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Die Überlebenden

von Deira
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Agron Duro Lucretia Nasir Pietros Spartacus
14.02.2020
03.07.2022
47
117.628
4
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
06.04.2020 4.119
 

Ein neues Kapitel. POV Lucretia, Duro und Drusus. Viel Spaß beim Lesen und danke an grantaire für den Review zum letzten Kapitel.

Sie saßen am Rand der Klippe. Eigentlich wollte Lucretia nicht dort sein. Es ging so tief hinunter…

Aber die Gegenwart ihrer Freundin ließ sie lächeln. Aus irgend einem Grund hatten sie sich lange Zeit nicht gesehen….

Gaia strich sanft über Lucretias Wange und lächelte sie liebevoll an. Wie immer trug Gaia ihre rote Perücke und sah bezaubernd aus. Lucretia beugte sich vor und ihre Lippen berührten die Lippen der anderen Frau, während Gaias Hände von Lucretias Wange über ihren Hals zu ihrer Brust wanderten…

Sie streichelte über Lucretias Bauch. „Wie geht es der kleinen Gaia?“

Lucretia lächelte und legte ihre Hand auf Gaias. „Woher willst du wissen, dass es ein Mädchen wird, das deinen Namen tragen wird?“

Gaia lehnte ihren Kopf an die Schulter der Freundin. „Ich weiß es eben. Sie wird einmal die schönste Frau von Capua sein...“

„Natürlich wird sie das,“ lachte Lucretia und Gaia drückte ihre Hand und sah die Freundin nachdenklich an. „Sie wird das Glück haben, jemanden zu finden den sie liebt und er wird sie genauso lieben. Aber ich bitte dich, zerstöre es nicht. Sie würde unglücklich sein...“

Lucretia sah ihre Freundin verwundert an. Natürlich würde sie nichts tun, was der kleinen Gaia schaden würde. Aber um sich über die künftige Liebe ihrer Tochter Gedanken zu machen war es noch zu früh. Sie musste doch erst einmal geboren werden.

Lächelnd zog Gaia sie enger in eine Umarmung und ihre Lippen berührten sich beinahe erneut...



Lucretia schreckte aus dem Schlaf hoch, als eine Vase, die in der Nähe des Fensters auf einem Tisch stand, zu Boden fiel. Sie öffnete die Augen und sah drei dunkle Gestalten im Raum stehen, der durch das Mondlicht erhellt wurde.

Sie schrie laut auf und eine der Gestalten eilte auf sie zu und drückte ihr ein Messer an die Kehle.

„Kein Laut!“, zischte eine ihr vollkommen unbekannte Stimme. „Schrei nicht. Stirb mit Würde!“

Die Gestalt holte mit dem Messer aus und die beiden anderen Gestalten näherten sich ihrem Bett ebenfalls.

„Beeil dich!“, zischte eine weitere Männerstimme. „Töte sie!“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und der Mann mit dem Messer wurde von ihr fortgerissen und zu Boden geschleudert. Im nächsten Augenblick steckte ein Messer in der Kehle des zweiten Mannes, während der Dritte aus dem Raum eilte, dann aber aufschrie, als ein Klirren ertönte.

Lucretia zündete eine Kerze neben ihrem Bett an und zitterte am ganzen Körper. Ein Mann lag, mit einem Messer im Hals, auf dem Boden und Matay kniete auf dem Bauch einer anderen dunkel gekleideten Gestalt.

In diesem Augenblick betrat Ashur das Schlafzimmer. Lucretia hatte nicht einmal gewusst, dass er sich wieder im Haus aufhielt. Das musste sich ändern. Aber dies war nicht der Augenblick, um sich darüber Gedanken zu machen.

„Ich habe noch einen erwischt“, sagte Ashur. „Er wollte fliehen. Ich musste ihn töten, er hat mich mit einem Messer angegriffen!“

Lucretia zog ihre Bettdecke hoch und blickte von Matay zu Ashur, während ersterer dem anderen Syrer anerkennend zunickte. „Gut gemacht.“

Er packte den letzten, übrig gebliebenen Angreifer am Hals. „Und du wirst uns jetzt berichten, wer dich geschickt hat. Warum wolltet ihr die Domina töten?“

Der am Boden liegende Mann schwieg zunächst, während Ashur den Leichnam des anderen Angreifers aus dem Zimmer zog. Lucretia war dankbar dafür, denn sie wollte den Toten nicht länger vor Augen haben.

Inzwischen hatte auch Damaris den Raum betreten und ihrer Domina einen Mantel gereicht, den sie nun anzog, ehe sie aus dem Bett stieg. Lucretia blickte zu der jungen Griechin, die neben ihr stand und ganz offensichtlich Angst hatte.

Lucretia blickte auf den überwältigten Attentäter, während Matay den Druck auf den Hals des Mannes erhöhte. „Sprich! Wer hat dich geschickt?“

Lucretia wurde beim Anblick des Mannes wütend. Er war in ihr Schlafzimmer eingedrungen und hatte sie, eine schwangere Frau, dort überfallen. Dies würde sie sich nicht bieten lassen und sie öffnete eine kleine neben ihrem Bett stehende Truhe und holte einen vergoldeten schmalen Dolch hervor.
Den hatte ihr Quintus einst geschenkt. Er wollte, dass sie sich ein wenig sicherer fühlte, wenn er sich nicht im Hause befand, um sie zu beschützen.

Fast schon liebevoll strich sie über den Griff der Waffe, ehe sie neben Matay in die Hocke ging. „Sprich! Du hast die Frage meines Leibwächters gehört!“

Sie fügte dem Mann einen Schnitt auf der Wange zu und hielt die Waffe dann über sein Auge. „Wenn du kein Auge verlieren willst, solltest du schleunigst deinen Auftraggeber nennen,“ zischte sie wütend und schlug dem Mann auf die Nase.

Er stöhnte und das Blut begann zu fließen.

Matay sah seine Domina mit einer Mischung aus Überraschung und Respekt an, ehe er dem Mann nun seinerseits sein Messer, dass Ashur ihm reichte, an die Kehle hielt. Anscheinend hatte der andere Syrer es aus dem Hals des aus dem Raum entfernten Toten gezogen.

„Ilithyia! Die Frau des Prätors,“ stammelte der Mann nun und versuchte sich zu befreien, aber Matay versetzte ihm einen Schlag gegen die Schulter, der den Attentäter am Aufstehen hinderte.

„Ilithyia!“, zischte Lucretia. „Dieses verschlagene, hinterhältige….“

„Und sie hat direkt drei von euch geschickt? Um eine Schwangere zu töten? Wie erbärmlich“, führte Matay sein Verhör mit dem Gefangenen fort. „Du wirst sowieso sterben. Aber wenn du sprichst, mache ich es schnell und schmerzlos. Also erzähl uns alles, was du weist.

Ashur ging unterdessen neben Lucretia und Matay in die Hocke, während Damaris ängstlich im hintersten Winkel des Zimmers stand und eine Hand vor ihren Mund hielt.

Dies sah Lucretia aus den Augenwinkeln und sie ärgerte sich über das ängstliche Mädchen. Sie war so schrecklich empfindsam, dass Lucretia befürchtete, dass sie sich eines Tages vor dem zu lauten Gezwitscher eines Vogels zu Tode erschrecken würde. Auf der einen Seite war dies anrührend. Aber im Augenblick einfach nur lästig.

„Geh in die Küche und hol einen Krug Wein für Matay und Ashur. Und besorge mir etwas von diesem Saft, den Lenya gestern aus den Äpfeln hergestellt hat,“ befahl sie daher, um das Mädchen aus dem Weg zu haben.

Außerdem trank sie diesen Saft seit Beginn ihrer Schwangerschaft sehr gerne und sie war auch der Meinung, dass sich Matay und Ashur für den Schutz ihres Lebens zumindest einen guten Schluck Wein verdient hatten.

„Aber achte darauf, dass du die anderen Sklaven nicht aufweckst“, forderte sie die junge Frau auf, als diese das Schlafgemach verließ.

Vielleicht war es klug, nicht so viele Zeugen zu haben, wenn es um ein von Ilithyia in Auftrag gegebenes Attentat handelte…

Sie mussten nun einen kühlen Kopf bewahren.

„Wir sollten die Domina und sämtliche anderen Bewohner des Hauses töten. Darum schickte sie direkt drei von uns. Wir sollten es so aussehen lassen, als wären einige Gladiatoren zurück gekehrt, um ihr Werk zu vollenden...“, sagte der Attentäter nun.

Offenbar hatte er sich entschlossen, zu sprechen. Lucretia nickte und wandte sich an den Gefangenen. „Hat sie euch allein beauftragt? Oder weiß Glaber etwas davon? Kamt ihr auch in seinem Auftrag?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Er war nicht dabei, als ich mit ihr sprach. Sie sagte, es sei etwas persönliches. Sie sagte nur, dass sie nicht wolle, dass du etwas über sie erzählst. Mehr sagte sie nicht. Das war ihr wahrscheinlich aus Versehen herausgerutscht...“

Lucretia dachte angestrengt nach. Was konnte Lucretia über Ilithyia erzählen? Was wollte Glabers Frau für sich behalten?

„Glaber ist jetzt Prätor…“, stammelte der am Boden liegende Mann.

Lucretia lächelte bitter. Dann hatte Glaber und somit auch Ilithyia einen gesellschaftlichen Aufstieg gemacht. Hatte sie sich das nicht schon immer gewünscht? Was würde Glaber als nächstes werden? Senator?

Lucretia kam ein Gedanke. Bislang hatte sie noch nicht darüber gesprochen, dass sie sich sicher war, dass Ilithyia diejenige war, die die Tür versperrt hatte, als sie und ihr lieber Mann und weitere Gäste von den Gladiatoren niedergemetzelt wurden…

„Wenn sich das herumspräche wäre es bestimmt nicht gut für Glaber und seine Frau. Er würde ebenfalls zornig auf sie sein. Weil es seinem Erfolg im Wege stehen könnte, wenn die richtigen Leute es gegen ihn benutzen würden. Er hat sicherlich auch Feinde in Rom. Menschen wie er haben immer irgendwo Feinde,“ dachte Lucretia und dachte an Licinia.
Mit dem Mord an ihr hatte sie ihren Mann schon einmal in eine unangenehme Situation gebracht. Vielleicht fürchtete Ilithyia zusätzlich, dass sich diese alte Geschichte doch noch herumsprach.

Dies konnte der beruflichen Laufbahn ihres Mannes nach wie vor wirklich schaden, immerhin hatte es sich bei Licinia um die Cousine von Crassus gehandelt. Ein weiterer Mann den niemand, auch Glaber nicht, zum Feind haben wollte…

Außerdem wusste Lucretia, dass Ilithyia mit Spartacus geschlafen hatte. An diesem Umstand war Lucretia nicht ganz unschuldig. Auch dies war etwas, wovon ihr Mann besser nichts erfuhr.

Fürchtete Ilithyia, dass Lucretia doch noch reden würde?

Lucretia hatte genug gehört und noch ehe Ashur oder Matay reagieren konnten, stieß sie dem Mann ihren Dolch in die Kehle.

Zitternd stand sie auf und setzte sich auf ihr Bett.

„Domina, bist du verletzt?“, fragte Matay und sie glaubte so etwas wie Besorgnis aus seiner Stimme heraus zu hören. Aber sie wusste, dass dies nicht aus Sympathie ihr gegenüber geschah. Er erflüllte lediglich seinen Dienst als Leibwächter…

Aber dies hatte er sehr gut getan. Sie war ihm und auch Ashur dankbar. Schließlich hatten die beiden ihr das Leben gerettet.

Fast noch wichtiger war es ihr, dass sie Ilithyia eine Niederlage beschert hatten…

„Glaber sollte einstweilen nichts von dem erfahren, was seine Frau in dieser Nacht versucht hat,“ sagte sie, an ihre beiden Sklaven gewandt. „Schafft die Leichen weg. Wir werden den Vorfall nicht mehr erwähnen…“
Matay hatte inzwischen die Kleidung des toten Mannes durchsucht und einen Beutel mit Münzen sowie einen Ring gefunden.

Lucretia lächelte. „Sehr gut, Matay. Ich kenne diesen Ring. Ilithyia besaß einige davon. Familienerbstücke. Die Ringe waren ein Geschenk von ihrer Schwiegermutter, Glabers Mutter. Sie bekam sie zur Hochzeit und sie hat sie mir einmal gezeigt. Er würde den Ring sicherlich auch erkennen.“

Sie nahm den Ring an sich. „Den werde ich zur Sicherheit behalten, genauso wie die Münzen. Siehst du den Beutel, Matay? Wie schön er verziert ist? Es ist ein G eingestickt. Diese Beutel haben Glaber und Ilthyia ebenfalls häufig für ihr Geld benutzt…was das Verwischen von Spuren angeht ist sie nicht allzu geschickt. Aber das ändert nichts daran, dass sie eine hinterhältige Schlange ist...“

Lucretia schüttelte den Kopf. So viel Dummheit traute sie Ilithyia eigentlich nicht zu. Sicherlich hatte der Attentäter den Ring und den Gedlbeutel gestohlen, um seine Belohnung für seinen Auftrag zu erhöhen.

Ihr war das Diebesgut des Mannes nun als Geschenk in die Hände gefallen.

Ashur und Matay erhoben sich aus ihrer hockenden Haltung und der Leibwächter wandte sich an Ashur. „Weißt du, wo wir die Leichen am besten loswerden, ohne dass sie gefunden werden? Du scheinst dich mit solchen Dingen auszukennen.“

Lucretia warf einen Blick auf Matay. Entweder hatte er bereits durch wen auch immer etwas über Ashur erfahren oder aber er besaß eine gute Menschenkenntnis.

Ashur nickte. „Manchmal eignen sich abgelegene Winkel in der Kanalisation für die Entsorgung. Dann sieht es so aus, als wären die Toten Opfer von zwielichtigem Gesindel in der Stadt geworden und dort abgelegt worden. Es wurden auch schon Menschen über die Klippe beseitigt. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Leichen wieder auftauchen. Ich würde vorschlagen, dass wir sie irgendwo zwischen hier und Capua vergraben. So tief wie möglich."

Lucretia wunderte sich darüber, dass Ashur so bereitwillig Auskunft gab.

Matay und Lucretia nickten zustimmend. Während Lucretia den Saft trank, den die immer noch verängstigte Damaris ihr brachte, machten sich Matay und Ashur daran, die toten Körper der Attentäter zu beseitigen.

„Lucretia soll denken, dass die Attentäter niemals hier waren. Soll sie doch glauben, dass sie sie hintergangen haben. Dass sie das Geld und den Ring nahmen ohne ihren Auftrag auszuführen. Und bei Gelegenheit werde ich das, was ich heute Nacht erfahren habe, gegen sie benutzen,“ dachte Lucretia.

So leicht würde Ilithyia sie nicht loswerden. Sie hoffte, dass sie sich weiterhin auf die Loyalität von Matay, Ashur und der ängstlichen Damaris verlassen konnte.

Im Augenblick stellte wahrscheihnlich das Mädchen das größte Risiko für sie dar.


Duro


In den nächsten Tagen spürten Duro und Pietros eine gewisse Erleichterung ihrer Gefangenschaft.

Aurelius hielt sich von ihnen fern und begnügte sich damit, ihnen böse Blicke zuzuwerfen, wenn er an ihrer Zelle vorüber ging.

Sogar der Medicus suchte die Zelle auf und gab Duro einen Krug, in dem sich ein Kräutertrank gegen seine Schmerzen befand. Alexios verhielt sich genauso wortkarg wie sonst, aber weder Pietros noch Duro störten sich daran. Sie kannten es von ihm schließlich nicht anders.

Die größte Erleichterung erfuhren sie, als drei Soldaten die Zelle betraten und einen großen Eimer mit Wasser herein schleppten.
Geräuschvoll stellten sie den Eimer auf den Boden und ein wenig Wasser schwappte heraus.
Dann warf einer der Männer zwei einfache blaugraue etwa knielange Tuniken auf den Boden. „Die sind für euch. Ihr sollt euch waschen. Und saubere Kleidung anziehen. Ihr riecht unerträglich. So können wir euch dem neuen Prätor nicht vorzeigen.“

Er warf ihnen einen Lappen vor die Füße und zog ein Messer hervor. „Ich würde euch gerne die Finger abschneiden oder das Messer direkt in eure Kehle stecken. Aber ihr sollt euch, unter unserer Aufsicht natürlich, rasieren und gegebenenfalls die Haare schneiden.“

Er deutete auf Duro. „Deine Haare haben es besonders nötig…“

Duro war fest entschlossen, seine Haare nicht abzuschneiden. Ganz sicher würde er es nicht tun, weil ein Römer es ihm befahl. Aber das Angebot, sich zu waschen und zu rasieren sowie frische Kleidung anzuziehen war verlockend.

Als der Soldat ihm das Messer in die Hand drückte spielte er kurz mit dem Gedanken, es gegen die Soldaten zu benutzen. Hätte ihnen noch immer eine unmittelbare Hinrichtung gedroht, hätte er es wahrscheinlich auch getan.

Aber vor der Zelle standen mittlerweile zwei weitere Soldaten und machte einen solchen Versuch derzeit aussichtslos. Es war der falsche Zeitpunkt.

Dennoch kam ihm eine andere Idee. Der Soldat, der vor ihm stand, trug sein Schwert und zwei lange Messer an seinem Gürtel…

Ein wenig später saßen Duro und Pietros frisch gewaschen und rasiert in der neuen Kleidung auf dem Boden vor dem Eimer. Beide fühlten sich sichtlich wohler.

Der Soldat sah Duro missbilligend an. „Was ist mit dem Haar? Das fehlt noch. Wenn du es nicht selber machst, dann mache ich es.“

Duro schüttelte den Kopf und er fühlte sich tatsächlich nicht wohl dabei, seine langen Haare herzugeben. Es hatte ihn einige Mühe gekostet, es so hinzubekommen und er hatte Agron geholfen, es ähnlich zu tragen, da dieser sich in der Hinsicht als sehr ungeschickt erwiesen hatte…


Aber dies war nun ein Opfer das er bringen musste, sollte sein Plan funktionieren.

Duro erhob sich und ging zu seinem und Pietros Strohhaufen und setzte sich darauf. „Vergiss es,“ sagte er und schenkte dem Soldaten ein spöttisches Lächeln.

Auf diese Weise und mit diesem Lächeln hatte er bereits den Mann, der das Unglück hatte, ihn und Agron sowie andere Kinder der Stammes während ihrer Kindheit in Germanien im Bogenschießen zu unterrichten, zur Weißglut getrieben, wenn die Jungen und auch einige Mädchen lieber im nahen Waldsee schwimmen wollten, anstatt den Ausführungen des Mannes zuzuhören.

„Du wirst das tun, was ich von dir verlange, verfluchter Sklave“, sagte der Soldat und ballte eine Hand zur Faust, aber Duro sah den Soldaten so unverschämt wie irgend möglich an. „Nein.“

Pietros warf ihm einen besorgen Blick zu. „Duro, es sind nur Haare…,“ flüsterte er.

Der Soldat reagierte so, wie Duro es vermutet und zugleich befürchtet und erhofft hatte. Er ging, mit dem Messer in der Hand, auf ihn zu, packte sein Haar und schnitt es ab. Dabei ging er nicht sonderlich sanft vor und Duro zog sich auf dem Strohhaufen ein Stück zurück. Der Soldat beugte sich über ihn, während die anderen beiden Männer Pietros daran hinderten, ihm zu Hilfe zu kommen.

Denn dies schien der andere zu Duros Überraschung tatsächlich zu beabsichtigen. Aber es sorgte dafür, dass die beiden anderen Männer kurzzeitig abgelenkt waren…

Nachdem der Mann sein Werk vollendet hatte blickte er, noch immer wütend, auf Duro hinab, der ihn scheinbar erschrocken von seinem Strohhaufen anblickte. Aber innerlich thriumphierte er. Sein Plan hatte funktioniert.

„Das nächste Mal wirst du tun, was ich von dir verlange!“, sagte der Mann und schien trotz seines Ärgers sichtlich zufrieden zu sein, als er von Duro zu Pietros, den die Soldaten mittlerweile wieder losgelassen hatten, blickte.

„Jetzt sehr ihr wenigstens ordentlich und nicht mehr wie stinkende Tiere aus!“, stellte er mit einem zufriedenen Nicken fest. „Und glaubt mir, das war das letzte Mal, dass ihr hier so einen Luxus erfahrt. Ich hoffe, dass der neue Prätor nicht so freundlich mit euch umgehen wird wie ich!“

Schließlich verließen die Soldaten mitsamt dem Eimer und der schmutzigen Kleidung die Zelle und verschlossen die Tür hinter sich.

Duro wandte sich an Pietros. „Du wolltest mir tatsächlich helfen? Das war gefährlich. Ich hatte schon Sorge, dass sie dich dafür verprügeln würden. Aurelius hätte es wahrscheinlich getan. Gut, dass er nicht dabei war.“

Pietros zuckte kurz beim Namen des bösartigen Hauptmanns zusammen, schüttelte aber dann den Kopf.
„Anscheinend dürfen sie uns im Moment nicht allzu viel antun. Wir haben sogar neue Kleidung bekommen. Ich wusste nicht, dass es so wichtig ist, wie wir aussehen. Aber wir sahen ja wirklich zum Erbarmen aus und stanken fast so schlimm wie das Essen im Ludus. Vielleicht hat der Kommandant Sorge, dass der Prätor sich vor uns ekelt, wenn er uns sieht. Vielleicht steht er auch besser vor Glaber da, wenn wir nicht zu erbärmlich wirken. Aber sollte ihm das nicht gleichgültig sein? Ich verstehe das nicht...“

Dann nahm Pietros eine der abgeschnittenen Strähnen in die Hand. „Es ist eine Schande...dein Haar. Aber was sollte das? Warum musstest du ihn so herausfordern und hast es nicht einfach selber abgeschnitten? Ich hatte Angst, dass der Kerl seine Befehle vergisst und dir zur Strafe ein Auge aussticht oder etwas in der Art.“

Duro sah mit Bedauern auf die abgeschnittenen Haare und fasste sich an den Kopf. Zum Glück hatte der Mann ihm nicht das gesamte Haar abgeschoren. Sein Kopf war nach wie vor mit lockigem Haar bedeckt, auch wenn es nun erschreckend kurz war. Er hoffte, dass es schnell nachwachsen würde. Er wollte auf keinen Fall aussehen wie ein Römer.

Aber dann lächelte er und griff in das Stroh neben sich. Er wühlte ein wenig in den Halmen und zog dann eines der beiden Messer hervor, die der Soldat vor kurzem noch am Gürtel getragen hatte. „Das hab ich ihm abgenommen, als er mit meinen Haaren beschäftigt war und sich über mich gebeugt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich funktioniert...“

Pietros lächelte nun ebenfalls, wurde dann aber wieder ernst. „Was geschieht, wenn er bemerkt, dass es fort ist? Wird er es nicht bei uns zuerst suchen?“

Aber eine Antwort auf diese Frage erhielten Duro und Pietros recht schnell, denn der Soldat ging nun, gemeinsam mit einem seiner Kameraden, an der Zelle vorüber.
„Hast du mein zweites Messer gesehen? Ich glaube, ich habe es beim Essen heute morgen verloren. Da hatte ich meine Waffen kurz abgelegt. Oder einer der anderen hat es mir da bestimmt gestohlen.“

„Hier kann man wirklich nichts liegen lassen. Manche von unseren Leuten bestehlen die eigenen Kameraden. Das ist wirklich eine Schande. Wir sollten uns irgendwann einmal beim Kommandanten darüber beschweren,“ antwortete der andere Soldat schlecht gelaunt. „Mir sind letzte Woche sogar meine Schuhe gestohlen worden! Beinahe hätte ich barfuß zum Dienst antreten müssen. Zum Glück hatte ich noch Ersatz!“

Duro und Pietros konnten sich ein Lachen kaum verkneifen und sie hielten sich damit auch nur so lange zurück, bis die Soldaten den Gang vor der Zelle verlassen hatten.

Das Lachen hatte etwas Befreiendes an sich. Duro dachte daran, dass es lange her war, seitdem er einen Grund dazu gehabt hatte und Pietros schien es ähnlich zu gehen.

Das Messer konnte sich noch einmal als nützlich erweisen. Zumindest besaßen sie nun eine Waffe, wenn auch keine, mit der sie allzu viel ausrichten konnten.

Aber es war zumindest ein Anfang.



Drusus

Drusus stöhne, als er zu schnell von seinem Stuhl in seiner Arbeitsstube des Hauptquartiers aufstand. Schnell setzte er sich wieder hin und schloss kurz die Augen. Eigentlich hatte der Medicus ihm empfohlen, noch ein paar Tage im Bett liegen zu bleiben.

Mit Drusus saß ein junger Mann im Zimmer. Bei ihm handelte es sich um einen Sklaven, der ihm seit kurzem als Schreiber diente.

„Mein Kopf macht mir wirklich zu schaffen,“ sagte er und nickte dem Jungen freundlich zu. „Und du würdest deinen Arbeitstag wahrscheinlich auch gerne beenden und dich ausruhen, was?“

Aber ein Trupp Soldaten war soeben zurück gekehrt und sie brachten fünf Gefangene mit.

Darum musste er sich kümmern und daher erhob er sich erneut von seinem Platz, als die Männer von Aurelius und seinen Soldaten herein geführt wurden.

Die Gefangenen sahen so aus, wie sich Drusus zwielichtige Gestalten, die in schäbigen Gegenden verkehrten, vorstellte. Sie waren passenderweise in einer Taverne im schlimmsten Viertel von Capua in eine Schlägerei geraten und dabei hatte es einen Toten gegeben.

Der herbeigerufenen Stadtwache war es gelungen, die fünf Männer zu verhaften. Anscheinend hatten sich die Gefangenen heftig zur Wehr gesetzt, denn die Soldaten wiesen blaue Flecken auf und einem Mann tropfte Blut aus der Nase, das er sich nun fortwischte.

Er hörte den Bericht seines Hauptmannes.

Anschließend war Drusus mehr als zufrieden. Denn es hatte sich, nach den Aussagen von Zeugen und dem voreiligen Geständnis eines der Männer, der mit seinen Taten prahlte, herausgestellt, dass es sich durchaus um mehr als eine harmlose Schlägerei handelte.

Bei den Männern handelte es sich Piraten, die zur Mannschaft von Heracleo, einem bekannten und berüchtigten Piraten, gehörten.
Laut den Aussagen des Angebers, der auch jetzt noch dümmlich grinste und von seinen vier Kameraden wütend angestarrt wurde, hatten sie einen Auftrag zu erfüllen gehabt und dieser hatte sie nach Capua geführt.

Drusus seufzte innerlich. Die entflohenen Gladiatoren und aufmüpfige Sklaven bereiteten ihm im Augenblick eigentlich genügend Probleme. Leider gab es auch noch genügend andere zwielichtige Gestalten in Capua und einer von ihnen machte wohl irgendwelche schmutzigen Geschäfte mit Heracleo, hatte sich aber nicht an Vereinbarungen gehalten.

Anscheinend ging es um eine nicht unerhebliche Summe Geld, die Heracleo auf diese Weise durch seine Leute eintreiben wollte.

Dabei war es dann zwischen den Piraten und den Leuten seines ehemaligen Geschäftspartners zu einer Schlägerei gekommen.

Dem Kommandanten der Stadtwache kam ein Sprichwort in den Sinn, das er einmal über Heracleo gehört hatte. Den Mann betrog man nicht, man hielt sich besser an gemachte Vereinbarungen, sollte sich umgekehrt aber nicht darauf verlassen.

Drusus war nicht unzufrieden. Zwar konnte er bis auf einen zerlumpten und kranken Gladiator sowie einem Haussklaven, der eigentlich nichts getan hatte, niemanden aus dem Haus Batiatus präsentieren, wenn der Prätor in ein paar Tagen eintreffen würde. Er hatte die beiden halbwegs vernünftig herrichten lassen, um sie ein wenig vorzeigbarer zu machen. So machten sie etwas mehr her und sein Erfolg wirkte ein wenig größer, als wenn es sich um allzu bemitleidenswerte Geschöpfe handelte.

Der Gedanke ließ ihn spöttisch lächeln. Mitleid gehörte nicht zu Glabers herausragenden Eigenschaften.

Zumindest konnte er jetzt zusätzlich ein paar gesuchte Piraten präsentieren.

„Sperrt die fünf in Zellen, aber in getrennte, sie sollen sich nicht absprechen und irgendwelche Pläne schmieden“, befahl er seinem Hauptmann Aurelius, dessen Arm immer noch in der Schlinge hing und der ein wenig Abstand zu den gefangenen Piraten hielt.

Obwohl sie Ketten an den Händen und den Füßen trugen sahen sie ihn so grimmig an und einer von ihnen, ein Mann mit schwarzer Hautfarbe, machte ein paar spöttische Bemerkungen, so dass er es vorzug, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

Dieser Mann machte von allen den gepflegtesten Eindruck und schien der Anführer dieser kleinen Gruppe zu sein.

Aurelius wirkte beinahe so erschöpft wie Drusus sich im Augenblick fühlte und überließ es daher seinen Soldaten, die fünf Männer in ihre Zellen zu bringen. Dann verließ auch er den Dienstraum des Kommandanten.
Drusus setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Er wandte sich anschließend an seinen Schreiber und diktierte ihm die Namen der Piraten. Manche klangen abenteuerlich.

„Soron, Valentinus, der einäugige Ägypter, Draganus der Hartherzige, Xerxes der kluge Perser..,“, hier lachte Drusus auf.
Sicherlich meinten diejenigen, die ihm diesen Namen gegeben hatten, es nicht ernst und machten sich in Wahrheit über ihn lustig. „Eigentlich müsste es Xerxes der Dummkopf heißen. Er hat ohne Not alles erzählt, was er wusste und wahrscheinlich werfen ihn die anderen Piraten über Bord zu den Haien, sollten sie jemals dorthin zurück kehren. Was natürlich nicht geschehen wird….“

Dann wandte er sich wieder an den Schreiber. „Und der Name des letzten Piraten lautet Castus.“
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