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Gaining Experience

von Votani
KurzgeschichteAbenteuer, Humor / P12
Malcolm Reynolds Simon Tam
13.02.2020
13.02.2020
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Zoes skeptischer Blick sprach Bände. Doch Mals Aufmerksamkeit blieb auf den jungen Arzt gerichtet, der mitsamt seiner Schwester als letztes ihrer Mannschaft beigetreten war. Zwangsweise, aber schlussendlich stellte das für Mal keinen Unterschied dar. Crew war Crew, egal unter welchen Umständen sie sich auf die Serenity verirrt hatten.

„Muss das denn unbedingt sein?“, fragte Simon. Auch auf seine Züge schlichen sich Zweifel, die Mal einen Mundwinkel heben ließen.

„Lass mich darüber nachdenken.“ Seine Finger tippten gegen sein Kinn, bevor er abwechselnd auf seine und Simons Person deutete. „Captain. Doktor. Captain. Siehst du, was ich damit ausdrücken möchte?“

Simons Reaktion blieb aus, aber wann konnte Mal schon mal zwischen einem verärgerten und einem überraschten Ausdruck bei ihm unterscheiden? So gut wie nie. Nein, er konnte aus Erfahrung sagen, dass Simon Tam nicht allzu viele Gesichtsausdrücke besaß. „Fein. Ich gehe mich dann fertig machen.“ Mit diesen Worten verließ er den Gemeinschaftsraum, in dem Jayne und Shepherd am Tisch Karten spielten.

„Ist das eine gute Idee, Sir?“, fragte Zoe.

Sich zu ihr umdrehend musterte Mal die dunkelhäutige Frau, die mit verschränkten Armen hinter ihm stand. „Ich habe Ideen, ich behaupte nie, dass sie besonders gut sind.“

Zoe schwieg, woraufhin Mal die Augenbrauen hob. „Das wäre jetzt der Moment, in dem du das Gegenteil behauptest.“.

„Sagt Shepherd nicht immer, dass Lügen eine Sünde ist?“ Ihre Arme lösten sich aus ihrer Haltung. „Aber ist das wirklich schlau, nur mit zwei Leuten bei Kunitz aufzutauchen?“

„Sind wir zu zweit?“ Mals Blick wanderte umher und heftete sich an die Karten spielenden Herren. „Jayne, du wirst uns begleiten.“

Der Angesprochene schielte über sein Kartenblatt zu ihnen herüber. „Mit Vera?“

„Ja... Vera und ein paar Granaten für den Notfall.“ Mal winkte ab. Darauf dass Jayne ein Waffenschrank war und nicht ohne eine gesunde Verteidigung das Schiff verließ, konnte man sich verlassen. „Zufrieden, Zoe?“

„Ich habe trotzdem ein seltsames Gefühl bei der Sache, Sir“, sagte sie, beharrte jedoch nicht auf mehr. Mal kannte ihre schlechten Ahnungen zur Genüge. Auch bei Wash hatte sie eine gehabt und nun waren die beiden verheiratet.


Ihr Ziel war ein kleiner Mond am Rande der Allianz. Hierher verirrte sich kaum einer ihrer Soldaten, dafür war er zu abgelegen und die Wirtschaft zu unbrauchbar. Die Menschen waren sich selbst überlassen, wie das auf so vielen Planeten der Fall war. Aber Mal hatte es so am liebsten. Wenigstens musste sie sich keine Sorgen darum machen, dass zwei von Serenitys Passagieren Gesuchte waren. Es war ein Stück der letzten Freiheit, die in diesem Universum herrschte.

Der Rover sauste dicht am Boden durch die kahle Landschaft und wirbelte den Sand auf. In der Ferne zeichnete sich bereits die kleine Stadt ab, in der Mal Arbeit zu finden gedachte. Kurz glitt sein Blick von der Frontscheibe zu Simon herüber. Er war in seinen Sitz gepresst, die Haare durch den Wind wilder als sonst und unpassend zu der feinen Kleidung, die er trug.

Vom Rücksitz ertönte ein belustigtes Grunzen von Jayne, denn scheinbar war auch ihm die Unbehaglichkeit ihres Arztes nicht entgangen. Mal beschleunigte den Rover noch ein wenig – und ups, war das etwa ein Schlenker?

„Du siehst aus, als wärst du deiner toten Großmutter begegnet, Doktor“, entrann es Mal, nachdem er den Rover gelandet hatte und sie ausgestiegen waren.

„Soweit ich weiß, ist meine Großmutter noch am Leben.“ Seine Stimme erklang atemlos, als wäre er soeben einen Marathon gerannt. Nicht, dass Simon Tam einen rennen konnte, verstand sich.

„Wie auch immer...“ Mal trat an ihn heran und glättete das unwirsche Haar in einer schroffen Geste, bevor er Simon auf die Schultern klopfte. „Bist du bereit? Hast du deinen gebildeten Wortschatz parat?“

Jaynes Schatten kroch über den Boden auf sie zu, als er den Rover umrundete. „Ich versteh’ immer noch nicht, warum wir ihn mitschleppen mussten.“ Die gute Vera hielt er im Anschlag, während die Granaten und eine weitere Pistole an seinem Gürtel hingen.

Mit einem frustrierten Laut ließ Mal von Simon ab, der daraufhin sein dunkles Jackett zurechtzupfte. „Wieso müssen mir heute alle widersprechen? Hab’ ich nicht gesagt, dass der gute Kunitz eine Schwäche für die feineren Sachen im Leben hat? Mit welcher Sorte Mensch wird er da also die besten Geschäfte machen? Mit jemandem wie dir, der aussieht, als sei er gerade aus der nächstbesten Bar gekrochen oder mit jemandem aus feinem Haus wie unseren Doktor?“

Ein Schulternzucken von Jayne folgte.

„Abgesehen davon, tut ihm ein bisschen mehr Erfahrung in dieser Branche bestimmt gut“, fuhr Mal fort. Er wandte sich um und marschierte auf die Taverne zu, in deren Hinterräumen sich Kunitz’ Hauptsitz befinden sollte.

„Ich stehe übrigens gleich neben euch...“, warf Simon ein, bekam jedoch keine Antwort.


Der Innenraum war stickig und fast genauso sandig wie der Rest dieses Mondes. Gemeinsam schlängelten sie sich zwischen den besetzten Tischen hindurch und steuerten den Tresen an. Die Frau mit der üppigen Oberweite und den Sommersprossen, die hinter ihm stand, hob fragend eine Augenbraue, während sie auf ihrem Zahnstocher herumkaute.

„Wir suchen nach Kunitz?“, erkundigte sich Mal.

Abschätzend wurden Simon, Jayne und er gemustert, ehe sie auf eine Schwingtür hinter sich deutete. „Immer geradeaus, bis es nicht mehr weiter geht.“

Die Anweisung war einfach und leicht zu merken, das musste Mal ihr lassen, als sie der angegebenen Richtung folgten. Die Tür brachte sie durch die winzige Küche der Taverne, in der zwei Männer gelangweilt Kartoffeln schälten.

In einer freundlichen und reichlich verwirrten Geste hob Mal die Hand zum Gruß, als die werten Herren aufsahen und sie schweigend mit den Blicken verfolgten.

„Ja, das sieht wirklich nach jemandem aus, der feinere Dinge bevorzugt“, kommentierte Simon. Mal konnte das Augenrollen förmlich heraushören, aber wenigstens hatte er genug Taktgefühl, um die Stimme zu senken. Das allein war bereits ein Wunder.

Auch der angrenzende Raum, ebenfalls durch eine Schwingtür betretbar, machte keinen besseren Eindruck. Erst als sie dem schmalen Gang dort folgten, kamen sie zum letzten Zimmer und als sie dieses nach einem Anklopfein inklusive einem Herein betraten, war es, als hätten sie eine andere Welt betreten.

Exotische Wandteppiche von anderen Welten zierten ihn, abgerundet mit einem massiven Schreibtisch und verstreut herumstehenden Stühlen. Sonnenlicht filterte durch die seidigen Vorhänge am einzigen Fenster und kroch über den mit Läufern besehenen Boden. Einige Männer saßen herum, die Hände an ihren Phaserpistolen. Doch Mals Blick richtete sich auf den Mann hinter dem Schreibtisch: Mister Kunitz. Eine Zigarre steckte zwischen seinen Lippen, die den Raum in Rauch hüllte, das graue Haar war nach hinten gekämmt und die Weste, welche er über einem schneeweißen Hemd trug, machte mit seiner Eleganz Simons Kleidung Konkurrenz. Es war dasselbe Abbild, mit dem Mal bereits zuvor kommuniziert hatte.

Zoe hatte doch keine Ahnung, sein Plan war brillant. Zwar konnte Mal ebenfalls ein Gentleman sein, wenn er denn wollte, doch die kultivierteren Unterhaltungen würde er Simon überlassen.

„Malcolm Reynolds“, begrüßte der alte Mann sie und winkte sie zu sich. Zeitgleich signalisierte er einigen seiner Leute, ein paar Stühle freizugeben. „Früher als erwartet, nach unserem letzten Gespräch.“

„Nicht besonders viel Verkehr auf dem Weg hierher gehabt“, erwiderte Mal, als sie sich setzten. „Die Arbeit ist noch da?“

Die Zigarre wurde zwischen den Fingern gehalten und hin- und hergedreht. Kunitz nickte und seine Mundwinkel hoben sich ein Stück. „Ein Mann, der gleich zur Sache kommt. Gefällt mir. Scheinbar ist an Ihrem Ruf etwas dran, Mister Reynolds.“

„Nur, wenn es etwas Positives ist..“

Kunitz schob ein Daten-Pad über den Tisch und Mal betrachtete die Liste, die darauf verzeichnet war. Sie bestand ausschließlich aus Namen und Planeten. „Das ist eine Liste mit allen Kunden, die Ware von mir erwarten. Ein kleiner Auftrag also.“ Das unausgesprochene „um erst mal zu sehen, ob ihr der Arbeit würdig seid“ schwang in Kunitz’ Worten mit. Es war nicht verwunderlich, wenn man bedachte, dass er für Dreiviertel der Wirtschaft hier verantwortlich war und diese antrieb. Ohne ihn würde es vermutlich nicht einmal diese Ortschaft geben. Der kleine Mond ließ sich einfach mit dem Konzept der Allianz vergleichen: Kunitz war die Regierung, der Rest das Fußvolk, das für ihn arbeitete und seinen Regeln zu folgen hatte. Und wehe, es wagte sich jemand, aus der Reihe zu tanzen.

Doch Mal schluckte seine Abscheu gegenüber dem Mann herunter, denn immerhin hatte er bereits vor ihrer Ankunft um die Umstände gewusst.

„Crane wird euch zur Lagerhalle führen, wo Ihr die Kisten abholen könnt“, fuhr Kunitz inzwischen fort. „Sie sind natürlich versiegelt, um sicherzugehen, dass niemand sich eine Zigarre auf den Weg zu seinem Käufer stibitzt. Ich weiß ja nicht, wie Ihre Mannschaft so ist, aber schwarze Schafe gibt es bekanntlich immer.“

Mal stieß ein freudloses Lachen aus. „Ich hab’ eine ausgezeichnete Crew.“

„Wie auch immer...“ Kunitz winkte mit einer knappen Handbewegung ab, ehe er den restlichen Stummel seiner Zigarre in einer antiken Schale auf seinem Schreibtisch ausdrückte. Diesen hielt er hoch, als hätte Mal darum gebeten, ihn sich genauer anzusehen. „Diese Zigarren sind aus Roswell-Blättern hergestellt. Sie wachsen nur hier. Das macht unseren kleinen Mond so besonders.“

„In anderen Worten, sie sind die Haupteinnahmequelle“, fasste Simon zusammen und Mal warf ihrem Schiffsarzt einen Seitenblick zu.

„Genau. Aber es gibt natürlich einiges mehr, was es zu transportieren gibt. Unsere Pferde werden auch des Öfteren von Planeten in der näheren Umgebung importiert“, erklärte Kunitz, erhob sich und umrundete seinen Schreibtisch. Mal und Simon taten es ihm gleich, während Jayne gelangweilt sitzen blieb.

„Aber das sind Geschäftsgespräche für ein anderes Mal. Ich kann Ihnen nur versichern, Reynolds, dass es hier immer genügend Arbeit für Leute wie Sie gibt, solange Sie diese zur Zufriedenheit erfüllen.“ Furchen gruben sich in seine Wangen, als sich ein Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete. „Nun lassen Sie uns aber erst einmal auf eine gute Zusammenarbeit anstoßen. Was sagen Sie, Reynolds? Wollen Sie unseren ganz speziellen Whiskey probieren?“

„Solange ich ihn nicht bezahlen muss“, antwortete Mal, doch Kunitz schlenderte bereits aus dem Zimmer. Seine Gefolgsleute folgten ihnen mit trägen Schritten, als sie gemeinsam durch die Hinterräume und die Küche zurück zum eigentlich Schankraum wanderten.


Die Taverne war noch immer gut besetzt. Trotzdem fanden sie sich am Tresen ein, denn allein bei Kunitz’ Anblick schwanden die Kunden, die sich dort niedergelassen hatte. Wahrscheinlich war es sein Stammplatz, nahm Mal an, als er sich auf den Barstuhl schob und sich seinem Getränk widmete, das ihm kurz zuvor von der blonden Bedienung vor die Nase gestellt worden war.

„Bellerophon gehört ebenfalls zu unserem Kundenstamm, ja, Mister Tam“, führte Kunitz derweil die begonnene Unterhaltung fort. Er hatte den Hocker zwischen Mal und Simon gewählt, mit einer Hand das eigene Glas haltend, während er mit der anderen seinen Schnurrbart zwirbelte. „Lieferung dorthin übernehme ich unter anderem persönlich. Die Gärten dort sind die geschmackvollsten, die es gibt.“

„Und die teuersten“, gab Simon zu bedenken. „Wir waren vor nicht allzu langer Zeit auf Bellerophon zu Besuch.“

Ja, zum Diebstahl, beendete Mal Simons Worte gedanklich. Doch als er an Kunitz’ Kopf vorbeischielte, um Simon zu mustern, wurde keine Reaktion auf seinem Gesicht erkenntlich. Scheinbar war sein Pokerface ausnahmsweise doch zu etwas nützlich.

„Das ist der langweiligste Auftrag seit langem, Mal“, entrann es Jayne mit einem Flüstern von Mals linker Seite. Er trank seinen Whiskey in einem Zug aus, schüttelte sich und zog die Luft ein. Seine Finger fuhren der Schusswaffe in seinen Armen nach, die mit einem Gurt um seinem Hals hing, und Mal vermutete, dass es viel eher Jaynes Vera war, die sich langweilte.

„Langeweile ist gut“, ermahnte Mal Jayne mit einem Seitenblick zu Kunitz’ Männern hinüber, die es sich an einem Tisch in der Ecke bequem gemacht hatten. „Langweilig bedeutet Arbeit und Arbeit bedeutet Geld.“

„Irgendwann“, erzählte Kunitz neben ihnen, „wenn ich genügend Credits habe, werde ich meine Basis dorthin verlegen.“

„Ich bezweifele, dass jemand von einem Randplaneten wie diesem hier jemals ein Anwesen auf Bellerophon ersteigern wird“, antwortete Simon mit vornehmer Stimme und Mal verschluckte sich an seinem Whiskey. Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er hustete und Jayne hämmerte ihm mit der Faust auf den Rücken, als wollte er seinen Captain bewusstlos schlagen.

Simon bekam von alledem nichts mit. „Egal wie reich. Rein aus Prinzip. Soweit ich das beurteilen konnte, ist ihnen das Image dort zu wichtig, als mit solchen Leuten assoziiert werden zu wollen.“

Darauf herrschte Stille zwischen den beiden Männern. Simon nippte an seinem Getränk, verzog jedoch das Gesicht und schob das Glas ein Stückchen von sich, während Kunitz ihn anstarrte und Mal sich mit einer Hand über die Augenwinkel wischte.

„Sie halten uns also nicht für gut genug, Mister Tam?“ Jegliche Freundlichkeit, ebenso Belustigung, war aus der Stimme des alten Mannes gewichen – und Mal konnte es ihm nicht einmal verübeln.

Aufstehend baute Kunitz sich vor Simon auf, dessen Augen sich weiteten. Beinahe so, als hätte er eben jetzt erkannt, dass seine Worte als Beleidigung gewertet werden konnten.

Auch Mal erhob sich. „Er meinte es nicht so, wie es klang. Manchmal—“

Doch Kunitz gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt, den Blick auch weiterhin auf Simon gerichtet. Er packte den Arzt am Kragen seines feinen Jacketts und zog ihn dicht an sich heran. „Oh, ich bin sicher, dass Mister Tam es genau so gemeint hat.“

„Ich...“, begann Simon, zögerte jedoch.

Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Bis vor ein paar Sekunden war noch alles perfekt gelaufen und nun das... Mal musste kein Genie wie ihr junger Doktor oder seine Schwester sein, um zu wissen, dass ihr Deal soeben geplatzt war.

Als Kunitz nach der Pistole an seinem Gürtel greifen wollte, tippte Mal ihm in derselben Manier, wie Zoe es bei seinem Gegner einst getan hatte, auf die Schulter. Der Geschäftsmann wandte sich zu ihm um und Mal holte mit der Faust aus. Polternd riss Kunitz seinen Barhocker um und sank zwischen Mal und Simon zu Boden.

Letzterer stand stocksteif da, während das Chaos um sie herum ausbrach. Einige Frauen stießen panische Schreie aus, die Bedienung zog ihre Schrotflinte unter dem Tresen hervor und auch Kunitz’ Männer waren auf den Beinen, ihre Waffen hervorziehend.

Jayne, Vera längst bereit, schoss in die Menge, woraufhin einige der Kerle unter den Tischen Schutz suchten oder zur Seite sprangen.

Mals Revolver lag unterdessen längst in seiner Hand, der Hammer zurückgezogen. Mit der freien Hand packte er Simon am Oberarm und zog ihn zum Ausgang der Taverne. „Wenn du deine geliebte Schwester wiedersehen willst, solltest du jetzt die Beine in die Hand nehmen, Doktor.“


Sie brachen aus der Tür heraus und ließen zorniges Geschrei hinter sich zurück. Die Luft brannte unter der Mittagssonne und erschwerte ihnen das Atmen, als sie zu ihrem Rover hinüber hetzten. Eine Salve aus Pistolenschüssen schnitt ihnen auf halber Strecke den Weg ab und bohrte sich zu ihren Füßen in den Sand.

Mal riss Simon zurück und hinter einigen ausgetrockneten Regentonnen in Sicherheit, während er zurückschoss. Jayne hockte bereits hinter der Pferdetränke, an der einige prachtvolle Biester angebunden waren. Sie scharrten unruhig mit den Hufen, warfen den Kopf vor und zurück.

Mehr Männer kamen aus den angrenzenden Holzhütten gerannt, der Alarm war bereits geschlagen worden.

„Wǒ cào“, stieß Mal den Fluch zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch aus. Gehetzt sah er sich um. Die Chance, ihren Rover unversehrt zu erreichen, war niedrig, wenn überhaupt vorhanden. Aber wie sollten sie dann hier verschwinden? Und wollte er das Transportgerät zurücklassen? Ein neues würde sie ein Vermögen kosten, das sie nicht besaßen. Wunderbar, einfach wunderbar.

„Mal!“ Jaynes Ruf riss ihn aus seinen Gedanken und Mal hob den eingezogenen Kopf ein Stück, um das Gestikulieren in die Richtung der Pferde zu erkennen, während Kugeln ungenau rechts und links von Simon und ihm einschlugen. Nur auf Jayne wurde nicht geschossen. Jayne, der neben den kostbaren Tieren kniete, die Kunitz unter anderem exportierte.

„Geb’ uns Deckung, Jayne!“, rief Mal zurück, bevor er sich Simon zuwandte. Dicht an ihn gepresst saß dieser neben ihm mit einem bleichen Gesicht. „Meinst du, du schaffst es zu Jayne zu rennen, ohne dich erschießen zu lassen?“

„Ich... bin nicht sicher.“

Mal schüttelte den Kopf. „Dann ist es gut, dass es eine rhetorische Frage gewesen ist. Mach dich bereit.“ Er lud seinen Revolver nach, bevor er sich aufbäumte und sich seine Schüsse wieder zu Jaynes gesellten. „Jetzt!“

Simon sprintete hinter den Regentonnen vor und hechtete die wenigen Meter zu Jayne herüber, die Arme über dem Kopf, die Gestalt geduckt.

Aus den Augenwinkeln sah Mal, dass er es geschafft hatte, ehe er seinem Beispiel folgte. Eine Kugel streifte seinen Schuh, verletzte ihn aber nicht und er tauchte neben Jayne und Simon ab. Letzterer löste bereits die Knoten der Zügel und drückte sowohl Mal als auch Jayne jeweils einen in die Hand. Unter den Schüssen schwangen sie sich auf die Rücken der braunen und schwarzen Tiere. Selbst Simon. Es war offensichtlich dass das Reiten etwas war, von dem der Arzt etwas verstand. Wundern tat es Mal nicht, als er seine Hacken in die Flanken seines Hengstes presste und sie davon preschten, Rufe und sie jagende Kugeln im Rücken. Dass sie ihre Verfolger tatsächlich abhängen konnten, blieb fraglich. Das waren sicherlich nicht die einzigen Pferde auf diesem Mond, doch es gab ihnen einen Vorsprung.


Die Hufe der Pferde versanken im Sand, der Weg die hohen Dünen hinauf schleppend und Zeit vertrödelnd. Waren die bei ihrer Ankunft auch schon hier gewesen? Mal erinnerte sich nicht. Andererseits bemerkte man solche Nichtigkeiten nicht, wenn man in einem Rover saß, der Sandberge binnen weniger Sekunden erklommen und hinter sich zurückgelassen hatte. Ein Blick ging über seine Schulter, als sein schwarzer Hengst den höchsten Punkt erreichte, doch außer einem gelben und scheinbar endlosen Meer konnte er nichts ausmachen. Vielleicht hatten Kunitz’ Leute ihre Verfolgung aufgegeben. Hoffen durfte man schließlich noch.

Sie ritten die Düne herunter, vorbei an herumliegenden Steinen und Kakteen, die mindestens einen Kopf größer waren als Mal. Von der Serenity war noch keine Spur zu sehen, aber besonders weit konnte es nicht mehr sein.

Mal angelte nach dem Funkgerät an seinem Gürtel und hielt es an seine Lippen. „Wash? Wash!“ Statik antwortete ihm. „Wirklich?“ Sein Blick haftete noch immer auf dem Gerät in seiner Hand, bevor er es wieder wegsteckte. „Wie kann ich aus dem All mit Kunitz Kontakt herstellen, aber nicht mal mit meinem eigenen Schiff aus einigen Kilometern Entfernung sprechen?“

Jayne, der neben Mal ritt, beugte sich verschwörerisch herüber, als könnte sie hier mitten im Nirgendwo jemand hören. „Vielleicht hat dieser Mister was damit zu tun“, flüsterte er und seine Augenbrauen schoben sich zu einem finsteren Ausdruck zusammen.

„Hast du auch nur ein technisches Gerät in seinem kleinen Hinterzimmer gesehen, Jayne?“

Eine Denkfalte grub sich in seine Stirn. „Mh...“

Ein Pferd wieherte, dicht gefolgt von einem spitzen Aufschrei. Jayne und Mal zogen ihre Waffen und wandte sich auf dem Sattel um. Verwirrung zeichnete sich auf Mals Gesicht ab, als Simons Pferd scheute. Er zog an den Zügeln, aber trotzdem bäumte es sich auf und Simon rutschte nach hinten herunter. Sich zur Seite drehend entwich er den Hufen, als das Tier mit den Beinen ausholte. Im nächsten Moment galoppierte es davon.

Mal tätschelte seinem Pferd den Kopf, um den schnaubenden und Ohren anlegenden Hengst zu beruhigen. Nervosität war ansteckend, das war nicht nur unter Menschen so.

Sein Blick hing an dem davon reitenden Pferd, während Simon im Sand lag, alle Glieder von sich gestreckt. „Was hast du gemacht?“, rief Mal aus.

„Ich?“, wiederholte Simon. „Gar nichts. Es ist einfach durchgegangen. Irgendwas muss es erschreckt haben.“

„Dein Gesicht hat es erschreckt“, warf Jayne ein, ehe er ein harsches Lachen ausstieß.

Mal sah zu Simon herunter, als kein Comeback seitens ihres Doktors folgte. Erst in diesem Augenblick nahm er die Bewegung neben Simon war: eine Schlange. Das war, was das Pferd erschreckt hatte.

„Nicht bewegen“, presste Mal hervor, als sein Finger den Hammer seines Revolvers zurückzog. Doch Simons Augen folgten seinem Blick, ein Zucken ging durch seinen Körper. Es war genug, um den Angriff zu provozieren. Die Schlange schnellte nach vorn und vergrub ihre Zähne trotz der Stoffhose in Simons Unterschenkel.

Sein Schrei verschluckte den Schuss von Mals Revolver, der den unteren Teil der Schlange wegsprengte. Anschließend schob sich Mal aus dem Sattel und ging neben Simon in die Hocke, der mit zusammengebissenen Zähnen nach hinten in den Sand gesackt war. Der Lauf seiner Pistole berührte den intakten Kopf der Schlange, doch sie rührte sich nicht. Erst daraufhin fasste Mal sie richtig an und löste ihre Zähne mit dem Messer, das an seinem Gürtel gehangen hatte, und unter einem scharfen Lufteinziehen von Simon.

„Sie ist giftig, stimmt’s?“, entwich es Simon mit erstickter Stimme. Sein Gesicht war bleicher als vorhin in der Taverne. Er sah aus wie ein Gespenst, als wäre er bereits an Schlangengift verendet. „Ich habe einen Artikel darüber gelesen. Elf von den fünfzehn Schlangenarten auf den Randplaneten sind giftig. Elf. Innerhalb von—“

„Ich weiß es nicht“, fuhr Mal ihm energisch über den Mund. Sein Blick ging in Jaynes Richtung, der noch immer auf seinem Pferd saß. „Geh gucken, ob wir Gesellschaft kriegen“, wies Mal ihn an und mit einem letzten spöttischen Seitenblick zu Simon ritt er die Düne hinauf.

„Manches Gift löst innerhalb von zehn Minuten eine Ganz-Körper-Paralyse aus“, erzählte Simon zittrig weiter. „Das sind Kreuzungen aus giftigen Schlangen von der Erde. Von der Evolution perfektioniert. Durch die Raumschiffe haben sie sich auf den Planeten ausgebreitet. Wie Ratten.“ Er schluckte so hart, dass Mal es an seinem Adamsapfel sehen konnte, als er den Kopf wieder in Simons Richtung drehte.

„Du wirst hier nicht sterben, Doktor.“

„Es ist schon zu spät“, erwiderte Simon mit gehetztem Ausdruck. „Auf dem Schiff hätte ich ein Gegenmittel, aber hier...?“ Er lachte kratzig auf und Mal verdrehte die Augen. Der Junge stand offensichtlich unter Schock. In der Theorie mochte er vielleicht viel Wissen besitzen, aber über die richtige Welt, über die Welt hier draußen hatte er noch eine Menge zu lernen, soviel stand fest.

Mal packte den Kragen von Simons Jackett, ähnlich Kunitz’ Geste zuvor, aber nur um ihn aus der liegenden Position in eine sitzende zu ziehen. Sollte die Schlange tatsächlich giftig gewesen sein, brauchte das Gift so wenigstens länger, bis es sein Herz erreicht hätte. Das sollte selbst Simon wissen.

Jayne hatte unterdessen die Düne erklommen und schüttelte den Kopf.

„Halt weiter Ausschau“, rief Mal ihm zu und erst nachdem sich Jayne abgewandt hatte, packte Mals freie Hand das Kinn des Arztes und seine trockenen Lippen pressten sich auf Simons. Es war nicht sanft, aber Simon war kein Stück Zucker, das sich im Regen auflösen würde, auch wenn er gerade so tun mochte.

„Du wirst nicht sterben, okay?“, wiederholte Mal nachdrücklicher, als er sich von ihm löste und Simon ihn mit klaren, aber auch geweiteten, Augen anstarrte. „Keiner meiner Crew stirbt wegen eines Schlangenbiss. Wenn wir untergehen, dann auf eindrucksvolle Art und Weise. Merk dir das.“ Mal richtete sich auf und zog Simon auf die Beine, der humpelte und sich bei ihm abstützte. Sein Mund öffnete sich ein paar Male, doch kein Laut entrann seiner Kehle. Das war besser. Viel besser.


Simons Augen bohrten sich in seinen Hinterkopf hinein, das konnte Mal fühlen. Doch es waren die Arme, die um seine Hüften geschlungen waren, und das Kribbeln seiner Lippen, die Mal beunruhigten.

„Was macht das Bein, Doktor“, fragte er, als er ihr Pferd antrieb. Es trabte, denn für alles andere war der Boden mitsamt zwei Reitern zu uneben. „Ist es schon taub?“

„Es ist... nein... nein, ist es nicht“, stammelte Simon. Es waren die ersten Worte, die er seit dem Kuss sprach. Sein Griff lockerte sich, als sei ihm derselbe Gedanke gekommen, aber Mal packte seinen Arm, um ihn wieder dichter zu ziehen. Das Letzte, was er nun gebrauchen konnte, war, dass Simon abermals vom Pferd fiel.

Ohne Proteste folgte Simon Mals stummen Befehl und hinter einer weiteren Düne, die der Wind innerhalb weniger Tage bereits wieder hätte weiter wandern lassen, tauchte die Serenity auf. Sie war wie eine Raumstation inmitten der sternenbesetzten Schwärze, ein sicherer Hafen, ein Zuhause.

Die Laderampe stand offen und Kaylee winkte ihnen mit schwingenden Armen zu, Ruß auf der Wange. Neben ihr stand Zoe, die Arme vor der Brust verschränkt, doch Mal konnte sehen, wie sich ihre Schultern lockerten, als sie vor dem Schiff ihre Pferde hielten.

„Wir dachten schon, wir müssten einen Suchtrupp losschicken, Sir“, sagte Zoe.

Nacheinander stiegen sie ab und Kaylee war bereits an ihrer Seite. „Was für süße Tierchen ihr mitgebracht habt, Captain.“ Sie streckte die Hand nach Mals schwarzem Hengst aus, der an ihr roch und sie danach mit einer rosafarbenen Zunge abzuschlecken versuchte. Ihrer Mechanikerin entlockte es ein Kichern, ehe ihr Blick auf Simon fiel und Besorgnis Einzug in ihr Gesicht erhielt. „Alles in Ordnung, Simon? Du siehst käseweiß aus. War unser geliebter Captain wieder gemein zu dir?“

„Ich?“ Mal deutete mit dem Daumen ertappt auf seine Brust, während sich Simon neben ihm wacklig auf den Beinen hielt. „Ich nicht. Aber es scheint eine ganz normale Reaktion auf Simon zu sein.“

Jayne stieß abermals ein Lachen aus, Vera auf seiner Schulter ruhend. „Hat sich von einer Schlange beißen lassen. Das Witzigste, was ich heute gesehen hab'.“

„Oh mein Gott, ist es schlimm? War sie giftig?“, fragte Kaylee und Simons Blässe verwandelte sich in einen Grünton, als hätte Mal den Gedanken daran tatsächlich verscheuchen können.

Er klopfte Simon auf die Schulter und schob ihn zur Laderampe, die er hinauf humpelte. „Simon geht’s gut. Keine Sorge, Kaylee. Kümmere dich lieber um die Pferde. Die nehmen wir mit. Von irgendwas müssen wir schließlich den neuen Rover kaufen.“ Die letzten Worte sagte er mehr zu sich selbst, immerhin hatte Kunitz gesagt, dass ihre Pferde einen guten Preis auf anderen Planeten einbrachten.

Zoes Augen folgten Simon und richteten sich anschließend vielsagend auf Mal, der vor ihr zum Stehen kam und die Arme in die Hüften stemmte. „Sag' es ruhig. Ich bin ganz Ohr.“

„Ich wusste, dass so etwas passieren würde... Sir.“

Mal nickte. „Wir kriegen vielleicht Besuch, weswegen wir uns nicht mehr lange hier aufhalten sollen. Sag’ Wash Bescheid, dass wir abheben, sobald die Pferde sicher an Bord sind.“ Er trat um die Dunkelhäutige herum und schlenderte in den Laderaum der Serenity. Fingerspitzen fuhren am Geländer entlang, als er die Stufen erklomm und sich auf den Weg zur Krankenstation machte, während Jayne und Kaylee die zwei Pferde hineinführten.

Seine Schritte erklangen auf dem Metall, wurden jedoch von dem Poltern in der Krankenstation übertönt. Mal hielt im Türrahmen inne und sah für einen Moment zu, wie Simon in den Schubladen herumwühlte. Er schob sie mit einem Schnaufen zu, denn selbst ein wütender Simon Tam schmiss keine Schubladen und fluchte auch nicht. Es war kaum mitanzusehen, wie er dort am Schrank lehnte und mit einer Hand seine Augen verdeckte.

Mal räusperte sich.

Die Hand wurde erschrocken gesenkt und Simon starrte ihn an, als er sich in den Raum schob.

„Hast du doch kein Gegenmittel hier?“, erkundigte sich Mal und die Augen seines Gegenübers senkten sich auf seine einst sauberen Schuhe. Zum ersten Mal sahen sie aus, als hätte er etwas erlebt, als hätte er sich dreckig gemacht. Es ließ Mal schmunzeln.

„Wenn es eine giftige Schlange gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich schon längst tot. Zumindest würde es mehr tun als anschwellen.“

„Und ich dachte schon, ich müsste mein Versprechen brechen“, erwiderte Mal, die Hände in den Hosentaschen vergraben. „Dass du nicht stirbst, meine ich.“

Eine Stille folgte, als sich beide Männer anstarrten. „Warum hast du mich nicht einfach liegen gelassen? Wenn sie giftig gewesen wäre, hätte ich es eh nicht mehr zum Schiff geschafft. Und ich habe den Job mit Mister Kunitz vermasselt“

„Warum reden wir schon wieder darüber?“ Mals Augenbrauen verengten sich. „Haben wir nicht schon beim letzten Mal, als ich deinen werten Hintern gerettet hab', festgestellt, dass du ein Teil dieser Crew bist?“ Hatte er sich so umständlich ausgedrückt, dass jemand mit Simons Intellekt ihm nicht hatte folgen können?

„Aber... warum der Kuss?“

Nun war es an Mal zu zögern, was er mit einem Schulternzucken kaschierte. „Panik. Wegen der Panik. Es hat sie vertrieben, oder nicht?“

Simon sagte nichts, doch das war Antwort genug. Mal wandte sich zum Gehen, hielt jedoch noch einmal inne und drehte sich um. „Du brauchst noch eine Menge Erfahrung in diesem Geschäft. Ich bin schon gespannt, wie du die Pferde auf dem nächsten Planeten unter den Mann bringst. Lass dir etwas einfallen.“

Kein Muskel zuckte in Simons Gesicht, doch Mal grinste trotz allem oder vielleicht gerade deshalb. Das musste dann wohl sein irritierter Ausdruck sein. Schon bald hatte Mal sie alle durch, dessen war er sich sicher.
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