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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
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17.03.2020 1.956
 
Unter Schimpf und Schande wurden sie aus dem Sichtfeld der anderen Initianden entfernt. Vater Bermorn wies ihnen den Weg zu einer abseits der normalen Pfade gelegenen Ecke. Dort angekommen nahm er von einem von vorauseilendem Gehorsam erfüllten Diener drei Besen und Putztücher entgegen. „Nun gut. Dann wünsche ich euch Erfolg beim Putzen.“ Er warf ihnen ihr Arbeitswerkzeug entgegen und wandte sich ab.

Täusche ich mich, oder hat er vorhin in sich hineingegrinst?, ging es Falathras durch den Kopf. Er fügte sich seufzend seinem Schicksal und hob seinen Besen auf.

Ivrendre tat es ihm gleich, aber Adunas blieb untätig. Das entging der wie eine Bogensehne angespannten Ivrendre nicht. „Keine Lust auf schmutzige Arbeit?“

„Wieso sollte ich für etwas, das eure Schuld ist, büßen?“, stellte sich Adunas gegen ihren Spott.

Falathras wischte mit seinem Besen etwas Staub, der sich zufälligerweise auf Adunas Schuhen niederlegte. „Hast du Vater Bermorn nicht zugehört? Er sagte, dass du kein Stück besser bist als wir.“

„Das ist nicht wahr“, sagte Adunas zähneknirschend.

„Oh doch, aber du willst das nicht wahrhaben. Wenn du wirklich besser wärst als ich, warum findet meine Weihe dann zuerst statt?“

„Du hast so ein Glück, dass wir schon bestraft werden“, grollte Adunas, „ansonsten würde ich dir jetzt eine reinhauen, dass nicht einmal mehr deine Mutter noch dein Gesicht lieben könnte.“

„Die Kuh auf der Weide sieht nicht das, was hinter dem nächsten Hügel liegt.“

Wütend riss Adunas seinen Besen an sich. Der Moment in dem sich sein und Falathras‘ Blick trafen, hätte der Ursprung aller vielfach Blitze hervorbringenden Gewitter sein können. Mit einem energischen Fluch auf den Lippen putzte er sich bis zum nächsten Steinkorridor voran, um Falathras und Ivrendre nicht mehr sehen zu müssen.

„Endlich ist er weg“, sagte Ivrendre erleichtert. „Aber wie ist er uns überhaupt auf die Spur gekommen?“

„Seine Familie wohnt in meiner Nähe. Vermutlich wird diese Orkbrut gesehen haben, wie ich zu dir gegangen bin und mir nachgeschlichen sein. Er hat nur Übles für mich im Sinn und wird sich sicherlich gedacht haben, dass er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen kann.“

„Er hatte es schon immer auf dich abgesehen.“

Falathras, der nicht unfroh darüber war, dass ihr Strafmaß auch Adunas miteinbezog, fügte sich in seine Aufgabe. Eigentlich wäre es nicht so schlimm gewesen, Schmutz und Unordnung den Kampf anzusagen, denn dies bedeutete, nicht von Vater Bermorn mit dem Bücherstaub von tausend Jahren traktiert zu werden, doch war leider der Zeitpunkt ungünstig. Am Nachmittag hätten er und Ivrendre die Kunst des Krieges üben sollen. Er hatte sich schon fern von den Priestern gewähnt. Die Unterrichtsstunden unter der Leitung von Paladinen der silbernen Hand waren die einzigen Momente, in denen er das Gefühl von Freiheit innerhalb des Internats hatte.

Der Schwertkampf glich auch die Kräfteverhältnisse zwischen ihm und Adunas aus. Die körperliche Überlegenheit seines Rivalen wurde unwichtig, sobald Falathras ein Schwert in der Hand hielt. Die rohen Muskelberge von Adunas verlangsamten ihn nur und Falathras konnte durch sein Geschick im Umgang mit dem Schwert und seine Wendigkeit stets den Sieg für sich erringen.

Resignierend nahm Falathras sein Putztuch zur Hand. Er brauchte einen Moment, um seinen Ekel zu überwinden, bevor er sich dazu hinabließ, einen Exkrementhaufen zu beseitigen, der mittlerweile eingetrocknet war und wie eine standhafte Eiche Wurzeln in den Fugen zwischen den Bodenplatten geschlagen hatte.



Ein echter Putztrupp hätte mit strengem Regiment und harter Hand sämtliche Bollwerke des Drecks beseitigen können. Vielleicht wären sie bis an die vorderste Front im Kampf zwischen Chaos und Ordnung vorgedrungen und hätten die verstaubten Krypten unterhalb der Kathedrale ein für alle Mal rein machen können. Diese Sträflinge hatten längst nicht so viel Ehrgeiz. Die Aussichten, dass sie vor Ablauf der zwei Wochen fertig wurden, schrumpften mit jedem Tag.
Von außen wirkte die Kathedrale bereits groß, ihr Inneres übertraf sogar noch jegliches Ausmaß. Falathras hatte schon einmal versucht, dieses Mysterium zu ergründen. Er hatte die Außenseite der Kathedrale mit seinen Schritten abgemessen und innen zählte er so viel mehr Schritte, dass es ausgeschlossen war, dass er sich verzählt haben mochte.

Ihre Bemühungen wurden durch ihre Uneinigkeit zusätzlich untergraben. Adunas und Falathras wechselten nicht einmal das absolut notwendige Minimum an Worten, das ihr kleiner Putzapparat brauchte, um zu funktionieren. Ivrendres Vermittlungsversuche blieben erfolglos.

Wann immer sich die Wege von Falathras und Ivrendre mit denen anderer Initianden kreuzten, wurde vor ihnen auf den Boden ausgespuckt. „Pföh!“

Falathras wollte die Spuckflecken ignorieren. Er hatte genug zu tun.
„Wo willst du hin?“, schallte ihm von hinten Vater Bermorns Stimme entgegen. „Putz das da auf!“
Falathras‘ Widerstand kam über den Gedanken daran nicht hinaus.

Dieses erniedrigende Schauspiel sollte sich noch oft wiederholen. Jedes Mal, wenn Falathras solche Verachtung entgegengebracht wurde, zwang ihn Vater Bermorn, alles wegzuwischen. Einmal besaß er die Perfidie, ihn erneut mit seiner Weihe zu bedrohen. Falathras wusste, dass Bermorn nicht zur silbernen Hand gehörte und somit nicht darüber entscheiden konnte, doch hinterließ diese Begegnung einen hässlichen Fußabdruck in seinem Gedächtnis.



Die Tage verliefen monoton. Im Takt von Besenschwüngen und Lappenwischern wurde die restliche Zeit um jede Sekunde erleichtert. Die solchermaßen abgerungenen Minuten häuften sich zu Stunden an. Die Nacht kam und der nächste Tag folgte, nur um von wieder von der Nacht abgelöst zu werden. Da wurde Falathras von seinem jüngeren Bruder aufgesucht.

„Tanalarn!“ Falathras ließ seinen Besen fallen und es klapperte hölzern. Er umarmte schwungvoll seinen Bruder. „Geht es dir gut? Hat Vater Bermorn dich in Ruhe gelassen?“

„Danke, aber eigentlich bin ich gekommen, um das dich zu fragen. Du bist derjenige, der tief in der Trollscheiße sitzt.“

„Ach“, sagte Falathras beschwichtigend, „es ist nicht so schlimm, wie Vater Bermorn es uns angedroht hat. Meine Haut fällt nicht vor lauter Putzen in Fetzen von meinen Fingern runter. Oh, und ich habe mir noch keine Vergiftung beim Putzen des Aborts zugezogen, das ist doch auch etwas, wofür ich mich glücklich schätzen kann.“

Tanalarn zögerte. „…Ich wollte dir auch noch sagen, dass Vater Bermorn…“, erneut musste er seinen Mut zusammenkratzen, „er hat mit unseren Eltern gesprochen.“

„Oh nein“, stöhnte Falathras auf.

„Fala, sie…“ Tanalarn musste schlucken.

Falathras hielt sich abwehrend eine Hand vor sein Gesicht. „Sag nichts mehr. Ich kann es mir denken; sie werden nicht zu meiner Weihe kommen.“

„Ich habe versucht, es dir schonend beizubringen… Es tut mir leid, dass ich nicht die richtigen Worte gefunden habe.“ Tanalarn klopfte Falathras tröstend auf den Rücken.

„Dich trifft keine Schuld. Du bist nicht verantwortlich für die Taten unserer Eltern. Mich wundert es nicht, dass sie nicht kommen“, sagte Falathras bitter und seine Stimme echote kalt durch die Gänge. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Vater Bermorn mit ihnen spricht. Wenn ich könnte, würde ich unsere Eltern auf seine Seelsorge verzichten lassen. Wenigstens kann er keinen Einfluss auf meine Weihe nehmen. Die ist wie in Stein gemeißelt und dann werden die Augenblicke der Demütigung vorbei sein.“

„Falathras?“

„Ja?“

„Du weißt, dass ich dort sein werde, in Ordnung? Die Familie Morgenglanz ist anwesend, zwar nicht vollzählig, aber ich werde dabei zusehen, wie du zum Paladin wirst. Auf keinen Fall werde ich einen so großen Tag verpassen.“

Falathras lächelte gerührt. Er umarmte Tanalarn ein zweites Mal und drückte ihn fest an sich. „Du und Ivrendre, ihr seid die einzigen Menschen auf ganz Azeroth, denen ich vertraue.“

Tanalarns lange Strähnen fielen ihm, wie so oft, ins Gesicht, wenn er verlegen lächelte. Er tat es häufig. „Danke.“ Er streckte seine Hand nach Falathras aus. „Wir stehen zusammen.“

Falathras schlug bekräftigend ein. „Wir stehen zusammen.“

„Möge das Licht mit dir sein. Ich muss jetzt gehen, Fala, ich muss meine nächste Unterrichtsstunde rechtzeitig erwischen, ansonsten wird Vater Bermorn sehr streng mit mir sein.“

„Ebenfalls. Lass dich nicht von ihm drankriegen!“ Falathras verabschiedete seinen Bruder mit einem aufmunternden Nicken und sah ihm nach.

Tanalarns Schritte hallten in den Steinbögen wider, bis er scharf um eine Ecke bog, die seine Geräusche verschluckte.

Falathras hatte seinem Bruder nicht die ganze Wahrheit gesagt. Seine Buße traf ihn härter, als er angenommen hatte. Es waren die psychischen Auswirkungen, die ihn zu zermürben begannen. Abgesehen von Ivrendre und Tanalarn bedeuteten die anderen Initianden Falathras nicht viel, aber die Ablehnung, die sie ihm seit neuestem entgegenbrachten… Er schalt sich für seine Torheit. Er hätte es sich vorher überlegen können. Jetzt empfand er auch Reue für seine Taten. Nur was nutzte sie ihm, wenn niemand ihm vergeben wollte?
Tanalarn… Manchmal habe ich das Gefühl, dass er erwachsener ist, als ich. Aber er ist jünger als ich und ich darf ihn nicht mit solchen Dingen belasten.

Falathras beschlich eine Vorahnung, dass er sich nach der Weihe zum Paladin seine Streiche, die man einem Initianden noch halbwegs nachsehen mochte, nicht mehr erlauben konnte. Trotzdem war er nicht traurig darüber. Als vollwertiger Streiter des Lichts hätte er viel mehr Freiheiten. Die Strahlenkränze der von der Hand hängenden Fackeln schienen ihm eine verheißungsvolle Zukunft vorherzusagen. Solange Vater Bermorn nicht Einfluss auf seine Weihe nahm – er konnte nicht -, solange seine tausendfaltige Hand das Licht seiner Hoffnung nicht wie einen Kerzendocht ausdrückte, war Falathras sich sicher, dass er seine Strafe aushalten konnte.



Weitere Stunden verrannen an diesem Tag. Ivrendre kam um die Ecke gebogen, da sie den ihr zugewiesenen Flur zur Gänze gereinigt hatte. „Ich habe gesehen, wie Tanalarn aus dem Priesterseminar gekommen ist“, berichtete sie ihm. „Hat er dich besucht?“

Falathras rieb sich mit der Hand am Hinterkopf, da ihn ein gleichermaßen plötzlicher wie unerklärlicher Juckreiz befallen hatte. „Ja. Er ist der einzige aus meiner Familie, der zu mir hält. Vater Bermorn hat es ihnen erzählt.“

Falathras bemerkte den goldenen Widerschein der Kerzen auf Ivrendres Haar, als sie ihm eine weitere Frage stellte: „Kommen sie wenigstens zur Weihe?“

Falathras‘ Gemüt verschattete sich wie ein Sommertag, dem ein Gewitter bevorsteht. „Nein. Nur Tanalarn.“ Mechanisch wischte er den Boden und seine Besenschwünge verteilten den Unrat nur, anstatt ihn zu beseitigen.

Ivrendre sagte kein Wort. Sie schritt zur Tat und nahm Falathras den Besen weg. „Das musst du nicht tun. Es ist spät. Schau dich um!“

Falathras tat wie geheißen und er spürte, dass er etwas sehr Wichtiges verpasst hatte: Die Zeit. Die Lichtschächte, durch die ein diffuses Strahlen in der ganzen Kathedrale verteilt wurde, waren düster geworden. Nur die Fackeln und Kerzen vertrieben das Dunkel der Welt. „Was macht das mit mir?!“, rief Falathras aus und griff sich an den Kopf. Er drehte sich im Kreis und die harten Linien der Kathedralenarchitektur verschwommen in seiner Sicht zu einem verwirrenden Tanz.

„Stopp!“ Ivrendre hielt sein Kreisen mit sanfter Gewalt an. „Du solltest schlafen gehen.“

Falathras war wieder zu einem Halt gekommen. „Schlafen… Ja, am besten jetzt gleich.“

Ivrendre begleitete ihn auf dem Weg zum Schlafsaal der männlichen Initianden. Dort musste sie ihn verlassen. Vater Bermorn sah es nicht gern, wenn sich die beiden Geschlechter mischten. Er hatte es aus denselben Gründen verboten, wegen denen er ihnen am Wochenende keinen Ausgang erlaubte. Unsittlich nannte er das.

Falathras schleppte sich unter den missbilligenden Blicken der anderen Initianden zu seinem Bett. Immerhin sind sie so brav, dass sie nie auf die Idee kämen, in meinem Kopfpolster einen stinkenden Frosch zu verstecken oder etwas in der Art. Ich habe jetzt nicht die Nerven für so etwas

Die von Bermorn auferlegte Buße übte ihre Wirkung auf ihn aus. Es war die Monotonie, die aufkam, wenn die Sande der Zeit durch den gleichmäßigen Rhythmus von Besenschwüngen getaktet wurden, die ihm solche Schwierigkeiten bereitete. Die einzigen Lichtblicke waren die Unterhaltungen mit Tanalarn und Ivrendre. Falathras verfluchte Vater Bermorn in Gedanken dafür, dass er Ivrendre mit Absicht anderen Arealen zuwies, um ihre Gesprächszeit zu minimieren.
Ich weiß, dass er weiß, dass ich weiß, dass sie meine Stütze ist. Ohne sie bin ich nicht mal halb so stark. Aber ich erkenne diese Zermürbungstaktik. Ich werde mich nicht bezwingen lassen. Ich werde standhaft bleiben!, schwor er sich, bevor ihn der Schlaf übermannte.
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