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Die Überlebenden

von Deira
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Agron Duro Lucretia Nasir Pietros Spartacus
14.02.2020
03.07.2022
47
117.628
4
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.03.2020 3.297
 
Hier geht es weiter mit dem nächsten Kapitel. Und mein kleines Poltbunny (ein flauschiges Hässchen, dass sich ans Bein anschmiegt vorstellen) schaut schon ganz traurig, weil es keine Review-Möhrchen kriegt. Schaut in diese großen traurigen Hasenaugen....



Kapitel 10



Lucretia

Lucretia betrachtete das junge Mädchen von oben bis unten. Sie war zufrieden, dass sie wenigstens eine ihrer Sklavinnen zurück bekommen hatte. Jetzt hatte sie zumindest wieder eine Dienerin, die ihr gehörte und war nicht mehr auf die Hilfe von Sklaven, die im Hauptquartier dienten, angewiesen.
„Damaris. Du hast bisher in der Küche gearbeitet und warst hauptsächlich damit beschäftigt, Essen zu servieren und hinterher den Tisch zu decken und abzuräumen.“, fragte sie und Damaris nickte.
Die junge Frau sah traurig aus und Lucretia fragte sich nach dem Grund. Schließlich hatte sie sogar Grund, das Mädchen zu loben.
„Du hast das richtige getan, als du Hilfe geholt hast. So habe wenigstens ich überlebt und du wirst mir jetzt weiterhin dienen. Für dich bedeutet dies einen Aufstieg. Denn ich brauche dich jetzt, um mir persönlich zur Hand zu gehen!“
Jemand musste schließlich Miras und Aurelias Aufgaben übernehmen!

Damaris nickte unsicher und Lucretia seufzte. „Mädchen, du musst lernen, den Mund aufzumachen, wenn ich mit dir spreche. Ich wünsche, mich mit meiner Dienerin zu unterhalten, wenn du dich morgens um meine Frisur kümmerst und mir dabei hilfst, mich für den Tag zurecht zu machen. Diese Aufgabe haben bisher andere übernommen. Aber die haben mich, im Gegensatz zu dir, schändlich im Stich gelassen!“
„Ja, Domina,“ antwortete Damaris.
Lucretia lächelte bitter. Sie dachte mit Wehmut an ihre anderen Sklavinnen. Sie gab es nur ungern zu, hatte aber in den letzten Tagen die unterstützenden Hände der jungen Frauen vermisst.

Außerdem vermisste sie das gute Essen ihrer Köchin Letitia.
Aber sogar die alte Frau hatte sie verlassen und der Fraß, den es in diesem Hauptquartier gab, war eine Zumutung.
Sie würde bald auf den Markt gehen und sich nach neuen Sklaven für ihren Haushalt umsehen müssen.

Sie fragte sich, wo Ashur steckte.
Sie hatte ihm die Erlaubnis gegeben, das Hauptquartier nach Belieben zu verlassen und dies auch Kommandant Drusus mitgeteilt.
Ashur hatte ihr gesagt, dass er Dinge zu erledigen habe. Dinge, die letztlich auch ihr zugute kamen.
Sie wollte für den Augenblick nicht mehr wissen. Bislang war er in den vergangenen Tagen bereits dreimal verschwunden, aber immer wieder zurück gekehrt.
Kommandant Drusus hatte sein Verschwinden mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen, aber letztlich war er ihr Sklave und da hatte der Stadtkommandant ihr nicht herein zu reden. So lange Ashur nichts tat, was gegen das Gesetz verstieß oder vielmehr, solange Drusus nicht erfuhr, dass Ashur gegen das Gesetz verstieß, ging ihn sein Verschwinden nichts an.

Ihr Lächeln verschwand beim Gedanken an den Stadtkommandanten. Der Mann hatte sie verärgert, als er ihr mitteilte, dass er das Bett mit ihrer Sklavin geteilt hatte. So etwas schätzte sie ganz und gar nicht und unter anderen Umständen hätte sie das Mädchen dafür bestraft.
Der Kommandant hatte sich bei ihr für sein Verhalten entschuldigt und da sie ihm viel verdankte, hatte sie diese Entschuldigung angenommen.
Damaris hingegen kam um eine Strafe herum, weil sie im Augenblick neben Ashur die einzige Sklavin war, die ihr noch zu Diensten stand.

Sie hoffte, dass die Aufräumarbeiten in ihrem Zuhause bald beginnen würden. Dann würde sie nach Hause zurück kehren, auch wenn es dort am Anfang sehr einsam sein würde. Sie seufzte, denn sie wusste noch nicht, wie es mit ihrer finanziellen Situation weitergehen sollte.
Lucretia wusste, dass sie sich dringend nach einem Sklaven umsehen musste, der etwas von Buchführung und Finanzen verstand. Vor allem musste sie sich auf seine Loyalität verlassen können. Sie war sich nicht sicher, inwieweit sie Ashur trauen konnte.
Sollte sie weiterhin Gladiatoren ausbilden? Dies wäre für eine alleinstehende Frau sehr ungewöhnlich. Hatte es so etwas schon einmal gegeben? Außerdem müsste sie zuerst einmal neue Sklaven finden, die sich zur Ausbildung eigneten.

Einer ihrer Gladiatoren befand sich im Gefängnis des Hauptquartiers. Aber dieser war nie der beste Kämpfer gewesen. Noch dazu stand es in den Sternen, ob er sich jemals soweit von seiner Verletzung erholen würde, dass er wieder zum Kämpfen in der Lage war. Außerdem hatte er zu denen gehört, die sie und ihren Mann verraten hatten.
Nein, ihn würde sie dem Stadtkommandanten überlassen. Dasselbe galt für ihren anderen Sklaven, Pietros. Die beiden standen ihr nicht mehr zur Verfügung.
Ein kurzer Anflug von schlechtem Gewissen machte sich bemerkbar. Pietros hatte ihrem Kind wahrscheinlich das Leben gerettet…
Aber sie schob ihre kurzzeitigen Bedenken zur Seite. Wahrscheinlich lag es an ihrer Schwangerschaft, dass sie überhaupt darüber nachdachte.

Leider hatte eine Befragung des ehemaligen Sklaven aus der Küche keine Ergebnisse gebracht. Wahrscheinlich wusste er wirklich nicht allzu viel. Außerdem hatte Aurelius, der mit der Befragung beauftragt war, übertrieben und dem Jungen die Nase gebrochen.
Lucretia hatte Aurelius kurz kennen gelernt und empfand ihn als einen sehr unangenehmen Menschen.
„Damaris, bürste meine Haare,“ forderte sie das junge Mädchen nun auf und reichte ihr eine Bürste. „Fang an!“

Sie dachte mit Wehmut an die schönen Perücken, die sich in ihrer Villa befanden. Jedenfalls hoffte sie, dass sie noch da waren. Aber die Gladiatoren hatten doch sicherlich keinerlei Interesse daran gehabt und sie mitgenommen. Was sollten sie damit anfangen?

Lucretia legte eine Hand auf ihren Bauch. Sie war sich nicht wirklich sicher, aber seit gestern glaubte sie, dass sich das Kind bereits zu rühren begann. Sie lächelte. Die Hebamme, die der Kommandant für sie hatte kommen lassen, hatte ihr gesagt, dass dies ein sehr gutes Zeichen sei.

Offenbar ging es dem Kind gut.


Marktplatz von Capua

Wie immer herrschte ein reges Treiben auf dem Marktplatz von Capua. Die Händler hatten ihre Stände aufgebaut und boten ihre Waren an. Wie immer waren Menschen von nah und fern gekommen und tummelten sich zwischen den Ständen.

Die Stadtwache hatte ihre Präsens leicht erhöht, aber dies störte die Menschen nicht. Immerhin hatte vor kurzem ein schreckliches Verbrechen stattgefunden. Einigen Markbesucher taten die Getöteten leid, wieder andere waren ein wenig schadenfroh, dass es einen der der Reichen getroffen hatte.

„Sie waren immer arrogant,“ sagte eine Frau, die mit ihren Freundinnen, die sie wahrscheinlich jede Woche auf dem Markt traf, plauderte. Die anderen Frauen stimmten zu. „Es hat nicht die Falschen getroffen.

Einige der Marktbesucher waren traurig darüber, dass die Gladiatoren nun nicht mehr an den Spielen in der Arena teilnehmen würden.
Wieder andere, zumeist Sklaven, zogen es vor, sich nicht zu dem Vorfall zu äußern, vor allem dann nicht, wenn ihr Dominus oder ihre Domina mit ihnen auf den Markt gegangen war, um selbst nach hübscher Ware zu schauen oder Freunde zu treffen.

So verhielt es sich auch mit der jungen Frau, die eine elegante Perücke aus blondem Haar trug. Bei ihrem Kleid handelte es sich um ein elegantes Alltagskleid, das aber ihren hohen Stand betonte. Sie wurde von einigen ihrer Sklaven begleitet. Ein junges Mädchen, wahrscheinlich ihre Leibsklavin, begleitete sie und schaute nach den warmen Pelzen eines Händlers.

„Die sind schön warm, die werden meinem lieben Mann auf seiner weiten Reise einen guten Dienst erweisen,“ sagte die vornehme Frau und lächelte den Händler freundlich an, während ihre Sklavin einen der anderen Begleiter heran winkte. „Wir nehmen drei von ihnen. Und dann besorgen wir noch einen neuen Mantel für meine beiden Schwestern, ihre Männer und unsere Eltern.

Zwei weitere Männer, sie trugen wegen des noch auch in dieser Gegend manchmal kühlen Wetters einen Mantel, nahmen das Gekaufte an sich und folgten dann ihrer Domina, um den Markt zu verlassen.

Drei andere Männer waren offenbar schwer erkältet und trugen darum ebenfalls einen verhüllenden Mantel sowie einen Schal, der ihr Gesicht halb verhüllte. Offenbar wollten sie bei einem Hustenanfall niemanden anstecken.

Ein Händler, der nun Gemüse an sie verkaufte, nahm dies wohlwollend zur Kenntnis. Er wurde häufig angehustet und ärgerte sich jedesmal darüber. Wer wusste schon, unter welchen Krankheiten die Menschen litten?

Hinter den Männern stand eine weitere junge Frau, die wohl mit ihrem Mann unterwegs war. Auch sie deckten sich mit Obst und Gemüse ein.

An diesem Tag freuten sich vor allem die Händler, die Lebensmittel verkauften, über ein gutes Geschäft.

Drei weitere vornehme Damen, mit hübschen Mänteln über ihrer Kleidung und hochgesteckten Haaren, wahrscheinlich Perücken, wurden ebenfalls von ihren Sklavinnen und Sklaven begleitet. Die Damen kauften ebenfalls warme und schöne Kleidung, während ihre Sklaven diese annahmen und nach Hause trugen.
Die Damen wurden von kräftigen Männern begleitet, offenbar handelte es sich um Leibwächter.
Nun, das war verständlich. Schließlich waren die Zeiten sehr unsicher und es war für vornehme junge Römerinnen sicherer, wenn sie nicht ohne Schutz auf den Markt gingen.

Ein römischer Soldat beäugte einen der Männer ein bisschen argwöhnisch, aber eine der jungen Frauen lächelte ihn so freundlich an, dass er lieber ihr Lächeln erwiderte, anstatt sich um den griesgrämig dreinblickenden Mann zu kümmern.


Ja, an diesem Tag freuten sich die Händler über ein gutes Geschäft während sich eine größere Gruppe entflohener Gladiatoren und Haussklaven über warme Kleidung und frische Nahrung freuten, als sie am vereinbarten Treffpunkt wieder zusammen trafen.
Die jungen Frauen zogen die Perücken, die sie in den Räumen der Domina gefunden hatten, vom Kopf, wickelten sich aber weiterhin in die Mäntel, die sie ebenfalls dort gefunden hatten, ein.
Aus der Villa mitgenommene Kleidung, die Perücken und vor allem die warmen Mäntel, die einst zu Lucretias Garderobe gehört hatten, hatten ihren Zweck erfüllt.

Vor allem das in der Villa gefundene Geld hatte sich als nützlich erwiesen.


Duro

Mit Hilfe des Medicus setzte Duro sich ein paar Tage später auf und der Mann stopfte ihm zwei Kissen in den Rücken. Er hatte immer noch Schmerzen, aber diese waren nun ein wenig erträglicher geworden. Er fragte sich, ob das an dem Gebräu lag, dass der Medicus ihm auch jetzt aufzwang.

Wenn es half, hatte er nichts dagegen, es zu trinken, auch wenn es abscheulich schmeckte. Er wollte sich bedanken, aber der Mann reagierte nicht auf seine Worte. Offenbar hatte er kein Interesse daran, ein Gespräch mit ihm zu führen.

Dabei hatte Duro viele Fragen. Und die, die ihn am meisten beschäftigte, stellte er nun, obwohl er nicht mit einer Antwort rechnete.
„Bin ich der einzige? Sind hier noch andere? Ist mein Bruder hier? Sein Name ist...“

Der Medicus hob eine Hand. „Ich werde keine Fragen beantworten. Ich bin dafür da, um mich um deine Wunde zu kümmern. Sonst habe ich nichts mit dir zu schaffen!“

Auch Duros bisherigen Versuche, Fragen zu stellen, waren auf diese Weise abgewehrt worden. Vielleicht war es auch ein Fehler, Agrons Namen überhaupt zu erwähnen. Stand nicht zu befürchten, dass der Medicus dies dem Kommandanten mitteilen würde? Aber etwas sagte ihm, dass Alexios nichts dergleichen tun würde. Er hoffte, dass er sich mit seiner Einschätzung nicht täuschte.

In den letzten Tagen war der Medicus mit der Heilung seiner Wunde zufrieden gewesen, auch wenn Duro anderer Ansicht war. Er fühlte sich immer noch so schwach und müde und sobald er saß wurde ihm schwindelig.

Jeder Verbandwechsel war schmerzhaft und der Anblick seiner vernähten Wunde war abscheulich.

Nach wie vor schien sich der Medicus zu sorgen, dass mögliche Verletzungen im Inneren doch noch zu einer Verschlechterung oder vielleicht sogar zum Tode führen könnten, trotz des zufriedenen Blickes des Mannes beim äußeren Anblick der vernähten Haut.

Unterdessen vermisste er seinen Bruder mehr als jemals zuvor. Bislang hatte es kaum einen Tag in ihrem Leben gegeben, an dem sie getrennt gewesen waren.

Sie hatten sich nahe gestanden, auch wenn Duro sich manchmal gewünscht hatte, dass Agron ihm etwas mehr zutraute und ein bisschen weniger auf ihn acht gab.

Jetzt vermisste er ihn einfach nur, auch wenn er hoffte, dass sich Agron in Freiheit befand. Die Vorstellung, dass er in einer Gefängniszelle saß und vielleicht misshandelt wurde war unerträglich für Duro.

Da war es schon besser, dass er sich alleine an diesem Ort befand.

Er fragte sich auch, wie Agron die Trennung ertrug. Wusste Agron, wo er sich befand? Oder hielt er ihn für tot? Letzteres würde seinen Bruder verzweifeln lassen. Umgekehrt wäre es schließlich genauso gewesen.

„Ich will nichts wissen!“, sagte Alexios indessen, schloss dann abrupt den Mund, als hätte er bereits zu viel gesprochen.

Duro fragte sich, ob der Arzt sich den Kranken und Verletzten gegenüber immer so verhielt oder ob es daran lag, dass er ein Gefangener war, der den Behandlungsraum des Medicus bald gegen eine Gefängniszelle eintauschen würde.

Er hatte natürlich bereits an Flucht gedacht. Dies wäre von den Räumlichkeiten, in denen er sich jetzt befand, sicherlich einfacher zu bewerkstelligen als aus einer Zelle. Aber er befürchtete, dass er in seinem derzeitigen Zustand nicht in der Lage wäre, auch nur drei Schritte zu gehen, ohne bewusstlos zusammenzubrechen.

Der Medicus dachte offenbar ähnlich, denn es gab nur eine einzige Wache, die auf dem Gang vor dem
Behandlungsraum saß und die Tür mehr oder weniger im Auge behielt. Duro hatte ihn dort sitzen sehen, als der Medicus den Raum betrat.

Der Soldat hatte den Medicus freundlich gegrüßt und dieser hatte sogar ein paar Worte mit ihm gewechselt und einen Scherz gemacht.

Also lag es wohl tatsächlich an Duros Status als Gefangenen, dass der Arzt nur das Nötigste zu ihm sprach.

Aber das Verhalten des Arztes sollte zur Nebensache werden, denn nun waren Schritte auf dem Gang vor der Tür zu hören und dann betraten zwei Männer in römischer Rüstung den Raum und der Medicus begrüßte einen von ihnen als „Kommandant“.

Also handelte es sich wahrscheinlich um Drusus, den Stadtkommandanten.

„Wie ich sehe, ist er wach und in der Lage zu sitzen. Gut. Dann werde ich jetzt meine Fragen stellen!“, sagte der Kommandant und der andere Mann blickte Duro fast schon hasserfüllt an.

Aber zu seiner Überraschung widersprach der Medicus, während Duro sich bereits innerlich für ein unangenehmes Verhör zu wappnen versuchte.
„Es ist zu früh. Er ist noch nicht so weit...und was will Aurelius hier?“

Der Medicus sah den zweiten Mann, anscheinend Aurelius, fast schon wütend an. „Hier in diesen Räumen gelten meine Regeln. Er hat hier nichts zu suchen.“
„Er ist auf meinen Befehl hier,“ sagte der Stadtkommandant. „Es steht dir frei, den Raum zu verlassen, während ich meine Fragen stelle!“

Der Medicus schien widersprechen zu wollen, verließ dann aber den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Duro blieb mit dem Stadtkommandaten und dem Soldat namens Aurelius allein zurück.

Die nächste Stunde wurde zur schwärzesten seit Duros Verletzung.

Duro beantwortete kaum eine Fragen, die der Kommandant an ihn stellte. Er bestätigte nur das, was der Mann wahrscheinlich sowieso schon wusste. Da er nicht wusste, ob sich einer seiner Gladiatorenbrüder ebenfalls in Gefangenschaft befand, wollte er nichts aussagen, was einen von ihnen in noch größere Gefahr brachte.

Ja, es hatte einen Aufstand gegeben. Ja, auch er hatte gegen die Wachen im Ludus gekämpft, war dabei verletzt worden. Wer noch dabei gewesen war? Darauf antwortete Duro nicht. Hätte er vielleicht sagen sollen, dass Agron an seiner Seite gekämpft hatte?

Wahrscheinlich hätte es keinen Unterschied gemacht, denn der Kommandant sagte, dass die Namen der geflohenen Galdiatoren sowieso bekannt seien. Schließlich gab es entsprechende Unterlagen im Haus des getöteten Batiatus.

Geflohene Galdiatoren? Dies weckte Hoffnung in Duro.

Er wollte endlich wissen, ob es weitere Gefangene gab, aber er war sich sicher, dass Kommandant Drusus ihm keine Fragen beantworten würde.

Aber er musste vor allem wissen, ob sich Agron unter möglichen Gefangenen befand.

„Warum fragst du mich? Ich wurde verletzt und weiß nichts mehr. Fragt doch die anderen Gefangenen,“ sagte er und erhielt die Antwort, auf die er gehofft hatte, auch wenn dies nicht auf angenehme Weise geschah.

Aurelius griff grob in sein Haar und sah aus, als wolle er ihm ins Gesicht spucken. „Du und dieser Sklave aus der Küche seid unsere einzigen Gefangenen! Und darum werdet ihr uns alles erzählen, was ihr wisst! Uns wird keiner von den anderen entkommen, wir werden sie alle gefangen nehmen und bestrafen. Mit dem Tod! Ausnahmslos!“
Kommandant Drusus schien zu bemerken, dass Aurelios dem Gefangenen mehr Fragen beantwortet hatte als umgekehrt und er schob ihn zur Seite, ehe er selber Duro einen Schlag ins Gesicht versetzte.

Seine Geduld war offenbar zu Ende. Duro dachte bei sich, dass sein Bruder den Kommandanten und insbesondere Aurelios wahrscheinlich bereits mit beleidigenden Flüchen bedacht hätte, ohne sich um die Folgen Gedanken zu machen.

„Wer ist euer Anführer?“, fuhr Drusus ihn an. „Spartacus? Wir haben die Informationen von Lucretia, der Frau des Lanista. Sie hat glücklicherweise überlebt...aber das gefällt dir wahrscheinlich nicht.“

Duro schwieg. Offenbar wusste oder ahnte Drusus bereits, welche Rolle Spartacus bei dem Aufstand gespielt hatte. Und über Lucretia und darüber, ob sie überlebt hatte oder nicht, hatte er sich bislang keine Gedanken gemacht.

Drusus nickte Aurelius zu und dieser schien nur auf ein solches Zeichen gewartet zu haben.

Er griff an Duros verbundene Wunde und seine Hand drückte die dort empfindliche Haut zusammen. „Was glaubst du wird geschehen, wenn ich das wieder öffne?“

Duro versuchte, Aurelius von sich wegzustoßen, während der Schmerz dafür sorgte, dass ihm beinahe schwarz vor Augen wurde.

„Sag uns, wohin sie gegangen sind. Wo verstecken sie sich?“, fragte Drusus, der die Arme des ohnehin geschwächten Gefangenen festhielt und ihn daran hinderte, sich gegen Aurelius zur Wehr zu setzen. „Beantworte unsere Fragen.“

Duro kämpfte gegen den Wunsch an, die Fragen zu beantworten, denn Aurelius drückte seine Wunde noch fester zusammen und die Schmerzen drohten unerträglich zu werden.

Es gab tatsächlich etwas, das er hätte aussagen können…

Er kannte keine konkreten Pläne, vieles war vage geblieben, aber Spartacus hatte davon gesprochen, dass es vielleicht Zuflucht in der Kanalisation von Capua geben könnte. Vielleicht würden sie dahin gehen, vielleicht waren sie schon da. Vielleicht waren die Pläne auch geändert worden.

Er wusste auch, dass Spartacus einen großen Hass gegenüber Glaber hegte. Vielleicht würde er versuchen, sich an ihm zu rächen. Er hatte gute Gründe dafür.

Aber Duro wollte und würde nichts verraten. Weder über die Kanalisation noch darüber, dass Spartacus vielleicht Pläne gegenüber Glaber hegt. Dann war da noch Crixus. Der würde sicherlich nach Naevia suchen wollen…

Duro hoffte, dass er seinen Vorsatz, nichts zu verraten, durchhalten konnte.

„Wir sollten es mit der Peitsche versuchen, das bringt fast alle zum reden. Und wir haben noch ganz andere Möglichkeiten,“ sagte Aurelios und Duro ahnte, dass er das wahrscheinlich nicht überleben würde.

Er hoffte, dass die beiden Männer seine Angst nicht bemerken würden….
Auf Drusus Wink ließ Aurelius Duro schließlich los und nun versuchte er es auf eine andere Weise. Er schien zumindest einstweilen nicht auf Folter zu setzen.

„Warum hilfst du uns nicht? Für dich könnte sich das günstig auswirken. Dein Tod wäre viel leichter, vielleicht kämst du sogar mit dem Leben davon...“, sagte Drusus und sagte nun etwas, das Duro mehr traf als die Schmerzen, die Aurelius ihm zugefügt hatte.

„Sie haben sich nicht um dich gekümmert. Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, dich mitzunehmen, als du dort verletzt lagst. Deine Freunde haben dich im Stich gelassen. Du warst ihnen gleichgültig und es war ihnen gleichgültig, was mit dir geschieht!“, sagte Drusus und Duros Magen drohte sich zusammen zu ziehen.

Drusus fuhr fort. „Sie haben sich selbst in Sicherheit gebracht, ohne dich. Wahrscheinlich verschwendet keiner von ihnen auch nur noch einen einzigen Gedanken an dich!“

„Sie dachten, ich wäre tot,“ entfuhr es Duro, der wusste, dass Agron ihn ansonsten nicht alleine gelassen hätte. Das konnte und wollte er nicht glauben. Nicht einen Augenblick.

Aber Drusus sprach weiter. „Bist du dir sicher?“

Aurelius versetzte ihm unerwartet einen Schlag gegen seine Wunde und Duro schrie auf. Er sah, dass der Verband blutig war.

Die Tür wurde aufgerissen und der Medicus betrat den Raum. Sein Blick fiel auf das Blut auf dem Verband. „Es reicht jetzt! Ich dachte, er soll am Leben bleiben?“

Drusus nickte und griff grob an Duros Arm. „Denk an das, was ich dir gesagt habe und überlege dann, ob du diesem Spartacus und den anderen überhaupt etwas schuldig bist.“
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