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Die Überlebenden

von Deira
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Agron Duro Lucretia Nasir Pietros Spartacus
14.02.2020
03.07.2022
47
117.628
4
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
11.03.2020 3.316
 
Hier kommt nun das nächste Kapitel. Dieses Mal geht es um Duro und Lucretia, beim nächsten Mal ist Pietros wieder an der Reihe. Ich hoffe, es gefällt euch. Ich freue mich über Kommentare. Sogar sehr.




Kapitel 11




Duro


Zu Duros Erleichterung verließen Kommandant Drusus und Aurelius, der ihm noch einen wütenden Blick zuwarf, den Raum. Er blieb mit Alexios und dem im Türrahmen stehenden Soldaten, der im Augenblick die Aufgabe hatte, ihn zu bewachen und den Mediucs zu beschützen, zurück.
Der Medicus löste den Verband und schüttelte ungehalten den Kopf. Er murmelte etwas unverständliches und schien sichtlich verärgert zu sein. Er wischte das Blut weg, und drückte nun seinerseits auf die Wunde.
Natürlich war es schmerzhaft, wenn auch weitaus weniger schlimm als die Berührung des verfluchten Bastards Aurelius.
„Nicht...“, bat Duro, aber der Medicus ging nicht darauf ein, sondern setzte seine Untersuchung fort.
Schließlich verband er die Wunde erneut, wobei er ebenfalls nicht sonderlich sanft vorging. Duro verfluchte in diesem Moment nicht nur Aurelius, sondern auch den Medicus in Gedanken mit allen beleidigenden Namen, die ihm in den Sinn kamen.
Während Duro sich schwor, nach dieser Behandlung niemanden auch nur noch einmal in die Nähe seiner Wunde zu lassen, schien der Medicus zufrieden zu sein.
„Ich hatte Schlimmeres befürchtet. Aber noch einmal sollte so etwas nicht passieren“, stellte er sachlich fest und Duro starrte ihn wütend an. „Ich habe da ganz sicher auch nicht gewollt. Dieser verdammte römische...“
Der Medicus unterbrach ihn. „Du solltest hier niemanden beleidigen. Dadurch wird niemand freundlicher zu dir sein.“

„Wenn ich es nicht tue ist auch niemand freundlich zu mir. Du sprichst ja meistens nicht einmal mit mir!“, widersprach Duro und wie erwartet wandte sich der Medicus ab und ging nicht auf die Worte des Verletzten ein.
Der Medicus füllte schweigend Kräuter in einen Becher und goß Wasser darüber.

„Ich weiß, dass du nicht mit mir sprichst. Aber ich habe nur eine einzige Frage an dich,“ bat Duro schließlich und er schämte sich für den traurigen Unterton in seiner Stimme. Er wollte nicht wie ein verängstigter Feigling klingen. Aber mit einem Mal fühlte er sich sehr müde und seine Schmerzen machten ihm erneut zu schaffen.
Zu seiner Überraschung antwortete der Medicus nicht einmal unfreundlich. Auch er schien müde zu sein. „Was willst du wissen?“

„Als...ich gefunden wurde…hielt man mich für tot?“, fragte er und Alexios sah ihn beinahe traurig an. „Ich habe dich gefunden. Es gab mehrere Tote und ich hielt dich zuerst für einen weiteren. Ich musste mehrmals hinsehen, bis ich bemerkte, dass du noch lebst. Und ehrlich gesagt wundere ich mich immer noch, dass du es tust. Ich habe solche Wunden schon oft gesehen, im Krieg. Manchmal wird auch hier ein Soldat mit einer solchen Verletzung herein gebracht. Häufig kann ich nichts mehr machen. Manchmal hat ein Verletzter auch Glück, je nachdem, wie eine Klinge eindringt. Aurelius Freund, sein einziger, der auch dort lag, hatte eine ähnliche Wunde. Er war tot. Darum hasst er dich wahrscheinlich. Aber eigentlich braucht Aurelius keinen Grund, um Gefangene zu foltern.“

„Also habe ich Glück gehabt?“, fragte Duro leise. „Und er dachte auch, ich wäre tot...“

Mit letzterem meinte er seinen Bruder. Also war dieser auch davon ausgegangen, dass er nicht mehr lebte und hatte ihn nicht im Stich gelassen. Duro schämte sich mit einem Mal für den leisen Zweifel, den Drusus in ihm geweckt hatte.

Wie hatte er diesen Zweifel zulassen können? Er kannte doch seinen Bruder Agron. Dieser würde wahrscheinlich in das Hauptquartier stürmen, sollte er jemals erfahren, dass sein Bruder noch lebte. Dabei würde er keinerlei Rücksicht auf irgendwelche Gefahren oder das eigene Leben nehmen, auch wenn Duro nicht verlangte, dass er etwas riskierte. Aber niemand wusste, dass er lebte. Niemand würde nach ihm suchen.

Er schwor sich, niemals irgend etwas zu glauben, was ihm dieser Kommandant oder einer seiner Männer erzählte.

„Ich weiß nicht, von wem du sprichst,“ sagte Alexios unterdessen. „Und eigentlich sollte ich nicht mit dir sprechen. Aber wenn selbst ich dich zuerst für tot hielt, dürfte es deinen Freunden oder wem auch immer, auch so ergangen sein. Aber was das Glück angeht…ich weiß nicht, ob es ein Glück ist, hier im Kerker zu überleben...wie lange auch immer...“

Der Medicus wandte sich wieder ab und reichte Duro einen Becher mit Wasser. „Trink das. Ich habe ein paar meiner Kräuter hinein gemacht.“

Anschließend verließ er schweigend den Raum und ließ Duro mit dem Soldaten zurück, der auf einem Hocker Platz nahm und seinen eigenen Gedanken nachhing.


Lucretia

Lucretia trat auf ihren Balkon und ließ den Blick schweifen. Endlich war sie wieder zu Hause und glücklicherweise waren die Aufräumarbeiten gut voran gegangen.

Selbstverständlich waren sämtliche Toten beseitigt worden und sie hatte bereits kurz nach dem schrecklichen Tod ihres Mannes, noch aus dem Hauptquartier der Stadtwache heraus, dafür gesorgt, dass dieser ein standesgemäßes Begräbnis erhielt.

Im Grunde konnte sie mit dem Zustand ihrer Villa zufrieden sein. Die Böden waren geschrubbt worden und auch das Blut an den Wänden und auf den Möbeln war verschwunden.

Leider hatten die entflohenen Sklaven sich nicht damit begnügt, einfach nur ihre Haut zu retten. Es war einiges entwendet worden. Mehrere der Schatullen, in denen ihr Mann seine Münzen aufbewahrt hatte, waren geleert worden und auch an Kleidung war einiges verschwunden.

Insbesondere hatten diese Diebe es auf wärmende Kleidung abgesehen gehabt, aber auch die Tuniken ihres Mannes, einige ihrer schönsten Kleider sowie ihre Perücken waren verschwunden. Letzteres schmerzte sie besonders. Aber war es noch angemessen, als trauernde Witwe, das Haar in auffälligen Farben zu tragen?

Sie hatte sich, wie es sich für eine Witwe gehörte, ein dunkles Kleid angezogen und sie trug nun eine braune Perücke. Auch so war sie mit ihrem Äußeren durchaus zufrieden.

Sie blickte in die Ferne. Es ging nicht nur um Äußerlichkeiten und den Verlust von ihrem Hab und Gut. Sie vermisste ihren Mann und hätte ihn gerne an ihrer Seite gehabt. Seinem Mörder würde sie niemals vergeben.
Innerlich schwor sie demjenigen, der ihm letztlich den tödlichen Schlag versetzt hatte, einen schrecklichen und qualvollen Tod.

Dasselbe galt für Crixus, der versucht hatte, sie und ihr Kind zu töten.

Ihre Gedanken wanderten von ihrem Mann Quintus zu ihrer Freundin Gaia, die sie bereits früher verloren hatte. Auch Gaia hatte ein unverdientes Ende gefunden. Ihre Unterstützung und Zuneigung hätte sie nun gebraucht. Die Freundin wäre sicherlich tröstend für sie da gewesen, jetzt, nachdem sie eine Witwe war. Sie hätten gemeinsam um Quintus trauern können.

„Gaia, du fehlst mir,“ flüsterte sie leise.

Sie glaubte, dass sich das Kind in ihrem Bauch wieder rührte.

Ihr und Crixus` Blut und der Erbe von Quintus`Vermögen. Sie würde das Kind im Sinne ihres Mannes erziehen. Wem würde ihr Sohn ähneln? Aber auch wenn sie an das Kind meist als einen Jungen dachte, war sie sich bewusst, dass es durchaus auch ein Mädchen sein konnte.

Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und lächelte. „Wenn du ein Mädchen bist, habe ich zumindest einen schönen Namen für dich...“, dachte sie, während ein frischer Wind aufkam.

Lucretia verließ den Balkon und begab sich in das Innere der Villa.

Es war so viel ruhiger als früher, auch wenn sie nicht gänzlich alleine war. Sie hatte all ihre Sklaven herbei gerufen, und diese standen nun aufgereiht vor ihr, während sie sie betrachtete und in ihre neuen Aufgaben einwies.

Als erstes war da Damaris, die sich nach anfänglichen Schwierigkeiten als recht geschickt erwiesen hatte, wenn es darum ging, ihrer Domina bei persönlichen Dingen zur Hand zu gehen. Das Mädchen wirkte stets ein wenig traurig und schien wegen irgend etwas ein schlechtes Gewissen zu haben. Trauerte sie wegen Drusus? Hatte sie sich mehr erhoffte? Das war dumm gewesen.
Aber so lange Damaris ihre Arbeit ordentlich erledigte, war dies Lucretia gleichgültig.
Neben Ashur, der einen unzufriedenen Eindruck machte, standen die drei neue Sklaven, die sie kurz vor ihrer Rückkehr in ihre Villa auf dem Markt gekauft hatte.

Cornelius, ein älterer Mann, der seit seiner Kindheit als Sklave lebte, stammte ursprünglich aus Gallien. Er hatte im Haushalt eines reichen Römers gelebt und sich dort seit Jahren um die Finanzen seines Dominus gekümmert. Dieser war offenbar so zufrieden gewesen, dass er versprochen hatte, Cornelius die Freiheit zu geben.
Dazu war es durch den plötzlichen Tod des Mannes nicht mehr gekommen und seine Erben hatten Cornelius verkauft. Anscheinend hatte er ihnen vorgeworfen, das Erbe des verstorbenen Dominus zu verprassen und den rechtmäßigen Erbe zu bestehlen.

Es gefiel ihr, dass er sich so sehr für seinen toten Dominus eingesetzt hatte.

Er hatte bereits damit begonnen, die Unterlagen von Lucretias geliebten Quintus durchzusehen. Er und Lucretia hatten deswegen bereits ernsthafte Gespräche geführt. Er riet ihr, sorgsam mit ihrem Vermögen umzugehen, da nicht sicher war, wie es in geschäftlicher Hinsicht weitergehen würde. Das, was es an Vermögen gab, sollte möglichst geschont werden.

Ashur schien nicht zufrieden damit, dass Cornelius nun diese Aufgaben übernahm, aber darauf war Lucretia nicht weiter eingegangen. Ihrer Ansicht nach hatte Ashur keinerlei Grund, sich über irgend etwas zu beklagen. Dies tat er auch nicht. Aber sie bemerkte seinen Ärger durchaus.
Aber dies belastete sie nicht allzu sehr. Schließlich ließ sie Ashur weitaus mehr Freiheiten als üblich. Noch immer verließ er regelmäßig ihre Villa und sie wusste nicht, wohin er ging. Dies hätte sie ihren anderen Sklaven nicht zugestanden.
Außerdem war sie seine Domina und das Letzte, was sie jemals tun würde, war, sich vor einem Sklaven zu rechtfertigen. Würde sie ihm befehlen, künftig die Böden zu wischen und die Kleidung zu waschen, dann würde er genau dies tun.
Auch wenn dies bedeutete, dass seine Fähigkeiten damit verschwendet wurden, denn in ihrem Kopf begann, was ihn anging, ein möglicher Plan Gestalt anzunehmen, der seinen Fähigkeiten mehr entgegen kam. Sie schätzte seine Klugheit durchaus.

Ein weiterer Neuzugang in ihrem Haus waren Lenya und Liria. Bei Lenya handelte es sich um eine Frau in den dreißigern. Auch sie hatte bisher im Dienst einer reichen Domina gestanden und war dort für die Küche zuständig gewesen. Liria, eine junge Frau, ein wenig älter als Damaris, stammte aus demselben Haushalt.

Lucretia hatte die Jüngere gekauft, um Hausarbeiten zu erledigen.

Einstweilen mussten diese wenigen Sklaven ausreichen. Denn sie wollte zunächst abwarten, bis Cornelius mit der Durchsicht ihrer Finanzen fertig war.

Außerdem gab es noch Soldaten der Stadtwache, die ihr Schutz vor einem erneuten Überfall gewähren sollten, aber dies würde nur eine vorübergehende Maßnahme sein, da Drusus die Männer nicht auf Dauer entbehren konnte.

Also würde sie sich demnächst nach guten Leibwächtern umsehen müssen. Auch der ehemalige Galdiator Ashur war noch immer in der Lage, im Ernstfall zu kämpfen, auch wenn er durch seine alte Verletzung natürlich nicht mehr an seine früheren Fähigkeiten heranreichte.

Seine Fähigkeit, sich zu verteidigen, war durchaus von Vorteil. Dennoch brauchte sie weitere Leibwächter.
„Ich erwarte Loyalität. Dann werde ich eine gerechte Domina sein,“ sagte sie zu ihren neuen Sklaven. „Ihr werdet kein schlechtes Leben haben. Aber ich erwarte unbedingten Gehorsam.“

Lenya, Liria, Damaris und Cornelius senkten den Blick. Lucretia lächelte. Gut, sie wussten offenbar, wo ihr Platz war. Auch Ashur stand friedlich neben den anderen Sklaven. Er hatte sich ihr gegenüber bislang tadellos verhalten und nicht versucht, ihr zu schaden.

Zumindest ging sie davon aus und wusste nichts anderes.


Es gab einen gewichtigen Grund, aus dem sie auf loyale Untergebene und insbesondere einen vertrauenswürdigen Leibwächter angewiesen war. Dabei ging es nicht nur um ihre Furcht vor einem möglichen erneuten Überfall.

Sie hatte Ilithyias Rolle beim Gladiatorenüberfall auf ihr Heim nicht vergessen. Ohne sie wäre sicherlich mehr Menschen die Flucht geglückt. Vielleicht hätte Quintus überlebt.

Leider war sie sich nur zu sehr bewusst darüber, dass sie gegen Ilithyia und vor allem ihren Mann nichts ausrichten konnte. Wenn sie zu unbequem wurde und die wenigen Trümpfe, die sie noch in der Hand hatte, ausspielte, könnte es ihr durchaus geschehen, dass die beiden, insbesondere Ilithyia sich mit ihrer Beseitigung befassen würden.

Jetzt, als Witwe, die ein Kind erwartete, stand sie weitaus unsicherer da als zu der Zeit, in der sie ihren Mann an ihrer Seite gehabt hatte.

Der Gedanke an Ilithyia war fast unerträglich. Sie hasste sie mindestens so sehr wie Crixus und denjenigen, der ihren Mann getötet hatte. Sie hoffte, dass sie diese Frau und deren Ehemann einstweilen nicht zu Gesicht bekommen würde.

Es bestand die Gefahr, dass sie versuchen würde, Ilithyia die Augen auszukratzen.



Die Problematik, dass sie Leibwächter benötigte, besprach sie an diesem Abend auch mit Cornelius, als er ihr einige Unterlagen, ihre Finanzen betreffend, zeigte. „Ich brauche vertrauenswürdige Männer, auf die ich mich verlassen kann,“ sagte sie, ohne auf die genauen Gründe einzugehen.

Cornelius nickte verständnisvoll und schien einen Augenblick nachzudenken, ehe er das Wort ergriff.

„Domina, vielleicht dürfte ich jemanden vorschlagen“, sagte er und sie wollte sich diesen Vorschlag zumindest einmal anhören. Es schadete schließlich nicht.

„Sprich, Cronelius,“ forderte sie ihn daher auf.

„Mein Dominus war ein gerechter Mann. Ich diente ihm fast mein ganzes Leben lang und wollte auch nach seinem Tod noch sein Vermögen verteidigen. Er wollte eigentlich, dass sein Lieblingsneffe sein Erbe wird, aber andere Verwandte hatten etwas dagegen...“, begann Cornelius und Lucretia unterbrach ihn.
„Ich weiß. Und du hast versucht, das Vermögen deines toten Dominus zu verteidigen, damit sein letzter Wille erfüllt wird und die Verwandten es nicht verschwenden.“

Cornelius nickte. „Ja. Aber ich habe nur sein Vermögen verteidigt. Sein Leibwächter, Matay, hat sogar noch seinen Leichnam verteidigt. Er war immer sehr loyal und hat ihn mindestens zweimal vor Banditen, die ihn überfallen wollten, gerettet. Einmal wurde mein Dominus von einem wild gewordenen Hund angefallen und Matay ging mit bloßen Händen dazwischen. Er wurde als Leibwächter ausgebildet, nachdem er sich als Haussklave nicht eignete. Er war zu eigensinnig...“

Lucretias Neugier schwand. Ein eigensinniger Leibwächter war nicht das, was sie suchte.

Dennoch erlaubte sie Conelius, fortzufahren. „Er war damals noch fast ein Junge, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Matay war noch nicht lange ein Sklave, er hatte noch kurz zuvor in seiner Heimat in Freiheit gelebt. Auch durch Schläge ließ er sich sein Verhalten nicht austreiben. Sein damaliger Dominus wollte ihn bereits in die Minen verkaufen, als mein Dominus aus Rom anreiste und ihn besuchte. Sie waren alte Freunde und mein Dominus kaufte Matay für wenig Geld. Es war für seinen früheren Besitzer ein gutes Geschäft, er erhielt mehr Geld, als wenn er ihn in die Minen geschickt hätte. Das ist jetzt fast dreizehn Jahre her. Marcu...Mein Dominus nahm ihn mit nach Rom ließ ihn zum Leibwächter ausbilden.“

„Und er war wirklich loyal?“, fragte Lucretia misstrauisch. „Dort war er nicht aufmüpfig?“

Cornelius schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein. Zu Beginn versuchte er einmal zu fliehen, er wurde wieder eingefangen und mein Dominus bestrafte ihn nicht. Matay hatte sich bei der Flucht verletzt und er ließ seine Wunden behandeln.

Der ältere Mann lächelte traurig und Lucretia kam zu dem Schluss, dass sein verstorbener Dominus Cornelius sehr viel bedeutet haben musste.

„Es hatte seinen Grund, warum wir unserem Dominus treu dienten,“ fuhr Cornelius fort. „Er behandelte uns mit Freundlichkeit und wusste unsere Arbeit zu schätzen. Niemals wurde einer von uns misshandelt oder in seinem Schlafzimmer zu etwas gezwungen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und nach Abschluss seiner Ausbildung wurde Matay zu einem guten Leibwächter. Er verteidigte unseren Dominus dann auch mehrfach erfolgreich. Einmal schickte jemand einen Auftragsmörder. Dieser wollte unseren Dominus erstechen. Matay überwältigte den Mann, obwohl er ein guter Kämpfer war. Wir haben es nie wirklich herausgefunden, aber wir vermuteten stets, dass die gierigen Verwandten ihn geschickt hatten, um unseren Dominus vorzeitig ins Grab zu bringen.“

Lucretia gefiel es, dass Cornelius sehr respektvoll von „unserem Dominus“ sprach. Außerdem ließ sein Gesichtsausdruck darauf schließen, dass er den Mordanschlag als persönliche Beleidigung empfand. Dies gefiel ihr durchaus. Sie hoffte, dass er ihr genauso treu dienen würde.

Außerdem begann sie sich nun doch für diesen Matay zu interessieren.

„Was ist mit ihm geschehen? Und was hat es mit der Geschichte auf sich, dass er seinen toten Dominus verteidigt hat?“, erkundigte sich und ein schmerzhafte Ausdruck erschien auf dem Gesicht des älteren Sklaven.

Offenbar hatte die Ereignisse ihm großen Kummer bereitet.

„Mar….mein Dominus lag aufgebahrt auf seinem Bett. Er trug seine beste Kleidung und seinen Lieblingsschmuck. Dazu gehörte auch ein wertvoller Ring. Der sollte nach seiner Aufbahrung an seinen Lieblingsneffen übergehen. Dann stürmten seine anderen Verwandte die Villa geradezu. Ich weiß, es steht mir nicht so, so zu sprechen. Aber mein Dominus tat es zu Lebzeiten auch stets. Er hatte sich sogar ein Haus hier in Capua gekauft, um Abstand zwischen sich und seine Familie zu bringen. Daher starb er hier und nicht in Rom. Er hatte erst einen Monat vor seinem Tod seinen Wohnsitz hierher verlegt. Seine beiden Schwestern, deren Ehemänner und sein einziger Bruder samt Söhnen, benahmen sich abscheulich, als sie über den Toten herfielen. Sie müssen die Reise von Rom nach Capua in großer Geschwindigkeit unternommen haben, nachdem sie von seinem Tod erfuhren.“

Die Erinnerung schien Cornelius wirklich traurig und wütend zu machen. Er hatte eine Hand zur Faust geballt, als er weitersprach. „Sie rissen ihm den Schmuck vom Körper und einer seiner Neffen nahm den Ring an sich und sagte, dass dieser wertvoll sei und gutes Geld einbringen würde. Da griff Matay ein. Er riss dem Mann, der als Soldat dient und sogar sein Schwert zog, den Ring aus den Fingern und beförderte die ganze Familie aus dem Schlafzimmer meines Dominus. Er ließ keinen von ihnen in die Nähe des Leichnams und sorgte auch dafür, dass der Lieblingsneffe den Ring bekam. Der junge Mann traf später als seine Verwandten ein. Es kam direkt zum Streit. Er konnte sich letztlich nicht durchsetzen, seine gesamte Familie stand gegen ihn. Matay beschützte ihn zumindest vor körperlichen Übergriffen seiner Onkel und Cousins.“

Lucretia war beeindruckt. „Aber ließen sich die Verwandten das gefallen?“

Cornelius schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Sie riefen die Stadtwache und einen Tag später wurde Matay verhaftet und befindet sich nun im Kerker. Auch bei seiner Verhaftung setzte er sich zunächst erfolgreich zur Wehr, aber letztlich wurde er überwältigt, nachdem er einen Schlag auf den Kopf erhielt. Der Neffe meines Dominus konnte dies nicht verhindern. Eigentlich wollte er den letzten Willen seines Onkels erfüllen und Matay und mir die Freiheit schenken.“

Von solchen Plänen wollte Lucretia nichts wissen. Freiheit? Das würde es bei ihr nicht geben.

Sie dachte einen Augenblick nach. „Wer hat ihn zum Leibwächter ausgebildet?“, fragte sie, da sie mehr wissen wollte.
„Der vorherige Leibwächter meines Dominus. Er war ein freigelassener Gladiator namens Mercurius, und trat nach seiner Zeit in der Arena in die Dienste meines Dominus. Er hatte sich seine Freiheit in Rom erkämpft. Leider ist er vor vier Jahren verstorben. Er wurde krank, große Schmerzen im Bauch und Fieber, und starb innerhalb weniger Tage. Der Medicus, nach dem mein Dominus sofort schickte, sagte, dass es an einer Erkrankung an seiner rechten Seite des Bauches lag. Er konnte nichts machen. Mercurius war ein guter Mann und behandelte Matay fast wie einen Sohn“, berichtete Cornelius und er schien über den Tod des ehemaligen Gladiators bedrückt zu sein. „Matay lernte sehr viel von ihm. Einer von Matays Vorteilen ist es, dass er häufig von seinen Gegnern unterschätzt wird. Er ist ein wenig kleiner als viele Männer und auch die Banditen, die meine Dominus damals Nachts auf dem Heimweg in den Straßen von Rom angriffen dachten, sie hätten ein leichtes Spiel mit ihm. Zum Schluss lagen vier von ihnen tot auf dem Boden und die anderen sind geflohen.“

Lucretia interessierte sich für diesen Matay. Er schien ein guter Kämpfer zu sein und war sicherlich ein guter Leibwächter.

Aber sie war noch unschlüssig. Würde dieser Mann sie notfalls mit seinem Leben verteidigen?

Die Vorstellung, wie er einen Auftragsmörder, den Ilithyia geschickt hatte oder sie selbst überwältigte und von der Klippe warf, gefielt ihr. Auf der anderen Seite konnte es auch durchaus sein, dass Matay ihr nachts im Schlaf die Kehle durchschnitt und floh. Immerhin hatte er sich zu Beginn als aufmüpfig erwiesen und ihm war bereits die Freiheit versprochen worden.

Dennoch interessierte sie sich für ihn...
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