Even for me life had its gleams of sunshine

GeschichteAllgemein / P12
Anne Shirley/Blythe Diana Barry Gilbert Blythe
14.02.2020
14.02.2020
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Hallo!
Ich schätze jeder, der das hier liest, klammert sich wie auch ich an die kleinste Hoffnung, dass es irgendwann doch noch weitergeht. Ich kann es - so dramatisch es klingen mag - einfach nicht glauben, dass man eine so tolle Serie einfach so enden lässt.
Seit ich die dritte Staffel fertig geschaut habe, habe ich die Serie noch zwei weitere Male geschaut und kann einfach nicht damit abschließen...
Ich wünsche euch viel Spaß!
Lasst mir gerne eure Meinung da!

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„Sind die Sterne nicht wunderbar?“ fragte Anne und legte den Kopf in den Nacken. Der kühle Wind ließ sie frösteln und doch konnte sie sich nicht überwinden, vom offenen Fenster zurückzutreten und die Augen vom Himmel abzuwenden. „Wunderschön,“ antwortete Diana und trat neben sie. Für einen Augenblick standen sie dort und schwiegen. Ob Gilbert gerade auch zu den Sternen sah? Annes Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln und sie seufzte. Sie spürte Dianas Blick und als sie den Kopf wandte, grinste das dunkelhaarige Mädchen sie wissend an. „Hat er geschrieben?“ Anne schüttelte den Kopf und obwohl sie Gilbert vermisste, wich das Lächeln nicht aus ihrem sommersprossigen Gesicht. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sich alles zum Guten gewendet hatte. Dass Gilbert Blythe, sich für sie entschieden hatte. Fast wäre die Geschichte mit Gilbert zu einer tragischen geworden. Ihrer tragischen Liebesgeschichte. Und obwohl sie sich vor ein paar Wochen noch gedacht hatte, dass so eine tragische Liebesgeschichte viel romantischer wäre, war sie nun froh, dass sie Winifred getroffen hatte.
„Er wird zu tun haben,“ überlegte Diana und sah nachdenklich wieder aus dem Fenster. „Er muss bestimmt viel lernen.“ Anne warf einen letzten Blick hoch zu den Sternen, wandte sich vom Fenster ab und sagte: „Und Toronto erkunden. Stell dir nur vor – es muss riesig sein. All die interessanten Menschen.“ Sie hoffte, dass sie Gilbert dort besuchen konnte. Toronto schien – obwohl es nur eine Tagesreise entfernt lag – so unendlich seit weg. Fast wie eine fremde Fantasie. Und es war aufregend, dass er dort war. Obwohl sie nicht bei ihm sein konnte, faszinierten sie die Abenteuer, die er dort vermutlich erlebte. Dianas Lächeln war verschwunden, als auch sie sich vom Fenster abwandte, und es mit einem Ruck verschloss. Stattdessen hatte sich eine feine Falte auf ihrer Stirn gebildet. Wie immer, wenn sie über etwas nachdachte, dass ernst war. „Was beschäftigt dich?“ wollte Anne wissen. Auch dass Diana hier bei ihr war konnte sie noch immer kaum glauben. Wochenlang hatte die junge Barry ihre Eltern angefleht und dabei doch nur Ablehnung und lautes Geschrei geerntet. Wie verzweifelt waren sie gewesen, weil bald ein ganzes Meer sie trennen sollte. Und jetzt schien der Gedanke, dass Diana in Paris und sie selbst hier in Charlotte-Town waren wie ein längst vergessener Albtraum. „Machst du dir Sorgen?“ fragte Diana vorsichtig. Anne sah sie verständnislos an. „Worüber?“ „Nun ja…“ ihre Busenfreundin schien sich sichtlich unwohl zu fühlen, die folgenden Worte auszusprechen: „Wegen der interessanten Leute in Toronto… der interessanten Frauen?“ Und dann fügte sie hastig hinzu: „Weil ich glaube das musst du nicht. Er liebt dich schon seit langem. Und immerhin reden wir über Gilbert. War er nicht immer der fairste Mann in Avonlea?“ In Toronto gab es mit Sicherheit schöne Frauen. Wunderschöne Frauen mit dunklem Haar und rosiger Haut. Frauen, die ebenso gut mit Sprache umgehen konnten, wie sie selbst. Obwohl sie sich einige Gedanken um die Bewohner von Toronto und deren Einzigartigkeit gemacht hatte, hatte sie nie daran gedacht, dass Gilbert sich dort verlieben könnte. Das schien ihr nun dumm. War das der Grund, wieso sie noch nichts von ihm gehört hatte? Hatte er bereits jemanden gefunden, der nicht so hässlich war wie sie? Anne wandte sich ab, damit Diana die Zweifel nicht in ihrem Gesicht lesen konnte und sagte dann mit aller Überzeugung, die sie in diesem Moment aufbringen konnte: „Gilbert war doch an hunderten aufregenden Orten! Er hat auch bereits hunderte Frauen getroffen, die aufregender und viel hübscher waren als ich.“

Obwohl Anne sich das immer wieder selbst sagte, war ihre Laune am nächsten Morgen nicht mehr ganz so fröhlich wie die Tage zuvor. Gemeinsam mit Diana und den andern Mädchen besuchte sie den Unterricht, machte am Nachmittag einen Spaziergang durch die Stadt und am Abend aß sie mit Cole und Miss Josephine zu Abend. Obwohl sie Charlotte-Town spannend fand, wünschte sich Anne immer wieder, in die behagliche Stille von Green Gables zurück. Sie vermisste Marilla und Matthew und sogar Jerry. Was hätte sie dafür gegeben, einfach am See der glitzernden Wasser zu liegen und dort in den Himmel zu starren? Sich fort zu träumen, statt wirklich fort zu sein.
Damit sie im Dunkeln nicht alleine durch die Straßen liefen, begleitete Cole sie zurück zum Heim. Diana und Cole redeten über den Besuch eines Künstlers und Musikers, der sich für nächste Woche bei Tante Josephine angemeldet hatte, doch Anne hörte kaum zu. Als sie um kurz vor neun am Haus ankamen, verabschiedeten sie sich von Cole und betraten den Salon. Sofort sah die Hausherrin von einem Buch auf und warf einen strengen Blick durch die Eingangshalle. Anne und Diana grüßten sie höflich und mussten sich ein Kichern verkneifen, als die alte Frau kritisch die große Wanduhr prüfte, ob sie auch wirklich pünktlich zur Sperrstunde zurück waren. Gerade als sie den Salon verlassen wollten rief Mrs. Blackmore: „Miss Shirley!“ Anne drehte sich um und eine gelockte Strähne des roten Haares löste sich aus ihrer Frisur. „Shirley-Cuthbert,“ korrigierte sie. „Aber eigentlich reicht Anne. Aber mit E am Ende. Finden Sie nicht, dass ein Name mit vier Buchstaben, nach viel mehr Persönlichkeit aussieht, als ein Name mit nur drei?“ Auf dem strengen Gesicht der Hausherrin ließ sich eine Spur von Verwirrtheit erkennen. „Wie bitte?“ Anne lächelte. „Anne Shirley-Cuthbert,“ wiederholte sie und betonte dabei den Namen, den sie ihren Adoptiveltern zu verdanken hatte. „Sie sagten Miss Shirley, aber richtig ist Miss Shirley-Cuthbert. Ich war eine Weise bis Marilla und-“ Zu gerne hätte sie Miss Blackmore die tragische Lebensgeschichte erzählt, doch die schnitt ihr mit einer bestimmten Geste das Wort ab und erhob sich ächzend aus dem Ledersofa. „Hier. Der ist für dich gekommen.“ Die alte Frau streckte ihr mit missmutigem Blick einen Umschlag entgegen. Noch bevor Anne den Namen des Absenders lesen konnte, erkannte sie die feine Schrift Gilberts. Ein Jauchzen entfuhr ihr, als sie der Frau hastig den Brief abnahm. Sie viel der Hausherrin stürmisch um den Hals, was dieser so gar nicht zu gefallen schien. „Vielen vielen Dank!“ strahlte Anne, „Ich wünsche Ihnen noch einen herausragenden Abend, wo sie meinen doch so viel besser gemacht haben!“ Die rothaarige drehte sich um und winkte Diana mit einem breiten Grinsen im Gesicht mit dem Umschlag zu. Auch auf ihrem Gesicht breitete sich ein Strahlen aus. „Gilbert?“ Mit einem aufgeregten Quietschen antwortete Anne und gemeinsam huschten sie giggelnd die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf.

„Mach ihn auf,“ drängte Diana und setzte sich zu ihr aufs Bett. Anne saß im Schneidersitz darauf und hatte sich an das Kopfteil gelehnt – den Brief an ihre Brust gedrückt. Mit geschlossenen Augen und einem stummen Lächeln auf dem Gesicht genoss sie den Moment. Gilbert Blythe hatte ihr den ersten Brief geschrieben, seit ihrem gemeinsamen Versprechen, Brieffreunde zu sein. Das Papier in ihren Fingern war rau. Verheißungsvoll. Was für wunderbare Worte mochte er nur gefunden haben, um Toronto und sein neues Leben dort zu beschreiben? Anne öffnete die Augen. „Was meinst du? Ist die Universität so, wie wir sie uns ausgemalt haben? Sind dort nur Leute wie er?“ fragte sie Diana und stellte sich die Schule auf die Gilbert ging ein weiteres Mal vor. Mit vertäfelten Hallen in denen wichtige und ernst dreinblickende Menschen in schicken Anzügen liefen. Und Menschen in Kitteln, die über die Gänge eilten, um fremden das Leben zu retten? Lächelnd aber streng dreinblickend tippte Diana auf den Umschlag: „Du erfährst es nur, wenn du den Brief öffnest, Anne.“ Die rothaarige nickte und riss mit zitternden Fingern den Umschlag auf.

Meine geliebte Anne,
ich kann nicht ausdrücken, wie froh ich bin, dass du doch noch etwas über deine Herkunft erfahren konntest. Ich weiß, wie wichtig es für dich war, endlich Gewissheit zu haben. Gerne wäre ich an deiner Seite gewesen, als Marilla und Matthew dir das Buch überreicht haben. So aber kann ich mir deine Freude darüber nur vorstellen.
Du hattest, wie bei meiner Abreise angekündigt, viele Fragen und ich möchte sie dir beantworten. Ich wusste nicht, dass du meinen Brief zerrissen hast. Den Brief, den ich dir geschrieben habe, als ich dachte, wir würden uns vielleicht sehr lange oder nie wiedersehen. Ich hätte es nicht ertragen, fort zu gehen, ohne einmal alles zu sagen, was ich dir nicht von Angesicht zu Angesicht sagen konnte. Obwohl sich nun alles zum Guten gewendet hat, ist das nicht doch ein kleiner Teil einer tragischen Liebesgeschichte? Nachdem du bei den Ruinen nicht sagen konntest, ob du etwas für mich empfindest, war ich entschlossen, Winifred zu heiraten. Ich glaubte, ich könnte – jetzt da ich zu wissen schien, dass du mich nicht liebst – mit ihr glücklich werden. Und doch wusste mein Herz, dass diese Hoffnung vergebens war. Ich konnte nur an dich denken. Dich und dein wunderschönes, rotes Haar, dass du selbst so verabscheust. Deshalb ging ich zu Winifred und gestand ihr, dich zu lieben. Und das tue ich, Anne. Seit unserer ersten Begegnung. Als Billy dich im Wald bedrängte und du vor mir wegranntest. Ich liebe dich Anne und obwohl ich das bereits in jenem anderen Brief geschrieben habe, möchte ich, dass du es weißt. Ich werde sobald ich kann, nach Charlotte-Town kommen. Um es dir persönlich zu sagen.
Du hast außerdem gefragt, wieso ich nie auf deine Notiz reagiert habe. Ich habe sie nie erhalten. Hätte ich gewusst, dass du mich liebst – keine zehn Pferde hätten mich von Green Gables fernhalten können, um dir zu sagen, was ich empfinde. Um dir zu sagen, dass ich Winifred nicht heiraten würde. Mit Winifred verlor ich natürlich auch die Möglichkeit, nach Paris zu gehen, doch Miss Stacy setzte sich für mich ein, sodass ich den Studienplatz an der TU doch noch bekam. Fast bereue ich diese Entscheidung – könnte ich doch bei dir sein, wenn ich nicht in Toronto wäre.
Gleichzeitig bin ich unendlich froh darüber, die Möglichkeit zu bekommen, ein richtiger Arzt zu werden.
Ich kann es nicht erwarten, dich wieder zu sehen,
dein dich liebender Gilbert

PS. Toronto musst du dir selbst ansehen kommen. Ich habe nicht den Wortschatz diese Welt zu beschreiben – denn genau das ist es: eine ganze Welt. Ich bin mir sicher, es wird dir gefallen und ich bin mir auch sicher, dass die richtigen Worte finden würdest – so wie immer.


Anne ließ den Brief sinken. Diana starrte sie erwartungsvoll an. Doch als sie sah, dass Annes Augen sich mit Tränen gefüllt hatten, rutschte sie bestürzt näher zu ihrer Busenfreundin. „Oh Anne, was hast du? Was schreibt er?“ Die rothaarige lachte erleichtert, während ihr eine Träne über die Wange rollte. „Oh Diana… er schreibt er liebt mich.“ Lachend fielen sich die Mädchen in die Arme. Anne hatte das Gefühl zu schweben. So finster war ihre Vergangenheit. So voller Schmerz, Wut und Ablehnung. Wie oft hatte man ihr an den Kopf geworfen hässlich zu sein? Wertlos, nur Dreck? Und dann hatte sich alles zum Besseren gewendet. Und obwohl man ihr auch in Avonlea immer wieder versucht hatte, die Freude am Leben zu nehmen, war sie nie schwach geworden. Sie hatte nicht aufgegeben. Und jetzt? Jetzt wurde sie von Gilbert Blythe geliebt. Dem Jungen, der in der kleinen Stadt schon immer gut angesehen gewesen war. Er hatte sich nicht darum geschert wo sie herkam oder wie sie auch aussehen mochte. Er hatte geschrieben, ihr Haar sei wunderschön. Er musste sie wirklich lieben, denn andernfalls konnte er diese roten Zöpfe doch niemals gut finden. Anne ließ Diana los und ihre Augen huschten ein weiteres Mal über die Zeilen, die Gilbert für sie geschrieben hatte. Dann reichte sie der jungen Barry das Blatt, griff nach dem Kissen, das Marilla für sie gestickt hatte und ließ sich seufzend zurück gegen das Kopfteil des Bettes sinken. Wenn all der Schmerz notwendig gewesen war, um sich jetzt – hier – so zu fühlen, dann hätte sie ihn ein weiteres Mal in Kauf genommen. Wenn die kleine Anne von Damals doch nur gewusst hätte, dass Prinzessin Cordelia den besten aller Prinzen für sich gewinnen würde. Auch ohne rabenschwarzes Haar und makellose Haut.
Lächelnd schloss Anne die Augen. Sie war glücklich. Sie war es, seit sie auf Green Gables angekommen war, immer wieder gewesen. Jetzt jedoch, schien dieses Glück endgültig. Es füllte sie vollkommen aus. Denn sie liebte Gilbert Blythe. Und er liebte sie.
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