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Wissenschaftliche Notizen über ... ein "Götterpantheon"

von Ray Chal
Kurzbeschreibung
Aufzählung/ListeHumor, Übernatürlich / P12 / Gen
13.02.2020
19.03.2021
6
12.626
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05.03.2020 1.324
 
Iso-Ruinen


https://m.youtube.com/watch?v=XedopvkkU5E

Die Ruinen von Isobara liegen im Osten Izayois, in einem naturbelassenen Gebiet der Provinz Senrei. Vorab sei gesagt, dass ich mit meinen eigenen Augen die Existenz dieses Ortes bisher nicht bestätigen konnte, allerdings steht eine recht ausführliche Sichtung eines Abenteurers zur wissenschaftlichen Diskussion.
Es handelt sich um den Bericht des Ethnologen Motooki von Fukuda, der von seiner Expedition in die Wälder Senreis handelt. In der Nähe des Isobara Jingu (Großschrein von Isobara), dessen Namen der wirklichen Dimension dieses Heiligtums geradezu spottet, sollen sich unterirdische Ganganlagen befinden, in denen alte Völker Schutz suchten. Dieser Schrein ist der Schafsgottheit Paelim gewidmet, deren Kraft des Regenbogens die glasklare Isoquelle, am Schrein sich in Form eines Tümpels stauen, in einen Ort der Heilung verwandelt hat. Aus botanischer Sicht punktet dieses Gebiet durch bemerkenswerte Vielfalt der Vegetation, die mit dem heiligen Gelände zu verschmelzen scheint. Fast wirkt es, als hätten die Bewohner den Schrein so errichtet, um die Natur möglichst wenig zu stören. In archaischen Zeiten muss die Pilgerwallfahrt eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, aber mittlerweile setzen viele Bewohner Senreis in andere Gottheiten als diese fremdländische Schafsgöttin, deren Kult über die großen Handelsrouten der Welt über dieses Land gekommen ist.
Der Eingang zu den unterirdischen Ruinen, den Motooki beschrieb, fand er während seines nächsten Besuches nicht mehr wieder, als seien sie wie durch ein Wunder spurlos verschwunden. Er mutmaßt jedoch, dass sich anderorts ein neuer Eingang offenbar haben muss. Das Innere gilt als vergleichsweise schmucklos, Säulen aus Sandstein stützten die unterirdischen Korridore, Luftzugänge zur Oberfläche waren bereits lange zugeschüttet. Man verzichtete auf Mauerwerk, nutzte die nackte Felswand zur rituellen Gestaltung in den buntesten Farben: Rot, Grün, Blau, Weiß, ja sogar Rückstände von Gold sollen nachgewiesen sein. Diese Zeichungen gelten offenbar geflügelten Gottheiten sowie Darstellungen der großen Lebensräume der Erde. Gebirge, Wüsten, Wälder, das Meer und sogar der Himmel. Wiederkehrendes Motiv dieser Höhlenmalereien sind allerdings vor allem Schafe, die ebenfalls auf den Krügen und Scherben in den Ecken der relativ breiten Gänge abgebildet sind. Der vielleicht größte archäologische Wert schlummert in den 50 Statuen der Schafsgottheit, allesamt in verschiedenen Posen, selbst mit komplett unterschiedlichen Gesichtsausdrücken. Diese zeigen eine junge Frau mit großen, runden Augen aus Bernstein, langem, gewellten Haar und spiralförmig nach vorne gedrehten Widderhörnern, gehüllt in unterschiedliche Kleidung, die mal mehr, mal weniger Körperteile der schönen Gottheit entblößten. Es gilt als gesichert, dass diese Statuen die lebensechte Größe einer Frau besitzen.

https://m.youtube.com/watch?v=j9gtAkfKfvw

Nun zu den … Bewohnern … aufgrund der verschütteten Luftzugänge war menschliches Leben nicht zu erwarten und auch nicht zu finden, doch Motooki berichtet von merkwürdigen Lebensformen, die offenbar über eine unangenehme, aber für die meisten Menschen nicht wahrnehmbare Frequenz miteinander kommunizieren. Laut ihm beträgt die Anzahl der folgenden Wesen mindestens mehrere Hundert, davon in mehreren Dutzend Varianten. Im Grunde genommen handelt es sich bei diesen Wesen um überwiegend hellblaue Hitodama, die sich mit Farbresten der Wandmalereien, präziser ausgedrückt, Schriftzeichen schmücken. Als Motooki das Innere betrat, sah er einige dieser Zeichen wie Fledermäuse von der Wand herabgleiten und aufgeregt wie ein Hühnerhaufen umherzuschweben. Sie mögen sich zwar im Nachhinein als harmlos herausgestellt haben, doch der Anblick dieser mehreren hundert Hitodama hatte ihn schwer beeindruckt! Er erwähnte ebenso, dass die Form dieser Schriftzeichen denen der Hiragana ähnelte, sie jedoch wie eine ihm unbekannte, archaische Form schienen, die er beim besten Willen nicht entziffern konnte –  ein paar Dutzend Schriftzeichen während einer solchen Expedition im Gedächtnis zu behalten, war ihm nicht möglich, jedoch deutete er die großen unbemalten Zwischenräume an den Steinwänden als Schlafplatz dieser Seelenwesen. Würden diese allesamt ihren Platz einnehmen, würden sie bedeutsame Texte aus der alten Zeit offenbaren, komplett zerstreut verhinderten sie jedoch, dass von den Unwürdigen entziffert werden konnten, als sei dies gegen den Willen der einstigen Bewohner dieses Ortes.
Motooki ist sich nicht sicher, ob diese Ruinen nur als Unterschlupf, Fluchtort, Ritualstätte oder sogar Wohnstätte dienten, doch er fand noch weitere Räume im innersten Teil, die er nicht betreten konnte. Als er sich den vielleicht bedeutungsvollsten Kammern näherte, umkreisten ihn die Hitodamagylphen panisch und stießen ebenso gequält wirkende Schreie aus. Ihm schlug angeblich ein heftiger Luftzug entgegen, da blickte er in das Maul einer platten, riesigen Schlange, die irgendetwas Großes im Körper stecken hatte, als hätte sie einen Menschen quer verschlungen. Dieses goldbraune Höhlenreptil erweckte den Eindruck, ob seiner zu zwei bloßen Schlitzen verkommenen Augen blind zu sein, so ziellos schnappte es mit seinen scharfen Zähnen umher. Kurz vor seinem Maul musste der Luftstrom so stark sein, dass es ihn zurückschleuderte und ihn den ganzen Korridor zu den vermuteten Grabkammern der einstigen Bewohner entlangrollte, bis er sich am Eingang wiederfand. Natürlich wird hier viel Übertreibung mitgespielt haben, um sich mit solchen Entdeckungen und Abenteuern zu brüsten, doch die übernatürliche Präsenz um den Schrein herum wurde bereits von Angehörigen mehrerer Volksgruppen bestätigt.

(Manami)

Wie gerne würde ich diese Paelim-Statuen sehen! Zuhause hinstellen würden diese Hitodama mir wohl nicht erlauben, oder? Einen Ausflug wert wäre es jedenfalls! - Mitsy
Mal ganz davon abgesehen, dass du so etwas Schweres überhaupt nicht heben kannst … spricht ja viel dafür, dass diese Siedlung einst den Tengu gehört hat. - Manami
Es gab gewisse Dekrete, dass diverse Volksgruppen nicht auf dem Land von dem und dem Herrscher siedeln durften … von „unter diesem Land“ war nie die Rede, also ja, so eine Gaunerei würde passen~ - Mitsy


Sanctuarium von Ibi


In der Provinz Miyabi gibt es einen weiteren mythischen Ort, der sich Sacntuarium von Ibi nennt. Wie eine Art Garten Eden soll er selbst im Winter nie sein Laub verlieren, stattdessen sollen die Blätter bis zum Durchbruch der neuen Knospen auch in der kältesten Jahreszeit strahlend rot glühend, als hätten die Götter die Naturgesetze auf den Kopf gestellt. Diese Göttinnen, Kaenira (Kaeda), Yanagira (Yanágiha) und Sakiraso (Sakurai), symbolisieren den Frühling, den Sommer und Herbst, in denen das Leben floriert, den Winter haben sie der Legende nach verbannt, um die tierischen Bewohner von Ibi zu schützen. Viele schwer bejagte, in vielen Teilen des Landes ausgerottete Tiere sollen hier Zuflucht gefunden haben, denn für gewöhnliche Menschen bleibt Ibi in einem nebligen Bambusdickicht verborgen, unauffindbar - und das, obwohl es als von einer kleinen Gruppe Tiger bewacht gilt. Solche Wälder gibt es Miyabi einige, eine nähere Eingrenzung dieses Ortes ist nicht bekannt. Eine hier mittlerweile seltene Entenart, die ursprünglich aus Yueguo hinübersiedelte, soll unter anderem die Chance genutzt haben, nicht als köstlicher Entenbraten zu enden, sondern sich in einem quakenden Orchester des Lebens zu erfreuen. Die Legende besagt außerdem, dass Paelim eine Zeit lang aus Ibi verbannt wurde, bis sie versprach, nie wieder von den Pflanzen zu naschen! Doch das süße Schäfchen konnte während ihrer Widerkehr erneut nicht den Köstlichkeiten widerstehen, sodass sie von einem anderen Gott, unklar ist, von welchem genau, für drei Tage versteinert wurde. Drei Tage lang suchten Ibi dermaßen heftige Regenfälle heim, ohne dass ein einziger Sonnenstrahl die schwarze Wolkendecke durchbrach. Pflanzen drohten zu welken, Tiere drohten zu ertrinken, Ein Tag war zu ertragen, mit zweien konnte die Natur umgehen, doch der dritte brachte Schäden, die es nach dem Ende dieser kleinen Sintflut zu reparieren galt. Gut, dass drei Pflanzengöttinnen Mittel und Wege finden, um das Ganze ohne große Probleme zu bewerkstelligen. Jetzt fragt ihr euch sicher, wieso diese Früchte tabu sind ... nun, sie sind für die Tiere, zu denen auch die Tiger und Bären gehören - und damit diese keine anderen Tiere im Sanctuarium jagen, sind große Mengen für sie vorgesehen.

(Mitsuyo)

Isst Paelim immer noch von den heiligen Früchten dort? - Manami
Darüber wurde kein Wort mehr verloren, aber es hat sich etabliert, dass sie das Schäfchen nicht länger als zwei Tage am Stück zu Stein verwandeln durften! - Mitsy
Sie haben sich die Regenfälle durch die Inaktivität dieser Göttin erklärt? Aber war sie nicht einmal wochenlang außer Gefecht gesetzt? Das hat ja auch nur ein Gebiet betroffen … es kann sich klimatisch bedingt um eine natürlich zu erklärende Anomalie handeln. - Manami
Das sind ja auch Göttinnen, keine Wissenschaftlerinnen wie du! - Mitsy
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