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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
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17.04.2020 4.286
 
Trompetenschall war weithin zu hören. Das Licht wirkte heller, die Menschen freundlicher, da nun der verschollene Prinz heimgekehrt war. Arthas Menethils Rüstung war exotisch und noch mit Fellen bedeckt, denn er kam vom kalten Nordend her. Die Untertanen der Krone von Lordaeron versuchten, einen Blick auf ihn zu erhaschen. Die wenigen von ihnen, die noch heute leben, sagen, dass der Blick des Prinzen verhüllt von einem kalten Schatten war und weit in die Ferne schweifte. Rosenblätter wurden vor ihm ausgestreut und ihre Glorie hielt nur wenige Momente an, ehe sie von den schweren Hufen seines Pferdes zermalmt wurden.

Hinter dem Prinzen folgte seine Ehrengarde, knallharte Veteranen, die selbst die ungezählten Gefahren Nordends überlebt hatten. Auch sie trugen nicht mehr die hellen Plattenpanzer Lordaerons, sondern den gleichen düsteren, nordischen Stil des Prinzen. Mit strengen Blicken wiesen sie allzu eifrige Verehrer zurück.

Arthas Menethil war eine lebende Legende unter seinem Volk. Er tat, was er konnte, um sie vor der Geißel zu beschützen und mit seiner Rückkehr wären die Tage der Untoten gezählt. Ganz Lordaeron war auf den Beinen und stand Spalier für das Gefolge des Prinzen. Feierlich näherte sich die Prozession dem Königspalast. Arthas trat ein, um seinen Vater zu begrüßen und das Läuten der Glocken der Kathedrale hallte über die Dächer.
Dann begannen die Schreie.



Falathras war in der Nacht davor so aufgewühlt gewesen, dass es ihm kaum gelungen war, einzuschlafen. Schließlich hatte er es doch geschafft und er wachte erst auf, als die Sonne sich schon ihrem Zenit näherte. Er hatte den Einzug des Prinzen verpasst, aber das kümmerte ihn nicht weiter. Die Zeit war gekommen. Heute Abend würde er eine ganze Nacht lang Wache am Altar in der Kathedrale halten und dann wäre er endlich ein Paladin, geweiht von Uther und Kaedran, was nicht viele von sich behaupten konnten.

Er machte sich bereit für den Tag und stieg die Treppe hinab. Beim Anblick seiner Mutter musste er seufzen. War sie die ganze Nacht hindurch am Tisch geblieben? Sie hatte sich nicht einmal einen Fingerbreit bewegt. Ihre Finger verkrallten sich in ihrem Haar und dunkle Ringe malten sich unter ihre Augen. Der Holztisch war feucht von Tränen. Tanalarn redete auf sie ein. Keines seiner Worte drang zu ihr durch.

Falathras hatte schon mit dem Tod seines Vaters und seines ältesten Bruders gedanklich abgeschlossen. Er empfand eine gewisse Befreiung. Die Tyrannei von Tharis war beendet.
Hoffentlich wird Mutter das mit der Zeit auch einsehen.

Falathras holte sich einen Brotlaib zum Frühstück. „Seit wann bist du wach?“, sagte er zu Tanalarn.

„Seit gestern Abend… Weiß nicht… Was ich aber weiß, ist, dass ich Mutter irgendwie Erleichterung verschaffen muss.“

Falathras legte seine Hand auf die von Tanalarn. „Ich verstehe es, wenn du heute nicht bei meiner Weihe anwesend sein kannst. Irgendjemand muss auf Mutter aufpassen. So wie es aussieht, kann sie nicht für sich selbst sorgen.“

Tanalarn stimmte ihm zu: „Ich weiß das zu schätzen.“

Dann bleibt es doch nur bei Ivrendre. Falathras verspeiste in aller Ruhe seine Mahlzeit. Nichts auf der Welt drängte ihn zu Eile. Bevor er seinen letzten Bissen essen konnte, hämmerte es energisch an der Tür. Stuhlgescharre ertönte und Tanalarn stand auf.

„Nicht“, sagte Irene mit brüchiger Stimme, die allmählich fester wurde. „Ich mache das. Ich bin noch immer die Herrin des Hauses.“

Das Klopfen fuhr fort und intensivierte sich. Irene nahm ein Tuch zur Hand und trocknete ihre Tränen. Noch immer war ihr Gesicht gerötet, doch sah sie nun weit weniger am Boden zerstört aus. Sie erhob sich vom Tisch und machte die Tür auf.

Beinahe stürzte jemand von draußen in die Wohnung. „Eilnachricht von Uther Morgenglanz“, ratterte der schlaksige Bote herunter. „Alle Initianden sollen sich zum Ostausgang der Stadt begeben.“

„Bin ich damit auch gemeint?“, erkundige sich Falathras. „Ich habe heute meine Weihe und wäre dann kein Initiand mehr.“

„Dafür ist jetzt keine Zeit. Die Untoten sind in die Stadt eingefallen. Ostausgang! Geht auf keinen Fall in irgendeine andere Richtung! Ich muss los, weitere Initianden warnen“, schoss es aus dem Boten hervor.

Tanalarn hielt den Boten am Ärmel fest, bevor er verschwinden konnte. „Moment mal. Was bedeutet das für uns?“

„Evakuierung. Flucht. Geordneter Rückzug, was auch immer. Ich habe keine Zeit“, sagte der Bote, während er sich losriss und schon zum nächsten Ziel aufmachte.

„Was soll denn das? Ausgerechnet jetzt, so kurz vor meiner Weihe!“, beschwerte sich Falathras über die Umstände.

Irene hatte den Redeschwall des Boten mit wehmütigem Nicken wahrgenommen. Sie ging in die Küche und holte etwas aus einer Schublade. Sie wandte sich Falathras zu. „Mein Sohn, am Tage deiner Geburt, als ich deinen Namen flüsterte, stellte ich mir deine Zukunft vor. Mein Kind, ich habe nicht erwartet, dass du zu einer Waffe der Gerechtigkeit heranwachsen wirst. Aber vergiss nicht deine Familie. Schon immer haben wir nach Erfolg im Leben gestrebt. Und ich weiß, dass du mächtiger als der Rest von uns bist. Doch wahrer Erfolg, mein Sohn, ist es, die eigene Familie zu schützen. Dies sage ich dir, denn wenn deine Zeit gekommen ist, sollst du darum wissen. Bis dahin pass auf dich und deinen Bruder auf.“

Falathras war verblüfft. Mutter hat noch nie so offen zu mir gesprochen.

„Nimm das mit dir“, sagte Irene und legte ihm einen gelben Stein, der mit Runen verziert war, in die Hand. „Das ist ein uraltes Erbstück unserer Familie. Seit der Zeit der ersten Siedler in Lordaeron wird es von Eltern an ihre Kinder weitergegeben. Der Stein wird euch vor Gefahren warnen. Ich hatte gehofft, dieser Tag würde später kommen.“

„Mutter, kommst du nicht mit uns? Wir könnten gemeinsam von hier fliehen!“, rief Tanalarn.

„Nein…“, sagte Irene und eine unangenehme Stille folgte. „Das ist eure Reise. Ich möchte hier sterben und meine Toten im Licht wiedersehen.

„Nein!“, heulte Tanalarn.

„Mutter, wenn du hier zurückbleibst und die Untoten dich holen, dann gibt es kein Einswerden mit dem Licht“, sagte Falathras eindringlich, fast flehend. „Dann gibt es nur ewige Verdammnis.“

„Das werde ich schon zu verhindern wissen“, antwortete Irene ruhig. Eine schwere Last wich von ihr. Sie deutete auf den Kamin. „Niemand kann Asche wiederbeleben.“

Wieder schrie Tanalarn: „Nein!“

„Geht bitte. Ihr solltet das nicht mitansehen müssen“, beschwor sie ihre Mutter.

Falathras nickte stumm und nahm Tanalarn bei der Hand. Er musste ihn erst mit einiger Gewalt davonschleifen, bevor Tanalarn die Lage einsah. Wie ihnen aufgetragen worden war, wandte sich Falathras gen Osten.

Von Westen her hörte er Schreie und das unheilvolle Aroma von knisterndem Holz drang in seine Nase. In ihrer Gegend war noch nichts vom Geißelangriff zu bemerken. Die Leute verschlossen aus Vorsicht ihre Häuser.
Ich bezweifle, dass es ihnen was nützt.
Am Ende der Straße angekommen, warfen sie einen letzten Blick auf ihr Haus. Rauch qualmte aus den Fenstern. Tanalarns Gesicht war voller Tränen, aber Falathras zerrte ihn unbarmherzig weiter. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“



Die sonst so lebhaften Straßen von Lordaeron waren entvölkert. Aus einem Freudentag war einer des Unglücks geworden. Falathras hörte Kampfgeräusche, aber er folgte ihnen nicht.
Ich muss Tanalarn in Sicherheit bringen.
Sie begegneten keinen Angreifern der Geißel. Anscheinend waren sie hinter den Frontlinien.

„Zum Handelsviertel!“, rief ein Kommandant der Stadtwache und sein Trupp marschierte ihm nach.

Falathras sah ihnen hinterher. Narren, dachte er sich. Die meisten Gardisten waren nur wegen dem Sold und einer verhältnismäßig ruhigen Anstellung bei der Stadtwache, wie sein Vater Tharis. Nur selten kamen ihre Klingen zum Einsatz und sie verließen sich darauf, dass die Armee sämtliche größeren Bedrohungen von der Hauptstadt fernhielt. Diese Geisteshaltung rächte sich jetzt.

Sie verließen die Hauptstraße und eilten durch ein paar schmale Gassen.
Hoffentlich erinnere ich mich noch richtig. Ich glaube, ich bin diesen Weg schon einmal mit Ivrendre gegangen...

Falathras blieb im Ungewissen, bis sie auf einmal vor der Stadtmauer standen. Von dort aus war es ein leichtes für Falathras, das Osttor zu finden. Eine große Karawane mit mehreren Wägen hielt dort und Falathras erkannte flüchtig einige Initianden. Auch Adunas war anwesend. Uther und Kaedran standen gemeinsam mit einem Regiment Truppen Wache.

„Zum Glück ist mein bester Schüler hier!“, sagte eine vertraute Predigerstimme. Vater Bermorn legte seine Hände auf Tanalarns Schultern.
Tanalarn schniefte.
„Dieser schwarze Tag hat vielen von uns etwas genommen“, begann Bermorn.

Tanalarn stieß ihn beiseite. „Ich will jetzt keine Predigt hören!“

Vater Bermorn sah etwas verdutzt drein, gewann aber schnell seine Fassung zurück und kümmerte sich um andere Initianden.

Falathras ging zu Uther und Kaedran. „Meine Herren, heute hätte meine Weihe stattgefunden. Ich bin so gut wie ein vollwertiger Paladin. Ihr habt die Monstrosität gesehen, die ich erschlagen habe. Ich möchte bei der Verteidigung der Stadt gegen die Untoten helfen.“

Uther sah ihm fest in die Augen. Noch nie hatte Falathras so viel Weisheit in einem Blick gesehen. „Ich verstehe das. Aber ihr habt noch viel zu lernen. Ihr seid so jung und euch steht noch so viel bevor. Ihr habt eine Monstrosität besiegt. Aber das ist kein gewöhnlicher Angriff der Untoten. Unser Prinz – Arthas – hat uns verraten und er führt unzählige Untote in die Schlacht. Ruhm stirbt nicht, aber derjenige, der ihn erhält, schon. Geht zu den anderen Initianden. Lebt weiter! Ihr seid unsere Hoffnung und der Grund, warum ich kämpfe!“
Falathras wich einen Schritt zurück, so sehr hatte die Rede des Lichtbringers auf ihn eingewirkt.

Kaedran ergriff das Wort: „Ich werde alle Initianden, auch euch, zusammen mit einem Abgesandten von Dalaran in den Süden bringen. Sturmwind ist die einzige Nation, die weit genug entfernt ist, um vor der Geißel sicher zu sein. Wir werden noch einige Zeit auf andere Initianden warten, aber bald müssen wir aufbrechen, um einen Vorsprung vor der Geißel zu gewinnen.“

Falathras musste sich setzen. Diese Situation überforderte ihn. Er fühlte sich wie ein Spielball des Schicksals. Mit seiner Weihe hätte er endlich selbst entscheiden können, wohin die Reise für ihn ging. Nun war er bis auf unbestimmte Zeit nur ein Initiand.
Kaedran hatte Falathras‘ Niedergeschlagenheit erkannt und versicherte ihm: „Wir werden eure Weihe sofort abhalten, wenn wir in Sturmwind angekommen sind.“

Falathras nickte, aber seine Aufmerksamkeit war schon wieder abgeglitten.
Wo ist Ivrendre?
Er suchte unter den Anwesenden nach ihr. Dabei stieß er zufällig gegen Adunas. Früher hätte das in Schlägen geendet. Jetzt gab es nur ein respektvolles Nicken.
Falathras‘ Augen suchten die Umgebung ab – ergebnislos. Die einzige andere Person, die aus der Menge herausstach, war ein schwarzhaariger Mann mit violetter Robe. Das musste der Abgesandte von Dalaran sein.

Falathras setzte sich auf einen der Wägen und betete zum Licht, dass Ivrendre bald kommen möge. Von seinem Sitzplatz aus konnte er hören, wie sich Uther und Kaedran unterhielten.
Ich sollte das eigentlich nicht tun, dachte Falathras, doch die Neugier obsiegte. Er rutschte noch etwas näher zu ihnen hin und mit etwas Anstrengung konnte er ihr Gespräch verstehen.

„…Verstärkung kommt von den Hügellanden“, sagte Kaedran.

„Es dauert zu lange, bis sie hier ankommen. Die Stadtwache ist nicht für einen Angriff dieser Größenordnung gewappnet“, antwortete Uther.

„Was ist mit der Kaserne?“

Uther ballte seine Faust. „Sie wurde gleich am Anfang der Invasion erwischt. Wir können nicht auf die Unterstützung der Armee zählen.“

„Und doch kämpft ihr.“

„Dieser Kampf ist verloren. Die Hauptstadt wird fallen, so wie Terenas Menethil", war Uthers düsteres Urteil.

Falathras keuchte. Wenn selbst Uther Lichtbringer, der im zweiten Krieg eine Vielzahl von grünen Orkfluten zurückgeschlagen hatte, die Lage so einschätzte, dann war es aussichtslos. Er verstand nun, warum Uther ihn von der Teilnahme am Kampf abgehalten hatte.

„Wenn ihr wollt, werde ich mit euch kämpfen“, bot Kaedran Uther an. „Der Magier kann die Initianden auch alleine nach Sturmwind bringen.“

„Nein, ihr müsst bei den Initianden bleiben und ihnen spirituelle Führung gewähren. Ich habe nicht vor, sie Vater Bermorns gutgemeinten, aber veralteten Predigten auszusetzen.“

Falathras lachte leise in sich hinein.

„Dann möge das Licht mit euch sein, alter Freund.“

„Ebenfalls. Ich habe noch eine Rechnung mit Arthas offen.“ Uther schulterte seinen gewaltigen Kriegshammer und marschierte nach Westen, ins Herz der Stadt.

Uther war in Falathras‘ Achtung nur noch mehr gestiegen. Er konnte nicht gewinnen, hatte aber den Mut, sich solch einem schrecklichen Feind zu stellen.
Aber wo bleibt Ivrendre denn nur?
Kaedran wurde sichtlich ungeduldiger, je mehr die Sonne über den Himmel zog. Als es Abend war, befahl er dem Treck, sich in Bewegung zu setzen.

„Das geht nicht!“, rief Falathras.

Kaedran seufzte „Was?“

„Wir müssen warten. Es sind noch nicht alle da. Ivrendre, die mit mir gegen die Monstrosität angetreten ist, fehlt noch.“

Kaedran schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, aber ich kann ich nicht alle mir anvertrauten Schützlinge nur wegen einer Person in Gefahr bringen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr erobert die Geißel in der Stadt.“

„Dann gehe ich eben selber!“, rief Falathras aus und schnappte sich das erstbeste Schwert von einem der Lastwägen.

„Halt! Wer bis jetzt noch nicht gekommen ist, könnte schon längst tot sein!“

Falathras hielt verzweifelt sein Schwert hoch. „Aber ich muss es wissen!“ Er stürmte in Richtung der Gefahr davon.



Die Abenddämmerung hatte eingesetzt, aber Lordaeron blieb hell. Die Stadt brannte. Falathras irrte durch den Rauch. Er war auf dem Weg zu Ivrendres Wohnung.
Falls sie… Nein, daran darf ich nicht denken!
Bisher war Falathras keinen Untoten begegnet, obwohl der Runenstein von seiner Mutter die ganze Zeit über gelblich leuchtete.

Er hörte schon wieder Schreie. Sie waren so nah, nur eine Gasse neben ihm. Falathras ging mit erhobener Schwertspitze voran.

„Mama!“, heulte eine Kinderstimme.

Falathras seufzte. Er konnte nicht anders. Er wechselte in die andere Gasse über und sah den Stoff, aus dem Albträume gemacht waren. Zwei Ghule taten sich am Fleisch einer armen Frau gütig und ein Kind saß genau zwischen ihnen und rüttelte am Arm seiner Mutter. Es konnte den Unholden jederzeit zum Opfer fallen.

Mit einem Kampfschrei auf den Lippen stürmte Falathras los. Ein Ghul riss noch einen Fleischbrocken aus der Toten. Der andere Ghul kreischte schrill und sprang auf ihn zu. Er reckte ihm sein Schwert entgegen. Falathras flog nach hinten. Die geifernden Kiefer des Ghuls kamen ihm entgegen. Nur das Schwert sorgte für Abstand.
Falathras hielt seinen Arm ausgestreckt. Er kämpfte sich wieder nach oben. Mit großer Geschwindigkeit zog er die Klinge aus dem Ghul und hielt sie gerade rechtzeitig vor sein Gesicht. Der Ghul sprang ihn erneut an, aber diesmal machte sein Hals Bekanntschaft mit scharfem Stahl. Sein Kopf flog an Falathras vorbei.

Der andere Ghul stand mit erhobener Klaue neben ihm!
Für eine Abwehr war es längst zu spät.

Ein Stein traf den Ghul am schorfigen Hinterkopf. Schnarrend drehte er sich um und sah saftiges Kindefleisch vor sich stehen. Seine nadellangen Zähne zuckten gierig. Dann verlor auch er den Kopf.

„Danke“, sagte Falathras zu dem kleinen Kind.

„Mama…“, wimmerte es verloren.

„Geh! Geh nach Osten, wo die Sonne aufgeht!“, herrschte er es an. Das Kind brach in Tränen aus, aber es gehorchte.

Der Runenstein leuchtete weiterhin.
Verflucht!
Mauerputz rieselte von oben herab. Falathras wandte seinen Blick hinauf. Ein Ghul fiel samt einem Dachfirst herab. Falathras versuchte, auszuweichen. Etwas traf ihn an seinem Bein.
Nein, nicht der Ghul!

Blindlings hieb er mit dem Schwert um sich, traf aber nur Luft. Nachdem der Schleier der Panik verflogen war, sah Falathras, dass er mit dem Ghul unter einem glimmenden Holzbalken eingeklemmt war. Der Ghul streckte kläglich eine Hand hervor. Falathras hackte sie ihm ab. Der Kopf folgte.

Er wand sich unter dem Holzbalken hervor und inspizierte seine Verletzungen. Er dankte dem Licht. Seine Verletzung war kein von den seuchengetränkten Klauen des Ghuls geschlagener Kratzer, sondern nur eine gewöhnliche Verstauchung. Gleichzeitig war diese Verstauchung sein nächstes Problem. Es hatte ihn am Bein erwischt und er humpelte. In feindlichem Territorium war ein solches Handicap niemals gut.

„Falathras!“, kam es aus dem Rauch.

Er erkannte die Stimme. „Tanalarn!“ Aus dem schwarzen Dunst trat sein Bruder hervor. Falathras war berührt und besorgt zugleich, dass sein Bruder nun hier war. „Warum bist du mir gefolgt?“

Tanalarn kam näher. „Weil ich dich nicht auch noch verlieren will. Außerdem brauchst du meine Hilfe.“

„Das stimmt.“ Falathras zeigte ihm seine Verletzung.

„Lass mich machen.“ Tanalarn hielt seine Hände über Falathras‘ Bein. Er murmelte wie ein Magier vor sich hin. Ein Lichtstrahl drang aus Tanalarns Fingern. Er kanalisierte ihn auf Falathras‘ Verstauchung. „Das sieht jetzt zwar spektakulär aus, aber die Wirkung hält nur fünfzehn Minuten an. Danach wirst du dich wieder schlechter fühlen, also Beeilung!“

Falathras stand auf und belastete sein Bein. Es fühlte sich besser an als je zuvor.
Die zwei Brüder rannten weiter. „Hast du nichts Besseres auf Lager?“, fragte Falathras. „Etwas, das länger hält?“

„Haben noch nicht so viel Heilung gelernt…“, sagte Tanalarn mit pfeifendem Atem.

„Mach deinen Lehrern bitte mal etwas Druck. Was soll ich denn sonst machen, wenn es mich mal komplett umhaut?“
Zum ersten Mal an diesem Tag lachte Tanalarn und Falathras musste sich ihm anschließen.



Kaedran griff sich an den Kopf. Eine angeschwollene Ader pulsierte auf seiner Stirn. „Jetzt sind unserem Treck schon zwei Leute abhandengekommen.“ Er sah auf und ertappte einen weiteren Flüchtling. „He, was machst du da?“

Adunas wollte sich gerade davonschleichen. „Ich werde Falathras helfen. Mein Herr, ich schulde ihm mein Leben und wenn ich jetzt zurückbleiben würde, wäre ich ein ehrloser Feigling.“

Kaedran erhob sich furios. „Nein, nicht noch einer! Du bleibst hier!“

„Nein danke!“ Adunas sprintete davon und kein Gardist bekam ihn noch zu fassen.

Der Magier aus Dalaran hatte nichts Sinnvolleres zu tun, als amüsiert zu lachen. Kaedran schnaubte wütend. „Unglaublich…“

Kaedran fixierte den Magier mit einem strengen Blick, der zu Ernsthaftigkeit mahnte. „Ich werde bald losfahren müssen. Es kann nicht sein, dass diese drei Schafshirne das Leben aller anderen Initianden gefährden. Die Geißel dringt vor und bald werden sie hier sein.“

Der Magier stand wie aus dem Nichts plötzlich mit einem Stab vor ihm. „Ich werde ihnen nachgehen. Ich kann mir vorstellen, dass sie ein wenig Unterstützung gebrauchen könnten, um aus ihrer misslichen Lage wieder rauszukommen.“

„Dann geht“, forderte ihn Kaedran auf. „Euch traue ich im Gegensatz zu den anderen zu, dass ihr wisst, wie ihr das lebendig übersteht.“



„Nein!“ Falathras sah Ivrendres Haus in Flammen stehen.
Ivrendre darf nicht tot sein!
Das Feuer fand ein Festmahl im Fachwerkstil des Gebäudes. Die Bäume, die einst Falathras Schatten gespendet hatten, waren nun verkohlte Überreste.
Falathras musste in das Haus gehen. Er konnte Ivrendre nicht einfach in diesem Inferno zurücklassen, falls sie lebte, falls sie hier war. Falls sie lebte…

„Bleib hier!“, rief er Tanalarn zu. „Ich möchte nicht auf dich und Ivrendre zugleich achtgeben müssen.“

Er setzte einen Fuß über die Schwelle. Seine Ohren dröhnten von der feurigen Melodie der Flammen, die allgegenwärtig war. Das Gebälk knarrte bedrohlich. Im Erdgeschoß war nichts zu sehen. Nach der Ghul-Attacke von vorhin war Falathras auf der Hut und drang mit geschärften Sinnen und erhobener Klinge in den ersten Stock vor. Er vergewisserte sich mit einem Blick auf seinen Runenstein. Ein Feind war ganz nah bei ihm.

Das prasselnde Feuer war so laut, dass er fast etwas überhört hatte. Falathras näherte sich den Geräuschen. Ein Kampf! Ihn hielt nichts mehr. Er musste Ivrendre beistehen.
Er sah sie in eine Ecke zurückgedrängt. Sie stand über dem reglosen Körper ihres Vaters und verteidigte sich mit einem Schürhaken. Sie hielt den Ghul auf Abstand. Das Unwesen kreiste ungeduldig um sie herum, wohlwissend in seiner animalischen Intelligenz, dass ihm diese lächerliche Waffe nichts anhaben konnte. Aber Falathras vermochte es. Langsam wurde er geübt im Abhacken von Köpfen.

Ivrendres Augen weiteten sich. „Fala“, sagte sie matt.

„Wir müssen gehen“, drängte er zu Eile.

„Aber was ist mit meinem Vater? Ich kann ihn nicht einfach diesen Bestien überlassen!“

Falathras ging in die Knie und inspizierte Ivrendres Vater. Er hatte diesen Mann nicht gut gekannt, aber er war immer freundlich zu ihm gewesen. Nun war er nur noch ein weiteres Opfer dieser Katastrophe. Die Ghulkratzer, die sich über seinen Körper zogen, waren Beweis genug.

„Für ihn können wir nichts mehr tun. Im Feuer zu sterben ist ein besseres Schicksal, als zu einem Untoten zu werden."

Ivrendre schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht richtig.“

Eine Hand ergriff sie. Falathras dachte, sie zu einem Ghul gehörte, aber es war die Hand ihres Vaters. „Er sagt die Wahrheit. Geh…“, waren seine letzten Worte. Dann wich sein Odem für immer von ihm. Seine Hand lockerte ihren Griff und rutschte ab. Das Feuer näherte sich seinen Zehenspitzen.

Ivrendre schniefte, aber sie zeigte sich einsichtig. Unten trafen sie wieder mit Tanalarn zusammen. Während sie sich auf den Rückweg machten, erklärte Falathras Ivrendre die gesamte Lage.

„Zum Osttor also. Ich kenne eine Abkürzung dorthin“, sagte Ivrendre tonlos.

„Natürlich kennst du die“, bemerkte Falathras.

Auf Ivrendres geheimen Pfaden kamen sie leicht und schnell voran, doch bald leuchtete das Medaillon von Falathras intensiver denn je auf Eine Rotte von Untoten hatte sich zum Leichenschmaus in einer Gasse auf ihrem Weg versammelt.
„Dann müssen wir eben auf die Hauptstraße ausweichen“, flüsterte Ivrendre.

Falathras schindete sich am meisten. Er wusste nicht, wie lange Tanalarns Segen noch anhielt. Als er an einer dunklen Ecke vorbeihuschte, sah er einen Schatten in seinem Gesichtsfeld. Es war zu spät. Etwas rammte ihn mit großer Wucht zu Boden. Ein gesichtsloses Etwas hatte ihn angegriffen. Immerhin hatte es keine Klauen, mit denen es ihn infizieren konnte. Dafür katapultierte es sich wie ein Floh nach oben und sauste wieder nach unten. Falathras versuchte, sich zur Seite zu rollen.
Zu langsam.

Da wurde das Monster weggeschleudert. Es stieß einen stummen Schrei mit seinem zugenähten Mund aus. Ein Hammer hatte seinen Rumpf eingedellt und weißgoldene Funken gruben sich in seine ledrige Haut. Es schlug gequält um sich, bevor es verendete.

"Jetzt sind wir quitt", sagte Adunas.

Falathras klopfte sich ab. „Ich dachte, das wären wir schon.“

Adunas verzog den Mund. „Denk nicht zu viel. Das habe ich schon immer an dir gehasst.“

„Wie komisch. Ivrendre sagt mir immer, dass ich zu wenig nachdenke.“

„Ich sehe, dass ihr wieder vereint seid“, sagte Adunas und holte seinen Hammer aus dem Monster.

„Lauft!“, rief Tanalarn panisch.

Ghule hatten die Kampfgeräusche gehört und nun jagten sie ihre Beute.

Falathras nahm die Beine in die Hand. „Das sind zu viele!“

Die nackte Angst verlieh ihnen förmlich Flügel. Sie rasten die Hauptstraße hinunter nach Osten, aber ihre Verfolger wurden immer zahlreicher. Das Geheul der Meute lockte weitere Ghule an.

Ein Ghul kletterte ihnen seitwärts an den Häuserwänden hinterher und wagte einen Sprung. Er visierte Tanalarn an. Fast hätte er ihn zu fassen bekommen, doch er flog in einen halb abgebauten Obststand. Grausiges Gebrüll tönte ihnen entgegen.

Tanalarn hielt sich die Seite, während er nach Atem rang. „Ich kann nicht mehr.“

„Nur noch ein bisschen“, munterte ihn Falathras auf. In diesem Moment kehrten die Schmerzen zurück. Er knickte zusammen und fiel auf den harten Pflasterstein.

„Sieht so aus, als ob wir kämpfen müssen“, sagte Ivrendre düster.
Tanalarn schluckte schwer.

„Wenn wir sie besiegen, wird unser Ruhm niemals sterben“, erwiderte Adunas.

Sie bildeten einen Ring um Falathras und stellten sich der Übermacht zu einem aussichtslosen Kampf.
Falathras drehte den Kopf ihren Angreifern entgegen.
Die Ghule nahten. Aus der Nähe waren ihre grotesken Fratzen noch furchtbarer. Sie hatten nichts mehr gemein mit den Menschen, die sie einst waren.

Tanalarn versuchte, sie mit der Macht des Lichts zu peinigen.
Mordlüsterne Maschinen des Todes ohne Verstand. Ohne Mitgefühl.

Ivrendre nahm sich Falathras‘ Schwert und vernichtete einen voreiligen Ghul.
Einer war gefallen, doch das war für die zahllose Horde von Ghulen kein Problem. Eher feuerte dieser erste Tod sie an.

Falathras sah die Straße hinunter. Nur hundert Schritte weiter wären sie hinter eine Barrikade der Stadtwache gelangt. Immerhin sind wir weiter gekommen, als ich dachte.

Der Untoten sind so viele, dass sich gegenseitig auftürmen.
Adunas schwingt seinen Hammer.
Die ersten stürzen sich von der Spitze der Welle des Todes hinab.
Ivrendre stellt sich vor Falathras, um ihn zu verteidigen.
Eine Mauer der Verwesung drängt sich ihnen entgegen.
Tanalarn ruft etwas.
Es kommt zum Aufprall.
Falathras vergeht Hören und Sehen.

Feuer! Feuer explodiert überall. Die Häuserfronten zerbröckeln. Das Flammenmeer brennt ringsum. Eine unscharfe Silhouette erscheint im Osten. Ein Wort. Stichflammen lodern gen Himmel.



Als Falathras wieder sehen konnte, befand er sich hinter der Barrikade. Er stand auf und warf einen Blick gen Westen. Eine Ascheschicht von einem Schritt Höhe bedeckte die Straße.
„Bedankt euch bei mir“, sagte ein Mann in violetter Robe. „Wenn ich mich vorstellen darf: Cyrgar der Suchende. Merkt euch meinen Namen, da ich euch für die nächst Zeit begleiten werde.“

Falathras gab ihm die Hand und stellte sich vor. Dann warf er einen genaueren Blick auf Cyrgar. Der Magier hatte himmelblaue Augen und trug seinen schwarzen Spitzbart nach der extravaganten Manier von Dalaran. Auf den zweiten Blick war seine Robe nicht bloß violett, sondern auch von blauen und goldenen Mustern durchfärbt. Cyrgar konnte höchstens ein paar Jahre älter als er selbst sein.
Cyrgar verbeugte sich galant vor Ivrendre. „Und das muss die vermisste Frau sein. Lasst uns zum Osttor gehen. Kaedran tobt bestimmt schon wegen eurer Verspätung.“



„Freut euch ja nicht, dass ihr die Untoten überlebt habt. Ich könnte euch alle umbringen! Nein, ich werde euch noch schlimmer strafen!“, zürnte ihnen Kaedran. So schnell seine Wut gekommen war, verflog sie auch wieder. „Wohlan denn. Wir brechen auf!“

Falathras teilte sich gemeinsam mit Ivrendre, Tanalarn und Adunas einen Wagen. Die letzte Stunde in der sterbenden Stadt hatte ein Band zwischen ihnen geschmiedet. Rumpelnd entfernte sich der Treck von der Stadt.

Das lichterloh brennende Lordaeron strahlte hell als ein Fanal des Todes in die Nacht hinaus. Das Licht der Sterne wurde von dem des Brands verzehrt. Das Reich war durch die Hand seines eigenen Prinzen gefallen, der nun ein König ohne Krone war. Noch heute vergießen die Überlebenden jenes schwarzen Tages viele Tränen, wenn sie sich erinnern. Nie wieder gab es in den Königreichen der Menschen eine so herrliche Stadt und auch wenn Sturmwind mächtig ist, konnte es nie mit Lordaeron auf dem Höhepunkt seiner Stärke aufnehmen.
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