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Even for me life had its gleams of sunshine

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Anne Shirley/Blythe Diana Barry Gilbert Blythe
14.02.2020
07.09.2020
3
4.592
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25.02.2020 1.387
 
Anne hievte den Eimer Wasser auf den Küchentisch. „Butterscotch ist so gewachsen!“ sagte sie träumerisch. Sofort drängte Marilla sie forsch vom Tisch weg, und nahm hastig den Eimer wieder herunter. „Stell den schmutzigen Eimer doch nicht auf den Küchentisch,“ blaffte sie. Doch Anne hörte sie kaum. „Sie sieht schon gar nicht mehr aus wie ein richtiges Fohlen.“ Marilla schüttelte ob ihrer Unaufmerksamkeit nur den Kopf und hastete dann zur überkochenden Suppe zurück, um eilig den Schaum vom Gebräu zu pusten. „Geh und deck den Tisch, Anne. Zum Plaudern haben wir nachher genug Zeit.“ In Gedanken noch immer bei dem Fohlen, schwebte Anne in die gute Stube, wo sie geistesabwesend das Besteck aus den Schubladen holte. Sie war das erste Mal wieder auf Green Gables, seit sie nach Charlotte-Town gegangen war und obwohl sie hier so lange gelebt hatte und jede Ecke des Hauses kannte, schien ihr Zuhause sie nun mit einer völlig fremden Schönheit zu empfangen. Es war auch ihr Zuhause gewesen, als sie wirklich hier gewohnt hatte – doch aus der Fremde hierher zu kommen, hatte etwas aufregend Heimeliges. In den letzten Wochen hatte sich ihr Herz bei dem Gedanken an Matthew und Marilla, das Haus, die Felder und die Tiere stets ebenso schmerzhaft zusammengezogen, wie wenn sie an Gilbert und sein aufregendes Leben in Toronto gedacht hatte.
Zur Feier ihres Besuchs hatte Marilla Bash, Delphine, Mrs. Lacroix und Maries ältesten Sohn eingeladen. In seinem letzten Brief hatte außerdem Gilbert geschrieben, dass auch er versuchen wollte, zu kommen. Jedoch hatte er deutlich gemacht, dass sie sich nicht zu große Hoffnungen machen sollte, da das Medizinstudium ihn ziemlich auf Trab hielt. Doch wie sollte man sich keine großen Hoffnungen machen? Ihr Herz fühlte sich an, als hätte man es aufgeblasen. Die Nervosität trieb ihr immer und immer wieder ein Zittern durch den ganzen Körper. Sie hatte ihr schönstes Kleid angezogen. Das, das Marilla ihr für festliche Anlässe in Charlotte-Town genäht hatte. Sie war bei Diana gewesen, die ihr das dünne, rote Haar zu einem schönen Zopf geflochten hatte. Ja, Anne hatte sich sogar in das grauenhaft unbequeme Korsett gezwängt. Sie wollte schön sein, wenn Gilbert kam. So schön es eben ging, mit diesen roten Haaren und dem blassen, sommersprossigen Gesicht. „Anne, steh da nicht, mit dem Besteck in der Hand und dem Kopf in den Wolken.“ Marillas Stimme klang hart, doch als Anne zerstreut den Blick auf sie richtete, spielte ein Lächeln um die schmalen Lippen ihrer Adoptivmutter. „Es tut mir Leid, Marilla!“ sagte Anne aufrichtig und hastete zum Tisch, um das Besteck auf die Plätze zu verteilen. Als sie auch die Teller auf dem schlichten Holztisch verteilt hatte, betrachtete sie das Gedeck. Es sah traurig aus. Farblos und langweilig. Auf keinen Fall passend, für den Anlass. Anne raffte den türkisen Samtrock und eilte an Marilla vorbei, die wieder in einem Topf am Herd rührte. „Wo willst du hin?“ rief die alte Frau ihr nach, doch die rothaarige stürmte bereits zur Tür hinaus.

Nicht weit hinterm Haus im Wald wusste sie von einer Lichtung, auf der um diese Zeit im Jahr immer prächtige Blumen wuchsen. Wie oft schon hatte sie dort zwischen den Gräsern gelegen und die Farbenpracht der Natur bewundert? Schöner als jedes Gemälde, das auch der begabteste Künstler hätte malen können! Lächelnd stand Anne im Licht der untergehenden Sonne und atmete die süße Luft hunderter Blüten ein. So schön es war, in Charlotte-Town zu lernen, Zeit mit ihren Freundinnen zu verbringen – sie vermisste die stille Natur um Green Gables. Seufzend ließ das rothaarige Mädchen sich im Gras sinken, lehnte sich zurück und starrte in den Himmel. Obwohl sie gekommen war, um einige der Blumen zu pflücken, tat es ihr jetzt fast Leid, der Natur einen Teil der Schönheit zu rauben. Sie breitete die Hände aus und fühlte, wie einzelne Grashalme ihre Handflächen kitzelten. Ein Tier krabbelte über ihren Arm, doch sie hob den Kopf nicht, um nachzusehen, oder es gar fortzuwischen. Es kitzelte und war zugleich angenehm. Sie würde mit Gilbert hierherkommen. Zusammen mit ihm im Gras liegen. So tun als könnten sie auf ewig hier zusammen sein. Gilbert. Anne fuhr hoch. Hastig sammelte sie einige Blumen, und rannte zurück zum Haus. Keuchend riss sie die Tür auf. Marilla sah erschrocken auf. „Sind sie da?“ fragte Anne strahlend. Marilla runzelte die Stirn. „Nein… und das ist auch gut so, wie siehst du aus?“ Etwas kaltes, schweres sackte in Anns Magen. Mit polterndem Herzen sah sie an sich hinab. Überall an ihrem Kleid hatten sich Grassamen festgebissen. Mit wenigen Schritten eilte sie zum Spiegel, hoffend, betend, dass wenigstens ihre Haare noch ansehnlich waren. Panik stieg in ihr auf. „Marilla, ich sehe schrecklich aus!“ stieß sie erstickt hervor. „Rasch geh und versuch zu retten, was zu retten ist!“ sagte Marille kopfschüttelnd und nahm ihr den Strauß Blumen ab. Sofort begann Anne, die Grassamen von ihrem Kleid zu zupfen, doch Marillas scharfe Stimme unterbrach sie: „Nicht hier drinnen, Anne!“ Mit einem letzten verzweifelten Blick auf ihr Spiegelbild rannte Anne hinaus, vorbei an Matthew, der die Pferde in den Stall brachte und hinter die Scheune.

Sich selbst murmelnd verfluchend zupfte sie genervt an den winzigen Grassamen. Sie hatten sich festgebissen, als hätten sie richtige Zähne und nicht nur diese kleinen Widerhaken. „Ich bin so dumm! Dumm, dumm dumm.“ Bei jedem „Dumm“, befreite sie ihr wunderschönes Kleid von einer weiteren, lästigen Klette. Kaum hatte sie ihr Kleid einigermaßen sauber gezupft, öffnete sie mit schnellen, geübten Handbewegungen den wunderschönen Zopf, den Diana ihr geflochten hatte. Würde sie es schaffen, noch einmal zu ihrer Busenfreundin zu rennen und sie um eine neue Frisur zu bitten? Doch die Sonne war schon fast hinter den Bäumen verschwunden. Gilbert und die anderen konnten jeden Moment auftauchen. Es war zwecklos – niemals wäre sie schnell genug. Und selbst wenn – nach dem Weg zurück wären ihre Haare vermutlich wieder zerstrubbelt. Das Geräusch von Hufen und Rädern auf einem Kiesweg machten jegliche Überlegung sofort zu Nichte. Eilig flocht sie sich die Haare wieder zu den üblichen zwei Zöpfen – links und rechts. So hatte sie sie auf Green Gables immer getragen. Es schien ihr nur richtig – eine passende Alternative in ihrer Not. Ein letzter Blick an sich hinab. Ein paar letzte Grassamen. Anne holte tief Luft und schloss für einen Moment die Augen. Ein vorfreudiges Kribbeln hatte sich in ihr Herz geschlichen. Wie würde es sein, Gilbert gleich entgegen zu treten? Und wie sollte sie sich verhalten? Das letzte Mal als sie sich gesehen hatten, hatten sie sich geküsst. Konnten sie das wieder tun? Obwohl alle zusahen? Erwartete er das, oder wollte er das lieber nicht? Zur der freudigen Aufregung kam ein neues Gefühl. Kalte Krallen, die sich in ihren Magen gruben. Sie atmete zitternd aus und öffnete die Augen. So oder so – sie wollte ihn sehen und dafür musste sie zum Haus. Obwohl sie am Liebsten gerannt wäre, ihm einfach in die Arme gefallen wäre, zwang sie sich in normalem Tempo zu laufen. Ja, fast zu schreiten. Sie war jetzt immerhin mehr eine Frau, als ein Kind. Auch wenn sie sich nicht so fühlte.
Matthew kam ihr mit der Kutsche von Bash entgegen. Annes Schritte wurden schneller, sie strahlte ihn an. Schneller und schneller. Fast auf einer Höhe mit Matthew, begann sie, doch zu Rennen. Er öffnete den Mund, doch noch ehe sie das realisierte, war sie bereits an ihrem Adoptivvater vorbei und stürmte ins Haus.

Die Besucher und Marilla drehten sich überrascht zu ihr um. Keuchend und grinsend stand Anne in der Küche. „Wo ist er?“ fragte sie und ihr Blick wanderte zur Treppe. Sie hatte die Küche bereits fast durchquert, als Bash die Hand ausstreckte. Mit einem Stirnrunzeln sah der junge Mann sie an, balancierte das hübsche Kleinkind Delphine auf seiner Hüfte. Anne erwiderte den Blick der braunen Augen. Wusste, was er sagen würde, bevor er es aussprach: „Er hat es nicht geschafft, Anne.“ Plump sackte die Enttäuschung in ihren Magen. Das Tier mit den Krallen und das Kribbeln waren fort – zurück blieb ein Stein. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Machte einen Schritt rückwärts und sagte tapfer: „Das hatte ich befürchtet, er hat ja gesagt, er hat viel zu tun.“ Sie kämpfte darum, wieder ein Strahlen in ihre Gesichtszüge zu zaubern. „Delphine ist ja so groß geworden!“ Anne streckte lächelnd den Arm nach dem Kleinkind aus und Bash reichte ihr die Kleine.
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