Valentinsvergesslichkeit

von xAnn
GeschichteRomanze / P12 Slash
14.02.2020
16.02.2020
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[Lennis, im Café:]

„Die anerkannte wissenschaftliche Studie eines Kerls mit unaussprechbarem Namen beweist, dass gewisse Körperfunktionen unter Einfluss von außen unter Vorbehalt der Tatsache, dass … warte, was?“
Stirnrunzelnd schob ich mir die Brille zurecht, auch wenn ich genau wusste, dass ich diesen Schachtelsatz dann auch nicht besser gliedern konnte. Was interessierte mich auch diese anerkannte wissenschaftliche Studie eines … den Namen konnte ich immer noch nicht aussprechen. Hatten meine Professoren den in einer Vorlesung mal erwähnt? Ich konnte mich nicht erinnern. Was ich allerdings sicher wusste, war, dass ich das Ergebnis seiner Studie besser sehr bald in den Kopf bekam, wenn ich nicht versagen wollte.

Nur kurz hob ich den Blick von dem dicken Wälzer vor mir und seufzte tief auf bei dem Anblick, der sich mir bot: Der Bücherstapel auf dem Tisch war in den letzten paar Stunden gefühlt nur noch höher anstatt niedriger geworden, dabei hatte ich gerade erst eines beendet. Das lag jetzt neben dem Stapel und schien mich zu verspotten, zusammen mit den handschriftlichen Notizen, die ich darauf abgelegt hatte. Ich konnte nicht sagen, wie lange es her war, dass ich die verfasst hatte; die herzförmige Uhr an der Wand gegenüber zeigte halb zwei nachmittags, aber ich hatte zugegebenermaßen vergessen, wann ich hierhergekommen war.

Das Café an der Ecke war klein und gemütlich und wenn ich nicht dringend Strom brauchte und somit zu Starbucks ging, um mir meinen Kaffee zu holen, kam ich gerne hierher. Es war ruhig, der Kaffee schmeckte gut und war nicht überteuert und, das wichtigste, ich hatte meine Ruhe, Ruhe, die ich zu Hause oftmals suchen musste und letztendlich doch nicht fand.
Als ich nach der Kaffeetasse griff, musste ich feststellen, dass sie schon wieder leer war – die wievielte war das jetzt? Die zweite erst? Es konnte aber auch genauso gut bereits die fünfte oder gar achte sein … vielleicht sollte ich mir mal angewöhnen, mitzuzählen.
„Brauchst du wieder mal Nachschub, Herzchen?“

Erleichtert, weil ich jetzt nicht aufzustehen brauchte, um mir neuen zu holen, schaute ich auf und lächelte die in die Jahre gekommene Frau vor mir an. „Sie kommen genau richtig, Hilda, wenn es Ihnen nichts ausmacht …“
„Ach.“ Hilda winkte ab und erwiderte mein Lächeln freudig. „Mir nicht, aber lass das bloß nicht deinen Freund sehen … sonst will der dich wieder auf Entzug schicken, hm? Wo ist er denn heute?“ Wo sie recht hatte, hatte sie recht – Nick, seit ein paar Jahren mein fester Freund, versuchte immer wieder, meinen täglichen Kaffeeverbrauch zu reduzieren und hatte mich auch schon mal auf kalten Entzug gestellt, indem er die Kaffeemaschine versteckt hatte, als ich gerade am Lernen gewesen war. Das hatte er allerdings wegen diverser Entzugserscheinungen schnell wieder aufgegeben und ließ mir seitdem zumindest die Maschine, auch wenn er bei jeder neuen Tasse, die ich mir daraus herausließ, skeptisch eine Augenbraue hob und mir diesen ganz bestimmten Blick zuwarf.

„Ich schätze, zu Hause“, antwortete ich etwas verspätet auf Hildas Frage, „wie immer eben. Wenn ich lerne, kommt er doch nie mit her.“
„Ja, schon, aber …“ Hilda musterte mich mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen, bevor sie mit den Schultern zuckte und sich ein Schmunzeln verkneifen musste; was hatte sie denn? „Ich bringe dir gleich neuen. Aber sag nicht, du musst heute noch all diese Bücher lesen?!“
Ich winkte ab und rieb mir leicht die Schläfen. „Müssen ist relativ … ich habe sie einfach immer dabei, falls ein Wunder geschieht und der Tag mehr als 24 Stunden bekommt. Aber ne, müssen tu ich's nicht.“

Erleichtert tätschelte sie mir kurz die Hand, bevor sie zurück hinter die Theke dackelte, wobei ihre kurzen blonden Locken auf und ab hüpften. Als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, war ich etwas skeptisch gewesen. Mit ihren bunt bedruckten Schürzen (heute rote Herzchen auf weißem Grund, noch kitschiger als sonst), der Frisur und den immerroten Wangen, die mich an meine Schwester Mila erinnerten, sah sie aus, als gehöre sie etwa achtzig Jahre in die Vergangenheit. Allerdings hatten wir uns schnell miteinander angefreundet und anscheinend gefiel es ihr, mich zu verhätscheln, jedenfalls zwängte sie mir immer eine kostenlose 'Kostprobe' ihrer Küchlein auf, wenn ich wieder mal zu den gewohnten Essenszeiten hier hockte und lernte oder las.

Während Hilda neuen Kaffee machte, beugte ich mich wieder über das Buch, dessen Inhalt mir immer noch nicht verständlicher geworden war. Es war wirklich zum Haareraufen … manchmal zweifelte ich meine Entscheidung, Medizin zu studieren, doch an.

Schon als kleiner Junge hatte ich Arzt werden wollen; immerhin war meine Mam auch einer und sie freute sich auch, dass ich in ihre Fußstapfen treten wollte. 'Wenigstens eines meiner Kinder', sagte sie immer, denn keine meiner drei kleinen Schwestern hatte vor, es mir gleichzutun. Mila wollte vielleicht Lehrerin oder Erzieherin wie Nick werden, irgendetwas mit Menschen, die allerdings nicht krank waren, und Marlies und Lucia waren noch zu jung, um sich darüber Gedanken zu machen, während Mila mittlerweile kurz vor ihrem Abi stand.

Ein wenig seltsam war es schon, zu sehen, wie meine kleine Schwester erwachsen wurde. Für mich würde sie wohl immer das zerzauste kleine Mädchen bleiben, auch wenn ich mir wirklich Mühe gab, dieses Bild loszuwerden. Immerhin war sie bald achtzehn und hatte auch einen Freund, mit dem es wohl wirklich ernst war, denn trotz der Tatsache, dass sie noch zur Schule ging und er studierte, weshalb sie sich nur selten sahen, waren sie glücklich zusammen.
Da hatten mein Freund Nick und ich noch mehr Glück – wir beide studierten in München und teilten uns sogar eine Wohnung, zusammen mit zwei anderen, die auch der Grund waren, aus dem ich die Ruhe zu Hause meistens suchen musste und letzten Endes nicht fand.

Ein wenig sehnsüchtig holte ich mein Handy aus der Hosentasche und entsperrte es, in der Hoffnung, eine lustige Nachricht von Nick zu sehen, die mich kurzzeitig ablenken würde, aber da war nichts. Nur die aktuelle Uhrzeit, 13:34, und das Datum, Freitag, 14. Februar, auf dem Hintergrund von Nick und mir, wie wir uns beinahe küssten.

Anfangs war ich vorsichtig mit solchen Bildern gewesen, es gab einfach immer noch viel zu viele homophobe Menschen, aber dann hatte ich mir gedacht 'ach, egal, ist immerhin mein Freund, das kann ich auch zeigen'. Mit den Jahren war ich sowieso immer offener geworden und zeigte Nick meine Zuneigung mittlerweile auch auf offener Straße.

Seufzend steckte ich das Handy zurück, nahm dankend den Kaffee von Hilda entgegen, und machte mich wieder daran, die Fakten in meinen Kopf zu prügeln, bis ich mir eine Weile später mit einem Gähnen die Brille von der Nase nahm, um mir den leicht schmerzenden Nasenrücken zu reiben. Vielleicht würde mir eine kurze Pause ganz guttun.
Als ich aufschaute, stellte ich überrascht fest, dass ich nicht mehr so gut wie alleine war: Das Café hatte sich ziemlich gefüllt, viele Tischen waren jetzt von Pärchen besetzt, die einander verliebt über den Tisch hinweg ansahen und Händchen hielten. Nicht, dass ich Hilda den Ansturm nicht gönnte, aber trotzdem wunderte es mich schon, dass da so viele Leute waren, vor allem so viele Pärchen; sonst war das ja auch nicht der Fall. Beim Anblick der vielen Verliebten vermisste ich meine bessere Hälfte auch ziemlich.

Überhaupt, fiel mir gerade auf, war das Café ungewohnt kitschig. Da war einerseits Hildas Herzchenschürze, dann die herzförmige Uhr, die mir noch nie aufgefallen war, auf den Tischen standen Kerzen in Herzform und war da da wirklich eine Herzchengirlande vor dem Fenster?
Leicht verwirrt schüttelte ich den Kopf, doch bevor ich darüber nachdenken konnte, was denn heute los war, fiel mein Blick auf den Stapel vor mir und seufzend musste ich Prioritäten setzen, die eindeutig das Lernen und nicht die vielen sinnlosen Herzen betrafen.

Davor setzte ich mir die Brille, die ich glücklicherweise meistens nur zum Lesen benötigte, wieder auf und holte nochmal mein Handy hervor. Vielleicht hatte Nick mir ja jetzt geschrieben … nein, Flaute. Sollte ich ihm schreiben? Aber normalerweise war er immer derjenige, der mir schrieb. Überhaupt, was sollte ich ihm denn schreiben? Gut, ein vermisse dich ging immer, aber da konnte ich die Zeit, die ich mit Tippen verbrachte, auch dem Lernen widmen. Also steckte ich das Handy wieder zurück und widmete mich wieder dem Buch vor mir, dessen Seitenanzahl sich anscheinend in den letzten paar Minuten verdoppelt hatte. Die anerkannte wissenschaftliche Studie


~



[derweil in der Wohnung der beiden; Nick:]

„Hey, Nicky, wo ist denn dein Loverboy wieder hin?“ Breit grinsend kam Lisa aus der Küche zu mir in den Wohnbereich und warf sich neben mich auf die durchgesessene Couch. Leicht genervt unterbrach ich meinen weitaus interessanteren Gedankengang und hob möglichst unbeteiligt die Schultern. „Keine Ahnung, wir sitzen auch nicht 24/7 aufeinander.“
„Ooooh, auch nicht heute?“ Das Grinsen wurde nur noch breiter, während sie nach der Zeitschrift auf dem Kästchen vor uns griff und anscheinend darin blätterte.

Zugegeben, damit hatte sie einen Punkt. Schließlich war heute Valentinstag, und die meisten Verliebten verbrachten den von Anfang an zusammen und unternahmen was Romantisches, während Lennis und ich hingegen nichtmal zusammen aufgestanden waren: Als ich aufgewacht war, was zugegeben erst ziemlich spät gewesen war, weil ich heute keine Unikurse hatte, war er schon weggewesen. Nur eine kleine Nachricht hatte er mir hinterlassen: Hab Kurse bis um elf, bin danach lernen, liebe dich. Das klang nicht danach, dass er wusste, was heute für ein Tag war, was mich jedoch ziemlich wunderte – Lennis war von uns beiden der mit dem guten Gedächtnis.

„Anders als du und ich hatte er heute Uni“, erklärte ich Lisa augenrollend, denn sie wusste das ganz genau, „was aber nicht heißt, dass wir uns heute gar nicht sehen. Wenn du's genau wissen willst, war ich gerade am Planen, bis du mich unterbrochen hast.“
„Ooooh.“ Sie zog eine gespielt bedauernde Schnute, bevor sie in Gekicher ausbrach. Manchmal fragte ich mich echt, warum ich mit ihr zusammenwohnte. Wie ich studierte sie Pädagogik, dadurch hatten wir einander erst kennengelernt, und normalerweise war sie echt cool drauf, aber manchmal konnte sie einem auch echt auf den Sack gehen. „Dann hoffe ich mal für dich, dass du weißt, wo er sich diesmal wieder rumtreibt … wäre ja zu schade, wenn ihr euch nicht findet.“

Und damit hatte sie schon wieder einen Punkt. Lennis hatte zwar mehrere Stammplätze zum Lernen, einerseits die Unibibliothek, dann Starbucks, wenn er Strom brauchte, bei gutem Wetter einen Park, oftmals auch ein Café an der Ecke. Doch ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo er im Moment war, und wenn er den Tag wirklich vergessen hatte, sollte ich mich vielleicht mal auf die Suche nach ihm machen.
Allerdings hatte ich so wenigstens genug Zeit, alles vorzubereiten. Seit mehreren Wochen überlegte ich, wie ich den Tag für uns beide so schön wie möglich gestalten konnte, weil wir beide unterschiedliche Vorlieben hatten und keiner von uns einstecken müssen sollte.

„Hast du dich eigentlich deshalb so schick gemacht?“, unterbrach Lisa mich schon wieder beim Denken. Instinktiv ließ ich kurz einen meiner Hosenträger schnallen, die ich tatsächlich extra für Lennis angezogen hatte, da ich wusste, wie gerne er die an mir sah. Und ich selbst mochte sie im Übrigen auch echt gerne. Dazu ein legeres dunkelgrünes Hemd und meine üblichen bunten Socken, ich sah gar nichtmal so sehr anders aus als sonst, abgesehen davon, dass ich meine Haare ausnahmsweise mal nicht aufwendig gestylt hatte, sondern nur kurz mit den Fingern dadurch gefahren war. Lennis hatte es viel lieber, wenn sie mir etwas wirr in die Stirn fielen und eher natürlich waren, als wenn ich Gel hineinpackte und sie stylte. Leider gefiel mir nur letzteres besser, und bei meinen Haaren kannte ich meistens keine Gnade.

„Lässt du mich jetzt endlich fertig denken, Lisa?“, brummte ich betont genervt und trommelte auf dem kleinen Notizblock in meinem Schoß herum, um ihr zu zeigen, dass ich wirklich beschäftigt war.
„Jaja, mach du nur.“ Achselzuckend griff sie sich die Zeitschrift und verschwand endlich zurück in ihr Zimmer, so dass ich mich wieder der Planung widmen sollte. Vielleicht sollte ich dafür zuerst meinen Freund ausfindig machen, andererseits brachte mir mein Freund ohne Planung nichts. Planung ohne Freund allerdings auch nichts.

Ich seufzte einmal auf und kritzelte ein wenig mit dem angebissenen Kuli auf dem Block herum. Die Einkaufsliste darauf konnte ich eigentlich schon wieder durchstreichen, schließlich hatte ich die gestern schon abgeklappert und erledigt. Zufrieden zog ich einen schnellen Strich darüber und widmete mich dem nächsten Punkt: Korb packen. Es war zwar klischeehaft, aber ich hatte ein entspanntes Picknick in einem etwas außerhalb liegenden Park geplant. Dort gab es eine Trauerweide, unter deren tiefhängenden Ästen man seine perfekte Ruhe hatte und weil der Park etwas abgeschieden lag – natürlich trotzdem noch öffentlich, Lennis zuliebe würde ich heute keine Regeln brechen –, hoffte ich, dass uns den Platz keiner wegnahm. Somit machte ich das klischeehafte Picknick ein wenig romantischer und ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass es Lennis gefallen würde. Mein Freund war mehr der gemütliche Typ, der bei romantisch-klischeehaften Sachen immer freudig rote Wangen bekam, die ich an ihm so liebte, weil er damit gleich um einiges weniger gestresst und allgemein jünger aussah.

Ich steckte mir den Notizblock in die Hosentasche, erhob mich vom durchgesessenen Sofa, das dabei leicht nachgab und quietschte, und ging in die kleine Küche, in der ich die Sachen im obersten Schrank verstaut hatte, weil Lennis den so gut wie nie öffnete. Einen Korb hatte ich heute Morgen auch schon bereitgestellt, zusammen mit einer Picknickdecke, die – Achtung, jetzt kommt's – Herzchen als Aufdruck hatte. Übertrieben? Ja. Lustig? Auf jeden Fall, zumindest für mich und ich sollte mich heute ja auch amüsieren können. Jetzt streckte ich mich und räumte die Sachen in den Korb, ehe ich den ordentlich mit der Decke zudeckte und den Notizblock wieder hervorholte, um diesen Punkt abzuhaken und den nächsten zu checken: Korb hinbringen.

Ah, ja, genau. Ich hatte vor, den Korb bereits unter der Trauerweide zu verstecken und alles vorzubereiten. Ein bisschen riskant war das schon, immerhin konnte man nie wissen, wer vielleicht vorbeikam und sich einen Spaß erlaubte, aber heute hatte ich vor, es zu riskieren – notfalls konnte ich es auch ohne Picknick romantisch gestalten, ich hatte da so meine Tricks auf Lager. Also schlüpfte ich in meine Winterschuhe, warf mir meinen Parka über, in dessen Tasche auch meine Tickets für die verschiedenen öffentlichen Verkehrsmittel steckten, und nachdem ich den Korb in die Hand genommen hatte, verließ ich das Haus. So weit, so gut.



~


[Lennis; immer noch unwissend und im Café:]

Mit einem tiefen Seufzer lehnte ich mich zurück und gönnte mir wenigstens zwei Minuten Pause. Mein Kopf schien förmlich zu rauchen, wenn Nick jetzt hier wäre, würde er mir wohl anbieten, mir einen Eimer Wasser über den Kopf zu kippen – was ich immer ablehnte. Stattdessen empfing ich meistens einen liebevollen Kuss, bevor ich mich wieder den Büchern widmete.

Jetzt allerdings gab es keinen Nick, sondern nur verliebt dreinschauende Pärchen, die mich immer noch verwirrten und mich meinen eigenen Partner umso mehr vermissen ließen. Wieder einmal konnte ich es kaum erwarten, endlich fertig studiert zu haben und irgendwann mal richtiger Arzt zu sein. Dann war es zwar immer noch manchmal stressig wegen Bereitschaft und so – einmal hatte meine Mutter an Silvester Bereitschaft gehabt und hatte kurz vor Mitternacht dringend aus dem Haus gemusst, so dass meine Schwester Mila und ich alleine mit unserem Vater ins neue Jahr gestartet waren – aber sicherlich – hoffentlich – nichts im Vergleich zum Studium.

Wieder nahm ich meine Brille ab, rieb mir den Nasenrücken und putzte einen kleinen Fleck am linken Glas weg, bevor ich sie mir wieder aufsetzte und einmal laut gähnte. Zu schade, dass Kaffee schon längst nicht mehr die anfängliche Wirkung auf mich hatte. Vielleicht hatte Nick mit seinem Entzug oder wenigstens der Konsumverminderung recht, aber der Weg dorthin war einfach zu weit und ich zu faul und süchtig.

„Du hast doch bestimmt Hunger, Herzchen.“ Hilda war wieder angedackelt gekommen, in der Hand einen Teller mit einem wirklich lecker aussehenden Muffin, der mithilfe von Lebensmittelfarbe rosa war und eine weißes Häubchen garniert mit rosa Herzchen trug. Leicht verwirrt bei diesem Anblick lächelte ich sie dankbar an. „Hilda, Sie sind die beste … wie viel?“

„Na na na“, machte sie mit erhobenem Zeigefinger und stellte den Teller an eine freie Stelle auf dem Tisch, die nicht von Büchern und Notizen bedeckt war. „Das ist eine Kostprobe, Lennis, du musst mir doch sagen, wie es schmeckt, bevor ich es den anderen servieren kann.“ Mit einem Blick über die anderen Tische fiel mir auf, dass sie es sehr wohl bereits serviert hatte, aber ich hielt den Mund. Vielleicht konnte ich ihr ja etwas mehr Trinkgeld aufzwängen. Auf ihre abwartende Miene hin biss ich einmal davon ab und riss überrascht die Augen auf. „Mmm, leckaa!“, sagte ich mit vollem Mund und hielt mir schnell eine Hand davor.

Hilda lächelte mich zufrieden an und ging schon wieder weg, da wollte ich sie zurückrufen, um endlich wegen der ganzen Herzchen zu fragen, aber als ich den Bissen runtergeschluckt und den Mund wieder leer hatte, war sie schon außer Hörweite und durch das ganze Café rufen wollte ich jetzt auch nicht (Nick hätte es sicher gemacht). Also widmete ich mich wieder den Büchern. Die These des unaussprechlichen Wissenschaftlers hatte ich endlich durchgekaut, allerdings war das Buch damit noch nicht zu Ende und ich hatte noch einen ganzen Stapel vor mir.

Ich schaffte es, mich durch etwa 50 Seiten zu arbeiten, nebenbei Notizen zu machen und den Muffin zu essen, ohne die Bücher und Zettel vollzukleckern, bis mein Handy vibrierte und ich erfreut einen Blick darauf war, in der Hoffnung, eine Nachricht von Nick zu sehen. Ein wenig enttäuscht las ich Milas Namen, trotzdem entsperrte ich das Handy, um sie zu lesen.
Hey, ich hab dir ewig nicht mehr geschrieben und ich dachte, das mach ich heute mal schnell. Eigentlich hab ich grad keine Zeit, Chris und ich sind bowlen, aber er holt grad was zu trinken und dann kann ich. Heute ist ja ein Tag der Liebe, und Geschwisterliebe ist immerhin auch eine Art der Liebe, von daher wollte ich dir nur sagen …

Verwirrt hielt ich inne. 'Tag der Liebe'? Welches Buch hatte meine Schwester denn jetzt schon wieder verschluckt? Und warum waren sie und Chris bowlen, soweit ich wusste, hatten sie das für den Valentinstag geplant. Daher schrieb ich zurück: Tag der Liebe? Was ist denn mit dir los, Schwesterchen?
Die Antwort kam sofort. Äh, Lennis? Was für einen Tag haben wir?
Den 14. Februar, tippte ich stirnrunzelnd.
Valentinstag!!!!!, schrieb sie zurück und ich konnte ihre Empörung beinahe durch diese Nachricht spüren.

Ich brauchte einen Moment, um diese Information zu realisieren, bis es mir wie rosa Schuppen vor die Augen fiel. Oh. Mein Gott. Wie bescheuert war ich eigentlich? All diese Herzchen und das Rosa und die Liebe und … ich schlug mir mit der flachen Hand vor die Stirn und fuhr mir leicht verzweifelt durch die Haare – wie hatte ich den verdammten Valentinstag vergessen können? Mein Handy klingelte, nachdem ich mit leicht zittrigen Fingern angenommen hatte, rief meine Schwester: „Lennis Rieke, sag mir nicht, dass du den Valentinstag vergessen hast und irgendwo am Lernen bist, statt bei Nick zu sein!“ Meine Schwester war normalerweise ein sehr ausgeglichener und stiller Mensch, umso schlechter wurde mein Gewissen bei ihren ungläubigen Worten.

„Okay“, sagte ich, tief durchatmend, „wenn du nicht willst, dass ich das sage, dann tue ich es nicht.“ Nebenbei winkte ich Hilda zu zum Zeichen, dass ich sofort zahlen wollte. Nicht nur wollte, musste! Himmel, Nick würde durchdrehen!
„Lennis! Um Himmels Willen, wie verpeilt kann man denn sein?“ Im Hintergrund hörte ich leise die Stimme von Chris, Milas Freund. Anscheinend fragte er, was denn los sei, jedenfalls hörte ich Mila sagen: „Mein lieber Bruder hat vergessen, was für einen Tag wir heute haben.“ Chris lachte auf, ich versuchte, mich zu verteidigen: „Ich war im Stress und …“ Allerdings verstummte ich schnell wieder, ich wusste sehr genau, dass das keine gute Ausrede war. Stress hatte ich schließlich immer, und Weihnachten, Nicks Geburtstag und unseren Jahrestag hatte ich auch nicht vergessen. Nur heute … es war zum Haareraufen.

Hilda kam und fragte: „Zahlen?“
„Ja … Hilda, warum haben Sie mir nicht gesagt, dass heute Valentinstag ist?“, fragte ich, immer noch am Telefon. „Es ist also dein Ernst“, sagte Mila. „Du bist im Café.“ Sie klang genauso ungläubig wie ich war. „Ja, Schwesterchen, und ja, ich gehe jetzt zu Nick. Tschüs, hab dich lieb, viel Spaß euch noch!“ Leicht hektisch legte ich auf und kramte etwas Geld für Hilda heraus. Zu viel für meine Kaffees, aber immerhin hatte ich den Muffin bekommen und ich hatte jetzt wahrlich keine Zeit, um auf Hilda zu warten, die immer sehr, sehr langsam beim Wechselgeldrausgeben war. Eilig griff ich meine Bücher, stopfte ein paar von ihnen in meinen Rucksack, den ich mir achtlos über eine Schulter warf, die restlichen presste ich an meine Brust, dann rannte ich nach draußen aus dem Café. Vielleicht war es noch nicht zu spät … aber Moment. Ich hielt kurz inne und holte tief Luft. Wo war Nick überhaupt?



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einige von euch kennen Lennis und Nick bereits aus meiner Adventskalendergeschichte, aber wie ihr gerade festgestellt haben solltet, braucht man hierfür keinerlei Vorwissen :) es handelt sich um eine kurze Valentinstagsgeschichte, die ich auf drei Kapitel geteilt habe, ein Three-Shot also im Endeffekt … spielt alles am selben Tag und vermutlich werde ich die anderen beiden Kapitel dann morgen und übermorgen hochladen, von daher hoffe ich, wir lesen uns wieder :)
Einen schönen Valentinstag euch, egal, ob glücklich vergeben und ob ihr ihn feiert oder ob er euch vollkommen schnuppe ist ;D
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