habe Langeweile, was geht gerade so bei dir? :D

[08:48] …

[08:59] Ey?

[09:00] Du kannst mir doch nicht sagen, dass du jetzt noch pennst? ö_ö

[09:10] Bist du sonst nicht immer eine der ersten die wach ist, Schlafmütze?!

[09:20]  Hallo? Kaminari an Jiro? Mayday, Mayday?!  

[09:30] …. Okay. Ignorierst du mich?!

[09:54] Also gut. Jetzt hör mir mal genau zu!


Ihre Augenbrauen springen neugierig in die Höhe, als würden sie davonfliegen wollen.

[09:54] Nee, warte. Fail. Du LIEST dir das jetzt besser genau durch!

Genius…

[09:56] Ich kann mich auch sehr gut ohne dich beschäftigen und dann erfährst du halt nicht, was ich für heute Abend geplant habe! Auf dich bin ich nicht angewiesen, pah!

[09:57] JIRO.


Wow. Der hat ja lange durchgehalten.

[10:17] Ehm. Excuse me?  Müsstest du von dem ganzen vibrieren nicht langsam mal wach werden?

[10:19] Sich nicht zu melden ist echt fies.


Sie grinst verstohlen in sich hinein.

[10:20] Vor allem in den Zeiten, wo uns die Schurkenliga im Visier hat. Uncool, man. Seriously.

[10:28] Oh mein Gott.

[10:29] Warte.

[10:29] Sie haben dich doch nicht in ihrer Gewalt, oder?

[10:29] Schreib sofort, wenn du meine Hilfe brauchst!

[10:30] Ne warte, Kommando zurück: schreib NICHTS, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben!


Mittlerweile ist sie auf dem aktuellsten Stand und starrt die drei Punkte an, die anzeigen, dass gerade getippt wird. Was er wohl als nächstes –

[10:32] Ich bin sofort bei dir. Halte durch.

Ihr eben noch so schadenfrohes Grinsen friert etwas ein. Moment… Instinktiv hebt sie ihre Bettdecke an und begutachtet ihre Schlafkleidung. Sweatpants, ein übergroßes Bandshirt und kein BH. Kein BH.  Jene Erkenntnis veranlasst ihre rechte Augenbraue dazu, bedrohlich zu zucken und ihre Mundwinkel verzerren sich zu einem verkniffenen Grinsen. «Ist das… ist das dein verdammter Ernst, Kaminari?», murmelt sie bissig. Jedoch bleibt ihr keine Zeit, um weitere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Das drohende Unheil bahnt sich bereits in Schritten an, die in einem Affenzahn den Flur entlang flitzen. Direkt auf ihr Zimmer zu. Ihr läuft es eiskalt den Rücken runter. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie zur Tür. Nein, dass kann nicht… - er würde doch nie….! So lebensmüde kann er doch gar nicht sein!

«WO SIND SIE?!»

Plötzlich wird ihre Zimmertür so stark aufgeschlagen, dass sie fast an die hintere Wand donnert. Im Türrahmen erscheint ein kampfbereiter Denki Kaminari, in Boxershots und Schlafshirt, gänzlich bereit jedem Gegner sofort den Garaus zu machen. Wilde Augen sondieren jeden Winkel des Zimmers und knisternde Blitze zucken um seinen Körper. Als er dann auch noch demonstrativ die rechte Faust in die linke Handfläche schlägt, ist ein beunruhigendes Zischen zu hören. Der Schreck hat Kyoka zu Eis erstarren lassen und fürs erste kann sie nichts anderes tun, als Denki mit ihrem entsetzten Blick festzunageln. Die Scharmesröte glüht auf ihren blassen Wangen und in ihrem Kopf wiederholen sich immerzu zwei bestimmte Worte: kein BH.

Plötzlich brechen ihre Impulse aus der Schockstarre. Ruckartig zieht sie ihre Bettdecke bis ans Kinn. Ihr entfleucht ein spitzer Aufschrei und aus Reflex schleudert sie ihm den nächstbesten Gegenstand in ihrer Reichweite entgegen – was sich blöderweise als ihr Handy entpuppt. Ehe sie das realisiert, hat das Ding schon längst ihre Hand verlassen. Kaminari kann nur mit großen Augen dabei zusehen, wie das Wurfgeschoss geradewegs auf ihn zukommt. Doch ehe es ihm mitten ins Gesicht klatscht, weicht er gekonnt aus, in dem er seinen Oberkörper im letzten Moment nach links manövriert.

Haare raufend sitzt Kyouka kerzengerade im Bett und ist kurz davor, nach allen Regeln der Kunst die Nerven zu verlieren. Kann ein Tag noch schlimmer beginnen?! Blankes Grauen erfasst sie, als Bilder in ihrem Kopf erscheinen, wie ihre Mutter sie für diese Aktion mit dem Kabel einer ihrer E-Gitarren stranguliert. Mit einem entsetzten Gesichtsausdruck und über den Kopf zusammengeschlagenen Händen wartet sie auf das unheilvolle Zerscheppern ihres Mobiltelefons, sobald es an der Wand aufschlägt. Wider aller Erwartungen bleibt das Geräusch jedoch aus. Stattdessen erklingt ein schmerzerfülltes urgh.

Ihre Kinnlade klappt auf, ihre Augen weiten sich und – auch wenn die bis eben noch dachte, dass es nicht möglich ist – ihr Gesichtsausdruck wird noch entsetzter. «Oh Gott, oh Gott, oh Gott... », wie ein kaputter Plattenspieler murmelt sie diese Worte immer wieder vor sich hin, ihre Stimme ist dabei merkwürdig dünn. Als hätte man ihr alle Kräfte ausgesaugt. Ihre Hände wandern schleichend nach unten. Über ihre Ohren, ihre Wangen, bis zu ihrem Mund, über diesen sie dann zum Halt kommen. Denkis Augen sind ebenfalls riesengroß. Wie vom Donner gerührt starrt er geradeaus. Es erweckt fast schon den Eindruck, als hätte er vergessen, wie man blinzelt. Wie eingerastet wagt er es schließlich, sich langsam umzudrehen. Als er das Unheil erblickt, formen sich seine Lippen zu einem tonlosen oh.

Neben Denki erscheint plötzlich ein äußerst schlecht gelaunter Tenya im Türrahmen. In seiner rechten Hand hält er das gefährliche Wurfgeschoss, das sich Kyokas Mobiltelefon  schimpft. Ein auffällig, roter Fleck auf seiner Stirn markiert die Einschlagsstelle. Das Sonnenlicht reflektiert sich in seinen Brillengläsern, sodass man seine Augen nicht sehen kann und Kyouka ist dafür eigentlich sehr dankbar. Sie will  den tödlichen Blick, den er gerade haben muss, gar nicht sehen. Tenyas mörderische Ausstrahlung spricht nämlich eine äußerst deutliche Sprache. Klammheimlich bereitet sie sich seelisch auf den Monolog vor, der Denki und sie gleich ereilen wird – doch überraschender Weise bleibt selbst das aus.

«Ich werde keine Fragen stellen», verkündet Tenya unnatürlich monoton, sodass es sich wie eine Drohung anhört und reicht Denki das Mobiltelefon «aber das passiert nicht noch einmal.»

Der Angesprochene grinst verlegen und kratzt sich nervös am Hinterkopf, ehe er sich das Mobiltelefon in die offene Hand legen lässt. «Ehm, natürlich. Klar.»

Der Klassensprecher lässt sich nicht mehr lange aufhalten. Kaum hat er das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen, wendet Denki sich direkt an Jiro. «Was sollte das denn!?», fiept er entsetzt, einige Etappen zu hoch und schaut Kyoka derart schockiert an, als hätte sie einen Mord begangen.

«Selbst schuld, wenn du hier einfach so reinplatzt!», protestiert sie und zieht die Bettdecke ein weiteres Stück nach oben. Dazu winkelt sie die Beine an, um so viel wie möglich zu bedecken. Ihr Körper ist noch nicht so weit entwickelt wie der ihrer Mitschülerrinnen – was nicht heißt, dass ihr gewisse Situationen nicht trotzdem unangenehm sein dürfen. Sie würde jedoch all ihre Instrumente verkaufen, ehe sie das vor diesem Trottel zugibt.

«Woher hätte ich denn wissen sollen, dass du mich mit Gegenständen abwirfst?!», verteidigt er sich im selben Tonfall und wirft fassungslos seine Hände in die Luft. «Außerdem habe ich mir ernsthafte Sorgen gemacht!»

Auf diesen Kommentar hin mustert sie ihn mit einem skeptischen Gesichtsausdruck. Sie kann sich nicht erklären, wieso. Aber der letzte Satz stimmt sie etwas milder. Seufzend lässt sie ihre Beine etwas sinken. «Was gibt’s?»

«Ich hab was für dich. Ich hätte es dir auch per Chat sagen können –» während er sich erklärt, kommt er auf sie zu. Jedoch bleibt er vorsichtshalber sofort stehen, als Jiro mit ihren Plugs drohend in seine Richtung zeigt. Die decke zieht sie wieder etwas höher und ihre Augen schmälern sich bedrohlich. Warnend. Kaminari schaut die Dinger an ihren Ohren mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck an. Hebt die Hände, als würde man eine geladene Waffe auf ihn richten. Er weiß zu gut, was diese Dinger anrichten können. «Wäre… vermutlich… ungefährlicher gewesen…?», fährt er fort. «Aber ich bin da wohl einfach etwas altmodisch veranlagt.»

Vielleicht, ganz vielleicht fühlt sie sich etwas geschmeichelt. Ein wenig. Nebenher fragt sie sich, zu welchem Anlass…? Oh. Oh!  Da kann es doch eigentlich nur eine Sache geben, nicht wahr?! Je mehr ihre Augen anfangen zu leuchten, umso mehr sackt Denkis Lächeln in sich zusammen. «Bevor du dir falsche Hoffnungen machst: Karten für das Konzert habe ich leider nicht mehr bekommen…», gesteht er murmelnd und kratzt sich schuldbewusst am Hinterkopf. Er gibt sich Mühe, sein Grinsen zurück zu gewinnen. Es gelingt ihm auch, selbst wenn es ihm erstmal etwas wackelig auf den Lippen sitzt. «Aber es wird dir trotzdem gefallen! Also. Du. Ich. Um sechs. Vor dem Eingang des Wohnheims. Kapisch?», nachdem er den Satz beendet hat, wirft er ihr das Hand zurück auf das Bett.

«Ein bisschen spontan, oder?», das schelmische Grinsen kehrt in ihr Gesicht zurück. «Was ist, wenn ich heute Abend keine Zeit habe?»

Denki hebt eine Augenbraue und pariert mit haargenau demselben Gesichtsausdruck. «Glaube ich dir nicht. Wer hat für so einen teuflisch gutaussehenden Typen wie mich denn bitteschön keine Zeit?»

Die Lilahaarige schnauft belustigt. Dann erweichen sich ihre Gesichtszüge. «Um sechs vor dem Eingang des Wohnheims. Geht klar.»

«Super! Ach, und nimmt deine Gitarre mit. Aber die kleine Akustikgitarre. Ist angenehmer, denn wir werden ne Weile latschen.»

«Ist notiert.»

«Gut, dann… bis um sechs, schätze ich?... Neee, warte! Bis gleich! Wir haben unten ein gemeinsames Essen vorbereitet, die einzigen, die Fehlen, sind du und Mineta. Wenn ihr nicht bald kommt, fangen wir ohne euch an. Wobei ich Mineta definitiv keinen Überraschungsbesuch abstatten werde – wer weiß, was mich in diesem Mastubartorium erwartet…», allein die Vorstellung sorgt dafür, dass sich sein Gesicht verzieht, sein Blick verdunkelt und sein sonst so schelmisches Grinsen etwas einfriert. Auch Kyokas Lippen verziehen sich bei der Vorstellung zu einem dünnen Bleistiftstrich.

«Ehm, gut… ich müsste mich umziehen, könntest du bitte… raus?»

«Oh. Klar.»

Kaminari schlendert gelassen zur Tür. Dreht nicht nochmal zu ihr um und schenkt ihr ein Lächeln, bevor er ihr Zimmer verlässt. Es ist wärmer und heller, als es die Sonne je sein könnte. Und es ist erschreckend, was dieses verdammte Ding in ihr auslöst. Jiro wickelt die Arme um ihre angewinkelten Beine. Bettet ihr Gesicht auf diesen, sodass nur noch ihre Augen über ihre Kniescheiben hervorlugen. Sie kennt dieses Gefühl aus Liedern. Aus Liebesliedern, um genau zu sein. Der Hauptgrund, warum sie diese stets von sich schiebt und sich weigert, es anzuerkennen. Sie und die Hohlbirne, pfft. Lächerlicher Gedanke. Sie hasst diese Vorstellung. Ebenso wie die Tatsache, dass sie nur auf Einseitigkeit beruht.

Warum sie sich da so sicher ist? Kaminari hat sich gerade sehr leicht abwimmeln lassen. Das ist der zweite Gedanke, der sie mehr beschäftigt als er sollte. Klar, es ist gut, dass er ihr nicht mit seinen komischen Trieben auf die Nerven geht, aber… bei jedem anderen Mädel wäre doch auch ein dummer Kommentar gefallen? Oder er hätte sich quer gestellt, zu gehen? Ein Lustmolch wie er lässt doch normalerweise keine Gelegenheit ungenutzt, um etwas mehr vom weiblichen Körper zu sehen? Jiro hat schon längst gemerkt, dass dieses Interesse auf sexueller Ebene im Bezug auf sie scheinbar gänzlich fehlt. Bei ihr ist es gar nicht vorhanden. Als einzige. Sie kann es sich nicht erklären, aber irgendwie fühlt es sich… seltsam an.

Irritiert schüttelt sie den Kopf, schlägt die Bettdecke zur Seite und erhebt sich aus dem Bett.

Verletzter Stolz, sonst nichts.









Kyoka ist froh, dass sie es noch rechtzeitig geschafft hat, um wenigstens etwas bei den Vorbereitungen helfen zu können – auch wenn es nur das Anrichten der Blumen in der Mitte des Tisches ist. Sie würde sich schlecht fühlen, hätte sie gar nichts gemacht.

Für das Frühstück haben die Schüler den großen Tisch im Wohnheim gedeckt, der von Couchgarnituren und Sesseln umgeben ist. So, wie sie es auch immer zu Weihnachtsfeiern machen. Er bietet genügend Platz für einen selbst, gleichzeitig sitzen die anderen nicht zu weit von einem weg.  Es ist perfekt, um sich miteinander unterhalten zu können. Dank des relativ friedlichen Klassenklimas ist es immer wieder entspannend, Zeit miteinander zu verbringen. Es sind diese kleinen Momente der Gemeinsamkeit, die Kyoka nicht nur in ihren Gedanken, sondern auch in ihrem Herzen auf ewig abspeichert. Diese Zeit wird nämlich nicht für ewig weilen. Irgendwann werden sie alle ihren Abschluss haben und sich quer über den Globus verstreuen. Das der ein oder andere Kontakt abbrechen wird, ist eine bedrückende aber unvermeidliche Tatsache. Wenn man sich das vor Augen hält schätzt man diese kleinen Momente umso mehr.

Das gemeinsame Essen verläuft eigentlich relativ friedlich.  

Irgendwann hat Kaminari jedoch indirekt den Startschuss für fliegendes Essen gegeben. Ausgerechnet er und Sero sitzen sich vertikal gegenüber. Auf der Seite des letzteren steht ein Sirup, dass Kaminari unbedingt haben will – da ihm das Herumreichen jedoch zu lange dauert, hat er sich kurzerhand per Luftpost zukommen lassen.

Kirishima und Ashido haben ihr Essen irgendwann auf denselben Weg ausgetauscht. Jiro weiß nicht mehr genau, was dann passiert ist, aber plötzlich fliegt Essen kreuz und quer durch die Luft. Irgendwie haben sie sich alle gegenseitig angespornt. Nicht, dass es etwas Schlechtes ist. Hier und da ist ein Kichern zu vernehmen und es ist wirklich unterhaltsam, Tenya dabei zu beobachten, wie er vom Stuhl aufspringt und alle auf die Existenz von Tischmanieren hinweist. Dabei verteilt er mit seiner rechten Hand Karateschläge in der Luft. (Kyoka weiß beim besten Willen nicht, was diese Geste bewirken soll. Vielleicht ist es ein Versuch, den anderen ein bisschen Vernunft in den Schädel zu hämmern?)Oder als Bakugou lautstark bekannt gibt, dass er auch gleich mal jemanden über den Tisch wirft, sollten sie ihn mit ihrem Kindergarten weiterhin provozieren.

Irgendwann bricht lautes Gelächter aus. Es gibt nur einen, dem der Geräuschpegel sichtlich ungenehm ist: Koji Koda. Der sanfte Riese sackt immer mehr in sich zusammen und blickt unbehaglich hin und her. Kyoka weiß nicht, ob ihn das stürmische Verhalten der vier einschüchtert oder ob Bakugou ihn mit seiner Drohung Angst eingejagt hat. Er klang nämlich nicht so, als würde er Scherze machen. Irgendwann steht Koda auf, sammelt fix alles Geschirr ein, das nicht mehr gebraucht wird und begibt sich sang- und klanglos zur Küche. Jiro beobachtet ihn besorgt, jedoch wird ihre Aufmerksamkeit schnell wieder von Hagakure beansprucht. Die Unsichtbare lernt bald die Eltern von Ojiro kennen und zerbricht sich schon seit einer halben Ewigkeit den Kopf darüber, was sie am besten anzieht. Überfordert hält sie Jiro ihr Handy vor die Nase und zeigt ihre mehrere Oberteile, um sich ihre Meinung einzuholen.

«Oi, Kaminari!», ruft Kirishima quer über den Tisch, um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Seine unnatürlich spitzen Zähne werden entblößt, als er ihm breit entgegengrinst. «Ich habe mich bald wieder mit TetsuTetsu verabredet und es werden noch einpaar andere aus der B dabei sein. Und rate Mal, wer mit von der Partie ist!» Der Rothaarige lehnt sich mit einem Ellenbogen an die Tischkante und spricht folgenden Namen mit einem verheißungsvollen Unterton aus: «Ibara. Da bist du doch bestimmt dabei, oder, Kumpel?»

Kyoka versucht, sich voll uns ganz auf Hagakure zu konzentrieren. Aber da sie sie alle relativ nahe beieinander sitzen, schnappt sie alle Gesprächsfetzen unweigerlich auf. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Denki seit dem Sportfestival scheinbar ein gewisses Interesse an seiner Mitschülerin aus der Parallelklasse hegt. Schließlich hat es der Idiot auf dem Kampffeld vor einem Millionenpublikum deutlich genug gemacht. Der Gelbhaarige hat sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt und lässt seinen Arm lässig über die Lehne baumeln. Ein kurzes Grinsen zuckt über seine Mundwinkel und er nickt Kirishima bestätigend zu. «Klar… äh, klar! Count me in!»

«Das ist mein Dude!», meldet sich Mineta zu Wort, der es zur Verwunderung aller noch irgendwie rechtzeitig an den Tisch geschafft hat. Er stupst Kaminari verheißungsvoll mit dem Ellenbogen an und lässt die Augenbrauen hüpfen. «Als würdest du dir jemals so eine heiße Braut entgehen lassen!»

Plötzlich ist da dieser undefinierbare Druck in Jiros Brust. Alles in ihr zieht sich auf einmal zusammen. Es trifft sie völlig unvorbereitet. Überrollt sie wie eine Flutwelle und scheint alles andere zu überschatten. Ihren Appetit. Die Freude, Zeit mit ihren Mitschülern zu verbringen. Irgendwie alles. Und es gefällt ihr nicht… kein bisschen. Es ist so unangenehm, dass sie sich eigentlich gar nicht weiter damit befassen will. Ablenkung. Sie braucht Ablenkung. Schnell gibt sie Hagakure schnell bescheid, dass sie Koda in der Küche helfen wird. Daraufhin erhebt sie sich und sammelt neben ihren eigenen noch weiteres Geschirr ein. Auf Hagakures Frage, ob alles in Ordnung sei, winkt sie nur gelassen ab und lächelt ihr unbekümmert entgegen.

Den Trubel, das Gelächter und das Stimmengewirr lässt sie hinter sich. Als sie die Küche betritt, kommt es ihr so vor, als hätte sie das Tor zu einer anderen Welt passiert. Kein Kaminari, der widersprüchliche Emotionen aufwirbelt. Kein Katsuki, der droht, Menschen durch die Gegend zu schmeißen. Dafür ein Koda, der vor dem schäumenden Spülbecken steht. Das Fenster ist geöffnet und er sieht glücklich aus, als einpaar Spatzen herein geflogen kommen und vergnügt auf seiner Schulter herumhüpfen. Er liebt Tiere über alles. Vorausgesetzt es handelt sich im keine Insekten…

Ihre Gesichtszüge erweichen und ihr Trübsal löst sich etwas in Luft auf. Er ist so ein gutherziges und unkompliziertes Wesen, dass seine Gegenwart nur angenehm sein kann.

«Brauchst du Hilfe beim abtrocknen?», fragt sie vorsichtig. Koji scheint ihr Erscheinen gar nicht mitbekommen zu haben und zuckt trotz aller Vorsicht leicht zusammen. Wie ein scheues Tier, obwohl sein Erscheinungsbild eher einen standhaften Eindruck hinterlässt. Als er bemerkt, wer ihn angesprochen hat, verschwindet die Unsicherheit. Er lächelt ihr herzlich entgegen und nickt zaghaft. Er und Kyoka konnten durch den gemeinsamen Kampf gegen Hizashi Yamada einen gewissen Draht zueinander aufbauen. Jiro würde sogar behaupten, dass die beiden seitdem sowas wie Freunde geworden sind. Sein Vertrauen zu ihr scheint auch die Tiere zu beeinflussen, da die Vögel nicht wegfliegen, als sie näher kommt. Sie schnappt sich ein Küchentuch und fängt an, das bereits gespülte Geschirr abzutrocknen. Währenddessen unterhält sie sich mit Koda. Er verliert tatsächlich das ein oder andere Wort und lacht ab und zu mal kurz. Eine Seltenheit bei einer schüchternen Persönlichkeit wie ihm.

Als sich ein angenehmes Schweigen wie eine Decke in die Küche legt, driften Kyokas Gedanken erneut ab. Ohne, dass sie es verhindern könnte. Direkt in diese dunklen Ecken ihrer geistigen Hallen, die sie um jeden Preis vermeiden will. Aber sie zu umgehen klappt nicht. Auch, wenn sie es noch sehr versucht. Dieser Sog ist einfach zu stark. Als wäre ihr stiller Kummer ein Magnet und ihre Gedanken an Kaminari das Eisen, was von ihm angezogen wird. Ibara Shiozaki ist wunderschön, talentiert und klug – kein Wunder, dass Denki etwas für sie übrig hat. Diese Dumpfbacke kann höllisch froh sein, wenn er jemanden wie sie abbekommt! Er soll  ja glücklich sein! Was anderes hat Jiro sich nie für ihn gewünscht. Auch wenn man es durch das ständige Aufziehen gar nicht merkt.

Sie starrt auf ihre Finger, während sie eine Platte abtrocknet. Schenkt dieser kleinen Geste mehr Aufmerksamkeit als nötig. Ein Kloß bildet sich in ihrem Hals, als hätte man ihr einen unsichtbaren Strick umgelegt, der sich langsam zuzieht. Ihre Sicht verschleiert sich, als sich verräterische Tränen an die Oberfläche kämpfen. Sie blinzelt sie sofort weg. Versucht es zumindest. Lässt schnell  ihre kurzen, dunkellila Haare vor die Augen fallen, als es ihr nicht ganz gelingen will. Das Letzte, was sie möchte, ist andere mit ihrem Gemütszustand zu belasten. Bei allem Verständnis, bei allem Wohlwollen und bei aller Freude für Denkis eventuelles Glück… wieso… tut die Vorstellung von den beiden als Paar… so unfassbar weh?

Plötzlich wird sie aus ihrer Gedankenspirale gezogen. Von etwas Unscheinbaren. Einer winzigen Geste, die dennoch so mächtig ist wie das Licht eines Leuchtturms auf stürmischer See. Ein zaghaftes Stupsen an den Oberarm. Sie wendet sich sofort an Koji, der sie mit einem betroffenen Blick mustert. Auch ohne Worte versteht sie genau, was er meint. Die Sorge kann sie aus seinen dunklen Augen unmissverständlich herauslesen.

«Du musst dir keine Sorgen machen, bei mir ist alles okay.», trällert sie und schenkt ihm ein sorgloses Lächeln. Ihre Show ist perfekt. Wenn man sie nicht kennt, würde man es ihr zweifellos abkaufen. «Wirklich, alles okay, ich meine, was sollte nicht okay sein? Es ist alles fantastisch, alles okay und…»

Sie verstummt, als sie Kodas geschocktes Gesicht bemerkt. Vielleicht ist er sogar einen Schritt zurück gewichen. Durch seine Augen flimmert dennoch etwas Wissendes. Die Tatsache, dass rein gar nichts okay ist, wenn jenes Wörtchen ganze viermal in so kurzer Zeit verwendet wird…

Kyoka verspürt den Anflug eines schlechten Gewissens. Doch Kodas geschockter Gesichtsausdruck verschwindet und er legt ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

«Danke, Koji. Du bist echt ein guter Freund.», murmelt sie,  lächelt ihn dankend an und tätschelt einmal sanft seine große Hand. «Tut mir leid, dass ich dich eben so angefahren habe. Irgendwie mache ich mir gerade zu viele Gedanken um Kaminari und keine Ahnung. Als ob ich keine anderen Probleme hätte als diesen Trottel. Eigentlich voll lächerlich!»

Sie ist von sich selbst überrascht, was sie ihm gerade alles erzählt. Es sind Gedanken, die irgendwie da sind, mit denen sie sich aber nie befasst hat. Worte, die noch nicht einmal die Ohren ihrer besten Freundin Momo erreicht haben. Geschweige denn die ihrer anderen Klassenkameradinnen. Nicht, dass sie ihnen nicht vertrauen würde, es ist nur… es wäre ihr unangenehm. Die anderen würden sie mit Fragen löchern. Ihr verstohlene Blicke zuwerfen, sobald Kaminari auch nur in ihre Richtung atmet. Eventuell würden sie hinter ihren Rücken sogar geheime Verkupplungsaktionen starten. Jiro weiß, dass sie es nicht aus einer bösen Absicht heraus tun, trotzdem würde sie lieber erstmal selbst herausfinden, was gerade mit ihr los ist.

Vielleicht fühlt es sich deshalb so gut und richtig an, sich Koda anzuvertrauen. Er könnte jetzt im Moment als einziger in der Lage sein, diese Information mit genügend Feingefühl zu behandeln.

Koda schaut sie nur aus großen Augen an. Blinzelt ihr einpaar mal entgegen. Dann zieht er den Kopf etwas zurück in seine Schultern, lächelt ihr schüchtern entgegen und formt mit seinen Daumen und Zeigefingern ein kleines Herz.

Daraufhin schaut sie ihn so entsetzt an, als hätte er ihr gesagt, dass sich Katsuki zum Ballett angemeldet hat. Jiro merkt, wie ihr die Hitze ins Gesicht steigt. Man kann förmlich beobachten, wie sich ihre Hautfarbe von normal zu einem Tomatenrot verfärbt. Als sei sie eine Zeitbombe und man kann zusehen, wie der Countdown langsam den Nullpunkt erreicht. Doch statt einer Explosion besteht ihr Bewältigungsmechanismus daraus, es einfach wegzulachen. Sie gackert vor sich hin, als hätte Koji gerade den Witz des Jahres erzählt, lobt ihn für seinen grandiosen Humor und winkt mit der Hand lässig ab. Sie? Romantische Gefühle für die Dumpfbacke? Für den, der sie letztens noch gefragt hat, was das spanische Wort für Amigo  ist? Pfft,  nein, niemals.

Im selben Moment öffnet sich die Tür zur Küche. Izuku schiebt sie etwas unbeholfen mit seinem Ellenbogen zur Seite. Er ist mit Geschirr beladen wie ein Packesel. Dementsprechend ist sein Gesichtsausdruck auch etwas verzwickt, aus Angst, ihm könnte etwas runterrutschen. Da seine volle Konzentration darauf liegt, nichts fallen zu lassen, schenkt er den beiden zur Begrüßung nur ein wackeliges Lächeln. Jiro hat schon den Drang zu ihm hinzulaufen und ihm zu helfen, jedoch findet er seine Balance noch rechtzeitig wieder. Zum Glück. Hinter ihm erscheint jetzt auch Todoroki im Türrahmen, der nicht weniger beladen ist wie Midoriya.

«Schon fertig?», fragt Kyoka und hebt skeptisch eine Braue.

Die beiden stellen den Berg von Geschirr zu Koji an die Spüle.

«Ja, es gab… vielleicht einen kleinen Zwischenfall…», Izuku kratzt sich verlegen am Hinterkopf.

«Bakugo hat Sero über den Tisch geworfen.», erklärt Shouto in typischer Monotonie. Als sei es das Normalste der Welt.

Jiro und Koda blinzeln den beiden verdattert entgegen. Vielleicht ist es besser, wenn sie nicht nach Details fragen…

«Ich habe auch das mit Deep Dope gehört.», erwähnt Izuku und leichte Betroffenheit flimmert durch seine  strahlenden, grasgrünen Augen. «Ich habe gerade selbst nochmal geschaut, ob sich nicht doch noch irgendwie Tickets auftreiben lassen, aber keine Chance. Außer man ist bereit, Unmengen an Yen zu bezahlen und sich über den Tisch ziehen zu lassen…»

Kyoka spürt eine sanfte Wärme, die sich nach diesen Worten in ihren Herzen ausbreitet. Gerade Izuku müsste verstehen können, wie es sich anfühlt, solch eine Gelegenheit zu verpassen. «Vielen Dank, Izuku. Wirklich.» Sie schenkt ihm ein schiefes, dankbares Grinsen. «Aber es ist schon alles okay, dafür erwische ich sie nächstes Jahr!»

«Wenn es soweit ist werde ich dir die Daumen drücken.», erwidert Izuku und lächelt ihr zaghaft entgegen. Wahrscheinlich hat er in seinem Fall so ähnliche Worte benutzt, um sich selbst darüber hinwegzutrösten. Die beiden scheinen sich in der Hinsicht auf einer tieferen Nerd-Ebene zu verstehen. Als Ochaco und Tsuyu die Küche betreten und weiteres Zeug herein tragen, wenden sich Todoroki und Izuku auch wieder von ihnen ab, um den anderen zu helfen. Shouto ergreift das Wort, diesmal jedoch an den grünhaarigen Wuschelkopf gewandt. «Kannst du dich an diesen Superheldenfilm erinnern, den du unbedingt sehen wolltest? Der, für den vor einpaar Stunden der Vorverkauf gestartet hat?»

«Ja!» Midoriyas Bewegungen rasten ein und er rauft sich die Haare. Seine Stimme ist nur noch ein hauchdünnes Fiepen. «Und ich habs verpeilt!»

«Alles gut. Hab uns beiden vorhin zwei Sitze reserviert.»

Für einen Moment kann man nicht ganz ausmachen, ob Izuku sich freut oder gleich in Ohnmacht fällt. Wobei… das eine schließt das andere nicht zwingend aus, nicht wahr? Zum Bewusstseinsverlust kommt es glücklicherweise nicht, stattdessen kann man Midoriyas freudestrahlendes Lächeln aus seinen Worten praktisch heraushören. «Echt?!», dieses Wort kommt geradezu aus ihm herausgeplatzt. Er scheint zu merken, dass er Shouto damit etwas überwältigt, darum sammelt er sich erstmal, bis er weiter spricht: «Du bist ein Lebensretter! Wow, ich weiß gar nicht wie… Danke. Vielen Dank! Aber… du sagst mir jetzt sofort, was das Ticket gekostet hat. Bei so einem Blockbuster war es bestimmt alles andere als günstig!»

«Nö.»

«… T-Todoroki?!»

Die Küchentür fällt ins Schloss, bevor die beiden Zurückgebliebenen ein weitres Wort vernehmen können. Als Kyoka sich wieder zur Spüle wendet, um mit dem Abtrocknen weiterzumachen, gleitet ihr Blick über Koda. Sein schüchternes Lächeln ist wieder erschienen und er formt mit seinen Fingern erneut ein kleines Herz. Huh. Jiro nimmt einen Teller in die Hand und lässt das feuchte Küchentuch etwas über diesen gleiten. Versucht, die Hitze zu ignorieren, die ihre Wangen zum glühen bringt.

Vielleicht ist Kojis Gespür für solche Dinge doch gar nicht so schlecht…











18:00 Uhr.

Am fernen Horizont bettet sich die Frühlingssonne allmählich zur Ruhe. Nimmt das strahlendblaue Firmament mit sich und hüllt die Welt in einen goldgelben Schleier. Pünktlich wartet Jiro an dem Geländer des Wohnheims. Die Hände hat sie lässig in den Taschen ihrer schwarzen, zerrissenen Jeans gesteckt und die Tasche mit der kleinen Akustik Gitarre lehnt neben ihr. Schweigen beobachtet sie die stille Wanderschaft der Wolken und lauscht dem leisen Gesang des kühlen Abendwindes, der sanft durch ihre Haare weht. Eine Gänsehaut überzieht jeden Zentimeter ihrer Haut. Kurz dankt sie sich selbst, dass sie an den lila Hoodie gedacht hat, der im Moment um ihre Hüfte gebunden ist. Sie erlaubt sich, ihre Gedanken baumeln zu lassen. Das Konzert hat sie nicht vergessen, aber irgendwie… fühlt es sich jetzt gar nicht mehr so schlimm an.

Sie senkt ihren Blick und entdeckt ihr Spiegelbild in einer der Fensterscheiben. Abschätzend begutachtet sie ihr Outfit. Ein selbstsicheres Grinsen. Yep, sie sieht gut aus. Moment – wieso interessiert sie das überhaupt?!

In genau der Sekunde öffnet die Eingangstür des Wohnheims und ein ihr nur all zu bekanntes Gesicht lugt hervor. Suchend. Dann erhellt sich seine Mimik, als er sie erblickt. «Du bist da! Man, da hab ich aber Glück gehabt», freudestrahlend kommt er auf sie zu gerannt, lässt die Tür ins Schloss fallen und bleibt vor ihr stehen. «Ich hatte schon Angst, du kommst nicht. Ich hab vorhin nämlich nicht gesagt, welches sechs ich meine. Stell dir mal vor du hättest dir den Wecker um sechs Uhr morgens gestellt!»

Zweifelnd legt Jiro den Kopf schief. Echt jetzt?

Die Ernsthaftigkeit, die das Gelb seiner Augen durchzieht, lässt vermuten, dass er sich tatsächlich Sorgen darum gemacht hat. Ihre Skepsis scheint Kaminari kurz auf dem Konzept zu werfen, jedoch fängt er sich schnell wieder. «Also»,  sagt er beschwingt und schultert grinsend seine eigene Tasche. «Los geht’s?»

Kyoka ist noch nie aufgefallen, wie schön die Präfektur Musutafu bei Sonnenuntergang aussieht – was daran liegt, dass sie sich noch nie die Zeit zum Wandern genommen hat. Nicht, wenn sie hier ist. In Musutafu ist sie stets mit ihrer Heldenausbildung eingespannt, Auszeiten gönnt sie sich meistens nur zuhause. Sie wandert mit Denki auf eine naturbelassenen Erhöhung, die sich etwas außerhalb der Präfektur befindet. Der kühle Wind lässt die Baumkronen rascheln, welche in einem statten Grün erstrahlen. Sie kommen an einem kleinen, wahrscheinlich jahrhunderte alten Schrein vorbei und Jiro ist verblüfft, dass es außerhalb der Stadt so schöne Orte gibt. Klammheimlich nimmt sie sich vor, zum Abschalten öfter in die Natur zu gehen. Oder Momo und die anderen Mal hierhin mitzunehmen.

«Man, hierfür bist du mir echt was schuldig.», seufzt Jiro gespielt theatralisch und lässt sich erschöpft auf einen Stein fallen. Er hat die perfekte Sitzgröße und es tut gut, ihren Füßen mal für einen Moment Ruhe zu gönnen.

Die kleine Gitarre lässt sie von ihren Schultern rutschen und lehnt sie direkt neben sich. Ihren Pulli hat sie sich schon längst übergestülpt, da die Temperaturen bereits um einpaar Grade gefallen sind. Es ist keine klirrende Kälte aber sie ist trotzdem froh, etwas Warmes zum anziehen dabei zu haben. Ihre Beine winkelt sie an, sodass sie im Schneidersitz die Aussicht genießen kann. Der Abendhimmel ist bereits etwas dunkler geworden und… wunderschön. Man mag es kaum glauben, wozu die Natur imstande ist. Es sieht aus wie ein Gemälde. Als wäre das Firmament von einem begabten Künstler in den schönsten Rot- und Lilatönen bemalt worden. Am fernen Horizont funkeln sogar schon die ersten Sterne und der Sichelmond präsentiert sich in all seiner Pracht. Es hat fast schon was magisches, wie nahe man sich dem riesigen Universum plötzlich fühlt.

Die Lichter der Metropole funkeln wie ein Schwarm Glühwürmchen. Das eindrucksvolle Gebäude der U.A. wirkt von hier oben so klein und Jiro kann sich nicht erinnern, es schon mal von solch einer Entfernung gesehen zu haben. Generell wirkt alles so weit weg. Demnach zu urteilen müssen sie eine ganze Weile gelaufen sein, jedoch hat es sich nicht mal ansatzweise so lang angefühlt. Ihr Hinweg bestand größtenteils aus viel Gelächter und dummen Witzen. Natürlich hat sich Kyoka die ein oder andere Stichelei nicht entgegen lassen und die entsetzten Verteidigungsversuche von Kaminari waren wie Musik in ihren Ohren.

Doch hin und wieder war auch ein ruhiges Gespräch dabei. Denki ist offensichtlich von ihrem musikalischen Talent fasziniert und hat viele Fragen gestellt. Unter anderem wann sie mit dem musizieren angefangen hat, was ihre Lieblingsbands sind und wie es sich angefühlt hat, auf dem Cultural Festival das erste Mal vor einem größeren Publikum zu singen. Im Gegenzug hat sie auch viel über ihn erfahren. Zum Beispiel das er auch schon eine Weile Gitarre spielt und dass sie sich sogar die ein oder andere Lieblingsband teilen. Das er es zwar cool findet, auf der Bühne zu stehen, sich aber trotzdem niemals trauen würde, alleine vor einem größeren Publikum aufzutreten. Umso mehr würde er sie für ihren Mut bewundern. Er hat auch gemeint, dass sie eigentlich viel bewundernswertes an sich hat. Kurz darauf haben beide beschlossen, dass das Gespräch in eine Richtung abdriftet, in die sie es nicht führen wollen. Sofort gingen die gegenseitigen Sticheleien von vorne los.

«Ganz schön mies drauf, dafür dass du die Aussicht so genießt.», antwortet er belustigt und lässt sich locker neben sie plumpsen, streckt die Beine von seinen Körper. Er hat Recht, es gefällt ihr hier. Sehr sogar. Trotzdem wird sie es ihm nicht so einfach machen.

«Wie findet man eigentlich so einen Ort, der so weit weg von der Stadt liegt?», fragt sie leicht verwundert.

Denki wendet sich ihr zu und blinzelt ihr erstmal tonlos entgegen. «Die Geschichte willst du wirklich wissen? Könnte etwas dauern, just saying. Also: es fing alles mit Flaschendrehen in Bakugous Zimmer an, einem Fakeprofil auf Tinder und Himmel, ich weiß bis heute nicht woher dieses Opossum plötzlich kam, na ja, jedenfalls - »

«Ach, weißt du was, lass stecken.»

«Um es kurz zu fassen: durch eine Verkettung von Umständen.», er lacht vergnügt, als er auch seine Beine hochzieht, um sich in den Schneidersitz zu setzen. Für die Dauer eines kleinen Moments lässt er die abendliche Stille auf sich wirken, ehe er mit seinen Fingern nach seiner Gitarre fischt. «Dann fangen wir mal mit dem an, weswegen wir überhaupt hergelatscht sind.»

Jiro beobachtet ihn und bei seinen Worten merkt sie, wie sich eine verräterische Hitze in ihren Wangen sammelt. Sie hofft, dass man dank den schummrigen Lichtverhältnissen diesen dezenten Rotschimmer nicht bemerkt.

«… heißt im Klartext: eine gemeinsame Jam Session. So als Konzertersatz.», er zwinkert ihr schelmisch grinsend entgegen.

«Wer bist du und was hast du mit dem echten Kaminari gemacht?», fragt sie sarkastisch und hofft, dass sie ihren wahren Gemütszustand damit gut genug verschleiern kann. Ihre Verlegenheit. Dieses Kribbeln im Bauch. Einfach alles.

Kaminari lacht nach diesem Kommentar erneut. Dieses verdammte  Lachen.

«Der liegt mit Diabetes im Krankenhaus, weil er sich diese zuckersüße, superkitschige  Geste ausgedacht hat.», entgegnet er und in seiner Stimme schwingt derselbe sarkastische Tonfall mit. Er bettet seine Gitarre auf seinen Schoß und stützt seinen Ellenbogen lässig auf ihren Rücken. Der Blondschopf bleckt seine Zähne zu einem herausfordernden Grinsen. «Warum? Angst? Vor tausenden Leuten kannst du singen aber ich mache dich nervös?»

Tz. Ihr Feuer ist durch diese freche Kampfansage definitiv entfacht. Ohne weitere umschweife greift sie nach ihrer kleinen Akustik Gitarre, legt sie auf den Schoß und positioniert ihre Finger.

«An was hast du gedacht?», fragt sie

«Ich habe Ewigkeiten gebraucht um deinen Lieblingssong von Deep Dope einzustudieren. So verschandele ich meine Songs zumindest nicht, haha!»

Diesen Kommentar hat er nur losgelassen, weil er seine wahren Absichten verschleiern will. Ganz sicher. Trotzdem entgeht ihr dieser kurzlebige, warme Ausdruck in seinen gelben Augen nicht.

«Kannst du überhaupt singen?», hakt Kyoka vorsichtshalber nach und ihre dunkelvioletten Augen weiten sich vor Unglaube.

«Nö. Aber passt schon. Meld dich einfach, wenn es unerträglich wird. Pika Pika ist das Safeword, okay?»

Die Luft vibriert hauchzart, als Denki an der ersten Saite zupft. Musik. Auf dieser Welt gibt es nichts, wofür ihre Leidenschaft mehr brennt. Sofort fängt ihr Herz an, im Takt mit den in der Nacht verhallenden Klängen zu schlagen. Ihr Lieblingslied kennt sie in und auswendig, unzählige Male hat sie es selbst schon auf der Gitarre spielt. Auch sie schlägt den ersten Akkord an und lauscht nebenbei der Melodie von Denki. Ihr geschultes Ohr hört einpaar Fehler raus aber es gelingt ihm, sie gut genug zu vertuschen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, ist es ihr auch egal, obwohl sie normalerweise sehr perfektionistisch ist. Es hat sie immer noch nicht erreicht, dass Denki versucht hat, ihr Lieblingslied auswendig zu lernen. All die Mühe, die dahinter stecken muss…

Als die ersten Worte seinen Mund verlassen, ist sie überrascht, wie einwandfrei er sie trifft. Wer hätte gedacht, dass diese Hohlbirne eine versteckte, musikalische Ader hat? Sie kann ihr eigenes Lachen kaum noch im Zaum halten, als er anfängt, absichtlich einpaar Töne zu verhauen. Tatsächlich schafft er es, sie soweit zu beeinflussen, dass sie ihrer Gitarre einige schiefe Klänge entlockt. Es fühlt sich so unbeschreiblich befreiend an, diesen Perfektionismus einfach mal beiseite zu werfen und den Moment zu genießen. Mit ein bisschen Überwindung wagt sie schließlich den für sie so schweren Schritt und singt ein wenig. Jiro weiß, dass sie singen kann. Immerhin übt sie schon eine Ewigkeit. Das ändert jedoch nichts daran, dass es ihr unangenehm ist, vor anderen zu singen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder mit den eigenen Talenten prahlen, das ist noch nie ihr Ding gewesen. Eine Eigenschaft, an der sie arbeiten muss, wenn sie von der großen Bühne träumt…

Es ist eine Seltenheit, dass sie vor anderen einfach das Singen anfängt. Doch jetzt, in diesem Moment fehlt jede Hemmschwelle. Sie fühlt sich frei.

Während ihre Stimme vom Wind in die Ferne getragen wird, schaut Denki sie einfach nur an. Keine dummen Kommentare. Keine schiefen Töne, die den Augenblick zerstören könnten. Einfach nur pure Faszination, bis auch der letzte Ton in der Nacht verklingt.

Sofort grinst ihm Jiro überheblich entgegen. «Gar nicht mal so schlecht. Vielleicht bin ich sogar etwas beeindruckt. Weißt du… auf diese Weise könntest du Mädels viel besser beeindrucken als mit deinem notgeilen Gehabe.»

«Ach, wirklich?», er schaut kurz in die Ferne, ehe er sich wieder an Kyoka wendet. «Dann sollte ich es vielleicht mal in Erwägung ziehen, mit jeder hierher zu kommen. Danke für den Tipp!»

«Idiot. Ach so, sag mal: was hast du da eigentlich bei der einen Stelle gemacht?»

«Hm?»

«Beim zweiten Akkord. Du hast da das Original etwas verändert aber es klang eigentlich ganz cool. Wie hast du das gemacht?»

Er scheint kurz zu grübeln und Jiro schwört, das sie die Zahnräder in seinem Schädel rattern hören kann. Dann weiten sich seine Augen, als ihm ein Licht aufzugehen scheint. «Ah! Das ist easy. Aber schwer mit Worten zu erklären. Darf ich?»

Kaminari deutet an, seinen Arm um sie zu legen zu wollen. Als Jiro daraufhin nur gleichgültig mit den Schultern zuckt, rückt er näher und führt ihn langsam um ihre Hüfte. Oh Gott!  Erst jetzt fällt ihr auf, was sie da eigentlich zugelassen hat! Plötzlich ist da diese Wärme. Diese unbeschreiblich wohltuende Wärme seines Körpers, während sie von der kalten Nachtluft umrauscht werden. Ihr Atem stockt. Der Rhythmus ihres Herzens verdoppelt sich abermals, als würde es Rekorde brechen wollen. Es schlägt so verräterisch laut. Denki müsste doch taub sein, wenn er es nicht hören würde? Sie erstarrt zu Eis, als sich Denkis Fingerkuppen behutsam auf ihre Handrücken legen. Ein regelrechter Stromstoß fährt durch ihren Körper, obwohl er nicht mal seinen Quirk aktiviert hat. Okay. Atmen. Atmen.  

«An der Stelle wird das g nur kurz angespielt. Der Trick ist es, die Note ein bisschen länger zu halten. Und du musst deine Finger auf dem Griffbrett umplatzieren. Genau hier.», mit aller Sanftheit führt er ihre Finger auf dem Griffbrett ein bisschen weiter nach unten. Sie wagt es sich, einen flüchtigen Blick zur Seite zu werfen. Das Dunkelviolett ihrer Augen ruht auf Denki. Während er erklärt, schweift sein Blick zwischen ihren Händen hin und her. Er sieht so unbeschwert aus. Sein Blick ist aufgeweckt und neugierig wie immer. Nur sie scheint zu bemerken, wie nah  sie sich wirklich sind. Sein Kinn ruht fast auf ihrer Schulter. Wenn sie ihren Kopf gänzlich in seine Richtung dreht, würde ihre Nasenspitze an seine Wange stupsen. «… und das ist eigentlich die ganze Magie.», er lacht kurz. «Lustig, wenn man bedenkt, dass es eigentlich nur wegen einem zufälligen Fehler – »

Unbekümmert dreht er seinen Kopf zur Seite. Verstummt augenblicklich, als seine Augen auf ihre treffen. Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie ihm ihr Gesicht mehr zugewandet hat, als sie es ursprünglich beabsichtigte. Mehr, als sie sollte.  Und plötzlich scheint die Zeit stillzustehen.

Kaminaris Lippen sind einen kleinen Spalt geöffnet, als hätte er etwas sagen wollen. Jedoch schließen sie sich wieder, bevor es auch nur ein Wort zutage schafft. Es gelingt ihr einfach nicht, ihren Blick von seinen Augen abzuwenden. Von diesem einzigartigen Gelb, welches sie immer an Sterne erinnert und  plötzlich so viel anders aussieht als jemals zuvor. Jegliche Sorglosigkeit, jeglicher Witz hat sich in Luft aufgelöst. Als hätte man es durch diese sanfte Ernsthaftigkeit einfach ausgetauscht. Was soll sie tun? Sich wegdrehen? Es zulassen? Pika Pika rufen?

Auf einmal spürt sie, wie sein flacher Atem über ihre blassen Wangen geistert. Ist er ihr die ganze Zeit schon so nah gewesen? Oder ist er ihr erst so nah gekommen? Wenn sich der Rhythmus ihres Herzschlags eben schon verdoppelt hat, müsste er sich jetzt mindestens verhundertfacht haben. Jeder einzelne Schlag ist intensiver als jeden Bass, den sie je gehört hat. In ihr entflammt eine Sehnsucht, die sie leugnen möchte. Jedoch ist es so einnehmend, dass sie es nicht ignorieren kann. Es ist dieser unausgesprochene Wunsch nach mehr als einpaar flüchtigen Blicken. Mehr als dummen Witzen. Mehr als Freundschaft. Nach genau dem hier.

Kaminaris Fingerkuppen sind immer noch auf ihren Handrücken gebettet. Kyoka spürt, wie er leicht zittert, als er sich vorsichtig entgegenbeugt. Er wirkt sehr angespa –

Zzzt!

Waswaswaswas?!  Der kleine Stromschlag zwischen ihnen kommt so überraschend und unerwartet, dass es sie problemlos aus ihrer Trance reißt. Wie ein Auto, das einen mit Vollgas überrollt. Ihre Augen reißen auf und der plötzliche Schreck trifft sie mit voller Wucht. Ein kurzes Wah!  rutscht ihr über die Lippen, als sie vollkommen in Panik verfällt und orientierungslos zurückweicht. Denki erschreckt sich ebenfalls. Weniger vor dem kleinen Stromschlag, sondern mehr vor ihrer Reaktion. Beide unterschätzen den Abstand und fallen synchron vom Stein.

«Ky- Jiro?!», Kaminari springt nach seiner Bruchlandung sofort wieder auf, um zu sehen, ob sie sich verletzt hat. Er flitzt um den Stein. «Whoa, bist du okay?!»

«Nein, ich habe mir alles gebrochen – natürlich bin ich okay.», gibt sie zurück und hat sich selbst wieder aufgerappelt, bevor Denki sie erreicht. Schnell klopft sie sich ihre Klamotten sauber. «Was ist mit di- »

«Man, ich meine… wow, haha!», Denki beugt sich ihr wieder entgegen. Tut so, als würde er in ihrem Gesicht nach etwas suchen. «Ich könnte schwören, dass du da gerade etwas hattest. Scheint aber weg zu sein. Man, ich hab zuerst gedacht, es wäre voll der fette Käfer oder so!», er lacht nervös. Sie kann Versuche seinerseits erkennen, es zu verbergen. Allerdings will ihm das nicht ganz gelingen.

Sie beschließt, ihn nicht so einfach davonkommen zu lassen. Mit gehobener Braue und einem schiefen Grinsen schaut sie ihn an, verschränkt die Arme zu einer festen Einheit. «Das ist die älteste Ausrede der Welt.»

Mit der Frage wirft sie ihm schonungslos aus dem Konzept. Man sieht es ihm voll uns ganz an. «W… wie meinen?»

«Dafür, dass man über dich sagt, dass du deine Jungfräulichkeit schon verloren hast, macht dich Nähe aber verdächtig nervös.»

Seine Augen weiten sich. Ob es vor Entsetzten oder Beigeisterung ist, kann sie in dem Moment noch nicht genau deuten. «Echt, sowas sagt man über mich?» Jetzt liegt es an ihm, seine Arme zu verschränken und sein Kinn etwas anzuheben. Ein breites, selbstgefälliges Grinsen thront auf seinem Gesicht. «Und? Hast du es geglaubt?»

«Hm, lass mich kurz überlegen.», Jiro hat ihre Hände den großen Taschen ihres Pullovers versenkt. Mustert ihn kurz mit einer gleichgültigen Geringschätzigkeit. «Nö.»

«Hey…!»

Es braucht eine Weile, bis Kaminaris Gezeter verebbt ist. Jiro lässt es gerne über sich ergeht. Das war es ihr wert. Auch er hat sich bereits seine Jacke übergezogen, da mit der Nacht auch die Kälte kam. Sie gehen noch nicht sofort, sondern beobachten noch für eine Weile dem unendlichen Tanz der Sterne und den flackernden Lichtern der Metropole. Fernab von der Stadt sieht man so viel mehr vom nächtlichen Himmel, da hier die Lichtverschmutzung nicht so intensiv ist. Kurz vor Mitternacht treten die beiden den Rückweg an. Kaminari versucht derweil die ganze Zeit, sie zu erschrecken, womit er jedoch auf Granit beißt – stattdessen nimmt es eine Hundertachtziggradwendung und Kyoka ist diejenige, die ihn die ganze Zeit erschreckt.

Von ihrem Beinahe-Kuss ist gar nichts mehr zu spüren. Als hätte all das nie stattgefunden.

Trotzdem ist Jiro insgeheim davon überzeugt, dass sie sich keinen schöneren Abend hätte wünschen können.



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Ich trage diese Idee schon seit über einem Jahr mir rum. Was bin ich froh, dass sie endlich raus ist!

Eigentlich hätte mein diesjähriger Valentinstags OS was zu Mitsuri/Obanai aus Demon Slayer werden sollen, doch da hat die Idee nicht wirklich gezündet. Darum leiste ich jetzt meinen Beitrag zu diesem (leider) sehr unterbewerteten Pair. Es ist nicht zu 100% „Valentinsday  Themed“ aber trotzdem fluffig genug, um es heute hochzuladen. :P Funfact: das alles hier basiert vielleicht zu einem drittel auf einer Reallife Erfahrung. Ein Kumpel und ich haben uns eines Abends auch einfach mal unsere Gitarren gegriffen, uns einen schönen Platz in der Natur gesucht und eine spontane Jam Session gestartet. Ich liebe die Erinnerung und finde, dass es in romantisierter Form sehr gut zu den beiden passt.

An der Stelle auch nochmal ein Danke an Electra Heart, die mit mir so lange assoziiert hat, bis ich den passenden Titel hierfür gefunden habe. Ihr glaubt ja gar nicht, wie schwer es ist, einen musikbezogenen Titel zu finden, der auch noch gut klingt. Von „Synchronized“ bis zu „Die Symphonie unserer Herzen“ war bei unseren Ideen wirklich alles dabei. :D

Vielen Dank fürs lesen!

Eure Viria. ♡

P.S: hier geht es zum meinem letzten Valentins-OS (TodoDeku): Aftertouch

P.S.S: mit mehr KamiJiro, ShinKami und MomoJiro kann hier zukünftig gerechnet werden.