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Ratte im Hühnerei

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
12.02.2020
25.09.2022
28
61.457
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12.02.2020 1.543
 
Dass er mich nicht leiden konnte merkte ich als ich zum ersten Mal das Klassenzimmer betrat welches nach dem regulären Unterricht für den Club des Quizteams genutzt wurde. Hier lernten nur die Besten. Und dazu gehörte ich nun einmal nicht.
Sein Blick bohrte sich in meinen Hinterkopf während ich noch über der Aufgabe grübelte die alle anderen längst gelöst hatten. Aber sein Starren lenkte mich ab, und ich konnte einfach keinen logischen Gedanken fassen!     
„Hörst du jetzt vielleicht mal auf zu glotzen? Das nervt echt extrem!“ fuhr ich ihn wütend an und drehte mich auf meinen Stuhl herum. Die drei anderen Mitglieder unseres Streberclubs schnappten entsetzt nach Luft; sie waren keine meiner Mitschüler, sie waren es nicht gewohnt dass jemand im Unterricht laut wurde. In ihren Klassen gab es offenbar keine Problemkinder.
Aber in der des Clubleiters, denn das war Herr Mikesch, mein Klassenlehrer. Und der Grund warum ich überhaupt erst diesem Verein von überkorrekten und wohlerzogenen Schleimern beigetreten war.
Jetzt mahnte er mich mit seiner ihm ganz eigenen antrainierten verständnisvollen Art zu Ruhe, und ich verzog über mein Papier gebeugt abfällig den Mund.
Davon wurde die Sache auch nicht besser. Hier konnte mich trotzdem keiner leiden.
Der Zeiger der Uhr rückte unaufhaltsam voran, und jetzt starrte mich nicht nur ein Augenpaar, sondern die aller anwesenden an. Ich wurde fast wahnsinnig!
„Andrei? Brauchst du vielleicht ein bisschen Unterstützung?“ Herr Mikeschs Stimme klang verständnisvoll, aber ich wusste das war nur Mitleid. Mitleid mit dem Kind aus schlechtem Elternhaus dem die Natur einen lustigen Streich gespielt und es mit einem ungewöhnlich hohen IQ ausgestattet hatte. Und die Eltern mit einem Hang zu unkontrollierbarem Alkoholgenuss und einer Abneigung gegenüber allem was  nur irgendwie nach geregelter Arbeit aussah.
Ich kam aus der Gosse.
Und wenn es nach meinen Clubkollegen gegangen wäre hätte ich da auch bleiben sollen.
So aber saß ich mit knirschenden Zähnen über eine Aufgabe gebeugt die ich unter normalen Bedingungen spielend leicht hätte lösen können, unter den ungeduldigen und teils spöttischen Augen der Elite dieser Schule aber war es ein Ding der Unmöglichkeit. Der Ärger darüber brodelte heiß in meinen Eingeweiden, meine eigene Unzulänglichkeit machte mich rasend, und es war nur noch eine Frage von Minuten bis ich vollständig explodieren würde.
Aber Herr Mikesch schien die Eruption vorauszuahnen, er schnippte äußerst affig mit den Fingern und drehte sich zur Tafel um.
„John, vielleicht wären Sie so nett und würden die Aufgabe einmal hier vorn für uns alle lösen. Und dann vergleichen wir die Ergebnisse.“
Hinter mir wurde ein Stuhl zurück geschoben, ich hörte ein leises ergebenes Seufzen, und dann schlenderte der Typ an meinem Tisch vorbei den ich mehr als jeden anderen auf dieser Schule verabscheute.
John war Jahrgangsbester (er war in der Abiturklasse, also zwei Stufen über mir), Vorsitzender sowohl des Quiz- als auch des Schachclubs, Schulsprecher, der Sohn reicher Eltern, und einfach all das was ich ums Verrecken niemals sein könnte und würde.
Und er war beliebt.
Mit seinen hübschen honigblonden Locken, der modischen Streberbrille die ihn kein bisschen streberhaft aussehen ließ, den schlichten aber teuren Langarmhemden die so eng anlagen dass man seinen wohl definierten Körper darunter erahnen konnte (und den Fitnessraum den die Villa seiner Eltern mit ziemlicher Sicherheit beherbergen durfte), seiner gehobenen Ausdrucksweise und Augen so dunkel und verführerisch dass sich jedes Mädchen ab der achten Klasse bei ihrem Anblick sofort unsterblich in ihn verlieben musste war er der Star der gesamten Schule. Auf ihn flogen nicht nur die Schüler, sondern auch das komplette Lehrerkollegium.
Nur ich, ich bildete die glorreiche Ausnahme. Und war damit der Rotzefleck auf den sonst so blank geputzten Markenturnschuhen von Mr Perfect.
Als er da nun so an meinem Tisch vorbei nach vorn spazierte um uns die Güte zu erweisen uns an seiner ach so überragenden Intelligenz teilhaben zu lassen schnipste er mir unauffällig gegen den Oberarm und zischte mir ein leises „Jetzt schön aufgepasst, dann lernst du vielleicht auch noch was.“ zu. Dabei grinste er so ekelhaft überlegen dass ich ihm beinahe fast genauso unauffällig ein Bein gestellt hätte. Aber ich riss mich zusammen.  Auch wenn mich die Vorstellung wie John sich vor uns allen unversehens auf die Fresse packte sicher aufgeheitert hätte. Aber ich war heute schon einmal unangenehm aufgefallen, es musste keine Wiederholung geben. Die Alternative zum Quizclub war nämlich ganz stupides Nachsitzen, und damit hatte ich schon genug Zeit meines Lebens vergeudet. Ich war clever, aber ich war eben auch ich. Und dieses Ich schaffte es immer wieder sich ständig in alle möglichen Schwierigkeiten zu bringen.
So rieb ich mir nur mit vor Wut zusammen gebissenen Zähnen die malträtierte Stelle an meinem Oberarm und versuchte John mit Blicken zu erdolchen, aber er kam natürlich trotzdem mit diesem dämlichen Grinsen im Gesicht und strotzend vor Selbstbewusstsein völlig unversehrt vorn an der Tafel an, und in dem Moment wo er begann die gestellte Aufgabe ausschweifend und mit absolut irrsinnigen Umwegen zu lösen kritzelte ich mein eigenes Ergebnis in rekordverdächtiger Geschwindigkeit auf mein Blatt Papier. Jetzt wo das Interesse aller nicht mehr auf mir lag und ich ganz unbeobachtet arbeiten konnte flutschte es wie von selbst.
Aber die Lorbeeren, die heimste eben ein anderer ein. Einer den es nicht störte wenn er im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stand.
Während die anderen über Lösungsweg und Ergebnisse diskutierten hielt ich mich vornehm zurück, ich tat so als würde ich mir eifrig Notizen zu dem Gesagten machen, in Wirklichkeit aber übermalte ich einfach nur das was ich bis jetzt schon geschrieben hatte. Nach dieser Stunde würde es eh keinen mehr interessieren.
Meine Schulsachen ließ ich grundsätzlich in meinem Spind, sie mit nach Hause zu nehmen wagte ich nicht mehr seit...egal, ich nahm sie einfach nicht mit nach Hause, und das war einer der Gründe warum ich grundsätzlich auf der Liste der Schüler stand die nie ihre Hausaufgaben machten.
Natürlich hätte ich sie auch in den Pausen nachholen können, bei meinem Intelligenzquotienten wäre das gar kein Problem gewesen, aber ich wollte ums Verrecken nicht als Streber gelten, und deswegen ließ ich es einfach ganz bleiben. In meiner Klasse wusste niemand wie schlau ich wirklich war, die dachten alle ich wäre beim Nachsitzen, und so sollte es wenn es nach mir ginge auch möglichst lange bleiben. Die Chancen dafür standen gut, das Quizteam trat zwar auch öffentlich und bei Wettbewerben auf, aber das immer nur mit höchstens vier Personen, und da ich Publikum scheute wie der Teufel das Weihwasser war es ein leichtes im Hintergrund bleiben zu können. Zumal auf meine Anwesenheit sowieso kein besonders großer Wert gelegt wurde.
Ich raffte meine Zettel und mein Schreibzeug zusammen, klemmte mir alles zusammen unter den Arm, schulterte meine praktisch leere Umhängetasche und verließ fast schon fluchtartig vor allen anderen das Klassenzimmer. Damit wollte ich vermeiden dass Herr Mikesch mich aufhielt und mir noch ein paar gut gemeinte Ratschläge mit auf den Weg gab. Das tat er manchmal, und es war mir schlichtweg peinlich. Für meinen Klassenlehrer war ich so etwas wie seine gute Tat an der Menschheit: er half mir, einem benachteiligten Kind aus (sehr) bildungsfernen Schichten dabei sein verstecktes Potential ungestört entfalten zu können; nur leider übersah er dabei dass dieses Kind sein Potential vollkommen absichtlich versteckte.
Ich für meinen Teil hielt mich für einen hoffnungslosen Fall. Und das würde auch so bleiben wenn ich nicht endlich lernte meine Zähne auch vor anderen auseinander zu bekommen.
Noch während ich mich an meinem Spind herumdrückte und die Unterlagen vom Quizclub achtlos auf die eh schon völlig überladende Ablage pfefferte um mich gleich darauf nach meinem leicht müffelnden Sportbeutel zu bücken (musste dringend gewaschen werden!) hörte ich Schritte näher kommen, und meine Hoffnung es würde sich dabei vielleicht nur um den Hausmeister oder einen meiner ignoranten Teamkollegen handeln wurde je zunichte gemacht als der herannahende Jemand prompt hinter mir zum Stehen kam.
Ganz langsam richtete ich mich auf, und drückte meine Spindtür fester als nötig ins Schloss.
„Wenn du willst kann ich dir mal Nachhilfe geben. Dann verstehst du vielleicht auch mal was und hältst uns nicht ständig mit deinem Rumgerätsel auf. Das ist ziemlich unkollegial, weißt du.“
Da stand er, mit seinem provozierend perfekten Lächeln und einem Ausdruck im Gesicht der genau das aussprach was er sich nie in Worte zu fassen wagen würde.
Das er mich für einen hoffnungslosen Fall hielt. Für einen Versager, ein nerviges kleines bedauerns- und verachtenswertes Aas das es nicht verdient hatte sich in seinen erlauchten Kreisen aufzuhalten.
Ich hätte ihm diesen Ausdruck am liebsten von der Visage gewischt. Aber damit hätte ich einen Verweis riskiert, und auch wenn mir die Schule schon immer ein Graus gewesen war, ich wollte meinen Abschluss. Ich wollte nicht so enden wie meine Eltern. Und deswegen bekam John nicht das was er meiner Meinung nach verdient hätte, sondern nur ein ärgerlich hervorgepresstes „Verpiss dich!“, dann machte ich auf dem Absatz kehrt und ließ ihn einfach stehen.
Den letzten Bus hatte ich längst verpasst, aber das Wetter war trotz November und hereinbrechender Dunkelheit noch recht angenehm, und so machte mir der bevorstehende Fußmarsch nichts aus. Genauso wenig wie die Tatsache dass mich keine fünf Minuten später ein nagelneuer und chromglänzender silberner Mercedes überholte und mich provozierend lang anhupte.
John fuhr einen Mercedes.
Am liebsten hätte ich ihm auf den Lack gespuckt.
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