Das Superhelden-Phänomen

von Maja32
GeschichteRomanze, Familie / P16
13.02.2020
23.02.2020
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Carson

Ich zucke zusammen, als meine beschissene Krücke mit einem metallischen Rumms auf dem Boden aufschlägt. Meiner Gehhilfe zumindest auf einer Seite beraubt zu sein, bringt mich in leichte Gleichgewichtsprobleme, ich merke, wie ich wanke, bevor ich es schaffe, mich zu fangen. Fast glaube ich, dass die Krücke verflucht ist, denn anders ist es nicht mehr zu erklären, dass sie dauernd umfällt. Ich ahne, was ich nun tun muss. Ich weiß nicht genau, was ich denken soll. Auf der einen Seite hasse ich es, dass niemand da ist, um mir zu helfen, auf der anderen Seite bin ich ganz glücklich darüber, dass ich gerade keine Beobachter habe.
Ich brauche diese verdammte Krücke, aber sie wieder aufzuheben, wird ein Spektakel der ganz besonderen Art. Immerhin habe ich darin mittlerweile eine gewisse Übung, spaßiger wird die Sache dadurch aber nicht. Ich merke, wie meine Laune, die ohnehin schon ziemlich am Boden war, deutlich in Richtung Hölle tendiert. Vielleicht überwiegt aber tatsächlich kurz die Freude darüber, dass mich niemand beobachten kann, denn ich werde gleich ziemlich dämlich aussehen.
Es kann sein, dass es doch schlau gewesen wäre, mich nicht selbst aus dem Krankenhaus zu entlassen, denn dann wäre ich jetzt nicht in dieser Lage. Dann hätte ich jetzt einfach nach einer Krankenschwester brüllen können und die Krücke schneller wieder in der Hand, als ich hätte gucken können. Nur habe ich es im Krankenhaus einfach nicht mehr ertragen, deshalb ging ich, ganz egal, was die Ärzte gesagt haben. Ich war die ständige Kontrolle leid, die Bevormundung, das schlechte Essen und möglicherweise auch, dass ich jeden Tag gehofft habe, Besuch zu bekommen und das an viel zu vielen Tagen nicht passierte. Hier, in meinem eigenen Haus, ist es etwas leichter zu verdrängen, dass sich gerade niemand richtig für mich zu interessieren scheint. Ich kann mich ablenken, und muss mich nicht Gedanken stellen, die ich gar nicht haben will.

Wie auch immer, darüber will ich auch jetzt nicht nachdenken. Stattdessen starrt mich die Krücke am Boden fast vorwurfsvoll an. Sie einfach aufzuheben, kommt nicht in Frage, ich würde mit ziemlicher Sicherheit das Gleichgewicht verlieren. Und die Gefahr, mich bei einem Sturz noch mehr zu verletzen, ist mir durchaus bewusst. Das kann ich nicht gebrauchen, denn dann würde ich nur wieder im Krankenhaus landen.
Ich muss es also machen, wie die letzten Male auch. Diesmal immerhin habe ich Glück, dass die Krücke nicht so weit von einem Sessel entfernt liegt, zu dem ich jetzt mühsam mit meiner einen verbliebenen Gehhilfe humple. Warum mussten die blöden Ärzte das Bein auch unbedingt so hoch eingipsen? Ja, ich weiß, es musste sein, einen doppelt gebrochenen Oberschenkel gipst man eben nicht nur bis zum Knie ein, das würde ja nichts bringen. Stattdessen haben sie mir einen Gips verpasst, der gefühlt bis direkt unter die Achseln geht. Mir hätte auch das zertrümmerte Wadenbein gereicht, aber ich musste mir bei dem Sturz ja auch noch den Oberschenkel zerschlagen, außerdem einen Arm. Und bin deshalb jetzt so sehr eingegipst, dass ich in etwa die Beweglichkeit eines Busses habe. Nämlich gar keine. Immerhin bin ich bei dem Sessel angekommen und lasse mich schon etwas erleichtert darauf sinken.

Nun ist also wohl mal wieder Zeit für eine dieser Sternstunden, die man am Ende am liebsten sofort verdrängt. Ich lehne die zweite Krücke so an den Sessel, dass diese nicht auch noch umfallen kann und lasse mich danach ganz langsam von der Sitzfläche auf den Fußboden rutschen. Ich kann selbst kaum glauben, was ich da tue. Wie ein Kleinkind über den Fußboden krabbeln. Ich habe wirklich Glück, dass mich dabei niemand beobachtet. Ich drehe mich um und robbe dann auf dem Bauch langsam in Richtung der zweiten Gehhilfe, die mich fast schon verhöhnend anzustarren scheint. Als ich endlich nah genug bin, angle ich mit der Hand, die nicht eingegipst ist, nach der Krücke und ziehe sie zu mir heran. Sobald ich sie sicher gepackt habe, setze ich mich langsam auf und versuche, rückwärts wieder in Richtung des Sessels zu kriechen. Der schlimmste Teil liegt immer noch vor mir. Um wieder in den Sessel zu kommen, braucht es erhebliche Kraft und ich kann eben nur einen Arm voll nutzen. Ganz langsam ziehe oder drücke ich mich hoch und bleibe schwer atmend sitzen. Ich hasse es, wie schwer mir diese Sachen fallen und auch, wie anstrengend ich das alles finde. Bis zu meinem Sturz war ich fit und hervorragend trainiert, jetzt bringt mich schon so eine kleine Episode auf dem Fußboden aus der Puste. Was gar nicht so schlimm wäre, wenn es eine dieser angenehmen Sachen auf dem Teppich wäre, bei der eine Frau eine Rolle spielt.
Ich verfluche wieder mein komplettes Leben, denn nun merke ich wieder, dass ich Durst habe. Das war der eigentliche Grund, warum ich überhaupt von der Couch aufstand. Ich wollte nur in die Küche und ein Glas Wasser trinken.

Auch das ist immer so ein logistischer Albtraum der Extraklasse. Jedes verdammte Mal, wenn ich Durst habe. Mit den Krücken kann ich kein Glas transportieren, also kann ich nichts mit ins Wohnzimmer nehmen. Wobei… erst jetzt kommt mir die Idee, mir eine Wasserflasche in eine Tasche zu packen, die ich mir umhängen kann. Warum bin ich Idiot darauf nicht vorher gekommen? Bisher bin ich immer in die Küche gehumpelt, um mich dann beim Trinken wenigstens an der Arbeitsplatte anlehnen zu können, um Kraft zu sparen. Das war immer sehr anstrengend und hat dazu geführt, dass ich in den letzten Tagen bestimmt viel zu wenig getrunken habe. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass ich so wenig getrunken habe, denn sonst hätte ich öfter auf Toilette gemusst und auch das ist gar nicht angenehm. Ich brauche jedes Mal beschämende zwanzig Minuten, bis ich vollkommen erledigt wieder aufs Sofa sinken und mein Bein hochlegen kann. Möglicherweise hätte ich doch einen Pflegedienst organisieren können, aber schon die Vorstellung widerstrebt mir zutiefst. Ich bin ja kein alter Opa und dass mir jemand hilft und mich mehr oder weniger nackt sieht, kommt für mich nicht in Frage. Ich bin auf jeden Fall fit und stark genug, um diese Zeit allein zu überstehen, egal, wie viele Steine mir mein Umfeld in den Weg legt. Und das tun sie, ohne Zweifel.

Jesse, mit dem ich sechs verdammte Jahre lang Seite an Seite gedreht habe, hat nur ein einziges Mal angerufen, um zu fragen, wie es mir nach dem verheerenden Sturz am letzten Drehtag geht. Ins Krankenhaus kam er gar nicht. Und ich muss ehrlich sein, ich verfluche mich selbst immer noch dafür, dass ich so stur war. Es war meine Entscheidung, keinen Vertrag für eine neue Staffel der Serie zu unterschreiben. Und damit war die Serie tot, denn ohne Hauptdarsteller funktioniert das ganze Konzept nicht mehr. Ich hatte zwar viel Spaß beim Dreh und die Serie war ein tolles Sprungbrett, aber in Zukunft will ich lieber Filme drehen. Mir ist klar, dass auch Jesse durch meine Entscheidung seinen Job verloren hat, aber damit hätte er eigentlich rechnen müssen, ich rede schon länger davon, dass ich mich eher auf der großen Leinwand sehe. Und auch schon, als wir noch unsere komplette Freizeit miteinander verbrachten, habe ich schon oft genug davon gesprochen.
Vor drei Wochen, am letzten Drehtag, wollte ich, warum auch immer, nochmal ein echtes Highlight erleben. Und genau aus diesem Grund habe ich darauf bestanden, den allerletzten Stunt selbst zu drehen, bevor wir alle uns auf den Weg zur großen Abschlussparty machen wollten. Wir haben die Szene oft geübt, tagelang immer wieder und ich fühlte mich blendend vorbereitet. Ich hätte es zwar besser gefunden, wenn auch mein Gegenüber die Szene selbst gespielt hätte, aber der hat lieber sein Double rangelassen. Und egal, wie gut ich vorbereitet war, ich konnte der Eisenstange, die der Stuntman schwang, zum ersten Mal nicht mehr rechtzeitig ausweichen. So hat er mir das Wadenbein zertrümmert. Das hätte eigentlich gereicht, aber wir drehten auf dem Dach eines zweistöckigen Gebäudes. Eigentlich war geplant, dass ich, nachdem ich den Kampf gewonnen hätte, ganz einfach von dem Dach springe. Hätte ich auch gekonnt, wenn mein Bein noch heil gewesen wäre. Unten war eine entsprechende Matte aufgebaut und es ist ja nicht so, als hätte ich sowas vorher noch nie gemacht. Diesmal aber konnte ich aufgrund der Schmerzen nicht mehr richtig zielen. Ich habe echt noch Glück gehabt, mein Oberkörper hat die Matte getroffen, sonst wäre ich vielleicht nicht mehr hier, auch wenn das niemanden so richtig zu interessieren scheint. Wie auch immer, bei dem Aufprall auf dem Boden habe ich mir den rechten Oberschenkel doppelt gebrochen. Und den linken Arm, auch wenn ich überhaupt keine Ahnung habe, wie zum Teufel ich das geschafft habe.
Die abendliche Party war daraufhin gestorben, ich musste sofort ins Krankenhaus. Etwas mehr als zwei verdammte Wochen habe ich dort gelegen und mich dann selbst entlassen.

Die Zeit zu Hause habe ich mir allerdings leichter vorgestellt. Ich war fest davon ausgegangen, dass ich eine Menge Hilfe haben würde. Ich hatte damit gerechnet, dass alle meine Freunde mir gern helfen würden und in meiner Vorstellung hatte ich mich schon damit auseinandergesetzt, ein paar wieder nach Hause zu schicken, weil es sonst zu viele Menschen in meinem Haus geworden wären. Ich bin in etwa so unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet, wie meine Beine neben der beschissenen Sprungmatte.
Jesse hat zwar bei seinem Anruf auch nach meinem Befinden und meiner Gesundheit gefragt, vor allem aber wollte er erzählen, dass sie es geschafft haben, die letzten beiden Szenen, die ich nach dem Sturz nicht mehr drehen konnte, durch Outtakes zusammen zu schnippeln. Die Serie und unsere gemeinsame Drehzeit liegt also endgültig hinter uns und seitdem war auch von Jesse nichts mehr zu hören. Zwar haben auch zwei oder drei andere Kollegen zwischendurch mal angerufen, aber auch die haben mir keinerlei Hilfe angeboten. Ich würde es nie laut sagen, aber ich bin nicht nur sauer, ich bin auch ziemlich enttäuscht.

Gleiches gilt für Daisy. Seit etwas mehr als einem Jahr sind wir ein Paar, aber seitdem ich im Krankenhaus gelandet bin, lässt sie sich kaum noch blicken. Ich glaube, im Krankenhaus war sie zweimal und seitdem ich wieder zu Hause bin, war sie noch gar nicht da. Wahrscheinlich ist sie beleidigt, weil ich ihre Bitte, trotz meines Zustandes mit ihr zu einer Gala zu gehen, abgelehnt habe. Fast scheint es, als sei ihr Interesse an unserer Beziehung schlagartig verschwunden, seitdem ich sie nicht mehr auf einen roten Teppich schleifen kann. Ans Telefon geht sie auch nur noch selten, meistens rede ich mit ihrer Mailbox. Und weil ich das einfach nur beschissen finde, würde ich mir nie die Blöße geben und sie darum bitten, dass sie kommt und mir hilft.
Auch meine Eltern haben einmal angerufen, aber die habe ich bewusst abgewimmelt. Seit einem Streit vor ein paar Jahren ist unser Verhältnis sehr unterkühlt und sie geben mir immer das Gefühl, nicht zufrieden mit mir zu sein, weshalb ich ihnen lieber aus dem Weg gehe. Vielleicht ist es ein Fehler gewesen, sie abzuwimmeln, aber nun ist es dafür zu spät und ich werde unter Garantie nicht bei ihnen ankriechen und um Hilfe winseln.
Die anderen Leute, mit denen ich bisher meine Freizeit verbracht habe, haben sich gar nicht gemeldet. Fast scheint es so, als würde ich sie nicht mehr interessieren, seitdem ich keine Partys mehr schmeiße und sie keinen Gratis-Alkohol kriegen. Vielleicht war es da mit der Freundschaft also doch nicht so weit her. Ich hasse es, deshalb verdränge ich den Gedanken lieber.

Ganz langsam fühle ich mich wieder fit genug, greife meine Krücken und humple in Richtung der Küche. Ich kriege langsam Hunger. Ein Blick in meinen Kühlschrank offenbart dann aber ein sehr großes Problem, denn der ist komplett leer. Wie zum Teufel… ach ja. Bei dem Lieferdienst, den ich bisher beschäftigt habe, hatte ich mich beschwert und sie dann gekündigt. Und meine Assistentin, die sich sonst darum gekümmert hätte, einen neuen Anbieter aufzutreiben, die habe ich vor drei Tagen rausgeworfen. Sie hat mehrmals danach gefragt, wann Daisy sich denn mal wieder blicken lässt und mir helfen wird. Das hat mich so genervt, dass sie ihre Kündigung kriegte. So was kann ich im Moment einfach nicht gebrauchen, auch wenn es jetzt, im Nachhinein, vielleicht nicht der beste Zeitpunkt war, um so etwas zu tun.  

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich wirklich ein großes Problem habe. Zwar kenne ich in der Umgebung mindestens zwei Supermärkte, die noch offen haben, aber ich kann ja nun mal nicht einkaufen fahren, das ist wohl klar. Es ist Freitagabend und ich bezweifle, dass ich jetzt einen vertrauenswürdigen Dienstleister finde, der mir noch schnell Lebensmittel liefert. Ich habe keine Ahnung, wie ich so einen Anbieter finden soll, um sowas habe ich mich noch nie gekümmert. Und einfach irgendeinen von all den Dienstleistern anzurufen, kommt ebenfalls nicht in Frage, denn auf Fotos von mir in diesem Zustand in den Medien kann ich auf jeden Fall gut verzichten. Ich könnte mir auch einfach eine Pizza bestellen, manche von denen werben sogar damit, wie diskret sie sind. Aber mit diesem “diskret” habe ich schon meine Erfahrungen gemacht, und nach ein paar schrecklichen Fotos im Netz, auf denen ich nur Boxershorts trage, die aufgrund eines vorangegangenen Unfalls mit dem Massageöl meiner damaligen Freundin absolut unmöglich aussahen, kommt das auch nicht mehr in Frage.

Ich gehe ganz langsam meine Möglichkeiten durch und mir fällt nur eine einzige Lösung ein. Wenn ich etwas essen will, dann muss ich etwas tun, was ich garantiert niemals tun wollte und auch ewig nicht getan habe. Um Hilfe bitten. Und zwar bei jemandem, den ich nicht richtig kenne, aber auf jeden Fall nicht leiden kann. Ich hasse es jetzt schon, aber ich muss den kürzesten Weg wählen.

Ganz langsam mache ich mich auf den Weg ins Schlafzimmer und verfluche schon den ersten Teil meines Plans. Mit einem vollständig eingegipsten Bein ist das Anziehen eine extreme Herausforderung. Deshalb trage ich eigentlich in den letzten Tagen nur noch Boxershorts und zweimal, als ich die einfach nicht runter bekam, habe ich sie am Ende zerschnitten. Nur mit Shorts kann ich aber nicht vor die Tür, also muss ich jetzt einen extremen Kampf in Kauf nehmen und irgendwie eine Trainingshose über den Gips bekommen. Zur Sicherheit nehme ich auch gleich ein neues T-Shirt in Angriff.
Ich verfluche, dass es überhaupt so weit kommen konnte, aber das nützt nun auch nichts mehr. Es ist an der Zeit, meiner Nachbarin einen Besuch abzustatten. Die Schreckschraube ist garantiert zu Hause, niemand wird so eine Ziege an einem Freitagabend auf ein Date ausführen oder sonst irgendwohin einladen. Also mache ich mich im Schneckentempo auf den Weg.



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Ihr Lieben,

wow!!! Ich weiß nicht so richtig, was ich sagen soll. Ein riesiges Dankeschön an euch alle, dass ihr dieser Story einen so warmen Empfang bereitet habt, das bedeutet mir wirklich viel! Also Danke für die Sternchen, die Favos und auch die beiden Reviews.
Ich hoffe jetzt einfach mal, dass euch dieses Kapitel auch gefallen hat, und nicht nur der Prolog. Über Rückmeldungen freue ich mich natürlich auch weiterhin sehr und im nächsten Kapitel darf dann die im Kurztext erwähnte Tani mal ran und die Story weiter erzählen.
Ich wünsche euch natürlich auch noch ein großartiges Wochenende!

Liebe Grüße
Maja
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