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Buch 1 - Die Flucht

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Het
12.02.2020
13.11.2020
27
57.070
5
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15.03.2020 1.851
 
Das Wochenende war vergangen und alle Initianden hatten sich bei der Kathedrale versammelt. Mit dem ersten Sonnenstrahl des Tages begann die Morgenandacht. Falathras‘ Antlitz wurde von der tiefstehenden Sonne beschienen. Die Strahlen nahmen an Intensität zu. Falathras hielt die Augen geschlossen. Er hatte nicht vor, sich solcherart vom Licht segnen zu lassen, dass er den Rest seiner Tage in Blindheit verbringen müsste.
Warum spielt das Licht der Sonne für uns eine Rolle? Es ist doch schließlich in jedem Lebewesen veranlagt und unsere Kraft kommt aus uns selbst?
Die Initianden hielten ihre Hände huldigend gen Himmel. In trägem Tanz im Kreis beendeten sie die Morgenandacht. Die Paladin- und Priesterschüler zerstreuten sich in ihre Jahrgänge.

Falathras suchte Ivrendre auf. „Was steht bis zum Mittagessen an?“

„Leider“, Ivrendre senkte ihre Stimme, „haben wir jetzt Unterricht mit Vater Bermorn.“

„Ich halte sein Palavern gerne aus, um die Früchte unserer Arbeit zu sehen.“

Ivrendres Gesicht hellte sich auf. „Du hast Recht. Es dauert nur einen Vormittag und am Nachmittag werden wir mit den Schwertern üben.“

Falathras nickte ihr bestätigend zu, als er plötzlich nach vorne gestoßen wurde.
„Pass auf, wen du anrempelst“, verspotte ihn der Übeltäter mit wohlbekanntem Hohn.

Ich werde Adunas nicht die andere Wange hinhalten, da kann er so viel größer sein, wie er will!, schoss es Falathras durch den Kopf. Er fuhr zu Adunas herum. „Dann solltest du besser nicht in meinem Weg stehen.“

Er beschoss Adunas mit heraufordernden Blicken stieß auf seinem Weg zu Vater Bermorns Klasse absichtlich gegen seine Schulter. Sie hatten einen weiteren Schritt auf der Straße der Feindschaft getätigt. Falathras kannte Adunas schon länger als Ivrendre. Er wohnte in seiner Nähe und sie waren sich schon im frühsten Kindesalter gegenseitig an die Gurgel gegangen.
Eines Tages werde ich ihm alles vergelten.
Die Pranke von Adunas hielt ihn an Ort und Stelle fest. Adunas war im Körperbau einem Ork nicht unähnlich, obwohl er kein Bastard war, sondern einer der alteingesessenen Familien entstammte. Falathras stemmte sich gegen seinen eisernen Griff, aber er kam gegen Adunas‘ pure Stärke nicht an. Es war vergebens.

Ivrendre kam ihm in seiner Notlage zu Hilfe. „Lass Falathras los.“

Adunas schaute sie und Falathras abwechselnd an. Er ließ ab von Falathras und gesellte sich wieder zu seinen Kumpanen. „Das ist noch nicht vorbei, Falathras. Im Gegensatz zu euch bin ich nicht so dumm, mir unter den Augen von Vater Bermorn Ärger einzuhandeln.“

„Ich hoffe, dass dieser Mistkerl die Scheißerei kriegt“, knurrte Falathras und schleuderte Adunas eine beleidigende Geste entgegen.



Vater Bermorn berieselte seine Schüler mit dem Inhalt dicker und gänzlich sedierenden Folianten. Seine gänzlich uninteressanten Worte schwebten bleiern über der Klasse.
Falathras verspürte ein sanftes Pochen in seinem Kopf, das ihn dazu drängte, die Augen zu schließen. In diesem Raum gab es ohnehin nichts zu sehen. Mit Absicht hatten die Priester die Innenausstattung schlicht gehalten, damit nur der Blick für das Wesentliche übrigblieb.

„…und darum haben sich die Reformversuche der Nordhain-Kongregation als vergeblich erwiesen, denn an unserer heiligen Kirche des Lichts gibt es wegen ihrer immanenten Perfektion nichts zu verbessern.“

Falathras hatte nicht einmal die Hälfte von Bermorns Geschwafel verstanden, doch sein Zeigefinger ragte einsam und allein aus einem Meer der Unaufmerksamkeit. Er musste Vater Bermorn verneinen.

„Falathras Morgenglanz?“, nahm Bermorn ihn dran.

Falathras stand auf, seine Worte auf der Zunge wie im Kampf das Schwer in der Hand. „Ihr sagtet, dass die Reformen der Nordhainkongregation gescheitert seien. Alonsus Faol mag zwar von der Geißel erschlagen worden sein, aber sein Herzensprojekt, der Orden der silbernen Hand ist weiterhin aktiv.“

Falathras wusste, dass Bermorn keinen Widerspruch gewohnt war. Seine Autorität über die Initianden war geradezu titanisch. Trotzdem behielt Bermorn die Ruhe. Jahrzehnte der immergleichen Predigten konnten nicht in einem Augenblick zu Sand verwandelt werden.
„Die Zahlen unseres Priesterseminars sind wie üblich überwältigend, die Anzahl der Paladine hingegen nicht.“

„Bei allem Respekt, aber das wird sich mit der Zeit ändern, Vater Bermorn. Mehr und mehr Leute erkennen, dass sie dem Licht auch mit einer Waffe in der Hand dienen können. Leute, die vorher keinen zweiten Gedanken an das Licht verschwendet hätten. Einfache Soldaten, Kämpfer, Abenteurer. Man kann diesen Menschen doch nicht verwehren, damit Leben zu schützen. Das Licht lehrt uns, dass wir an uns glauben, auf uns vertrauen sollten und wenn wir unsere Kampffertigkeiten unterdrücken, vermindern wir auch unser wahres Selbst.“

Bermorn hielt zwei Finger erhoben. Als er sie nach unten klappte, war es, als ob er den Befehl zu einer Hinrichtung gegeben hätte. „Kämpfen ist töten. Paladine kämpfen. Paladine töten.“
Falathras wollte fortfahren, aber ihm wurde das Wort endgültig von Bermorn abgeschnitten. „Im Sinne dessen, was der Dienst am Licht für euch bedeutet, möchte ich von euch allen bis nächste Woche ein Traktat über die Behandlung der Orks in den Internierungslagern haben. Falathras, betrachte dich als verwarnt.“

Falathras‘ Blicke kreuzten sich mit denen Bermorns. Langsam setzte er sich wieder hin und verfiel in die gelangweilte Haltung eines Schülers, der von seinen Lehrern angeödet wird.
„Du hast Recht und das weißt du, egal, was dieser alte Knacker sagt“, flüsterte ihm Ivrendre zu.

Falathras nickte unmerklich. „Ich habe eben nur das ausgesprochen, was auch Uther Lichtbringer sagt.“

„Leider wird es noch dauern, bis sich diese Wahrheit durchsetzen wird. Wenigstens ist Vater Bermorns Unterricht bald vorbei“, sagte sie. Real mochte die Zeit tatsächlich so schnell vergehen, wie Ivrendre meinte, doch die Sande der Zeit verlaufen in der Wahrnehmung einiger langsamer als in denen von anderen. Während den letzten Ausläufern der Schulstunde schienen sie besonders langsam zu verlaufen. Nicht nur der Kopf von Falathras, sondern auch der von weiteren Schülern sackte mehr und mehr nach unten und sie versanken stetig unter ihren Tischen.

Als Bermorn schließlich die Mittagspause verkündete, realisierten die meisten es nicht sofort. Zu paralysierend waren seine Worte gewesen. Nur Ivrendre hatte die allgemeine Lethargie stoisch überstanden und sie rüttelte an Falathras‘ Schulter. „Komm, die Mittagspause darfst du nicht verpassen… Bist du überhaupt wach?“

Ivrendre holte schon zu einem etwas nachdrücklicheren Klaps aus, als Falathras wieder in die Wirklichkeit zurückfand. Er unterdrückte ein Gähnen. „Bin schon da… Endlich… Was wirst du zu Mittag essen?“

„Ich hätte heute Lust auf Salat.“

„Das trifft sich. Heute ist also Salat angesagt.“ Ivrendre zwinkerte Falathras zu.

Falathras hatte auch schon Tanalarn gewarnt. Im Gegensatz zu ihm war sein Bruder nicht so heikel und er hätte sich gewiss auch auf die Tomaten gestürzt. So konnte er sicher sein, dass diejenigen, denen er zugetan war, verschont wurden.



Das Internat befand sich in Aufruhr. Der Abort war durchgängig besetzt und der faulige Geruch von schlechtverdauten Tomaten drang hinter dem Türspalt hervor. Der Rest erleichterte sich, wo er konnte. In schattigen Ecken, die es in der Kathedrale so gut wie gar nicht gab, hinter hastig aufgezogenen Vorhängen und auf dem Rasen im Atrium entluden sich Kanonaden von Dünnflüssigem.

„Glaubst du, dass wir es etwas übertrieben haben könnten?“, fragte sich Falathras.

Ivrendre verschränkte ihre Arme. „Die Kräuterhexe hat doch gesagt, dass es noch stärkere Mittelchen gäbe.“

„Dann wird sich das hoffentlich schon wieder legen, solange niemand einen ganzen Sack voll Tomaten in sich reingestopft hat.“ Bis es so weit war, wurde Falathras von seinem Gewissen geplagt. Was, wenn einer wirklich zu viel gegessen hat?

Zu seiner Beruhigung erholten sich die Darmwindungen der Initianden. Die Tür des dauerbesetzten Aborts schwang auf, mit Vater Bermorn dahinter, der sich sein Priestergewand flachklopfte. Mit gerümpfter Nase trat er hervor und verkündete: „Das war keine normale Krankheit. Wir alle haben zur selben Zeit gelitten. Jemand hat uns alle vergiftet!“

Gemurmel rollte durch die Menge. Vermutungen wurden geäußert und denunzierende Finger gehoben.

„Niemand hat uns gesehen, also gibt es auch keine Schuldigen“, erinnerte Falathras Ivrendre an gestern.

„Genau. Aber wir sollten jetzt nicht darüber reden!“

Ein paar Leute wurden zur Seite geschoben. Adunas bahnte sich einen Weg durch die Umstehenden, geradewegs zu ihnen. Im Gegensatz zu der Mehrheit wirkte er frisch und ausgeruht. „Ich weiß, was ihr getan habt.“

Falathras versuchte, keine Schwäche zu zeigen. „Hä? Was denn?“

„Ich habe gesehen, wie ihr irgendetwas in die Tomaten reingemischt habt. Deshalb habe ich nicht von denen gegessen. Neben mir seid ihr die Einzigen, die sich nicht ihr Gedärm ausgekackt haben.“

„Naja…“, sagte Ivrendre langsam. „Wir würden generell keine Tomaten essen. Du weißt ja doch, dass wir keine Tomaten mögen.“

„Außerdem würde sich der Täter doch auch vergiften, um jeden Verdacht von sich abzulenken“, fügte Falathras hinzu.

Adunas wandte sich schon halb ab. „Mich legt ihr nicht rein. Ich rede mit Vater Bermorn.“

Er arbeitete sich zu dem Priester vor. Falathras wollte ihm schon nacheilen, aber Ivrendre hielt ihn zurück. „Das wäre ein Schuldeingeständnis!“, zischte sie. „Es ist besser, wenn wir stillhalten und ihnen keinen Grund geben, uns zu verdächtigen.“

Falathras nickte. „Aber es wäre schon klüger gewesen, wenn wir die Tomaten auch gegessen hätten, weil dann wäre Adunas der einzige Gesunde und wir könnten ihm die ganze Sache anhängen.“

„Ihr da! Kommt!“
Sie stellten sich dumm, als sie vor Vater Bermorn zitiert wurden.

„Ihr…“, begann Bermorn anklagend. „Initiand Adunas hat mir von euch berichtet. Besonders du“, er zeigte auf Falathras, „hast mir schon öfter Kopfschmerzen bereitet. Es wundert mich nicht, falls ihr die Ausgehsperre am Wochenende gebrochen und schlimmer noch, all eure Mit-Initianden vergiftet haben solltet.“

Adunas breitete sich während dieser Predigt mit selbstgefälligem Grinsen aus.
Tanalarn stand stumm und starr in der Menge. Er warf Falathras einen zweifelnden Blick zu.

Nein, es hat keinen Sinn, wenn er sich aufzuopfern versucht. Dann hängen wir halt zu dritt in der Falle und es hat niemandem genützt, dachte Falathras und hoffte, dass Tanalarn die Botschaft in seinem Blick verstand.

Bermorn beugte sich zu Falathras vor, sodass sein zwiebeliger Atem in der Luft lag. „Zu schade, dass ich deine Weihe nicht aufschieben kann, Falathras Morgenglanz. Das obliegt allein der silbernen Hand. Aber du hast eindeutig noch Lernbedarf.“

Wieder an alle gerichtet, sprach er weiter: „Etwas Demut täte euch gut. Du und deine Spießgesellin, ihr werdet für die nächsten zwei Wochen die Böden dieser Hallen säubern. Ihr sollt die Pein, die ihr euren Mitmenschen angetan habt, am eigenen Leib spüren. Ihr sollt nichts anderes riechen, außer dem Gestank, den ihr verschuldet habt. Ihr sollt jede Fuge und Ritze sauber schrubben, bis eure Finger wund sind. Und wenn ihr fertig seid, dann fangt noch einmal von vorne an!“

Tanalarn nickte vorsichtig und verschwand unter den Zuhörern. Falathras glaubte, dass er verstanden hatte.

Bermorns Blick schweifte zu Adunas. „Da du ebenfalls das geltende Gebot des Hausarrests gebrochen hast, wirst du dich ihrer Bestrafung anschließen.“

„Was? Die konnten doch nur durch meine Hilfe überführt werden!“, rief Adunas.

„Wäre deine Hilfe schon früher gekommen, hättest du vielen deiner Kameraden unnötiges Leid ersparen können. Stattdessen hast du bis jetzt gewartet, nur um die Wirksamkeit deiner Enthüllung zu verstärken. Du bist genauso schuldig wie der Rest und daher wirst du büßen müssen.“

Adunas kam gegen Bermorns Willen nicht an. „Ja, Vater Bermorn.“

Bermorn klatschte seine Hände zusammen. „Eins noch: „An den Wochenenden werdet ihr auch hierbleiben müssen. Nachdem ihr alle euch von zuhause fortgeschlichen habt, werdet ihr das Privileg der Rückkehr zu euren Familien verlieren. Natürlich werdet ihr auch dann weiterarbeiten und dafür sorgen, dass dieses Bauwerk so makellos wie unser Glaube ist.“
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